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Jesus und die Kunst des Sterbens

02.04.2018
Serie•Teil 13 / 21Jesus
Ostern ist mehr als ein schönes Fest: Was, wenn Jesus wirklich den Tod besiegt hat? Sein letztes Wort am Kreuz klingt wie eine Einladung an dich: Schuld muss nicht das Ende sein.

Mein Name ist Jürgen Fischer, wir feiern Ostern und ich darf predigen.

Der Titel und der Zugang zum Thema

Mein Name ist Jürgen Fischer. Wir feiern Ostern, und ich darf predigen.
Wir feiern heute Ostersonntag, und wir feiern Auferstehung. Der Titel meiner Predigt entstand, wie manchmal Titel entstehen: Man steht vor seinem Whiteboard und fragt sich, wie könnte ich das nennen, was ich sagen möchte? Also, ich wusste, was ich sagen will. Aber dann braucht man danach noch einen griffigen Titel.
Und dann erinnert man sich daran, dass man sich am Tag zuvor mit jemandem über Sun Tzu unterhalten hat. Ich weiß nicht, ob euch Sun Tzu etwas sagt: fünftes Jahrhundert vor Christus, chinesischer General und Philosoph, hat das Buch Die Kunst des Krieges geschrieben.
Sun Tzu, ich weiß nicht, ob ihr das Buch lesen müsst. Ich finde es, wenn ich ehrlich bin, überbewertet. Zum Glück liest man es in der Stunde. Also, man kann da sagen: Ich habe ein Stück Weltliteratur gelesen und es in einer Stunde fertig. Das ist etwas anderes, als wenn man Thomas Mann liest, zum Beispiel.
Auf alle Fälle: Die Kunst des Krieges. Dann dachte ich mir, na ja, warum nicht die Predigt Jesus und die Kunst des Sterbens nennen?
Und ich möchte mit euch zusammen anschauen, was Jesus am Kreuz gesagt hat, das, was man die sieben Worte am Kreuz nennt: sieben Aussprüche Jesu am Kreuz, die überliefert sind und die es wirklich in sich haben. Und die für mich super passen in unsere Jesus-Reihe. Das ist jetzt für die Gäste neu: Wir haben eine Jesus-Reihe, in der ich immer über Dinge spreche, die Jesus betreffen. Und das ist, glaube ich, schon die 13. oder 14. Predigt aus dieser Reihe.
Im Allgemeinen machen wir es bei der Jesus-Reihe so: Es gibt drei Vorbemerkungen, und dann gibt es immer ein paar Hauptpunkte. Ich habe wieder drei Vorbemerkungen dabei zu diesem Thema: Jesus und die Kunst des Sterbens.

Drei Vorbemerkungen zur Bedeutung von Ostern

Die Auferstehung als Wendepunkt der Geschichte

Vorbemerkung Nr. 1
Die Auferstehung Jesu, also genau das, was wir heute feiern, ist tatsächlich in der Geschichte der Menschheit der Knackmoment. Ich versuche Worte zu finden, die man versteht. Ja, Knackmoment müsste ein Wort sein, das jeder versteht: der Wendepunkt aller Wendepunkte. Es ist das wichtigste Ereignis überhaupt.
Wenn man so will, fußt das Christentum nicht auf Theologie, sondern auf einem historischen Ereignis. Die Theologie kommt dann erst dazu. Aber ohne dieses historische Ereignis ist plötzlich alles nichts mehr wert.
Die Auferstehung ist nämlich entweder Mythos oder Geschichte. Jesus ist entweder ein gescheiterter Revolutionär der Liebe mit leicht psychotischen Zügen, weil er sich auch manchmal für Gott hält, oder er ist tatsächlich genau der, der er vorgibt zu sein. Er ist tatsächlich Gott, der Mensch wurde. Der Mensch wurde, weil wir Menschen ihn brauchen. Und er hat tatsächlich für meine Sünde am Karfreitag am Kreuz bezahlt.
Und Gott hat ihn am Ostersonntag auferweckt, damit, warum eigentlich? Ich glaube, damit auch wirklich der Letzte versteht, dass in diesem Moment das Leben über den Tod triumphiert hat. Und dass das Böse in dieser Welt ein für allemal besiegt wurde. Und dass wir diesem Jesus, der gestorben und auferstanden ist, wirklich bedingungslos vertrauen dürfen. Dass wir ihm folgen dürfen. Eigentlich müsste man sagen, dass wir ihm folgen müssen, denn wir alle werden sterben.
Und wir brauchen etwas von seiner Auferstehungskraft, von dem, was wir heute feiern. Wir brauchen etwas von dieser Auferstehungskraft in unserem eigenen Leben, damit wir getrost in den Tod gehen können.
Vorbemerkung Nummer eins.

