Serie•Teil 13 / 16(Negative) Gefühle
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Einführung in die Reihe und das heutige Thema
Jürgen Fischer, und ihr habt das unwahrscheinliche Glück, in eine Predigtreihe einzusteigen, in der wir schon gefühlte dreizehn Predigten hinter uns haben. Von daher kann es sein, dass es im Moment ein bisschen schwierig ist, da einfach reinzukommen.
Aber es ist eigentlich eine ganz einfache Predigtreihe, bei der man jede einzelne Predigt auch für sich sehen kann. Es ist eine Predigt über negative Gefühle. Übrigens ist es eine Predigtreihe, die langsam zu Ende geht. Es ist immer so, dass wir einzelne Gefühle im Doppelpack behandelt haben. Beim letzten Mal waren es sogar drei, aber das war ein Ausrutscher und nicht so geplant.
Doppelpack also. Wir haben hinter uns schon Zorn zweimal, wir haben Angst, Eifersucht, Verzweiflung und, wie gesagt, drei Stück zum Thema Verachtung. Wir kommen jetzt zum allerletzten Doppelpack. Und wenn wir das hinter uns haben, dann gibt es noch gefühlte eins, zwei, drei Predigten, da bin ich mir noch nicht ganz sicher. Da machen wir dann allgemein noch ein bisschen etwas über das Wesen Gottes, um diese Sache abzurunden.
Aber heute geht es um etwas, was noch fehlt. Und ich freue mich auf die nächsten beiden Predigten, weil sie in meinem Leben so unglaublich viel verändert haben, vor allem die nächste. Also, das ist jetzt die, ja, das ist cool. Das ist heute so ein Stückchen Vorbereitung, damit ihr versteht: Nächstes Mal kommt ein Thema, keine Ahnung, ich weiß das nicht, ich müsste das nachschauen, irgendwann im Februar, nach dem Brunch im Februar, okay? Also da freue ich mich schon sehr drauf. Aber das Heute ist Vorbereitung: Thema Scham.
Was Scham im Innersten ausmacht
Frage: Hast du dich schon mal so richtig geschämt? Oder vielleicht gibt es auch in deinem Leben etwas, wofür du dich gerade schämst, wo du persönlich sagst: Da wünsche ich mir definitiv, dass das jetzt keiner mitbekommt.
Es gibt so diese lustige Idee: Was wäre, wenn dein übelster Gedanke gegenüber auf die Hauswand projiziert würde? Was würdest du da gerne nicht stehen haben? Das ist so die Art von Thema, über das wir heute reden.
Frage: Wo kommt dieses Gefühl, dass man sich schämt, her? Da gibt es im Alten Testament einen Vers ganz, ganz am Anfang. Da heißt es in 1. Mose 2,25. Das wird gerne mitgeschlagen, aber es ist nur dieser eine Vers: 1. Mose 2,25.
Wir zoomen hinein in die ersten Tage der Menschheit, in die Tage, wo alles noch gut war. Und da heißt es dann in 1. Mose 2,25: Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau. Und sie schämten sich nicht.
Damit geht irgendwie alles los. Vor dem Sündenfall konnten sich Mann und Frau ohne dieses Gefühl der Scham begegnen. Das ist irre, oder? Es gibt nichts, wofür du dich schämen musst, weil du dieses Gefühl überhaupt nicht kennst. Du kannst dem anderen gegenüber so offen entgegentreten, wie du dir das überhaupt nur wünschst.
Aber nach dem Sündenfall ist das Erste, was sich ändert, folgendes. Und ich lese euch das aus 1. Mose 3,7 vor. Also vor dem Sündenfall dieses: „Hey, hier bin ich, schau mich an, du kannst alles von mir mitkriegen, überhaupt kein Problem, ich bin offen für dich.“ Und nach dem Sündenfall heißt es dann plötzlich: „Da wurden ihrer beider Augen aufgetan. Und sie erkannten, dass sie nackt waren.“
Also, die waren vorher nicht blind, aber die haben auch keine Brille gebraucht, sondern da ist irgendwas im Kopf passiert, im Miteinander passiert. Und ich merke: Der andere, dem ich vorher so ganz frei begegnen konnte, das geht nicht mehr. Und sie erkannten, dass sie nackt waren, und sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Was für eine dusselige Idee, würde man denken. Aber ich werde euch nachher ein paar Schurze, sehr moderne Schurze, vorstellen. Es ist immer noch das Gleiche bis heute.
