Serie•Teil 1 / 15Nehemia - aufbauen. erneuern. beleben
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Warum das Alte Testament für die Gemeinde wichtig bleibt
Die Frage, warum wir uns überhaupt das Buch Nehemia über mehrere Wochen anschauen, kann man sich durchaus stellen. Wir haben uns im letzten Jahr ziemlich viel im Neuen Testament aufgehalten und vor allem Predigtreihen aus dem Neuen Testament gehabt. Und nun stellt sich die Frage: Warum gehen wir ins Alte Testament und verbringen so viele Wochen in einem alttestamentlichen Buch? Können wir das Alte Testament nicht hinter uns lassen?
Es ist wichtig für uns als Gemeinde, dass wir eine gute Ausgewogenheit haben. Dass wir uns die ganze Bibel anschauen, das Neue Testament ebenso wie das Alte Testament, und dass wir auch genügend Zeit für alttestamentliche Bücher geben. Im Neuen Testament heißt es, dass das Alte Testament, also die Geschichten darin, uns zum Vorbild geschrieben sind. Das bedeutet, dass wir auch aus den alttestamentlichen Geschichten und Büchern Lektionen lernen sollen, selbst wenn wir, theologisch gesprochen, in einer anderen Phase der Heilsgeschichte leben.
Die wenigsten, die hier unter uns sitzen, sind Juden aus jener Zeit, denn sie sind alle verstorben. Mit Jesus Christus hat eine neue Ära begonnen. Und auch wenn wir in einer anderen Epoche von Gottes Geschichte mit den Menschen und mit der Welt leben, ist es dennoch lohnend für uns, daraus Lektionen zu erkennen: Wer ist Gott? Wie ist er zu seinen Kindern? Wie ist er zu den Menschen? Und wie interagieren Gläubige mit ihrem Gott?
Der letzte Punkt, warum wir uns auch ins Alte Testament begeben, ist, dass Jesus selbst gesagt hat, dass das, was wir im Alten Testament lesen, auf ihn hinweist. Im Alten Testament liegt sozusagen der Schatten von Jesus Christus selbst. Wenn wir uns das Alte Testament anschauen, sehen wir Persönlichkeiten, Figuren und Ereignisse, die ihre Erfüllung in Jesus finden. Sie sind gewissermaßen Vorläufer von dem Original.
Das bedeutet für uns, dass, wenn wir uns jetzt viel mit Nehemia beschäftigen, mein Respekt gegenüber dieser Person zwar groß ist, meine endgültige Wertschätzung, mein endgültiger Respekt und meine Ehrerbietung aber nicht dem Menschen Nehemia gelten, sondern dem wahren Nehemia, dem besseren Nehemia, dem, der auch das vollendet hat, was Nehemia nicht konnte. Nehemia war nämlich nur ein Mensch.
Ein Name, der auf Trost verweist
Mit dem Namen Nehemiah bedeutet „Der Herr tröstet“. Die alttestamentlichen Juden hatten oft auch Namen, die ihren Auftrag auf irgendeine Weise beschrieben haben. Es ist spannend zu schauen: Was ist die Bedeutung deines Namens, und findest du das irgendwie in deinem Leben wieder? Bestätigt sich das biografisch? Waldemar heißt Herrscher? Ich überlasse den Rest eurer Fantasie.
Kommen wir zurück zu Nehemiah. Ich weiß auch nicht, warum ich das gesagt habe. Nehemiah heißt: Der Herr tröstet. Und das, was er repräsentiert, ist durchaus eine Bewegung Gottes, wie Gott sein Volk durch das, was Nehemiah tut, tröstet. Aber er ist nur eine Vorausschau auf das, was Jesus Christus in Perfektion tut. Denn der wahre Trost, der endgültige, vollkommene Trost, kam dann in Jesus Christus zu hundert Prozent.
Deswegen möchte ich dich bitten, wenn wir uns in das Buch Nehemiah stürzen, reflektiere gemeinsam mit mir immer wieder die Taten und die Wesenszüge von Nehemiah. Schau, worin ich hier Ansätze von dem finde, was Jesus auch getan hat, wie Jesus unterwegs war und wie er – und das ist unser heutiges Thema – aus Leidenschaft in den Riss getreten ist.
Das hat Nehemiah getan, aber Jesus hat es weitaus größer getan. Jesus ist der, der vollkommen tröstet und das zu Ende brachte, wozu kein menschlicher Nehemiah imstande war.
Die Lage in Jerusalem und die Last des Herzens
Okay, wir haben heute drei Punkte, die wir uns anschauen werden. Der erste Punkt ist Trauer über niedergerissene Mauern, der zweite Punkt: Betroffenheit allein ist nicht genug, und drittens: warum wir nicht in den Riss treten.
Wir beginnen mit den Versen 1 bis 3. Dort heißt es: Geschichte Nehemias, des Sohnes Hachaljas. Und es geschah im Monat Kislev des zwanzigsten Jahres, als ich in der Burg Susa war, da kam Hanani, einer von meinen Brüdern, er und einige Männer aus Juda. Und ich fragte sie nach den Juden, den Entkommenen, die von den Gefangenen übrig geblieben waren, und ich fragte nach Jerusalem. Und sie sagten zu mir: Die Übriggebliebenen, die von den Gefangenen dort in der Provinz übrig geblieben sind, leben in großem Unglück und in Schmach, und die Mauer von Jerusalem ist niedergerissen, und seine Tore sind mit Feuer verbrannt.
