Serie•Teil 5 / 21Jesus
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Einleitung und Ausgangspunkt der Reihe
Mein Name ist Jürgen Fischer, und ich werde jetzt eine Predigt halten. Für alle, die zum ersten Mal da sind: Wenn noch Fragen zu der Predigt offen bleiben, die nicht auf dem kleinen Zettel beantwortet werden, dann sprecht mich danach einfach an, okay?
Gut, wir stecken in einer Reihe von Predigten, und diese Reihe heißt Jesusreihe. Unser Titel heute ist wahrscheinlich für den einen oder anderen ein bisschen irritierend: Jesus und das Christentum.
Ich hatte das ja schon letzte Woche angekündigt, als ich darüber gesprochen habe, dass Jesus uns seine Herrlichkeit schenken will. Diesmal soll es um das Zentrum des Glaubens gehen. Also: Gott wird Mensch, und der Mensch Jesus von Nazaret offenbart uns Gottes Charakter. Das heißt: Wer wissen will, wie Gott ist, der muss sich mit Jesus beschäftigen.
Aber das war das vom letzten Mal. Jesus bleibt nicht dabei stehen, dass er den Charakter Gottes einfach offenbart. Sein Ziel besteht vielmehr darin, dass wir als Gläubige, wenn wir uns mit seinem Wort beschäftigen und wenn wir uns auf einen Prozess einlassen, den die Bibel Heiligung nennt, in dem wir das Falsche aus unserem Leben rausschmeißen, ganz praktisch in Lebensveränderung einsteigen. Am Ende sollen wir immer mehr so werden, wie Jesus selbst ist.
Das war letztes Mal quasi der Teaser für die Predigt von heute: Jesus und das Christentum.
Was aus Glauben geworden ist
Jetzt ist das erst einmal ein ganz komischer Titel. Deshalb muss ich eines vorausschicken:
Wenn ich heute Nachmittag das Wort Christentum verwende, dann verwende ich den Begriff nicht positiv. Okay, habt ihr? Nicht positiv. Eigentlich sollte Christentum etwas Positives sein. Aber ich glaube, dass in den letzten 2000 Jahren etwas passiert ist, was einfach nicht hätte passieren dürfen. Und es passiert leider auch genau in Gemeinden hier wie den unsrigen, also in Gemeinden und Kirchen, die sich für bibeltreu halten und deswegen auch Themen wie Gebet, Heiligung, Evangelisation und Bibelstudium ernst nehmen und immer wieder aufgreifen.
Es passiert, dass ich manchmal den Eindruck habe, in uns Menschen steckt so ein Denkfehler drin. Der ist ganz tief eingebaut. Und was ich meine, ist dieses: Wir haben aus dem Christsein – und jetzt merkt ihr schon, das sind die beiden Begriffe, die ich heute gegeneinander halte: Christentum und Christsein – und eigentlich Christsein, wir haben aus dem Leben mit Gott und dem Leben für Gott eine Religion gemacht.
Jetzt denkt ihr vielleicht: Na, was hätten wir sonst daraus machen sollen, einen Kartoffelsalat? Ja, und ich verstehe euch, wenn ihr das denkt. Aber bitte versucht mal kurz, mich zu verstehen.
Es gibt, ich weiß nicht wie viele, Religionen auf der Erde, und alle werden durch ein und dieselbe Idee miteinander verbunden. Und das ist die Idee der Gebote und der Verbote. Also: Eine Religion hat Gebote und Verbote. Die sehen dann je nach Religion ein bisschen anders aus, aber klar ist: Zu einer Religion gehöre ich dann, wenn ich ihre Regeln einhalte.
Ich war vor kurzem auf einer Internetseite, die sich mit dem Islam beschäftigt, und dort wurden 32 Gebote aufgezählt. Und dann stand da, Zitat: Jeder, der diese Pflichten einhält, ist ein guter Muslim.