Also, die erste Folge des Sündenfalls ist was? Ein veränderter Blick auf mich selbst. Vor dem Sündenfall kann ich mich mit den Augen Gottes sehen, und nach dem Sündenfall geht das nicht mehr. Sondern ich sehe mich als das, was ich bin: als einen sündigen Menschen.
Und was ich da mitkriege, dieser Blick auf mich, ist Nacktheit. Und was die beiden sofort begreifen, und wir dürfen diese Geschichte vom Wörtlichen durchaus in einen etwas abstrakteren, in einen bildlicheren Sinn transportieren: Was ich sofort begreife, ist, niemand darf meine Nacktheit sehen. Das, was ich wirklich jetzt geworden bin als sündiger Mensch, das darf keiner mitkriegen. Und was mache ich? Verstecken. Coole Idee: Feigenblätter, her damit, Schutz machen. Das ist das Erste, was nach dem Sündenfall passiert.
Moderne Formen des Versteckens
Wie natürlich heute das Schamgefühl immer noch ist, merkt man, wenn man Kinder hat, vor allem Töchter. Bei Töchtern gibt es oft eine Phase, in der sie die Badezimmertür hinter sich abschließen. So nach dem Motto: Jetzt kommt keiner mehr rein. Schlimm. Und das ist gut. Ich möchte alle, die Töchter haben, bitten, dieses Gefühl unbedingt zu respektieren.
Das Schamgefühl ist etwas total Wichtiges. Und das, was wir im Blick auf unseren Körper ganz natürlich entwickeln, soll man nicht einfach zerstören, auch wenn unsere Kultur das zum Teil versucht, durch FKK, durch Pornografie, durch One-Night-Stands, durch irgendwelche Apps, die es dir erlauben, deinen Seitensprung möglichst heimlich zu machen.
Trotzdem, obwohl unsere Gesellschaft dagegen arbeitet, erinnert das natürliche Schamgefühl immer noch an diese große Katastrophe, die es in der Menschheit gegeben hat, nämlich an den Sündenfall.
Wenn wir über das Gefühl Scham nachdenken, dann geht es genau darum. Scham ist nicht nur dieses: Da sieht einer mich nackt, ich bin gerade am Umziehen, die Tür geht auf. Das ist nur quasi der kleine Bruder oder die kleine Schwester von dem eigentlichen Problem, das dahinter steckt.
Wenn wir über Scham nachdenken, dann geht es darum, dass wir uns auf eine viel tiefere Weise nackt, entblößt und schutzlos fühlen. Nicht nur auf eine oberflächlich materielle Weise, sondern viel tiefer. Oder um es noch ein bisschen weiter zu sagen: dass andere plötzlich diese hässliche Seite sehen, die wir von uns selber kennen, und dass wir die nicht länger verstecken können.
Wir haben Angst davor, dass andere Menschen hinter unsere Fassade schauen. Dass sie vielleicht erkennen: Wir sind gar nicht die Coolen. Dass sie erkennen: Oh, der ist ja völlig normal. Oder schlimmer noch: dass sie vielleicht mitkriegen, es gibt an uns so eine schräge Seite. Das ist bei jedem so, das ist mir klar. Das ist nicht das, womit man hausieren geht. Aber mal ganz ehrlich: Wenn man mal eine Stunde Zeit hat, über sich nachzudenken, was da alles hochploppt, dann merkt man, da sind Dinge dabei, bei denen man sagt: Boah, ey, bloß gut, dass das keiner weiß.
Diese schräge Seite, vielleicht auch diese abartige Seite, wenn man manchmal denkt: Wenn alles, was ich dächte, quasi auf meinem PC im Hintergrund laufen würde und jeder könnte das immer mitsehen, das möchte ich auf keinen Fall. Dieses Schräge, dieses Abartige, diese Seite, von der ich überzeugt bin: Wenn die jemand mitbekommen würde, ich wäre nie und nimmer liebbar. Keiner würde etwas mit mir zu tun haben wollen, wenn der wüsste, dass grundsätzlich etwas mit mir nicht stimmt.
Das ist Scham. Das ist dieses Gefühl, bei dem ich sage: Da möchte ich etwas verstecken.
Fluchtwege vor dem eigenen Schmerz
Und das ist schon schlimm, dass Menschen dazu neigen, zu sagen: Bloß soll kein anderer das mitkriegen.
