Einleitung
Ein Arzt erzählt: Vor der Tür stand der Seppli aus der Bachwies. Er
habe mit seinem Bruder auf dem Heustock gespielt. Und dann habe ihn
sein Bruder vom Heustock zur Tenne hinuntergestossen. Die Untersuchung
ergab, dass ein beträchtlicher Teil der Kopfhaut abgerissen war. Das
ergab eine schwierige Operation. Mit etwa zwanzig Haften musste die
abgerissene Kopfhaut wieder an ihrem alten Platz befestigt werden. Der
kleine Seppli verhielt sich während der über eine Stunde dauernden
Prozedur mäuschenstill. Kein Zappeln und kein Wehklagen. Endlich war es
geschafft. Als er dann in seinem dicken Verband weggehen wollte, gab
ihm meine Mutter eine Tafel Schokolade als Belohnung für das
Stillehalten. Sie riet ihm, sie auf dem Heimweg zu essen. Aber der
sagte: Nur die Hälfte, die andre bringe ich meinem Bruder Andreas."
Aber der Andreas habe ihn doch zur Tenne hinuntergestossen! Da blitzten
die Augen des Seppli unter dem Verband: "Er ist doch mein Bruder!"[1]
Geschwister haben eben eine besondere Beziehung zueinander. Einerseits
können sie sich streiten, auf der anderen Seite halten sie fest zusammen.
Was sie verbindet ist die Familie, in der sie aufwachsen.
Das Bild der Familie wird in der Bibel wie selbstverständlich auf die
Gemeinschaft der Christen angewendet. Jeder Mensch, der durch den Glauben
an Jesus Christus, seine Schuld vergeben bekommen hat und erlöst wurde,
der ist von diesem Moment ein Kind Gottes geworden. Er wurde somit in die
Familie Gottes hineingeboren. Jeder gehört zu dieser Familie, wenn er
Jesus liebt und ihm nachfolgt. Ob uns dieser Mensch nun sympathisch ist
oder nicht, tut nichts zur Sache. Durch den Glauben an Jesus gehören wir
zusammen. Schliesslich verstehen wir uns auch nicht mit allen unseren
Familienmitgliedern gleich gut.
Folgerichtig werden die Christen als Geschwister angesprochen – Brüder und
Schwestern im Herrn Jesus.
Christen fielen schon früh durch diese besondere Zusammengehörigkeit auf.
Schon immer konnte man bei Christen beobachten, wie schnell sie sich
vertraut fühlten. Ein rücksichtsloser Kritiker der Christen, der anfangs
des 2. Jhd. die Christen verhöhnte, meinte:
An geheimen Zeichen und Merkmalen erkennen sie einander und lieben
sich schon, fast ehe sie sich noch kennen."[2]
Das war für ihn völlig unverständlich, wie sich offensichtlich fremde
Menschen sofort liebten. In seinen Augen konnte das nicht mit rechten
Dingen zu und her gehen.
Das können eigentlich nur Christen verstehen, was geschieht, wenn sie sich
treffen. Besonders stark ist diese Erfahrung in einem Umfeld, wo es nicht
so viele Christen gibt, dann ist es eine grosse Freude, einem Christen zu
begegnen.
Im Militär, damals war ich noch nicht lange Christ, war das für mich eine
grosse Freude, als ich feststellte, dass der Sanitätskorporal Christ war.
Es entstand sofort eine besondere Verbundenheit und wir trafen uns ab und
zu zum Austausch und beteten miteinander.
Vielleicht ist es gut, wenn wir uns heute wieder einmal über diesen Aspekt
unseres Glaubens Gedanken machen. In diesem Jahr werden wir einige
Sonntag im Gemeinschaftzentrum Hirzenbach verbringen. Wir werden auch ein
Gemeindewochenende organisieren. Das sind ganz wichtige Veranstaltungen
im Gemeindeleben, die eigentlich viel häufiger stattfinden sollten.
Aber schauen wir zuerst einmal, wie die Christen damals in Jerusalem
lebten.
Bibelstellen zum Nachschlagen: Johannes 1, 12; Römer 8, 14-17; Galater
3, 26; Kolosser 1, 2
## …indem wir zusammen sind
Als Familie Gottes leben wir, indem wir zusammen sind. Das ist eine ganz
einfache Sache. Das versteht jeder. Die Familie Gottes besteht nicht
einfach darin, dass ich am Sonntag den Gottesdienst konsumiere und mich
für den Rest der Woche in meine vier Wände zurückziehe.
