Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Ein letzter Vortrag mit Blick auf die nächste Generation
Wir kommen jetzt, so traurig es auch ist, zu dem letzten Vortrag dieser Konferenz. Wir sind sehr dankbar für alle, die zu dieser Konferenz gekommen sind, ob alt oder jung.
Wir haben eben nach dem letzten Vortrag alle Jüngeren gebeten, nach unten zu kommen. Das ist natürlich für uns eine große Ermutigung. Es ist schön, dass hier eine Schar junger Leute ist, die noch jünger sind als wir. Wir, die wir im Leitungskreis sind, sind ja sowieso schon relativ jung. Und es ist eine Freude, dass hier Interesse da ist.
Im Englischen, in Amerika, hat man diese Gruppe getauft: Young, Reformed and Restless. Und ich denke, diese Gruppe von jungen Reformierten, irgendwo zielstrebigen, kraftgeladenen und energiegeladenen Leuten, ist natürlich eine große Freude für uns. Darum soll es jetzt auch in diesem letzten Vortrag gehen: das Evangelium für die nächste Generation, Mentoring und Ausbildung.
Ich denke, wir haben keinen Qualifizierteren, der zu diesem Thema sprechen könnte, als Ron Kupsch. Es ist interessant: In all meinen Gesprächen, in denen ich Leute kennengelernt habe und gefragt habe, war es für mich interessant, wie viele Leute gesagt haben: Ja, das war der Theoblog, über den habe ich von dieser Konferenz gehört.
Mal eine größere Frage: Wer ist vertraut mit dem Theoblog? Ja, wow, okay. Theoblog ist also ein Blog, den Ron Kupsch betreibt. Und so sind viele von euch gekommen, weil ihr Ron kennt über diese theologischen Beiträge. Er macht wirklich gute Arbeit damit. Wer sich vielleicht noch nie diesen Blog angeschaut hat, sollte das einmal tun: gute Rezensionen und einfach gute Beiträge zu Themen.
Ron ist auch vollzeitlich angestellt am Martin-Butzer-Seminar. Er hält sich eher so im Kölner-Bonn-Raum auf. Außerdem ist er als Verleger und als Herausgeber von einigen Büchern tätig, die er zusammenstellt. Und er ist auch am Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz tätig.
Und so ist es jetzt eine Freude, Ron zu begrüßen. Ron, du kommst.
Während er kommt, schaut euch mal sein Gesicht an und überlegt: Mit dieser Brille, wenn die vielleicht noch ein bisschen runder wäre, wem sieht er wohl ähnlich? Wir nennen ihn unseren Bonhoeffer.
Wir freuen uns, dass er gekommen ist. Und ich muss sagen: Für uns, die wir im Leitungskreis bei Evangelium 21 sind, sind wir sehr dankbar für Ron. Er ist so ein bisschen der ruhende Pol. Er ist derjenige, der uns ein bisschen Seriosität gibt und der belesen ist.
Ron, wir sind sehr dankbar für deine Mitarbeit und freuen uns jetzt auf diesen krönenden letzten Abschluss.
Zwischen Dankbarkeit und nüchterner Lageeinschätzung
Ja, vielen Dank für deine lieben Wünsche. Ich hoffe, sie gehen in Erfüllung, denn jetzt wird sich herausstellen, ob wir wirklich ernst nehmen, was in Römer 8,28 steht.
Menschlich gedacht ist das, neudeutsch formuliert, jetzt nicht das optimale Setting. Es ist der letzte Vortrag der Konferenz, und der eine oder andere beschäftigt sich schon mit seiner Heimreise. Jeder Lehrer ist froh über jede Unterrichtsstunde, die er nicht nach der Mittagspause halten muss, denn ab 14.00 Uhr sinkt die Aufmerksamkeitskurve nach unten.
Ich muss euch im Voraus natürlich sagen, dass ich, was die Dynamik anbetrifft, die Redner vor mir nicht toppen kann. Ich habe ein Thema, das sich mit der Ausbildung beschäftigt, und habe mir bewusst vorgenommen, auch etwas akademischer zu werden. Ich habe mal reingeschaut: Mein Manuskript hat 23 Fußnoten, die ich natürlich nicht erwähnen werde. Also macht euch auf etwas gefasst.
Ich erwarte von euch Konzentration, bin aber zuversichtlich, dass jeder von uns einige Impulse mitnehmen kann, die dann etwas in Bewegung setzen: das Evangelium für die nächste Generation, Ausbildung und Mentoring.
Ein historischer Spiegel für die Gegenwart
Wir wollen uns zunächst in das Jahr 1675 zurückversetzen. Philipp Jakob Spener verfasste damals in Frankfurt am Main im Alter von vierzig Jahren die bedeutsame Reformschrift Pia desideria.
Spener entstammte einer frommen Juristenfamilie. Er studierte leidenschaftlich Geschichte, doch seine Heimatstadt war Straßburg, und Straßburg war von großen Reformatoren geprägt: Martin Bucer, Johannes Calvin. So lernte er an der Universität Professoren kennen, die ihre Theologie mit sehr viel Leidenschaft betrieben. Dadurch zog es ihn immer mehr zum Verkündigungsdienst. Er wurde lutherischer Prediger, stand 42 Jahre auf der Kanzel und verkündigte ununterbrochen Gottes Wort.
Spener war hochbegabt und belesen. Er war ein achtsam lebender Mensch. Er kannte und liebte seine Heilige Schrift, er kannte und liebte seine Kirche. Und sensibel wie er war, hat er früher als andere eine tiefe Krise über Europa hereinbrechen sehen. Wo einst die vollmächtige Predigt des Evangeliums und lebendiger Glaube die Herzen vieler Menschen erstürmten, machte sich ein toter Buchstabenglaube breit. Die Christenheit Europas war verunsichert, sie war erschöpft. Spener fragte besorgt: Wie kann es überhaupt weitergehen? Wir müssen etwas ändern.
