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Der liebende Vater - Teil 2/2 - Wozu das alles?

Lukas 15,25-3219.09.2018
Serie•Teil 3 / 7Da berühren sich Himmel und Erde
Warum macht Gott ein Fest für den, der alles verspielt hat? Die schärfere Frage: Kannst du Gnade feiern, wenn sie nicht „verdient“ ist?

Rückblick auf die vorausgehende Auslegung

Gestern beschäftigten wir uns mit dem ersten Teil dieser bekannten Geschichte vom verlorenen Sohn, oder wie man es auch nennen kann: von den verlorenen Söhnen. Für die, die gestern nicht da waren, und für die, die vielleicht zwischendrin mal eingenickt sind, wiederhole ich noch ein bisschen, damit wir wieder den Anschluss zum zweiten Sohn haben.
Jesus erzählt, und das ist ganz wichtig: Immer wenn wir ein Gleichnis lesen, sollten wir schauen, wem Jesus es erzählt. Ein Gleichnis erzählt er speziell den Jüngern, aber hier haben wir eines, da spricht er zu den Pharisäern und Schriftgelehrten. Das ist gerade beim zweiten Sohn wichtig, denn die Schriftgelehrten ärgerten sich masslos über Jesus, weil er mit Sündern in ihren Augen Gemeinschaft pflegte. Das war für einen jüdischen Lehrer, der es mit dem Glauben ernst nimmt, einfach stossend. Er verunreinigte sich in ihren Augen.
Deshalb haben sie sich geärgert, und sie sagten zu seinen Jüngern: Wie kann er nur zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Das ist ja das Allerschlimmste. Wobei: Die Zöllner und Sünder waren auch Juden. Aber dass er mit denen ist, weil Zöllner und Sünder keine Chance hätten, ins Reich Gottes zu kommen, das war für sie klar. Die hätten ihr Leben dermassen vergeigt, dass es keinen Weg mehr gibt.
Es gibt im Alten Testament, das ist oft vielen nicht bewusst, Sünden, die vergeben werden können. Und für die gab es Opfer. Aber die meisten schweren Sünden konnte man nicht mit einem Opfer begleichen. Dafür gab es gar keine Opfer, meistens war es die Todesstrafe. Und die Zöllner und Sünder, genau, die hatten sich dermassen versündigt, dass für sie eigentlich im Gesetz des Mose kein Opfer mehr da war. Deshalb waren sie für Pharisäer und Schriftgelehrte hoffnungslose Fälle.
Und mit denen sitzt Jesus zusammen. Das ist wirklich eine Katastrophe. Aber sie täuschten sich gewaltig, wenn sie dachten, dass Gott diese Menschen fallen lässt. Deshalb erzählte ihnen Jesus diese Geschichte, um ihnen zu zeigen, wer der Vater, der Gott Israels, eigentlich ist.
Gestern beschäftigten wir uns eben mit diesem jüngeren Sohn, der sich sein Erbe auszahlen liess, alles verprasste und am Schluss am tiefsten Punkt seines Lebens landete: mit leerem Magen bei den Schweinen. Tiefer kann ein Jude nicht fallen, als bei unreinen Tieren zu Hause zu sein und nicht einmal ihr Futter essen zu dürfen.
Da kam dieser Sohn zur Besinnung. Er dachte: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, und alle haben mehr als genug zu essen, ich dagegen komme hier fast um vor Hunger. Und er erkannte seine Schuld und fasste den Entschluss: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Mach mich zu einem Tagelöhner.“
Gesagt, getan. Er machte sich auf den Weg, und als sein Vater ihn von weitem sah, rannte er ihm entgegen, umarmte ihn und küsste ihn. Er freute sich riesig über die Rückkehr dieses verwahrlosten Sohnes, eben dieses Zöllners, dieses Sünders. Gegen allen Erwartungen gab er ihm das Recht, Sohn zu sein, zurück. Er gab ihm einen Ring, er setzte ihn rechtmässig als Erben ein. Und natürlich musste das gefeiert werden: Mein Sohn war tot, und nun lebt er wieder. Er war verloren, und nun ist er wiedergefunden.
