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05.10.2019
Warum wirkt Moral heute so stark? Weil sie sofort relevant scheint, peinliche Fragen umgeht und das Kreuz überflüssig macht. Doch genau da entscheidet sich, ob du wirklich Hoffnung hast.

Einführung und Zielsetzung des Seminars

Willkommen zu diesem Seminar. Ich freue mich, dass doch einiges an Interesse an diesem wichtigen Thema da ist: dem neuen Moralismus als postmoderner Version des Evangeliums.
Ich möchte zu Beginn kurz vorstellen, was ich in den nächsten zwei Stunden vorhabe. Wir nehmen uns Zeit, wir fasten ja heute.
Zuerst gehen wir der Frage nach, was der postmoderne Evangeliumsbegriff in Form von Moralismus überhaupt ist und was ihn dermaßen attraktiv macht. Was ist der Grund dafür?
Zweitens wollen wir anschauen, was die Kernbotschaft des neuen Moralismus innerhalb der christlichen Szene ist.
Drittens wollen wir auch etwas Gutes von den Moralisten lernen. Man kann sich durchaus einiges abschauen und schauen, was sie vielleicht besser machen als wir Evangelikalen.
Viertens wollen wir uns dann auch noch kurz biblisch-theologisch mit dem Neumoralismus auseinandersetzen, also aus Sicht der Bibel und der Theologie.
Aber ich möchte gleich zu Beginn noch etwas vorab schicken. Zuerst einmal müssen wir beten, dass das hier mit der Technik funktioniert. Grundsätzlich gilt: einfach weiterreden, weiterreden, er stellt immer noch etwas ein. Nach einer Stunde hat er dann, denke ich mal, den perfekten Ton drauf.
Also beten wir jetzt.
Vater, wir danken dir für deine Hilfe, die du uns jetzt auch in diesem Seminar gibst. Schenk du Gelingen auch in der Technik. Schenk du uns aufmerksame Herzen. Schenk du, dass du uns, Herr, neu deine Kraft des Evangeliums aufdecken kannst.
Du weißt, Herr, wir nennen uns evangelisch, evangelisch-lutherisch, evangelisch-reformiert, freievangelisch, evangelisch-freikirchlich und wie auch immer. Und dennoch ist manchmal so wenig Evangelium drin. Herr, schenk, dass wir das nicht nur im Namen haben, das Evangelium, sondern dass wir es wirklich verkündigen.
Danke, dass du jetzt auch Gelingen schenkst in diesem Seminar. Amen!

Eine notwendige Einseitigkeit

Ich muss erst einmal etwas vorausschicken: Dieses Seminar wird wahrscheinlich sehr einseitig werden. Das ist natürlich bewusst so, und man kann mir am Schluss vorwerfen: Ja, lieber Reschlimann, geht es dir da nicht auch um die Heiligung? Kennst du denn nicht auch die Themen wie Nachfolge, konsequente Nachfolge? Ist dir denn das alles so egal? Sollten wir Christen uns dann nicht auch für die Armen und Schwachen und die Entrechteten einsetzen? Nicht auch für den Naturschutz?
Doch, auf jeden Fall, das sollten wir. Das ist ein sehr wichtiges Thema. Aber ich sehe ein Problem. Ich sehe das Problem, dass wir den Wagen vor das Pferd spannen. Und wenn wir das machen, kommt alles schief heraus.
Ich wollte euch jetzt ein schönes Bild zeigen, kann ich ja leider nicht. Am Seminar, wo ich unterrichte, sehe ich ein Tal hinunter, direkt vis-à-vis. Und in diesem Tal stürzen sich Tag für Tag Dutzende von Leuten hunderte von Metern in die Tiefe. Nicht, weil sie lebensmüde sind, sondern weil sie einen Adrenalinkick wollen. Sie wollen das Erlebnis. Base Jumping nennt man das.
Die Hoteliers geben diesen jungen Leuten jeweils den Tipp: Guck mal, das alles Entscheidende ist bei diesem Base Jumping: Genieß den Flug. Das ist das Schönste, das ist das Wichtigste. Um alles andere kannst du dich nebenbei dann noch anschließen. Das heißt, wenn du gelandet bist, kannst du immer noch den Rucksack anziehen. Da kannst du immer noch den Fallschirm anziehen. All diese Dinge sind nicht so wichtig.
Mit diesem Tipp würde man ja jeden in den Tod jagen. Aber genau das machen wir, wenn wir den Wagen vor das Pferd spannen.

Der Vorrang des Handelns Gottes

Das heißt, wir haben das, was man in der Theologie einen Imperativ und einen Indikativ nennt. Das bedeutet: Zuerst handelt Gott. Und so handelt Gott immer. Er stattet uns zuerst immer, immer, immer mit einem Fallschirm aus. Und danach sagt er: Jetzt kannst du fliegen.
Er sagt nicht: Jetzt lerne du fliegen, ich schaue dann nachher, dass du einen Fallschirm kriegst. Zuerst kommt der Fallschirm, und danach das Fliegen. Und wir machen es sehr oft umgekehrt. Wie gesagt: Wir spannen den Wagen vor das Pferd und sagen dem Wagen: So, jetzt zieh mal das Pferd! Wie weit wird der Wagen ziehen, vor allem wenn es bergauf geht? Keinen Millimeter.
Also haben wir zuerst immer die Rettung. Das hat schon im Garten Eden angefangen. Das heißt: zuerst die perfekte Gottesbeziehung, die perfekte Umgebung, und danach kommt erst dieses eine und einzige Gebot. Zuerst die wunderbare Rettung aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus, und danach die zehn Gebote. Zuerst die neue Geburt durch den Geist Gottes und danach die Imperative.
Jahrzehntelang hat man uns fromme Christen beschuldigt: Ihr macht es aber gerade umgekehrt, ihr sagt, zuerst kommen die Befehle. Schlimmer noch: Man hat uns eigentlich als eine Art Religion kennengelernt, die nur Verbote kennt. Ständig würden wir alles verbieten, selbst das, was ja eigentlich gar nicht biblisch verboten ist.
Und da waren tatsächlich allerlei Tätigkeiten auf dieser Verbotsliste drauf: das Theaterbesuchen, das Schminken, das Tragen von bestimmten Kleidungsstücken oder Frisuren, Alkohol, Rauchen, Fernsehkonsum und vieles andere. Und es gibt eine Menge Christen, die haben ihr Christsein als ständige Bevormundung erlebt.
Nein, das ist lange her, das ist ewig lange zurück. Verstaubt, antiquiert, rückwärtsgewandt, stockkonservativ, engstirnig zu sein, da wollen wir aber nichts mit zu tun haben, wir Christen. Oder viel lieber gelten wir als liberal, als offen, gar weltoffen, als progressiv, als eigenständig, als unabhängig.
Also haben wir abgeschlossen mit der Kultur der Bevormundung, mit diesen unzähligen Verboten. Wir haben abgeschlossen mit dem, wenigstens wir Christen, denken wir.

