Einführung in ein sensibles Thema
Es geht um Familie, um Ehe, um Beziehung, um Dating, um Sex, um Religion und darum, was man tun oder lassen soll. Also alle Themenbereiche, die man auf jeder Dinnerparty vermeiden sollte. Das kann jetzt heiter werden. Spaß beiseite.
Gerade weil es sich um so emotionale und sensible Themen handelt, wollen wir jetzt erst recht tief durchatmen! Lass uns das Thema von mehreren Seiten mit Liebe beleuchten, damit wir am Ende dieses Beitrags die neutestamentliche Antwort in der Hand haben.
Herzlich willkommen beim Bibelfit-Projekt. Hier versuchen wir, leicht verständlich tiefer in die Bibel einzusteigen, Jesus im modernen Alltag nachzufolgen und harte Fragen von Nichtchristen zu beantworten.
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Persönliche Erfahrungen und erste Eindrücke
Also, lasst uns ganz von vorne beginnen. Dieses Jahr haben meine Verlobte und ich geheiratet. Einige von euch haben das mitbekommen, weil ich jetzt einen Ehering trage. Viele haben uns gratuliert, und wir haben uns sehr darüber gefreut. Vielen herzlichen Dank dafür.
Bei all den Gratulationen ist mir etwas aufgefallen. Manche von euch haben zum Beispiel geschrieben: „Vielleicht gibt es bald einen kleinen Markus.“ Ein anderer schrieb: „Ich wünsche euch eine maximal kinderreiche Ehe.“ Dabei dachte ich innerlich: Wir müssen doch erst einmal zusammenziehen nach der Hochzeit. Wir hatten gerade erst geheiratet, hatten noch kein gemeinsames Konto, keine gemeinsame Wohnung – und jetzt sollen wir schon so viele Kinder bekommen wie möglich.
Dann kamen noch direktere Kommentare, mehrere sagten ungefähr Folgendes: „Ein Singleleben widerspricht dem biblischen Befund. Im christlichen Kontext ist ja die Ehe vorgeschrieben.“ Also habe ich genauer hingehört und auch die Leserbriefe und E-Mails von euch der letzten Jahre zu diesem Thema Revue passieren lassen.
Mein Eindruck kann völlig falsch sein, aber es scheint unter euch ein Spektrum mit zwei Polen zu geben. Der eine Pol ist, dass manche denken, im Christentum werde erwartet, dass man Kinder bekommt. Manche berufen sich auf Psalm 127, wo es heißt, Kinder sind eine Gabe Gottes, oder auf Genesis 1, wo Gott sagt: „Seid fruchtbar und mehrt euch.“
Das führt sogar so weit – das ist jetzt das äußerste Ende dieses Pols –, dass einige geschrieben haben, sie fühlten sich in ihrer Gemeinde regelrecht gedrängt, Kinder zu bekommen. Darauf gehen wir gleich ganz in Ruhe ein.
Dann gibt es wiederum andere, die große Sorge haben, Kinder zu bekommen, weil diese Kinder ja verloren gehen könnten. Das finde ich absolut verständlich. Denkt mal darüber nach: Wenn das, was Jesus sagt, einfach stimmt – dass es einen echten Himmel und eine echte Hölle gibt und dass diese Hölle nicht leer sein wird –, dann kommt ja irgendjemand dort hinein. Wer oder was garantiert mir, dass das nicht die mir liebsten Menschen trifft?
Mehrere von euch haben gerade in den letzten Wochen darum gebeten: „Markus, kannst du mal ein Video machen zu ‚Muss ich als Christ Kinder bekommen?‘“ Und das machen wir jetzt.
Sensible Themen mit Respekt behandeln
Also, lasst uns das Schritt für Schritt betrachten. Dabei gehen wir jetzt auf einige sensible Themen ein.
Ich vertraue auf eure persönliche Reife, sodass sich hier in den Kommentaren unter diesem Video niemand über andere lustig macht oder sich über sie erhebt. Mit mir können die Leute das alles machen. Ich verstehe auch Spaß und denke, dass ich mit Kritik einigermaßen umgehen kann.
Heute geht es jedoch um einige konkrete Beispiele von anderen Menschen. Selbst wenn das, was wir gleich besprechen, nicht deine Alltagswirklichkeit ist, meine Bitte lautet aus Anstand: Es gibt Menschen, für die das hochemotionale Lebensfragen sind. Lasst uns das bitte entsprechend ernst nehmen.
Die Frage nach der Pflicht zur Familiengründung
Lass uns zunächst einmal die Frage selbst anschauen: Muss ich als Christ Kinder bekommen? Ist das überhaupt meine Entscheidung? Das ist ein sensibles Thema.
Weißt du, in dieser Frage gehen wir – oder ich zumindest – oft so selbstverständlich davon aus, dass wir das irgendwie in der Hand haben. Aber dann ist mir aufgefallen, dass ich da vielleicht etwas mehr Dankbarkeit zeigen sollte. Denn für sehr viele Menschen, auch für viele hier, ist das ein echtes Problem. Viele können nämlich gar keine Kinder bekommen.
Jeder, der verheiratet ist oder auch jeder, der im Biologieunterricht in der Schule das Thema Sexualität behandelt hat, hat schon einmal vom Pearl-Index gehört. Der Pearl-Index gibt an, wie wahrscheinlich es ist, schwanger zu werden – zum Beispiel mit welcher Verhütungsmethode. Der Pearl-Index, wenn man nicht verhütet, beträgt 85. Das heißt auf Deutsch, dass sechs von sieben Paaren – hoffentlich Ehepaare –, die ein Jahr lang ohne Verhütung miteinander schlafen, am Ende dieses Jahres schwanger sind. Sechs von sieben.
Das bedeutet anders ausgedrückt: Solange bei deinem Ehemann und bei deiner Ehefrau alles gesund ist, seid ihr in der Regel spätestens nach 14 Monaten schwanger. Die Sache ist nur, dass wir in Europa oft so viele Gedanken über Verhütung machen und darüber, wie man keine Kinder bekommt, dass wir die andere Seite häufig ganz unterschätzen.
