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SoBS 2026 1Kor 9 (1/2)

Predigt Nathanael Mühmelt
23.07.2026
SerieTeil 1 / 1SoBS 2026 1Kor 9
Warum verzichtet Paulus auf sein Recht auf Geld? Weil ihm eins wichtiger ist als Anspruch: Das Evangelium soll frei bleiben. Manchmal schützt Verzicht mehr als jedes Recht.

Einleitung und persönlicher Zugang

Sommerbibelschule zwanzig sechsundzwanzig
Es geht weiter im ersten Korintherbrief. Theologie, die dich im Glauben wachsen lässt. Nachfolge praktisch. Dein geistlicher Impuls für den Tag.
Mein Name ist Jürgen Fischer und ich darf euch zwei Wochen lang die Predigten der Sommerbibelschule zwanzig sechsundzwanzig präsentieren. Dienstagabend, Predigt: 1. Korinther 9.
Ich habe einen Einstieg mitgebracht, der euch hoffentlich nicht abschalten lässt. Meine Einstiegsfrage ist: Wer von euch mag Mathe? Das ist statistisch eine Besonderheit, dass sich so viele melden. Cool, ich mag auch Mathe. Ich habe mich mitgemeldet, ich durfte oder darf irgendwann mal wieder Leute mit Mathematiknachhilfe bis zum Abitur begleiten. Das macht mir echt viel Spaß, ist auch schon manchmal erfolgreich gewesen. Aber das war nicht immer so.
In der elften Klasse Gymnasium bekommt Mathe so einen Knick. Bis dahin ist alles, weiß ich, für mich immer okay gewesen, und auf einmal kam irgendwie eine ganz andere Mathematik. Ja, wer das durchgemacht hat, weiß: Analysis, Ableiten von Funktionen. Okay, Gesichter schlafen ein bisschen ein. Ich habe das gehasst. Ich habe das null gecheckt, was die Lehrerin mir da erklären wollte, wie man das macht. Die hat das da toll an die Tafel gemalt, ich habe das abgemalt und direkt wieder vergessen. Und ich war so richtig schlecht darin. Vier Punkte schlecht, das ist gerade noch eine Vier minus, würde man als Unterkurs bezeichnen. Wer in dem Modus drin ist, weiß, was ich meine, weil ich es einfach nicht gecheckt habe.
Und ich wollte trotzdem irgendwie das Abi schaffen. Eigentlich war ich vorher in Mathe auch nicht ganz so übel gewesen, und deswegen habe ich Nachhilfe genommen. Und die Nachhilfe fand in der Schule statt, und der Pädagoge, der das da gemacht hat, hat einen ganz interessanten Ansatz gehabt. Jeder, der Nachhilfe wollte, hat den eigenen Raum bekommen, einen Zettel mit Aufgaben, und dann hat man die zwei Stunden runtergearbeitet: ableiten, ableiten, ableiten, ableiten. Die ganze Zeit stumpf das Gleiche machen. Es war pädagogisch jetzt nicht unbedingt so wertvoll, aber nach ein paar Wochen ist bei mir der Groschen gefallen, und ich hatte so ein Gefühl dafür, wie das funktioniert. Also einfach durch dieses praktische Üben, ein Beispiel nach dem anderen, ist irgendwie der Knoten in meinem Kopf geplatzt.
Und keine Angst, wir wollen heute nicht alle Traumata aus der Schule wieder hochholen oder das Gleiche machen, nämlich jetzt eine Stunde eine Wahrheit oder irgendetwas wiederholen, bis bei euch der Knoten platzt. Aber vielleicht ging euch das so ähnlich wie mir in der Schule heute früh mit dem Kapitel acht. Ich weiß nicht, wo eure Gruppenaustauschzeit so drauf war. Paulus beschreibt dort Götzenopferfleisch und ja, dem Schwachen da irgendwie nicht hinten runterfallen lassen, sondern Rücksicht nehmen und so weiter. Und das war erst mal auch viel Theorie. In meiner Austauschgruppe war es auch erst mal so: Hä, was meint der jetzt damit? Und wenn wir ein bisschen darüber geredet haben, dann wurde es schon ein bisschen klarer, aber manche Fragezeichen sind doch noch da. Ich konnte meine Gruppe dann darauf vertrösten und habe gesagt: Im Kapitel neun wird alles besser. Ich hoffe, dass ich das Versprechen einlösen kann.
Und vielleicht ging es euch genauso, und ihr sitzt auch so wie die Korinther jetzt nach dem Vorlesen des Kapitels acht mit so einem Fragezeichen im Gesicht. So wie ich damals im Matheunterricht. Ich habe manchmal so den Eindruck, Paulus nimmt zum Anfang oder am Ende des Kapitels acht so, guckt die Korinther an und denkt so: Ja, ihr habt es nicht begriffen. Ich mache noch mal ein Beispiel. Er wischt so in Gedanken die Tafel ab, setzt sich hin und fängt an zu erzählen. Ein Beispiel, wie das praktisch wird. Ein Beispiel von sich, schon mal sehr gut. Und auch ein Beispiel, wo die Korinther mit drin vorkommen, ihre Lebenssituation also. Pädagogisch sehr, sehr wertvoll oder, wie man in Berlin-Spandau sagt: Alpha Sigma. Wer dabei war, weiß, was gemeint ist.
Gehen wir also mal rein. Wir starten mit den Versen eins bis zwei. Wir werden den Text einfach komplett durchgehen. Dort sagt Paulus: Bin ich nicht frei? Bin ich nicht Apostel? Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen? Seid nicht ihr mein Werk im Herrn? Wenn ich für andere kein Apostel bin, so bin ich es doch für euch. Denn das Siegel meines Apostelamtes seid ihr im Herrn.