Der neue moralische Zeitgeist in Kirche und Gesellschaft

Aber dann: Es war vor ein paar Wochen auch in der Schweiz. Dort gibt es ja diese Klimaaktivisten, und auf einem riesigen Plakat stand geschrieben: „Verbietet uns doch endlich etwas!“ Ich denke, ich werde verrückt. Jetzt haben wir eine neue Jugend, die geradezu wieder nach Moral, Verboten und Bevormundung schreit.
Tatsächlich entsteht vor unseren Augen im Moment eine Art neue säkulare Religion. So zumindest nennt das ein Kommentar in einer schweizerischen Tageszeitung, einer der größten Tageszeitungen, die es gibt. Es ist dieses linksliberale Blatt, der Tagesanzeiger. Das ist kein christliches Käseblatt, das ist eine große Tageszeitung. Und dort wird gesagt: Jetzt entsteht eine neue Religion mit eigenen Ritualen, aber mit einem frommen Vokabular.
Und wenn man dort in diesen Kommentar hineinliest, staunt man und fühlt sich zurückerinnert an die evangelikale Szene, an die fromme Szene in den sechziger Jahren. Da steht zum Beispiel: „Der Klimastreik lebt von einer Erlösungshoffnung, die Summe der Bekenntnisse möge zu CO2-Reduktion führen.“ Und dann ist hier die ganze Zeit von dieser Prophetin die Rede, wie hieß sie aus Schweden? Die der Mächtigen, das steht in dieser Zeitung, das ist nicht mehr eine Erfindung, die der Mächtigen zuruft: „Bekehrt euch!“ Und dann steht hier weiter: „Jetzt ist die Erweckungsbewegung da“ in dieser weltlichen Zeitung.
Und dann ist da weiter die Rede von apokalyptischer Angstlust, Weltuntergang, Erlösungshoffnung, Bußübungen, Klimasünde, Sündebekenntnis, Fasten, Ablasshandel, die fröhliche Gemeinde der Gleichgesinnten, visionärer Eifer, eine bekenntnisgetriebene Bewegung. Das kommt uns alles nur bekannt vor. Das ist die neue Religion, die im Moment entsteht.

Beispiele aus Medien, Politik und öffentlicher Moral

 Am 9. März in diesem Jahr habe ich eine Berufskrankheit. Sie führt mich immer wieder zum Wort zum Sonntag.
 Am 9. März in diesem Jahr habe ich das Wort zum Sonntag im Schweizer Fernsehen gehört. Und der Pfarrer beginnt dort so, ich zitiere wortwörtlich: „Irgendetwas läuft heftig schief bei uns.“
Ich denke: Recht hast du, es läuft ziemlich viel schief in unseren Schweizer Kirchen. Aber das meinte der gute Pfarrer nicht, sondern dass die Schweiz weiterhin ein SUV-Land sei. Das heißt: ein Land, in dem ein Drittel aller Autos große Geländewagen ausmachen.
Er sagt, die Parkplätze werden immer kleiner, die sind zu klein, und die Fahrbahnen sind zu schmal. Man braucht immer mehr Land für Autos. Und ich sitze da und denke: Wem sagst du das? Da hast du recht. In der Schweiz zu parkieren, liebe Leute, das ist echt schwierig. In der Schweiz ist Land so kostbar wie Schnee in Katar.
Und wenn du da einen Parkplatz findest, zwischen zwei SUV, zwischen zwei Geländewagen, dann kannst du kaum aussteigen. Das kriegst du vielleicht noch hin. Aber wenn du in der Mittagszeit noch einen Schnitzel und Pommes reingezogen hast, dann kriegst du dich definitiv nicht mehr da durchgequält.
Noch schlimmer ist es bei mir: Ich fahre selber so ein Teil. Da bleibt dir nur eines: die Hintertür nach vorne zu kriegen. Also, es ist wirklich wahr, der Platz in der Schweiz, der ist wirklich eng.
Und für diesen Sonntagsprediger ist das ein grundsätzliches Problem. Er sagt, wir machen uns immer breiter und breiter. Wir wollen wirtschaftlich wachsen und wachsen. Und eine biblische Frage regt ihn an, über die Bücher zu gehen, und zwar die Frage von Jesus: Was hilft es, wenn der Mensch die ganze Welt gewinnt, aber dabei sein Leben verliert?
Er sagt dann: Das Streben, dieses Streben nach immer mehr, macht uns einfach krank. Wir brauchen Heilung von diesem ewigen Wachstum. Wir müssen gesünder leben, sagt er. Wir müssen das rechte Maß finden. Wir müssen nach diesem Wahn nach immer breiter und mehr aussteigen.
Mäßigung, sagt er, ist der Weg zur Heilung. Mit Reduktion, sagt er, gewinnen wir die Freiheit. Und ich sage: Halleluja, endlich reduzieren alle anderen auf Fiat 500, und dann habe ich Platz zum Parkieren. Aber das meint er natürlich nicht.
Sondern er geht dann weiter und sagt, damit müssen wir alle anfangen, auch der Einzelne. Wir müssen umsteigen auf ein kleines Auto. Und er sagt: Das machen wir uns allen selbst, uns allen zuliebe. Das war seine reformierte Botschaft.
Ein paar Sekunden später folgt Werbung. Dreimal dürft ihr raten, für was? SUV-Flotte von Peugeot.
Und da ich ja schon viermal vier Wagen besetze, zappe ich weiter ein paar Stationen hoch. Und da ist ein Bundesparlamentarier, der mir bis jetzt noch nie aus Christ aufgefallen ist, und er lamentiert, er verklagt sich über die Kirchen und sagt, die Kirchen müssen endlich aufhören mit dieser elenden Moralisierung, mit diesem Moralisieren, ständig uns vorzuschreiben, was wir zu tun und zu lassen haben, vegan zu leben und Diesel- und Benzinmotoren von der Straße zu verbannen.
Schließlich soll sich doch die Kirche auf ihr Kerngeschäft konzentrieren: die Verkündigung des Evangeliums. Das hat wunderbar gepasst. Wow, ein Politiker!
Irgendwas läuft schief in unserer Kirche, nicht wahr? Wenn die Programmchefs ihrem Pfarrer ins Wort fallen und sagen: Guck mal, es mag ja gut und nett sein, eine Welt ohne Offroader, aber nun ist es mal so: Die Werbeeinnahmen bezahlt vor allem die Autoindustrie.
Und wenn Politiker die Kirchen ans Kerngeschäft mahnen müssen, und selbst Schriftsteller: Es gibt einen Schweizer Schriftsteller, der heißt Thomas Hürlimann. Das ist der Sohn von einem bekannten Politiker, weil sein Vater Bundesrat war, das ist ein Ministerposten in der Schweiz, und war auch Bundespräsident. Und dieser Thomas Hürlimann lebt in Berlin. Vielleicht kennen den einen oder anderen ihn auch als bekannten Autor. Und er sagt Folgendes:
„Wenn sie die Kirche das Überzeitliche verlässt, was sie leider dauernd tut, dann verliert sie ihren Nimbus. Gehen Sie in Berlin in die Kirche, egal ob katholisch oder protestantisch, dann predigt Ihnen ein Sozialhelfer, dass Sie zu allen Türken lieb sein müssen. Eine Religion, die nicht mehr den Mut aufbringt, für sich die Wahrheit in Anspruch zu nehmen, gibt sich selbst auf. Die leeren Kirchen sind eine Katastrophe.“
Er sagt: das Überzeitliche verlassen. Das meint hier dieser ehemalige Klosterschüler, der als Klosterschüler einen Atheistenclub gegründet hat.