Aber jetzt gehe ich einen Schritt weiter. Bis dahin würdet ihr sagen: Ja, ja, okay. Ich behaupte, wir haben nicht nur Angst davor, dass andere Menschen in die Abgründe unserer Persönlichkeit, auch in die Zerstörtheit unserer Persönlichkeit, schauen, sondern wir haben mindestens genauso viel, und wenn ich ehrlich bin, würde ich sogar sagen: mehr. Aber ich kann es nicht beweisen. Ich kann nur im Blick auf mich sagen: Ich glaube, wir haben sogar mehr Angst davor, uns selbst diesen Umständen, diesen Ereignissen im Leben zu stellen, die dafür sorgen, dass wir uns heute schämen.
Damit meine ich: Es gibt Momente im Leben, es gibt Dinge im Leben, an die wollen wir einfach nie wieder erinnert werden. Und das können Sachen sein, die ewig lange zurückliegen. Das können auch Sachen sein, die vielleicht erst vor Kurzem geschehen sind. Aber was diese Dinge miteinander verbindet, ist: Sie sind so schmerzhaft, dass ich mich einfach nicht damit beschäftigen möchte.
Und wenn so etwas hochploppt, dieses Schmerzhafte, dann greifen sofort unsere Feigenblätter, sprich unsere Fluchtmechanismen. Dann will ich alles nur weg. Ich will mich damit nicht mehr beschäftigen. Ich will nicht, dass das noch mal hochkommt. Ich will nicht, dass dieser Schmerz oder dieses komische Gefühl der Ambivalenz, dass das überhaupt nicht passt in meinem Leben, oder des Verrats oder was auch immer du erlebt hast, ich will das nicht noch mal durchmachen.
Und es ist total spannend, sich mit Fluchtmechanismen zu beschäftigen. Das ist jetzt vielleicht sechs, sieben, acht Jahre her, dass ich mich mit dem Thema intensiver beschäftigt habe. Als ich mir die Frage gestellt habe: Was sind das eigentlich für Fluchtmechanismen? Ja, Adam und Eva, die Feigenblätter, was sind denn die modernen Gegenstücke? Keiner von uns läuft ja mit einem Feigenblatt herum. Aber was machen wir denn, wenn an der Stelle plötzlich so eine Sache ist und ich sage: Nee, darüber möchte ich jetzt nicht nachdenken. Und vielleicht so, dass du sogar sagst: Dann möchte ich nie wieder darüber nachdenken. Ich bin froh, dass das irgendwo in der Vergangenheit vergraben ist und soll bitte keiner rausholen.
Ich zeige euch mal ein paar Fluchtmechanismen.
In meiner eigenen Kindheit, und das ist mir, wie gesagt, selber erst vor ein paar Jahren so richtig fett deutlich geworden, habe ich etwas erlebt, was man emotionalen Missbrauch nennt. Ich werde jetzt nicht darauf eingehen, was das genau ist. Nur das Wort Missbrauch spricht für sich. Es war definitiv nicht gut. Und mein Fluchtmechanismus durch meine ganze Jugend hindurch bis in die Zwanzigerjahre hinein war ein ganz einfacher: Fantasie. Ich habe mir meine Traumwelten, meine Scheinwelten aufgebaut, habe mich in meine Träumereien hineingeflüchtet, in einen Ort geschaffen, wo mir einfach keiner wehtun konnte. Bloß nicht darüber nachdenken.
Und es ist logisch: Wenn ich mir nicht erlaube, darüber nachzudenken, dann hat niemand das Recht, darüber nachzudenken und daran zu kratzen.
Andere Möglichkeit: Wenn ich auf Menschen treffe, die ein Problem damit haben, andere Menschen an sich heranzulassen. Ich meine jetzt nicht, dass man sich die Hand gibt, sondern ich meine, dass es einen Kontakt auf der Ebene der Seele gibt, wo ich dem anderen mich innerlich öffne. Vielleicht kennt ihr Menschen, die das nicht so können. Also wenn ich auf Menschen treffe, die sich schwer tun, auch in Beziehungen, das kann bis hinein in die Ehe gehen, sich dem anderen zu öffnen, dann frage ich mich inzwischen: Was ist eigentlich da im Leben von demjenigen passiert, dass er so viel Angst hat, sich zu öffnen? Warum hat er so viel Angst, verletzt zu werden?
Und es ist spannend, nicht, dass man es falsch versteht: Dieses Andere von sich fernhalten, da gibt es ganz unterschiedliche Methoden. Da gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, andere zu manipulieren. Das ist ganz komisch. Da ist jemand wie so ein Aal, der flutscht immer so, du kommst irgendwie nicht an ihn ran. Du merkst nur: Der hält dich irgendwie auf eine sehr intelligente Weise immer schön auf Distanz.