Dieser jüngere Sohn steht, wie gesagt, für Zolleinnehmer und Sünder, für all die Menschen, die sich von Gott gelöst hatten und moralisch ein verwerfliches Leben führten. Für diese Menschen steht dieser Sohn. Menschen, die aber bereit waren, ihr Leben wieder neu auf Gott auszurichten, die bereit waren, ihre Schuld zu bekennen und nicht anderen die Schuld zuzuweisen.
Wir sehen, wie unbegreiflich gross die Liebe dieses Vaters ist. Aber die Pharisäer konnten sich nicht freuen, als Jesus das erzählte. Für diesen Vater hatten sie nur Verachtung übrig. Wie kann man einen solchen verwahrlosten, sündigen Menschen umarmen und küssen? Schon der Gedanke war für sie eine Katastrophe. So ein Nichtsnutz. Und dann gibt er ihm sogar noch die Rechte des Sohnes, der Sohnschaft, zurück.
Jesus erzählte diese Geschichte weiter, die Geschichte des älteren Sohnes, der fleissig und aufopfernd bei seinem Vater geblieben war. Und das lesen wir jetzt miteinander.

Der ältere Bruder und seine Reaktion

Der ältere Sohn war auf dem Feld gewesen. Als er jetzt zurückkam, hörte er schon von weitem den Lärm von Musik und Tanz. Er rief einen Knecht und erkundigte sich, was das zu bedeuten habe.
„Dein Bruder ist zurückgekommen“, lautete die Antwort, „und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn wohlbehalten wieder hat.“
Der ältere Bruder wurde zornig und wollte nicht ins Haus hineingehen. Da kam der Vater heraus und redete ihm gut zu. Aber er hielt seinem Vater vor: So viele Jahre diene ich dir jetzt schon und habe mich nie deinen Anordnungen widersetzt, und doch hast du mir nie auch nur einen Ziegenbock gegeben, sodass ich mit meinen Freunden hätte feiern können. Und nun? Nun kommt dieser Mensch da, dein Sohn, der dein Vermögen mit Huren durchgebracht hat, und du lässt das Mastkalb schlachten.
„Kind“, sagt der Vater zu ihm, „du bist immer bei mir, und alles, was mir gehört, gehört doch auch dir. Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen, denn dieser hier, dein Bruder, war tot und nun lebt er wieder; er war verloren und nun ist er wiedergefunden.“
Von weitem hört der ältere Sohn den Lärm von Musik und Tanz. Es gibt ja auch heute noch Leute, die, wenn sie laute Musik hören, von Lärm sprechen. Das war schon damals so, vom Hof des Vaters her.
Nun würde man erwarten, dass er schnell ins Haus läuft, um zu sehen, was da los ist. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Doch das macht er nicht. Er lässt zuerst seinen Knecht zu sich kommen, der ihm berichten soll, was denn da in diesem Haus los sei. Er hätte ja kein Problem gehabt, dort hineinzukommen, er hatte kein Hausverbot.
Und er sagt ihm: Dein Bruder ist zurückgekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn wohlbehalten wieder hat.
Das war für ihn eine der schlechtesten Nachrichten, die er in seinem Leben je bekommen hatte. Sein moralisch verwerflicher Bruder ist zurück, und der Vater macht für ihn ein Riesenfest. Der ältere Bruder wurde zornig und wollte nicht ins Haus hineingehen. Da feiere ich bestimmt nicht mit, da könnt ihr mich vergessen. Meinen Bruder, den lade ich nicht einmal ein, den berühre ich nicht, den grüße ich nicht. Statt das Leben zu genießen und am Fest mitzufeiern, schmollt er und ärgert sich.
Und genau das war das, was die Zuhörer von Jesus jetzt auch tun. Sie ärgern sich über das Verhalten dieses Vaters. Wie beim ersten Sohn ergreift auch hier der Vater die Initiative. Das hätte er eigentlich gar nicht nötig gehabt. Normalerweise sucht der Sohn den Vater und nicht der Vater den Sohn. Aber wir haben es hier mit einem ganz besonderen Vater zu tun.
