Schon gewusst? Dieses Bild gehört zu den meistverbreiteten Gemälden der Welt. Es war eine der ersten massenproduzierten Zeichnungen überhaupt. Während des Zweiten Weltkriegs trugen Soldaten es bei sich. In den Jahren danach wurde die Zeichnung überall abgedruckt: in Zeitschriften, auf Postern, an Küchenkalendern, auf verschiedensten Haushaltsartikeln und vielem mehr. Schätzungsweise wurde sie fünfhundert Millionen Mal vervielfältigt.
Die New York Times bezeichnet sie als eine der bekanntesten Zeichnungen des Jahrhunderts. Die Soldaten sahen darin einen tapferen, männlichen Jesus, der bereit ist, Golgatha die Stirn zu bieten. Viele Zivilisten wiederum nehmen in den warmen Farben eine liebevolle Retterfigur wahr, die in dunklen Zeiten Hoffnung und Licht ausstrahlt.
Beide Sichtweisen sind gut nachvollziehbar. Das Bild sollte ja auf die Nöte der damaligen Zeit reagieren und keinen historischen Schnappschuss darstellen.
Die Herausforderung, Jesus wirklich zu erkennen
Aber was ist heute, was ist jetzt mit dir und mir? Wir befinden uns in einer ganz besonderen Situation. Wir wissen mehr über Jesus von Nazareth und das Israel, in dem er gelebt hat, als jede andere Generation vor uns.
Können wir dieses Wissen, das wir jetzt gesammelt haben, nutzen, um dem näherzukommen, wie Jesus wirklich ausgesehen hat? Die letzten Wochen waren eine wilde Reise: über palästinensische Skelette und römische Kaiserkroniken, über britische Museen, Mumien-Sarkophage aus der Sahara und ägyptische Papyrusrollen bis hin zu amerikanischen Eliteunis und antiken Kirchen an der irakischen Grenze, die der Islamische Staat zerstört hat.
Wir haben Dutzende von Spuren ausgewertet und am Ende zusammen mit einem Grafiker mithilfe modernster Algorithmen und Bildbearbeitung rekonstruiert, wie Jesus nach aktuellem Kenntnisstand am wahrscheinlichsten ausgesehen hat – nämlich so. Jetzt zeige ich dir, wie wir es gemacht haben.
Damit willkommen beim Bibelfit-Dienst, wo wir versuchen, leicht verständlich tiefer in die Bibel einzusteigen, Jesus im modernen Alltag nachzufolgen und harte Fragen vor Nichtchristen klar zu beantworten. Zu jedem Beitrag verschenke ich Übersichten, biblische Entscheidungshilfen, komplette Hörbücher und sogar Onlinekurse.
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Wunschbilder und historische Fakten
Das Grundproblem heute ist ein ganz kurioses: Bei Jesus geht häufig unser Wunschdenken mit uns durch. Der Nobelpreisträger und Theologe Professor Doktor Albert Schweitzer hat sich schon vor über hundert Jahren dazu Gedanken gemacht und eine schmerzhafte Weisheit ausgesprochen. Wer sich bei Jesus nicht knallhart an historische Fakten bindet, der heftet am Ende Jesus nur das an, was er bei sich selbst gut findet.
Flapsig würde Albert Schweitzer heute sagen: Zeig mir, was dein Jesusbild ist, und ich sage dir, wie du selbst gerne wärst. Bei Maria ist das ähnlich. Zeig mir dein Mariabild, und ich sage dir, was deine Wunschvorstellung einer Mutter ist.
Das ist in der Psychologie ein eigens untersuchtes Phänomen. Darauf gehen wir in ein paar Wochen in der Videoreihe zur Marienverehrung näher ein. Drücke gern die Glocke hier rechts unter diesem Video, dann wird dir das auch angezeigt.
Jedenfalls beschäftigt mich das bei Jesus schon seit Monaten. Und jedes Mal, wenn ich hier mit dir über Jesus spreche, bin ich vorher tagelang stapfig mit Selbstzweifeln durch die Wohnung meiner armen Frau gegangen. Denn ich überlege jedes Mal: Stelle ich dir und euch Jesus so dar, wie er wirklich war, oder gebe ich dir nur meine persönlichen Wunschfantasien und klebe so ein Jesusetikett drauf?
Deshalb ganz selbstkritisch und in aller Offenheit: Wie genau Jesus ausgesehen hat, das weiß ich nicht. Alles, was wir in den nächsten vierzig Minuten zusammen besprechen, sind Vermutungen. Ja.
Umgang mit Unsicherheit und historische Quellen
Müssen wir deshalb an dieser Stelle jetzt abbrechen und alles stehen und liegen lassen? Nun, nein, eben nicht. Ich glaube, wir müssen jetzt nicht die Flinte ins Korn werfen, und ich kann dir auch zeigen, warum.
Lass uns mal ein drastisches Beispiel aus der jüngeren deutschen Geschichte nehmen. Vor ungefähr einhundert Jahren hat Hitler Folgendes gesagt: „Ich kann mir Jesus nicht anders vorstellen als blond und mit blauen Augen, den Teufel aber nur in jüdischer Fratze.“ Vielleicht weißt du es ja, in der Nazizeit gab es mehrere amtliche Stellen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, in der Bevölkerung das Bild zu verbreiten, dass Jesus angeblich nichts mit dem Judentum zu tun gehabt hätte und dass Jesus ein zwei Meter dreißig hoher, durchtrainierter Hüne gewesen sei. So wurde Jesus dann von nationalsozialistischen Künstlern auch dargestellt.
Und jetzt eine Frage: Wussten diese Nazis, wie Jesus tatsächlich ausgesehen hat? Nein. Wussten sie überhaupt, wie Jesus ausgesehen hat? Natürlich nicht. Waren das Spekulationen? Ja. Waren diese Spekulationen plausibel? Nein, ganz und gar nicht. Und daran siehst du schon: Nicht alle Vermutungen sind gleichwertig. Es gibt manche Dinge, die haben keine Faktengrundlage und sind komplett an den Haaren herbeigezogen. Dann gibt es andere Vermutungen, die sind weitaus plausibler.
Das Gute dabei ist die enorme Menge dessen, was wir inzwischen über Jesus an historischen Fakten haben. Da können selbst manche römischen Kaiser nur von träumen. Zum Beispiel über Kaiser Nero gibt es so wenige Quellen, dass wir vor hundert Jahren nicht mal wussten, dass er überhaupt gelebt hat. Es tut mir leid, er wird mit keinem Wort von Feinden oder Gegnern erwähnt. Er hat nicht mal Freunde und Anhänger, die ihm Texte hinterlassen haben.
Bei Jesus dagegen haben wir bis jetzt über fünfzig verschiedene zeitgenössische historische Quellen von Nichtchristen gesichert, aus denen du über Jesus lernen kannst. Noch einmal: Das sind Berichte von Nichtchristen und Gegnern von Jesus, aus denen du Dinge über ihn erfahren kannst.
Damit du mal ein Gefühl für die Größenordnung bekommst: Wenn du jeden dieser Gegner von Jesus der Reihe nach vor Gericht aufrufen und für nur dreißig Minuten als Zeugen anhören würdest, dann wärst du fast eine halbe Arbeitswoche von morgens bis abends nur damit beschäftigt, zu hören, was antike Zeitzeugen über Jesus sagen. Und das sind ja nur die Leute, die keine Sympathisanten von Jesus waren.
Was glaubst du, wie viele Tage bis Wochen du und ich mit der Anhörung beschäftigt wären, sobald wir alle Zeugen aus der Antike aufrufen? So viel historisches Material gibt es über unseren Jesus. Wow! Und das ist dieser Kontrast, der mir so auffällt.
