Serie•Teil 4 / 14Blessed - gesegnet, weil...
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Der Einstieg über zwei Denkweisen
Ich bin gespannt, ob heute die Idee hinter der Predigt rüberkommen kann und ihr am Ende sagen könnt: Oh ja, ich bin wirklich gesegnet.
Ich dachte, ich fange mal mit einem ersten Bild an, und zwar mit einem Bild vom Gehirn. Jeder Mensch hat ein Gehirn, und unser Gehirn ist zweigeteilt. Es gibt eine linke und eine rechte Hirnhälfte. Die beiden Hirnhälften teilen sich die Denkaufgaben: Links ist eher der Schwerpunkt für lineares Denken, Logik, Analysen, Mathematik und Regeln. Rechts geht es mehr um Zusammenhänge, Intuition, Kunst, Kreativität und Gefühle.
Letztes Mal hieß die Predigt: „Gesegnet, weil ich einen Maßstab habe.“ Ihr merkt sofort: Die Predigt vom letzten Mal war richtig für die linke Hirnhälfte. Ja, unsere linke Seite liebt Regeln und Normen. Sie beschäftigt sich gerne mit Gottes Geboten, mit Weisheit und mit dem, was ich letztes Mal No-Go-Area genannt habe. Da blüht sie auf, wenn sie sich damit beschäftigen darf.
Die rechte Hirnhälfte kann damit eher weniger anfangen. Aber natürlich, wenn ich davon rede, dass Gott uns segnet, dann segnet Gott nicht nur die eine Hälfte unseres Gehirns, sondern auch die andere, also auch die rechte.
Und um den Anteil unseres Menschseins, der mit Gefühlen zu tun hat, mit Ganzheitlichkeit zu tun hat, letztlich mit Beziehung – links hier das Ich, rechts das Wir – und bei Beziehung meine ich natürlich die Beziehung zu Gott, damit wollen wir uns heute beschäftigen.
Der Titel meiner Predigt lautet: Gesegnet, weil ich von Gott erkannt bin.
Wissen, Beziehung und die Grenze von Fakten
Wir leben in einer Gesellschaft, die absolut faktenverliebt ist. Und Gott zeigt uns auch in seinem Wort, wie wichtig es ist, dass wir inhaltlich etwas verstehen. Aber er zeigt uns eben auch, dass es nicht nur darum geht, inhaltlich etwas zu verstehen und Fakten zu sammeln, sondern auch erkannt zu sein.
Und ich will versuchen, den Unterschied einmal einfach zu fassen, im Blick auf mich. Es ist ein riesiger Unterschied, ob du etwas über mich weißt oder ob ich von dir erkannt bin. Wenn du etwas über mich weißt, also wenn du jetzt, sagen wir mal, Fakten über mich sammelst, du könntest auch ein Stickeralbum anlegen, ja, das wäre ein bisschen schräg, aber könnte man ja machen, so Fanklub-mäßig: Ich kenne Jesus und jetzt sammle ich Fakten, oder ich kenne Jürgen und ich sammle Fakten. Dann bringt dir das Wissen der Fakten über mich eigentlich nichts, solange nichts, bis ich dir meine Geschichte erzähle, solange nicht, bis ich dich in mein Herz schauen lasse, solange nicht, bis ich mich dir selbst zu erkennen gebe.
So lange kannst du Fakten sammeln, wie du willst, und trotzdem werden wir nie wirklich eine tiefe Beziehung haben. Und ich kann das schon vorwegnehmen: Die Qualität von Beziehung, die Qualität von Gemeinschaft, auch hier in der Gemeinde, hängt daran, dass wir uns einander zu erkennen geben.
Jeder von uns braucht Menschen, die tief in ihn hineinblicken. Und die meisten von uns werden sich ziemlich anstrengen, damit das nie passiert. Aber wenn wir ehrlich wären, dann würden wir zugeben, dass wir uns das wünschen. Dass jeder von uns sich Menschen wünscht, die einen verstehen, die einem Vergebung zusprechen, einen ermutigen.
Und es gibt da noch so einen Punkt, der mir im Lauf meiner Biografie deutlich geworden ist: In dem Maß, wie ich erkannt wurde, wie es andere Menschen gibt, die meine Geschichte kennen, in dem Maß erkenne ich mein eigenes Herz, erkenne ich mich selbst. Und das ist der Weg, auf dem eigentlich Veränderung stattfindet.