Er diagnostizierte zwei Bedrohungen von außen: die Verfolgung. Von innen: die Versuchungen in den eigenen Reihen. Er entwirft ein Reformprogramm, das verschiedene Lebensbereiche erfassen soll. Einen besonderen Stellenwert räumt er dabei der Theologie und der Ausbildung geistlicher Leiter ein.
Seine Bemerkungen zur Theologie sind bemerkenswert. Ich habe längere Zitate auf eine Folie gesetzt, so dass, wer will, mitlesen kann. Ich werde einige Dinge überspringen. Wer dann Interesse hat, einmal nachzuforschen und auch die Fußnoten kennenzulernen, kann mein Manuskript haben.
Was sagt er zur Theologie? Aber wir können ja nicht in Abrede stellen, dass, ob wir wohl durch Gottes Gnade die reine Lehre aus Gottes Wort noch haben, das gleichwohl hin und wieder allgemach in die Theologie viel Fremdes, Unnützes und mehr nach Weltweisheit Schmeckendes eingeführt wird. Weiter schreibt er: Theologen lernen vieles, von dem wir wünschen sollten, dass sie es nicht gelernt hätten.
Die Krise der Kirche und die Verantwortung der Leiter
Wir stehen heute am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts, und es wäre wirklich ein Zeichen des Undanks, wenn wir unsere Lage nur beklagen würden. Nein, Gott wirkt an vielen Orten dieser Welt. Es entstehen Gemeinden, viele Kirchen erleben Aufbrüche, und besonders dort, wo die Gemeinde Jesu Missachtung erfährt, wirkt Gottes Geist in den Herzen vieler Menschen und schenkt erweckliche Aufbrüche.
Aber was die Lage in Europa anbetrifft, müssen wir bekennen, dass es uns wohlgehen würde, hätten wir die Verhältnisse, die Jakob Spener damals beschrieben hat. Spener beklagte vor allem eine tote Orthodoxie, eine Kirche, die an der biblischen Lehre festhielt, aber nicht in der Lage war, diese Lehre in die Praxis umzusetzen. Heute fehlt uns vielerorts die Orthodoxie und die Orthopraxis, also die gesunde Lehre und das christuszentrierte Leben. Das gilt nicht nur für die etablierten Kirchen, sondern auch für etliche Kreise der sogenannten bekenntnisorientierten Christenheit oder für die evangelikale Bewegung.
Die Christen sind verunsichert, und ich merke das auch an dem Briefwechsel, der durch meine Arbeit mit dem Blog entsteht. Viele junge Christen fragen, so wie Spener damals: Wie kann es eigentlich weitergehen? Ich möchte uns das Aufzählen von Beispielen für die Orientierungslosigkeit ersparen. Ich kann hier eine ungefähre Kenntnis unserer geistlichen Nöte voraussetzen. Aber ich habe in den letzten Monaten sehr oft an Jeremia denken müssen, an den Propheten Jeremia.
Gott lässt durch Jeremia seinem Volk zurufen: Lass dich warnen, Jerusalem, damit sich meine Seele von dir nicht ganz entfremde, dass ich dich nicht zu einer Wüste mache, zu einem unbewohnten Lande. Und über die geistlichen Leiter klagt Gott in Jeremia 6: Sie heilen den Schaden der Tochter meines Volkes leicht hin, indem sie sprechen: Friede, Friede, wo doch kein Friede ist. Schämen sollten sie sich, weil sie Gräuel verübt haben. Weil sie nicht mehr wissen, was sich schämen heißt, empfinden sie keine Scham.
Der allerorts gepriesene Friede ist zerbrechlich. Unter der Oberfläche brodelt es, und wachsame Christusnachfolger spüren, dass wir an einer Kreuzung angekommen sind. Wie kann es weitergehen? Diese Frage ist vor allem natürlich eine Frage an die geistlichen Leiter. Die Bibel lässt keinen Zweifel aufkommen, dass Leiter eine besondere Fürsorgepflicht haben. Das heißt, dass diejenigen, die jetzt geistliche Leiter sind, über die nächste Generation nachdenken müssen: Wie sollten die Leiter von morgen ausgebildet werden?
Richard Pratt, über viele Jahre Professor für Altes Testament am Reform Theological Seminary, hat vor einiger Zeit dazu ein Bekenntnis abgelegt. Lars vom SMD Gießen hat mir das freundlicherweise übersetzt. Ich weiß nicht, ob er noch da ist; nochmals vielen Dank. Der ganze Text steht im Blog, hier ein Auszug:
Wenn ich ein König wäre, würde ich mein Zepter schwingen und das Grundsatzprogramm von theologischen Ausbildungsstätten radikal verändern. Nachdem ich 22 Jahre an einem theologischen Seminar unterrichtet habe, fing ich langsam an zu verstehen: Wir bereiten nicht die Art von Leitern vor, die evangelikale Kirchen in Nordamerika brauchen. Seien wir ehrlich, der Evangelikalismus hat schon bessere Tage gesehen. Gott wirkt an vielen Orten und in vielen Weisen, doch insgesamt sieht es nicht gut aus. Unsere Zahlen schwinden, unsere Theologie fällt auseinander, und unsere Hingabe zu Christus verpflichtet sich.