Und die Frage, die ich mir stelle: Kann es sein, dass wir im Blick auf das Christsein dasselbe denken, nur dass wir die 32 Pflichten des Islam durch die Gebote der Bibel ersetzen? Ein guter Christ, das ist einer, der die Gebote hält. Ist es das, was wir glauben? Denn wenn wir das glauben, dann irren wir uns.
Das Halten der Gebote macht noch keinen guten Christen. Und ich glaube, es ist total wichtig, dass wir unseren Kindern nicht den Eindruck vermitteln, dass es beim Christsein vor allem darum geht, anständig zu sein und die christlichen Regeln einzuhalten.
Und dass mich jetzt niemand falsch versteht: Ich bin über Nacht nicht liberal geworden. Ich bin sehr dafür, dass wir die Ordnungen Gottes halten, wirklich sehr. Aber ich bin total dagegen, und ich glaube, dass Jesus total dagegen war, dass wir aus dem Christsein eine Religion wie all die anderen machen, nur dass unsere Regeln halt aus der Bibel stammen und nicht aus irgendeiner anderen Heiligen Schrift.
Was ist das Zentrum unseres Glaubens? Und jetzt werde ich etwas sagen, was sich für den einen oder anderen vielleicht erstmals komisch anhören wird: Aber das Zentrum unseres Glaubens ist nicht ein Buch. Ganz wichtig: Das Zentrum unseres Glaubens ist kein Buch, sondern eine Person. Und das mag uns völlig klar sein, aber haben wir wirklich auch begriffen, was das bedeutet?
Regeln oder Beziehung
Dreht sich unser Leben um Regeln, also zuallererst um das, was ich einmal ein effektives Sündenmanagement genannt habe? Ist das das, was Regeln wollen? Dreht sich unser Leben als Christ zuallererst um ein effektives Sündenmanagement, oder dreht es sich um Jesus?
Ist ein guter Christ einer, der wenig sündigt? Und wenn er das vielleicht nicht so schafft, dann wenigstens aufrichtig seine Sünden bekennt und im Kampf gegen die Sünde nicht nachlässt. Ist das ein guter Christ? Ist das unsere Definition eines guten Christen?
Denn wenn ja, dann verpassen wir das Wesentliche. Dann benutzen wir Jesus wie einen toten Religionsstifter, der uns irgendwie seine Regeln hinterlassen hat, Regeln, an die wir uns möglichst treu halten. Aber wir sehen dann in Jesus nicht den Lebendigen, den, der durch seinen Geist in uns leben will. Vielleicht noch ein bisschen radikaler, da möchte ich heute eigentlich hin: den, der sein Leben durch uns hindurch leben will.
Ich möchte euch klarzumachen versuchen, worum es mir heute geht: Christentum, eine Religion mit Regeln; Christsein, eine lebendige, eine zutiefst lebendige Beziehung mit dem auferstandenen Jesus von Nazareth, der in uns leben will, so wie es in Galater 2,20 heißt. Aber bevor wir dahin kommen, möchte ich euch Lukas 9,23 vorstellen.
Der Kern von Nachfolge
Lukas 9,23: Was ist der Kern des Christseins? Und da heißt es dann in Lukas 9,23: Er sprach aber zu allen: Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz täglich auf und folge mir nach.
Wisst ihr, ich habe diesen Vers früh in meinem Christenleben auswendig gelernt. Ich finde ihn nach wie vor toll, weil er den Kern des Anspruchs, den Jesus an unser Leben hat, so gut umreißt: Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz täglich auf und folge mir nach.
Vor Kurzem ist mir aufgefallen, dass ich den Vers vielleicht anders erwartet hätte, wenn man mich gefragt hätte: Jesus, was ist so das Wichtige? Ich finde es spannend, dass Jesus das so formuliert. Ich hätte wahrscheinlich erwartet, dass Jesus Folgendes sagt: Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz täglich auf und halte meine Gebote. Klingt das nicht richtig gut? Aber das steht da nicht.
Da steht nicht: Wenn jemand mir nachkommen will, dann halte meine Gebote. Hier steht nicht, dass Jesus von einem Jesusnachfolger verlangt, dass er seine Gebote hält. Das machen wir gerne aus unserem christlichen Verständnis heraus. Aber was hier steht, ist: Jesus hätte gerne drei Dinge in unserem Leben.