Du müsstest ungefähr 400 Seiten an wissenschaftlichen Standardwerken lesen, nur um auf den aktuellen Forschungsstand zur geschichtlichen Lebens Jesu zu kommen. So umfangreich ist das, was Historiker inzwischen bewegen.
Und was machen wir Christen? Mein Eindruck widerspricht mir gern: Ich denke mal, die meisten von uns haben keinen Plan davon. Weißt du, die damaligen Jünger von Jesus haben alles von ihm aufgesogen. Und wir heutige Jünger von Jesus? Mal Hand aufs Herz: Viele von uns wissen ja nicht mal die Jahreszahlen, von wann bis wann unser Lehrer und Meister überhaupt gelebt hat. Das ist doch krass, oder?
Ich meine, wir sind Christen, wir nennen uns sogar nach Jesus Christus. Sollte es nicht gerade uns Christen ein Herzensanliegen sein, so viele Fakten wie möglich über ihn erfahren zu wollen?
Falls du einen ersten Überblick haben möchtest, was wir inzwischen alles von Jesus wissen, nimm dir gern den aktuellen Bestseller „Kein Gott ist auch keine Lösung“ mit. Der wird inzwischen von Gemeinden und Hauskreisen, aber auch in Jüngerschaftskursen und an Bibelschulen genutzt. Den gibt es als E-Book und Hörbuch komplett gratis über den Link unter diesem Video.
Historische Fakten und das Aussehen Jesu
Wir wissen heute deutlich mehr über Jesus, als vielen bewusst ist. Die Frage ist nun: Hilft uns dieses Wissen weiter, wenn es um sein Aussehen geht? Haben wir plausible Vermutungen oder sogar echte Indizien, wie Jesus ausgesehen hat? Und welches Bild ergibt sich, wenn man all diese Hinweise zusammennimmt? Welches Mosaik oder Puzzle entsteht daraus? Und was ist vielleicht das beste Bild, das wir derzeit haben?
Gerade weil ich wirklich bemüht bin, Jesus nicht mein persönliches Kopfkino aufzudrängen, blende ich dir in jedem Jesus-Video Dutzende Quellen ein – besonders heute. Und wie immer gilt: Du musst nichts glauben, nur weil ich es sage. 1. Thessalonicher 5 fordert uns auf, alles zu prüfen und das Gute zu behalten.
Drei Dinge sind wichtig, bevor wir starten:
Erstens: Vielleicht gibt es einen von fünfzig Menschen, der diesen Beitrag sieht und sagt: „Ich habe Jesus gesehen, er ist mir erschienen, ich weiß, wie er aussieht. Das hier könnt ihr euch sparen.“ Das kann sein. Ich glaube auch, dass so etwas passiert. Eines Tages werden wir wissen, wie viele Zehntausende Menschen in der arabischen Welt Christen geworden sind, weil Jesus ihnen in Träumen und Visionen erschienen ist.
Aber was ist mit den anderen 49 von uns, denen Jesus bisher nicht erschienen ist? Wir haben nur die historischen Anhaltspunkte. Diese sind immerhin für alle zugänglich und nicht nur für eine kleine Gruppe. Deshalb schauen wir uns an, wie weit wir mit diesen historischen Anhaltspunkten kommen.
Zweitens: Der Elefant im Raum – darf man Jesus überhaupt bildlich darstellen? Es sollte klar sein, dass hier niemand die Bilder an sich anbeten will. Aber grundsätzlich: Im Islam ist es streng verboten, Muhammad bildlich darzustellen. Wie ist das im Christentum? Sind Bilder von Jesus erlaubt?
Die meisten Christen hatten damals wie heute kein Problem damit, Abbildungen von Jesus zu sehen – in Katakomben, an Särgen und später an vielen Gebäuden. Heute kennt jeder von uns Darstellungen von Jesus in Kinderbibeln, Fachbüchern, an Kirchen, auf Postern, in Filmen wie „Die Passion Christi“ oder „Die Hütte“ sowie in Serien wie „The Chosen“.
Das heißt, wie Jesus dargestellt wird, darüber gibt es natürlich viele Meinungen. Aber die meisten Christen haben damals wie heute kein Problem damit, dass Jesus überhaupt dargestellt wird – in der östlichen Orthodoxie sowieso nicht, aber auch im Westen herrscht große Einigkeit.
Woran liegt das? Das hat mit der sogenannten Zwei-Naturen-Lehre zu tun. Kurz erklärt: Jesus ist Gott als Mensch. Das heißt, Jesus hat eine göttliche Natur und eine menschliche Natur, und beides ist wahr.
Mein Kollege Natter schaut in seinem neuen Buch „Überrascht von Liebe“ mehr auf die göttliche Natur Christi. Er betrachtet, wie Christus schon im Alten Testament da war, wie Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung den Sündenfall rückgängig macht und was das für uns bedeutet – Teil vom Leib Christi zu sein, also Christus vom Himmel aus gesehen.
Ein anderes Beispiel: Ich mache hier ein apologetisches Antwortvideo auf Terra X über historische Fakten von Jesus von Nazaret. Dabei schaue ich auf die menschliche Natur: Wann wurde Jesus geboren? Wo hat er sich geographisch aufgehalten? Was hat er zu wem gesagt? Sozusagen Jesus von der Erde aus gesehen.
Wir sind uns vollkommen einig: Wir reden vom exakt selben Jesus Christus, der uns vor der Hölle retten soll – dem Sohn von Maria, dem auferstandenen Herrn, dem Retter der Welt, dem Richter beim Jüngsten Gericht. Wir wollen fest im apostolischen Glaubensbekenntnis verankert sein und rücken da keinen Millimeter ab.
Wir schauen von zwei verschiedenen Richtungen, aber es sind und bleiben zwei Seiten derselben Medaille. Warum? Weil Jesus der Gott des Alten Testaments ist, der in Jesus Christus ganz Mensch geworden ist.
Das ist übrigens auch im Neuen Testament klar. Im ersten Johannesbrief gibt es sogar eine starke Warnung hinsichtlich der Endzeit: Dort heißt es, Jesus war wirklich Mensch aus Fleisch und Blut. Der Geist des Antichristen wird bestreiten, dass Jesus wirklich Mensch war. Das könnte vielleicht noch einmal wichtig werden.
Du musst dir auch klar machen, dass Jesus von Tausenden Zeitzeugen als ganz konkreter Mensch mit einer bestimmten Hautfarbe, Frisur, Körpergröße, Gewicht und Kleidung gesehen wurde. Gott ist nicht als abstraktes philosophisches Prinzip zur Erde gekommen, sondern als ein ganz konkreter Mensch.
Jedenfalls herrscht darüber im Christentum weitgehende Einigkeit. Deshalb war es auch in den ersten Jahrhunderten erlaubt, dass Christen Gedichte und Romane über Jesus schrieben oder Skizzen zu Begebenheiten aus seinem Leben anfertigten.
Jesus darzustellen ist also in Ordnung. Ein Problem wird es erst, wenn ich Leuten mein eigenes und vor allem ein falsches Jesusbild vor Augen stelle. Deshalb wollen wir uns jetzt ganz klar an das Neue Testament und an die historischen Fakten halten.
Drittens: ...
Ziel der Untersuchung: Jesus als erwachsener Mann
Wir wollen versuchen herauszufinden, wie der Messias Jesus ausgesehen hat. Doch in welcher Phase seines Lebens genau?
Im Psalm 45 heißt es zum Beispiel: „Jawjafitha mibne adam“. Das bedeutet auf Deutsch: „Du bist schöner als alle anderen Menschen.“ Weiter steht dort: „Voller Güte sind deine Worte, Gott selbst hat dich für alle Zeit gesegnet.“ In diesem Text ist jedoch nicht eindeutig klar, ob tatsächlich der Messias gemeint ist. Deshalb nehme ich diesen Text als Quelle heraus.