Das erste Mal war ich persönlich damit konfrontiert, als ich als Teenager kurz nach der Abiturzeit in einem Gesprächskreis war. Dort sah ich eine Frau, ich glaube, Mitte 30, die sehr stark darauf fokussiert war, eine Tochter haben zu wollen. Es gab wenig anderes, das in ihrem Leben, in ihrem Alltag und gedanklich eine so große Rolle spielte. Aber das Problem war, sie wurde nie schwanger.
Im Laufe der Zeit erzählte sie später, dass sie Tausende, Zehntausende Euro – ich glaube, es waren 30.000 Euro oder so – für Behandlungsmethoden ausgegeben hat, um schwanger zu werden. Vergeblich. Ich als Teenager konnte das damals überhaupt nicht nachvollziehen. Ich hielt das auch für einen Einzelfall, aber dem ist nicht so.
Rückblickend betrachtet war ich da etwas naiv. Als ich für diesen Beitrag recherchiert habe, war ich geschockt. Ich saß in der Küche und war geschockt darüber, wie groß das Thema ungewollte Kinderlosigkeit ist. In den letzten Wochen habe ich zwei Nachmittage damit verbracht, die Zahlen immer wieder zu überprüfen, weil ich am Anfang gar nicht glauben konnte, wie viele Menschen davon betroffen sind.
Es gibt eine WHO-Studie (Weltgesundheitsorganisation) von 2010. Zusammengefasst schätzt sie, dass weltweit über 48,5 Millionen Paare keine Kinder bekommen können. Viele Untersuchungen schätzen, dass das bis zu 2,3 Prozent aller Menschen weltweit betrifft.
Weitere Statistiken zeigen, dass bis zu 14 Prozent aller Paare – also etwa jedes siebte Paar –, nach einem Kind keine weiteren bekommen. Das heißt, sie wollen Kinder, aber es klappt nicht mehr. In Deutschland wäre ich fast vom Stuhl gefallen: Der Anteil der ungewollt kinderlosen Frauen und Männer im Alter zwischen 20 und 50 Jahren ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen.
Von 2013 bis 2020, also in sieben Jahren, ist er von 25 Prozent auf 32 Prozent der Paare gestiegen, die keine Kinder haben, aber Kinder wollen. Das bedeutet, dass inzwischen eins von vier Paaren – oder sogar eins von drei Paaren –, die keine Kinder haben, welche möchten, aber es klappt nicht.
Die Chance, dass das, wenn nicht in deiner Familie, dann in deiner Gemeinde der Fall ist, liegt praktisch bei fast 100 Prozent. Und da sieht man umso mehr bestätigt, auch mit all unserer modernen Wissenschaft, wie wenig wir am Ende doch in der Hand haben.
Kinder sind wirklich eine Gabe Gottes, und wir sollten nicht in der Illusion leben, dass wir alles kontrollieren können.
Eine persönliche Anmerkung zu diesem Punkt, wenn ich darf: Vielleicht müssen leibliche Kinder nicht automatisch die einzige Option sein. Meine Frau und ich haben beide in unseren Familien Erfahrung mit Adoption und Pflegekindern. Wir möchten die Menschen, die wir auf diese Weise in unserem Leben hatten und haben, niemals missen.
Einladung zur Unterstützung und Evangelisation
Bevor wir zum zweiten Punkt kommen, drücke bitte kurz die Glocke. Das unterstützt diesen Kanal. Noch wichtiger ist jedoch, dass YouTube dadurch ein technisches Signal erhält. Dieses Signal bewirkt, dass mehr Menschen, die Jesus noch nicht kennen, christliche Videos überhaupt angezeigt bekommen.
Das ist Evangelisation auf Knopfdruck. Stell dir vor, die ersten Apostel hätten es heute genauso einfach wie du. Das ist ein Geschenk.
Ängste und Mythen rund um Familiengründung
Zweite Perspektive: Ebenfalls ein sehr sensibles Thema ist die Torschlusspanik – insbesondere die Torschlusspanik von Frauen vor ihrem 25. Geburtstag, manchmal vor dem 28., ganz häufig aber vor dem 30. Geburtstag.
Das war für mich als Berater, der jahrelang gearbeitet hat, sehr eindrücklich. Ich habe Tausende von Geschichten gesehen, wie das Leben von Menschen aussieht und was sie beschäftigt. Dabei habe ich erlebt, was sich wirklich hinter den Kulissen im Leben von echten Familien und Paaren abspielt. Für mich war das eines der eindrücklichsten Themen aus dieser Zeit.
Das geht sogar so weit, dass ich mich an ein extremes Beispiel erinnere: Eine Frau, die Lehrerin im Referendariat war, hatte sich so sehr in den Kopf gesetzt, unbedingt vor dem 30. Geburtstag Kinder zu bekommen – am besten zwei. Sie überlegte sogar, falls sie bis dahin noch nicht den passenden Partner gefunden hätte, mit ihrem WG-Kumpel ein Kind zu bekommen. Das ist keine Übertreibung, sie hat mir das so erzählt. Alles war an ein bestimmtes Datum gekoppelt, nur damit sie nicht ihren 30. Geburtstag ohne Kind verbringt.
Darüber habe ich viel nachgedacht. Denn es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Frauen ab 30 nur noch schwer Kinder bekommen können und mit dem 35. Geburtstag angeblich über Nacht unfruchtbar werden. Diese Annahme spukt in vielen Köpfen herum. Tatsächlich basiert sie meist auf Studien, die aus französischen Bauernprovinzen stammen – und zwar aus dem 16. Jahrhundert, also vor über 400 Jahren. Das war eine Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit komplett anderen Sterblichkeitsraten, Lebenserwartungen, Krankheiten, schlechterer Männerverfügbarkeit und ohne Antibiotika.