Wir werden jetzt keine Geographiestunde abhalten, wo diese ganzen Ortschaften liegen. Da möchte ich euch nicht zu sehr ins Detail führen. Das könnt ihr gerne mit euren Karten hinten in euren Bibeln genauer nachsehen. Aber eins steht fest: Nehemia ist nicht dort, woher gerade sein Bruder Hanani und seine Begleiter kommen. Denn die kommen gerade aus dem Land Israel dorthin, wo Nehemia ist. Und Nehemia ist jemand, der nicht in Israel lebt, sondern sozusagen unter persischer Herrschaft ist und in einer misslichen Lage war. Das werden wir uns gleich noch einmal anschauen. Er hat eine Verschleppung erlebt und lebt als Jude nicht mehr in Israel, sondern im Ausland und steckt dort quasi noch in so einer Art Gefangenschaft.
Quasi Gefangenschaft deswegen, weil Nehemia in einer Zeit lebt, in der es am Bröckeln ist, in der es Möglichkeiten gibt, auch wieder zurück ins Land zu gehen, ins Land Israel. Und das haben auch einige in Anspruch genommen. Aber Nehemia befindet sich noch nicht dort. Das ist vielleicht zu vergleichen, ich bediene diese Geschichten immer wieder so von uns Russlanddeutschen: Wir wollten auch zurück, aber wir konnten nicht. Und dann sind einige schon losgezogen, als es dann politisch, ich sage mal, lockerer wurde. Aber einige sind noch zurückgeblieben, einige bis heute. Aber die meisten sind, denke ich, wieder endlich zu Hause.
Genau, und Nehemia hat eine sehr, sehr feine Stellung. Das sehen wir am Ende des ersten Kapitels. Da sagt er ja, dass er der Mundschenk des Königs war, also dass er derjenige war, der vorgekostet hat. Er hatte also eine sehr, sehr vertrauensvolle Stellung am Königshof. Und das war schon etwas. Das war schon etwas, als Jude eigentlich dem feindlichen König da am Königshof zu dienen. Und es war nämlich so: Wenn jemand dem König etwas anhaben wollte, wenn er ihn irgendwie umbringen wollte, dann hat man oft das Essen oder das Trinken vergiftet. Dann hatte man halt einen Mundschenk. Dem hatte man gesagt: Okay, du isst zuerst und trinkst zuerst, und dann ich. Also es ist auch eine heikle Geschichte, aber auch eine, die mit sehr viel Vertrauen bespickt ist.
Und Nehemia hat eine gute Position am Königshof. Das ist schon etwas Gehobenes. Und was ich spannend finde in diesen Versen ist, dass Nehemia, obwohl es ihm gut geht, obwohl er das beste Essen isst und das beste Trinken trinkt, was es im Land gibt, nicht selbstgenügsam und satt in sich selbst ist. Sondern in den ersten drei Versen merken wir, dass Nehemia jemand ist, der an andere denkt, der andere im Blick hat und für den das Interesse am Wohlergehen der anderen wichtig ist und an erster Stelle steht. Besonders beschäftigt Nehemia die Sache Gottes. Wie geht es den Kindern Gottes? Wie geht es dem Volk Gottes? Wie geht es der Stadt Gottes, wo Gott doch einen Plan hat? Das ist das, was Nehemia antreibt.
Er geht sozusagen innerlich in dem Gespräch aus seiner Komfortzone heraus und interessiert sich wirklich dafür: Wie geht es dort ab? Wie geht es meinen Leuten, die ich gar nicht kenne, mit denen ich gar keine Beziehung habe? Aber erzähl mal, wie geht es denen dort? Was erleben sie dort?
Jerusalem als Ort der Gegenwart Gottes
Und wie eben gerade schon leicht angeschnitten: Israel ist der Bestimmungsort für die Juden. Und im Alten Testament müssen wir das verstehen, um das ganze Buch zu begreifen. Im Alten Testament war die Stadt Jerusalem, und der Tempel darin war im Prinzip der zentrale Ort der Anbetung. Dort hat Gott, wie er es selbst formuliert, Wohnung genommen. Das ist natürlich eine menschliche Redeweise, mit der er uns im Prinzip erklären will: Dort wollte er seine Gegenwart erfahrbar machen und hat sich Jerusalem ausgesucht, diese Stadt, und den Tempel.
Deswegen hatten Jerusalem und der Tempel für die Juden in damaliger Zeit eine extrem hohe Bedeutung. Und diese Bedeutung wird auf vielen Seiten des Alten Testaments deutlich. Schauen wir uns zum Beispiel einen Psalm an, in dem David über Jerusalem spricht. David schreibt hier ein Psalmlied, Psalm 122,1-4:
Und ich freute mich, als sie zu mir sagten: Wir gehen zum Haus des Herrn.
Unsere Füße standen dann in deinen Toren, Jerusalem.
Jerusalem, die du aufgebaut bist als eine fest in sich geschlossene Stadt,
wohin die Stämme hinaufziehen, die Stämme Dschars.
Das ist wirklich ein Spitzname für Jahwe. Interessant, dass es im Hebräischen für Gott einen Spitznamen gibt: Dschar, also für die Stämme Gottes, ein Mahnzeichen für Israel, um den Namen des Herrn zu preisen. Jerusalem wurde als ein sehr, sehr hoher Wert angesehen. Dass Jerusalem steht und fest umschlossen ist und nicht von den Feinden umgehauen wird, sondern ein sicherer Ort ist, wo man Gott nahen kann und wo Gott sich zeigt, das war von großer Bedeutung.