Veränderung hat nicht nur damit zu tun, dass ich weiß, was gut ist, oder dass ich weiß, was Gott will, was in der Bibel steht. In meinem Leben ändert sich, glaube ich, relativ wenig dadurch, allein dadurch, dass ich Bibelferse auswendig lerne. Und Bibelferse sind mein Hobby, also ich werde die jetzt nicht dissen, keine Sorge, ich werde immer dafür sein, dass man Bibelferse auswendig lernt.
Aber ich merke das halt: Man lernt irgendwie einen Bibelvers auswendig, wiederholt ihn jahrelang, und dann macht es mit einem Mal bang! Und dann steht der Vers da so, als hätte man ihn das erste Mal gelesen. Und dann sagen Leute: Ha, der Vers ist vom Hirn ins Herz gerutscht. Und ich würde jetzt halt eher formulieren: Na ja, er ist vielleicht einfach von der linken in die rechte Hirnhälfte gewandert. Da ist etwas integriert worden, da ist etwas, was ich formal hier drüben schon verstanden hatte, jetzt hier auf der anderen Seite angekommen.
Und mit einem Mal merke ich, dass diese Fakten, die ich da habe, etwas mit meinem Leben zu tun haben und mit Beziehungen zu tun haben. Das finde ich total spannend. Das ist auch das Thema Transformation, das machen wir heute nicht, aber auch das spielt eine Rolle.
Paulus, Erkenntnis und der Gott, der mehr will
Ich möchte heute einen Vers ins Zentrum dieser Predigt stellen, der das Verhältnis von Liebe und Beziehung zueinander beleuchtet: 1. Korinther 8.
Das ist wahrscheinlich so ein Vers, den man nicht allzu oft betrachtet. Da heißt es: Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, so hat er noch nicht erkannt, wie man erkennen soll. Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.
Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, so hat er noch nicht erkannt, wie man erkennen soll. Das ist so typisch Paulus, oder? Man liest es und sagt sich: Hm, schön, dass ich es gelesen habe.
Ich versuche es mal mit meinen Worten: Wenn jemand Wissen erwirbt und sich dann nur darüber freut, wie viel er weiß, dann hat er eigentlich noch nicht verstanden, wozu Erkenntnis da ist.
Und Achtung: Erkenntnis, Bibelwissen, Weisheit – das ist alles ganz wertvoll. Immer schön an eure linke Hirnhälfte denken, die freut sich darüber, die will auch etwas zu tun haben. Nur bitte an dieser Stelle nicht stehenbleiben.
Und das tun wir gern. Wir lieben es, wenn sich unser Leben darum dreht, was wir verstanden haben. Und ich kann euch auch sagen, warum wir das tun, warum wir das mögen: Dinge zu wissen macht uns einfach an. Es vermittelt uns die Illusion, sicher zu sein, die Illusion, Dinge im Griff zu haben.
Aber das ist natürlich völliger Quatsch. Kennt ihr diese Frage, die man manchmal hört: Warum konnte Gott das zulassen? Wisst ihr eigentlich, was hinter dieser Frage steckt? Dahinter steckt der gescheiterte Versuch, Gott zu verstehen.
Würden wir den Gott der Bibel verstehen, wie er sich uns offenbart – und er erzählt uns ja seine Geschichte, damit wir ihn erkennen, dazu später noch einmal ein bisschen mehr –, also wenn wir Gott wirklich erkennen würden, wie er wirklich ist, dann würden wir zugeben, dass er ein Gott ist, der gerne mal Risiken eingeht. Dass er ein geheimnisvoller Gott ist, den ich tatsächlich nicht ganz verstehen und nicht ganz zähmen und nicht manipulieren kann. Dass es eigentlich ein Gott ist, der bereit ist, seinen Sohn zu opfern für mich. Und darf ich das mal so ehrlich sagen: der bereit ist, mich zu opfern für seine Sache. Das ist der Gott, mit dem ich es zu tun habe.
Die Frage ist nur, ob ich mich auf diesen Gott einlassen möchte. Wenn wir uns nämlich damit zufriedengeben, Gott einfach nur zu klassifizieren, ihm Eigenschaften zuzuschreiben, am besten die Eigenschaften, die uns angenehm erscheinen – ja, Gott ist immer gütig und liebevoll und langmütig und herzlich, all die Nettigkeiten –, wenn wir das tun, wenn uns das reicht bei Gott, egal wie sehr wir uns daran freuen, egal wie viele Lieder wir ihm dazu singen, egal wie oft wir im Hauskreis über ihn reden, egal wie oft wir in der Bibel lesen: Solange wir uns im Wesentlichen an Gott freuen, weil wir etwas über Gott wissen, so lange haben wir noch nicht verstanden, worauf es eigentlich ankommt.