Aber wie sieht die Realität wirklich aus? Tatsächlich hat eine gesunde 27-jährige Frau heutzutage eine 86-prozentige Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Jahres schwanger zu werden. Innerhalb eines Jahres also 86 Prozent. Dieselbe Frau hat auch mit 37 Jahren, also zehn Jahre später, noch eine 82-prozentige Wahrscheinlichkeit – fast genauso groß. Solange also kein realistischer Grund für medizinische Probleme vorliegt, bleibt die relative Fruchtbarkeit praktisch identisch.
Erst ab einem Alter von 40 Jahren fängt die Fruchtbarkeit an zu sinken. Es stimmt, dass ab 40 Jahren die statistische Wahrscheinlichkeit für eine Behinderung des Kindes steigt und sich sogar verdoppelt. Das ist richtig. Aber es gehört auch zur Wahrheit, dass die Wahrscheinlichkeit in der Realität von 0,5 Prozent auf 1 Prozent steigt. Das bedeutet, dass fast 99 von 100 Kindern, die von Frauen über 40 geboren werden, gesund sind.
Darüber müssen wir auch sprechen. Ich möchte ergänzen, dass die Idee, einen bestimmten runden Geburtstag zu feiern, eher ein europäisches und auch ein eher neumodisches Phänomen ist. In vielen Kulturen merkt man sich den Geburtstag eines Menschen gar nicht. In manchen Kulturen wissen Menschen nicht einmal ihr genaues Alter.
Daran sieht man schon, dass die Panik um ein bestimmtes Datum sehr wahrscheinlich nicht biologisch in uns verankert ist. Vielmehr handelt es sich um einen kulturellen Stress, den wir uns hier selbst machen – also vermeidbar.
Die Annahme, man würde mit 30 unfruchtbar werden, ist nachweislich Unsinn. Ob man so lange mit Kindern warten möchte oder ob beide Partner gesund sind, ist eine andere Frage. Aber solange beide gesund sind, gibt es wirklich keinen Grund, vor 40 oder meinetwegen 35 eine Torschlusspanik zu haben.
Das ist eine sehr gute Nachricht: Solange beide gesund sind, gibt es keinen Stress und keine eingebildete biologische Uhr. Ihr habt die Freiheit, den Zeitpunkt zu wählen, der für euch als Ehepaar und in eurer Familiensituation einfach stimmig ist.
Unterschätzte Herausforderungen und Belastungen
Wir haben nun zwei sensible Perspektiven zum Thema Familie und Familiengründung angesprochen, über die viel zu wenig gesprochen wird. Gleich kommen wir zum biblischen Befund. Doch ich denke, es wäre unehrlich und unvollständig, wenn ich nicht vorher kurz den Elefanten im Raum erwähnen würde, der aus Sicht vieler Betroffener in Deutschland totgeschwiegen wird: das Thema Regretting Motherhood.
Falls Sie gerade zum ersten Mal davon hören: Dieses Phänomen basiert auf mehreren Studien, die unter der Leitung von Dr. Orna Donath durchgeführt wurden. Sie zählt zu den meist peer-reviewten Soziologinnen weltweit. Ich vereinfache das jetzt stark, aber Sie können gerne selbst nachlesen.
Dr. Donath hat über mehrere Jahre Mütter aus allen sozialen und Einkommensschichten befragt – über ihre Gefühle zum Mutterssein und zum Elternsein. Unter der Garantie der Anonymität haben sich sehr viele Mütter der Wissenschaftlerin anvertraut. Sie sagten, dass sie ihre konkreten Kinder zwar ehrlich lieben, aber – und das klingt jetzt sehr hart, ich erkläre gleich die Gründe – dass sehr viele Mütter mit der Gesamtsituation unglücklich sind. Wenn sie die Zeit zurückdrehen könnten und noch einmal von vorne anfangen dürften, wären sie lieber kinderlos geblieben. Sie bereuen es.
Dieses Phänomen ist tatsächlich seit etwa zwanzig Jahren in der Wissenschaft bekannt. Wir wussten bisher nur nicht, wie groß es wirklich ist. Entsprechende Studien wurden mehrfach in verschiedenen Ländern wiederholt. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Eine große Anzahl von Menschen, überwiegend Frauen, aber auch Männer, wenn sie in der Erziehung aktiv sind, werden sehr schnell unglücklich, sobald Kinder da sind.
Manche Untersuchungen legen nahe, dass mindestens eins von fünf Paaren insgeheim von diesen starken Empfindungen betroffen ist. Die Dunkelziffer könnte sogar noch höher sein.
Woran liegt das? Das ist noch nicht ganz klar. Hier sind nur einige unvollständige Anhaltspunkte: Eine der ersten Folgestudien zu diesem Thema zeigt, dass es für viele eine große emotionale Belastung ist. Manche berichten, dass das erste Jahr mit einem Säugling eine der emotional belastendsten Erfahrungen ihres Lebens war – nicht organisatorisch oder finanziell, sondern emotional.
Nach der Geburt berichten viele, dass sie dauerhaft weniger Lebensfreude empfinden als zuvor. Viele Ehepaare sagen, dass ihre Ehe seit der Geburt der Kinder dauerhaft schlechter geworden ist. Sehr viele Eltern berichten, dass sich die Ehe erst verbessert hat, nachdem das letzte Kind das Haus verlassen hat.
Wir reden hier nicht nur von vorübergehenden Stimmungen. Es geht um ernstzunehmende klinische Depressionen, konstante Weinkrämpfe, Angstzustände und Panikattacken – Panikattacken bei Müttern sind ebenfalls ein Thema, über das kaum gesprochen wird. Wir sprechen auch von psychischen Auffälligkeiten wie Essstörungen, Alkoholismus und mehr.