Dann gibt es Leute, das finde ich irgendwie fast das Gruseligste, und ich kenne in meinem direkten Umfeld solche Personen, die halten Menschen auf Abstand, indem sie sie umsorgen. Das ist total irre. Also ich kann mit einem Übermaß an Fürsorge jemanden auf Distanz halten.
Kommt nach einem Vortrag eine Frau zu mir, will wissen, ob ich ihr helfen kann, was es denn gibt, stellt mir ihr Problem vor. Sie sagt, sie belaste ihre Familie, die ganze Familienatmosphäre, und zwar dadurch, dass sie zum Perfektionismus neigt. Frage ich sie: Na ja, sagen Sie mal, was gibt es in Ihrem Leben, wofür Sie sich so sehr schämen, dass Sie alles kontrollieren müssen? Und sie fängt an zu heulen, kriegt noch die Worte raus: Das wollen Sie nicht wissen. Und dann ist vorbei.
Da ist jemand, der hatte etwas in seiner Vergangenheit, und er will dann nie wieder ran. Und er sorgt dafür, durch eine Familienatmosphäre, wo er einfach alles richtig macht, dass nie jemand auf den Gedanken käme, ihn zu fragen: Du, sag mal, was ist da eigentlich?
Also diese Fassade der perfekten Mutter, die mit ihrer Überfürsorglichkeit einen Schutz bildet, um letztendlich ihre eigene Verletztheit, ihre eigene Nacktheit zu verstecken. Wer würde sich schon trauen, die Frau, die den Kindern die Pausenbrote schmiert, die Wäsche wäscht, sich um den Garten kümmert, versucht, allen jeden Wunsch von den Augen abzulesen, wer würde sich schon trauen, dieser Frau die Frage zu stellen, warum es in ihrem Leben Tabuthemen gibt, warum sie manchmal so oberflächlich und leblos wirkt? Das würde doch niemand tun, oder? Ein Fluchtmechanismus.
Und natürlich gibt es noch andere Fluchtmechanismen: Dominanz, diese Gewalt. Wenn jemand an mich heran will, mich quasi mit mir selbst konfrontieren will, so ein bisschen Verachtung, zwei, drei fiese Sprüche, und ich habe dich wieder zum Schweigen gebracht. Das ist ganz einfach. Ich sorge dafür, dass du dich nicht traust, mich zu hinterfragen. Ganz simpel.
Tyrannen, die es gibt, oder die die Frage stellen, warum man immer so aggressiv auf jeden losgehen muss, wie so ein Stier, wie so eine Red-Bull-Werbung, die lebendig wird. Das wäre total irre. Ja, und vielleicht steckt dahinter einfach die Angst, dass jemand mir so nahekommt und mir Fragen stellt, mit denen ich einfach nicht konfrontiert werden will.
Eine andere, also jetzt habe ich Gewalt gegen andere, es gibt auch Selbstverachtung. Das gehört in diese Kategorie der Fluchtmechanismen hinein. Da sagt einer: Kennt ihr so Leute, die so Sätze sagen wie: „Boah, ich Depp, ich dämlicher Idiot!“ Also wenn ich so etwas höre von jemandem, den ich wirklich sehr gut kenne, dann hört sich das für mich nach Scham an.
Entschuldigung, kennt ihr Leute, die sich nicht loben lassen? Also die, was weiß ich, du hast ein Problem mit deinem Auto und jemand kümmert sich richtig drum, ballert da ein paar Stunden rein, und danach fährt das wieder toll. Und du gehst zu ihm hin und sagst: Hey, das hast du richtig genial gemacht. Ja, und dann kommt irgendein Spruch wie: Nö, nö, das war gar nichts. Kennt ihr solche Leute? Das ist Selbstverachtung. Das kommt ein bisschen netter daher, und man denkt, das sei so ganz demütig und so, aber das ist überhaupt nicht demütig. Das ist pure Selbstverachtung.
Da traut sich einer nicht zu sagen: Stimmt, ja, du hast völlig Recht, ich habe dein Auto wieder in Ordnung gebracht. Super, weißt du was, Gott hat mich gebraucht, um dich zu segnen. Weißt du was, komm, wir beten noch eine Runde. Das wäre richtig, zu sagen: Ja, du hast völlig Recht. Ich bin ein cooler Typ, ja, ich kann Autos reparieren. Und dass du mir das sagst, richtig so, ja, schließlich war es dein Auto, genau richtig. Und ich habe dich gesegnet, ja, Gott hat mich durch dich gesegnet, ja, und du hast mich jetzt gesegnet durch dein Lob, hey, das ist doch super, komm, wir beten noch eine Runde. Das wäre richtig.