Ostern, Zukunft und die Verlagerung der Hoffnung

Gleiches Jahr, an Ostern, höre ich mir wieder das Wort zum Sonntag an. Und diesmal geht es um Ostern. Ich denke: Das ist doch eine frohe Botschaft. Die Botschaft lautet so: Kein Freitag hat das letzte Wort. Für die, die Welt bricht zusammen, für die, die vom Leben betrogen sind, die sich verraten fühlen, zeigt Ostern: Es geht weiter. Das muss nicht das letzte Wort sein. Es gibt Auferstehung.
Aber die Auferstehung ist jetzt nicht so gemeint, Auferstehung erst nach dem Tod, also eine geistliche Auferstehung, sondern es gibt auch für dich eine Zukunft. Und wortwörtlich hat der Pfarrer gesagt: In dir rumort noch eine Zukunft. Und das Schlusswort war: Ich wünsche Ihnen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, dieses innere Rumoren.
Letzten Sonntag soll es dann langsam genügen mit diesen Wortwörtern zum Sonntag. Letzten Sonntag beziehungsweise Samstag kam ja die Tempelreinigung. Wow, super Text, da bin ich mal gespannt. Jesus eifert um das Haus Gottes. Ich sage es zu meiner Frau, liebe Elvira, du wirst sehen, wo die Frau landet. Ich bin sicher, sie landet bei der Klimabewegung. Und genau so war es, man kann es voraussehen. Am Schluss sagt sie: Guck mal, jeder braucht etwas, wofür er eifern muss. Jesus hat um das Haus Gottes geeifert. Das Haus Gottes ist die Erde. Wir brauchen neue Eiferer für das Klima.
Guck mal, das Evangelium wird nicht mehr als gute Nachricht von der Rettung vor Gottes Zorn und der Erlösung vor dem ewigen Tod verkündigt, sondern als halbwegs gute Nachricht für dieses halbwegs gute Leben auf dieser Erde.
Thomas Hüllemann, den ich eben kurz erwähnt habe, sagt in einem Interview, er habe eine längere Krankheitszeit erlebt. Er war in Berlin in einem Krankenhaus, ein paar Wochen lang. Und er sagt, er habe in dieser ganzen Zeit ein Wort nie gehört: Tod. Seht ihr euch das vor? Links und rechts wird gestorben, und keiner redet über den Tod. Der Tod ist tabu. Es ist ein logisches Todtabu, wenn das Transzendente, das Himmlische, das Göttliche abgeschafft ist. Dann zählt nur noch dieses Leben. Und dann ist der Tod tabu.