Paulus macht seine Stellung deutlich

Paulus beginnt mit einer Frage: Wer ist frei, wenn nicht ich? Und dann fängt er an aufzuzählen, welche herausragende Stellung er bei den Korinthern haben müsste.
Erstens sagt Paulus: Ich bin Apostel. Das war schon damals nur eine sehr begrenzte Anzahl, ein sehr herausgehobener, elitäre Zirkel könnte man sagen. Zweitens: Ich habe Jesus gesehen. Oder als Rückfrage an die Korinther: Habt ihr Jesus gesehen? Nein, haben sie nicht. Und drittens: Er hat die Gemeinde in Korinth sogar gegründet. Also das, was ihr gerade um euch herum erlebt, liebe Korinther, das habt ihr irgendwo mir zu verdanken, dass ich irgendwann mal nach Korinth gekommen bin und dort gepredigt habe.
Und Paulus macht am Anfang sehr schnell einen Punkt klar, der wichtig ist für seine Ausführung: Er ist nicht nur irgendjemand. Das ist nicht irgendein Hinterhergelaufener, der jetzt irgendetwas erzählt, sondern das ist jemand, der sich eine Menge auf seine Stellung einbilden könnte. Er könnte jede Menge Privilegien einfordern, Rechte einfordern. Liebe Korinther, ich bin der krasse Babbo, wenn ich zu euch komme, rollt mir den roten Teppich aus. Wenn jemand Privilegien bei euch genießen sollte, dann ja wohl ich.
Und er nimmt sich als eigene Person hier als Beispiel für den Umgang mit seiner Freiheit. Paulus geht jetzt nicht direkt in die Lösung hinein, sondern er fängt an, seine Rechte aufzuzählen. Das macht er zwölf Verse lang, die Verse 3 bis 14, und ich lese sie uns vor.
Ab Vers 3: Meine Verteidigung vor denen, die mich zur Untersuchung ziehen, ist diese: Habe ich etwa kein Recht zu essen und zu trinken? Haben wir etwa kein Recht, eine Schwester als Frau mitzunehmen, wie die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas? Oder haben allein ich und Barnabas kein Recht, nicht zu arbeiten? Wer tut jemals Kriegsdienst auf eigenen Sold? Wer pflanzt einen Weinberg und isst dessen Frucht nicht? Oder wer hütet eine Herde und isst nicht von der Milch der Herde?
Rede ich dies etwa nach Menschenweise, oder sagt das nicht auch das Gesetz? Denn in dem Gesetz Moses steht geschrieben: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden. Ist Gott etwa um die Ochsen besorgt, oder spricht er nicht durchaus um unseretwillen? Denn um unseretwillen ist es geschrieben, dass der Pflüger auf Hoffnung pflügen und der Dreschende auf Hoffnung am Ertrag teilhaben soll.
Wenn wir auch das Geistliche gesät haben, was ist es da Großes, wenn wir euch das Irdische ernten? Wenn andere an diesem Recht über euch Anteil haben, nicht erst recht wir? Wir haben aber von diesem Recht keinen Gebrauch gemacht, sondern wir ertragen alles, damit wir dem Evangelium Christi kein Hindernis bereiten.
Wisst ihr nicht, dass die, welche die heiligen Dienste tun, aus dem Tempel essen, dass die, welche am Altar tätig sind, Anteil am Altar haben? So hat auch der Herr denen, die das Evangelium verkündigen, verordnet, vom Evangelium zu leben.