Warum Jesus auferweckt wurde

Vorbemerkung Nummer zwei startet mit einem Zitat aus der Pfingstpredigt, die Petrus, der Apostel, hält. Und er macht in dieser Pfingstpredigt seinen Zuhörern klar: Wer ist eigentlich Jesus? Was hat das, was an Ostern passiert ist, eigentlich mit uns zu tun? Warum musste dieser Jesus eigentlich auferstehen?
Und er sagt dann in Apostelgeschichte 2,24-27, ihr habt das auf euren Notizen, auch die anderen relevanten Bibelverse sind da alle drauf, folgendes: Also Petrus spricht über Jesus: Den hat Gott auferweckt und hat ihn befreit aus den Wehen des Todes. Ich mag dieses Bild von den Wehen des Todes. Alle Frauen, die Kinder bekommen haben, können an der Stelle mitfiebern. Wenn die Wehen einsetzen, dann packt es dich, und dann machen die mit dir, was sie wollen. Und das macht im Allgemeinen auch der Tod. Der Tod hat dich mal, dann packt er dich und lässt dich auch nicht wieder los. Eine Ausnahme gibt es: Und hat ihn befreit aus den Wehen des Todes. Denn, und das habe ich euch jetzt die nächsten drei Worte unterstrichen, es war unmöglich. Ich mag diese Formulierung: Es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde. Denn David spricht, David im Alten Testament, der spricht als Prophet. Denn David spricht von ihm, und jetzt ein Zitat aus den Psalmen, Psalm 16 ab Vers 8. Zitat: Ich, da spricht David prophetisch von Jesus, habe den Herrn allezeit vor Augen, denn er steht mir zu Rechten, damit ich nicht wanke. Darum ist mein Herz fröhlich, und meine Zunge frohlockt. Auch mein Leib wird ruhen in Hoffnung. Denn du wirst meine Seele nicht dem Reich des Todes überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe.
Vorbemerkung Nummer zwei: Der Grund für die Auferstehung Jesu, der eigentliche Grund, ist sein Lebensstil. Wenn man fragt: Warum wurde Jesus auferweckt? Dann ist die richtige Antwort diese: Jesus wurde auferweckt, weil er ein ganzes Leben lang Gott vor Augen hatte. Sein Leben war also von Nähe geprägt, Gott war ihm nahe. Und aus dieser Nähe kommen jetzt all die Dinge, die das Leben Jesu ausmachen. Aus dieser Nähe kommt seine Inspiration, deshalb steht in Johannes 5,19: Ich tue nur das, was ich den Vater tun sehe. Aus dieser Nähe kommt seine Kraft, wie wir hier gelesen haben: damit ich nicht wanke. Aus dieser Nähe kommt seine Zuversicht. Und zwar die Zuversicht darüber, dass der Tod tatsächlich nicht das letzte Wort hat. Das haben wir auch gerade in dem Zitat gelesen: Darum ist mein Herz fröhlich, und meine Zunge frohlockt. Auch mein Leib wird ruhen in Hoffnung. Ist das irre, so viel Zuversicht zu haben, während man gerade über seinen Tod schreibt? Und David prophezeit tausend Jahre vor Jesus die Auferstehung Jesu. Und auf das, was David da prophezeit, darauf verlässt sich Jesus absolut. Und deswegen: Der Grund für die Auferstehung ist, dass Jesus ein Leben geführt hat in unglaublicher Nähe, Intimität und Gemeinschaft mit dem Vater. Da ist nie etwas an Sünde zwischen Gott dem Vater und Gott dem Sohn gekommen.
Dritte Vorbemerkung: Ein Lebensstil ist immer die Folge eines Charakters. Lebensstil ist immer die Folge eines Charakters. Ich lebe das, was ich bin. Also wenn wir eben gesagt haben: sein Lebensstil der Nähe, dann stammt diese Nähe zu Gott, dieses immer mit Gott leben wollen und das dann auch durchziehen, aus einem Charakter. Und ein Charakter wird in extremen Situationen sichtbar. Ich mache mal ein Beispiel: Wie geduldig du wirklich bist, das offenbart sich, nachdem dein Kind eine Nacht lang alle drei Stunden gekommen ist, und dann am Morgen gibt es noch einen Schreikrampf obendrauf. Dann, in diesem Moment. Oder Geduld offenbart sich, wenn du ein bisschen zu spät zur Arbeit losfährst, vielleicht noch einen wichtigen Termin hast, du merkst, das wird richtig knapp, und dann plötzlich fährt vor dir so ein älterer Herr mit Hut, vierzig! Und du kannst nicht überholen, ja? Das ist der Moment, wo du wirklich spürst: Wie geduldig bist du?
Also es sind die Extremsituationen, die zeigen, was in uns drinsteckt. Und jetzt haben wir gelesen, dass Jesus der Heilige ist. Wenn Jesus wirklich der Heilige ist, dann muss sich seine Andersartigkeit, seine Einzigartigkeit, da zeigen, wo keiner mir etwas vorspielt, wo sich ein Stückchen schonungslos offenbart, was wirklich in meinem Herzen ist. Und das ist der Moment, wo ich sterbe.
So, drei Vorbemerkungen: Die erste, die Auferstehung ist der Wendepunkt in der Weltgeschichte. Zweiter Punkt: Der Grund für Jesu Auferstehung war seine Nähe zu Gott. Und der dritte Punkt: Diese Nähe ist Ausdruck seines heiligen Charakters. Soweit die Vorbemerkung.