Warum der neue Moralismus so attraktiv wirkt

Und damit sind wir bei der Frage: Was macht denn eigentlich diesen neuen Moralismus dermaßen attraktiver heute? Es ist deshalb, weil es um das Leben jetzt geht. Hier und jetzt. Wir haben es sichtbar, wir können jetzt etwas verändern, wir spüren es jetzt.
Und das Leben transzendent, das Leben mit Gott, der Himmel und all diese Dinge, sind, mal ganz ehrlich, so schwierig zu erklären. Das ist manchmal so peinlich, das ist so unwissenschaftlich.
Also, es gibt drei Dinge, die, meine ich, das sehr attraktiv machen. Erstens: Wir können hier und jetzt etwas bewegen. Zweitens: Der neue Moralismus ist absolut relevant, zumindest scheinbar relevant. Und drittens: Wir können viele, viele peinliche Fragen umgehen.
Greta Thunberg, die rechnet ja nicht in Jahrhunderten. Nicht einmal in Jahrzehnten. Sie wählt den Wechsel jetzt! Und dann kommt Gottes Wort und sagt uns: Übt euch also in Geduld, liebe Brüder und Schwestern, bis zum kommenden Herrn!
Und wie lange warten wir denn schon? Zweitausend Jahre! Wie wäre das schön, wenn wir den Wechsel, den Klimawechsel, innerhalb von zehn Jahren wieder im Lot hätten und in zehn Jahren die Gletscher wieder zu wachsen beginnen würden. Wow!
Und es ist nicht so, dass die Menschen nicht einiges erreicht hätten in ihrer Menschheitsgeschichte. Wir haben die Pest ausgerottet, die Kindersterblichkeit ist radikal gesunken, die Armut ebenfalls. Wir haben ja fast paradiesische Zustände, jetzt, war es in der Schweiz. Das ist ja nichts Neues, dass wir jetzt hier und jetzt etwas sehen wollen von diesem Paradies.
Karl Marx hat ja das vor 175 Jahren schon geschrieben. Er nannte es: Die Religion ist das Opium des Volkes. Und er sagt, es vernebelt diese Sicht für die Veränderung von hier und jetzt. Wir bauen das Paradies jetzt, wir warten nicht auf etwas Zukünftiges. Und das hat immer eine Attraktivität. Wir können es jetzt sehen, wir können es jetzt errichten, wir tun jetzt etwas.
Ich habe neulich einen Flyer von einer Schweizer Universität bekommen. Die hat Studientage zur theologischen gesellschaftlichen Erneuerung in diesem Jahr. Und dort steht auf diesem Text: Die Frage nach dem guten und gelingenden Leben ist eine der zentralen Fragen des Menschen. Die Theologie hat gute Gründe, sich mit dem Leben in dieser Welt zu beschäftigen.
Und dann: Wir sind daher der Überzeugung, dass Theologie und christlicher Glaube grundlegende Einsichten zu den Fragen nach dem guten Leben vermitteln können. Wir wollen gemeinsam nach Wegen einer erneuerten Theologie und Kirche suchen und, jetzt kommt ein entscheidender kleiner Nebensatz, die Resonanz in der Welt auslösen.
Also mit anderen Fragen, anderen Worten: Es geht um eine Botschaft, die Anklang findet, die Zustimmung bei der Bevölkerung findet. Und relevant heute scheint die Frage: Was ist das gute Leben? Was bringt mir hier und jetzt etwas?
Also relevant ist zum Beispiel die Frage: Wie können wir das Klima retten, die Gletscher retten und das Aussterben von Tierarten verhindern? Das ist sehr relevant, da spricht die ganze Welt darüber. Und wenn die ganze Welt darüber spricht, dann mach doch das zum Thema Nummer eins in deiner Kirche. Das bringt Zustimmung.
Und so wird die Frage: Wie stehst du zur Klimaerwärmung? wichtiger als die Frage: Wer war eigentlich Jesus?
Selma Lagerlöf, schwedische Schriftstellerin, Nils Holgersson heißt er, ich habe es gar nicht mehr im Kopf, das ist schon so lange her, das ist die Geschichte mit dem Schwan und diesem Däumling, die erste Frau, die einen Literaturnobelpreis erhalten hat. Sie lässt in ihrem 1897, weit über hundert Jahre zurück erschienenen Buch Die Wunder des Antichrists dem Papst Folgendes sagen:
Ich sehe eine Volksbewegung aufstehen, die in Liebe zum Nebenmenschen erglüht, aber Gott hasst. Ich sehe Menschen Märtyrer werden für die neue Hoffnung auf einer glücklichen Erde. Ich sehe, wie sie neue Freude und neuen Mut schöpfen aus dem Wort: Denkt an die Erde, Freude und Mut, wie sie sie früher aus dem Wort: Denkt an den Himmel schöpften.
Kommt uns das bekannt vor? Das könnte heute geschrieben sein, das ist exakt wieder genau das Gleiche. Denkt an die Erde, rettet diese Erde, da werden Leute sogar zu Märtyrern. Aber Gott daneben spielt keine Rolle, Gott kann man hassen.
Und daraus folgt: Wir nehmen das Schicksal jetzt in eigene Hände, wir verändern die Welt, wir handeln. Ich habe ein zweites Plakat gefunden von einer Klimademonstration, dort stand groß in dicken Buchstaben: Jetzt und wir. Diese beiden Worte waren richtig fettdick. Jetzt müssen wir handeln.
Das zeigt diese Relevanz: jetzt, nicht morgen. Und wir, nicht Gott oder sonst wer. Also: Moralismus ist unglaublich relevant. Das Transzendente geht verloren, und da bleibt uns nur noch die Welt und das Leben in dieser Welt. Und das definieren wir in den Begriffen von Moral.

Moral als gemeinsamer Nenner und Ersatz für das Evangelium

Christen waren bisher dafür bekannt, Moralisten zu sein. Ich erinnere mich noch daran, dass Christen alles, was neu auf den Markt kam, sofort filmtechnisch beurteilten und kritisch bewerteten. Ich weiß noch, dass Martin Scorsese damals diesen Film gedreht hat, The Last Temptation, die letzte Versuchung Jesu. Da haben die Prediger auf den Kanzeln dagegen gewettert und gedonnert. Ebenso bei unserem Schweizer Nationalhelden in Sachen Popmusik, DJ Bobo: Als er am Eurovision Song Contest das Liedchen Vampire gesungen hat, hat sich sogar die Evangelische Allianz gemeldet, die sich sonst eigentlich nie oder nur selten zu theologischen Themen äußert.
Mittlerweile hat sich das Ganze geändert. Das Blatt hat sich gewendet. Heute werden Kunst, Literatur und Filme von der Welt kritisch beäugt. Das heißt, die Welt setzt die Moralkeule an, die Welt bietet die Gedankenpolizei auf. Da sind zwei Professoren der Universität Nottingham, die zum Schluss kommen, dass Der König der Löwen Rassismus banalisiert. Die guten Charaktere seien weiß, die bösen schwarz. Die Schöne und das Biest, sagen sie, würden häusliche Gewalt und das Stockholm-Syndrom fördern.
Der freie und unabhängige Bürger ist ein Modell von gestern. Der gute Bürger lässt sich vorschreiben und sagen, was er gucken darf und was er nicht gucken darf. In jedem Film ist vorgeschrieben, wie viele schwule Pärchen, wie viele Lesbenpärchen, wie viele Schwarze und Weiße und was weiß ich noch alles vorkommen muss. Verbietet uns doch endlich etwas, oder? Verbietet uns doch endlich etwas.
Und die Relevanz zeigt sich auch, dieser neue Moralismus zeigt sich auch in den Ausbildungsstätten. Ich habe neulich ein bisschen herumgeforscht und bin bei einem Tweet des Union Theological Seminary in New York City gelandet. Dort gab es einen Tweet über einen Studentengottesdienst, und die Studierenden haben den Pflanzen ihre Sünden bekannt. Sie sagten: Ihr Pflanzen erhaltet uns ja am Leben, ihr seid es, die uns am Leben erhalten.
Dann kam einer und sagte: Ich schäme mich überhaupt nicht dafür, dass wir den Pflanzen unsere Sünden bekennen, denn schließlich sei das eine Hermeneutik. Schließlich hat ja Moses die Wahrheit von einem brennenden Busch gehört, also hören wir die Wahrheit von der Erde. Interessante Hermeneutik.