Da kam sein Vater heraus und redete ihm gut zu. Der Vater möchte ihn zum Fest einladen. Warum soll er hier draußen stehen und auf die Köstlichkeiten, die aufgetischt werden, verzichten? Warum soll er hier verharren und sich ärgern? Er würde besser kommen, mitfeiern, sich freuen und tanzen. Denn sein Bruder ist wieder hier.
Doch der Sohn ließ sich nicht bewegen. Nein, er überschüttete seinen Vater mit Vorwürfen und Anschuldigungen. Er lässt seinem Ärger freien Lauf: So viele Jahre diene ich dir jetzt schon und habe mich nie deinen Anordnungen widersetzt. Alles habe ich gehalten, und doch hast du mir nie auch nur einen Ziegenbock gegeben, sodass ich mit meinen Freunden hätte feiern können.
Das kreuzvolle Erinnern: Er hat ja auch geerbt, das Erbe wurde ja unter beiden aufgeteilt, sodass ich mit meinen Freunden hätte feiern können. Ich fühle mich ungerecht behandelt. Was hat es mir gebracht, dass ich dir die Treue gehalten habe? Nichts. Was hat es gebracht, dass ich alle deine Anweisungen befolgte? Nichts, rein nichts.
Ich hätte es wie mein Bruder machen sollen: einfach nicht arbeiten, nichts tun und nachher einfach kommen und sagen: So, jetzt bin ich wieder da. Nichts hat es genützt, dass ich so geschuftet habe. Jetzt wird mein Bruder gefeiert, also nicht einmal der Bruder, dieser Mensch. Noch nie hast du mir deine Anerkennung gezeigt, dich erkenntlich gezeigt, indem du ein Fest für mich gemacht hättest. Ich rackere mich ab, verzichte auf viele Vergnügungen, und dann kommt dieser Mensch zurück.
Nun kommt dieser Mensch da zurück, dein Sohn, der dein Vermögen mit Huren durchgebracht hat, und du lässt das Mastkalb für ihn schlachten. Das schlägt dem Fass den Boden aus. Das ist unerhört. Für so einen Menschen, wohlgemerkt, er spricht nicht von seinem Bruder. Er nimmt das Wort gar nicht in den Mund. Er spricht praktisch so, könnten wir sagen: Das ist so wie der da, wegen dem da, für den da machst du das. Mit dem da habe ich nämlich nichts zu tun, der ist verunreinigt, das ist ein Sünder. Der gehört nicht zu mir.
Und im Grunde genommen distanziert er sich damit auch von seinem Vater, denn dieser Mensch, dein Sohn, sagt er. Und damit sagt er im Prinzip: Mit dir, mit so einem Vater, der so einen Sohn hat, will ich eigentlich gar nichts zu tun haben. Da gehöre ich eigentlich gar nicht dazu. Es ist dein Sohn, dieser Mensch ist dein Sohn, nicht mein Bruder. Er hat ein Vermögen mit Huren durchgebracht, und zum Dank lässt du das Mastkalb schlachten und machst ein Riesenfest. Wie ungerecht ist denn das?
Hier öffnet sich das Herz des älteren Sohnes. Er fühlt sich vom Leben und von seinem Glauben betrogen. Er, der sich so ernsthaft gestrengt hatte, er, der nie ein Gebot des Vaters übertrat, er, der so viele Entbehrungen auf sich nahm, er ist nun der Betrogene. Denn sein Bruder, der das Leben, so meinte er, genossen hatte, der alles ausgekostet hat, wird jetzt noch für seine Untaten belohnt. Das ist doch wirklich nicht fair.
Wenn wir ganz, ganz ehrlich sind, dann müssen wir sagen: Ja, das hat schon was. Das ist schon ein bisschen ärgerlich. Vielleicht erleben wir manchmal auch solche Situationen. Bei uns ist es manchmal so, weil ich Pfarrer bin und wir dann eine Veranstaltung machen. Meine Frau arbeitet wie verrückt, damit alles klappt. Am Schluss gehen die Leute und sagen: Vielen Dank, war schön. Zu mir. Aber gearbeitet hat meine Frau. Zum Glück kann sie damit umgehen. Ich versuche dann immer zu sagen: Ja, aber meine Frau hat eigentlich die große Arbeit gehabt.