Was das Leben der Christen prägte, waren die Lehre, in der die Apostel sie
unterwiesen, ihr Zusammenhalt in gegenseitiger Liebe und Hilfsbereitschaft,
das Mahl des Herrn und das Gebet." (Apostelgeschichte 2, 42)Diese Beschreibung sagt nicht einmal etwas darüber aus, wie und wann sie
sich trafen. Sie sagt jedoch etwas über die Art des Zusammenlebens aus.
Die Lehre war wichtig, aber nicht die Theorie, sondern die Umsetzung
dessen, was die Apostel sie lehrten. Liebe, Hilfsbereitschaft, Abendmahl
und Gebet.
Um so leben zu können, muss man Zeit miteinander verbringen und das machten
die Christen damals fleissig:
Einmütig und mit grosser Treue kamen sie Tag für Tag im Tempel zusammen.
Ausserdem trafen sie sich täglich in ihren Häusern, um miteinander zu essen
und das Mahl des Herrn zu feiern, und ihre Zusammenkünfte waren von
überschwänglicher Freude und aufrichtiger Herzlichkeit geprägt."
(Apostelgeschichte 2, 46)Täglich hatten die Christen Kontakt zueinander. Nicht nur im Tempel trafen
sie sich, sondern besuchten sich in den Häusern und assen miteinander.
Diese vielen Zusammenkünfte, schien diese Christen nicht zu stressen. Die
Treffen waren von überschwänglicher Freude und aufrichtiger Herzlichkeit
geprägt.
Viele Christen erachten das, was hier in diesem Abschnitt steht, als das
Modell schlechthin für eine gesunde Gemeinde. Der Ruf wird dann laut, wir
müssten unbedingt zur Lebensweise der Urgemeinde zurückfinden.
Ganz ablehnen kann man diese Forderung nicht. Doch selbst die Leute, die
das fordern, wenn sie in unserer Gesellschaft und im Berufsleben
eingebunden sind, werden sie ihrer eigenen Aufforderung nicht nachkommen
können.
Würden wir das, was hier steht, als Massstab nehmen und selber praktizieren
wollen, dann müssten wir uns täglich treffen. Übrigens bräuchten wir dann
auch ein Gemeindehaus – dagegen hätten wir ja nichts einzuwenden. Ebenso
würden wir uns täglich in unseren Häusern und Wohnungen treffen und
miteinander essen.
Aber wer im Berufsleben steht, der wird weder die Zeit, noch die Kraft dazu
finden. Wir müssten unsere Berufe aufgeben und zu einer Art
Vollzeitchristen" werden, deren Hauptbetätigung die Gemeinschaftspflege
wäre.
Ich weiss nicht, wie die Menschen damals arbeiteten, aber eins weiss ich
ganz bestimmt, wir können dieses Leben heute nicht führen.
Also, Ihr müsst keine Angst haben. Ich möchte Euch heute nicht mit
unmöglichen Forderungen konfrontieren. Ich will nicht, dass wir alle nach
Hause gehen und irgendwie den Eindruck haben, das war zwar eine nette
Predigt und irgendwie hat er auch recht, aber es ist halt doch etwas
Weltfremd. Wenn ich noch wollte, könnte ich nicht so leben.
Andererseits, möchte ich uns trotzdem herausfordern, dass wir überlegen, ob
wir dieser praktischen Seite unseres Glaubenslebens nicht mehr Bedeutung
und Platz einräumen sollten.
Wir leben von unserer Prägung als Schweizer eher zurückgezogen. Das
empfinden oft Menschen, die aus anderen Kulturen zu uns kommen. Sie
finden uns zwar nett und freundlich, aber eher etwas distanziert.
Wir wollen eben niemandem zu Nahe treten und wir möchten eigentlich auch
ganz gerne in Ruhe gelassen werden.
Wir sind es uns nicht gewohnt, in Sippen zu leben, wie das damals in
Jerusalem auch bei Nichtchristen normal war.
Als Schweizer lieben wir unsere – möglichst eigenen – vier Wände, in denen
wir nicht überraschend gestört werden möchten. Wir schätzen es, uns
zurückziehen zu können.
Kommt noch dazu, dass wir heute unendlich viele Möglichkeiten zum
Zeitvertreib haben: Fernseher, Videos, DVD's, Computer, Zeitschriften,
Bücher usw. Wir brauchen eigentlich niemanden. Wir können uns ganz gut
selber unterhalten.
In Jerusalem gab es das alles nicht, wollte man Unterhaltung, wollte man
sich beschäftigen und etwas erleben, musste man sich mit Menschen
treffen.