Die Vermeidung des Kreuzes und die moralische Verkürzung

Guck, und dann gibt es das Dritte, was ich gesagt habe. Was macht es so attraktiv? Es ist das, und ich meine, das ist das Attraktivste an allem: Wir vermeiden mit Moral die peinliche Erklärung des Evangeliums.
Jetzt überleg dir mal, was einfacher ist: dem Nachbarn zu erklären, guck mal, wir Christen sind für die Schöpfung, wir sind für den Schutz der Kinder, wir sind für den Schutz der Entrechteten, wir setzen uns ein für Migranten und all diese Dinge, oder zu sagen: Guck mal, Christsein, die Essenz des Christseins, hat mit Schuld und Vergebung zu tun. Und wir haben ein Problem. Es gibt die Schuld auf Seiten des Menschen. Und es gibt die Vergebung durch Jesus Christus.
Und da sind wir schnell beim Thema zorniger Gott, da sind wir schnell beim Thema Kreuz und Blut und Opfer. Und Joel Bultmann spottete als Antisemit über diese jüdischen Rituale mit Ziegen und Schafen und Rinden und viel Blut. Und so geht es uns doch ähnlich. Das ist so peinlich, es ist so schwierig zu erklären, es ist so unwissenschaftlich. Der Kreuzestod macht für die allermeisten Menschen keinen Sinn. Warum hat Gott das nötig? Er kann doch einfach so vergeben, Schwamm drüber. Wieso sollte einer sterben? Das ist doch sowas von bekloppt.
Und weil wir das wissen, versuchen wir, dem auszuweichen, wo wir nur können. Da sind wir alle in der Gefahr, auch ich. Es ist weit einfacher, über Ethik und Moral zu predigen, als über das Kreuz. Und auch viel schwieriger ist es, mit dem Nachbarn über das Kreuz zu reden. Also manifestiert sich Christusnachfolge heute eben im Engagement für eine bessere Welt.