All diese Probleme treten deutlich häufiger auf, sobald ein Säugling geboren wurde – selbst bei Menschen, die vorher psychisch stabil waren. Tatsächlich scheint das subjektiv empfundene Glück und die psychische Stabilität im Durchschnitt erst dann wieder auf das vorherige Niveau zu steigen, wenn die Kinder ausgezogen sind.
Zusammengefasst: Es gibt eine sehr große Zahl von Männern, vor allem aber Frauen, die berichten, dass sie durch die Geburt ihres Kindes und die Elternschaft deutlich unglücklicher sind als zuvor. Sie sind weniger zufrieden mit ihrem eigenen Leben, ihre Ehe ist unglücklicher, und sie haben ernsthafte Probleme mit ihrer psychischen Stabilität.
Wir müssen einfach akzeptieren, dass viele Menschen ernsthaft überfordert sind und nachhaltig darunter leiden, Kinder zu haben. Das sollten wir ernst nehmen und Menschen, die darunter leiden, nicht zum Schweigen bringen.
Ein spannender Lichtblick ist jedoch: Obwohl viele Menschen lieber nicht Eltern geworden wären, sagen über neunzehn von zwanzig Eltern, dass sie ihre Kinder ehrlich und innig lieben – vor allem die Mütter.
Viele berichten zwar, dass sie weniger Glück empfinden, aber die meisten erzählen auch, dass sie eine ganz andere und viel tiefere Ebene von Erfüllung und Sinn erleben, als sie das jemals zuvor oder danach getan haben. Vielleicht bedeutet das, dass es Dinge gibt, die mehr zählen und mehr wert sind als vorübergehende Glücksgefühle.
Deshalb will ich hier nichts einreden. Es wird auf die individuelle Situation ankommen und stark vom Persönlichkeitstyp abhängen. Ich merke das zum Beispiel bei meiner Schwiegermutter, die mit leuchtenden Augen erzählt, dass es ihre größte Erfüllung im Leben war, ihre Kinder zu haben und großzuziehen. Sie würde das gegen nichts in der Welt eintauschen.
Finanzielle Herausforderungen junger Familien
Und viertens: Jetzt sind wir so tief in sensiblen Themen drin, da können wir auch den letzten Elefanten im Raum ansprechen, der aus Sicht vieler Betroffener ebenfalls totgeschwiegen wird.
Unabhängig vom Glück und von der Erfüllung, die das Großziehen von Kindern bringt oder nicht bringt, spreche ich jetzt rein menschlich – und gleich sprechen wir über Gottes Perspektive. Rein menschlich meine ich bewusst meine Generation, die unter 35-Jährigen in Deutschland. Das heißt, ich spreche bewusst von Leuten, die keine große Familie in der Nähe haben und auch nicht mit reichen Eltern geboren wurden.
Ich spreche hier von einer Frage, die vielleicht in deinen Ohren absurd klingt: Können sich Menschen in meinem Alter in Deutschland, also unter fünfunddreißig, Kinder überhaupt finanziell leisten? Ich will jetzt nicht politisch werden, aber es gehört zur Wahrheit dazu, dass wir das mal kurz ernst nehmen.
Laut der Webseite Familie.de, einer der meistbesuchten deutschen Webseiten zu diesem Thema, verursacht es durchschnittlich über 760 Euro im Monat an Mehrkosten, ein einziges Kind großzuziehen. Ich persönlich habe viele Jahre als Berater gearbeitet, und meine Erfahrung ist, dass die meisten Eltern mit ungefähr 600 Euro im Monat für die wichtigsten Sachen hinkommen. Das Statistische Bundesamt geht von durchschnittlich circa 700 Euro im Monat aus.
Also denkt mal darüber nach: Abzüglich Kindergeld reden wir hier im Jahresdurchschnitt von 400 bis 500 Euro im Monat, bei Schulkindern und Teenagern tendenziell mehr. Wie gesagt, natürlich kommt es auf die individuelle Situation an. Aber es bedeutet, dass, wenn ein Ehepaar heutzutage, nachdem der gesamte Monat rum ist und alle monatlichen sowie alle jährlichen fixen und variablen Kosten bezahlt sind, alle Rechnungen beglichen sind, die Altersvorsorge geklärt ist, der Zehnte gespendet wurde – wirklich alles inklusive – wenn das Paar dann am Monatsende nicht jedes Mal mindestens 400 Euro übrig hat, die frei und unverplant sind, dann wird laut Statistischem Bundesamt ein Paar in meinem Alter in Deutschland in den 2020er Jahren Schwierigkeiten haben, sich dauerhaft ohne Hilfe von außen Kinder zu leisten.
Wie gesagt, wenn du jetzt aus einer anderen Generation kommst, andere Situation, andere Einkommensverhältnisse, andere Lebenshaltungskosten – hier geht es bewusst um die 2020er Jahre für Menschen in Deutschland in meinem Alter. Und dass es für viele Menschen in meinem Alter – ich bin 34 – die Realität ist. Weißt du, für ein Kind sind das für Menschen in meinem Alter 400 Euro im Monat an Extrakosten, die wir vorher nicht hatten. Für zwei Kinder sind das 800 Euro, für drei Kinder 1.200 Euro und so weiter, wobei die Kurve dann ein bisschen abnimmt.
Die Bundeszentrale für politische Bildung, die sonst eher diplomatisch formuliert, sagt zu dieser Dramatik klipp und klar: „Sowohl in Westdeutschland als auch in Ostdeutschland steigt das Armutsrisiko mit steigender Kinderzahl.“ Grund dafür ist, stellt die Bundeszentrale für politische Bildung fest, dass meistens die Einnahmen durch familiäre Verpflichtungen und einfach dadurch, dass jetzt Kinder da sind, die betreut werden wollen, meist sinken. Gleichzeitig steigen aber die Ausgaben durch die Decke.
Persönliche Einblicke in die Wohnsituation
Persönliches Beispiel
Ich sehe das bei meiner Frau und mir. Im Sommer letzten Jahres habe ich um ihre Hand angehalten, und wir haben uns verlobt. Bald darauf haben wir angefangen, uns umzuschauen, wo wir nach der Hochzeit zusammenziehen könnten.