Es gibt andere Bibelstellen, wie zum Beispiel in Offenbarung 1, wo Jesus ähnlich beschrieben wird wie bei der Verklärung in Matthäus 17 und den Parallelstellen. Dort wird Jesus als ganz weiß und überall strahlend dargestellt. Wolken oder Leuchter sind um ihn herum. Diese Beschreibung zeigt Jesus so, wie er im Jenseits ist, oder wie er in der unsichtbaren Welt erscheint, beziehungsweise wie er in Herrlichkeit wiederkommt.
So hat er jedoch meistens zu irdischen Lebzeiten nicht ausgesehen. Das erklärt auch die Reaktion der Jünger, die vor Schreck zu Boden fielen. Diese Darstellung hilft uns also nicht weiter, wenn wir eine normale Beschreibung suchen.
Dann gibt es zum Beispiel die berühmte Prophezeiung in Jesaja 53. Dort heißt es, der Messias sei weder stattlich noch schön gewesen. Er war unansehnlich und gefiel uns nicht. Diese Prophezeiung bezieht sich klar auf den Messias, daran lassen auch die frühen jüdischen Auslegungen keinen Zweifel.
Wenn man jedoch den Zusammenhang des Textes liest, sieht man, dass sich diese Beschreibung auf die Stunden der Folter und Misshandlungen bezieht, die Jesus am 6. und 7. April des Jahres 30 durchlitten hat. Durch diese Qualen war er so zugerichtet. Das zeigt also nicht, wie Jesus normalerweise ausgesehen hat. Deshalb lassen wir auch diese Beschreibung beiseite.
Zur Eingrenzung: Wir wollen uns in diesem Beitrag anschauen, wie Jesus zu seiner irdischen Lebzeit ausgesehen hat. Genauer gesagt, wie Jesus als erwachsener Mann in den letzten drei Jahren seines Lebens aussah. In dieser Zeit ist er stark in die Öffentlichkeit getreten und wurde von zehntausenden Menschen zu Lebzeiten gesehen.
So, genug der Vorrede. Los geht’s!
Die Bedeutung von Äußerlichkeiten im römischen Kaiserreich
Teil zwei von vier des heutigen Videos: Was ist an Jesu Aussehen besonders?
Jesus ist am siebten April des Jahres 30 gestorben. Damit lebte er zu Beginn des römischen Kaiserreichs, also vor der Spätantike. Ich möchte nicht alles aus dieser Zeit über einen Kamm scheren. Deshalb habe ich selbst Berichte aus der damaligen Zeit gelesen. Dabei fällt einem wahrscheinlich stark auf, welche große Rolle Äußerlichkeiten damals spielten. Zum Beispiel war wichtig, wie jemand gekleidet war, wie jemand aussah und wie er sich präsentierte. Das entschied oft über Schicksale.
Deshalb wirkt es heute beim Lesen so, als wären viele Menschen damals fast besessen davon gewesen, wie andere äußerlich aussahen. Tendenziell haben sie in ihren Erzählungen die äußeren Merkmale von Menschen sogar noch verstärkt.
Ein Beispiel ist Sueton, einer der maßgeblichen Biographen, der über das Leben von Kaiser Augustus schrieb. Der Haken ist, dass Augustus im Jahr 14 nach Christus starb, Sueton aber erst 121 nach Christus schrieb – also über hundert Jahre nach Augustus’ Tod. Sueton hat Augustus nie persönlich getroffen und sehr wahrscheinlich auch nie mit jemandem gesprochen, der Augustus zu Lebzeiten kannte. Trotzdem beschreibt Sueton buchstäblich seitenlang, wie der göttliche Augustus ausgesehen hat. Er war natürlich der Schönste, der Beste usw. Angeblich hatte er ein so ruhiges Gesicht, dass ein gallischer Kriegsführer davon so bezaubert war, dass er sich im Krieg entschied, Augustus doch nicht von einer Klippe zu stürzen. Das lassen wir mal so stehen.
Ähnliches findet man bei Plutarch, der König Darius III. als den „höchsten und hübschesten aller Männer“ beschreibt. Oder bei Cicero, der in seinen politischen Reden reihenweise aufzählt, wie seine politischen Gegner äußerlich aussahen und wie ihnen sein Eindruck vom Körperbau nicht zusagte.
Das fällt auf. Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen. Das Zwischenfazit lautet: Zur Zeit des römischen Kaiserreichs war es sehr in Mode, auf auffällige äußere Merkmale von Menschen zu achten – sowohl positive als auch negative. Solche Merkmale fielen damals vielen Menschen stark auf und wurden immer wieder betont, sei es als Lob von Freunden oder als Kritik von Gegnern.
Das Interessante ist nun: Wir haben Dutzende Quellen über Jesus, mehr als über die meisten römischen Kaiser. Doch in keiner glaubhaften Quelle aus derselben Epoche wird erwähnt, dass Jesus besondere äußerliche Merkmale gehabt hätte, die auffällig gewesen wären. Und das in einer Zeit, in der die Menschen besonders auf so etwas achteten.
Das ist schon bemerkenswert. Behalte das mal im Hinterkopf für gleich.
Ernährung und Bewegung als Schlüssel zum Aussehen
Lassen Sie uns deshalb einmal die Umstände von Jesus’ Leben betrachten und daraus plausible Vermutungen ableiten – angefangen beim Thema BMI, dem sogenannten Body-Mass-Index. Ganz allgemein gesagt: Wenn jemand keine Krankheiten oder Unfälle hat, ist sein Körper meist ein Ergebnis seines Ernährungs- und Bewegungsverhaltens.
Was wissen wir nun über Jesus in diesem Zusammenhang? Beginnen wir mit dem Ernährungsverhalten. Es gibt eine Stelle, in der Jesus vorgeworfen wird: „Seht ihn euch an, diesen Vielfraß und Säufer.“ Man könnte jetzt denken, ob Jesus eher wie Asterix oder wie Obelix war. Doch dann sieht man, was direkt danach folgt: Seine Feinde werfen ihm vor, ein Freund von Zöllnern und Sündern zu sein. Damit wird schnell klar, aus welcher Richtung dieser Vorwurf kommt – nämlich von Leuten, die der Meinung sind, man dürfe unter keinen Umständen mit Zöllnern und Sündern zusammensitzen, sondern müsse sich in Verachtung von ihnen abgrenzen.
Diese Leute sind die strenggläubigen Pharisäer, von denen Jesus übrigens sagt, dass sie zweimal die Woche fasten. Aus ihrer befangenen Sicht sieht normales Essverhalten also so aus, als ob es viel wäre, obwohl es für jeden anderen ganz normal ist. Dazu passt auch, was Jesus wortwörtlich über sich selbst sagt: „Eleththen horhios tu anthropos estheon kaipinon.“ Das ist ein spezieller Fall in der griechischen Grammatik, ein sogenannter komplexiver Aorist. Man muss sich das nicht merken, aber korrekt übersetzt bedeutet diese Stelle: „Ich bin gekommen, und ich esse und trinke ganz normal.“ Das ist das, was die Grammatik sagt, und das, was Jesus ausdrückt.
Darauf zielt die Kritik der Pharisäer ab: „Du sollst nicht normal sein wie jeder andere“, sagen sie zu Jesus, „sondern du sollst anders sein.“ Das bedeutet, dass Jesus wahrscheinlich ein Ernährungsverhalten hatte, das ziemlich ähnlich war wie das der meisten anderen Menschen.