Die Kernbotschaft des neuen Moralismus

Nun, was ist die Kernbotschaft des Neuemoralismus? Das ist ja eigentlich mehr oder weniger schon angedeutet worden. Ich kann das relativ kurz machen. Es geht darum, dass wir heute etwas Gemeinsames suchen, das uns alle vereint. Und dieses Gemeinsame ... Ja, sehr gut, okay, wunderbar. Ich habe gerade noch eine Viertelstunde dazubekommen. Das ist wunderbar. Das Essen verschiebt sich. Das heisst, ihr müsst nicht Angst haben, dass ihr kein Essen kriegt.
Also: Man sucht heute etwas Gemeinsames in allen Religionen oder etwas Gemeinsames bei allen Menschen. Und das ist ganz klar nicht die Theologie, das sind keine Dogmen, das sind auch nicht die Sakramente, das sind auch nicht die Institutionen, sondern das ist die Moral. Natürlich nicht Moral im pietistischen Sinne, wie ich sie ganz am Anfang aufgezählt habe, dass da gewisse Formen von Kleiden verboten sind und weiss ich was alles, sondern Moral, die heute Trend ist, die jeder irgendwo gut findet.
Da wäre zum Beispiel die Frage: Wenn man das verkristianisiert, wenn man so will, würde Jesus einen Kurzstreckenflug von Nazaret nach Jerusalem buchen? Oder würde Jesus einen Offroad fahren? Oder würde Jesus den jüngen Fisch mit Atomstrom kochen? Also, ihr kennt das: Was würde Jesus tun? Das ist heute die Frage. Die zentrale Frage ist eine moralistische Frage. Was würde Jesus tun? Aber wir sollten anders fragen: Was hat dieser Jesus getan? Das ist die entscheidende Frage.
Brian McLaren ist einer der Hauptvertreter der Emerging-Church-Bewegung. Er wird im Time Magazine als einer der 25 einflussreichsten Evangelikalen aufgeführt. Und er meint in seinen Büchern, dass Christentum, christliches Leben, vor allem ein Lebensstil ist. Und er sagt weiter: Jüngerschaft ist wichtiger als Lehre. Und er sagt, es geht darum, im Leben von Jesus als Christ, Jesus Christus nachzufolgen. Und er fasst das zusammen und sagt: Das Christentum ist eine Ethik der Liebe.
Das ist das Christentum, eine Ethik der Liebe? Hat Johannes damals gerufen, als er Jesus gesehen hat: Siehe, das Vorbild Gottes, das sich zu einem besseren Menschen animiert? Hat er das so ausgerufen? Für Brian McLaren ist es daher absolut möglich, dass man innerhalb der buddhistischen oder hinduistischen Gemeinschaft Jesus-Nachfolger sein kann. Und ich zitiere ihn. Er schreibt: „Ich hoffe nicht, dass alle Juden oder Hindus Mitglieder der christlichen Religion werden. Aber ich hoffe, dass alle, die sich so berufen fühlen, jüdische oder hinduistische Nachfolger von Jesus werden.“
Es ist klar: Damit hat man den Skandal des Kreuzes beseitigt. Damit sind wir uns alle wieder einig: Ethik und Moral. Wir betonen etwas Aktuelles, was uns eint, und das ist eben Moral, beispielsweise Klimawandel. Das ist sogar höchst ökumenisch. Er redet die ganze Welt darüber: Hindus, Moslems, Christen, Atheisten.
Aber es ist ja nicht nur die politische Agenda, die heute verfolgt wird. Es kommt ja auch noch ganz im Kleinen daher, dieser Moralismus. Er kommt daher in Ratschlägen für die tägliche Hilfe statt des Evangeliums. Glaub an Jesus, dann hast du die perfekte Ehe. Du wirst ein perfekter Vater. Wenn du richtig glaubst, hast du alle deine Schuldenprobleme gelöst. Richtig glauben heisst, gute Freunde finden. Richtig glauben heisst, einen Top-Job finden.
Wir alle kennen mittlerweile leider die sehr traurige Geschichte von Joshua Harris. Er hat ein Buch geschrieben, damals dieser Star, dieser „Wahrer Liebe wartet“ in den Nullerjahren. Mit 21 hat er ein Buch geschrieben: „I Kissed Dating Goodbye“. Er hat sich ja mittlerweile nicht nur von dieser Lehre in diesem Buch losgesagt, sondern auch vom christlichen Glauben losgesagt. Und seine schärfste Gegnerin – es gibt ja einen Dokumentarfilm über dieses „I Kissed Dating Goodbye“ – sagt dort in diesem Dokumentarfilm Folgendes: Dieses Buch war für mich eine Art Geld-zurück-Garantie. Ich habe gedacht, wenn du das genau so machst, dann hast du anschliessend die perfekte Ehe, und dein Sexleben wird bis ans Lebensende absolut erfüllend sein.
Und Harris antwortet ihr darauf: Ich dachte damals – er war 21 Jahre alt, ich vertraue keinem, der mit 21 ein Buch schreibt – er dachte damals, es könnte alles besser werden, wenn man sich nur anstrengt. Er sagt, auch wir als reformierte Theologen sind nicht geschützt davor. Das Buch verfolgt letztendlich Wohlstandsevangelium: Sei in deiner Beziehung absolut perfekt und rein, und dann folgt daraus die perfekte Ehe. Wohlstandsevangelium in Sachen Ehewohlstand. Er verfolgte eine Form von Wohlstandsevangelium, fokussierte sich auf Moralismus und scheiterte schliesslich in seiner eigenen Ehe und auch im Glauben.
Und diese Form von Evangelium finden wir selbst bei unseren sogenannten Bekehrungszeugnissen. Ich höre ja von Berufswerken viele von diesen Bekehrungszeugnissen, und ich stelle fest: Wir erzählen da gerne, was wir alles leisten, was alles wir verändert haben. Wir haben unsere Finanzen jetzt im Griff, wir sind im Beruf und in der Familie weitergekommen, unsere Ehe ist jetzt glücklich.
Vor vielen Jahren wollte ich in der Predigt – das habe ich immer noch im Computer, das ist nur so ein Konzept – wollte ich in der Predigt schreiben zum Thema: Haben die Christen ein Glaubwürdigkeitsproblem? Ich habe sie nie geschrieben. Weil mir ist aufgefallen: Evangelistische Schriften argumentieren mit diesem moralischen Argument. Jesus macht aus kaputten Menschen neue Menschen, Süchte gehören der Vergangenheit an. Ehen werden geheilt und halten ein Leben lang glücklich. Christen investieren sich allesamt und sonders für andere, sie handeln selbstlos, sie sind grosszügig, sie sind ehrlich, sie sind fleissig.
Das Hauptargument in unserer apologetischen Evangelisation ist moralischer Rat. Wir trumpfen mit Erfolgsstorys auf. Wir halten es wie Franz von Assisi: Predige das Evangelium, wenn es notwendig ist, auch noch mit Worten. Was will er damit sagen? Unser Leben predigt besser als unsere Worte? Wirklich, da bin ich nicht mehr bezeugt. Wir predigen mit unserem Leben besser als mit unseren Worten. Ich glaube es nicht.
Wenn wir auf Jesus weisen und sagen, was er getan hat, da kann man nichts Besseres machen. Wenn wir auf uns weisen, dann werden wir das Evangelium, und dann haben wir ein grosses Problem. Wir finden das übrigens auch im Liedgut. Ich bin nicht der Typ, der sagt, ihr dürft jetzt gewisse Lieder nie mehr singen oder weiss ich was. Singt ihr alle von Herzen. Es ist ja gut gemeint, aber es gibt eine gewisse Tendenz.
Es gibt ein Lied, dessen Autor ich höchstpersönlich kenne, und es ist ein netter, guter Freund von mir: Stadt, Land, Welt. In meinem Haus, in meiner Strasse, in meinem Viertel, in meiner Stadt will ich ein Zeuge sein von Jesus Christus. Wenn ich jetzt weiterlese, da steht: will ich ein Zeuge sein von dem, was Gott in mir verändert hat. Da wird es wieder schwierig. Das heisst, es geht wieder um mich. Ich bin das Evangelium. Und dann geht es in der zweiten Strophe: In unserem Kreis, in unserem Land und auf dem ganzen Kontinent sollen die Leute spüren, dass die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, dass in uns die Liebe Gottes brennt.
Das ist auch richtig. Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen ausgeschüttet, das ist auch richtig. Aber ich denke, das ist nicht das Evangelium, das ist eine Folge des Evangeliums. Das Evangelium lautet anders: Gott starb für Sünder. Und wenn Menschen auf uns gucken und schauen, wie glücklich oder unglücklich wir sind, dann gnade uns Gott, dann ist das Evangelium pervertiert.
Ich warte nur auf den Tag, wo die Nichtchristen genau dieses Argument aufgreifen und sagen: Ihr seid allesamt und sonderlich gescheitert an euren hohen moralischen Ansprüchen. Wo seid ihr denn besser als wir? Und wenn wir auf uns weisen, dann sagen wir: Ihr habt Recht, wir sind nicht besser, aber einer war besser, das war Jesus, und das ist Evangelium.
Guck mal, unsere evangelistische Verkündigung hat sich radikal geändert. Da, wo die Reformatoren Jesus Christus und das, was er für uns getan hat, ins Zentrum stellten, haben wir heute die Peripherie, die Moral, ins Zentrum gerückt. Und wenn wir dieses Evangelium der guten Nachricht entleeren, machen wir uns äusserst verletzlich. Denn wir sind allesamt Versager auf allen Fronten. Das geht nicht nur für Joshua Harris. Jeder von uns kann kläglich versagen. Wenn wir das Evangelium sind und Menschen schauen auf uns und sagen: Das ist Evangelium, und versagen, dann ist das Evangelium nichts wert.

