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Vater-Unser Teil 2 (2/4)

Vater-Unser Teil 2, Teil 2/4
18.03.2026
SERIE - Teil 2 / 4Vater-Unser Teil 2

Anliegen, persönlicher Einstieg und Grundgedanke

Ich brauche Zeit für andere Projekte und deshalb für euch eine aktuelle Predigt. Theologie, die dich im Glauben wachsen lässt. Nachfolge praktisch — dein geistlicher Impuls für den Tag.

Mein Name ist Jürgen Fischer und in meiner Predigt geht es um den zweiten Teil des Vaterunsers. Wenn ich meine Sünde bekenne, bin ich an dem Punkt angekommen, an dem ich auch anderen Menschen vergeben soll: „und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben.“

Das heißt, ich stehe vor Gott mit meiner Schuld und überlege, wo es Leute gibt, die an mir schuldig geworden sind. Vergebung heißt, die Schuld eines anderen Menschen an mir loszulassen und sie nicht mehr festzuhalten. Vergeben heißt auch, die Sache dem anderen nicht mehr vorzuhalten und nicht mehr nach Vergeltung zu suchen. Ich übergebe das Geschehene in der Vergebung Gott und entscheide mich dafür, dem anderen das nicht länger anzurechnen.

Jetzt die Frage: Wann soll ich das tun? Wir haben ja gerade gelesen, wann es gut ist, anderen Menschen zu vergeben. Ich würde sagen: so früh wie möglich.

Warum? Vergebung ist für dich. Du vergibst, weil, wenn du nicht vergibst, sich in deinem Leben Dinge wie Groll, Wut und Unbarmherzigkeit anstauen. Diese Dinge vergiften deine Beziehung zu Gott und zu anderen Menschen. Deswegen: vergib so früh wie möglich.

Der letzte Zeitpunkt, den du hast, an dem es wirklich noch gehen muss, ist der Moment, in dem du betest. Wenn du vor Gott stehst, darüber nachdenkst, was du falsch gemacht hast, und die Sache bekennst — das ist der Moment. Markus 11,25: „Und wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemand habt, damit auch euer Vater, der in den Himmeln ist, euch eure Übertretungen vergibt.“

Zeitpunkt und biblische Wegweisung

Das ist so ziemlich der letzte Moment. Dann müssen wir vergeben.

Jetzt stellt sich oft die Frage: Braucht Vergebung Reue beim anderen? Muss der andere also, bevor ich ihm vergebe, seine Schuld einsehen und Reue zeigen?

Zwei Antworten: Falls er das tut, vergib ihm.

 Lukas 17,3: „Habt Acht auf euch selbst: Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht.“ Da sündigt jemand, ich weise ihn zurecht und sage, du hast da etwas falsch gemacht. Wenn er es bereut, vergib ihm. Also: Wenn Reue da ist, sofort vergeben.

Antwort zwei: Falls keine Reue da ist, vergibt man trotzdem. Ein Beispiel dazu ist Apostelgeschichte 7,60. Das ist Stephanus, kurz bevor er im wahrsten Sinne des Wortes stirbt. Niederkniend rief er mit lauter Stimme: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu.“ Und als er dies gesagt hatte, entschlief er.

Die Leute, die gerade die Steine werfen, haben zu diesem Zeitpunkt noch keine Reue gezeigt. Es mag sein, dass einer von denen, die dabei waren, später Reue zeigte — davon gehe ich einfach mal aus —, aber hier hat noch keiner seine Schuld eingesehen.

Ein Beispiel des Vergebens und die unmittelbare Praxis

Da war noch keiner davon überzeugt, dass es ein Fehler war, die Steine zu schmeißen. Trotzdem kniete er nieder und rief mit lauter Stimme: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu.“

Das ist die Art und Weise, wie wir vergeben sollen. Wir haben unsere eigene Schuld, die wir bekennen. Und während wir unsere eigene Schuld bekennen, denken wir darüber nach: Sind andere Leute uns gegenüber schuldig geworden? Gibt es da noch ein Stück Groll in mir? Habe ich noch Bitterkeit? Haben Leute konkret böse Dinge gesagt, Gerüchte über mich verbreitet, schlecht mit mir umgegangen oder mich verletzt?

Da, wo ich meine eigene Sünde bekenne, ist der Moment, in dem ich die anderen auch freispreche.

Und wenn ich das so sage, möchte ich dieses Thema Vergebung mit vier Gedanken abschließen. Der erste Gedanke: Genau wie wir Sünde immer wieder bekennen, bis wir sie los sind — weil es ein Prozess ist, Sünde loszuwerden — genauso kann Vergebung ein Prozess sein.

Es kann sein, dass du eine Sache heute vergibst und morgen im Gebet bemerkst: Ich bin immer noch sauer oder ich bin wieder sauer geworden. Du hast es Gott übergeben, aber es ist doch irgendwie noch da.