Rechte, Versorgung und die Logik seiner Argumentation

Das war der längste Abschnitt. Er hat es geschafft.
Paulus zählt hier drei Rechte auf. Man könnte auch sagen, es sind nur zwei. Darüber können wir uns streiten, wenn ihr wollt. Paulus’ Rechte sind: Erstens, Vers 4, das Recht, alles zu essen. Zweitens, Vers 5, das Recht auf Heirat, also eine Frau mitzunehmen, wie es die anderen auch tun. Und drittens das Recht auf Versorgung beziehungsweise das Recht, nicht neben seinem Dienst arbeiten zu müssen.
Paulus schreibt diesen langen Text, dieses halbe Kapitel, bei dem ja alle schon ein bisschen weggenickt sind, als ich es vorgelesen habe, nur über seine Rechte. Er nimmt sich das halbe Kapitel Zeit, um das auszuführen. Und er hätte locker noch mehr schreiben können, weil er jetzt ein einzelnes Recht herausgreift, nämlich das Recht auf Versorgung, und uns dafür verschiedene Begründungen liefert.
Warum habe ich als Paulus, als Apostel usw., das Recht auf Versorgung? Und er schreibt nicht nur ein Argument, sondern gleich sechs Argumente. Paulus holt hier die komplette Kanone raus.
Begründung Nummer eins: Alle anderen in einem vergleichbaren Dienst und in vergleichbarer Stellung haben dasselbe Privileg. Alle anderen. Das Argument bezieht sich eigentlich, wenn ihr genau in den Text guckt, auf das Heiraten. Aber der Vers 6 startet mit dem „oder“, also kann man es auch auf das Nachfolgende beziehen. Also zählen wir es hier mal dazu.
Alle Eltern fühlen sich jetzt vielleicht an manche Diskussionen von heute erinnert: Mama, warum muss ich schon ins Bett? Die anderen dürfen auch noch spielen. Die anderen müssen auch noch irgendwas. Die anderen müssen auch nicht Zähne putzen und dürfen immer mehr Gummibärchen essen, oder?
Was Paulus hier aufmacht, ist der erste mir bekannte Fall von Diskriminierung im Arbeitsumfeld. Es gibt hier einen eklatanten Gehaltsunterschied zwischen den Aposteln, zwischen denen, die in einer ähnlichen Stellung sind. Die einen werden versorgt, und Paulus nicht. Das wäre auf jeden Fall erst mal eine Klage wert. Aber obwohl es es damals natürlich noch nicht gab, leitet Paulus daraus sein Recht ab, ebenfalls bezahlt zu werden. Weil die anderen bezahlt werden, hätte ich doch als Apostel genau das gleiche Recht.
Begründung Nummer zwei: Paulus fährt fort und stellt drei rhetorische Fragen, die alle mit dem Wort „niemand“ beantwortet werden können. Wer tut Kriegsdienst auf eigene Kosten? Wer pflanzt einen Weinberg und isst dessen Frucht nicht? Wer hütet eine Herde und isst nicht von der Milch der Herde?
Er macht also deutlich: Es ist völlig normal, eine gesellschaftliche Norm, dass der, der einen Dienst tut, davon auch leben und sich versorgen lassen soll. Und genauso wie es Unrecht wäre, dem Hirten die Milch wegzunehmen, so wäre es Unrecht, dem Paulus die Bezahlung vorzuenthalten. Also: die gesellschaftliche Norm.
Jetzt hört man vielleicht im Hinterkopf die Korinther sagen: Ja, Paulus, in der Gesellschaft. Du hast die ganzen ersten Kapitel davor verwendet, um uns zu zeigen, dass eine gesellschaftliche Norm ja nicht zwangsläufig für die Gemeinde gilt. Und deswegen bringt Paulus jetzt die nächste Begründung.