Die sieben Worte vom Kreuz als Spiegel seines Wesens

Kommen wir zu dem, was ich eigentlich sagen möchte, nämlich zu den sieben Worten am Kreuz.
Jesus hängt am Karfreitag etwa von neun Uhr vormittags bis fünfzehn Uhr am Nachmittag halb tot, langsam erstickend. Er ist umringt von Menschen, die man heute wohl als Trolle bezeichnen würde. Ihr wisst, was Trolle sind: Das sind immer die mit den blöden Bemerkungen bei Facebook. Also ist er umringt von Trollen, die sich über ihn am Kreuz lustig machen. Und dann stirbt er.
Sieben unterschiedliche Aussprüche sind uns für diese Zeit von ihm überliefert. Ich möchte jeden Ausspruch mit einer Eigenschaft verbinden, die für mich besonders beeindruckend ist bei Jesus. Daran merke ich: Er ist wirklich zu Recht der Heilige. Er lebt nicht nur ein bisschen heilig, sondern er ist wirklich der Heilige.
Schauen wir uns den ersten an.

Vergebung, Hoffnung und Fürsorge im Sterben Jesu

Vergebung für die Peiniger

Ein Heiliger stirbt mit Vergebung auf den Lippen. Da heißt es in Lukas 23,34: Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Das ist irre! Also, das sagt Jesus zu den Soldaten, die ihn kreuzigen. Und wisst ihr, mich fasziniert, wie Jesus am Kreuz hängt und das Schicksal seiner Peiniger im Blick hat, während er selbst stirbt. Wie Jesus weiß, was diese Soldaten unten, die da vor ihm stehen, brauchen. Vielleicht haben sie gerade darum gewürfelt, wer von seinen Habseligkeiten was bekommt. Vielleicht zerreißen sie sich auch das Maul über diesen komischen Gefangenen.
Und Jesus sieht diese Soldaten und weiß genau, was sie brauchen. Was sie jetzt mehr brauchen. Was nur er ihnen geben kann. Und er gibt es ihnen: Vergebung.
Fürbitte mit dem Fokus Vergebung. Ganz ehrlich, mich beeindruckt das. Hättest du am Kreuz einen Blick für deine Peiniger? Ehrlich?
Und das ist es: Jesus stirbt. Ein Heiliger stirbt mit Vergebung auf den Lippen.