Erstens, dass wir uns selbst verleugnen. Ein Christ ist einer, der sich nicht mehr um sich selbst dreht. Mein Leben ist nicht mehr mir selbst superwichtig, ich bin bereit, für eine andere Sache zu leben. Ich verleugne mich selbst.
Zweitens: Ich nehme mein Kreuz auf. Und das heißt nicht, ich habe ab und zu ein paar Schwierigkeiten. In der damaligen Zeit war das anders. Wenn jemand sein Kreuz trug – ihr wisst, das Kreuz, da wurde man drangenagelt und umgebracht –, dann hat man den gesehen und gewusst: Der hat mit seinem Leben abgeschlossen. Der erwartet eigentlich von diesem Leben nichts mehr. Der ist eigentlich tot. Das ist das, was Jesus hier sagen will.
Und der dritte Punkt: Der folgt Jesus nach. Und damit wird klar: Im Zentrum meines Lebens mit Gott steht Nachfolge. Im Zentrum steht keine Sammlung von Regeln, Geboten und Verboten, und zwar egal, wie christlich die auch sein mögen, sondern im Zentrum meines Glaubens steht eine Person. Eine Person, die lebt. Eine Person, die durch mich hindurch leben will.
Und das ist das Besondere am Christsein. Das ist das, was Christsein von allen anderen Religionen unterscheidet. Alle Religionen geben dir ihr Set an Regeln, und Jesus sagt: Ich gebe dir etwas viel Besseres, ich gebe mich. Und wenn du mich nicht haben willst, dann kannst du leben, wie du willst – auch als Christ, auch christlich –, aber du bist kein Christ. Es ist so unglaublich radikal.
Christus in uns
Jetzt kommen wir zu Galater 2,19b-20. Da sagt Paulus, der große Apostel: Ich bin mit Christus gekreuzigt. Dieses Ich lebe gar nicht mehr. Ich habe meinen Anspruch, dieses Selbstverleugnen, dieses Kreuz auf sich nehmen, ich habe das gemacht. Ich bin mit Christus gekreuzigt, es gibt mich nicht mehr. Die alten Ideen vom Leben, die ich hatte, die sind Vergangenheit. Ich habe mich da auf etwas ganz Neues eingelassen. Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich. Wahnsinn: Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.
Versteht ihr? Das ist Christentum: Christus lebt in mir. Nicht ich habe mich entschieden, ein paar christliche Regeln zu adoptieren, weil ich sie cool finde, weil ich denke: Okay, so in der Summe der Möglichkeiten ist das eigentlich ganz nett, auch moralisch hochstehend und hat ganz praktisch in der Kulturgeschichte wirklich am meisten gebracht. Sondern ich habe angefangen, einen Raum dafür zu schaffen, dass ein anderer durch mich hindurch sein Leben lebt. Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.
Galater 4,19: Der gleiche Autor Paulus schreibt an andere Christen: Meine Kinder, um die ich abermals Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt gewinnt. Ist das der Hammer? Bis man Christus in euch sieht.
Noch ein anderer Vers, 2. Korinther 3,18. Das sind Standardverse, die ihr in der Reihe immer wieder kriegen werdet. Dort sagt er: Wir schauen mit aufgedecktem Angesicht. Also ohne dass da zwischen uns und dem, was wir anschauen, etwas dazwischen wäre, schauen wir mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und werden so, indem wir diese Herrlichkeit anschauen, den Charakter Jesu anschauen, verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit. Es wird immer herrlicher in unserem Leben, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn, dem Geist, geschieht.
Der Heilige Geist will uns verwandeln. Jesus möchte in uns Gestalt gewinnen. Er möchte, radikaler geht es nicht, sein Leben durch uns hindurchleben.
Was geistliches Leben wirklich meint
Solange du Christsein noch so definierst: Ich lebe mein Leben plus ein paar christliche Regeln obendrauf, also jetzt mache ich halt das, was in der Bibel steht, so nach dem Motto: zehn Gebote mäßig, hast du noch null verstanden, was Christsein ist. Null. Du bist noch nicht einmal in die Idee eingetreten.