Es ist richtig: Gesellschaftliche Normen müssen nicht für die Gemeinde gelten. Aber auch das Gesetz des Mose lehrt das. Und er zitiert hier 5. Mose 25,4: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden. Das steht schon im alttestamentlichen Gesetz. Und Paulus überträgt es hier auf den geistlichen Dienst.
Wer in der geistlichen Landwirtschaft arbeitet, also pflügt oder sät oder Unkraut zupft, gießt, erntet oder drischt, wer also in dieser geistlichen Landwirtschaft arbeitet, hat Anteil an der Ernte. Wer also geistlich arbeitet, soll auch irdisch versorgt werden von denen, an denen er arbeitet. Weil das eben schon so im Gesetz steht.
Und Paulus ist noch nicht fertig. Er hat noch drei Argumente auf Lager.
Begründung Nummer vier: Das ist ein kurzer Nebensatz, die gelebte Praxis bei den Korinthern. Er sagt: Ihr macht es doch schon auch bei anderen, ihr versorgt doch bereits andere. Das ist zwar nur ein kurzer Nebensatz in Vers 12, aber dieses Prinzip, dass geistliche Arbeiter versorgt werden, kannten die Korinther schon. Und er weist sie noch einmal darauf hin und erwähnt es hier nebenbei.
Wir überspringen kurz den restlichen Vers. Darauf kommen wir nachher noch einmal zurück und nehmen uns noch die letzten beiden Begründungen vor.
Begründung Nummer fünf: Das Vorbild des alttestamentlichen Priesterdienstes, das Paulus hier noch aufruft. Hier muss Paulus gar nicht mehr viel auslegen, so mit Landwirtschaft oder so, sondern er sagt: Hey, wenn ihr im Alten Testament guckt, da war es völlig normal, dass die Priester für das Volk geistlich sorgen, indem sie Opferdienste bringen, indem sie Reinigungsvorschriften beachten, indem sie eine gewisse medizinische Gesundheitsvorsorge am Volk leisten. Und dafür wurden sie versorgt.
Es war völlig normal, dass ein gewisser Anteil der Opfer zum Beispiel dem Priester für seinen Lebensunterhalt zur Verfügung gestellt wurde. Also: So wie die Priester im Alten Testament für ihren geistlichen Dienst versorgt wurden, so auch Paulus.
Also noch ein sechstes Argument: Er kommt zum Höhepunkt seiner Ausführung, denn er hat sich das beste Argument bis zum Schluss aufgehoben. Und das ist: Genau, der geistliche Dienst soll davon leben können, weil Jesus es angeordnet hat. Und das ist ja definitiv das beste Argument. Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert, sagt Jesus zum Beispiel in Matthäus 10,10. Und das ist relativ kurz, einfach und bündig.
Okay, bam, Paulus hat ein Brett geliefert: sechs Argumente, warum der geistlich Dienende versorgt werden soll, und sechs Argumente, warum Paulus das auch von den Korinthern zu Recht einfordern kann. Und egal, wer vorher irgendwie dagegen noch argumentiert hat, das sollte ihm jetzt sehr schwerfallen. Gerade bei dem letzten Argument wird es doch sehr, sehr dünn.
Und auch ich bin in meinem brüdergemeindlich aufgewachsenen Denken und Kontext da manchmal herausgefordert, noch manches einmal neu zu bedenken.