Aber so diese Typen, die sagen: Nee, das war gar nichts, war ganz easy, und du weißt, war nichts easy, hätte ich nie auf die Reihe gekriegt, einfach eine Form von Selbstverachtung. Und wenn man sich die Frage stellt, warum machen die das? Antwort: Weil sie es brauchen. Selbstverachtung kann ein Schutz sein, um sich nicht tiefer mit sich selber zu beschäftigen. Denn in dem Moment, wo du das an dich ranlässt, dass du eigentlich ein cooler Typ bist, stell dir mal vor, du würdest das zulassen und du würdest dir ehrlich die Frage stellen: Wer bin ich? Dann steckt hinter diesem Wow, ich bin cool leider auch die andere Seite. Es gibt da Sachen, die sind nicht so cool. Und bevor ich mich mit denen beschäftige, baue ich lieber zwei Meter davor einen schönen Schutzwall auf. Nö, nö, wenn ich mich selbst verachte, dann beschäftigt sich niemand mit mir und ich mich nicht mit mir, und dann kann das Schöne in der Vergangenheit vergraben sein.
So, genug der Feigenblätter. Es sind bestimmt noch mehr Feigenblätter im Umlauf als Einbildungskraft, Zurückhaltung, Abwehr oder Erniedrigung. Aber alle dienen, und das muss uns klar sein, alle dienen demselben Zweck: Ich will mich verstecken. Da gibt es etwas in meinem Leben, daran will ich einfach nicht mehr erinnert werden, so wie Adam und Eva im Paradies nach dem Sündenfall. Es soll mich bloß keiner sehen, wie ich wirklich bin, die anderen nicht, und wenn ich ganz ehrlich bin, ich selber will mich auch nicht damit beschäftigen.
Scham, Schuld und die Frage nach dem eigentlichen Ursprung
Frage: Ist das schlimm? Also, ist es halt so, könnte man sagen: Ja, Leben ist tough, man kriegt den einen oder anderen Schlag ab. Ist das schlimm?
Und ich sage: Ja, das ist schlimm.
Es besteht nämlich ein Riesenunterschied darin, was unsere Kultur über das Thema Scham sagt und was die Bibel dazu sagt. Unsere Kultur behauptet, Scham komme daher, dass du ein Opfer bist. Deine Eltern haben dich nicht richtig geliebt, du warst in der Schule immer der Außenseiter, im Schwimmbad hat man dich ausgelacht, keine Ahnung, vielleicht bist du auf der Arbeit gemobbt worden. Und weil das passiert ist, deshalb kannst du halt nicht zu dir stehen. Und deswegen schämst du dich halt für dich selber. Wenn die anderen besser mit dir umgegangen wären, wenn dir das alles nicht passiert wäre, dann bräuchtest du dich auch nicht zu schämen.
Auf gut Deutsch: Wer ist schuld? Die anderen, genau. Ganz super. Also, ihr Fehlverhalten ist daran schuld, dass ich bin, wie ich bin. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Das ist das, was unsere Kultur uns versucht zu vermitteln.
Das Problem ist jetzt, dass wir dem nur sehr, sehr eingeschränkt, fast möchte ich sagen, gar nicht zustimmen können. Ich sage nicht, dass es nicht schmerzhaft ist, was andere Menschen mit uns tun. Logisch. Ich habe vorhin das Wort emotionaler Missbrauch in den Mund genommen. Was dahinter steckt, hinter diesem sehr abstrakten Begriff, ist eine ganze Menge Schmerz und eine ganze Menge sehr blöder Erfahrungen, die sich tief in meine Seele, in meinen Gedanken, in mein Leben und in das, was hier oben so emotional abläuft, eingefressen haben. Logisch.
Nur: Wir müssen einen Schritt weiterdenken. Die Bibel sagt jetzt etwas zu dieser Opfer-Theologie, die da so gerne gepredigt wird. Die Bibel sagt nämlich: Du, mit der Scham, da musst du noch mal anders rangehen. Die Geschichte von Adam und Eva und dem Sündenfall, da müssen wir noch mal hinschauen. Was passiert da, bevor die sich eigentlich schämen? Wer war denn in der Geschichte schuld?