Manch einer wird jetzt denken: Wie, es gibt mehr als Wissen über Gott? Ja, das ist ja der Punkt heute. Ja, das hatten wir letztes Mal.
Gott erzählt seine Geschichte
Gott will mehr, als unsere linke Hirnhälfte mit Informationen zu füttern, und seien es Informationen über ihn. Er will, wie heißt es hier: Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt. Also: Wenn jemand Gott liebt, wenn jemand in einer Beziehung mit Gott sein darf, dann ist das nicht die Folge meines Wissens über Gott.
Egal, wie viel Wissen ich über Gott habe, es stiftet keine Beziehung. Beziehung, Gott lieben dürfen, hat damit zu tun, dass Gott mich erkannt hat. Das ist ein Fakt. Gott hat mich durchschaut, Gott kennt mich in- und auswendig, er weiß, wen er vor sich hat, Gott weiß, zu wem er Ja gesagt hat.
Und jetzt kommt die eine wichtige Frage für diese Predigt: Was für eine Beziehung zu Gott möchtest du? Willst du eine, die auf Fakten beruht? Das ist eine Beziehung, die sich hauptsächlich um die richtige Theologie dreht, hauptsächlich darum, wie man sich richtig verhält, hauptsächlich darum, das eigene Denken über Gott zu verteidigen.
Willst du so eine Beziehung? Und Achtung: Hey, ich bin total für Orthodoxie, ich bin total für Gehorsam, ich bin total für geistliches Know-how. Ich möchte der Letzte sein, der diese Dinge geringschätzt. Ein Hurra auf die linke Hirnhälfte. Aber die Frage ist: Reicht das, um eine Beziehung mit Gott zu haben, die mich tatsächlich verändert? Und die Antwort lautet wahrscheinlich: Jein.
Veränderung ist schon irgendwie möglich, aber eine tiefe, eine leidenschaftliche, eine vertrauensvolle Beziehung mit Gott, eine Beziehung zu Gott, die mich so sehr berührt, dass sie mich in die Einsamkeit ruft, dahin ruft, wo ich mit Gott so allein sein kann, weil er mein Ein und Alles geworden ist, dass ich nur noch ihn haben möchte, dass ich sagen möchte: Ich brauche jetzt mal niemanden, ich muss jetzt einfach mal Gott genießen. Meine Seele verzehrt sich nach dieser Qualität von Beziehung.
Für eine solche Beziehung taugt es nicht. Solange ich mir selbst nicht erlaube, von Gott erkannt zu werden, so lange bleibe ich allein. Und ich will niemandem seinen Glauben absprechen. Aber ich wünsche dir, dass du nicht nur weißt, dass Gott dich erkannt hat, sondern dass du dir selbst erlaubst, von Gott erkannt zu sein.
Jetzt mal mit den Bildern der Gehirnhälfte: Gib deiner rechten Hälfte mal ein bisschen was zu tun. Was heißt das jetzt, wenn ich mir erlaube, Christsein ein bisschen breiter zu definieren? Wenn es nicht nur darum geht, die richtigen Fakten zu kennen, die richtigen geistlichen oder die besten geistlichen Übungen zu kombinieren, sondern wenn es wirklich darum gehen würde, mein Innerstes Gott zu öffnen.
Er erkennt mich, weil er Gott ist. Aber ich werde seine Liebe erst dann erfahren – jetzt kommt eben die rechte Hirnhälfte, jetzt mal nicht Fakten, jetzt geht es mal um Dinge wie Intuition, berührt werden, sich angenommen wissen, Gemeinschaft erleben –, ich werde seine Liebe erst dann erfahren, wenn ich mich ihm zu erkennen gebe, wenn ich Gott in mein Leben einlade, um mit ihm all die Bereiche meines Lebens zu betrachten, die mir Angst machen, die in mir Scham und Schuld zum Vorschein bringen.
Die Bibel als erzählte Geschichte Gottes
Ich habe mir die Frage gestellt: Wenn Gott so ein Beziehungsgott ist, wie hat er sich uns eigentlich zu erkennen gegeben? Und die Antwort lautet ganz simpel: Er hat uns seine Geschichte erzählt.