Wir können schnell auf die Idee kommen, wenn ich jetzt nicht nach Hause
gehe, verpasse ich etwas: Einen Film der auf Sat 1 läuft; ein Buch das
ich fertig lesen will; oder was auch immer. Oft scheint es uns zu
anstrengend jetzt noch mit Leuten zusammen zu sein. Es stimmt,
Gemeinschaft hat zwei Seiten. Einerseits geben wir etwas, auf der anderen
Seite werden wir aber auch reich beschenkt. In der Gemeinschaft können
wir auch mal aneinander geraten. Wir lernen uns besser kennen, die
angenehmen und die weniger angenehmen Seiten. Rainer Marquardt meinte
dazu:
"Millionen" kann man leicht "umschlingen". Aber dem einen bestimmten
Bruder oder der einen bestimmten Schwester nach einer heftigen
Meinungsverschiedenheit wieder von Herzen die Hand zu drücken – das ist
schon ein bisschen schwerer.[3]
Paul Deitenbeck gibt zu bedenken:
"Eigentlich müsste man unter jede Visitenkarte schreiben: Verliert bei
näherer Bekanntschaft."
Wie leicht liebt es sich doch auf Distanz! Da sind die Glaubenshelden
und alle unsere Bekannten so nette Leute. Gott müsste uns einmal mit
Vorder- und Nebenmännern zusammen in Noahs Arche einschliessen; wenige
Tage würden vollauf genügen. Dann würden wir nicht nur die
Sonntagsvormittags-Gesichter unserer Freunde kennen, sondern auch ihre
weniger sympathischen Seiten, die sie eine Zeitlang genauso gut zu
verbergen verstehen als wir. Erst wenn wir sie dann noch "lieben",
gebrauchen wir dieses Wort genaugenommen zu Recht.[4]
Es ist doch wunderbar, wenn wir uns mit unseren Ecken und Kanten lieben
lernen, das ist aber nur möglich, wenn wir miteinander unterwegs sind.
Ich möchte uns ermutigen, in diesem Jahr vielleicht bewusster Zeit für die
Gemeinschaft mit Christen zu planen.
z.B. kann jemand einen Ausflug organisiere oder die sportbegeisterten Leute
treffen sich zum Sport. Im Sommer könnte man einen Platz bezeichnen, wo
man sich zum Baden trifft. Man weiss dann, wenn ich dort hingehe, sind
vermutlich noch andere Geschwister von der Gemeinde dort.
Man könnte sich spontan zum Grillen treffen usw.
Es geht um ein unbeschwertes Zusammensein. Freude aneinander und
miteinander haben. Eben wie in einer Familie, wo ich auch einmal meine
Zeitung lesen kann und nicht jeder erwartet, dass ich noch ein Referat
halte.
Selbstverständlich habe ich grosses Verständnis dafür, wenn jemand am
Sonntag noch etwas ausspannen möchte. Viele sind am Wochenende von der
strengen Arbeit dermassen erschlagen, dass sie diese Ruhe brauchen. Doch
möchte ich auch ermutigen, trotzdem der Gemeinschaft unter Christen einen
hohen Stellenwert einzuräumen und ich kann Dir garantieren, dass Du auch
so Kräfte sammeln kannst.
Bibelstellen zum Nachschlagen: Hebräer 10, 24-25
## …indem wir füreinander da sind
Als Familie Gottes leben wir, indem wir füreinander da sind. Familienbanden
gehen normalerweise tiefer, als dass man nur miteinander lebt. In
Familie, wenn sie einigermassen gesund sind, lebt man auch immer
füreinander.
Es ist niemandem egal, was mit dem anderen geschieht. Wenn man kann, hilft
man sich gegenseitig. Man hält zusammen. Natürlich funktioniert das in
vielen Familien leider nicht, aber in der Familie Gottes sollte es
funktionieren. Jesus sagte einmal seinen Jüngern:
Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! Ihr sollt einander
lieben, wie ich euch geliebt habe." (Johannes 13, 34) An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger
seid." (Johannes 13, 35)An der Art, wie wir als Christen miteinander Leben, sollen die Menschen
erkennen, dass wir zu Jesus gehören. Diese Liebe wird ganz praktisch
verstanden. Das sehen wir auch in unserem Abschnitt.