Das ist jetzt über ein Dreivierteljahr her. Bis heute haben wir keinen Mietvertrag. Nach der Hochzeit sind wir erst einmal in meiner Zweiraumwohnung zusammengezogen. Inzwischen habe ich ein gutes Verständnis vom Wohnungsmarkt in unserer Großstadt entwickelt.
Ich habe mal hypothetisch überlegt – ein Gedankenexperiment: Wenn wir drei Kinder hätten, wie genau sollten wir uns eine Wohnung zu fünft leisten? Das meine ich nicht rhetorisch, sondern ganz praktisch. Wo genau sollten wir leben?
Eine Zweiraumwohnung ist zu klein. Wohnungen, die groß genug für fünf Personen sind, beginnen in der Stadt, in der wir beide arbeiten, bei 1800 bis 1900 Euro Kaltmiete im Monat. Das heißt, mit Internet, Strom, Warmwasser, Heizung und so weiter bist du dann bei ungefähr 2500 Euro Miete im Monat.
Nochmal: Nicht das Einkommen, sondern nur die Mietkosten, jeden Monat aufs Neue. Genau mein Humor. Wie soll das funktionieren, gerade wenn mindestens einer von uns weniger arbeitet, um die Kinder zu betreuen?
Wenn du mir die Anmerkung gestattest: In Deutschland wird viel über den demografischen Wandel gesprochen. Man weiß, dass die Menschen immer älter werden und dass es mehr Alte als Kinder gibt. Das ist auch richtig. Aber worüber wir nicht reden, ist, wie genau das für meine Generation der unter 35-Jährigen aussieht.
Selbst wenn wir es wollen – wie sollen wir uns bei den absurd hohen Lebenshaltungskosten in Deutschland im Vergleich zum Nettoeinkommen drei oder vier Kinder leisten? Also rein mathematisch betrachtet, wie soll das überhaupt funktionieren?
Konkrete Beispiele aus dem Alltag
Konkretes Beispiel: Ein guter Freund von mir musste vor kurzem ein Jobangebot bei einem christlichen Träger ablehnen, obwohl er den Job wirklich gern gehabt hätte. Ich denke, er wäre auch sehr gut dafür geeignet gewesen.
Warum? Er hat mit seiner Frau wochenlang gerechnet. Es gab keinen Weg, wie die beiden bei der Bezahlung, die der christliche Träger angeboten hat, in der Nähe seiner Arbeitsstelle leben könnten. Man muss bedenken, dass die Mieten in letzter Zeit stark gestiegen sind. Wenn man jetzt irgendwo hinzieht und eine neue Wohnung sucht, ist das etwas ganz anderes, als wenn man seit zehn oder zwanzig Jahren an einem Ort wohnt.
Es sollte wieder funktionieren – bei der Bezahlung des christlichen Trägers. Doch wenn sie später zwei oder drei Kinder haben wollen, wie sollen sie das auf Dauer bezahlen? Es gab keinen mathematischen Weg, der das möglich gemacht hätte.
Er hat die Situation am Ende sogar mit seiner Vorgesetzten und dem Personalchef durchgerechnet. Beide stimmten ihm zu, dass das nun mal die Situation ist, aber sie konnten nichts daran ändern. So hat er die Stelle schließlich nicht angenommen, sondern abgelehnt.
Leider ist das keineswegs ein Einzelfall. Im Gegenteil, ich merke das auch bei meinem Job in der Personalabteilung. Dort häufen sich genau solche Konstellationen.
Reflexion über biblische Erwartungen
Okay, total abgeschweift von der menschlichen Seite. Jetzt zum Thema: Was sagt Gott selbst in der Bibel dazu?
Als ich vor ein paar Wochen angekündigt habe, dass ich einen Beitrag zu dieser Frage machen werde, haben mehrere Frauen aus der Community geschrieben, dass sie als Christinnen Kinder bekommen müssen. Sie berichteten, dass ihre Gemeinden, also die Kirchgemeinden, das regelrecht von ihnen erwarten. Einige fühlen sich dadurch verwirrt, manche sogar regelrecht unter Druck gesetzt.
Ich kann das nicht bestätigen, ich weiß es nicht. Ich bin keine Frau, ich bin nicht christlich aufgewachsen und ich bin auch nicht in Deutschland aufgewachsen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, denn ich bin damals als Atheist unter Atheisten aufgewachsen. Das heißt, bis ich im jugendlichen Alter war, hatte ich keine zwei Kirchen von innen gesehen und nie mit einem bekennenden Christen ein Wort gewechselt.
So schreibt zum Beispiel Elisabeth: „In unserer Gemeinde ist der Standard, dass Familien und Frauen acht Kinder haben und haben sollen.“ Sie schreibt, dass es dort buchstäblich erwartet wird, so viele Kinder zu bekommen, wie biologisch möglich ist.
Ich habe dann zurückgefragt: Wie kommt denn deine Gemeinde darauf? Da hat sie geantwortet: „Na ja, weil in Genesis 1 steht: ‚Füllt die Erde.‘“ Also dachte ich mir, schauen wir uns das doch einmal an.
Weißt du, es gibt den sogenannten Erdüberlastungstag, den Earth Overshoot Day. An diesem Tag wird grob gerechnet, wenn wir jedes Jahr so viele Ressourcen verbrauchen würden wie im letzten Jahr, was das bedeuten würde.
Und die Antwort ist: Letztes Jahr haben wir als Gesamtmenschheit mit dem, was wir an Ressourcen verbrauchen, eigentlich 1,74 Planeten gebraucht, weil wir weit mehr Ressourcen verbrauchen, als die Erde uns als einzelnen Menschen überhaupt zur Verfügung stellt.
Ein normaler Deutscher hat letztes Jahr am 5. Mai alle natürlichen Ressourcen verbraucht, die ihm für das ganze Jahr zur Verfügung standen. In der Schweiz war es der 11. Mai, und in Österreich der 7. April.