Hast du dich mal gefragt, warum die Bibel so dick ist? Also, ich frage mich das öfter. Hast du dir mal die Frage gestellt, warum die Bibel nicht wie ein Gesetzbuch nach Themen geordnet ist, mit Paragraphen, Absätzen und Sätzen? Das wäre doch total easy, hätte doch auch was.
Ich habe lange Zeit gedacht: Na ja, eigentlich brauche ich doch zum Leben nur die Zehn Gebote, so in einer Extended Version, Director’s Cut, mit einer Vorrede, mit einem ordentlichen Inhaltsverzeichnis und hinten dann noch einmal zum Nachschlagen so ein Sachregister dran. Das wäre super. Und Gott macht das ganz anders.
Gott gibt uns, obwohl er heilig ist, obwohl Gehorsam seine Liebessprache ist, obwohl er Ungerechtigkeit in jeder Form hasst, kein Gesetzbuch. Stattdessen erzählt er uns seine Geschichte. Das ist die Bibel: die Geschichte Gottes, sein Erleben mit uns Menschen. Wie er alles erschaffen hat, um dann zu erleben, wie alles kaputtgeht. Wie er barmherzig und gnädig immer wieder wartet, immer wieder enttäuscht wird, dann irgendwann heiligend und strafend Dinge wieder zurechtbringen muss. Man merkt förmlich, dass er gar nicht so richtig Lust darauf hat. Aber dann ist es irgendwann so weit, dass Gott neues Vertrauen in Menschen wagt. Schließlich nimmt er die Schuld auf sich.
Er erzählt mir eine Geschichte. Gott erzählt mir seine Geschichte.
Warum? Damit ich mich dann hinsetze und aus der Bibel möglichst alle Gebote herausziehe? Das kannst du machen, das ist nicht verkehrt. Systematische Theologie freut sich darüber. Linke Hirnhälfte. Aber wäre auf der rechten Seite auch noch etwas zu wollen? Das ist die Frage.
Und ich glaube, Gott erzählt mir seine Geschichte, damit ich ihn erkenne, nicht allein dafür, dass ich eine Sammlung von Eigenschaften Gottes aufstelle. Kann man machen, das ist für die Anbetung wertvoll. Aber ich glaube, dass Gott mehr möchte. Er will mir sein Herz mitteilen, seine Leidenschaft, sein Nein zur Sünde, sein Ja zum Menschen.
Diese Spannung: unendliche Liebe, unendliche Heiligkeit. Wie er sich in seiner Souveränität zurücknimmt, um Raum zu schaffen für echte Freiheit, eine Freiheit, in der der Mensch ihm wirklich begegnen kann. Wie er sich wünscht, mein Herz für seine Liebe zu gewinnen. Wie er sich gleichzeitig nicht nur mich wünscht, sondern eine Gemeinschaft von Gläubigen, die ihn anbeten. Und wie genau dieser Wunsch durch die ganze Bibel hindurch immer wieder enttäuscht wird.
Gott erzählt mir seine Geschichte, damit ich sein Herz kennenlerne. Und ganz nebenbei bekomme ich all das mitgeteilt, was ich zum Leben brauche. Ja, das ist auch mit drin. Das ist für mich der Grund.
Wenn du mich fragst, warum ist die Bibel so, wie sie ist? Ich glaube, es ist die einzige Art, wie eine Person einer anderen Person mitteilen kann, wer sie ist. Ich muss eine Geschichte erzählt bekommen.
Sich Gott mit der eigenen Geschichte öffnen
Was heißt es für uns, dass wir uns Gott zu erkennen geben, wenn das die Art ist, wie Gott sich uns zu erkennen gegeben hat? Was heißt das im Umkehrschluss, wenn ich sage, ich möchte, dass Gott mich erkennt?
Und das ist so simpel, ich weiß nicht, das ist ja schon banal, aber die Antwort lautet: Ich muss mich trauen, Gott meine Geschichte zu erzählen, Kapitel für Kapitel. Auch die Seiten, die verklebt sind, weil ich mir eigentlich dachte, damit möchte ich nie wieder konfrontiert werden.
Nach dem Sündenfall verstecken sich Adam und Eva, und Gott ruft dann dem Menschen zu: Wo bist du? Natürlich weiß Gott, wo sie sind, aber trotzdem diese Frage: Wo bist du? Und für mich zieht sich diese Frage tatsächlich durch die ganze Bibel bis in mein Leben hinein. Gott sucht mich. Er sucht nicht zuerst die richtigen Antworten, er sucht mein Herz. Und er sucht es nicht, weil er das bräuchte, sondern er sucht es, weil ich das brauche.