Oder wir sind als Kirche schon lange am Arbeiten, und dann kommen plötzlich Leute von außen rein, und jetzt wollen die plötzlich mitreden. Und sie denken: Ich habe doch gar nichts zu sagen. Seid ihr erst ein Jahr da, seid mal zwanzig Jahre da, dann könnt ihr mal mitreden. Was denkt ihr eigentlich? Ihr könnt jetzt einfach gleichwertig wie wir sein, wir, die gearbeitet haben, die die Wände gestrichen haben, die Geld zusammengelegt haben. Jetzt kommt ihr einfach und sagt, wir wollen etwas anderes machen. Nein, nein, nicht mit uns, nicht mit uns. Das ist nicht fair.
Was dieser Sohn erlebt, nüchtern betrachtet, müssen wir sagen: Ja, das hat schon was. Ganz fair ist das nicht.

Das religiöse Selbstverständnis des Älteren

Der älteste Sohn steht für die Menschen, die ohne eine Beziehung zu Gott ein scheinbar vorbildliches Leben führen. Dieser Sohn hatte nämlich genauso wenig wie sein jüngerer Bruder eine echte Beziehung zu seinem Vater. Sonst hätte er anders auf die Rückkehr seines Bruders reagiert, mit mehr Verständnis und mit grösserem Respekt. Er hätte die Freude seines Vaters geteilt.
Er lebte genauso gottlos wie sein jüngerer Bruder es tat, nur war seine Gottlosigkeit einfach frömmer. Sein Leben machte den Anschein eines gottwohlgefälligen Lebens, weil er doch alle Regeln eingehalten hatte. Und zwar hat er sich wirklich, wirklich, wirklich Mühe gegeben. So wie dieser Pharisäer, der im Tempel von sich voll überzeugt betet: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen. Ich bin kein Räuber, kein Betrüger, kein Ehebrecher, und ich bin auch nicht wie jener Zolleinnehmer da hinten. Wieso wagt er es überhaupt, in den Tempel zu kommen? Der soll raus. Ich faste zwei Tage in der Woche und gebe den Zehnten von allen meinen Einkünften. Ich mache mehr, als überhaupt nötig ist für dich. Du kannst doch dankbar sein, dass du mich hast, Gott. Stell dir vor, ich wäre nicht mehr da. Wo findest du so tolle Leute wie mich?“
Das ist die Gesinnung der Pharisäer. In ihrem scheinbar tadellosen Leben meinen sie, sich die Anerkennung und die Liebe des Vaters verdient zu haben und dadurch Anspruch auf eine bevorzugte Behandlung zu haben. Jesus sagt es ihnen einmal ganz direkt: Nach aussen hin erweckt ihr bei den Menschen den Anschein, gerecht zu sein, in Wirklichkeit aber seid ihr voller Heuchelei und Gesetzlosigkeit. Gesetzlosigkeit ist gleichbedeutend mit Gottlosigkeit. Wo das tiefe Problem liegt, sagt Jesus genauso direkt: Ihr gebt den Zehnten von Kräutern, Minze, Dill und Kümmel und lasst dabei die viel wichtigeren Forderungen des Gesetzes ausser Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue.
Barmherzigkeit, und genau darum geht es hier gegenüber dem jüngeren Bruder. Dieser Sohn hatte offensichtlich von Barmherzigkeit keine Ahnung, jedenfalls nicht von der Barmherzigkeit Gottes. Er verstand genauso wenig von der Gerechtigkeit Gottes, denn Gottes Gerechtigkeit ist anders, als wir Gerechtigkeit empfinden. Es ist eben nicht so, dass wir einfach nur finden: Das ist fair. Sondern dieser Sohn, dieser Jüngere, ist zurückgekommen. Er hat seine Schuld bekannt, und Gott hat ihm Gnade erwiesen. Das ist die Gerechtigkeit Gottes. Das funktioniert ebenso zusammen mit Barmherzigkeit.
