15.09.2026
Serie•Teil 7 / 9Rachepsalmen
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Einleitung und persönliche Ausgangserfahrung
Rachepsalmen: Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
Ein Gastbeitrag von Regina Gallwitz, Theologin, Krankenschwester und Autorin des Buchs Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert.
Edith Eger ist sechzehn Jahre alt, als sie nach Auschwitz deportiert wird. Noch am Tag ihrer Ankunft wird ihre Mutter von Joseph Mengele in die Gaskammer geschickt. Edith und ihre Schwester überleben diese Selektion. Damit erlebt Edith unmittelbar, was es bedeutet, einem anderen Menschen völlig ausgeliefert zu sein.
Das ist die Erfahrung völliger Ohnmacht: Ein Mensch kann dir das Liebste nehmen, das du hast, und du kannst nichts dagegen tun. Edith beschreibt später, wie wütend und zugleich machtlos sie sich fühlte.
Nach dem Krieg schweigt Edith jahrzehntelang. Sie spricht kaum über Auschwitz. Später sagt sie, sie habe die Worte dafür nicht gefunden.
Edith Egers Geschichte zeigt Erfahrungen, von denen viele Menschen nach schwerer Gewalt erzählen. Da ist die Ohnmacht, da ist die intensive Wut über das erlittene Unrecht, und da ist die Sprachlosigkeit, wenn das Erlebte kaum in Worte zu fassen ist.
Die Sprache der Psalmen als Resonanzraum
Und jetzt wird es besonders spannend: Wenn wir Berichte traumatisierter Menschen mit den Gerechtigkeitspsalmen vergleichen, fallen uns erstaunlich viele Parallelen auf.
Auch die Psalmisten beschreiben eine Welt, in der sie sich bedroht, verfolgt und ausgeliefert fühlen. Ihre Feinde erleben sie als überwältigend. Diese Feinde werden in den Psalmen nicht bloß diplomatisch als problematische Menschen bezeichnet, sondern mit drastischen Bildern beschrieben.
Zum Beispiel stehen in Psalm 22 die Feinde wie wilde Tiere um den Beter herum, wie gewaltige Stiere umgeben sie ihn. Wie wilde Hunde haben sie sich um ihn zusammengeschart. Und in Vers 14 heißt es: „Sie sperren ihren Rachen gegen mich auf wie ein reißender Löwe.“
In Psalm 58 werden die Feinde als giftige Schlangen beschrieben. In Psalm 118 heißt es, sie umgeben mich wie Bienen, sie entbrennen wie ein Feuer in Dornen.
Auffällig ist: Bei all diesen Feindmetaphern geht es nie um Haustiere, sondern um Raub- und Wildtiere.
Im Gegensatz dazu beschreibt der Beter sich mit schutzlosen, verletzlichen Tieren. So heißt es zum Beispiel in Psalm 102, Verse 7 und 8: „Ich bin wie eine Eule in der Wüste, wie ein Käuzchen in zerstörten Stätten. Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dach.“
Aber damit ist nicht genug. Die Feinde verspotten und verhöhnen den Psalmisten in Psalm 22, sie spannen ihre Bögen und richten ihre Pfeile auf ihn, und in Psalm 37 ziehen sie das Schwert gegen ihn. Immer wieder tauchen diese Motive der Erniedrigung und der Lebensbedrohung in den Psalmen auf.
Kein Wunder also, dass der Psalmist diese Menschen als übermächtig empfindet. Er fühlt sich in die Gefahr hineingerissen, er fühlt sich von der Gefahr umzingelt. Er kann sich deshalb nur sehr schwer davon distanzieren.
Vertrauen, Verrat und die Zuspitzung von Bedrohung
Und dabei ist noch eine Sache auffällig: Es macht einen Unterschied, wer mir eigentlich gegenübersteht. Wenn mir mein Feind gegenübersteht, dann ist das eine Sache. Aber was geschieht, wenn die Bedrohung von einem Menschen ausgeht, dem ich eigentlich vertraue?
Wie schwer eine traumatische Erfahrung für einen Menschen ist, hängt nicht nur davon ab, was geschehen ist, sondern auch davon, wer es getan hat. Wenn mich ein völlig fremder Mensch bedroht, ist das schlimm. Wenn aber der Mensch, dem ich vertraue, plötzlich selbst zu meinem Gegner wird, kommt noch etwas dazu: Mein Vertrauen wird erschüttert.
Ich bin in meinem Leben viel im Ausland gewesen. Einmal habe ich für drei Monate in einer Region gelebt, in der Christen verfolgt werden. Dort habe ich bei einem Pastor und bei seiner Familie gewohnt. Einmal fragte ich diesen Pastor, was eigentlich das Schlimmste sei, das ihm in seinem Dienst jemals als Pastor passiert ist. Er musste nicht lange überlegen. Ziemlich schnell antwortete er: Das Schlimmste für mich war zu entdecken, dass die Menschen, die du für deine Freunde hältst und denen du vertraust, eigentlich nur darauf warten, dass du dich umdrehst, damit sie dir Messer in den Rücken rammen können.
Ich habe damals nicht verstanden, was dieser Mann meinte. Einige Zeit später sassen wir in seiner kleinen Hauskirche. Er sagte zu mir: Seit Jahren sitzt hier Sonntag für Sonntag ein Mann in unserem Gottesdienst. Ich habe ihm vertraut, ich habe ihn für meinen Freund gehalten, aber er wurde von den Behörden geschickt, um uns zu bespitzeln. In diesem Moment habe ich verstanden, was dieser Mann meinte.