Das ist nur die eine Seite. Was ist mit Jesus’ Bewegungsverhalten? Heute ist es sogar sprichwörtlich, wie viel Jesus gelaufen ist. Deshalb sagt man heute manchmal „Jesuslatschen“. Es gibt verschiedene Berechnungen dazu, wie weit und wie viel Jesus in seinem Leben tatsächlich gelaufen ist. Hier nur einige Eckdaten: Man kann sich zum Beispiel die zeitliche Abfolge der jüdischen Jahresfeste im Johannesevangelium anschauen. Dort sieht man, dass Jesus drei Jahre, also drei Kalenderjahre, aktiv war – vereinfacht gesagt als Wanderprediger.
Das bedeutet, dass Jesus ursprünglich ein Haus in Kapernaum hatte, was wir aus dem Urtext gut erkennen können. Von dort nach Jerusalem sind es je nach Route circa neunzig Kilometer mit vielen Höhenmetern. Mit etwas Gepäck und ohne an die körperlichen Grenzen zu gehen, braucht man dafür ungefähr drei Tagesreisen.
Man musste zu den jüdischen Festen mehrmals im Jahr nach Jerusalem pilgern, das heißt, Jesus hat diese Strecke, wie viele andere auch, mehrfach jährlich hin- und zurückgereist. Allein durch seinen ursprünglichen Wohnort, ob in Nazareth oder später in Kapernaum, kommt man so schon auf mehrere hundert Kilometer, die Jesus zu Fuß gelaufen ist.
Schauen wir uns außerdem die Karte an, auf der wir zusammen mit dem Team vom Bibelfelddienst festgehalten haben, wo Jesus überall unterwegs war. Er hat ein weites Territorium über mehrere Länder abgedeckt: vom Hermonberg im hohen Norden, im heutigen Syrien, über die Meereshäfen Tyrus im heutigen Libanon, die Jesreelebene im heutigen palästinensischen Autonomiegebiet bis hin zur Dekapolis und Perea im heutigen Jordanien und westlichen Emmer, von wo aus man bereits den Mittelmeerstrand sehen kann.
Bis jetzt ist nicht zu hundert Prozent geklärt, in welcher Reihenfolge Jesus genau welche Orte besucht hat. Aber selbst wenn man nur annimmt, dass er die kürzeste Strecke einer Rundreise gelaufen wäre – was eher unwahrscheinlich ist –, kommt man automatisch auf über zweitausend Kilometer, die Jesus zu Fuß zurückgelegt hat. Wahrscheinlich war es deutlich mehr, wegen der verschiedenen Strecken, die er gelaufen ist. Es ist gut möglich, dass die Gesamtstrecke über die Jahre in Richtung achttausend Kilometer geht.
Nehmen wir nun an, man läuft eine solche Entfernung und ernährt sich in dieser Zeit normal und energiereich – also ohne Nahrungsengpässe und ohne absichtliches Fasten. Dann würde ein normaler Mensch zwischen zweihunderttausend und achthunderttausend Kilokalorien verbrauchen. Das bedeutet, dass allein durch diese Bewegung mindestens achtundzwanzig Kilogramm Körpergewicht verloren würden – ohne jegliche Wassereinlagerungen.
Worauf will ich hinaus? Allein durch die Bewegung auf der Strecke, die Jesus gelaufen ist, ist es sehr unwahrscheinlich, dass er einen hohen Körperfettanteil hatte. Ich möchte hier nicht spekulieren – das sollen andere tun. Aber bleiben wir einfach dabei: Alles über 15 Prozent Körperfettanteil, wenn jemand das behauptet, das kaufe ich ihm nicht ab.
Das hat nicht nur Folgen für den Bauchumfang, sondern für den ganzen Körper. Zum Beispiel hätte Jesus dann kein breites Gesicht gehabt, was sehr unwahrscheinlich ist. Wahrscheinlicher ist, dass er ein schmaleres Gesicht hatte.
Lebensumstände und äußeres Erscheinungsbild
Was wissen wir noch über das Bewegungsverhalten von Jesus? Nun, wir wissen, dass er viel draußen war. Das sagt er ja selbst: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber der Menschensohn, damit meint er sich selbst, hat nichts, wohin er seinen Kopf legen kann.“
Deshalb ist es auch nicht unbedingt wahrscheinlich, dass er glatt rasiert war oder, wie Julius Caesar, sich sogar die Barthaare einzeln herausgezupft hat.
Kommen wir zum Thema Sonneneinstrahlung. Die Bundesrepublik Deutschland hat im gesamten Gebiet pro Jahr ungefähr 1600 Sonnenstunden. Israel hingegen hat jährlich im Durchschnitt 3300 Sonnenstunden. Das bedeutet, ein Jahr Sonne in Israel entspricht etwa zwei Jahren Sonne in Deutschland.
Dazu kommt, dass der Winkel der Sonneneinstrahlung in Israel natürlich ganz anders ist. Die Sonne scheint intensiver und direkter. Jesus war über drei Jahre hinweg als Wanderprediger unterwegs, vereinfacht gesagt. Das entspricht ungefähr sechs Sommern hintereinander in Deutschland. Noch einmal: Der Winkel der Sonneneinstrahlung in Israel, das weiter südlich liegt, ist ganz anders als bei uns in Deutschland.
Außerdem waren die Temperaturen im damaligen Israel noch höher als heute. Warum? Aus Quellen von Josephus wissen wir, dass im ersten Jahrhundert deutlich weniger Bäume vorhanden waren, die das Klima abkühlen konnten. Weniger Bäume bedeuteten weniger Verdunstung, weniger Wolken und damit noch mehr Sonneneinstrahlung.
Es ist also nicht wahrscheinlich, dass es nur bei den 3300 Sonnenstunden geblieben ist. Wahrscheinlich war es noch mehr.
Das heißt, Jesus hatte sehr wahrscheinlich eine dunklere Hautfarbe, einmal wegen der intensiven Sonneneinstrahlung. Außerdem könnte er mehr Falten gehabt haben, als es ein heutiger 34- bis 37-Jähriger hätte.
Haartracht und frühe Darstellungen Jesu
Zum Thema Haare: Hatte Jesus nicht lange Haare, einen dicken Rauschebart oder trug er eine Toga oder einen Umhang? Woher stammt eigentlich dieses Bild?
Von den Quellen her sieht man deutlich, dass Darstellungen von einem langhaarigen Jesus erst ab dem vierten Jahrhundert langsam auftauchen. In dieser Zeit erhielten Abbildungen von Jesus allmählich ein byzantinisches Aussehen, um es mal so zu nennen. Das geschah aber deutlich mehr als dreihundert Jahre, nachdem Jesus tatsächlich gelebt hat. Ein flapsiges Beispiel wäre, als würden wir heute Ludwig den Vierzehnten mit Basecap und Sonnenbrille darstellen.
Hier sehen wir die erste Zeichnung, die wir bisher überhaupt von Jesus haben. Sie zeigt, wie Jesus einen Gelähmten heilt. Diese Zeichnung stammt aus einem Wohnhaus, das zu einem Gebetsraum umgebaut wurde. Archäologen bezeichnen diesen Raum heute als eines der frühesten Kirchengebäude der Menschheit. Es wurde seit Anfang der 200er Jahre von Christen genutzt.
Das Gebäude befindet sich im Grenzgebiet zwischen Irak und Syrien, direkt am mächtigen westasiatischen Fluss Euphrat. Dieser Fluss fließt von der Türkei bis hinunter zum Persischen Golf. Als der sogenannte Islamische Staat Anfang der 2010er Jahre in dieser Gegend aktiv war, zerstörte er Dura Europos nahezu vollständig. Auf Satellitenbildern sieht man noch die Einschlagslöcher und Krater von Artillerie-Explosionen – ein Wahnsinn!
Die Fresken, also die Wandgemälde von Dura Europos aus dieser sehr frühen Kirche, sind jedoch erhalten geblieben. Schon bevor der Islamische Staat kam, wurden sie an der amerikanischen Eliteuniversität Yale aufbewahrt, sodass wir weiterhin Zugang dazu haben.