Kürzlich habe ich in China mit dem Vorsitzenden eines Hausgemeindeverbandes gesprochen, welcher über eine Million Mitglieder hat. Er fragte mich um Rat, wie man die nächste Generation von Pastoren vorbereiten sollte. Ich sah ihn an und sagte: Das Einzige, was ich weiß, ist, was ihr nicht tun sollt. Er lächelte und fragte: „Was meinst du?“ Meine Antwort überraschte ihn: Ihr solltet nicht das tun, was wir im Westen gemacht haben. Die Ergebnisse davon werden jetzt sichtbar.
Nun, zu wissen, was man nicht machen soll, hilft ein Stück weiter, aber es ist eine Gefahr, in eine resignative Haltung zu verfallen. Vor allen Dingen sollten wir nicht versuchen, möglichst keine Fehler zu machen. Wir sollten uns fragen: Was können wir ändern?
Es sind in den letzten Jahren viele hilfreiche Vorschläge, praktische Vorschläge gemacht worden. Ich will die ganz kurz aufzählen, oder einige wenigstens. Detlef Lehmann hat gesagt, wir müssen mehr Wert auf die Charakterbildung zukünftiger Leiter legen. Der Pastor oder Missionar sollte zum Lehren befähigt sein, einen vorbildlichen Lebenswandel führen und Gottesdienst, Gebet und Zentrum seines Lebens und Wirkens machen.
Einige haben uns darauf hingewiesen, dass es ein großer Fehler war, die theologische Ausbildung von den Ortsgemeinden abzukoppeln. Die christliche Ortsgemeinde als Gewächshaus der Nachwuchsleiter war und ist das effektivste Ausbildungsmodell, das die Missionsgeschichte kennt. Deutlich geworden ist, dass es nicht nur um bloße Wissensvermittlung gehen darf, sondern dass wir mit der Ausbildung Menschen befähigen müssen, sich in einer laufend verändernden Welt selbständig zurechtzufinden und immer wieder neu zu informieren, beweglich zu bleiben, um dem geistlichen Auftrag gegenüber treu zu bleiben.
Die Beobachtung von Thomas Schirmacher halte ich sehr wichtig, dass die Theologenausbildung zu einer Fertigtheoretisierung und Überspezialisierung geführt hat. Der zusammenhängende Blick für das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus ist vielen Theologen verlorengegangen, und die Folge ist: Wir haben viele Spezialisten, aber wenige geistliche Leiter. Und zunehmend setzt sich die Einsicht durch, dass das Modell vom vollzeitlichen Pastor und einer konsumierenden Gemeinde nicht zukunftsfähig ist. Das ist erstens zu teuer, und es entspricht eben nicht dem Neuen Testament.
Es ließen sich jetzt noch viele hilfreiche, pädagogisch und didaktisch wertvolle Hinweise geben, aber ich möchte unseren Fokus ganz woanders hinlenken. Ohne diese Fragen, diese praktischen Fragen, irgendwie abzuwerten, möchte ich tiefere geistliche Aspekte beleuchten. Wer also jetzt von mir innovative Tipps erwartet oder etwas ganz Neues, wird enttäuscht werden. Vieles habt ihr schon gehört, ich nehme das in Kauf, und konzentriere mich auf vier Gedankenanstöße für die Ausbildung der nächsten Generation.
Gott im Zentrum der Ausbildung
Der erste Punkt: Soli Deo Gloria – allein zur Ehre Gottes.
Das Thema ist schon oft während dieser Konferenz aufgetaucht. Darüber freue ich mich sehr, denn das ist ganz, ganz wichtig, auch für die Zukunft der Ausbildung.
Karl Barth, ein Schweizer, hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir uns zu sehr um den Menschen drehen. Vor ihm hat ein Deutscher das schon bemerkt, Erich Schaeder, Professor für Theologie in Breslau. Er schrieb vor ungefähr neunzig Jahren, ich mute euch das Zitat zu:
„Man kann der durch Schleiermacher, einer der großen liberalen Theologen, hervorgerufenen und beeinflussten Theologie des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts die Kritik nicht ersparen, dass sie in verkehrter Weise auf den Menschen ausgerichtet ist. Sie neigt in verschiedenen Formen und Graden dahin, die offenbarte Herrlichkeit Gottes durch die Rücksicht auf den Menschen und auf das Menschliche zu verkürzen und zu ledieren. In das Zentrum ihrer Betrachtung, in das Gott gehört, schiebt sich ihr mit größerer oder geringerer Energie der Mensch, oder er droht es zu tun.“
Weder Karl Barth noch Erich Schaeder haben es geschafft, diesen neuzeitlichen Zug, diesen einseitig auf den Menschen ausgerichteten Zug innerhalb der Theologie zu überwinden. Das ist nach wie vor eine unbewältigte Aufgabe.
Aber denken wir ganz kurz über das Grundproblem nach, das uns helfen wird, viele andere Zusammenhänge zu verstehen. In der Neuzeit, oder wie wir sagen in der Moderne, die im 15. und 16. Jahrhundert einsetzt, beginnt alles mit dem Menschen. Die Reformatoren haben ihre Theologie und ihre Ethik von Gott abgeleitet. Die Moderne hat den Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Es dreht sich alles um den Menschen und sein Selbstverständnis.
Das Denken startet nicht bei Gott, es startet bei uns, es startet beim Ich. Wie hat Descartes gesagt? Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich. Das Projekt der Moderne startet beim Ich.
Wir können diese Dynamik ruhig als Humanismus bezeichnen, und dieser Humanismus hat in der westlichen Welt tiefe Spuren hinterlassen. Er war sehr innovativ, aber er hat eben auch den Menschen überhöht. Und wir können das überall in unserer Kultur herauslesen, besonders lässt sich das an der Frage der Rechtfertigung Gottes veranschaulichen.