Warum Paulus trotzdem verzichtet

Warum hat Paulus das jetzt gemacht? Wir springen noch einmal zurück zu Vers 12, denn Paulus will in diesem Kapitel nicht über Gemeindefinanzen reden oder über vollzeitlichen Dienst, obwohl er darüber nebenbei sehr viel sagt. Sondern er möchte darüber reden, wie der Umgang mit meinen Rechten und mit den Privilegien ist, die mir als Christ zustehen, vor allem gegenüber den Schwachen. Deswegen springen wir noch einmal zurück zu Vers 12.
Ich habe es euch noch einmal vor Augen geführt: Wir haben aber von diesem Recht keinen Gebrauch gemacht, damit wir dem Evangelium Christi kein Hindernis bereiten. Komisch, oder? Paulus nimmt sich ein halbes Kapitel, und es hat echt viel Zeit gedauert, das vorzulesen, habt ihr gemerkt? Nur dafür Zeit, um zu beweisen: Ich habe das volle Recht, von euch versorgt zu werden. Und dann bringt er so einen Satz und sagt: Wir haben von diesem Recht keinen Gebrauch gemacht.
Ein halbes Kapitel nur Argumente sammeln, sechs total überzeugende Argumente, wo er jetzt sagen könnte: Ich schicke euch mal eine Spendenempfehlung zu oder eine Rechnung. Nein, obwohl er jedes Recht hätte, und obwohl er es völlig ausgeführt hat, sagt Paulus: Und jetzt zeige ich euch, warum ich darauf verzichte. Und für Paulus ist das nicht einfach eine einzelne Entscheidung in einer besonderen Situation, sondern es spiegelt seine ganze Lebenseinstellung wider. Darauf kommen wir ja gleich noch.
Aber vorher wollen wir uns damit befassen: Warum macht Paulus das? Warum schreibt Paulus dieses ganze Kapitel, zählt ein halbes Kapitel lang Rechte auf, um jetzt davon zurückzutreten? Wir lesen mal weiter in den Versen 15 bis 18:
Ich aber habe von keinem dieser Dinge Gebrauch gemacht. Ich habe dies jedoch nicht geschrieben, damit es so mit mir geschieht; denn es wäre mir besser zu sterben, als ... meinen Ruhm soll mir niemand zunichtemachen. Denn wenn ich das Evangelium verkündige, so habe ich keinen Ruhm; denn ein Zwang liegt auf mir. Denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündigte! Wenn ich dies nämlich freiwillig tue, so habe ich Lohn zu erwarten; wenn aber unfreiwillig, so bin ich nur mit einer Verwaltung betraut. Was ist nun mein Lohn? Dass ich bei meiner Verkündigung das Evangelium kostenfrei mache, sodass ich von meinem Recht am Evangelium keinen Gebrauch mache.