Die Zeichnungen von Dura Europos zeigen deutlich, dass Jesus keine schulterlangen Haare hatte. Vielmehr trug er sie, wie alle anderen zu dieser Zeit, kurz. Hier sieht man Jesus, wie er den Gelähmten heilt (Lukas 5,17-26; Markus 2,1-12). Außerdem ist Jesus hier als guter Hirte dargestellt.
Auf die Sache mit den Haaren werden wir gleich noch etwas genauer eingehen.
Alter und gesellschaftliche Anerkennung
Thema Alter: Wie alt war Jesus?
Wir wissen ziemlich genau, dass Jesus am 7. April des Jahres 30 n. Chr. getötet wurde und zwischen 4 v. Chr. und 7 v. Chr. geboren wurde. Das bedeutet, dass er bei seinem Tod zwischen 34 und maximal 37 Jahre alt war, eher 34.
Warum das so ist, erkläre ich in einem späteren Video genauer. Drückt gern die Glocke unter diesem Video, die müsste unten rechts zu finden sein. Dann wird euch das auch angezeigt.
In diesem Fall war Jesus also ungefähr Mitte dreißig.
Was ist mit anderen Äußerlichkeiten?
Jesus hat stundenlang, teilweise tagelang, im Tempel von Jerusalem gelehrt – dem Heiligtum schlechthin und für die Juden damals eigentlich der Mittelpunkt der damaligen Welt. Keiner seiner Gegner, keiner der Pharisäer, keines der Gesetzeslehrer und keiner der Schriftgelehrten hat jemals sein Äußeres kritisiert.
Im Gegenteil: Jesus wurde dort von der Bevölkerung über Tage hinweg als Lehrer anerkannt.
Das spricht dafür, dass er kein vollkommen ungepflegtes Äußeres gehabt haben kann.
Im Neuen Testament finden sich außerdem mehrere Beschreibungen von Jesu Kleidungsstücken. Diese passen sehr gut zu dem, was wir archäologisch aus jener Zeit belegen können. Deshalb haben wir eine gute und begründete Vorstellung davon, welche Kleidung Jesus getragen hat.
Professor Doktor Joan Taylor vom King's College in London ist Expertin für jüdische Geschichte im ersten Jahrhundert. Sie hat diese Skizze angefertigt, die historisch korrekt zeigt, was Jesus in der Karwoche getragen hat. Sie hat mir im Vorfeld erlaubt, euch ihre Skizze zu zeigen. Vielen Dank noch einmal, liebe Joan.
Falls Interesse besteht, dass ich ein eigenes Video dazu mache, welche Kleidung Jesus getragen hat, dann drückt gern die Glocke unter diesem Video und schreibt einen Kommentar. Dann gehe ich sehr gern noch mehr ins Detail.
Argumentum e silentio: Das beredete Schweigen der Quellen
Teil drei von vier des heutigen Videos erklärt, wie wir zur Rekonstruktion von Jesus gelangen und welche Gemeinsamkeiten er mit vielen Menschen seiner Zeit hatte.
Dazu möchte ich dir vorher etwas Spannendes zeigen, nämlich ein sogenanntes Argumentum e silentio. Was ist ein Argumentum e silentio? In der Rechtswissenschaft ist es ein juristisches Argument, umgangssprachlich nennen wir es ein beredetes Schweigen.
Ein einfaches Beispiel: Wenn es den Weihnachtsmann wirklich so geben würde, wie er dargestellt wird, müsstest du tausendfach Fußspuren vor voll geräumten Kaminen finden. Außerdem gäbe es Videoaufzeichnungen von den Rentieren auf Heimüberwachungskameras. Das wäre unvermeidlich. Da beides nicht vorliegt, ist die Existenz des Weihnachtsmanns zumindest kritisch zu sehen.
Das bedeutet: Wenn wir bestimmte Spuren haben, führen sie uns in eine Richtung. Wenn wir bestimmte Spuren nicht haben, führt uns das in eine andere Richtung.
Nun zurück zum Hintergrund der Geschichtsschreibung im ersten Jahrhundert. Diese war nach unseren Maßstäben sehr auf Äußerlichkeiten bedacht. Dabei fällt auf – du kannst gern selbst die Quellen zu Jesus nachlesen –, dass es keine ausführlichen Kommentare darüber gibt, ob Jesus irgendwelche äußeren Auffälligkeiten gehabt hat. In allen belastbaren Quellen herrscht dazu beredetes Schweigen.
Worauf könnte das hindeuten? Wenn Jesus herausragend groß, stark oder umwerfend hübsch gewesen wäre, hätten seine Anhänger das mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann erwähnt. Umgekehrt: Wenn Jesus auffällige Leiden gehabt hätte oder äußerliche Merkmale, die negativ aufgefallen wären, hätten seine Gegner das vermutlich als Vorwurf genutzt.
In den historisch belastbaren Quellen findest du beides nicht. Worauf deutet das hin? Denk selbst mal darüber nach. Einer der Gründe, warum niemand darüber besonders kommentiert hat, könnte sein, dass es schlicht nichts gab, das sofort besonders aufgefallen wäre und unbedingt berichtet werden musste.
Ein Beispiel ist die Körpergröße. Wahrscheinlich war Jesus weder besonders klein noch extrem groß. Wäre er das gewesen, hätte zum Beispiel der Evangelist Matthäus, der sich stark auf das Alte Testament bezieht, Jesus wohl noch mehr mit Mose oder Saul verglichen oder dies zumindest hervorgehoben. Stattdessen erwähnt niemand die Körpergröße von Jesus – weder im Matthäusevangelium noch in anderen Quellen, weder positiv noch negativ, weder von seinen Anhängern noch von seinen Gegnern.
Wenn man alle Gefühle kurz beiseitelegt und rational darüber nachdenkt, könnte es sehr gut sein, dass Jesus ähnlich ausgesehen hat wie viele Menschen damals: braune Augen, hellbraune Haut, dunkle Haare und eine durchschnittliche Körpergröße für die damalige Zeit.
Jesus als Jude und kulturelle Einordnung
Lassen wir uns die Quellen genauer betrachten. Aus dem frühen Galaterbrief, der nur etwa zwanzig Jahre nach Jesu Tod verfasst wurde, wissen wir, dass Jesus Jude war. Dies stimmt auch mit der Erzählung von der Frau am Brunnen überein, die Jesus als Juden und Israeliten erkennt – wahrscheinlich anhand seiner Kleidung und möglicherweise seiner Aussprache.
Diese Angaben korrespondieren mit einer neutestamentlichen Quelle, die berichtet, dass Jesus am achten Tag nach seiner Geburt beschnitten wurde. Diese Beschneidung war natürlich sofort sichtbar, als Jesus nackt gekreuzigt wurde. Die Römer und die Tausenden Pilger, die im Jahr 30 zum Passafest an Jesus vorbeigingen, konnten die Zeichen der Beschneidung an seinem Körper erkennen.
Für die Römer, also Jesu Feinde, war Jesus bei seiner Hinrichtung eindeutig ein Jude. Das ist historisch unbestritten, unter anderem auch wegen der Inschrift, die die Römer an Jesu Kreuz anbrachten: „König der Juden“.
Heutzutage kursieren im Internet manchmal Beiträge, die behaupten, Israel, speziell Nordisrael, sei damals ein multikultureller Schmelztiegel gewesen, in dem Menschen aller Nationen lebten. Diese Vorstellung ist für Nordisrael, also Galiläa, wo Jesus gelebt hat, archäologisch gründlich widerlegt. Im Gegenteil: Nachdem die Israeliten aus Ägypten zurückgekehrt waren, wuchs Jesus in Nazareth auf, einer unbedeutenden Kleinstadt zwischen den Bergen.