Deswegen kennen wir vielleicht auch dieses Wort: Herr, in deinen Vorhöfen einen Tag zu sein, ist besser als tausend sonstwo. In Jerusalem zu sein, im Tempel zu sein, das war das Höchste für einen Juden. Das war sein Bestimmungsort. Und die Zerstörung eben dieser Stadt und des Tempels war genau das Gegenteil: die absolute Katastrophe, die absolute Schande überhaupt.
Das ist mehr als nur irgendein Statussymbol. Ihr könnt euch vielleicht noch an 9/11 erinnern, an die World Trade Center, die katastrophal in Schutt und Asche lagen. Die ganze westliche Welt hat mitgefiebert, weil da irgendwie eine Symbolik, eine Symbolik für dieses Land, für den Westen, in Schutt und Asche lag. Und das war schrecklich. Aber für die Juden ist das noch nicht einmal ansatzweise zu vergleichen. Denn so wichtig das World Trade Center für den Westen oder für Amerika war, das kannst du nicht vergleichen mit dem Ort, wo Gott gesagt hat: Hier will ich sein, hier sollt ihr zu mir kommen und in Gemeinschaft mit mir leben.
In Psalm 79 wird das noch einmal sehr pointiert gesagt, in Vers 1 und 9, wo der Psalmist Asaf Folgendes sagt:
Gott, Nationen sind in dein Erbteil gekommen, haben deinen heiligen Tempel verunreinigt, haben Jerusalem zum Trümmerhaufen gemacht.
Und in dieser Situation befindet sich quasi Jerusalem in der Zeit von Nehemia. Vers 9:
Hilf uns, Gott unseres Heils, um der Ehre deines Namens willen. Rette uns und vergib unsere Sünden um deines Namens willen.
Die menschlichen Katastrophen, und ich nehme jetzt mein 9/11 als Beispiel, sind eine Katastrophe, die vorrangig auf menschlicher Ebene stattfindet. Die Ehre unseres Landes und die Ehre von uns Menschen, unseres Volkes, wurde angekratzt. Aber in Jerusalem, da sagt Asaf: Es geht hier nicht nur um unsere Ehre als Volk, das auch, aber es geht hier vor allem um deine Ehre. Denn du hast einen Entschluss gefasst, und wir sehen, dass das nicht mehr lebt, dass das nicht mehr Wahrheit ist. Also handle!
Es war also ein Riesenproblem, dass Jerusalem in Schutt und Asche war und dass die Mauern niedergerissen waren. Und Nehemia verweist in seinem Gebet darauf. Wenn du das Alte Testament kennst, dann merkst du: Okay, er zitiert hier förmlich Passagen aus dem Alten Testament und erinnert in seinem Gebet an einen Deal, den Gott mit Israel geschlossen hat. Und diesen Deal finden wir in 5. Mose 28. Verzeihung, dass wir heute an einem Sonntagmorgen so gleich richtig tief gehen, aber das ist nötig, um die Schätze zu heben.
5. Mose 28: Die Juden sind in das Land hineingegangen. Sie wurden ja aus der Sklaverei herausgeführt, sind durch die Wüste gegangen und standen dann vor dem Land, das sie einnehmen sollten. Dort gibt es einen Deal, den Gott mit ihnen macht. Und da sehen wir in den Versen 1 und 2, 5. Mose 28:
Und es wird geschehen, wenn du der Stimme des Herrn, deines Gottes, genau gehorchst, dass du darauf achtest, all seine Gebote zu tun, die ich dir heute befehle, dann wird der Herr, dein Gott, dich als höchste über alle Nationen der Erde stellen, und alle diese Segnungen werden über dich kommen und werden dich erreichen, wenn du der Stimme des Herrn, deines Gottes, gehorchst.
Und dann kommt eine ganze Latte an Segnungen, Verheißungen: Wenn ihr in mir bleibt und mit mir verbunden bleibt, dann werdet ihr gesegnet sein. Und dann lesen wir weiter in Vers 15:
Es wird aber geschehen, wenn du der Stimme des Herrn, deines Gottes, nicht gehorchst, sodass du nicht darauf achtest, all seine Gebote und seine Ordnung zu tun, die ich dir heute gebiete, dann werden all diese Flüche über dich kommen und dich erreichen.
Also: Segen und Fluch. Du entscheidest, auf welcher Ebene wir einander begegnen. Wir lesen weiter in Vers 49:
Der Herr wird von ferne, und jetzt ist ein Beispiel, was dieser Fluch beinhaltet, wenn Israel sich von Gott abwendet, der Herr wird von ferne vom Ende der Erde her eine Nation über dich bringen. Wie der Adler fliegt, so kommt sie, eine Nation, deren Sprache du nicht verstehst.
Vers 52:
Und sie wird dich belagern in all deinen Toren, bis auf deine hohen und festen Mauern, auf die du vertraust, in deinem ganzen Land gefallen sind, und sie wird dich belagern in all deinen Toren, in deinem ganzen Land, das der Herr, dein Gott, dir gegeben hat.
Mir erinnert sich an diesen Deal: Den haben wir miteinander geschlossen. Und das, was hier passiert, dass Jerusalem in Schutt und Asche liegt und die Stadtmauern nicht aufgerichtet sind, das ist ein Resultat unseres Ungehorsams, dass wir dir nicht vertraut haben und dir nicht gefolgt sind. Und ja, es ist alles so wie befürchtet auch eingetroffen.
Wenn du das Alte Testament liest, dann geht es quasi die ganze Zeit nach Mose um diese Geschichten. Um diese Geschichten, dass ein Verfall stattfindet, ein geistlicher Verfall im Volk der Israeliten, dass sie ihren Gott vergessen und Gott dann tatsächlich das wahrmacht, was er angedroht hat, und sie die Konsequenzen schmecken mussten.