Ich kann jede Woche einem armen Menschen hundert Euro schenken und trotzdem nichts von Barmherzigkeit verstehen. Denn wenn ich das nur deshalb tue, um bei Gott zu punkten, dann hat das mit Barmherzigkeit sehr wenig zu tun. Dann hat das damit zu tun, dass ich Gott zeigen will, dass ich bevorzugt behandelt werden muss, weil ich ja jede Woche jemandem hundert Euro gebe. Denn wenn ich das nur deshalb tue, um bei Gott zu punkten, dann hat das mit Barmherzigkeit nichts zu tun.
Und dieser älteste Sohn hatte vom Wesen seines Vaters herzlich wenig verstanden. Obwohl er in seiner Nähe lebte, hat er offensichtlich nicht bemerkt, dass sein Vater immer auf seinen Sohn, den verlorenen Sohn, gewartet hat. Der Ältere hat nicht auf ihn gewartet. In diesem Sohn, dem Älteren, begegnet uns das gesetzlich-religiöse Wesen, der Glaube, der sich durch Werke Sicherheit erarbeiten will.
Es geht aber um etwas ganz anderes. Gott möchte nicht religiöse Menschen, denn religiös sind ja alle Menschen. Jeder Mensch ist religiös und hat immer irgendeine Religion. Sogar der Atheist ist religiös. Also ist der Atheist zum Teil gläubiger als wir, weil ich mich einmal mit dem beschäftigt habe. Ich habe einmal eine Predigtreihe über den Atheismus gemacht. Und es gibt führende Atheisten, die sagen, dass der Mensch zutiefst in seinem Herzen empfindet, dass es etwas Grösseres gibt, dass es etwas Göttliches geben muss. Dann sagt dieser Atheist, ich könnte euch das mit Zitaten belegen, das ist wirklich interessant, das sei aber eine Fehlentwicklung der Evolution. Das sei etwas, das noch zurückgeblieben ist, weil die Religion überflüssig ist. Die Evolution hätte das quasi herausarbeiten müssen, aber jetzt sei das wie ein Rückstand, wie eine Fehlentwicklung in der Evolution, dass der Mensch trotzdem noch religiös ist.
Und was macht der Atheist? Weil er das empfindet, entscheidet er sich, zu glauben, dass es keinen Gott gibt. Also glaubt er, dass es keinen Gott gibt, obwohl sein Empfinden sagt, da könnte doch etwas sein. Das ist interessant. Und deshalb ist der Atheist auch ein gläubiger Mensch, weil er daran glaubt, dass es keinen Gott gibt. Und er hat sich bekehrt zum Glauben, dass es keinen Gott gibt.
Ohne Religion, ohne religiöse Aspekte können wir gar nicht leben. Wenn wir nicht an den lebendigen Gott glauben, dann haben wir irgendein Idol oder eine Fussballmannschaft, für die wir leben. Ich staune manchmal, wenn die Leute, wenn irgendein Star stirbt. Das finde ich auch schade. Aber wenn Leute dann sagen: Jetzt bricht mein Leben zusammen, dann haben wir eine Religion, wenn das so wichtig ist.
Also, der Mensch ist hoffnungslos religiös. Er ist ein religiöses Wesen. Aber Gott möchte nicht religiöse Menschen, weil die sind ja eh alle so, sondern er möchte veränderte Menschen, neue Menschen, die sich von ihm verändern lassen. Menschen, die von innen verändert werden, und nicht Menschen, die religiöse Regeln möglichst genau einhalten, nur damit sie eingehalten sind.
Wir alle stehen in der Gefahr, diesem Sohn zu gleichen. Wir tendieren eher zum zweiten Sohn und nicht zum ersten. Wenn ich euch anschaue, seid ihr alles anständige Leute. Nicht abgefragt, nicht am Boden, nicht irgendwie, sondern ihr seid alle anständig. Euch geht es mehr oder weniger gut, nehme ich jetzt mal an. Wir gleichen eher diesem zweiten Sohn.