Das große Thema der Reformation war: Wie kann der Mensch vor Gott gerecht werden, die Rechtfertigung des Menschen? Wie fragte Luther: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Heute tritt Gott als Richter auf, vor dem sich Gott zu verantworten hat. Gott sitzt auf der Anklagebank. Wir zweifeln nicht nur an Gott, wir halten Rat über Gott.
Um es in der Sprache eines Bildes auszudrücken, das von Jesaja, Jeremia und Paulus gemalt wurde: Der Ton verklagt seinen Töpfer.
Diese hochmütige und aufgeklärte Grundstimmung dominiert unsere Kultur und leider eben auch den Ton verbreiteter Literatur in unseren bekenntnisorientierten Kreisen. Wir wollen Gott vorschreiben, wie er zu sein hat, damit wir an ihn glauben können.
Wie tief dieser Virus uns angesteckt hat, habe ich in einer Fernsehsendung bemerkt. Ganz plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich sah eine Fernsehsendung eines großen christlichen Werkes, und es ging in dieser Sendung um das Thema Gottesbilder. Und ich habe in dieser Sendung gelernt, dass wir lernen müssen, Gott zu vergeben.
Überlegen wir einmal: Wir müssen lernen, Gott zu vergeben. Was wird denn hier behauptet? Was sagt Jesus? Jesus lehrt: Es ist niemand gut außer Gott. Und hier wird vorausgesetzt, dass Gott an uns schuldig wird und dass es uns gut tut, wenn wir diesem Gott vergeben.
Solange wir als Christen diese stolze und narzisstische Haltung des neuzeitlichen Menschen verinnerlichen, fehlt uns die Perspektive der Propheten und der Apostel.
„O Mensch, wer bist du eigentlich, dass du mit Gott zu rechten wagst? Wird etwa das Werk zum Meister sagen: Warum hast du mich so gemacht? Es liegt nicht an jemandes Wollen oder Vollbringen, sondern an Gott, der sein Erbarmen zeigt.“
Es geht nicht um uns. Wir sind dafür da, um Gott zu verherrlichen. Und diese Haltung muss eben auch unsere Theologie prägen. Wenn wir das ignorieren, wenn wir vergessen, dass wir uns im Fahrwasser der neuzeitlichen Theologie bewegen, werden wir nicht mehr klar sehen. Wir werden nicht verstehen, was hier eigentlich passiert.
Und wenn wir durchschauen, was da passiert ist, werden wir auf einmal merken, dass die historisch-kritische Methode nicht die angemessene Methode ist, um mit der Bibel umzugehen. Und dass es in unserer Theologie eben nicht einseitig nur um unsere Bedürfnisse gehen darf. Christus ist der einzige legitime Erfüllungsraum für unsere Sehnsüchte und für unsere Theologie.
John Piper hat einmal gesagt: Das Menschenhauptziel ist es, Gott zu verherrlichen, indem er sich für immer an ihm erfreut. Und da klingt nach, was wir im Westminster-Katechismus lesen: Das höchste Ziel des Menschen ist es, Gott zu verherrlichen und sich immer an ihm zu erfreuen.
Es geht um Gott. Und wenn wir eine nachhaltige Erneuerung der Leiterschaft und der Theologie wollen, dann muss diese Haltung bestimmend sein in allem, was wir tun.
Das Wort als Maßstab und Schule des Glaubens
Der zweite Punkt: Freude am Wort Gottes.
Wir Menschen sind also nicht die Sonne, um die Gott wie ein Mond kreist, sondern Gott steht in der Mitte, und wir strahlen nur, insofern unser Leben Gottes Gnade widerspiegelt. All unser Bemühen um einen geistlichen Aufbruch muss davon bestimmt sein, dass es um Gottes Ehre geht. Und von dieser Perspektive her zu denken, fällt es viel leichter, konkrete Aufgaben in den Blick zu nehmen.
Da verweist uns die zweite Frage des Westminster Katechismus. Gefragt wird dort, wie wir denn so leben können, dass wir Gott verherrlichen und uns an ihm erfreuen. Und die Antwort lautet: Das Wort Gottes, das aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments besteht, ist die einzige Regel, die uns leitet, wie wir ihn verherrlichen und uns an ihm erfreuen können.
Sieben Sendschreiben an die Gemeinden im zweiten und dritten Kapitel der Offenbarung: Die Gemeinden kommen ja nicht so gut dabei weg. Zur Gemeinde in Philadelphia wird gesagt: Du hast zwar wenig Kraft, aber du hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet.
Wenn Gott zu uns spricht, dann haben wir zu hören. Und dann haben wir zu gehorchen. Kann es denn für uns Menschen etwas Wichtigeres geben als dieses Wort, das Gott aus Liebe zu uns gesprochen hat?
Calvin sagte einmal: Wenn uns der Strahl wahrer Religion treffen soll, so müssen wir bei der himmlischen Lehre den Anfang machen. Es kommt niemand auch nur zum geringsten Verständnis rechter Lehre und heilsamer Lehre, wenn er nicht zuvor ein Schüler der Schrift geworden ist.
Im Jahre 1969 veröffentlichten Vikare, also angehende Pastoren der württembergischen Landeskirche, eine Erklärung zur Heiligen Schrift, aus der ich kurz zitieren möchte: Wir können die Bibel nicht von vornherein als normatives Wort Gottes betrachten. Sie hat und gewinnt ihre Autorität nur durch ihre jeweilige Überzeugungskraft in der konkreten Situation. Unser Reden und Handeln als Theologen können wir nicht selbstverständlich aus der Bibel ableiten, sondern wir müssen uns in erster Linie an der gegenwärtigen gesellschaftlichen und individuellen Not orientieren. Bei der Bemühung, diese Not zu wenden, verstehen wir die Bibel als einen Gesprächspartner unter vielen oder unter anderen.