Wenn es das Ziel wäre, die Erde zu füllen, dann lässt sich laut dem offiziellen Faktenbuch der CIA sehr wohl festhalten, dass wir als Gesamtmenschheit das bereits im Übermaß getan haben.
Kontextualisierung biblischer Aussagen
Was ist jetzt mit dem biblischen Befund? Elisabeth erzählt, in ihrer Gemeinde wird immer wieder gesagt: „Seid fruchtbar und mehrt euch!“ Und dass dies als Gebot für die Gemeindemitglieder selbst verstanden wird. Deswegen dachte ich mir, lass uns doch mal in den Urtext reinschauen.
Was steht denn dort in Genesis 1? Dort steht: „weiwadech Otham Elohim“, also „Gott segnete sie“, Adam und Eva. Dann heißt es weiter: „weiomadehem Elohim“, also „Gott sagte danach zu ihnen“. Er sagte zu ihnen: „Peru u oder Wu, seid fruchtbar, mehrt euch!“ Und dann heißt es weiter: „U mil u eth ha'aretz“, also „und füllt die Erde!“
So, jetzt weiß natürlich jeder, der nicht erst seit gestern seine Bibel in die Hand nimmt: Du musst bei jeder Bibelstelle immer fragen, wo steht sie und für wen gilt sie. So machen wir das jetzt natürlich hier. Das heißt, dass dieser Vers aus Genesis 1 ganz klar für Adam und Eva gilt. Aber dass wir einfach annehmen, dass genau dieser Vers ungebrochen, ohne jegliche Einschränkung, eins zu eins für jeden einzelnen heutigen Menschen und Christen genau so gilt – exakt genauso – da wird es argumentativ ein bisschen schwierig.
Denn die Frage ist: Machen wir das mit jedem anderen Bibelvers genauso? Und ich will dir erklären, wieso. Ich war vor zwei Jahren in einem Gottesdienst, da war ein sehr enthusiastischer Prediger. Er meinte tatsächlich von der Kanzel – und ich war nicht der Einzige, der zusammenzuckte –, dass jeder Bibelvers, der in der Bibel steht, genau so für dich gilt, ohne Abbruch. Da dachte ich: Nein, ich glaube nicht.
Wir haben im Nachhinein noch darüber geredet, natürlich erst nach der Predigt. Er hat das auch ein bisschen zurückgenommen, er war da ein bisschen überbegeistert. Denn die Sache ist: Damit ein biblischer Satz, ein biblischer Vers für dich persönlich gilt, brauchst du den biblischen Vers – und du brauchst eine Begründung, warum genau der für dich gilt. Erst dann gilt er für dich.
Warum? Weil es nämlich viele biblische Sätze und Verse gibt, die nicht für dich gelten. Ein ganz simples Beispiel, und das klingt jetzt absurd: Genesis 22, wo Gott sagt, nimm deinen einzigen Sohn und opfere ihn als Brandopfer. Das geht offensichtlich nicht für jeden Menschen, weil Gott an anderen Stellen sagt, dass er Kinderopfer und Ähnliches überhaupt nicht gutheißt – im Gegenteil.
Oder auch Jeremia 29, was manchmal auf Grußkarten oder Segenskarten benutzt wird und auch in Predigten, wo Gott einfach sagt: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe“, spricht der Herr, „Gedanken des Friedens, nicht des Leides, dass ich euch gebe eine Zukunft und eine Hoffnung.“ Alles gut, aber das hat mit dir und mir überhaupt nichts zu tun. Der Vers gilt für ganz, ganz andere Menschen in einer ganz anderen Situation.
Ich mache später dieses Jahr noch einen Beitrag dazu. Drückt gern die Glocke unter diesem Video, dann wird dir das auch angezeigt.
Warum ist das relevant? Weil ein paar Verse davor steht, nämlich Jeremia 29, wo es heißt: „Heiratet und habt Kinder!“ Und schon im Vers danach steht: „Ja, damit ihr in Babylon wächst.“ Das heißt, schon in den Versen davor und danach ist ganz deutlich, an wen das gerichtet ist. Und das ist eine ganz bestimmte Gruppe gemeint, damals im Jahr ungefähr 580, 570, 560 vor unserer Zeitrechnung. Die hat mit dir und mir heute, 2500 Jahre später, nichts zu tun.
Dann habe ich ein paar der anderen Frauen, die mir Leserbriefe geschrieben hatten, gefragt: „Sag mal, mit welcher Begründung sagt euch denn eure Gemeinde, dass ihr Kinder haben müsst?“ Und dann kam manchmal: „Naja, Kinder sind eine Gabe Gottes.“ Und das stimmt ja auch, das haben wir ja gerade gesehen.
Das Ding ist nur, das sind zwei verschiedene Aussagen, das sind zwei verschiedene Sachen. Das eine ist eine beschreibende Aussage: Kinder sind eine Gabe Gottes. Das andere ist eine vorschreibende Aussage, also eine Vorschrift: Du musst Kinder haben.
Denn die Frage ist ja – denk mal ganz kurz darüber nach, ich weiß, das ist ein emotionales Thema, deswegen tief durchatmen – heißt denn eine Gabe Gottes automatisch, dass du dich darum bemühen musst? Und es wäre eine Sünde, wenn du das nicht tust?
Wenn ja, dann würde das ja heißen, dass alles, was in der Bibel als Gabe Gottes bezeichnet wird, automatisch etwas ist, was man haben muss. Und wenn man es nicht hat, ist es Sünde. Und das ist nicht so.
Schau dir noch mal an, was in der Bibel alles als Geschenk und als Gabe Gottes bezeichnet wird: zum Beispiel ein Ehepartner, zum Beispiel Prophetie und prophetisch reden können, zum Beispiel Menschen, die Hände auflegen und heilen können, zum Beispiel Gemeindeleiter sein, zum Beispiel Reichtum, materieller Reichtum, zum Beispiel Gesundheit.