Und wir versuchen vielleicht, unsere bösen Werke oder unsere bösen Gedanken oder unsere Anstrengungen, die verwerflich sein können, mit religiösen Werken zu verbergen. Je schlimmer meine innere Gesinnung ist, desto mehr könnte ich zum Beispiel noch frömmer werden, so wie ein Ausgleichsmechanismus. So kann ich das dann verbergen. Und am Schluss glaube ich selber, dass ich wirklich so fromm bin, weil ich es dann wirklich übertreibe.
Ich versuche, etwas zu verdecken, statt genau das zu tun, was der jüngere Sohn tut, nämlich auch zum Vater zu gehen und zu sagen: Es tut mir leid, ich bin voll Stolz, Hass und Einbildung. Jesus sagt es einmal ganz einfach: Alles, was sie tun, tun sie nur, um die Leute zu beeindrucken.
Wir besuchen vielleicht regelmässig den Gottesdienst. Das ist toll. Ich bin dankbar über jeden Gottesdienstbesuch in meiner Kirche. Ich wäre froh, ihr würdet regelmässig kommen. Das hängt ja manchmal vom Wetter ab. Ihr seid ganz treue Bibelleser, und wenn wir mal nicht dazukommen, dann holen wir das vielleicht sogar nach. Wir verzichten ganz bewusst auf viele schöne Ereignisse. Aber das ist nicht primär christliches Leben. Das ist alles gut und recht, aber Jesus sagt übrigens: Was sie sagen, sollt ihr tun, aber schaut nicht auf ihr Leben.
So schaffen wir es vielleicht, die Menschen zu beeindrucken, aber Gott können wir nicht täuschen.

Die Einladung des Vaters zur Freude

Der Vater bemüht sich, mit derselben Liebe, mit der er seinen verwahrlosten Sohn in die Arme genommen hat, auch seinen älteren Sohn zu gewinnen. Es ist genau dieselbe Liebe. Er hätte ja gar nicht zu ihm hinausgehen müssen. Dann soll er doch da schmollen, das ist doch mir egal. Nein, er geht zu ihm hinaus, er verlässt das Fest und sagt zu ihm: Kind, Kind. Das ist eine liebliche Ansprache, das ist wie eine Umarmung. Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mir gehört, gehört auch dir.
Wo ist das Problem? Liebevoller hätte er diesen Sohn nicht ansprechen können. Ich hätte vermutlich Wut gesagt: Spinnst du eigentlich? Schmollst du? Jetzt musst du dich freuen! Nein, er sagt: Kind, mein Kind, dir gehört alles, was mir gehört. Das ist dein Problem. Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mir gehört, gehört auch dir.
Der Sohn hat ein Problem, das eigentlich gar nicht existiert. Alles, was dem Vater gehört, gehört auch ihm. Hätte er gewollt und Lust dazu gehabt, dann hätte er ein Fest mit seinen Freunden feiern können, und selbstverständlich hätte er auch einmal das Mastkalb schlachten können. Die waren genug reich, die hatten nicht nur ein Mastkalb, die hatten mehrere Mastkälber. Dann hätten sie wieder eines gehabt. Er hätte sie durchaus aus dem Fest feiern können. Was dir ist, ist mir.
Aber vermutlich hatte er durch lauter Eifer, seine Arbeit zu machen und die Regeln zu befolgen, keine Zeit zum Leben und zum Lieben gefunden. Übrigens bekam er seinen Anteil auch, als sein Bruder von zu Hause wegging, denn Jesus sagt, da teilte der Vater das Vermögen unter die beiden auf. Da er der ältere Bruder war, kann man davon ausgehen, dass er das Doppelte von seinem jüngeren Bruder bekommen hatte. Also stimmt dieser Vorwurf: Mir hast du gar nichts gegeben, gar nicht. Dieser Vater hat ihm sehr viel gegeben, mehr als dem Jüngeren.