Die innere Berufung des Apostels

Wir gehen es durch. In Vers 15 macht Paulus erst einmal eine wichtige Sache klar. Ich schreibe das alles nicht, damit ihr mir jetzt etwas überweist, damit ihr jetzt eine Sammlung macht und jemanden losschickt, der mir das Geld vorbeibringt. Ich will von euch kein Geld, das ist nicht mein Anliegen mit diesem Abschnitt meines Briefes. Ich will nichts von euch, ganz im Gegenteil. Es ist meine Bestimmung und meine Ehre, dass ich meinen Dienst bei euch nicht auf eure Kosten gemacht habe, sondern auf meine Rechte verzichte.
Wir wollen jetzt die Verse einmal aufschlüsseln, und wir nehmen Vers 12 mit dazu, weil das als Grund mit aufgeführt ist. Paulus beginnt mit: Ich verzichte auf die Bezahlung, um für das Evangelium kein Hindernis in den Weg zu legen. Vers 12, wie erinnert ihr euch? Warum denn das? An anderer Stelle hat er doch Geld genommen. Vor den Philippern hat er Geld genommen. Er hat sogar von den Philippern Geld genommen, als er nicht einmal bei ihnen war. Sie haben ihn also noch über seinen Dienst bei ihnen hinaus versorgt.
Warum macht Paulus das dann hier nicht? Ich möchte einen Erklärungsansatz liefern. Im antiken Rom gab es einen bestimmten gesellschaftlichen Wert. Ich probiere es jetzt auf Latein; wenn ich es falsch ausspreche, bitte vergebt mir: do ut des, ich gebe, damit du gibst. Das war fest in der Gesellschaft integriert und selbstverständlich. Das bedeutet, dass, wenn ich jemandem eine Leistung gebe, finanziell oder als Hilfsleistung oder indem ich für ihn einstehe, er mir durch die gesellschaftliche Norm gewissermaßen verpflichtet ist, etwas zurückzugeben. Es war immer notwendig, eine Gegenleistung zu erbringen. Und das war so selbstverständlich, dass es zu einem engen Geflecht von Abhängigkeiten in der römischen Gesellschaft geführt hat.
Das Patronatsystem zum Beispiel entsteht aus diesem Wert. Wem das etwas sagt, für den ist es vielleicht hilfreich, das zu verstehen. Und das war sogar so fundamental wichtig, dieser Wert, dass Seneca, ein Philosoph und Staatsmann im antiken Rom, in einer seiner Schriften sagt, dass Undank schlimmer ist als Mord. Also: Dieses gesellschaftliche System, diese Abhängigkeit, war so wichtig und fundamental für Staat und Gesellschaft, für das ganze Funktionieren des Reiches, dass Mord weniger schlimm ist als Undank, als nicht auch für eine gute Tat etwas zu erbringen.
Und wenn wir uns jetzt in die Situation hineinversetzen: Paulus hätte von den Korinthern Geld genommen. Dann ist eindeutig, das hätte das Evangelium verhindert, vielleicht sogar behindert. Denn wenn Paulus hier Geld nehmen würde, dann würden die Menschen ihm ja irgendwie unterstellen: Okay, der bekommt Geld, dann hat er eine Abhängigkeit. Und in gewisser Weise hätten das vielleicht auch manche Geldgeber von ihm erwartet. Ja, wir lesen, die Gemeinde hat Leute unterstützt. Paulus lehnt es ab. Vielleicht hat Paulus das bemerkt, als er da war. Hey, die Leute, die er bezahlt, von denen erwartet ihr auch, dass sie bestimmte Sachen vielleicht dulden, die ich hier sauber anspreche im Korintherbrief, oder zumindest gewisse Themen weglassen oder abbilden.
Und da hat Paulus gesagt: Da mache ich nicht mit. Um seine volle Freiheit und den Ruf des Evangeliums zu bewahren, verzichtet Paulus bei den Korinthern also auf seine Bezahlung. Um seine volle Freiheit und den Ruf des Evangeliums zu bewahren, verzichtet Paulus auf seine Bezahlung. Außerdem könnten ihm die Menschen unterstellen, dass er das Evangelium aus eigensüchtigen, selbstsüchtigen Motiven predigt. Der macht es ja nur für Geld, der schart Anhänger um sich, damit die ihn finanziell aushalten. Und so schützt er mit diesem Verzicht auf Bezahlung auch seinen eigenen Ruf.
Man könnte sagen, es ist eine sehr kluge und eine sehr strategische Entscheidung von Paulus, und er hat es sehr genau auf sein Umfeld angepasst.