Gott hat mich schon erkannt. Aber erst wenn ich mich ihm zu erkennen gebe, wenn ich ihm von meinen Ängsten, von meinen Verletzungen, von meiner Scham, meiner Schuld, meinen Zweifeln, meinem Versagen erzähle, von dem, was ich getan habe, oder von dem, was mir angetan wurde, in dem Maß, in dem ich mich ihm zu erkennen gebe, in dem Maß werde ich Gott erkennen. Und bitte, das ist nicht dort drüben, das ist hier.
Der Titel der Predigt: Gesegnet, weil ich von Gott erkannt bin. Gesegnet, weil ich mich nicht länger verstecken muss. Ich darf Gott meine Geschichte erzählen. Ich darf mit ihm weinen. Ich darf ihm alles aufdecken, was je mein Leben belastet hat. Und indem ich das tue, darf ich erleben, wie er seinen Trost und seine Vergebung und meinen Frieden, jetzt sage ich mal, in meine Vergangenheit fließen lässt.
Wo ich mich Gott zu erkennen gebe, da werde ich heil. Da finde ich Frieden, Vergebung, Trost. Ehrlich gesagt: nicht über Nacht. Manche Dinge, die Jahre und Jahrzehnte gewachsen sind, brauchen Jahre und Jahrzehnte, um wirklich wieder heil zu werden.
Dasselbe erlebt man auch, dass Gott sehr tief trösten kann, es aber dann noch einige Jahre braucht, bis dieser Trost sich auswächst und bis dann quasi ein neues Leben entstehen kann. Das ist wie wenn man Unkraut jätet: Das ist dann weg, aber da ist erst einmal nur toter Boden. Und da muss man neu säen. Dann kann man zuschauen, und das braucht dann eine Weile, bis an der Stelle wieder etwas Neues gewachsen ist. Aber das ist das, was Gott möchte. Es geht nicht über Nacht.
Es gab in meinem Leben eine Zeit, als Gott mir Mut gemacht hat, ihm die Geschichte meiner Kindheit zu erzählen. Inklusive meiner Ängste, inklusive meiner nie erfüllten Sehnsüchte. Kannst du dir das vorstellen? Du stapfst durch den Wald und du stellst dir die Frage: Was hätte ich mir eigentlich von meinem Vater mit zwölf Jahren gewünscht? Und du gibst es ehrlich zu und sagst: Ich hätte mir Förderung gewünscht, ich hätte mir Zuneigung gewünscht. Und du erzählst das Gott immer wieder. Und du nimmst dir die Zeit, die es braucht, diese Dinge mit Gott zu besprechen. Manchmal wütend, weinend. Bei mir ist es immer der Spandauer Forst, der das abkriegt, wo man dann da durchstapft, wo ich dann immer hoffe, dass keiner mich in dem Moment sieht, weil das wäre eine etwas schräge Erfahrung der besonderen Art für andere Leute.
Und jetzt kommt es: Ich bringe das vor Gott nicht, bis ich eine Erklärung habe. Also, Entschuldigung, wieder ist es so, die linke Hirnhälfte geht leer aus. Leben wird auch durch Gebet nicht logisch, muss man mal sagen. Sondern ich habe das getan, und jetzt steht hier mein Skript: bis ich Gott hatte. Eigentlich wollte ich an der Stelle erst schreiben: bis ich bei Gott zur Ruhe gekommen bin. Das hätte auch gestimmt, aber es war mehr.
Wenn ich Gott meine Geschichte erzähle, sie mit ihm durchleide, wie er mir in der Bibel die Chance gibt, seine Geschichte mit ihm durchzuleiden, dann entsteht eine ganz, ganz tiefe Verbundenheit. Dann entsteht Gemeinschaft im eigentlichen Sinn. Ich habe Gott meine Geschichte erzählt, und mit den Tränen kam das Wissen, dass er immer da war.
Ja, woher kommt denn das? Keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Ich habe heute Morgen die gleiche Geschichte von jemand anderem erzählt bekommen, gleich kaputter Hintergrund. Ja, der meinte auch: Ja, und irgendwann ist mir einfach klar geworden, Gott war immer da.