Doch wie durch ein Wunder, und das lesen wir besonders in dem Buch Esra und Nehemia, das eigentlich ein Werk gewesen ist, heute haben wir daraus zwei Bücher, früher war das ein Werk, wie durch ein Wunder wurde den Juden auf einmal erlaubt, wieder zurückzukehren in ihr Land. Was eigentlich völlig irre war, womit niemand gerechnet hätte, konnten sie auf einmal tatsächlich in Scharen wieder zurück aus der Deportation, aus der Verschleppung, wieder zurückgehen in ihr Land, zu ihrem Bestimmungsort. Denn Gott bleibt treu. Gott hat einen Plan, und den kann niemand zunichte machen. Und sie dürfen zurückkehren und dürfen mit den Aufbauarbeiten wieder beginnen.
Aber dieser Wiederaufbau der Stadt Jerusalem geriet ins Stocken, weil es feindliche Mächte außen herum gab, denen das gar nicht gefallen hat, dass Israel wieder stark wird. Denn sie wussten: Wenn Israel erst einmal wieder zu seiner Stärke zurückkehrt, denn sie hatten noch in Erinnerung, von Geschichtserzählungen, welche Macht Israel einst hatte, dass so ein kleines, Verzeihung, Popelvolk auf einmal da einmarschierte und mit einer Macht, wie man sie sich nicht beschreiben konnte. Deswegen waren feindliche Mächte überhaupt nicht daran interessiert, dass Israel wieder zu dieser Stärke zurückkehrte.
Und die Stadtmauern blieben, obwohl einige zurückgekehrt sind und wieder aufbauen durften, niedergerissen. Und das ist die Situation in den Versen 1 bis 3, dass die Leute da sozusagen eine Besichtigung gemacht haben in Jerusalem, haben sich das alles angeschaut und kommen zurück. Nehemia sieht diese Leute, seinen Bruder Hanani. Man weiß jetzt nicht genau: leiblicher Bruder oder nur so Glaubensbruder. Ich vermute, dass es sein Bruder war, aber das ist jetzt nicht so relevant. Und er sieht sie kommen und interessiert sich: Wie sieht es dort aus? Geht es dort voran? Oder ist es immer noch das gleiche Problem?
Denn eine Stadt ohne Mauern, und ich weiß, das ist natürlich heutzutage in unserem politischen Diskurs ein ganz, ganz, ganz schwieriges Thema: Mauern bauen. Aber damals, meine Lieben, war eine Stadt ohne Mauern keine Stadt. Ich möchte nicht sagen, dass wir jetzt hier eine Mauer um unsere Gemeinde bauen sollen oder um Emmendingen, das ist nicht der Punkt. Aber damals hatte eine Stadt ohne Mauern keinerlei Hoffnung. Sie hatte keinerlei Hoffnung. Sie war über kurz oder lang dem Untergang geweiht. Und das wurde förmlich sprichwörtlich in Israel gelesen.
In Sprüche 25,28 lest mal mit mir, unser Bimmermann ist schneller als ich beim Aufschlagen:
Eine aufgebrochene Stadt ohne Mauer, so ist ein Mann ohne Selbstbeherrschung.
Noch einmal, liebe Männer: Eine aufgebrochene Stadt ohne Mauern, so ist ein Mann ohne Selbstbeherrschung.
Was ist Selbstbeherrschung? Selbstbeherrschung ist, dass, wenn ein negativer Einfluss auf mich zukommt, auf mich niederprasselt, ich in der Lage bin zu sagen: Nein, halt, stopp, das will ich nicht, das ist nicht gut, und ich beherrsche mich und falle nicht sofort in jede Versuchung. Feindliches kann mich nicht sofort treffen. Aber ein Mann ohne Selbstbeherrschung ist wie eine Fahne im Wind. Er erlebt eine Krise und ist sofort erschüttert. Er erlebt Anfeindung und ist sofort fertig.
Und eine Stadt wurde sprichwörtlich damit verglichen wie ein Mann, der keine Selbstbeherrschung hat. Und die Selbstbeherrschung für eine Stadt, die in der Lage ist, Feindliches abzuwehren und zu wissen, wer bin ich, was ist mein Auftrag, hat im Prinzip diese Mauer um eine Stadt symbolisiert.
Trauer, die nicht bei sich selbst stehen bleibt
So, wir gehen zurück zu Nehemiah. Seid ihr noch da? Niemand winkt.
Nehemiah, Kapitel 1, Vers 4, es geht weiter:
Und es geschah, als ich diese Worte hörte, setzte ich mich hin, weinte und trauerte tagelang.
Eben gerade haben wir noch die Beschreibung von Israel gehört, wie es da heißt, dass Jerusalem in Unglück ist, in Schmach, in Zerbruch und in Brand. Und im nächsten Vers beschreibt Nehemiah, und das ist so das Spannende an diesem Buch, dass es auch ein Selbstbericht von ihm ist, ein biografischer Bericht von Nehemiah, wie dann beschrieben wird: Die Stadt ist im Unglück, in Schmach und niedergerissen, und ich setze mich da nieder, ich weine und ich trauere.
Und das finde ich so krass. Es ist so, als wenn Nehemiah den Zustand des Volkes Gottes in seiner Person reflektiert, dass das, was wahr ist an Jerusalem, das niedergerissen ist, auch seinen Geist niederreißt. Und er sich mit Gottes Sache auf eine Art und Weise verbindet und über zerbrochene Mauern trauert, finde ich phänomenal.