Alle, die ´an Jesus` glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles
miteinander, was sie besassen." (Apostelgeschichte 2, 44) Sie verkauften sogar Grundstücke und sonstigen Besitz und verteilten
den Erlös entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen an alle, die in Not
waren." (Apostelgeschichte 2, 45)Es freut mich immer wieder, wenn ich sehe, wie das in unserer Gemeinde in
vielfältiger Weise praktiziert wird. Wie Geschwister unterstützt werden,
die Schwach sind. Wie man sich gegenseitig hilft und am Leben des Anderen
Anteil nimmt. Wie man sich für andere sorgt.
Das ist etwas, was Gott ausserordentlich gut gefällt. Das ist in den Augen
Gottes sehr wertvoll. Paulus schrieb den Galatern:
Helft einander, eure Lasten zu tragen! Auf diese Weise werdet ihr das
Gesetz erfüllen, das Christus uns gegeben hat." (Galater 6, 2)Manchmal meinen wir, wir müssten grosse geistliche Heldentaten vollbringen
und vergessen, dass sich Gott sehr darüber freut, wenn wir uns
gegenseitig Unterstützen.
Selbst wenn sich jemand versündigt, soll man ihn nicht fallenlassen,
sondern wir sollen uns um ihn kümmern und ihm wieder aufhelfen:
Geschwister, wenn sich jemand zu einem Fehltritt verleiten lässt,
sollt ihr, die ihr euch von Gottes Geist führen lasst, ihm voll
Nachsicht wieder zurechthelfen. Dabei muss aber jeder von euch auf sich
selbst achtgeben, damit er nicht auch in Versuchung gerät." (Galater 6,
1)
Wir haben in unserer Gemeinde einen Grundwert formuliert. Es ist der 6.
Grundwert von insgesamt 10. Dieser wichtige Grundwert lautet:
Wir sind überzeugt, dass liebevolle Beziehungen jeden Aspekt des
Gemeindelebens prägen sollen."
Wenn wir das leben möchten, müssen wir uns auch kennenlernen. Dazu müssen
wir auch Zeit miteinander verbringen. Manchmal bin ich sehr erstaunt, um
nicht zu sagen enttäuscht, wie man zum Teil wenig bis gar nichts über
Christen weiss, mit denen man seit Jahren dieselbe Gemeinde besucht.
Deshalb sind unsere Apéros nach dem Gottesdienst so wichtig und es freut
mich auch, dass man einige Geschwister kaum mehr zum Saal raus bringt.
Nutzen wir doch diese Gelegenheiten Leute kennenzulernen, einmal mit
jemandem zu sprechen, mit dem man noch nie gesprochen hat.
Aber auch Hauskreise, Kleingruppen, Gemeindetage, Gemeindewochenende usw.
sind wichtig Ereignisse für die Gemeinde und, das sollten wir nicht
unterschätzen, für unser geistliches Leben. Letztlich geht es um unser
geistliches Leben. Wie heisst es doch in den Sprüchen so schön:
Eisen wird mit Eisen geschärft, und ein Mensch bekommt seinen Schliff
durch Umgang mit anderen." Sprüche 27, 17 Bibelstellen zum Nachschlagen: Sprüche 27, 17; Prediger 4, 12; Johannes
13, 34-35; Galater 6, 1-2.10; Philipper 2, 1-2; 1. Johannes 3, 16-18;
Hebräer 13, 6
Schlussgedanke
Echte Gemeinschaft unter Christen kann entscheidenden Einfluss auf Menschen
ausüben, die Jesus noch nicht kennen. Sie sehen in der Art, wie wir
miteinander umgehen, was uns das Evangelium lehrt. Wir bilden dann eine
Gemeinschaft, der Gott weitere seiner Kinder anvertrauen kann, wie er das
in Jerusalem machte.
Sie priesen Gott bei allem, was sie taten, und standen beim ganzen
Volk in hohem Ansehen. Und jeden Tag rettete der Herr weitere Menschen,
sodass die Gemeinde immer grösser wurde." (Apostelgeschichte 2, 47)Es würde mich freuen, wenn in diesem Jahr die Gemeinschaft in unserer
Gemeinde einen grossen Stellenwert einnehmen würde. Wenn wir wieder neu
verstehen, dass Gemeinde nicht mit dem Gottesdienstbesuch gleichgesetzt
werden kann. Der Gottesdienst ist wohl ein wichtiger Teil des
Gemeindelebens, aber eben, nur ein Teil.
Nehmt doch freudig an den besonderen Treffen im GZ, in den Hauskreisen, dem
Gemeindewochenende usw. teil. Ihr werdet merken, wie bereichernd das für
Euer Leben und für das Leben Eurer Geschwister ist.
Amen
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