Christsein heißt: Du bist noch lange beim Thema Christentum. Du versuchst ein bisschen, Kulturgeschichte zu imitieren, aber mehr nicht. Geistliches Leben ist Leben, das sich nicht zuerst um ein effektives Sündenmanagement dreht, sondern darum, so zu werden wie Jesus. Und klar: Wenn du den Charakter Jesu imitieren, wenn du ihn inkarnieren, ja, Fleisch werden lassen möchtest, wenn du sagst: Man sieht mich, und er lebt durch mich, Jesus, wenn du das möchtest, klar, dann fliegen die Sünden raus. Logisch. Wir können nicht Jesus imitieren, der ohne Sünde war, und selbst sündigen. Das geht natürlich nicht.
Johannes der Apostel bringt das gut auf den Punkt. Er sagt in 1. Johannes 2,6: Wer sagt, wer behauptet, dass er in ihm, in Jesus, bleibt, also wenn jemand sich hinstellt und sagt: Ich bin Christ, ich bin ein Nachfolger Jesu Christi, ich lebe in dieser persönlichen, intimen Beziehung mit dem lebendigen Gott, wer sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist.
Logisch, du kannst nicht sagen: Ich lebe mit Jesus, aber irgendwie interessiert mich eigentlich gar nicht, wie er gelebt hat. Man muss sich entscheiden. Denn Nachfolge ist etwas so Radikales. Was steht hier? Dass er schuldig ist, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist. Merkt ihr, das geht weit darüber hinaus, zu sagen: Halte die Gebote. Nein, das ist Leben. Wir imitieren Leben, wir wandeln, wie er gewandelt ist. Das ist Nachfolge.
Nachfolge heißt, da ist einer, der läuft vor, und ein anderer läuft hinterher. Versteht ihr? Das ist Nachfolge. Nachfolge heißt: Einer läuft vor mir her, in dem Fall Jesus. Und ich schaue an, wo der hinläuft. Ich schaue an, wie der Dinge tut. Und dann schaue ich mir an, wie der seinen Tag gestaltet, wo er seine Prioritäten hinlegt, was ihm wichtig ist, wie er mit Menschen umgeht, was er gar nicht mag. Ja, und ich folge ihm.
Nicht: Ich schaue mal, ob ich ein paar schöne Regeln finde, die er irgendwann mal aufgestellt hat, und dann versuche ich, irgendwie diese Regeln auswendig zu lernen. Und ich bin fürs Auswendiglernen von Bibelfersen, keine Frage. Und dann bleibe ich irgendwie dabei stehen: Ich habe so viele Bibelfersen auswendig gelernt, jetzt bin ich ein heiliger Christ. Quatsch.
Nachfolger heißt: Ein anderer, nämlich Jesus, geht einen Weg, und ich laufe ihm hinterher. Ich habe aufgehört, meinen Weg zu gehen. Ich folge ihm. Er ist mein Idol, mein Vorbild. Mein Leben ist ein bisschen Biologie, darf ja auch nicht fehlen bei einer Predigt: eine symbiotische Beziehung. Wisst ihr, was eine symbiotische Beziehung ist? Da leben zwei miteinander, und du weißt gar nicht, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Das ist das, was ich mit Jesus habe.
Und er ist in dieser Beziehung die Nummer eins, weil sonst bist du kein Christ, was auch immer du sein magst.
Jesus wirklich kennenlernen
Was steht im Zentrum von Nachfolge? Im Zentrum von Nachfolge steht: Ich muss Jesus kennen.
Werner und ich haben im Urlaub ein Buch gelesen. Das fand ich total lustig. Es heißt „Von Jesus reden“, Untertitel: „Die Kunst des Nicht-Evangelisierens“. Total spannend.