Liebe Geschwister, diese Erklärung hat damals viel, viel Widerspruch herausgefordert, auch im Raum der Landeskirche. Und das, was die Vikare damals beschrieben haben, beschreibt die Bedeutung, die die Schrift heute in unserer Theologie allgemein hat. Der Mensch sagt, was die Bibel für Informationen gibt oder nicht gibt. Wir Menschen haben uns zum Richter über die Schrift erhoben. Rob Bell hat das ungefähr so formuliert: Gott hat gesprochen, alles andere ist Interpretation. Gott hat gesprochen, ja, was wir damit machen, das entscheiden wir. Das innere Licht entscheidet über den Geltungsraum des göttlichen Wortes, die Gesellschaft entscheidet darüber, was die Bibel noch zu sagen hat.
Das war bei Luther ganz anders. Er bekannte sich zur Klarheit der Schrift, und er traute ihr zu, dass sie uns wie ein Licht von außen her beleuchtet. Für Luther war die Bibel der Ort des Stehens und des Verstehens. Nicht die Vernunft Luthers hat die Bibel ausgeleuchtet, sondern Luthers Vernunft wurde durch die Bibel erleuchtet.
Und die Ausbildung zukünftiger Pastoren, Missionare und Mitarbeiter in der Gemeinde muss eine Ausbildung mit dem Wort und unter dem Wort sein. Wir brauchen so etwas wie einen Josia-Moment. Ich habe mich sehr gefreut zu hören, dass der 3L Verlag bald ein Buch über die Josia-Reformation herausbringt. Ich kenne das Buch nicht, aber es wird wahrscheinlich gut sein.
Ihr kennt Josia aus dem Alten Testament. Er ist ja in eine sehr schwierige Situation hineingeboren worden. Er wurde als König gekrönt im Alter von acht Jahren, und die politische Lage war alles andere als einfach. Es gab eine Machtverschiebung weg von Assyrien und Ägypten hin nach Babylon, eine Zeit, in der sehr viel politisches Geschick erforderlich war.
Aber Josia blickte tiefer. Er sah nicht nur die Oberfläche, nicht nur die Börse, nicht nur die Politik, sondern er erkannte, dass dahinter ein geistliches Problem steckte. Und so hat er die Götzenbilder, die Götzenstatuen, beseitigt. Er hat den Auftrag gegeben, den Tempel wieder zu reparieren, an dem nicht mehr gearbeitet worden war seit Hiskia. Und während dieser Reparaturen hat man im Tempel dann eine Kopie des Buches Mose gefunden.
Das brachte man zum König, und dann hat man ihm daraus vorgelesen. Und als der König diese Worte hörte, zerriss er seine Kleider und sagte: Denn groß ist der Zorn des Herrn, der entbrannt ist gegen uns, weil unsere Vorfahren nicht gehört haben auf die Worte dieses Buches und nicht nach all dem gehandelt haben, was für uns geschrieben steht.
Später offenbarte sich dann Gott der Prophetin Hulda und kündigte ein grimmiges Gericht an. Für Josia hatte Gott eine andere Botschaft. Weil sein Herz weich geworden ist, als er Gottes Wort hörte, und er sich vor dem Herrn gedemütigt hat, sollte er vor dem Unglück verschont werden.
Liebe Geschwister, wenn wir wollen, dass es in Europa einen geistlichen Aufbruch gibt, wenn wir wollen, dass die Gemeinde das Wort des Herrn bewahrt, dann muss die Bibel unser Leben und unsere Ausbildungsprogramme prägen. Dann muss das Wort Gottes in unserem Herzen Raum gewinnen und den Raum ausfüllen, in dem wir leben.
Sind wir Schüler der Schrift? Ist das Wort Gottes wirklich deine geistliche Nahrung? Wenn du ein Vorbild sein möchtest für die jungen Leute von heute, die irgendwann einmal Verantwortung übernehmen, dann sei ein Schüler der Schrift. Dann lass dein Leben von der Schrift geprägt sein.
Denken lernen und geistlich widerstehen
Ich komme zum dritten Punkt, den ich relativ kurz abhandeln werde. Es geht um das Einüben des christlichen Denkens. Der dritte Punkt ist also das Einüben des christlichen Denkens.
In Römer 1 lesen wir, dass der Abfall des Menschen im Denken begann. Das Denken der Menschen ist in Torheit verfallen, ihre Herzen wurden verfinstert. Der natürliche Mensch ist ein Rebell. Er will nicht hören, was Gott sagt. Er will, wie Luther das einmal formulierte, nicht, dass Gott Gott ist. Er lebt so, wie es die Kultur, in der er lebt, für angemessen hält.
Was hält denn unsere Kultur für angemessen? Der holländische Rechtsphilosoph Hermann Dooyeweerd hat gezeigt, dass die Rebellion gegen Gott gewaltige Auswirkungen auf die gesamte Kultur und den Wissenschaftsbetrieb hat. Die Gesellschaft wird von religiösen Leitmotiven bewegt, und diese Motive sitzen tiefer als unser theoretisches Denken. Diese Motive sitzen in unserem Herzen, sie sitzen in der Mitte unserer Kultur. Und diese Leitmotive unserer Kultur sind von einem Geist des Abfalls von Gott gezeichnet. Das Relative wird absolut gesetzt, und das, was absolut ist, wird relativiert.