Paulus’ Herz für das Evangelium

Aber Paulus bleibt nicht bei der Frage, was klug ist, was strategisch ist, oder wie er die gesellschaftlichen Normen möglichst umgehen kann, damit er nicht in Abhängigkeit gerät. Paulus öffnet mit weiteren Versen sein Herz und lässt die Korinther in seine innerste Motivation hineinschauen. Denn jetzt fängt Paulus an, nicht mehr von einer Strategie oder von strategischen Überlegungen zu sprechen, sondern von seiner Berufung.
Und ich finde das so cool, wenn Paulus in seinen Briefen neben seiner total logischen und manchmal sehr langen und verschachtelten Argumentation so sein Herz aufmacht. Ich finde, es sind die schönsten Stellen in den Paulusbriefen, wo man sieht, wie dieser Mann, den wir alle irgendwo da oben ansiedeln, der total krass ist, der Gemeinden gegründet hat, noch und nöcher, und der als Missionar in einer Wirksamkeit war, wo man dann sagt: Wow, der Hammer! Wenn der zeigt, was in seinem Herzen ist und wie er über seinen Herrn und über sich denkt.
Und Paulus öffnet uns hier so den Blick. Er sagt: Gott hat mich dazu berufen. Gott hat ihn zu einem Missionar für die Heiden berufen, also für den nichtjüdischen Teil der Welt. Und diese Berufung, Paulus schildert es sogar als einen Zwang, als einen positiven Zwang, ist so stark, dass sie für ihn völlig unabhängig von Bezahlung ist.
Paulus war klar, dass er der Heidenapostel ist. Das war seine Berufung. Und es war nicht nur seine Berufung, sondern es war die Bestimmung, es war der Grund, warum Paulus sich überhaupt auf die Straße gemacht hat, warum er unterwegs war, warum er so vielen Menschen, obwohl es echt schlecht zwischendurch aussah und er viele Verfolgungen erleiden musste, trotzdem aufgestanden ist. Nach seiner Steinigung ist er wieder in die Stadt gegangen und hat nicht gesagt: Leute, es reicht. Krankenversicherung ist noch nicht erfunden. Paulus ist aufgestanden und hat weitergemacht, weil seine Bestimmung völlig klar war.
Für ihn ist das nicht nur ein Hobby gewesen, er hat vollen Einsatz gezeigt. Ich stelle mir das so vor: Das Letzte, was Paulus abends vor dem Schlafengehen gedacht hat, war, wie er die Heiden irgendwie mit dem Evangelium erreichen kann. Und er ist früh als Erstes mit diesem Gedanken wieder aufgewacht. Was kann ich heute tun, um dieser Stadt und den umliegenden Leuten irgendwie das Evangelium klarzumachen? Gibt es irgendwelche guten Bilder oder Vergleiche? Oder mit wem soll ich heute reden?
Er sagt im Vers 16 sogar: Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündige. Der hat so einen starken inneren Drang gehabt. Es war ihm völlig klar, dass das sein Ding ist, dass er dafür lebt, dass es die Grundlage seines Lebens war. Dass ihm Bezahlung völlig zweitrangig war, dass er gesagt hat: Ich predige das Evangelium sowieso, ob ihr mir etwas gebt oder nicht. Ob ich dafür mit meinen Händen arbeiten muss oder nicht, ich predige das sowieso. Und wenn ich nachts arbeiten muss, damit ich tagsüber den Heiden das Evangelium predigen kann, dann mache ich das. Es ist mir völlig egal, ob ihr mir dafür etwas gebt.
Und nicht nur das, sondern für ihn hat der Verzicht auf seine Bezahlung sogar noch etwas Positives. Ja, und die Sätze klingen ein bisschen verschachtelt, ich möchte es uns probieren zu erklären. Paulus sagt: Wenn durch meinen Verzicht auf Bezahlung das Evangelium noch effektiver gepredigt werden kann, dann ist genau das meine Freude und mein Lohn. Dann ist genau das mein Lohn, dass das Evangelium noch effektiver ist.
Und ihr merkt so ein bisschen, wie das Herz von Paulus brennt, wie es einfach nur das Evangelium und die Heiden in seinem Herzen gibt und er voll vorangeht. Es ist so ein bisschen wie wenn du so ein richtiges Herzensprojekt hast und dann bist du bei einer Veranstaltung dort, und da gibt es einen Unkostenbeitrag. Der hat erst zehn Euro, und wie du dich darüber freust, wenn du fünfzig einlegen kannst. Dann ist dir das nicht zu viel oder: Ja, muss ich jetzt halt machen oder irgendwas. Sondern du freust dich darüber. Es ist dir eine Freude, mehr zu geben als verlangt, mehr zu geben als notwendig. Und das ist vielleicht so ein Vergleich, was Paulus hier meint.

Schluss und Ausblick

Das war's für heute.
Die Sommerbibelschule findet nächstes Jahr vom 8. bis 14. August in Volkenrohd statt.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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