Und ich habe mich so gefragt: Wenn er das so sagt, ich setzte mich hin, weinte und trauerte tagelang, was hat dich das letzte Mal tagelang aufgewühlt? Was tangiert dich, was beschäftigt dich Tag und Nacht? Du sagst: Das treibt mich um, Tag und Nacht, tagelang. Wir werden nächste Woche hören, dass es nicht nur Tage waren, sondern fünf Monate. Was ist es? Was ist es?
Für Nehemiah ist es die Sache Gottes und die Anbetung Gottes. Das liegt ihm auf dem Herzen. Und jetzt müssen wir natürlich den Folgenden, wir sind nicht in dieser Situation, wir leben nicht in dieser Zeit. Wir pilgern nicht nach Jerusalem, und niemand hat die Erwartung von uns: Ich muss irgendwie, um Gott zu begegnen, in einen Tempel nach Jerusalem gehen.
Und das liegt daran, dass sich mit dem Kommen Jesu die Verortung der Anbetung radikal verändert hat. Radikal. Das kennt ihr aus der Geschichte von Johannes 4 zum Beispiel: Wo sollen wir anbeten, auf welchem Berg oder in welcher Stadt? Und Jesus sagt: Nein, nein, nein. Es wird eine Zeit kommen, wo ihr nicht mehr an einem zentralen Ort Gott begegnet.
Die Anbetung Gottes hat sich, seitdem Jesus gekommen ist, so verändert, dass Gott dort angebetet wird, wo die Kinder Gottes zusammenkommen. In der Gemeinde findet die Anbetung Gottes statt, und das ist dezentral, an allen möglichen Orten. Und ich hoffe, auch heute hier. Wo Kinder Gottes zusammenkommen, dort findet heute Anbetung statt.
Und das macht 1. Petrus 2,5 sehr deutlich, in dem Petrus sagt: Lasst euch auch selbst als lebendige Steine aufbauen als ein geistliches Haus. Und er verknüpft das hier mit dem Tempel. Leute, wir brauchen keinen zentralen Ort mehr. Jesus hat sozusagen uns eine neue Idee weitergegeben, wie es von nun an funktionieren soll. Und jetzt sind wir auf einmal diejenigen, die den Tempel formieren. Ich sehe noch gerade nicht so viel Begeisterung in diesem Raum darüber, aber gut.
Ich habe euch mal ein Zitat mitgebracht, um das noch einmal zu verdeutlichen. Bobby Jameson sagt: Wegen des neuen Bundes, den Christus eingeleitet hat, hat die gemeinsame Anbetung eine ganz andere Struktur als die gemeinsame Anbetung unter dem Alten Bund. Statt sich am Tempel in Jerusalem zu versammeln, treffen sich die Gläubigen in Ortsgemeinden an unterschiedlichen Orten, an denen sie leben. Gottes Gegenwart ist nicht länger auf das Allerheiligste beschränkt, also einen Bereich innerhalb des Tempels, und wird nicht länger von Priestern beschützt, sondern Gott lebt nun durch den Geist in jedem einzelnen Christen, und Christus ist gegenwärtig, wo auch immer sich sein Volk versammelt.
Meine Lieben, das ist phänomenal. Das ist phänomenal. Wenn unser Herz sich auf diese Wahrheit einlässt, dann gehst du in die Gemeinde ganz anders. Wir sind lebendige Steine, Gott lebt in uns, und wenn wir uns miteinander sammeln und treffen, dann manifestiert sich Gottes Herrlichkeit, und sie ist zugänglich für uns. Sie ist nicht weit weg, sondern sie ist hier.
Aber leben wir in dieser Erwartungshaltung? Erkennen wir, dass das der Ort der Anbetung Gottes ist? Und deswegen hat auch Nehemiah für uns heute etwas zu sagen, auch wenn wir in einer anderen Zeit leben, und zwar Folgendes:
Kümmert dich der Zustand der Gemeinde?
Nehemiah hat damals der Zustand von Jerusalem gekümmert, zu Recht. Aber heute ist nicht unsere erste Frage: Wie sieht die Mauer in Jerusalem aus? Das ganze Thema Israel können wir zu einem anderen Zeitpunkt mal behandeln, auch da gibt es vieles zu sagen. Aber zuallererst im Neuen Testament ist der Fokus: Wie sieht der Zustand der Gemeinde aus? Wie sieht das Reich Gottes aus, was Gott hier mit uns baut? Wie sehen die Steine aus? Und wir haben gehört, wer die Steine sind. Wir sind die Steine.
Und ich frage dich heute: Wenn dir der Nehemiah zu weit weg ist und so schwierig, warum macht er immer ... Wie sehr macht dich der Zustand der Kirche, wie sehr macht dich der Zustand der Gemeinde in Emmendingen, in Deutschland und weltweit, wie sehr macht er dich, wie sehr übermannt dich das, wie sehr macht dich das betroffen? Ist dein Herz ergriffen von dem Zustand, in dem wir gerade leben? Ist das überhaupt etwas, was du registrierst?
Mein lieber Nehemiah war jemand, als er Menschen gesehen hat, seinen Bruder, wo er wusste, er hat gerade meine Glaubensbrüder, meine Glaubensschwestern in einem fernen Land gesehen, war sein Interesse: Wie sieht es dort aus? Und wenn du von einem anderen Land hörst oder wenn wir von einem anderen Land hören, interessiert uns zuerst das Klima, ob es sich irgendwie lohnt, im nächsten Sommer dort Urlaub zu machen, und wir uns dann die ganzen Bücher aus den Reisebüros holen und schauen: Ist der Strand auch wirklich Sand oder Kies? Ich mag nicht so Kiesstrände, ich mag lieber schönen, feinen Sand, deswegen achte ich auf sowas.