Und da ist ganz klar: Na ja, alles startet damit, dass die vor dem Sündenfall in einer idealen Umgebung unterwegs sind. Und dann sagt Gott: Wisst ihr was, ich hätte da eine Kleinigkeit, da müsst ihr echt drauf achten. Es gibt da einen Baum im Garten. Ihr dürft von allem essen, aber da gibt es diesen einen Baum im Garten. Lasst da einfach mal die Finger davon, das möchte ich nicht. Und sie tun es trotzdem und fangen an, sich ihrer Nacktheit zu schämen.
Wenn wir diesem Gedankengang aus der ersten Geschichte noch mal kurz folgen, was ist dann eigentlich der Grund? Was ist der Grund dafür, dass ich mich verstecken will? Ist der Grund der, dass es da andere gibt, die mich gemobbt haben? Eher nicht. Sondern der Grund dafür für Scham im Leben von Adam und Eva ist, dass sie selber etwas getan haben, was falsch war. Also nicht das, was die anderen getan haben, sondern was sie selber, was ich getan habe. Das ist der Grund dafür, dass sie sich schämen.
Und ich würde gerne das nehmen und uns zeigen, dass das bis heute nicht anders geworden ist. Zuerst kommt mein falsches Vertrauen in mich, beziehungsweise so offensichtlich ist das natürlich nicht. Aber ich komme jetzt erst mal mit einer biblischen Terminologie. Also: Ich vertraue erst mal mir. Ich vertraue einem falschen Gott. Und in dem Moment, wo ich, wie Adam und Eva, mir vertraue, also wo ich denke, ich weiß es besser, und ich merke, dass dieser mein Gott mich nicht retten kann, und das merken sie im Moment, wo der Sündenfall passiert und sie dastehen und denken: Alles, was ich dachte, ist falsch, in diesem Moment, wo mein Gott mich nicht retten kann, mein selbstgemachter Gott mich nicht retten kann, mein Götze mich nicht retten kann, wo ich merke, dass er im Angesicht der wirklichen Probleme schweigt, da stehe ich als Depp da, und da werde ich zu jemandem, der sich schämt.
Das ist der biblische Ursprung von Scham. Wenn das stimmt, und ich bin davon überzeugt, dass es stimmt, und ich werde euch nächstes Mal zeigen, warum es gut ist, es genau so zu sehen, wenn das stimmt, was ist Scham dann?
Scham wäre dann so etwas wie ein in uns eingebautes Warnsignal, so eine Art: Mäh, mäh, mäh, Achtung, Achtung, Sie beten nicht den wahren Gott an. Achtung, Achtung, Sie beten einen Götzen an. Das wäre es, wie so ein Warnsignal.
Scham kommt, und statt zu sagen: Oh, wer ist denn hier schuld? Weil ich kann es ja auf keinen Fall sein, sollte ich vielleicht überlegen: Hallo, wenn es wahr wäre, dass da, wo Scham in mein Leben hineinbricht, Gott mir so ein Warnsignal gibt, so ein: Achtung, Freund, dass du dich jetzt hier schämst, hängt nicht mit den anderen zusammen. Vielleicht sind die in irgendeiner Weise Auslöser und haben das noch katalysiert und haben es irgendwie noch blöder gemacht. Ja, das kann schon alles sein. Aber schau bitte, wenn du dich schämst, mal nach den Götzen in deinem Leben.
Und ein Götze ist in Wirklichkeit nicht mehr als eine Idee oder ein Objekt oder ein Wunsch, der es seinem Erfinder erlaubt, sich selbst anzubeten. Das ist so fies, es ist ein bisschen echt eklig, aber es ist halt einfach so. Also: Du hast irgendeine Idee, irgendein Objekt und irgendeinen Wunsch. Beispiele? Ja? Du kannst für deinen Fußballverein leben, du kannst für ein fettes Einkommen leben, du kannst für so abstrakte Sachen wie moderne Kunst leben, du kannst für deine Vorstellung von Toleranz und Freiheit oder Frieden oder für dein Häuschen leben, du kannst für deine Familie und dein Aussehen leben, du kannst für deinen guten Ruf leben oder deinen Wunsch nach Sicherheit und Anerkennung. Keine Ahnung, was du nimmst, aber in dem Moment, wo du sagst: Das ist in meinem Leben das Wichtigste.