Obwohl Nazareth damals klein war, hat man dort rituelle jüdische Bademöglichkeiten gefunden. Archäologen interpretieren dies als einen klaren Hinweis darauf, dass die Bewohner von Nazareth ihre Religion besonders genau nahmen und eher israelisch-konservativ lebten. Das spricht für eine gewisse Einheitlichkeit, wie man sie erwarten würde.
Vielleicht hast du schon vom sogenannten Naziräer-Gelübde gehört. Vereinfacht gesagt, weiht sich dabei ein Mensch für eine bestimmte Zeit Gott und legt ein Gelübde ab. Während dieser Zeit darf man keinen Wein trinken, also keinen Alkohol oder irgendetwas, das von Weintrauben stammt. Man darf sich keinem Grab oder Leichnam nähern – nicht einmal, wenn es ein Familienmitglied ist. Außerdem darf man sich die Haare nicht schneiden oder schneiden lassen, weder im Gesicht noch am Kopf.
Die Frage ist nun: War Jesus ein solcher Naziräer? Hat er zu der Zeit seines öffentlichen Wirkens ein Naziräer-Gelübde abgelegt? Das ist sehr unwahrscheinlich. Jesus selbst erwähnt ein solches Gelübde nie, und auch seine Jünger sprechen nicht davon.
Außerdem wissen wir, dass Jesus Dinge getan hat, die nicht mit einem Naziräer-Gelübde vereinbar wären. Zum Beispiel trank er ganz normal Wein, wie jeder andere auch. Die Quellen kannst du gern selbst nachlesen. Je nach Quelle hat er zwei- bis dreimal im Laufe seines Wirkens Tote berührt: den Sohn der Witwe von Nain, die Tochter seines Bekannten Jairus und möglicherweise seinen Kindheitsfreund Lazarus – wobei Lazarus vielleicht nicht körperlich berührt wurde.
Zudem waren Naziräer schon von weitem an ihren langen Haaren und auffälligen Bärten erkennbar. Von der langen Liste der Dinge, die selbst Jesu Feinde ihm vorwerfen, ist nicht die Rede davon, dass er ein Naziräer-Gelübde gebrochen hätte. Eine solche Kritik wäre ein Elfmeter ohne Torwart gewesen, und viele hätten sich ihr leicht anschließen können. Doch das geschah nicht.
Das bedeutet, es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass die Leute dachten, Jesus sei ein Naziräer. Das hätten sie aber wohl angenommen, wenn er schulterlange Haare und einen langen Bart getragen hätte. Mehr dazu gleich.
Dann gibt es den Zweiten Korintherbrief, der ebenfalls nur circa zwanzig Jahre nach Jesu Tod geschrieben wurde. Darin findet sich eine Randnotiz, dass Jesus zum Ende seines Lebens nicht wohlhabend war.
Wurde Jesus also prachtvoll durch die Gegend chauffiert? Nein, er ist fast immer zu Fuß unterwegs gewesen – bis auf den Moment, als er in Jerusalem auf einem Esel einzog.
Hat Jesus prunkvolle Kleidung getragen? Nein, das hat Professor Taylor bereits gezeigt. Sah Jesus also aus wie jemand aus den oberen Zehntausenden? Nein, dafür gibt es keine Hinweise. Wahrscheinlich sah er aus wie viele andere dreißigjährige israelitische Männer, die auf Durchreise waren. Diese Vermutung ist gut begründet und wird an einer wichtigen Stelle bestätigt.
Bei Jesu Verhaftung konnten weder die Römer noch die israelische Tempelwache, die zu seinem eigenen Volk gehörte, ihn in der Gruppe auf Anhieb erkennen. Sie brauchten Judas, der ihn mit einem Kuss verriet und so zeigte, wer von all den Männern Jesus war.
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Jesus äußerlich nicht stark von vielen jüdischen Männern seiner Zeit abwich.
Durchschnittliches Aussehen israelitischer Männer im ersten Jahrhundert
Und hier ist Teil vier von vier des heutigen Beitrags. So kannst du in wenigen Minuten nachvollziehen, wie unsere Rekonstruktion von Jesus eigentlich zustande kommt. Die zentrale Frage lautet: Wie sahen viele dreißigjährige israelische Menschen damals aus, vor allem die Männer?
Wir haben eine ganz besondere Situation. In den letzten Jahren hat die Forschung viele Informationen zutage gefördert. Dadurch verfügen wir heute über ein großes Vorrecht: Wir wissen mehr als jede andere Generation vor uns. Gehen wir die Fakten nun Schritt für Schritt durch.
Zunächst zum Thema Körpergröße: Vielleicht hast du schon gehört, dass Menschen früher kleiner waren als heute, zumindest in der westlichen Welt. Das stimmt, besonders für die Antike. Ein Beispiel von vielen: Soethon schreibt über Kaiser Augustus. Dieser hatte den Ruf, eher klein gewesen zu sein. Soethon will Augustus nun verteidigen und berichtet, dass der langjährige Buchhalter des Kaisers gesagt habe, Augustus sei gar nicht klein gewesen. Im Gegenteil, er sei etwa 1,70 Meter groß gewesen.
Damit wird klar: Es gab unterschiedliche Meinungen. Einige behaupteten, Augustus sei klein gewesen, andere widersprachen und sagten, er sei groß gewesen – sogar 1,70 Meter. Diese Körpergröße war für einen Kaiser zumindest erwähnenswert, wenn nicht sogar überdurchschnittlich. Das bedeutet: Wenn das schon für den Kaiser gilt, dann waren die meisten Menschen damals kleiner als 1,70 Meter.
Diese Erkenntnis wurde in den letzten Jahren durch die sogenannte forensische Anthropologie sehr gut bestätigt. Dabei untersucht man die Menschheitsgeschichte mit Methoden, die man etwa von einer Tatortanalyse kennt. Beispielsweise werden Leichen oder Skelette untersucht. Man misst die Knochen aus und rechnet dann zurück, wie groß der Mensch wahrscheinlich war. Ist der Oberschenkelknochen so und so lang, kann man daraus die Körpergröße ableiten. Das funktioniert auch mit dem Schädel, dem Unterarm und anderen Knochen.
Diese Untersuchungen wurden von Biologen, Anthropologen und Archäologen durchgeführt. Die Zusammenfassung lautet: Israelische Männer zur Zeit Jesu hatten eine durchschnittliche Körpergröße von etwa 1,58 Metern bis höchstens 1,81 Metern. Die meisten lagen bei ungefähr 1,66 Metern, plus oder minus zwei Zentimeter.
Zum Vergleich: Ich bin 1,83 Meter groß. Das heißt, ich wäre damals ein auffallend großer Mensch gewesen. Die meisten Männer in meinem Alter waren etwa 17 Zentimeter kleiner als ich. Wenn wir davon ausgehen, dass Jesus in seiner Körpergröße unauffällig war, ist es am wahrscheinlichsten, dass er irgendwo zwischen 1,64 und 1,68 Meter groß war.
Zusammen mit dem Body-Mass-Index (BMI), über den wir vorhin gesprochen haben, der grob zwischen 18 und 22 gelegen haben dürfte, können wir begründet vermuten – es ist eine Vermutung, aber eine fundierte –, dass Jesus wahrscheinlich zwischen 50 und 60 Kilogramm wog. Wahrscheinlich nicht viel weniger und auch nicht viel mehr.
Weitere historische und genetische Hinweise
Welche weiteren belastbaren Daten gibt es? Zum Beispiel existieren Quellen aus der Zeit Jesu aus Ägypten, darunter Papyri, in denen Israeliten jener Zeit äußerlich beschrieben werden. Wie werden sie beschrieben? Es heißt, sie hatten eine mittlere Körpergröße, wie bereits erwähnt. Die Haarfarbe wird nicht erwähnt. Warum? Weil damals fast jeder schwarze Haare hatte.