Aber für Nehemiah war die erste Frage: Und du kommst du aus Mallorca, wie geht es der Gemeinde, wie geht es den Gläubigen dort, wie geht es der Sache Gottes auf Mallorca?
Meine Lieben, die Trauer um zerstörte Mauern, die gilt auch heute noch. Denn die Mauern der Gemeinde in Europa, in Deutschland, die bröckeln massiv, meine Lieben. Wir haben kein festes Bollwerk. Das christliche Erbe im Abendland, im christlichen Abendland, schwindet dahin.
Als ich ins Studium gegangen bin, ins Theologiestudium, als junger, agiler und flexibler Kerl, habe ich so gedacht: Ich weiß, was den Gemeinden fehlt. Ich hatte ein paar intensive Gotteserfahrungen, und ich dachte einfach so: Das, was ich so erlebt habe, wenn das alle erleben, dann ... Daran leidet die Gemeinde, dass sie halt gewisse Dinge nicht erlebt, die ich erlebt habe. So weit, so gut.
Dann war ich im Studium, und dann habe ich gemerkt: Das, was ich erlebt habe und was andere erleben sollten, das sind Luxusprobleme. Das ist nicht die erste Frage. Dann habe ich gesehen, woran unser Land leidet: Dass Theologen und Lehrer, Bibellehrer, dem Wort Gottes keine Autorität mehr schenken. Und wenn ich hier irgendwelche Erfahrungen aus der Bibel mache, dann ... Wenn das Wort für dich nicht mehr gilt, dann brauchen wir nicht über die paar Seiten da reden, von denen ich dir erzählen wollte, sondern Gottes Wort als Ganzes wird nicht mehr als Gottes Wort anerkannt und mit Autorität begegnet.
Und daran, meine Lieben, erkranken die Mauern der Gemeinde in Deutschland. Und es ist nicht nur so, dass das irgendwo weit weg ist, auf irgendwelchen Uni-Plätzen. Ich werde jetzt mal ein bisschen ortsnaher. Und es ist: Du musst nicht weit gehen, um auch in Emmendingen in Gottesdiensten zu sitzen und zu hören, wie die Leiter von vorne das größte und wichtigste Gebet, das uns Jesus gegeben hat, einfach pervertiert wird und die Gemeinde dazu aufgerufen wird, zu beten: Muttergottes im Himmel.
Ihr wisst das Vaterunser: Vater unser, geheiligt werde dein Name. Und du musst hier in unserem Landkreis nicht weit gehen, dass du Leiter siehst, Verantwortungsträger, Pfarrer, die von vorne so etwas ihrer Gemeinde aufdrücken und sagen: Jetzt beten wir mal Muttergottes im Himmel. Meine Lieben, das ist eine zerbrochene Mauer.
Und wenn wir sagen: Ha, ja, meine Güte, Waldemar, glaubst du, dass der Vater im Himmel ein Geschlecht hat? Das ist doch gar nicht das Thema, ob ich glaube, ob der himmlische Vater im Himmel, ob er so ein Mann ist wie ich, also geschlechtlich, das ist doch gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass Jesus Christus gekommen ist und uns Gott vorgestellt hat, und Jesus Christus Gott bekannt gemacht hat. Wer bin ich, dass ich der Selbstoffenbarung Gottes etwas hinzufüge oder es verdrehe und verändere?
Wer mir kommt und sagt: Ja, du bist so naiv, so glaubst du, dass Gott ein Geschlecht hat? Du schneidest, glaube ich, nicht, worum es geht. So eine naive Diskussion führe ich nicht mit dir. Gott ist Geist, Gott ist nicht Mann, so wie ich. Das ist nicht der Punkt. Und es ist auch nicht so, nur weil ich ein Kerl bin, möchte ich, dass Gott unbedingt als Vater angeredet wird. Ich möchte, dass Gott als Vater angesprochen wird und angebetet wird, weil Jesus uns so weitergegeben hat. Und wenn Jesus uns etwas weitergegeben hat, dann uns zum Segen, damit es gut für uns ist.
Und wenn ich eine Schwierigkeit damit habe, dann gehe ich in die Seelsorge Gottes und bitte ihn, dass er mein Herz auf seine Spur bringt. Und nicht, wenn ich ein Problem mit diesem Gott habe, mit seiner Selbstoffenbarung, dann drehe ich sie einfach um.
Meine Lieben, das sind zerbrochene Mauern in unserer Stadt, wovon ich spreche. Nur die Frage ist: Wenn du das hörst, was macht es mit dir?
Betroffenheit, die ins Gebet führt
Nehemiah ist nicht zur Tagesordnung übergegangen. Nehemiahs Herz hat getrauert, als er das gehört hat.
Ich saß in einer Gemeinde, ich habe es vielleicht schon mal erzählt, wie auf einmal von der Kanzel, von der Kanzel predigt der Prediger, dass er die Gemeinde vor der Vorstellung warnt, dass Jesus Christus am Kreuz für unsere Sünden sterben musste und den Zorn Gottes abgewendet hat. Ich warne euch vor so einer Vorstellung, dass Jesus Christus aufgrund unserer Sünde sie auf sich nahm und den Zorn Gottes quasi absorbiert hat und von euch abgewendet hat. Wovor er gewarnt hat, war das hier komplett.
Und ich saß dort im Gottesdienst, habe gewartet, ich war zu Gast. Wo steht jemand auf? Und alle haben am Ende nur genickt und Amen gesagt.