Das würde ja heißen, dann würde ja jeder Christ, der kein vor Gesundheit und Wohlstand strotzender, heilender, prophezeiender Gemeindeleiter ist, in Sünde leben. Und das ist offensichtlich nicht so.
Das heißt, nur weil etwas eine Gabe von Gott ist – und das sind ja tolle, gute Dinge –, heißt das nicht, dass es eine Sünde ist, das nicht zu haben und sich nicht darum zu bemühen.
Dazu gehen wir später dieses Jahr noch in einem separaten Beitrag ganz ausführlich ein. Ich habe das Video dazu auch schon halbfertig. Drückt gern die Glocke unter diesem Kanal, dann wird dir das auch angezeigt.
Die Frage nach Ehe und Sexualität im biblischen Kontext
Und damit sind wir ganz konkret beim Thema: Musst du als Christ oder Christin Kinder haben?
Weißt du, um auf natürlichem Weg Kinder zu bekommen, muss man sexuell aktiv sein. Sexuell aktiv zu sein ist für den biblisch-christlichen Gott nur innerhalb einer Ehe zwischen Mann und Frau moralisch möglich.
Jetzt fragst du dich vielleicht: Okay, ja, das habe ich immer wieder so gehört, aber wo genau in der Bibel steht, dass man nur Sex innerhalb der Ehe haben darf? Alles gut, das zeige ich dir. Ich werde dir auch zeigen, dass Jesus selbst das nachweislich bestätigt hat. Das würde hier aber den Rahmen sprengen, deshalb habe ich einen Extra-Beitrag für dich dazu erstellt. Den findest du unter diesem Video.
Dieser Extra-Beitrag zum Thema Sexualität wurde schon viele hundert Male in Deutschland, Österreich und der Schweiz angesehen und weitergeschickt. Ich weiß, dass er in einigen Gemeinden für Katechese und Jugendstunden benutzt wird. Auch einige Pastoren nutzen ihn zur Predigtvorbereitung, und Schulen verwenden ihn als Lehrmaterial für den Religionsunterricht. Du kannst ihn einfach kostenlos mitnehmen, der Link ist in der Videobeschreibung.
Zurück zu unserem Thema: Wenn du Kinder auf natürlichem Wege haben willst, geht das nur durch sexuelle Aktivität. Sexuelle Aktivität ist aber nur in der Ehe erlaubt.
Das heißt, wenn Vermehrung – also dass wir alle Kinder haben sollen – ein ungebrochenes Gottesgebot für jeden wäre, dann würde das auch voraussetzen, dass wir alle sexuell aktiv sein müssen. Und es würde bedeuten, dass es Gottes Gebot ist, dass jeder Mensch heiraten muss.
Wenn das so wäre, hieße das, wer nicht heiratet oder sich zumindest nicht nach Kräften darum bemüht, sündigt, weil er gegen Gottes Gebot verstößt.
Also nochmal zum Mitschreiben: Wenn man als Christ Kinder bekommen müsste, dann wäre es auch automatisch ein Gebot zu heiraten. Es wäre dann eine Sünde, nicht zu heiraten.
Die Frage ist: Ist das so?
Wenn das so wäre, bräuchten wir einerseits klare Bibelstellen, die sagen: Ihr müsst alle heiraten. Und noch viel wichtiger: Es dürfte keine einzelne Bibelstelle geben, die sagt, ihr müsst nicht heiraten.
Dieser letzte Punkt ist besonders wichtig. Das ist auch eine Kritik, die manchmal zu Recht geäußert wird. Das war auch eine Kritik von mir damals, als ich noch Atheist war, bevor ich Christ wurde, gegenüber dem Umgang mancher Christen mit der Bibel.
Weißt du, es gibt Leute, die nehmen die Bibel wie einen Steinbruch, um alles Mögliche zu begründen. Das habe ich früher auch so gemacht. Aber eigentlich funktioniert das nicht so. Man muss gleichzeitig sicherstellen, dass es nicht andere Stellen gibt, die dagegen sprechen.
Ich gebe dir mal ein ganz absurdes Beispiel: Dreimal steht in der Bibel, es gäbe keinen Gott. Würdest du dich nur auf diese drei isolierten Stellen stürzen und den Rest der Bibel ignorieren, käme etwas heraus, das der gesamten Grundaussage der Bibel widerspricht. Deshalb ist es immer wichtig, weiterzulesen.
Ein ähnliches Beispiel aus dem Strafgesetzbuch: Stell dir vor, jemand ist angeklagt, und du bist der Richter. Es reicht nicht, nur die ersten zwanzig Seiten des Strafgesetzbuchs zu prüfen, ob das, was der Angeklagte getan hat, dort ein Problem darstellt. Du musst das gesamte Strafgesetzbuch mit allen 385 Paragraphen durchgehen. Die Frage ist, ob es irgendeinen Paragraphen gibt, auf den der Fall zutrifft.
Das Gleiche gilt für das Neue Testament: Ein einzelner Vers, bei dem unklar ist, wie mit dem „Seid fruchtbar und mehret euch“ umzugehen ist, kann aus dem Kontext gerissen nett klingen. Aber wenn du es ernst nimmst, musst du auch prüfen, ob es irgendwo anders ein Gegenteil dazu gibt.
Das ist das, was reflektiertes Bibelstudium ausmacht.
Deshalb ist die eigentliche Frage: Gibt es irgendeinen der 7.957 Verse im Neuen Testament, in denen eindeutig steht, dass es für Christen auch total okay ist, nicht zu heiraten?
Denn sobald es auch nur einen solchen Vers gibt, ist die Frage beantwortet.
Also nochmal, verstehst du die Logik? Das ist wie mit dem Angeklagten vor Gericht: Sobald in einem der 385 Paragraphen des Strafgesetzbuchs ein Paragraph steht, der den Angeklagten schuldig spricht, ist er schuldig. Hier ist es umgekehrt.