Wenn ich irgendetwas davon, was nicht dem lebendigen Gott entspricht, zum Zentrum meines Lebens mache, dann bete ich nicht mehr den wahren Gott an, sondern dann bete ich mich an, der ich entschieden habe, genau zu wissen, wofür es sich zu leben lohnt. Und das ist genau das, was Adam und Eva getan haben. Und es ist dann auch genau wie bei Adam und Eva, die zuerst glauben, zu wissen, was ihrer Seele guttut, sich irren. Sich irren, weil sie in Wirklichkeit etwas angebetet haben. Sie haben ihre schöpferische Freiheit angebetet, ihren Wunsch nach Unabhängigkeit, das war ihr Götze.
Und als sie merken, dass dieser Wunsch nach Unabhängigkeit, dieser Götze, im Angesicht der realen Katastrophe vom Sündenfall einfach nicht mehr funktioniert, keine Kraft mehr hat, sie zu retten, in dem Moment beginnt eben nicht Buße, sondern Scham. Dann so ein ganz lächerliches Versteckspiel und der Versuch, die eigene Schuld anderen in die Schuhe zu schieben.
Das, was ihr gerne mitnehmen sollt heute, wäre folgendes: Scham ist die Folge davon, dass ich mich erst zu Gott mache und dann feststelle, dass ich ein Dummkopf bin. Da kommt eigentlich Scham her.
Scham als Warnsignal und die Möglichkeit der Umkehr
Und jetzt ist das Problem mit Scham folgendes: Und jetzt kommen wir schon zum Schluss, mehr wird das heute wohl nicht, oder vielmehr wird das gar nicht. Scham ist ein total starkes Gefühl, das mich auf der einen Seite aufwühlt, aber gleichzeitig auch dafür sorgt, dass mein Herz nicht trauert. Das ist eine ganz perfide Sache. Scham wühlt mich auf. Ich erkenne mich in meiner ganzen Nacktheit. Und vielleicht müsst ihr euch an das letzte Mal erinnern, wo ihr euch so richtig geschämt habt. Kennt ihr noch dieses Gefühl, wenn einem so eiskalt der Rücken runterläuft, wenn das so im Rücken sticht, so leicht hier oben ins Kleinhirn rein, wo man so denkt: Boah, ey, was mache ich eigentlich hier? Also dieses ganz widerliche Gefühl, das wühlt mich auf.
Das Problem mit diesem Gefühl: Es sorgt nicht automatisch dafür, dass ich Buße tue, sondern es schafft es irgendwie, mich so ein bisschen zu überwältigen, dass ich nicht anfange zu trauern. Ich lese euch das jetzt noch mal vor, wie das bei Adam und Eva war. 1. Mose 3,7: Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie erkannten, dass sie nackt waren, und sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Jetzt ist die Scham da, der Fluchtmechanismus ist eingeleitet, und sie hörten die Stimme Gottes des Herrn, der im Garten wandelte bei der Kühle des Tages. Da versteckte sich der Mensch mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn, mitten unter den Bäumen des Gartens. Was für eine lustige Idee, ja: Da hat einer das Universum gemacht und erfindet dich nicht in dem kleinen Garten, ha ha ha. Aber ich meine, so viel zum Thema Intelligenz nach dem Sündenfall.
Und Gott der Herr rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Da sagte er: Ich hörte deine Stimme im Garten, und ich fürchtete mich, weil ich nackt bin; darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir erzählt, dass du nackt bist? Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, du solltest nicht davon essen? Er ist wie ein Kleinkind. Ich meine, wenn ihr mal jemals Kleinkinder erzogen habt, die irgendwie Süßigkeiten geklaut haben, genau so hört sich das hier an. Da sagt der Mensch: Die Frau, die du mir zur Seite gegeben hast, sie gab mir von dem Baum, und ich aß. Also ist die Frau schuld, und du bist schuld, Gott, weil du hast mir ja gegeben, und die Frau hat mich überredet, also ich bin nicht schuld. Und Gott der Herr sprach zur Frau: Was hast du da getan? Und die Frau sagte: Die Schlange hat mich getäuscht, da aß ich.
Also merkt ihr, was in dieser Geschichte fehlt, was so offensichtlich fehlt: Da ist null Traurigkeit, null Betroffenheit, null Buße. Der Wunsch nach Vergebung taucht nicht auf. Für Adam und Eva ist es viel sicherer, sich zu verstecken, sich zu schämen, vor Gott davonzulaufen und allem und jedem Vorwürfe zu machen, Gott und der Schlange eingeschlossen, als sich nackt und sündig der Realität ihres Ungehorsams zu stellen.