Meine Lieben, das sind zerbrochene Mauern. Ich möchte nicht alles schlechtreden, aber es gibt diese zerbrochenen Mauern. Und da ist ein Riss drin.
Was macht das mit uns? Was macht das mit uns? Kommt, wir gehen weiter in Vers 4. Denn, und das ist der zweite Punkt: Nehemia war betroffen, aber Betroffenheit allein reicht nicht. Es geht nämlich weiter: Und ich fastete und betete vor dem Gott des Himmels.
Ich finde, das eine ist, betroffen zu sein. Aber dann auch aus dieser Betroffenheit, aus diesem Aufgebrachtsein, zu wechseln und dann auch leidenschaftlich ins Gebet zu gehen, das ist ein Sprung, den viele nicht schaffen. Man kann sich abends treffen und über den Zustand jammern und wirklich sagen, das ist beklagenswert, und das finde ich ganz, ganz schlimm. Aber wie viel davon mündet dann im Gebet? Wie viel mündet dann wirklich vor Gott: Herr, hilf. Herr, verändere du etwas. Und wenn es sein muss, gebrauche mich dazu.
Ihr guckt gerade wie Autos. Ich erlebe es oft. Ich erlebe es oft, dass wenn ich mit Christen zusammen bin, dass man über alle möglichen Themen spricht und dann so: Wir sind in Übereinstimmung darin, dass das alles ganz, ganz schlimm ist und dass wirklich Gott eingreifen muss. Das muss wirklich geändert werden. Wir sehen uns morgen.
Und ich denke so: Das ist doch nur die halbe Packung, das Wesentliche fehlt doch.
Und ich glaube, dass in diesem Raum, von dem, was ich gerade erzählt habe, zumindest ist das meine Hoffnung, viele betroffen waren von dem, was ich gesagt habe. Wenn nicht, können wir vielleicht ein andermal noch mal drüber sprechen. Ich glaube schon, dass einige dachten: Boah, krass. Und? Und was macht das jetzt mit uns? Sind wir betroffen und ziehen unseres Weges?
Nehemiah nicht. Nehemiah ist nicht nur betroffen, er handelt. Ist übrigens wieder ein Vorschatten auf Jesus. Ich hatte es in meiner ersten Predigt in diesem Jahr, dass Jesus sich selber auch nicht genug war, betroffen war über den Zustand der Menschheit, sondern er hat gehandelt. Er ist weitergegangen, er ist in Aktion getreten.
Was mir an Nehemiah gefällt, und das werdet ihr in den nächsten Kapiteln auch sehen: Nehemiah ist ein totaler Machertyp, das ist ein Stratege. Der packt an, und das ist keiner, der auf der Zuschauertribüne sitzt. Frag dich, auf welcher Tribüne du sitzt oder ob du mitten im Game bist, mitten im Spiel. Nehemiah sitzt nicht nur auf der Zuschauertribüne, er will anpacken, er will da mitten rein, weil er Teil der Veränderung sein will.
Aber er beginnt nicht mit Aktionismus, sondern er beginnt mit Gebet. Wir haben in Nehemiah einen Mann der Tat und auch einen Mann des Gebets. Wenn du das Gebet rausnimmst, dann wird aus deinen Taten etwas anderes. Du machst zwar was, aber vielleicht wirst du mehr kaputt machen, als du dir vorstellen kannst. Denn die Sache Gottes kannst du nicht einfach aus Aktionismus tun. Du brauchst Gott dazu, denn Gott ist es, der sein Haus baut. Und wenn Gott, ihr kennt dieses Wort bestimmt, und wenn Gott sein Haus nicht baut, dann arbeiten die Arbeiter vergebens oder umsonst.
Deswegen ist es kein Zufall, dass wir in diesem sehr, sehr praktischen Buch, wo es so wirklich viel um ganz konkrete Dinge geht, immer wieder gestreut Gebete von Nehemiah sehen, manchmal Einzeiler. Neun Gebete finden wir von Nehemiah in diesem Buch, was nicht wenig ist. Und Nehemiah hat sich gebrauchen lassen.
Lass uns mal Hesekiel 22,30 lesen. Ein sehr, sehr wichtiges Wort in Bezug auch auf Nehemiah. Hesekiel war ein Prophet, könnt ihr noch? Hesekiel war ein, da war eine Hand. Hesekiel war ein Prophet vor Nehemiah. Nicht so lange vor Nehemiah und hat auch schon die ganze Zerstörung miterlebt und hat die Leute gewarnt und hat gesagt: Hey Leute, kehrt um, kehrt um. Und hat Folgendes gesagt:
Und ich suchte einen Mann unter ihnen, der die Mauer zumauern und vor mir für das Land in den Riss treten könnte, damit ich es nicht verheeren müsste; aber ich fand keinen.
Ich bin auf der Suche nach jemandem, der in diesen Riss tritt, der die Mauern zumauert, und da ist niemand gewesen. Alle waren betroffen von diesen Juden, alle haben gejammert und gejohlt, was da passiert ist, aber niemand hat sich gefunden, der so wie Nehemiah gesagt hat: So, und jetzt machen wir ganze Sache mit unserem Gott.
Nehemiah war ja nicht besser davor. Das sehen wir später noch im Text, wenn wir genug Zeit haben. Und die Frage ist: Als ich das gelesen habe, Nehemiah ist ja kein Augenzeuge gewesen. Das haben ja andere ihm gesagt, Hanani und seine Begleiter. Und ich frage mich: Der Nehemiah hört das und geht sofort ins Gebet. Da frage ich: Wo ist sein Bruder? Wo sind die Begleiter? Die waren doch live dabei, die müssten doch aus dieser krassen Betroffenheit, da muss doch jetzt was geschehen, und es ist nichts passiert.