Der zweite Sohn hatte seinen Erbteil auch bekommen und sich entschieden, beim Vater zu bleiben. Aber sein Umgang mit diesem Erbe war in anderer Hinsicht genauso falsch wie bei seinem jüngeren Bruder. Der Ältere wählte den Weg der religiösen Leistung, den Weg der Werke. Sein Leben war durch Gesetze und Regeln bestimmt, die er sich selbst auferlegte. Das war das Problem der Pharisäer. Sie hatten ihre Regeln, die Gott gar nicht verlangte. Sie mussten gar nicht alles verzehnten, das haben sie freiwillig gemacht. Und sie mussten auch nicht zweimal in der Woche fasten, das haben sie ebenfalls freiwillig gemacht. Sie haben sich Lasten aufgelegt, die Gott ihnen gar nicht aufgelegt hat.
Doch sein Vater liebte ihn genauso, und das finde ich das Interessante, wie seinen jüngeren Sohn. Auch wenn er jetzt verärgert ist, der ältere Sohn. Er versucht ihm nochmals zu erklären, wieso dieses Fest jetzt wirklich gut ist, und er versuchte, das Herz dieses älteren Sohnes ein wenig aufzuweichen. Jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen, Kind, denn dieser hier, dein Bruder, war tot und nun lebt er wieder. Er war verloren und nun ist er wiedergefunden.
Was sollen wir dann tun? Natürlich müssen wir ein Fest feiern. Da ist ein Leben gerettet worden. Da war einer tot, und jetzt lebt er wieder. Das muss gefeiert werden. Begreifst du das nicht? Übrigens geschieht das auch heute noch, und zwar immer dann, wenn ein Mensch sein Leben Jesus anvertraut. Jesus sagt es einmal so: Ich versichere euch, wer auf mein Wort hört und auf den glaubt, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben. Auf ihn kommt keine Verurteilung mehr zu, er hat den Schritt vom Tod zum Leben getan.
Egal, wo der jetzt stand, ob der jetzt wirklich so wie der jüngere Sohn alles verprasst hat, ein schlimmes Leben geführt hat, oder wie der Ältere, der äußerlich ein gutes Leben geführt hat, das ist egal. Er ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen, sobald wir unser Leben Jesus anvertrauen. Genau das ist mit diesem jüngeren Sohn geschehen. Er hatte durch seine Umkehr zum Vater, durch das Bekenntnis seiner Schuld, den Schritt vom Tod ins Leben getan. Das muss gefeiert werden, und deshalb können wir im selben Kapitel, in dem die Geschichte des verlorenen Sohnes steht, lesen: Genauso freuen sich die Engel Gottes über einen einzigen Sünder, der umkehrt.
Da wird ein Fest gefeiert, egal ob die anderen lästern, ob sie außerhalb des Festes bleiben, es muss gefeiert werden, wenn das geschieht. Mit diesem liebenden Vater wird uns die Gnade Gottes vor Augen geführt und gleichzeitig auch, was Gott für Gerechtigkeit hält, nämlich dass er sich über jeden erbarmt, der sich vor ihm demütigt. Egal, was er getan hat. Das ist Gottes Gerechtigkeit. Das ist vielleicht für uns nicht fair, aber es ist gerecht. Das ist die Gnade Gottes, und wir sind froh, dass die Gnade Gottes so funktioniert, weil sonst wüsste ich nicht, ob ich hier stehen würde, wenn es nach Fairness ginge.
Paulus schreibt, dass sie für gerecht erklärt werden, beruht auf seiner Gnade. Es ist sein freies Geschenk aufgrund der Erlösung durch Jesus Christus. Und das wollte nun Jesus diesen Pharisäern vor Augen führen. Guckt, ihr seid wie dieser ältere Sohn. Ihr ärgert euch darüber, dass der Vater diesem jüngeren Sohn gnädig und barmherzig ist, der sein Leben vergeigt hat, der sich schwerstens versündigt hat. Genauso ärgert ihr euch über die Sünderinnen und Sünder, wenn ich mich mit ihnen zusammensetze. Ihr ertragt es nicht, weil ihr denkt, ihr seid die besseren Menschen als alle anderen, und durch eure Gesetze würdet ihr besondere Rechte bei Gott haben oder erworben haben.
Ob wir scheinbar vorbildliches oder anständiges Leben führen oder ob wir unser Leben zerstören, für alle bleibt eines gleich: Jeder ist auf die Gnade Gottes angewiesen.