Ja, also, ich bin nicht derjenige, der gerne auf Leute zugeht und mit ihnen über Jesus redet. Das ist eher so etwas wie das, was ihr gestern gemacht habt, da in die Höhle des Löwen. Ja, und ja, also, was ich mache, ist: Er geht da hin und sagt, ich habe da Leute, die wollen in der Bibel lesen. Ja, da bin ich dabei. Ja, aber nur dieses von mir.
Und das Buch hat mir so gefallen: die Kunst des Nicht-Evangelisierens, die Kunst, begeistert zu sein, einfach von Jesus. Und zu sagen: Weißt du was, ich habe keine Ahnung, was das mit dem Christentum ist. Ich kann dir nicht sagen, wie das mit der Inquisition und den Kreuzzügen und all dem ist, keinen blassen Schimmer. Will ich auch nicht verteidigen, hat mit mir auch nichts zu tun. Aber eins kann ich dir sagen: In meinem Leben habe ich ein paar Erfahrungen gemacht. Und witzigerweise lebt Jesus sein Leben durch mich. Und davon kann ich dir erzählen. Ich kann dir davon erzählen, was er in meinem Leben gemacht hat, was er heute noch tut. Darf ich dir davon erzählen?
Das kann ich machen, weil Jesus ja sein Leben durch mich lebt. Das ist ja ganz lebendig.
Und um so etwas zu können, und das zitiere ich jetzt mal, schlägt der Autor Karl Mediaris drei Schritte vor, wie man jemand wird, in dem Jesus lebt. Und ich habe das einfach gelesen und dachte mir: Amen, ja, ja, genau, ja.
Ich weiß nicht, ob ihr das auch kennt: Man liest ein Buch, in dem jemand endlich mal etwas schreibt, und man denkt: Ach ja. Also nicht so, dass du sagst: Oh, das ist mir ganz neu. Sondern andersrum: Ja, das wusste ich schon, das habe ich schon gelebt, und endlich mal schreibt es einer auf.
Drei Wege, in dieser Beziehung zu wachsen
So, drei Schritte: Wie macht man das, dass Jesus in mir lebt?
Punkt eins: Wir lernen Jesus kennen, wenn wir viel über ihn lesen. Damit Jesus in mir leben kann, muss ich ihn ja irgendwie kennenlernen. Wie kriege ich ihn? Ja, ich muss viel über ihn lesen. Deswegen gibt es auch die Bibel, das Neue Testament, gerade die Evangelien.
Ich finde es einen interessanten Trend unter Christen, gerade auch unter evangelikalen Christen, dass man sich viel mit den Briefen in der Bibel beschäftigt und relativ wenig mit den Evangelien. Dabei ist es doch so: In den Evangelien redet Jesus. Das ist der Chef, der da den Mund aufmacht. Und in den Briefen stehen eher so etwas wie Ausführungsvorschriften der Angestellten. Es müsste doch eigentlich andersherum sein.
Wenn du sagst: Jürgen, ich möchte das, was du mir hier vorstellst, leben. Ich möchte wissen, wie das ist, dass Jesus sein Leben durch mich hindurch lebt. Das Erste, was du tun musst, ist: Du musst viel Evangelien lesen. Du musst Jesus wirklich kennenlernen. Bibel, Spaß, Matthäus, Markus, Lukas, Johannes. Wie hat er gelebt?
Und du wirst feststellen: Es wird dich an deine Grenzen führen. Deshalb lesen wir auch gerne die Briefe, weil sie uns noch irgendwie nachvollziehbar sind. In den Briefen schreiben Menschen Menschliches, in den Evangelien schreiben Menschen Göttliches auf. Und so manches Mal stehst du nur da, schüttelst den Kopf und sagst: Herr, ich verstehe gerade gar nichts. Und das ist gut so.
Denn wenn wir Gott begegnen, dann darf er unseren Intellekt ein bisschen überstrapazieren. Das ist nicht schlimm, weil er möchte, dass wir ihn kennenlernen und über ihn nachdenken.
Punkt eins: Wenn du sagst, ich möchte, dass Jesus sein Leben durch mich hindurch lebt, ich möchte ihn kennenlernen, lies Evangelien.