Wenn du das erlebst, möchte ich dich bitten, es einfach wieder zu tun: Vergebung als Prozess, als etwas, das ich so lange praktiziere, bis die Vergebung auch emotional in meinem Herzen angekommen ist.

Abschließende Überlegungen: Wege, Schutz und seelische Verarbeitung

Ein zweiter wichtiger Punkt ist: Vergebung muss nicht zur Wiederherstellung einer Beziehung führen. Nur weil ich jemandem vergeben habe, heißt das nicht, dass ich mit ihm wieder bester Kumpel werde oder die Beziehung wieder suche.

Wenn ich weiß, dass der andere gefährlich ist und mir nicht guttut, werde ich ihm vergeben und trotzdem auf Abstand bleiben. Ich muss mich als Christ nicht selbst schädigen. Ich kann einfach sagen: Stopp, ich vergebe dir, aber ich lasse dich nicht mehr in mein Leben oder in das Leben meiner Familie hinein. Das ist nicht erforderlich.

Ein dritter Punkt ist: Wenn wir vergeben, ist die Schuld nicht automatisch getilgt. Wir haben die Sache eigentlich nur nach oben weitergereicht. Also übernimmt Gott die Rache. Ich finde diesen Spruch „Mein ist die Rache“ wichtig. Ich lasse den anderen los. Damit steht der andere aber weiterhin vor Gott. Ich habe die Sache quasi an die richtige Instanz abgegeben. Gott kümmert sich jetzt darum.

Und ganz ehrlich: Das, was Gott als Rächer mit einem Menschen tun kann, ist viel schlimmer, als das, was ich tun könnte. Jesus sagt einmal, wenn es in diesem Leben jemanden gäbe, vor dem man sich fürchten müsste, dann ist es der, der die Macht hat, die Seele in die Hölle zu werfen — und das ist Gott. Das heißt: Nur weil ich meine Sache Gott übergebe, bleibt der andere nicht ungestraft. Gott kümmert sich darum, und Gott wird als gerechter Richter mir Recht verschaffen.

Und dann gibt es einen vierten Punkt. Da hoffe ich, dass wir dieses Jahr noch eine schöne Reihe bekommen im Rahmen meines Podcasts. Ich habe eine Autorin angefragt, die ein Buch beziehungsweise ihre Masterarbeit über Rachepsalmen geschrieben hat. Sie wird uns im Herbst ein paar Lektionen einsprechen.

Ihr kennt ja im Alten Testament diese Rachepsalmen, in denen Leute sehr aggressiv gegenüber ihren Feinden sind — solche Texte wie „Zerschmettere ihre Kinder an den Felsen“ und dergleichen. Als Christ ist man da oft ein wenig peinlich berührt, wenn man solche Texte liest. Man fragt sich: Was soll ich denn damit anfangen? Ich soll doch meine Feinde lieben. Wie kann ich meinen Feinden dann die Pest an den Hals wünschen?

Die Antwort ist hier tatsächlich psychohygienisch. In der Traumatherapie stellt man fest, dass es wichtig ist, wenn Menschen schwerstes Unrecht erlitten haben, den in ihnen brodelnden, sehr negativen Gefühlen verbal Ausdruck zu geben. Wenn du schlimmstes Unrecht und böseste Grausamkeit erlebt hast, dann steckt in dir eine tiefe Sehnsucht nach Vergeltung. Diese Sehnsucht ist nachvollziehbar, weil das etwas richtig Böses war.

Was die Rachepsalmen uns zeigen, ist: Du darfst diese zutiefst grausamen Gedanken aussprechen — die Gedanken, in denen du deinem Feind das Allerschlimmste wünschst. Du darfst und sollst das vor Gott aussprechen. Dein Gebet ist der geschützte Raum, in dem du diese aggressiven Affekte benennen und damit das Trauma vor Gott bearbeiten darfst.

Das schützt dich einerseits davor, dass diese traumatischen Erfahrungen dich innerlich auffressen. Andererseits schützt es dich davor, irgendwann gewalttätig zu werden; der Raum des Gebets schenkt dir eine Möglichkeit der emotionalen Bewältigung, die frei ist von tatsächlicher Gewalt. Es sind nur Worte, und du kannst sie bei Gott abgeben.

Ich habe mit Menschen gesprochen, die in ihrer Vergangenheit sehr, sehr Schlimmes erlebt haben. Rachepsalmen sind nicht für den durchschnittlichen Christen. Wenn du jedoch aus einer Vergangenheit kommst, in der dir jemand nicht nur ein bisschen wehgetan, sondern dich schwer zerstört hat, dann kann ein Rachepsalm etwas sein, das dir hilft, um auf dem Weg der Vergebung einen Schritt voranzukommen.

Was könntest du jetzt tun? Denke darüber nach, welche Aspekte der Predigt für dich herausfordernd waren. Gibt es Dinge oder Einstellungen, die du ändern musst? Das war’s für heute.

Bete für die Geschwister deiner Gemeinde, dass sie die Wichtigkeit des Gebets erkennen und ihr Gebetsleben an Tiefe gewinnt. Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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