Hoffnung für den Mitgekreuzigten

Ein zweiter Punkt: Ein Heiliger stirbt mit Hoffnung auf den Lippen. Da heißt es in Lukas 23,43: Und er sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
Jesus spricht hier zu einem der zwei Räuber, die mit ihm gekreuzigt werden. Der eine hängt auf der einen Seite, der andere auf der anderen Seite. Und er spricht zu dem, der sich kurz vor seinem Tod noch bekehrt. Das ist also eine ganz spannende Geschichte, wie das passiert. Hm, aber eine eigene Geschichte.
Er spricht ihn an, und er schafft es, nicht nur seine eigene Hoffnung in Worte zu fassen. Er hängt am Kreuz und hat Hoffnung. Jesus aber schafft es, nicht nur seine eigene Hoffnung in Worte zu fassen, sondern er weiß selbst: Heute werde ich ins Paradies eingehen. Und nicht in die Hölle, wie manche denken, um dort zu predigen, sondern er hat diese Hoffnung: Ich werde ins Paradies eingehen.
Und nebenan hängt ein Mann, der stirbt. Er hätte auch sagen können: Na, der wird schon merken, wo er landet. Der wird mit mir da sein. Haha, ja, nee. Aber er sagt es ihm. Er hat diese Hoffnung, und mit Hoffnung auf den Lippen spricht er diesem anderen diese Hoffnung zu und sagt: Hey, du wirst heute, wir werden heute ins Paradies Gottes eingehen. Wir beide werden heute bei Gott feiern. Wahnsinn!

Fürsorge für die eigene Familie

Dritter Punkt: Ein Heiliger stirbt mit Fürsorge auf den Lippen.
 Johannes 19,26-27
Als nun Jesus die Mutter sah, also seine eigene Mutter Maria, die dabei war, und den Jünger, den er liebte, das ist Johannes, der Apostel, und der Jünger, den er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn. Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter. Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich.
Hintergrund zu diesem Ausspruch Jesu:
Jesus hatte ja Geschwister, Halbbrüder und Halbschwestern. Vor allem seine Brüder standen, soweit wir das wissen, dem Glauben ihres großen Bruders sehr lange skeptisch gegenüber. Wahrscheinlich haben sie sich erst nach der Auferstehung bekehrt.
Und was Jesus hier tut, ist Folgendes: Er bittet Johannes, seinen Jünger, den Jünger, den er liebte, darum: Bitte kümmere dich um meine Mutter.
Jesus hängt am Kreuz. Und ich glaube, jeder hätte Verständnis dafür, dass er in diesem Moment, in dem er nach Luft schnappt und um jeden Atemzug kämpft, vielleicht nicht auch noch an die Probleme anderer denkt. Aber das ist nicht Jesus. Das ist nicht, wie ein Heiliger stirbt.
Wenn ein Heiliger stirbt, kümmert er sich darum, dass seine gläubige Mutter bei einem Mann unterkommt, dem er vertraut.
Ist das irre?
Schon drei Aspekte mit drei Sprüchen: dreimal Vergebung, Hoffnung, Fürsorge.

Gottes Wort, Berufung und Vollendung am Kreuz

Das Leiden im Licht der Schrift

Ein Vierter: Ein Heiliger stirbt mit Gottes Wort auf den Lippen. In Matthäus 27,46 heißt es: Um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme und sagte: Eli, Eli, lema sabachtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Dazu braucht man jetzt eine Vorinformation. Diese Vorinformation geht etwa so: Das gesamte Alte Testament ist voller Prophetien auf Jesus. Manche sind ziemlich versteckt, das gebe ich offen zu. Da denkt man auch manchmal: Das ist aber ein bisschen weit hergeholt. Und dann gibt es Dinge, die sind einfach so offensichtlich, dass man sie beim ersten Lesen der Bibel entdeckt und sagt: Bah, Wahnsinn!
Und genau so ist es hier mit einer Prophezeiung aus Psalm 22. Liest man Psalm 22 durch, und macht man das einmal zu Hause, dann denkt man unwillkürlich an Jesus am Kreuz. Ganz so, als ob der Psalmist die Gedanken und die Gefühle Jesu am Kreuz vorweggenommen hätte. Und dieser Psalm, wie gesagt, ihr müsst ihn unbedingt mal lesen, beginnt mit den Worten: Dem Chorleiter nach. Jetzt kommt so eine Melodieangabe: Hirschkuh der Morgenröte. Ein Psalm von David. Und dann startet der eigentliche Psalm mit den Worten: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Also weit davon entfernt, sich auf sein Schicksal am Kreuz einen eigenen Reim machen zu wollen, sucht Jesus bis zum Schluss nach den passenden Antworten für sein Leben im Wort Gottes. Und er zitiert den Vers, der tatsächlich wie die Faust aufs Auge zu seiner Lebenssituation passt.
Und das Verrückte ist: Hier wird nur der erste Vers angegeben, nur der Anfang. Wir wissen nicht, wie weit Jesus diesen Psalm am Kreuz gesprochen hat. Aber was wir wissen, ist: Wenn er sagt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?, dann bringt er an dieser Stelle Gottverlassenheit zum Ausdruck, ja, aber gleichzeitig auch Zuversicht.
Denn wenn ihr Psalm 22 lest, dann beginnt er mit: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Aber er endet mit Jubel, er endet mit einem Blick nach vorne, er endet letztlich schon mit Auferstehung. Das ist das, was Jesus hier macht. Er bringt das Wort Gottes, die Wahrheit, mitten hinein in diesen grausamen Akt des Umgebrachtwerdens.