Punkt zwei: Wir lernen Jesus kennen, wenn er in uns leben darf, und zwar nicht als eine Idee, sondern als Person. Wir sind als Christen nicht Träger einer Jesus-Ideologie, so wie Lenin. Wir haben jetzt 2017, vor hundert Jahren war die russische Revolution, da ist Lenin mit seiner kommunistischen Ideologie in einem Güterwagen Richtung Moskau gefahren und hat da etwas angezettelt. Und jetzt denken manche: Ja, bei uns ist das genauso, wir bringen hier eine Ideologie mit. Nein, nein!
Wir lernen Jesus kennen, wenn er in uns leben darf. Ich habe euch das in den Notizen zur Predigt abgedruckt. Deswegen schreibt Karl Mediaris dazu oft, manchmal mehrere Male am Tag, frage ich mich: Wenn Jesus gerade mein Leben leben würde und das täte, was ich gerade tue, würde ihm gefallen, was ich tue, oder täte er etwas anderes?
Und dafür ist es notwendig, ihn zu kennen. Was würde er durch mich jetzt tun, da er in mir lebt? Wenn das irgendeine Realität ist, was würde Jesus jetzt tun? Und ich habe das dann ergänzt: Und hätte er das, was ich vorhabe, überhaupt getan? Ja, oder vielleicht etwas ganz anderes.
Das ist so ein gewaltiger Gedankengang, mehrmals am Tag darüber nachzudenken: Okay, ich bin jetzt hier in der Situation. Hätte Jesus genau das Gleiche gemacht oder vielleicht etwas ganz anderes? Einfach nur die Frage einmal zu stellen.
Und ein dritter Punkt: Wir lernen Jesus kennen, indem wir üben, das zu tun, was er getan hat. Dieser Punkt geht noch ein bisschen über Punkt zwei hinaus. Punkt eins: Wir lernen ihn kennen. Punkt zwei: Wir überlegen, was hätte er in einer bestimmten Situation getan. Punkt drei: Wir haben ja viele Beispiele, was er getan hat.
Und auch wenn zwischen seinem Leben und unserem Leben zweitausend Jahre liegen, unser Leben ist von Dingen geprägt, die es damals bei Jesus noch nicht gab. Es gab noch kein Internet, noch keine Fernreisen, noch nicht diese Langeweile, noch nicht dieses Selbstverwirklichungsding. Es gab das alles nicht. Aber es gibt Berührungspunkte zwischen seinem Leben und unserem Leben.
Und manchmal müssen wir uns vielleicht einfach nur trauen, in einer bestimmten Situation, wo ich den Eindruck habe: Die ist ja genau so wie damals bei Jesus. Vielleicht müssen wir uns einfach nur trauen, in dem Fall genau das zu tun, was Jesus getan hat.
Und ihr merkt: Das ist eigentlich der Leitgedanke hinter dieser ganzen Predigtreihe. Jesus so gut kennenzulernen, dass wir nicht nur Gebote abarbeiten, sondern einen Charakter imitieren können.
Die Radikalität der Entscheidung
Und jetzt stell dir vor, du würdest die Radikalität dieser drei Punkte glauben: dass du sagst, ich möchte Jesus studieren, darüber nachdenken, was er wollen würde, und ihn imitieren. Stell dir vor, du würdest nicht mehr glauben, dass du dein Leben lebst. Ja, ich bin mit Christus gestorben.
Stell dir vor, du würdest nicht mehr glauben, dass du dein Leben lebst und es dir darum geht, Gebote zu halten, um ein guter Christ zu sein. Sondern stell dir kurz vor, wie sich das anfühlen würde, wenn du glauben könntest, dass jetzt in diesem Moment – und vielleicht müsst ihr dazu die Augen schließen, ich weiß es nicht, es kommt auf eure Vorstellungskraft an – in diesem Moment nicht mehr du hier auf dem Stuhl sitzt, sondern dass es eigentlich darum geht, dass er sein Leben durch dich leben möchte.