Und dieser Geist prägt uns. Er dringt ein in unser Leben, in unser Denken. Und oft geschieht das sehr unmerklich. Also ich würde jetzt gerne mal so eine Excel-Tabelle hier aufführen. Also ich sage mal: Der durchschnittliche Fernsehverbrauch von konservativ lebenden Menschen liegt täglich bei drei Stunden. Und dann haben wir Christen in der Gemeinde, die schauen drei Stunden Fernsehen und nehmen sich vielleicht täglich fünf Minuten Zeit für Gottes Wort. Und das hochgerechnet über einen Zeitraum von vierzig Jahren. Es ist ganz interessant, das mal zu visualisieren, wie das dann aussieht.
Und wenn wir heute Fernsehen gucken, dann passiert etwas mit uns. Und wenn wir uns zwei Stunden pro Tag in Facebook bewegen, dann passiert etwas mit uns. Das verändert uns. Und wenn wir diesem Geist, dem wir dann Raum geben, nichts entgegenzusetzen haben, dann verändert dieser Geist unser Wesen. Er bekommt Raum in uns, er prägt uns, er bestimmt die Art und Weise, wie wir denken und wie wir leben.
In Römer 12 sagt Paulus, dass wir Christen uns gerade nicht den Maßstäben dieser Welt anpassen sollen, sondern dass wir uns von Gott umwandeln lassen sollen durch die Erneuerung des Denkens. Die Sprachkundigen wissen, dass das Wort, das Paulus dort benutzt, Gesinnung, Verstand, etwas mit dem Wort Bekehrung zu tun hat. Diese Worte sind voneinander abhängig, und Bekehrung heißt Umkehr im Denken.
Und wenn Bekehrung unser Denken nicht erreicht, dann fällt es uns schwer, als Christ froh und natürlich zu leben. Denn dann erleben wir den Anspruch Gottes als etwas Krampfartiges. Wenn wir aber unser Denken von Gott prägen lassen, indem wir auf Christus schauen, dann werden wir verwandelt. Dann bekommt unser Leben eine neue Ausrichtung.
Wenn das Evangelium unser Herz trifft, dann bekommt unser Verstand eine Heimat, und wir können mit diesem Verstand herausfinden, was Gott will. Wir können, wenn man so will, die geistlichen Sinne trainieren, so wie es im Hebräerbrief angesprochen wird.
Wir haben nicht zuletzt im Internet unerschöpfliche Quellen für das Einüben des christlichen Denkens. Wenn wir uns anschauen, mit welch bescheidenen Mitteln die Reformatoren gearbeitet haben, dann können wir blass werden. Und trotzdem gibt es erdrückende Belege dafür, dass wir uns sehr weit vom christlichen Denken entfernt haben.
Wichtige Schlagwörter sind hier Entertainment, Aufmerksamkeitsbindung, Seichtheit. In vielen Gemeinden gibt es keine Katechese mehr. Der biblische Unterricht wurde an den Rand geschoben, um mehr Platz für Unterhaltungsprogramme zu haben. Wir sind überreizt, unsere Aufmerksamkeit wird auf allen Kanälen gebunden, und das hält uns davon ab, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Und es lohnt sich einmal, den Blick in sehr weit verbreitetes Schulungsmaterial zu werfen. Viele für den postmodernen Menschen unbequeme Themen werden da einfach ausgeklammert. Wir müssen das Unterscheidungsvermögen trainieren. Und das gehört zu einer der großen Herausforderungen für die Ausbildung der neuen Generation.
Das Denken dieser Weltzeit hat die christliche Gemeinschaft tief imprägniert, uns in Beschlag genommen, und wir müssen jetzt lernen, das Denken in den Gehorsam gegenüber Christus zu überführen. Wir brauchen eine Erneuerung der Katechese auf gemeindlicher Ebene. Wir brauchen Ausbildungsgänge, die auf Herzensveränderung abzielen. Wir brauchen Programme für zukünftige Pastoren, die auf eine Herzensveränderung abzielen. Und wir brauchen für besonders begabte Menschen akademisch anspruchsvolle Programme, in denen im Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes gearbeitet und geforscht wird.
Geistliches Leben, Selbstverleugnung und echte Gemeinschaft
Ich komme zum letzten Punkt. Ich versuche, mich an die Zeit zu halten, auch wenn ich etwas später angefangen habe.
Wer mich kennt, der weiss, dass ich von Francis Schäffer geprägt bin. Francis Schäffer ist ein amerikanischer Evangelist und Apologet, der zusammen mit seiner Familie 1949 in ein schweizerisches Bergdorf zog, um missionarisch in Europa zu arbeiten. Er ist nun als Missionar in die Schweiz gezogen, und dort geriet er in eine ganz tiefe geistliche Krise, aus mindestens zwei Gründen.
Er litt darunter, dass in den Kreisen, in denen er sich bewegte, unglaublich viel gestritten wurde. Über dritt- und viertrangige Fragen. Der zweite Punkt war, dass in seinem eigenen Leben nichts mehr zu sehen war von der Freude Gott gegenüber, die er empfunden hatte, als er zum Glauben gekommen ist. Tatsächlich wurde er von erdrückenden Depressionen geplagt. So nahm er sich Zeit, und in Tagen des Ringens und Betens ging der Himmel wieder über ihm auf. Das war eine ganz, ganz schwere Zeit für ihn, und nicht nur für ihn, sondern auch für seine Frau Edith, die nicht wusste, wie das ausgehen würde.
Da bist du als Missionar irgendwo an der Front oder als Pastor in der Gemeinde und du weisst nicht, ob es Gott gibt. Das sind ja tolle Arbeitsbedingungen. Das war für Edith ganz, ganz schwierig.