Treue zur eigenen Sendung

Fünfter Punkt: Ein Heiliger stirbt mit einem klaren Ja zu seiner Berufung auf den Lippen.
An der Stelle wusste ich nicht genau, was ich euch hinschreiben soll, wie ich das formulieren soll. Vielleicht habt ihr auch eine bessere Formulierung. Ich habe auch überlegt, ob man schreibt: „Ein Heiliger stirbt mit Gehorsam auf den Lippen.“ Aber ich habe mich dann für „Ein Heiliger stirbt mit einem klaren Ja zu seiner Berufung auf den Lippen“ entschieden.
Da heißt es in Johannes 19,28: Danach, da Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: „Mich dürstet.“
Das ist wieder ein Zitat aus dem Alten Testament, in dem Fall Psalm 69,22. Wobei ich sagen muss: Es ist kein wirkliches Zitat, sondern in Psalm 69,22 steht etwas, was Jesus hier erfüllt.
Aber erst noch einmal hierhin: Auf den ersten Blick ist das doch eine ganz merkwürdige Formulierung, oder? Alles ist vollbracht, steht hier. Okay, das heißt, Jesus ist am Ziel. Und das stimmt. Als Nächstes, wir werden gleich weiterlesen, wird er sterben. Aber bevor er das tut, sagt er noch: „Mich dürstet.“
Die logische Antwort, die einem jeder sofort gibt, ist: Na ja, weil er Durst hatte. Aber das steht hier nicht. Hier steht nicht: Weil Jesus Durst hatte, möchte er etwas trinken. Hier steht: Er sagt: „Mich dürstet.“
Für die, die noch weiter denken wollen: Es macht keinen Sinn, dass er sagt: „Mich dürstet.“ Er stirbt gleich. Okay, wenn er etwas trinkt, dauert es nur länger. Aber es macht einfach gar keinen Sinn. Warum macht er das?
Na ja, Apostel Johannes schreibt: damit die Schrift, das heißt die Bibel, erfüllt würde. Ist das ein komisches Argument? Ihr müsst an der Stelle stutzen. Entschuldigung. Also beim Bibellesen muss man sagen: Das macht doch keinen Sinn. Doch, es macht Sinn.
Es gibt im Alten Testament diesen Psalm 69, auch einen prophetischen Psalm, der sich um den Messias dreht. Und darin gibt es eine Prophetie, dass der Messias von seinen Feinden mit Essig getränkt wird. Und das Verrückte ist: Was Jesus hier tut, ist, er hängt am Kreuz, er weiß, ich werde gleich sterben, die Erfüllung dieser Prophetie steht aber noch aus. Und deswegen sagt er: „Mich dürstet.“
Für ihn selbst, wie gesagt, der kurz darauf stirbt, macht es eigentlich keinen Sinn, noch etwas zu trinken. Aber weil es in der Bibel steht, weil in der Bibel steht, dass der Messias kurz vorher von seinen Feinden mit Essig getränkt wird, sorgt er sich am Kreuz hängend darum, dass diese Prophetie noch erfüllt wird.
Ja, was sagt man dazu? Ich habe gedacht, ich nenne es mal so: Jesus kennt seine Berufung. Er weiß, wer er ist, warum er auf die Erde kam. Und er bleibt seiner Berufung, er bleibt diesem vorgezeichneten Weg seiner Berufung, auch im kleinsten Detail bis zum Schluss treu. Er stirbt mit einem klaren Ja zu dieser Berufung auf den Lippen.