Es ist vielleicht für die, die ein gutes Leben führen, die vorbildlich sind, die helfen, vielleicht sogar noch ein bisschen schwieriger, sich vor Gott zu demütigen, weil man doch von sich denkt: Ich bin doch ein ganz guter Mensch. Und einem Sünder, einem Zöllner, einer Dirne musste man damals nicht sagen, dass er ein Sünder ist, das wusste jeder. Und jeder hat es gesehen. Dann war es noch ein bisschen leichter zu sagen: Ja, ich bin es wirklich. Aber wenn ich Rang und Namen habe, wenn ich einen guten Ruf habe, mich vor Gott zu demütigen und zu sagen: Herr, ich muss dir jetzt eines gestehen, auch wenn alle finden, ich sei der beste Typ auf dieser Welt. Ich brauche deine Gnade, weil das, was in mir ist, gar nicht so gut ist. Das zeige ich zwar niemandem, aber du weißt es. Deshalb bin auch ich auf deine Gnade angewiesen. Das wäre auch dieser Sohn gewesen, der Ältere.
Es ist ein freies Geschenk. Wer die Gnade erarbeiten will, der wird scheitern. Das Geschenk der Gnade kann man nur empfangen. Wenn man es nicht empfangen könnte, könnten wir nicht von Gnade sprechen.
Jesus beendet die Geschichte, ohne zu sagen, was der ältere Sohn machen wird. Wird er weiterhin verärgert außen vor bleiben, oder wird er am Fest teilnehmen und sich über die Rettung seines Bruders freuen und verstehen, dass der da doch sein Bruder ist? Diese Entscheidung müssen die Zuhörer, die Pharisäer und Schriftgelehrten, selber treffen. Jesus lässt das Ende bewusst offen, nämlich, weil jetzt der Ball bei den Zuhörern ist. Will ich jetzt immer noch schmollen, oder habe ich jetzt verstanden, was für ein liebevoller Vater das ist, der sogar zum schmollenden älteren Sohn, der so verärgert ist, sagt: Kind, gehört dir nicht alles, was nach mir gehört?
Vielleicht ist bei dem einen oder anderen Zuhörer das Herz reich geworden. Übrigens sind auch viele Pharisäer und Schriftgelehrte nach Ostern, nachdem Jesus gekreuzigt und auch verstanden war, zum Glauben an Jesus gekommen. Wollen sie ihr Leben weiterhin auf Gesetzen und Regeln aufbauen, oder wollen sie aus der Gnade Gottes leben?

Der liebende Vater als eigentliche Hauptfigur

Diese Geschichte der beiden verlorenen Söhne ist im Grunde die Geschichte des liebenden Vaters. Das ist die große Person hier, das ist die Hauptperson. Eigentlich müsste man die Geschichte fast umschreiben: die Geschichte des liebenden Vaters, der beide Söhne liebt, sowohl den, der sein Erbe verprasst hat, als auch den, der etwas übereifrig war.
Es geht auch dem Sohn entgegen, der hartherzig ist und meint, er hätte alles richtig gemacht. Die Liebe dieses Vaters ist wirklich großartig. Er will eben, dass allen Menschen geholfen wird. Wie Paulus schreibt: Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und dass sie die Wahrheit erkennen.
Ich bete mit uns. Ich möchte dir danken, Vater, dass du ein liebender Vater bist und dass du Menschen mit deiner Liebe begegnest, sogar diesem hartnäckigen Sohn, der sich so geärgert hat über deine Gnade und Barmherzigkeit. Und so hast du auch die Pharisäer, die dich ständig angegriffen haben, immer wieder durch Geschichten und durch Gespräche zur Einsicht führen wollen, weil deine Liebe auch ihnen gilt und galt, ebenso wie auch den offensichtlich Verlorenen, den Sündern, den Zöllnern und den Dirnen.
Aber dein Herz, deine Liebe, gilt allen bis heute. Das ist Evangelium, das ist ein großes Geschenk: dass du als liebender Gott uns Menschen begegnest, damit wir ewiges Leben bekommen. Dir sei Lob, Preis und Ehre. Amen.