Und Schäffer bemerkte damals, dass in der Theologenausbildung auf das geistliche Leben kaum Wert gelegt wurde. Er sah besonders bei Leuten, die im Dienst standen, im geistlichen Dienst, und sich brennend für das Reich Gottes einsetzten, die Gefahr, er schlug es so vor, dass sie Gott einen kalten Gottesdienst leisten. Dann hat er sich mit dem Thema Rechtfertigung beschäftigt, mit dem Thema Heiligung. Und er hat begriffen, dass es ohne geistliches Leben keinen lebendigen Gottesdienst gibt.
Zwei Entdeckungen Schäffers scheinen mir im Blick auf die Zukunft der Ausbildung ganz wichtig zu sein.
Die erste Entdeckung hat Schäffer als Negation bezeichnet, Negation, Verneinung. Wir sollten der Herrschaft der Dinge und unseres Ichs unser Nein entgegensetzen. Wir leben inmitten einer Welt, in der das Ich sich nichts versagt. Wir leben in einer Welt der Ich-Orientierung, des Selbstkultes. Der postmoderne, ichorientierte Mensch lebt leidenschaftlich danach, frei, spontan, unabhängig, ohne Begrenzung, durch Vor- und Massgaben selbstbestimmt leben zu können.
Ein Psychotherapeut hat das mal zusammengefasst, Rainer Funk. Er beschreibt die Ich-Orientierung wie folgt: Es gibt nichts, was es nicht gibt, und deshalb geht alles. Und alles, was geht, ist okay, und es gibt nichts, was nicht im Fluss wäre. Alles ist fliessend. Keiner hat das Recht zu sagen, was gut oder was böse ist, was richtig oder falsch, gesund oder krank, echt oder unecht, realitätsgerecht oder illusionär ist. Was zählt, ist allein die ichorientierte Erzeugung von Wirklichkeit, dass ich ich selbst bin.
Und Schäffer stellt dieser Ich-Orientierung das Kreuz entgegen. Christen, sagt er, sind sich selbst gestorben. Und das sagt nicht nur Schäffer, das sagt das Neue Testament. Habt ihr das schon mal gehört, im letzten Jahr in unserer Gemeinde, dass wir uns selbst gestorben sind? Wenn ja, dann seid ihr in einer guten Gemeinde.
Es gibt kein geistliches Leben, solange wir nicht bereit sind, Nein zu Sünde und manchmal auch Nein zu uns selbst zu sagen. Wir wollen beides haben. Wir wollen geisterfüllt leben, vollmächtig dienen, und wir wollen gleichzeitig nur das machen, was uns Freude macht. Und natürlich dürfen wir das machen, was uns Freude macht. Aber wir müssen bereit sein, das Ich an die zweite Stelle zu setzen. Der Herr ist Jesus Christus.
Ich-Orientierung und ein verheissungsvolles Leben in der Kraft des Heiligen Geistes sind nicht gleichzeitig zu haben. Schäffer sagt, das Kreuz des Christen ist voll von Splittern, da wir in diesem Leben von einem Geist umgeben sind, der dem Reich Gottes fremd ist. Aber wenn wir im Leben etwas von der Wirklichkeit echten geistlichen Lebens erfahren sollen, müssen wir täglich unser Kreuz auf uns nehmen. Der Grundsatz, Nein zum eigenen Ich zu sagen, muss meine Haltung zur Welt bestimmen, die im Stadium der Auflehnung gegen den Schöpfer verharrt.
Das hört kein Mensch gern. Die Reformation hätte es nicht gegeben, wenn Christen damals nicht genau gewusst hätten, dass die Selbstverleugnung zur Nachfolge Christi dazugehört. Ein Beispiel aus dem Kommentar eines Reformators zu Hebräer 4,10: Von dem Menschen, von dem Massstab, fromm und heilig zu leben, wenn von dem Massstab fromm und heilig zu leben gehandelt wird, muss man immer dabei einsetzen, dass der sich selbst gleichsam gestorbene Mensch Gott leben lässt, dass er ruht von seinen eigenen Werken, um Gottes Tun Raum zu gewähren, mit Christus gekreuzigt sein, Nein zu sich selbst sagen.
Wenn du geistlich leben willst, wenn du vollmächtig lehren willst, und wenn du jetzt vielleicht Student an einem theologischen Seminar vorherrschst, mal ein Prediger des Evangeliums zu sein, dann denke nicht, das geht ohne Selbstverleugnung. Dann denke nicht, du kannst das lernen, ohne dass es schwere Lektionen in deinem Leben gibt und du dein Ich an die zweite Stelle setzt. Das heisst, Jesus Christus ist Herr in deinem Leben.
Das zweite von Schäffer angeschnittene Thema ist die Liebe untereinander, die sich um Offenheit, Kritikfähigkeit, echte Kommunikation auf wirklich persönlicher Ebene bemüht. Wenn wir mal nachschauen, welche hohen Anforderungen die Reformatoren an zukünftige Leiter gestellt haben, dann können wir heute blass werden. Man kann das ab und zu mal nachlesen, was die alles können mussten. Heute sieht das oft ganz anders aus.
Ich habe Theologiestudenten kennengelernt, die noch sehr jung sind. Die hatten schon zehn Sexualpartner. Die haben harmonische Familienverhältnisse nie kennengelernt. In ihrer Gemeinde wurde zwar viel gemacht, aber wenig Wert auf eine biblische Verkündigung des Evangeliums gelegt.
Was brauchen solche Leiter? Sie brauchen erstens Vorbilder zum Anfassen, und hier sind wir selbst gefordert, geistlich zu leben und offen zu sein für diese jungen Christen, die wissen wollen, wie es weitergeht. Sie sind sehr misstrauisch, sie haben extrem sensible Antennen und spüren alles Unechte. Haben wir Acht auf die Lehre und auf uns selbst, seien wir ehrliche Vorbilder.