Vollendung und Sieg

Machen wir noch mit Johannes 19 weiter, wo wir eben waren.
Verse 29 und 30: Ein Heiliger stirbt mit Sieg auf den Lippen. Da heißt es: Es stand da ein Gefäß voll Essig. Sie legten nun einen Schwamm voller Essig um einen Ysop und brachten ihn an seinen Mund. Und als Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Ja, die Prophezeiung ist jetzt erfüllt. Es ist vollbracht. Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.
Ich werde nicht viel dazu sagen, nur dieser Hinweis: Er neigt das Haupt und übergibt den Geist. Er übergibt den Geist. Er entscheidet, dass er stirbt. Es ist nicht so, dass der Tod über ihn kommt und er nichts mehr machen kann, sondern er sagt: Jetzt ist gut, jetzt werde ich sterben, jetzt ist Schluss.
Aber vorher sagt er noch: Es ist vollbracht. Er ist wirklich am Ziel. Es ist vollbracht. Frage: Was? Und die Antwort lautet: nicht weniger als die Rettung der Menschen von ihren Sünden.
Jesus, der Name Jesus ist Programm. Jesus heißt: Gott rettet. Was sagt der Engel dem Josef im Traum, wie das Kind heißen soll? Jesus. Und dann die Begründung: Und sie wird einen Sohn gebären, den sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.
Also man versucht uns ja alles Mögliche wichtig zu machen. Aber ich glaube, wir dürfen an Ostern eine Sache getrost in den Mittelpunkt stellen. Das größte Problem des Menschen ist nicht die Erderwärmung, auch nicht multiresistente Keime, auch nicht der nächste Crash auf den Finanzmärkten, auch nicht die Art und Weise, wie wir in sozialen Medien miteinander umgehen, wahrscheinlich nicht einmal der nächste Weltkrieg.
Das größte Problem des Menschen? Ja, das alles, was ich eben aufgezählt habe, sind nur Symptome ein und desselben viel größeren, tiefsitzenden Problems. Und dieses Problem heißt Sünde.
Der Mensch ist Sünder, und er kann sich nicht retten. Er kann einfach nur hilflos zusehen, wie Sünde sein Leben prägt, bestimmt und zerstört, weil Sünde immer nur kaputt macht. Sie macht mein Leben kaputt, sie macht das Leben meiner Kinder kaputt, sie macht die Gesellschaft kaputt, sie macht unsere Natur kaputt.
Und Sünde tut noch mehr. Sünde reißt mich in den Abgrund der Hölle. Wir reden heute nicht gern über Hölle, wir reden ja auch nicht gern über den Tod. Aber beides ist eine Realität. Wir werden sterben. Und danach werden wir tatsächlich für die bösen Gedanken und Worte und Handlungen und Motive unseres Lebens einmal gerichtet.
Es ist so leicht zu glauben, dass Sünde keine Folgen hat. Aber genau das Gegenteil ist wahr. Zu glauben, dass meine Bosheit und mein Groll und meine Habgier und meine Verachtung und all die anderen Sünden ungestraft bleiben, das ist tatsächlich einfach nur dumm.
Sünde zerstört erst mein Leben auf der Erde, und dann zerstört Sünde meine Ewigkeit. Sünde ist der Feind, der mich von Gott trennt und dem ich persönlich nichts entgegensetzen kann. Ich bin wirklich hilflos verloren.
Und dann kommt Jesus, und er sündigt nicht. Er lebt dieses heilige, perfekte Leben. Er nimmt seine Gerechtigkeit und tauscht sie für meine Ungerechtigkeit. Das Urteil für meine Sünde, den Tod, nimmt er auf sich und schenkt mir seine Sündlosigkeit. Es ist ein total ungerechter Tausch, und er macht das aus Liebe. Aber es ist der einzige Weg, um von Sünde loszukommen.
Und das steckt hinter: Es ist vollbracht. Für jeden, der glaubt. Für jeden, der so glaubt, wie Jesus selbst geglaubt hat.