Was man von den Moralisten lernen kann

Okay, jetzt ist es ja auch so: Wir können von diesen Moralaposteln auch noch einiges lernen. Ich komme da zum Schluss noch einmal zur theologischen Auswertung. Aber zuerst einmal etwas Positives: Was kann man von diesen Moralaposteln lernen?
Ich denke, wenn man Greta Thunbergs Rede analysiert, eine Menge. Ich glaube sogar, dass das irgendwann Anschauungsunterricht im Homiletikunterricht sein wird. Was diese Frau dort macht, ist ja unglaublich. Mit 16 Jahren steht sie vor geballter Macht der Welt und hält eine Rede. Unglaublich emotional spitzt sie das Ganze zu. Jeder weiß, was gemeint ist, jeder fühlt sich angesprochen. Und sie wagt es, diese Menschen immer wieder anzusprechen. Es ist ein rhetorisches Mittel, das sie immer wieder einsetzt: Wie könnt ihr das wagen? Wie könnt ihr es wagen? Es wiederholt sich, und es wiederholt sich sehr ausgereift in dieser Rede.
Ich muss mir vorstellen: Wenn ich mit 16 Jahren so eine Rede hätte halten müssen vor diesen Menschen, ich hätte mir in die Hosen gemacht, aber heftig. Und wenn ich mir das vorstelle, diese Frau, wie sie dort kommuniziert, das ist schon gewaltig.
Ich weiß, ich bin reformiert in meiner Theologie, durch und durch. Aber wir reformierten Theologen haben einen Makel. Reformierte Theologen sind sehr analytisch. Das hat damit zu tun, dass Johannes Calvin als Jurist nicht gerade bekannt war als der Poet unter den Reformatoren. Und wenn wir wollen, dass das Evangelium verstanden wird, dann müssen wir nicht nur unseren akademischen Dünkel ablegen. Wir haben manchmal auch das Gefühl, wir können das Evangelium erst dann verstehen, wenn wir mindestens in AT und NT und Systematik promoviert haben. Und wir erwarten, dass selbstverständlich auch die Zuhörer mindestens auch noch einen Master haben, damit sie uns überhaupt verstehen.
Wir müssen nicht nur unseren Dünkel ablegen, sondern auch unsere akademische Sprache. Wir müssen mehr Emotionen zeigen. Wir müssen mehr Begeisterung zeigen. Das kann man von diesen Moralaposteln lernen. Wenn sie etwas können, dann ist es kommunizieren. Es sind fast alles Topkommunikatoren.
Eine Schauspielerin wird von einem Pastor neidvoll gefragt: Wie schaffst du es? Abend für Abend führst du das ganze Theater. Alle sind begeistert, und ich predige Sonntag für Sonntag vor ein paar Nasen. Wie machst du das? Sie sagt: Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich eine erfundene Geschichte präsentiere, als wäre sie wahr, und Sie eine wahre Geschichte, als wäre sie erfunden. Vielleicht hat es mit dem zu tun.
Wir können viel lernen von diesen Moralisten: diese Hingabe, diese Leidenschaft, dieses Engagement, diese absolute Überzeugung. Greta sagt in ihrer Rede dort, die Wissenschaft sage seit dreißig Jahren glasklar. Mit anderen Worten: Für sie ist die Wissenschaft die höchste Autorität. Damit sagt sie, da ist jede Kritik zum Schweigen gebracht, da diskutieren wir nicht mehr darüber. Die Wissenschaft ist unfehlbar, sie ist irrtumslos. Das ist sie natürlich nie im Leben.
Aber würden wir mit so einer Überzeugung auftreten und sagen: Die Wahrheit Gottes ist in seiner Heiligen Schrift. Gott sagt: Ende der Diskussion. Punkt! Würden wir das wagen, mit so einer Überzeugung, wie sie das von der Wissenschaft überzeugend bringt?
Und dann sagt sie: Ja, der Wandel wird kommen, ob du das magst oder nicht. Sie warnt die Leute. Würden wir unser Publikum so warnen: Gott wird als König und Richter kommen, egal, ob du das jetzt magst oder nicht?
Also man kann eine Menge lernen, denke ich, von Greta und ihren Worten: was Hingabe bedeutet, was Überzeugung bedeutet, was Kommunikation bedeutet. Da kann man eine Menge lernen, nicht inhaltlich, aber das auf jeden Fall. Da kann man eine Menge abschneiden.