Sie brauchen streitbare Vorbilder. Es ist sehr wichtig, dass sie sich angenommen wissen, dass wir sie lieben, dass wir sie schätzen. Aber hüten wir uns vor einem romantischen Liebesverständnis, das auf jede Kritik verzichtet, weil sie wehtun könnte. Leiter brauchen Reibung, sie müssen sich mit Themen und mit Menschen auseinandersetzen. Und ich mache zunehmend die Erfahrung, dass junge Leute dankbar sind, wenn man sich ihnen mal in den Weg stellt und auch sehr konfrontativ sagt: Mensch, so geht das aber nicht.
Viele junge Leute, ich bin ja auch Lehrer für Seelsorge, und ich habe oft junge Leute im Gespräch, die haben von zu Hause aus keine Rückmeldung mehr bekommen. Die wissen gar nicht so richtig, wer sind sie eigentlich. Ihre Eltern haben sich mit ihnen nicht mehr auseinandergesetzt, haben nie mit ihnen darüber gesprochen, was sind ihre Gaben, was sind eher nicht ihre Gaben.
Und dann müssen wir uns mit solchen jungen Leuten auseinandersetzen: gemeinsames Bibelstudium, Besprechen von Büchern, das Gebet, gemeinsame Erfahrung bei missionarischen Einsätzen. Aber Achtung, nicht nur die geistlichen Dinge gemeinsam tun, ruhig auch mal gemeinsam Sport treiben, ins Kino gehen und dann über den Film sprechen. Wir sollten herzliche und streitbare Gegenüber für diese Kandidaten sein.
Wenn sie sich im geistlichen Dienst bewähren sollen, müssen sie Widerspruch aushalten. Ein Pastor, der von seiner Gemeinde nur gelobt und geliebt werden möchte, der wird dem rauen Wind des Alltags nichts entgegenzusetzen haben.
Und schliesslich brauchen zukünftige Leiter viel persönliche Kommunikation. Die jungen Leute von heute haben ja viele Freunde, also zumindest bei Facebook. Wenn man weniger als 250 hat, ist ja der Selbstwert noch nicht besonders hoch. Das geht dann in den grünen Bereich, wenn man mehr als 500 Freunde hat. Ego online, ergo sum.
Und trotzdem sind viele junge Leute wirklich sehr, sehr einsam. Und auch Mitarbeiter in den Gemeinden sind einsam. Sie werden gebraucht für viele Dienste, sei es Musik, sei es Kinderarbeit, sei es irgendetwas anderes. Mit zukünftigen Leitern müssen wir eine Atmosphäre der sehr ehrlichen, echten Kommunikation aufbauen, und das kann manchmal etwas kosten. Es kann bedeuten, dass du vielleicht mal drei Monate jemanden bei dir zu Hause aufnimmst und mit dem gemeinsam frühstückst und Abend isst und dich ganz intensiv mit ihm auseinandersetzt.
Aber hier sind wir sehr gefordert, und ich glaube, das Beste, was wir neben der gesunden Theologie und wichtigen geistlichen Impulsen den Leuten mit auf den Weg geben können, ist eben das gemeinsame Leben, dass wir es einüben. Da bin ich wieder bei Bonhoeffer, er hat ja mal ein bekanntes Buch geschrieben: Gemeinsam leben. Es geht darum, dass wir ihnen die Oasen geben, wo sie lernen können, mit Verantwortung, die sie im Leben bekommen, auch verantwortlich umzugehen. Sie werden es dankbar annehmen.
Schlussgedanken für Ausbildung und Leitung
Ich komme zum Schluss und will noch einmal ganz kurz zusammenfassen: die Ausbildung der nächsten Generation. Strategische und methodische Überlegungen sind sehr, sehr wichtig. Ich sehe den Handlungsbedarf aber vor allem in vier eher grundsätzlichen geistlichen Bereichen.
Erstens: Das höchste Ziel des Menschen ist es, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen. Dies allein, zur Ehre Gottes, sollte für die Ausbildung zukünftiger Leiter wieder der alles bestimmende Fokus sein. Es geht nicht um uns, es geht um unseren Herrn Jesus Christus.
Der zweite Punkt: Die Ausbildung zukünftiger Pastoren und Missionare muss eine Ausbildung mit und unter dem Wort sein. Entscheidend ist eben nicht, was wir über Gott denken, sondern was Gott über uns denkt. Christliche Theologie ist Offenbarungstheologie, also hören wir auf das, was Gott sagt. Gott hat klar gesprochen. Und wenn wir das wollen, dann können wir das auch verstehen. Gott hat manches und vieles so klar gesagt, klarer hätte er es gar nicht sagen können. Das Problem ist: Wir wollen es nicht verstehen. Wir wollen lieber so leben, wie wir es für richtig halten.
Der dritte Punkt: das Training des geistlichen Unterscheidungsvermögens. Der Geist dieser Weltzeit bindet unsere Aufmerksamkeit. Er trübt unseren Blick wie der Londoner Nebel. Das Denken der Christen muss in den Gehorsam gegenüber Christus überführt werden, 2. Korinther 10,5.
Der vierte Punkt: Ohne geistliches Leben kein Durchbruch, kein nachhaltiger Aufbruch. Wir sind hier gefordert, selbst Vorbilder für die jungen Leute zu sein. Leben wir unter der Herrschaft von Jesus Christus, seien wir nahbar. Lassen wir junge Leute an unser Leben heran, seien wir für sie da, ermutigen wir sie, ihr Vertrauen auf Jesus Christus zu setzen, und achten wir darauf, dass wir keinen toten oder kalten Gottesdienst leisten.
Ich danke für die Aufmerksamkeit.