Und so ist es bei mir auch. Du stapfst und heulst, und irgendwann wusste ich einfach, dass ich ihm nie egal war, dass er unsichtbar immer an meiner Seite war, dass er, entschuldigt das Wort, das dürfte er in der Schule nicht so verwenden, aber es passt an der Stelle, dass er meine Kindheit genauso scheiße fand wie ich. Dass er immer der Gott war, der mich gesehen hat, der mich wollte, der mich aus dem Dreck dieser Welt in seine herrliche Zukunft geführt hat. Das hat er mir gezeigt. Er hat mir gezeigt, wie er mit mir war, wie er mit mir gelitten hat.
Das ist etwas, wo ich nur sagen kann: Boah, von Gott erkannt zu sein. Zu wissen, dass ich nichts vor ihm verstecke, sondern alles vor ihm ausbreite, das ist so der Hammer!
Gegenwart, Gebet und die offene Einladung Gottes
Und was für die Vergangenheit gilt, das gilt natürlich auch für die Gegenwart. Also, ich höre, ich weiß nicht, was du hörst, aber ich höre jeden Tag Gott rufen: Sag mal, wo bist du? Ich höre dieses Rufen: Jürgen, wo bist du? Und ich darf jeden Tag darauf antworten. Ich darf jeden Tag sagen: Hier bin ich, Gott. Und darf ich dir heute sagen, wie es mir geht? Weil das und das ist wieder passiert, und das verstehe ich nicht, und da ist wieder das. Darf ich dir heute mein Herz ausschütten?
Und wisst ihr, das Geniale bei unserem Gott ist: Er wird nie sagen: Nee, heute sind nur die Frauen dran, du kommst morgen wieder dran. Das könnten wir uns ja vorstellen. Gott hätte so viele Gründe zu sagen: Nee, das will ich nicht mehr hören, das hast du mir bestimmt schon dreißig Mal erzählt, aber ganz ehrlich, jetzt ist mal gut. Das macht Gott nicht. Dieses Wo bist du? Und du fühlst förmlich, wie du hinter dem Baum stehst und denkst: Darf ich das Gott noch mal bringen? Aber ich bin von Gott erkannt, er kennt mich doch schon. Ja, und ich darf jetzt dieses von Gott erkannt sein ummünzen in ein Ich gebe mich Gott zu erkennen. Ich darf ihm mein Herz ausschütten, und Gott wird mich immer wieder einladen.
Der Gott, der sein Herz offenbart hat und der mich kennt, der erlaubt mir, dass ich ihm mein Herz hinlege. Also, wenn du jetzt nicht sagst Halleluja, wenn dich das nicht irgendwie ein bisschen berührt, und ihr dürft ja alle ein bisschen weniger empathisch sein als ich an der Stelle, vielleicht seid ihr einfach ein bisschen Emokrüppel, ja, kann sein, aber ändert mal ganz ehrlich: Du darfst mit Gott über diese Dinge reden? Versteht ihr, da fehlen mir förmlich die Worte, das ist doch irre! Jeden Tag: Wo bist du, Jürgen? Hast du irgendwas, was auf dir im Herzen liegt? Magst du das mit mir teilen? Ich bin da, ich bin der Gott, der dich sieht, ich bin der Gott, der dich liebt. Ich bin ein echter Emanuel.
Das ist nicht nur so ein Titel, den man mir gibt, ja, immer an Weihnachten wird der rausgekramt, ja, und dann wird er wieder in die Box gepackt, so wie irgendwo direkt neben den Kerzen und den Christbaumkugeln, ja, da ist dann noch der Emanuel-Titel, und dann nächstes Jahr gibt es das wieder. Ich bin da: Gott mit uns. Ich finde das absolut Hammer. Der Gott, der sein Herz offenbart hat und der mich kennt, der erlaubt mir, dass ich ihm mein Herz hinlege.
Es gibt wenig Dinge in dieser Welt, die mich so sehr faszinieren. Vielleicht, weil ich in meinem Leben nichts kennengelernt habe, worin mehr Veränderungspotenzial steckt. Es ist förmlich der Kanal, durch den Liebe und Vergebung und Frieden und Kraft und alles Gute fließt, was Gott für mich hat. Und ich darf das jeden Tag tun. Warum? Weil er mich längst erkannt hat. Er weiß, wer ich bin, er freut sich an mir, er will doch, dass ich mich auch an ihm freuen kann. Und das ist der Hammer: gesegnet, weil ich von Gott erkannt bin.