Stell dir das vor. Wie radikal ist das denn? Was, wenn es beim Christsein nicht um die Frage geht: Was darf ich, was darf ich nicht? Sondern wenn es darum gehen würde, dass Jesus sein Leben möglichst ungehindert durch mich hindurch leben kann?
Ich habe versucht, ein Bild dafür zu finden. Gebote und Verbote, also die Regeln, sind dann, wenn wir das glauben, wie Leitplanken auf der Autobahn. Sie markieren Grenzen. Gebote und Verbote markieren Grenzen, Denkgrenzen, über die ich nicht hinaus darf. Wenn Gott etwas verbietet oder gebietet, dann gilt das. Das ist eine Denkgrenze. So wie Leitplanken auf der Autobahn.
Aber nur weil ich auf der Autobahn nicht ständig in die Leitplanken krache, bin ich noch kein guter Autofahrer. Ein Christ, der denkt, dass es im Christentum darum geht, Regeln zu halten, ist wie ein Autofahrer, der denkt, dass es beim Autofahren nur darum geht, nicht in die Leitplanken zu krachen. Nein, Autofahren ist mehr als vom Weg abzukommen, und Christsein muss mehr sein als nicht zu sündigen.
Wer aus Christsein Christentum macht, eine Religion, der es um Regeln geht, der ist eigentlich im Grunde seines Herzens noch dabei, sich Gott vom Leib zu halten. Der will nicht, dass Jesus in ihm lebt. Für den sind Regeln, wie für jeden guten Pharisäer, ein gutes Mittel, um sich selbst einzureden, dass alles gut ist, wo in Wirklichkeit nichts gut ist.
Die entscheidende Frage am Ende
Und so möchte ich am Ende der Predigt noch einmal eine Frage stellen, die wir schon leicht anklingen lassen haben. Die Frage lautet: Wer sitzt vor mir, wenn ich dich anschaue? Wer sitzt da eigentlich? Also: Warum und in welcher Haltung bist du heute hierher gekommen?
Es gibt zwei Alternativen. Entweder bist du heute hier, weil du entschieden hast, heute zu kommen. Vielleicht freust du dich auf die Zeit, vielleicht auch nicht. Aber du bist hier, nicht Jesus. Und wenn ich davon spreche, dass Jesus in dir lebt, dann weißt du eigentlich gar nicht so genau, wovon ich rede, weil du es gewohnt bist, dein Leben selbst zu leben. Du sitzt auf dem Thron. Du bist der König deines Lebens. Und vielleicht ist noch etwas Platz für einen christlichen Anstrich, ein paar christliche Regeln.
Aber sobald Jesus dir zu nahe kommt und deine Komfortzone überschreitet, wird es schnell deutlich. Und das können ganz banale Sachen sein. Das kann damit zusammenhängen, dass Jesus sagt: Hey, ich würde dich gerne jeden Sonntag hier sehen. Oder: Ich würde gerne, wenn hier Lobpreis ist, dass du laut mitsingst. Oder: Ich würde gerne, dass du aufhörst, schlecht über Geschwister zu reden. Hey, ich würde mich freuen, dass du anfängst, deinen Arbeitskollegen vom Evangelium zu erzählen. Das können banale Sachen sein. Aber sobald die Komfortzone erreicht ist, wird immer ganz schnell klar, wer eigentlich das Sagen hat. Dann wird nämlich gemacht, was du willst, Bibel hin oder her. Und die Idee, dass ein anderer dein Leben lebt, dass ein anderer sein Leben durch dich hindurch lebt, ist dir zutiefst suspekt.
Das ist die eine Alternative. Das ist Religion.
Und dann gibt es eine zweite Alternative, und das ist Christsein: Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir. Ich gehe nicht zum Gottesdienst, weil ich will, oder weil ein Gebot mich zwingt, oder weil ein Ältester, also ein Gemeindeleiter, sonntags nicht fehlen darf. Diese drei Dinge motivieren mich persönlich nicht, zum Gottesdienst zu gehen. Sondern ich bin hier, weil ich mir die Frage stelle, wie das Leben aussehen würde, wenn Jesus durch mich leben würde. Das ist die einzige Frage, die mich interessiert.