Damit sind wir beim finalen Punkt: Gibt es solche biblischen Hinweise?
Die Antwort ist ja. Ich werde dir jetzt mehrere Bibelstellen zeigen.
Überleg mal: Wenn es ein Gebot wäre, dass man als Christ unter dem neuen Bund Kinder kriegen und heiraten soll, was würde das konkret heißen? Ein paar ernst gemeinte Gedankenanstöße:
Wie viele Kinder soll man bekommen? Wann in der Ehe soll man Kinder bekommen? Sofort im ersten Ehejahr? Überhaupt?
Wenn das ein Gebot wäre, mit welchem Alter soll man dann Eltern werden?
Wenn es ein Gebot wäre, dass jeder heiraten sollte, was hätte das für Folgen für eine christliche Datingkultur? Sollten wir dann weniger sorgfältig auswählen? Weniger sorgfältig prüfen?
Ab welchem Alter sollte man heiraten?
Was ist, wenn es ein Gebot wäre, mit Leuten zu heiraten, die keinen Partner finden? Sündige ich, wenn ich nicht auf christlichen Datingportalen bin?
Ich meine das ernst.
Was ist, wenn ich heiraten will, aber mein Partner oder meine Partnerin emotional noch nicht bereit ist? Was ist, wenn ich heiraten will, aber es nicht darf?
Weißt du, bis in die Siebzigerjahre hinein war es in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben, dass ein Mann mindestens einundzwanzig Jahre alt sein musste, um zu heiraten. Wenn ich das richtig verstanden habe, gilt seit 2017 in Deutschland das Gesetz, dass beide Ehepartner mindestens achtzehn Jahre alt sein müssen.
Außerdem darf die Standesbeamtin oder der Standesbeamte die Ehe nur schließen, wenn keine begründeten Zweifel daran bestehen, dass beide die Tragweite der Ehe begreifen.
Deshalb wissen viele Leute nicht, dass jede Woche Menschen in deutschen Standesämtern zurückgewiesen werden, die gar nicht heiraten dürfen. Manchmal, weil einer von beiden noch nicht volljährig ist, oft auch, weil einer nicht geschäftsfähig ist, zum Beispiel aufgrund psychischer Beeinträchtigungen.
Jedenfalls, wenn es ein Gebot sein sollte, zu heiraten und Kinder zu bekommen, dann wäre es eine Sünde, sich nicht daran zu halten. Dafür sind aber ehrlich gesagt sehr viele Fragen offen.
Wie ist das in Gottes Wort selbst? Mal ganz langsam:
Boas, der Urgroßvater von König David, war mindestens mittleren Alters, als er die junge Ruth heiratete. Viele schätzen, dass Boas etwa fünfzig Jahre alt war. Wenn es geboten wäre zu heiraten, hätte Boas viele Jahre in schwerer Sünde gelebt, solange er nicht geheiratet hat.
Isaak war nach der Bibel vierzig Jahre alt, als er Rebekka heiratete. Wenn es für ihn geboten gewesen wäre zu heiraten, hätte er mindestens zwanzig Jahre oder mehr in schwerer Sünde gelebt.
Der Prophet Jeremia war ausdrücklich kinderlos und unverheiratet. Hat er in schwerer Sünde gelebt?
Viel wichtiger noch: Es ist Konsens in der Altertumswissenschaft, und das entspricht auch dem neutestamentlichen Befund, dass Jesus Christus selbst nie geheiratet hat und keine Kinder hatte.
In Hebräer 4 lesen wir über Jesus: Er wurde in allem versucht, stand vor Versuchungen wie wir, aber er blieb ohne Sünde.
Das heißt, Jesus Christus hat nie geheiratet und nie Kinder bekommen – und er war ohne Sünde.
Dann kann es ja schon gar keine Sünde sein, kinderlos zu leben. Sonst würde diese Entscheidung niemals als sündfrei bezeichnet werden.
Ganz eindeutig schreibt Paulus dazu ganz direkt. Er schreibt: „Me zetai gynaika“, also bemüht euch grundsätzlich nicht darum, eine Ehefrau zu erlangen, bemüht euch grundsätzlich nicht darum, verheiratet zu sein.
Paulus schreibt weiter: „Hodemä enkamizon kreyson poie“, also wer nicht heiratet, handelt besser als jemand, der heiratet.
Und zu guter Letzt schreibt Paulus eindeutig: „Lego de tois agamois“, also „Ich sage euch, den Unverheirateten: Es ist besser für euch, wenn ihr bleibt, wie ich es bin, unverheiratet.“
Damit ist in Gottes Wort eindeutig identifiziert, dass es gut ist, unverheiratet zu sein.
Das heißt nicht, dass man nicht heiraten soll. Aber es heißt, dass beides legitime Wege sind.
Es ist legitim, sich um eine heilige Ehe und in der Ehe um Heiligkeit zu bemühen. Und es ist auch sehr legitim, sich um ein heiliges Single-Dasein zu bemühen.
Das sind zwei legitime Wege.
Ich könnte jetzt noch viel dazu sagen, und wir können die Diskussion gerne in den Kommentaren fortsetzen.
Aber das Fazit ist: Es ist nicht plausibel zu behaupten, dass Ehe laut dem Neuen Testament für alle Christen vorgeschrieben wäre.
Das stimmt einfach nicht.
Ehe und Kinder bekommen sind dauerhafte und lebensverändernde Entscheidungen. Gott segnet christliche Ehen, und ich habe keinen Zweifel daran, wirklich gar keinen, dass Gott als der Erfinder von Ehe und Familie sich etwas sehr Gutes dabei gedacht hat.
Aber eine solche Entscheidung darf nicht aus Zwang oder weil andere Menschen es von dir erwarten getroffen werden. Sie muss eine freie Entscheidung sein, die du in Freiheit, aus Liebe und Frieden heraus triffst.