Das letzte Vertrauen und die Einladung an alle

Übergabe in die Hände des Vaters

Und das ist mein letzter Punkt: Ein Heiliger stirbt mit absolutem Vertrauen auf den Lippen. In Lukas 23,46 und Jesus rief mit lauter Stimme und sprach: Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist. Und als er dies gesagt hatte, verschied er.
So, das sind jetzt endgültig die letzten Worte: In deine Hände übergebe ich meinen Geist. Hey, das ist Vertrauen pur. Glaube, der bis zum Schluss, bis zum Ende, nicht wankt. Ein letztes Mal, ich stelle mir das so vor, bäumt sich Jesus auf und schreit, hier steht es, mit lauter Stimme, schreit sein Gottvertrauen hinaus. Hier stirbt einer, der weiß, wem er vertraut.
Ganz ehrlich, ich möchte so sterben, also nicht am Kreuz, aber mit dieser felsenfesten Gewissheit: Da ist einer, der mich hält, der jenseits des Sterbens Macht über den Tod hat und dem ich mich auf dieser Reiserichtung Ewigkeit bedingungslos anvertrauen kann, einfach weil er mein Vater ist.
Der Apostel Petrus beschreibt im zweiten Petrusbrief, dass Jesus uns beruft durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend. Seine Herrlichkeit, das ist dieser unglaubliche Charakter, den er hat. Seine Tugend, das ist dieses vorbildliche Leben, das er führt. Und beides, sein Charakter und sein Leben, laden uns ein, Jesus zu vertrauen und Jesus zu folgen.
In der Weltgeschichte gibt es tatsächlich keinen zweiten Jesus. Es gibt andere Märtyrer, keine Frage, aber Jesus ist einmalig. Und wie einmalig er war, wie einmalig, das merkt man vor allem daran, wenn man sieht, wie er stirbt. Wie sich in diesem Moment des Sterbens, wo es auf nichts mehr ankommt, wo normalerweise Leute alles noch rauslassen, was noch in ihnen drinsteckt, wo du dich nicht mehr verstecken kannst, Jesus anschaut und merkt: In diesem Moment, wo er stirbt, da finde ich Gnade. Da finde ich Ermutigung, da finde ich Barmherzigkeit, da finde ich Wort Gottes, da finde ich dieses klare Ja zu den Wegen, die Gott mit mir geht, da finde ich Triumph, da finde ich felsenfesten Glauben.
Was ist das für ein Mensch, der während er stirbt die Not der Menschen um ihn herum und seine Beziehung zum Vater im Himmel nicht aus dem Blick verliert? Es ist eben ein ganz einzigartiger Mensch, ein Mensch, der mehr ist als ein normaler Mensch. Es ist Gott, der Mensch wurde, um uns zu retten. Und es ist sein Lebensstil, es ist sein Charakter, der die Grundlage für Ostern bildet.
Wir feiern heute Auferstehung. Ich habe das am Anfang vorgelesen: Es war unmöglich, dass Jesus vom Tod festgehalten werden konnte, sagt Petrus. Und es stimmt. Es war wirklich unmöglich. Unmöglich, weil vor Gott eine Regel gilt. Und die Regel geht etwa so: Wer ohne Sünde lebt, der wird nicht bestraft. Das heißt, wer ohne Sünde lebt, der stirbt nicht. Und sollte ein vollkommener Gerechter doch für andere Menschen sein Leben einsetzen, so wird er wieder auferweckt. Und zwar auferweckt, um seinen Sieg über den Tod mit all denen zu teilen, die an ihn glauben. Das ist das Entscheidende.
Und genau das hat Jesus getan. Er ist der Heilige, der auferweckt wurde, weil er selber keine Sünde getan hat. Er wurde auferweckt, und er steht nun vor jedem Menschen mit diesem Angebot der Vergebung und der Hoffnung. Das, was Jesus am Kreuz mit den Soldaten macht, das, was Jesus am Kreuz dem Räuber zuspricht, das gilt als Angebot allen Menschen, allen denen, die unabsichtlich oder absichtlich schuldig geworden sind. Jeder braucht Jesus. Und wer glaubt und sein Leben bedingungslos Jesus anvertraut, der findet Vergebung der Sünden, und zwar egal, was du angestellt hast. Und er findet die Hoffnung auf ein Leben im Paradies Gottes.
Und das ist, was wir heute feiern: Auferstehung.

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