Biblisch-theologische Bewertung: Gesetz und Evangelium

Nun, jetzt komme ich zum letzten Punkt: Wie bewerten wir den Moralismus oder diesen neuen Moralismus aus biblisch-theologischer Sicht?
Wenn man evangelische Christen fragt, und ich rede jetzt nur von den Leuten, die irgendwie noch „evangelisch“ in ihrem Namen haben, und davon gibt es eine Menge, dann hört man heute auf die Frage: Was verstehst du unter dem Evangelium? ganz spannende Antworten. Aber zu 80 oder 90 Prozent sind es nicht die Antworten, die wirklich dem Evangelium entsprechen.
Ich habe hier ein Zitat zum hundertjährigen Jubiläum einer schweizerischen christlichen Partei. Dort zitierte die Präsidentin einen Wahlaufruf aus dem Jahr 1919, also von vor hundert Jahren. Und wir wissen, was damals politisch gerade aktuell war: das Aufkommen des Kommunismus, die bolschewistische Revolution in Russland. In diesem Wahlaufruf von vor hundert Jahren hieß es:
Der Nährboden für eine geeinte Volksgemeinschaft ist das Evangelium von Jesus Christus.
Da würden wir alle sagen: Halleluja, Amen, jawohl, das ist es. Wenn wir eine Gemeinschaft bauen wollen, dann bitte auf der Grundlage des Evangeliums von Jesus Christus. Aber es geht gleich weiter:
Dessen Hauptforderung heißt Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung.
Jetzt muss man ein bisschen überlegen. Wir hören das und denken: Ja, das stimmt ja eigentlich. Ist das wirklich wahr? Ist die Hauptforderung des Evangeliums wirklich Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung? Heißt es nicht vielmehr: Glaubt an Jesus Christus, glaubt dem Evangelium?
Und dann führt die Präsidentin noch einen Satz hinzu, ergänzt also: Wir haben einen Auftrag, hundert Jahre später, wir haben einen Auftrag, es gibt noch viel zu tun. Da haben wir es wieder: Moralismus. Gut gemeint, absolut gut gemeint, aber man spannt den Wagen vor das Pferd.
Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung werden als Imperative verstanden. Das heißt: Wir müssen einander lieben, wir setzen uns für soziale Gerechtigkeit ein, wir wehren uns gegen Fake News in den Medien, wir schaffen Versöhnung zwischen Arm und Reich, Einheimischen und Migranten, Alt und Jung. Ja, das Evangelium besitzt einen Imperativ, das ist ja keine Frage. Aber diesem Imperativ geht ein Indikativ voraus, das heißt: das, was Gott geschaffen hat. Die Rettung durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Wenn die nicht vorangeht, dann wird jeder Imperativ in unserem korrupten Herzen versinken, jeder.
Und wir versinken auch im missionalen Aktivismus. Am Schluss wäre das Leiden ein Burnout. Es gibt ja ein schönes Liedchen von Tim Bendzko: Ich wär ja so gern dabei gewesen, doch ich hab so viel zu tun, lasst uns später weiterreden, da draußen brauchen sie mich jetzt, die Situation wird unterschätzt, muss nur noch schnell kurz die Welt retten. Das ist so typisch, oder? Aktivismus.
Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung auf Seiten des Menschen ist die Forderung des Gesetzes, also nicht das Evangelium. Das Evangelium lautet: Gott rettet Sünder. Und da komme ich jetzt zu Luther.
Luther hat in seinem Galaterbrief, den er auslegt, gesagt: Denn dieser Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium ist die höchste Kunst der Christenheit, die alle kennen und beherrschen müssen. Denn wenn man dieses Stück nicht unterscheiden kann, was ist Gesetz und was ist Evangelium, dann kann man sich nicht unterscheiden zwischen Heide und Christ. Und dann hat man es wieder: Er sagt, wenn du auf das Gesetz pochst, wenn du denkst, Evangelium ist Gesetz, dann bist du Moralist. Und dann kannst du dich zusammentun mit dem Heiden, denn das ist ja das Gemeinsame. Dann haben wir es wieder: die gemeinsame Moral.
Gesetz ist das, was Gott befiehlt. Evangelium ist das, was Gott schenkt, sagt Luther. Und er geht noch weiter: Was Gott im Gesetz verlangt, ist eine Menge, das schenkt er uns im Evangelium, weil Jesus Christus für uns bereits alles erledigt hat.
Aber manchmal wechseln wir Gesetz und Evangelium, indem wir das Gesetz mit Liebe setzen. Und dann kommt dieses Gesetz, diese Gesetzlichkeit, dieser Moralismus auch noch liebenswürdig daher. Man sagt: Wir sind nicht so kleinlich, es geht doch nicht um Sex vor der Ehe, es geht doch nicht um Homosexualität, es geht doch nicht um Alkoholverbote und dergleichen. Nein, nein, nein, Gott will schlicht, dass du liebst.
Das hört man heute vor allem. Es gab eine große Konferenz in der Schweiz, jetzt gerade im Sommer: simple love. Und ich denke: simple love, einfache Liebe? Jesus fasst das Gesetz zusammen, das wisst ihr alle, in der Liebe. Und er sagt: Das ganze Gesetz kannst du in der Liebe zusammenfassen. Also ist Liebe Gesetz. Es ist ein Gesetz.
Martin Luther hatte dasselbe durchlitten. Er hat sich ja so gequält, er fühlte sich ununterbrochen schuldig. Er betete, er fastete, er hatte seinen Beichtvater fast in den Wahnsinn getrieben. Sechsmal am Tag hat er gefastet, da kamen keine Schauergeschichten mehr. Sechsmal am Tag. Und sein Beichtvater sagt: Luther, beichte nicht mehr sechsmal am Tag, liebe doch Gott einfach. Und Luther sagt: Gott lieben? Manchmal hasse ich diesen Gott.
Er hat verstanden: Ich kann Gott nicht so lieben, wie ich ihn lieben sollte. Und Calvin nennt das in seiner Institutio so: Wir sollen sie Gott lieben können. Sie wollen zwar, sie streben, sie bemühen sich, aber nichts mit der erforderlichen Vollkommenheit, denn das Gesetz fordert vollkommene Liebe. Wir schaffen das nicht. Gott fordert perfekte Liebe.
Und dann kommen wir Christen und sagen: Okay, wir nehmen das Ganze raus, mit dem Kreuz und mit diesen ganzen peinlichen Geschichten von Opfern und all das. Ach, das macht nichts. Wir behalten einen Teil: die Bergpredigt. Die Bergpredigt, das ist komisch. Die behalten allesamt, liberal wie konservativ, als wäre das leichte Kost. Dabei ist das Gesetz: Tu das, oder sonst stirbst du.
Die Moralisten sagen: Tu das, und dann wirst du glücklich, und die Welt wird glücklicher, sauberer und besser.

Schlusswort und Zusammenfassung

Ich schließe mit einem Zitat von Jake Resham Machen. Vor hundert Jahren hat einer der Mitbegründer der evangelikalen Bewegung ein Buch geschrieben: Christentum und Liberalismus. Er sagt, es gebe zwei unterschiedliche Religionen. Auf Grundlage von Luther sei entweder die liberale Theologie oder das Christentum gemeint, aber das sei nicht identisch. Das seien zwei Unterschiede. So wie Luther sagt: Gesetz und Evangelium, das sind zwei unterschiedliche Religionen. Und er hat damals die protestantische Welt mit diesem Buch dermaßen provoziert. Da ist etwas losgegangen.
Und er sagt, und ich beende jetzt sein Zitat: Dort, wo er Liberalismus sagt, sage ich jetzt Moralismus. Moralismus beginnt stets mit einem Imperativ, während das Evangelium den triumphalen Sieg des Christus proklamiert. Moralismus appelliert an den menschlichen Willen, das Evangelium hingegen verkündigt den gnädigen Akt Gottes. Moralismus betrachtet Christus als ein Vorbild und Leiter, das Christentum als Retter. Moralismus macht ihn zum Glaubensvorbild, das Christentum zum Glaubensgegenstand.
Möge Gott schenken, dass wir das Evangelium nicht mit Moralismus verwechseln, auch wenn er im Moment so attraktiv ist, sondern dass wir dazu stehen, das Evangelium in reinster Form zu verkündigen und für dieses Evangelium wirklich zu kämpfen.
Ich bete jetzt, und dann haben wir noch ein paar Minuten Zeit für Fragen oder Diskussionen oder eure eigenen Erfahrungen.
Vater im Himmel, was bin ich dankbar, dass wir das Evangelium in so reiner und klarer Form in deinem Wort haben. Wir dürfen es verstehen, und wir dürfen es verstehen, weil du uns die inneren Augen geöffnet hast. Herr, ich danke dir, dass du den Weg freigeschaffen hast durch deinen Sohn. Und Jesus Christus, du hast das Gesetz für uns erfüllt, ein für allemal. Keine einzige Forderung des Gesetzes könnte uns je verurteilen. Du hast es perfekt an unserer Stelle erfüllt. Und du hast auch die Schuld, die Strafe auf dich genommen, die uns treffen sollte, weil wir Versager sind, und sprichst uns deine Gerechtigkeit zu. Danke, das ist Evangelium. Du rettest uns Sünder. Amen.