Dieses Gespräch mit diesem Pastor hat mich an Psalm 55 erinnert. Der Psalmist sagt: Denn es ist noch nicht einmal ein Feind, der mich verspottet. Das könnte ich noch ertragen. Es ist nicht einer, der mich hasst, der sich gegen mich aufspielt. Vor ihm könnte ich mich noch verstecken. Nein, du bist es, ein Mensch, den ich schätze, mein Freund, mein Vertrauter. Wir sassen zusammen und suchten Rat, ins Haus Gottes sind wir gegangen, inmitten der grossen Menge.
Das Entscheidende ist also nicht nur, dass jemand mir Böses tut, sondern dass der Mensch, dem ich vertraut habe, zu meinem Gegner geworden ist.
Traumatische Erinnerung und fragmentierte Wahrnehmung
Wie sehr die Bedrohung den Psalmisten in Mitleidenschaft zieht, beschreibt er in eindrücklichen Bildern. Genau diese Art von Beschreibungen erinnert an Traumaerfahrungen.
Der Psychiater Bessel van der Kolk beschreibt, dass traumatische Erinnerungen anders gespeichert werden können als normale Erinnerungen. Sie werden nicht unbedingt als zusammenhängende Geschichte behalten. Wenn ich also einen Traumatisierten frage, was passiert ist, kann es sein, dass er Mühe hat, seine Geschichte in einer geordneten, zusammenhängenden Form zu erzählen. Stattdessen können traumatische Erinnerungen als intensive Bilder, starke Gefühle und körperliche Empfindungen gespeichert sein. Sie können einen immer wieder im Alltag überfallen oder in Albträumen verfolgen.
Die Psychiaterin Judith Herman veranschaulicht das am Beispiel eines Vietnamveteranen. Was von seinem Kriegserleben zurückbleibt, sind einzelne Bilder: ein Armknochen, Hautfetzen, Glut. Noch Jahrzehnte später kann ein bestimmtes Lied diese Bilder wieder wachrufen.
Wenn wir nun wieder zum Psalmisten zurückgehen, fällt etwas auf. Er erzählt seine Erfahrungen auch nicht immer wie eine schön geordnete Geschichte. Er springt von einem Bild zum nächsten. Nehmen wir zum Beispiel Psalm 69: Was schreibt er da? Er versinkt im Schlamm, Vers 3. Ihm steigt das Wasser bis zum Hals, Vers 2. Er ruft lange um Hilfe und wird nicht gehört, Vers 4. Die Flut droht ihn zu verschlingen und zieht ihn in die Tiefe, Verse 3, 15 und 16. Er ist in einem dunklen Loch, das sich über ihm schließt, Vers 16.
Wir sehen, wie sich einzelne, eindringliche Bildwelten aneinanderreihen. Manche erinnern stark an die Bilderwelt von Albträumen. Natürlich wissen wir nicht, ob der Psalmist im klinischen Sinn traumatisiert war. Aber wenn ein Mensch heute mit traumatischen Erfahrungen diesen Psalm liest, können ihm diese Bilder erstaunlich vertraut vorkommen.
Die erschütterte Welt und die Sprache des Psalms
Ein Trauma kann auch dieses Gefühl erschüttern: Meine Welt ist sicher. Was vorher vielleicht selbstverständlich war, ist plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Die Passanten, die ich früher beim Einkaufen kaum wahrgenommen habe, beobachte ich jetzt aus den Augenwinkeln. Der Arbeitsweg, der vorher einfach zum Alltag gehörte, wird plötzlich zu einem Ort, an dem ich jederzeit mit Gefahr rechne.
Psalm 11 deutet eine solche erschütterte Welt an. Da heißt es: Wenn die Grundfesten eingerissen werden, was kann da der Gerechte noch tun? Natürlich ist das zunächst poetische Sprache, aber als Bild für traumatisches Erleben ist es stark. Ich deute es so: Das, worauf ich mich verlassen habe, gerät ins Wanken. Meine Welt ist unsicher geworden.
Wenn wir all das nebeneinander legen, dann sehen wir: Die Psalmen sprechen eine Sprache, die ein traumatisierter Mensch wiedererkennen kann. Da ist die Erfahrung: Ich bin bedroht, ich bin ausgeliefert, niemand hilft mir, ich kann niemandem mehr vertrauen. Und dann lese ich plötzlich einen Psalm und merke: Da spricht jemand Worte, die meine eigene Erfahrung ausdrücken. Ja, genau so fühlt sich das an, genau so sieht meine Welt gerade aus.
Und dann merke ich vielleicht: Die Psalmen geben nicht nur dem Trauma eine Sprache, sie geben mir eine Sprache, die ich nicht selbst neu erfinden muss.
Ausblick auf die zweite seelsorgerliche Dimension
Aber die Psalmen können einen Traumatisierten nicht nur sprachfähig machen, sie haben noch eine zweite Superkraft. Was diese Superkraft bedeutet, verstehen wir erst, wenn wir uns anschauen, was ein Trauma in der Seele eines Menschen hinterlassen kann. Denn das Erschreckende ist: Der Täter kann längst von der Bildfläche verschwunden sein, aber sein Einfluss kann weiterwirken. Wie kann das sein? Darüber spreche ich in der nächsten Folge.
Das war’s für heute. Das Buch von Regina Gallwitz ist im Lit-Verlag erschienen.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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