Das ist das Problem von Scham. Wir empfinden Scham, und Scham führt leider nicht automatisch dahin, dass ich sage: Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig. Das wäre so schön, aber das ist nicht so. Das war am Anfang nicht so, und das ist bis heute nicht so. Scham hat eine Tendenz, oder Scham ist in der Lage, die tieferliegenden, noch negativeren Gefühle und Ängste zu betäuben und uns den Raum zu lassen, um dann wegzulaufen. Scham schafft das.
Aber es gibt eine zweite Seite. Scham kann nicht nur diesen ausgeklügelten Schutz- und Fluchtmechanismus in Gang setzen, von dem wir vorhin gesprochen haben, damit ich mich nicht mit meinem eigentlichen Problem beschäftigen muss, nicht mit dem Götzendienst in mir beschäftigen muss, sondern Scham kann auch anders. Und ich kann euch nicht erklären, wo da der Unterschied ist. Ich kann nur sagen: Scham ist irgendwie so ein ganz komisches Ding. Du kannst Scham benutzen, um das, vor dem du davonläufst, noch tiefer zu verstecken und zu begraben. Du kannst Scham aber auch, dieses Geschocktsein, dieses Verwirrtsein, nutzen, um sehnsüchtig nach Gott zu schreien. Und vielleicht muss hier an der Stelle das Herz, sprich unser Denken, unsere Gesinnung, eine Entscheidung treffen. Weil auf der emotionalen Ebene ist beides möglich. Da gibt es auf der einen Seite 1. Mose 3 und auf der anderen Seite, und damit möchte ich Schluss machen, gibt es Psalm 44.
Ein anderer Umgang mit Scham vor Gott
Und Psalm 44 ab Vers 14 zeigt, wie Menschen, die Scham empfinden, eben nicht zwangsläufig losrennen müssen in den nächsten Fluchtmechanismus hinein. Nicht losrennen müssen nach dem Motto: Ich verstecke mich vor Gott. Ich will nicht, dass jemand sieht, wie ich wirklich drauf bin. Ich will alles tun, es jedem in die Schuhe zu schieben, nur nicht mir. Ich will nicht konfrontiert werden.
Psalm 44 zeigt, dass es eine andere Richtung gibt. Ich lese euch das mal vor, Psalm 44 ab Vers 14. Und wir springen da so ein bisschen rein. Nehmt das einfach mehr emotional mit als jetzt Vers für Vers.
Du machtest uns unseren Nachbarn zum Hohn, zu Spott und Schimpf denen, die uns umgeben. Du machtest uns zum Sprichwort unter den Nationen, zum Kopfschütteln unter den Völkerschaften. Den ganzen Tag ist meine Schande vor mir, und die Scham hat mein Gesicht bedeckt. Wegen der Stimme des Schmähers und Lästerers, angesichts des Feindes und des Rachgierigen.
Dies alles ist über uns gekommen, doch wir hatten dich nicht vergessen noch verraten deinen Bund. Sprung in Vers 24: Erwache! Warum schläfst du, Herr? Wache auf, verwirf uns nicht auf ewig. Warum verbirgst du dein Angesicht, vergisst unser Elend und unsere Bedrückung? Denn unsere Seele ist in den Staub gebeugt, unser Bauch klebt an der Erde. Steh auf, uns zur Hilfe, und erlöse uns um deiner Güte willen.
Und da möchte ich nächstes Mal weitermachen.
Das eine ist, dass Scham es uns ermöglicht, davonzulaufen von den Götzen unseres Lebens. Das andere ist das Moment, in dem ich mich tief schäme. Es ist eine Chance, dass wir uns zu Gott hinwenden, ihm unser Herz zeigen, wie es wirklich ist, ihn um Hilfe bitten und dann von ihm das bekommen, was wir, wenn wir über das Thema Heilung nachdenken, am allermeisten brauchen, nämlich seinen übernatürlichen Trost.
Und wie man das kriegt, wie man dieses total negative Gefühl für sich einspannt, um in diesem Leben schon Heilung zu erfahren. Und ich sage von Anfang an: nicht vollständig. Denn in Maleachi 3,20 lesen wir, dass, wenn der Herr wiederkommt, wenn die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht, Heilung unter ihren Flügeln sein wird. Wir werden immer als Krüppel in den Himmel eingehen. Aber bis dahin ist etwas an Heilung möglich, an Integration möglich, an Trost möglich.
Und nächstes Mal möchte ich mit euch darüber reden, wie das aussehen kann, wie man da hinkommen kann. Amen.
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