Die Hautfarbe wird jedoch beschrieben. Warum? Man muss sich vorstellen, dass diese Quellen aus Südägypten und sogar aus Nubien stammen. Dort ist es üblich, sehr dunkle Haut zu haben. Deshalb ist es etwas Besonderes, wenn jemand eine etwas andere Hautfarbe oder andere Schattierungen aufweist. In den Quellen wird beschrieben, dass die Israeliten honigfarbene Haut hatten. Gemeint ist damit natürlich ägyptischer Naturhonig, der ungefähr diese Farbe hat.
Das bedeutet, in heutigen Worten und mit heutigem Maßstab entspricht das einer Pigmentation von drei bis fünf auf der Fitzpatrick-Skala. Vereinfacht gesagt sieht das so aus wie bei vielen Menschen im Mittelmeerraum und vor allem im Nahen Osten heute. Hier sieht man auch eine sehr gut erhaltene Wachsmalerei aus der Zeit, die Menschen im Nahen Osten darstellt, sodass man sich eine realistische Vorstellung von der Hautfarbe machen kann.
Zusammengefasst haben die meisten Menschen damals, einschließlich der Zeit Jesu, keine besondere Beschreibung, die auf ein anderes Aussehen hinweist. Im Gegenteil, die meisten Menschen hatten dunkle, leicht gelockte Haare und braune Augen.
In der forensischen Anthropologie gibt es eine eigene Unterdisziplin, die Bioarchäologie. Bioarchäologie bedeutet, dass Skelettfunde biologisch ausgewertet werden, zum Beispiel mit Hilfe von DNA-Tests. Bei israelitischen Skeletten aus der Zeit wurde genetisch etwas Interessantes festgestellt: Nachdem die Israeliten im sechsten Jahrhundert in babylonischer Gefangenschaft waren und zurückgekehrt sind, zeigen die DNA-Spuren eine überwiegende genetische Gleichförmigkeit.
Das ist nicht selbstverständlich, auch nicht für damalige Verhältnisse. Warum? Weil normalerweise über die Zeit eine genetische Vermischung stattfindet. Menschen heiraten über Kulturen hinweg und bekommen Kinder. Das war in Palästina, im heutigen Israel, überraschend wenig der Fall.
Es sieht so aus – ich berufe mich hier auf Experten, da es nicht mein Spezialgebiet ist –, dass Israeliten hauptsächlich Israeliten heirateten. Ihre israelitischen Kinder heirateten später wiederum andere Israeliten. Das führte dazu, dass im ersten Jahrhundert in Israel eine erstaunlich große genetische Gleichförmigkeit herrschte.
Das bedeutet, dass das, was Esra und Nehemia den Israeliten damals so stark eingeschärft haben – nämlich auf keinen Fall Nichtisraeliten zu heiraten –, im Hauptland Israel überraschend gut funktioniert hat.
Das zeigt sich auch Jahrhunderte nach Esra und Nehemia. Es wird beschrieben, wie der grausame griechische Herrscher Ptolemäus IV., der über das Ptolemäerreich an der Mittelmeerküste herrschte – vom Großraum Ägypten bis hoch zum heutigen Syrien –, nach langem Hin und Her beschloss, dass die Israeliten eine extra Steuer zahlen sollen, um sie niedrig zu halten. Das war ein Unterdrückungsinstrument.
Damit die Steuereintreiber, zum Beispiel aus Ägypten, auf den ersten Blick erkennen konnten, wer Israelit war und wer nicht, erließ Ptolemäus ein Gesetz. Jeder Israelit in seinem Reich sollte deutlich sichtbar gebrandmarkt werden.
So krank diese Anweisung auch ist, sie würde keinen Sinn machen, wenn die ausländischen Steuereintreiber die Israeliten unter allen anderen Bewohnern der Mittelmeerküste sofort äußerlich erkennen könnten.
Zwischen den Zeilen kann man also gut erahnen, dass die Mehrzahl der Israeliten – von der Kleidung abgesehen – genauso aussah wie die meisten anderen Menschen im südöstlichen Mittelmeerraum.
Der heutige Staat Israel hat eine Altertumsbehörde mit verschiedenen Abteilungen. Diese Behörde hat einen eigenen sachverständigen Experten berufen: den Biologen und Archäologen Dr. Yossi Nagar.
Dr. Nagar hat mit seinem Team über die Jahre DNA-Spuren von Israeliten aus dem ersten Jahrhundert ausgewertet und so eine Art ethnisches DNA-Profil erstellt. Das klingt vielleicht ungewöhnlich, aber er macht das als israelitischer Biologe.
Er sagt, dass die heutigen sogenannten Yehudim Bawlim die meisten genetischen Übereinstimmungen mit den genetischen Spuren von Israeliten aus der Zeit Jesu aufweisen.
Was sind die Yehudim Bawlim? Das ist eine längere und auch traurige Geschichte. Im Wesentlichen handelt es sich um Gruppen von Juden israelischer Abstammung, von denen viele noch im Zweiten Weltkrieg in der Gegend des heutigen Irak lebten. Daher stammt auch der Name Bawlim, der von Babylon kommt, das im heutigen Irak liegt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg griff der lange Arm des Dritten Reichs auch dort ein. In der Nachkriegszeit kam es zu weiteren Gewaltausbrüchen und stark antisemitischen Tendenzen. Die meisten dieser Menschen kehrten schließlich in das Land ihrer Vorväter zurück und leben heute als eine von vielen Gruppen im heutigen Israel.
All diese DNA-Untersuchungen und Skelettfunde passen sehr gut zu den Abbildungen und Zeichnungen aus der Zeit Jesu.
Hier sieht man zum Beispiel einen sehr wohlhabenden Ägypter aus der Zeit Jesu dargestellt. Die Haut Jesu war vielleicht noch einen Tick heller, weil er kein Ägypter war, sondern eher die Hautfarbe des damaligen Naturhonigs hatte.
Ich denke, man kann sich sehr gut vorstellen, in welche Richtung das geht.
Frisur und Barttracht im ersten Jahrhundert
Und damit sind wir beim großen und kontroversen Thema Haare: Welche Frisur hatten die Menschen damals?
Dieser junge Ägypter, der hier abgebildet ist, war sehr wohlhabend. Woher wissen wir das? Nun, Menschen haben sich über Tage und Wochen die Mühe gemacht, in der Wüste per Hand ein Porträt von ihm zu zeichnen. Das Bild ist auch heute noch so gut erhalten, weil es mit einer Art von frühen Wachsmalfarben hergestellt wurde. Diese waren damals entsprechend teuer.
Man sieht es auch am Bild selbst: Die dickeren, gelockten Haare wurden durch Kosmetik geglättet. Außerdem ist dieser Ägypter glatt rasiert. Was ist daran besonders? Glatt rasiert zu sein, war einmal teuer. Man brauchte viele Materialien und Werkzeuge, die ständig scharf und gepflegt gehalten werden mussten. Und ehrlich gesagt, das war auch sehr zeitaufwendig.
Denk kurz darüber nach: Damals war ein wirtschaftlich normalgestellter Mensch den Tag über voll mit Arbeit beschäftigt – mit dem Haushalt, Besorgungen, den Tieren im Hof, der Ehe, den Kindern, der Pflege von kranken Angehörigen (es gab ja keine Pflegeheime oder Krankenhäuser) und natürlich mit religiösen Pflichten. Das heißt, im Alltag vieler Menschen war jede Minute Schlaf kostbar.