Von der Gottesbeziehung zur Gemeinschaft untereinander
Jetzt möchte ich zu einem abschließenden Gedanken kommen. Eigentlich ist das, was ich jetzt hier mache, ein Unding. Das macht man nicht, okay? In jeder Predigtschulung sagt man den Leuten: Mach ein Thema. Bring das Thema zum Schluss. Und auch wenn du ganz tolle Gedanken hast, lass sie raus. Mach lieber eine eigene Predigt darüber. Das mache ich nicht.
Ich bringe einen abschließenden Gedanken, der kein abschließender, sondern eigentlich ein neuer Gedanke ist. Und zwar: Wenn das stimmt, lasst euch aus diesem Gedanken noch einen mitgeben, wenn das stimmt, dass Gottes Frieden, seine Vergebung und sein Trost, letztlich seine Liebe, in dem Maß in mein Leben hineinfließt, wie ich aufhöre, mich zu verstecken, gilt das dann auch für die Beziehung zum Menschen?
Ich habe in meinem Leben Hunderte von guten Predigten gehört. Ich höre unglaublich gern Predigten, auch so ein bisschen freakigere Sachen, wo andere Leute sagen: Du kannst dir das geben. Ja, ich mag Predigten, weil ich mag es, angeregt zu werden, weiterzudenken. Es ist nicht immer so, dass die Themen, die wir hier im Gottesdienst haben, die sind, die mich gerade interessieren. Also höre ich auch über den Gottesdienst hinaus: Gib mir neue Predigten.
Aber keiner hat mich so getroffen wie die eine Predigt, in der der Prediger folgende Frage stellte. Und ich weiß heute noch, wo ich im Auto saß und das hörte. Die Frage ging so: In deiner Kindheit, wofür hast du dich da eigentlich am meisten geschämt? Und hast du mit deiner Frau darüber geredet?
Nein, hatte ich nicht. Darüber wollte ich mit niemandem mehr reden. Wirklich mit niemandem, auch nicht mit meiner Frau. Das war eine Sache, wo ich mir persönlich vorgenommen habe: Die nehme ich mit ins Grab. Die überspiele ich. Die gebe ich von mir selber nur bedingt zu. Aber das mache ich nicht.
Ich weiß nicht, ob die Frage irgendetwas bei dir auslöst. Ich saß im Auto, und ich war wirklich für einen kurzen Moment: bam! Das war einfach so, als würde jemand die Bucket Challenge, kennen Sie die Bucket Challenge? Du hast so einen Eimer mit Wasser, und dann kommt da Eis rein, und das schüttet man über sich drüber. Das ist die Ice Bucket Challenge, ja? Das war wirklich so in dem Moment, als würde jemand ungefragt das mit mir in meinem Auto machen. Einmal so einen Eimer Eiswasser mit Eis über mich ausgießen.
Ich dachte: Boah, was für eine Frage! Wofür hast du dich in deiner Kindheit am meisten geschämt? Und du denkst dir: Boah, da werde ich nie wieder drüber nachdenken. Und dann die Frage: Hast du mit deiner Frau darüber geredet? Nee. Und nun habe ich das gemacht. Und es war sehr gut. Sehr gut. Weil meine Frau mir in der Sache ihren Segen zugesprochen hat, weil sie sich auf meine Seite gestellt hat und weil sie mit ihrem Verständnis meine Scham zugedeckt hat.
So, das ist jetzt ein drastischer Fall, wie Gemeinschaft vertieft wird. Wenn einer bereit ist, seine Geschichte zu erzählen, vor allem vielleicht die Teile seiner Geschichte, die ihm peinlich sind, für die er sich schämt, oder wenn er daran denkt, wo er merkt: Jetzt fängt hier was irgendwie zu klopfen an, und du merkst, ich kann da gar nicht dran denken, ohne dass in mir Dinge abgehen. Da lieber nicht mehr drüber nachdenken.
Wer Gott liebt, der ist von ihm erkannt. Kann es sein, dass auch gilt: Wer seine Geschwister liebt, der ist von seinen Geschwistern erkannt? Die Frage hat mich in der letzten Woche getroffen. Kann es sein, dass wir einander nur in dem Maß wirklich lieben können, wie wir bereit sind, uns einander unsere Geschichten zu erzählen?
Jürgen, wenn ich das tun würde, dann würde ich mich verletzlich machen. Ja, das ist so. Ich kann das nicht durchstreichen. Ich kann das nicht durchstreichen, stimmt. Und deswegen ist es auch so viel leichter und sicherer, wenn wir unsere Geschichte für uns behalten.