Und da sind Gebote vielleicht ein Richtungsweiser, ja. Von mir aus ist das mit Sicherheit hilfreich. Es sind Denkgrenzen, habe ich schon gesagt. Aber ich bin hier, weil ich mir die Frage stelle, wie das Leben aussehen würde, wenn Jesus durch mich leben möchte. Ich frage mich: Wie würde Jesus im Gebet einen Gottesdienst vorbereiten? Wie würde er, wenn wir zusammen sind, den Geschwistern in Liebe begegnen? Mit welcher Leidenschaft würde er mitsingen, um Gott zu ehren? Wofür würde er nachher in der Gebetsgemeinschaft beten? Wie würde er nach dem Gottesdienst auf neue Leute zugehen, um sie zu integrieren? Wie würde er sich über Kinder freuen? Das hatten wir schon so ein bisschen in der Reihe. Da wird es noch mehr Themen geben. Wie würde er sich über Kinder freuen, wie würde er sie segnen, wie würde er ermutigen, vielleicht auch mal kritisch hinterfragen? Wie banal wären seine Gespräche beim Kaffee? Wie viel Interesse hätte er an den Nöten anderer? Wie leicht fällt es ihm, darüber hinwegzusehen, wenn man seine eigenen Bedürfnisse ignoriert?
Das sind meine Gedanken. Ich frage mich, wenn ich hier bin und ich ja eigentlich gar nicht da bin: Wie würde Jesus sein Leben durch mich hindurch leben wollen? Und das ist das Einzige, was mich wirklich motiviert und antreibt. Alles andere ist Religion.
Und ich weiß nicht, was du denkst, wenn du vielleicht nach dem Gottesdienst dich schnell wieder auf den Weg machst. Ist das so ein Denken: Boah, geschafft, abgehakt, gutes Gewissen, Leistung erbracht, ja, jetzt wissen alle, ich bin ein guter Christ, ja, jetzt ärgert sich der Jürgen nicht, wenn ich nicht zum Gottesdienst komme, ja, irgendwie sowas? Ich weiß nicht, was du denkst, aber ich wünsche dir von Herzen diese andere Sicht. Ich wünsche sie dir.
Schlussappell und Einladung
Warum hat das Christentum in Deutschland, oder warum hat Christsein in Deutschland, keine Chance? Meine Antwort ist ganz einfach: weil es eine Religion geworden ist. Das ist das Problem mit Christsein oder dem Christentum in Deutschland. Wir haben es im Großen und Ganzen zu einer Religion gemacht.
Und eine Religion bringt Gesetzlichkeit. Eine Religion bringt Halbheit. Sie bringt Heuchelei hervor, aber kein Leben.
Ich will leben. „Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es im Überfluss haben“, das sagt Jesus, der gute Hirte. Ich weiß nicht, was du willst, aber ich kann es dir für mich sagen: Ich will leben. Ich will Jesus leben. Ich will, dass er sichtbar wird, dass seine Leidenschaft mich packt und dass seine Idee von Christsein mein eigenes Leben durchdringt.
Ich will ihn studieren. Ich will darüber nachdenken, was er wollen würde. Und dann will ich ihn imitieren. Ich will ihm folgen.
Und die Frage ist: Kommst du mit? Kommst du mit Jesus nach? Dann sagst du: Ja, das ist genau das Richtige, Jürgen. Oder sagst du vielleicht sogar, was noch schöner wäre: Was für eine blöde Predigt, das wusste ich doch alles schon. Das ist doch klar. Man kann doch gar nicht anders Christsein leben. Hey, Halleluja.
Aber vielleicht sitzt du auch hier und bist erschrocken und denkst: Wie, es geht nicht um Regeln? Dann komm auf die zu, die das verstanden haben, und lass dir ein bisschen was von diesem Leben, von dieser Gottesgüte schmecken, von diesen Dingen erzählen. Damit du dich aufmachst und sagst: Hey, ich will mehr. Ich möchte ein Nachfolger Jesu werden und will das wirklich wagen. Amen.
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