Die wenigsten Männer werden sich zwei Stunden pro Woche damit verbracht haben, sich schön zu machen oder gut auszusehen. Zumal eine Glattrasur innerhalb einer halben Woche sowieso wieder weg war. Glatt rasiert zu sein war also im ersten Jahrhundert ein Zeichen von Wohlstand. Ähnlich wie heute manche Männer sehr aufwendige Frisuren tragen, die bei vielen Menschen die Assoziation eines höheren Status auslösen.
Damals bedeutete glatt rasiert zu sein, dass es einem finanziell sehr gut ging. Warum? Weil man weniger für den Lebensunterhalt arbeiten musste und Zeit für solche Dinge hatte. Oder man hatte finanziell sogar Sklaven oder Angestellte, die sich nur um die Körperpflege kümmerten.
Man kann sich also vorstellen, dass dieses Ideal von glatt rasiert sein unter der römischen Oberschicht sehr weit verbreitet war. Von Julius Caesar wird berichtet, dass er sich jeden Tag die nachwachsenden Barthaare einzeln auszupfen ließ. Viele Römer hatten also ein glatt rasiertes Gesicht als Schönheitsideal.
Das war jedoch unter den Israeliten zur Zeit Jesu nicht so. Das sieht man zum Beispiel im mosaischen Gesetz, das zu Jesu Zeit noch volle Gültigkeit hatte. Dort heißt es in Levitikus 19,27: „Du sollst dir nicht den Bart zerstören.“ Das bezieht sich auf Trauerbräuche und bedeutet, dass man sich auch wegen Trauer nicht den Bart ausreißen soll.
Auch wenn die Bärte und Haare zu Jesu Zeit kurz waren, setzt das voraus, dass die meisten Männer überhaupt einen Bart getragen haben. Im babylonischen Talmud heißt es sogar: „Die Ehre des Gesichtes ist der Bart.“
Was ist mit den Schläfenlocken, den sogenannten Peoth, die heute noch viele ultraorthodoxe Juden tragen? Hatten Männer damals schon Schläfenlocken? Hatte Jesus Schläfenlocken? Das ist unwahrscheinlich. Viele Historiker gehen davon aus, dass diese Schläfenlocken sich erst nach europäischen Maßstäben etwa zur Zeit der Reformation durchgesetzt haben.
Vor dem Mittelalter, also vor unserem europäischen Mittelalter, gibt es kaum belastbare Quellen, dass Schläfenlocken im Judentum verbreitet waren. Im Gegenteil: Hier sieht man einige Bilder, wie Juden aus der Zeit nach Jesus dargestellt wurden und wie sie sich selbst darstellten. Auch Mose, der wichtigste Mann im Judentum, wird ohne Schläfenlocken gezeigt.
Was bedeutet das? Wenn es für Menschen aus dem Umfeld der jüdischen Künstler normal gewesen wäre, Schläfenlocken zu tragen, dann wäre das sehr wahrscheinlich in der jüdischen Kunst der damaligen Zeit zu finden – gerade bei Bildern von vorweltlichen Juden wie Mose. Das ist aber nicht der Fall. Für Jesus sind Schläfenlocken also unwahrscheinlich.
Dann stellt sich natürlich wieder die Frage: Wie lang waren damals die Haare? Paulus schreibt aus jüdischem Hintergrund, dass es eine Schande wäre, wenn ein Mann lange Haare trägt wie eine Frau. Er würde das nicht schreiben, wenn es unter Juden normal gewesen wäre, dass viele Männer lange Haare hatten.
Das heißt, es war nicht üblich, dass jüdische Männer zu dieser Zeit lange Haare trugen. Paulus kannte die ersten Christen und hat sich von den zwölf Aposteln alles erzählen lassen. Er erkannte sogar Jesus’ Familie persönlich.
Es ist daher unwahrscheinlich, dass Paulus das fast schon beleidigende Wort „Schande“ benutzt hätte, wenn Jesus selbst dafür bekannt gewesen wäre, schulterlange Haare zu haben. Und denk daran: Jesus sah bei der Verhaftung nicht komplett anders aus als andere jüdische Männer. Sonst hätte Judas für die Römer und die Tempelwache nicht extra zeigen müssen, wer von all den Männern Jesus war.
Diese kurze Haarlänge wurde inzwischen durch Archäologie und Medizingeschichte bestätigt. Es wurden Haarkämme aus dem ersten Jahrhundert in Israel gefunden, und achtzig Prozent dieser Kämme haben Spuren von Kopfläusen.
Es gibt sogar einen Mediziner und Spezialisten für Lausbefall in der Antike, Professor Dr. Mumzoglu. Für ihn ist das ein eindeutiges Zeichen: Im ersten Jahrhundert gab es in Israel ein praktisch allgegenwärtiges Problem mit Kopfläusen.
Man muss sich das nicht so vorstellen, dass alle mit Glatze herumgelaufen sind. Das wird ja auch im mosaischen Gesetz nahegelegt, dass man keine Glatze haben soll. Auch lesen wir beim Propheten Hesekiel, dass Gott empfiehlt, wer als Mann die Möglichkeit hat, sollte keine Glatze haben.
Aber es führte unweigerlich dazu, dass die normale Bevölkerung kaum jemand die Haare länger als nötig getragen hat – besonders die Männer. Was Jesus angeht: Obwohl er mehrfach wochenlang zu Fuß unterwegs war, sodass seine Haare zumindest keine ungepflegte Frisur hatten, stand er niemals unter dem Verdacht, Nasiräer zu sein und lange Haare zu tragen.
Noch einmal: Jesus fiel in einer Gruppe normaler Männer nicht auf. Er hatte also ähnlich lange, eher kurze Haare wie die meisten Männer damals – höchstens mittelkurze Haare, die wie bei vielen leicht gelockt waren.
Fazit und Ausblick
Und damit kommen wir zum Höhepunkt dieses Videos. Falls du bis jetzt schon Interesse an dem Thema hast und mehr über Jesus und seine Zeit erfahren möchtest, dann lade ich dich ein, die Glocke unten rechts unter diesem Video zu drücken. Das hilft wirklich.
Unter dem Video findest du zudem eine Reihe von Materialien. Nimm dir gern den Bestseller „Kein Gott ist auch keine Lösung“ mit.
Es gibt noch viele weitere historische Spuren zu Jesus, auch wie er ausgesehen haben könnte. Ich habe hier nur eine Auswahl an Informationen vorgestellt. Am Ende haben wir die Punkte zusammengetragen, die nach aktuellem Forschungsstand historisch belastbar und plausibel sind. Gemeinsam mit einem talentierten Grafiker haben wir daraus ein 3D-Porträt von Jesus rekonstruiert.
Ich würde mich niemals hinstellen und behaupten, dass Jesus genau so aussah und nicht anders. Aber dieses Bild gibt einen guten ersten Eindruck. Sammy, kannst du das Bild mal groß machen? Vielleicht kannst du es jetzt besser sehen.
Dieses Porträt kommt dem, was wir über Jesus wissen, näher als viele andere Darstellungen. Hier siehst du Jesus als israelischen Mann des ersten Jahrhunderts. Doch in seinen Augen steckt viel mehr: eine Liebe, die niemals aufgibt, niemals nachlässt und dein Bestes will. Eine Liebe, die den Himmel eintauscht, um dich wieder zu gewinnen.
Denn das Wichtigste ist nicht, wie Jesus ausgesehen hat, sondern was er gesagt und vor allem was er getan hat. Jesus hat dir den Weg zum Himmel freigeräumt. Damals hat er die Menschen in seine Nachfolge gerufen, und er ruft dich heute: Folge ihm nach.
Für alle, die schon wiedergeborene Christen sind: Lasst uns versuchen, Jesus ähnlicher zu werden – nicht unbedingt im Aussehen, sondern darin, dass andere in uns etwas von Jesus erkennen.