Wisst ihr, es ist für uns schon ein Riesenschritt, unsere Geschichte mit Gott zu besprechen. Aber jetzt habe ich da jemanden in der Gemeinde, und jetzt fragt er mich: Wie geht es dir denn? Und mit einem Mal fragst du ihn: Willst du das wirklich wissen? Hast du ein, zwei Stunden Zeit? Ich erzähle dir meine Geschichte. Ich erzähle dir ein bisschen was. Ich erzähle dir das, was ich von meiner Geschichte schon verstanden habe. Das ist ja nicht alles. Und vielleicht kannst du mir ein paar Hinweise über mich selber geben, die ich noch nicht verstehe.
Stell dir vor, wie eine Gemeinschaft wäre, wo man statt Fakten über Menschen zu sammeln, statt sie in Schubladen zu stecken, und das ist so leicht, wenn man hinginge und sagt: Erzähl mir mal deine Geschichte. Du bist so ein schräger Vogel. Gibt es das auch weiblich, Vogelin, keine Ahnung. Du bist ein bisschen schräg. Kannst du mir deine Geschichte mal erzählen?
Und stellt euch vor, wir würden die Geschichte hören, und am Ende würden wir nicht nur lachen: Wow, wie schräg, sondern: Wow, bei der Geschichte, nur so ein bisschen schräg, super, da hat Gott richtig viel geschafft. Das ist ja das.
Wir sehen den anderen, aber wir kennen seine Geschichte nicht. Und ganz ehrlich, ich glaube, wir haben auch kein Interesse daran. Und ich glaube, solange wir die Geschichte nicht kennen wollen, uns nur damit zufrieden geben, Menschen in Schubladen zu stecken und sie zu richten, so lange wird Liebe und Gemeinschaft nicht wachsen.
Der praktische Ruf an die Gemeinde
Und deswegen, auf der einen Seite: Ihr merkt, das ist ein zweites Thema, darüber könnte man eine eigene Predigt halten. Das mache ich aber nicht. Ich will euch den Gedanken mitgeben: Wir leben, weil wir von Gott erkannt sind. Und in dem Maß, wie wir uns ihm zu erkennen geben, werden wir mehr von Gott erleben, mehr von Gott erfahren, mehr in der Beziehung mit Gott reifen. Wir werden heil werden.
Und jetzt ist die Frage: Wenn das stimmt, wenn das Beziehung ist, bist du bereit, in dieser Gemeinde die Geschichten der anderen anzuhören, weil du sagst: Ich möchte lernen, sie zu lieben? Und bist du bereit, ich glaube, das machst du nächsten Sonntag, ich bin mir nicht ganz sicher, ob du bei dem Thema geblieben bist, was du mir gesagt hast, aber bist du bereit, den anderen aus der Schublade springen zu lassen, in die du ihn reingesteckt hast, weil du seine Geschichte kennst und weil du mit einem Mal merkst: Boah, da ist so viel mehr. Was es in dem anderen gibt, was es zu kennen, zu erkennen, zu bewundern, zu lieben gibt, da bleibt für das, was mich stört, eigentlich gar nichts mehr übrig.
Das ist so der Punkt. Mach mir eine Freude: Wenn du das nächste Mal vor jemandem stehst, den du nicht verstehst oder der dich verletzt, frag dich doch diese eine Frage: Kenne ich eigentlich seine Geschichte? Und kennt er meine? Das fände ich total schön. Es wäre eine Gemeinde, wo ich gern unterwegs wäre.
Und ich selber habe mir vorgenommen, ich habe damit schon angefangen, meine Geschichte jetzt öfter zu erzählen. Ich werde den einen oder anderen peu à peu in Dinge hineinschauen lassen, wo er sagt: Okay, wenn du das bist ... Also, seid nicht erschrocken, wenn ich da ein bisschen mehr mache. Aber ich mache es nicht, um mich in den Mittelpunkt zu stellen, sondern um einfach zu sagen: Wir müssen das tun. Erzähl mir deine Geschichte.
Und wenn ich Zeit habe, ich habe jetzt wieder ein bisschen mehr Zeit, werde ich den einen oder anderen fragen: Hast du Lust, mal vorbeizukommen, mir deine Geschichte zu erzählen? Ich werde zuhören. Ich will wissen, wer du bist, weil nur dann kann ich dich lieben. Amen.
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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