Wir hören auf einmal nur von diesem einen Mann, der in diesen Riss tritt, nur dieser Nehemiah allein. Er wird später nicht alleine bleiben, aber wo sind die Männer, die da gerade gekommen sind? Im Gebet? Wir sehen sie nicht. Und das ist vielleicht Mutmaßung, weil es uns halt nicht berichtet ist, aber so wie die Erzählung funktioniert, so wie es uns geschrieben ist, scheint es mir so: Manche Kämpfe von Gläubigen werden alleine gekämpft und mussten dann auch alleine gekämpft werden.
Das ist nicht gut. Es ist nicht gut, wenn wir unsere geistigen Kämpfe alleine kämpfen müssen. Aber das Alte Testament ist voll davon, von Leuten, die alleine gekämpft haben, alleine kämpfen im Sinne von Eintreten für die Menschen und Eintreten vor Gott, um Vergebung bitten und um Erneuerung bitten. Elija, Daniel und wie sie nicht alle heißen, wir könnten die Reihe fortsetzen.
Und zu guter Letzt: Wer war am Ende ganz allein? Unser Herr Jesus selber, wie Jesus ein Einzelkämpfer auf einmal wurde. Aber wisst ihr, was ich grandios finde? Wenn du die Bibel liest, wirst du sehen, dass Jesus, ich formuliere es zugespitzt, der letzte Einzelkämpfer in der Heilsgeschichte war. Nachdem Jesus wirklich den Kampf alleine gekämpft hat und unsere Sünde auf sich genommen hat und den Zorn Gottes abgewendet hat und uns neue Herzen durch den Heiligen Geist gegeben hat, sehen wir eine neue Bewegung im Neuen Testament, dass es nicht mehr Einzelkämpfer sind, sondern dass Menschen, viele zusammenkommen und zusammenstehen.
Und das ist das, was wir in Apostelgeschichte 4,32 sehen. Ist das der nächste Vers auf der Folie? Es heißt, dass sie gebetet haben miteinander als Gemeinde, und dann heißt es: Die Menge derer aber, die gläubig wurden, war ein Herz und eine Seele.
Und das ist ein richtiger Switch in der Heilsgeschichte, dass im Alten Testament waren es immer nur Einzelfiguren, Einzelfiguren, so dass ein Mose gesagt hat: Ich wünschte mir, dass viele aufstehen würden als Propheten, so wie ich es bin. Das war sein sehnlichster Wunsch, dass Menschen auch ergriffen werden von Gott. Und wir sehen, dass im Neuen Testament auf einmal eine neue Bewegung entsteht und wirklich Menschen zusammenkommen. Und das Einzelkämpfertum hat ein für allemal ein Ende.
Und wenn das hier einkehrt in unserer Gemeinde, dann haben wir ein Problem, denn das kann es nicht sein, denn alles ist möglich, jetzt ist alles möglich. Den Einzelkampf, den hat Jesus allein für uns gemacht. Da müssen wir nicht wieder zurück.
Hesekiel fragte: Wer tritt in den Riss? Und Nehemiah tut es. Nehemiah tut das, was getan werden muss, und was ich noch besser finde: Er tut nicht nur das, was getan werden muss, er tut das, was auch nicht geschafft werden kann.
Noch einmal: Nehemiah tut nicht nur die Dinge, die er tun muss, wo er eine Verpflichtung sieht, sondern Nehemiah sucht sich ein Projekt aus, was menschlich unmöglich ist, was nicht geschafft werden kann. Denn Nehemiah konnte nicht damit rechnen, dass der König auch nur eine Sekunde ihm Gehör schenken wird. Es gibt für den König keinen Grund, denn die Müdigkeit setzt gerade ein. Können wir mal kurz ein Fenster öffnen? Also nicht bei mir, ich raub euch die Luft zum Atmen.
Warum konnte Nehemiah davon ausgehen, dass der amtierende König, wie heißt der, Artaxerxes, also wenn du auf der Suche nach einem neuen Kindernamen bist, Artaxerxes, tu es nicht, das ist schlimmer als Waldemar, Nehemiah hatte keine Hoffnung, menschlich gesehen, dass hier etwas passiert. Warum? Der Mauerbau von Jerusalem wurde nämlich einige Zeit vorher schon ganz konkret vorangetrieben, vor Nehemiah. Wir haben es so abgespeichert, Nehemiah ist sozusagen der Erste, der die Mauern aufbaut. Aber im Buch Esra, kurze Zeit davor, lesen wir, dass es eine Phase gab, wo die Juden angefangen haben, die Mauern aufzubauen, und dieser König Artaxerxes, von dem Nehemiah den Mund schenkt, hat selber angeordnet und befohlen, dass dieser Mauerbau auf gar keinen Fall weitergeführt werden soll. Denn die feindlichen Mächte um Israel haben ihm das erzählt, per Brief und so: Hey, wir kriegen ein richtiges Problem, wenn das weitergeht.
Und dann lesen wir in Esra 4,6, ist das schon die ganze Zeit da hinten? Nun, das ist das, was Artaxerxes sagt: Nun gebt Befehl, diesen Männern Einhalt zu gebieten beim Mauerbau. Diese Stadt soll nicht wieder aufgebaut werden, bis von mir Befehl gegeben wird.
Also ist erst mal nichts da. Und das ist der Zustand, das ist der politische Zustand gerade in dieser Zeit. Und Nehemiah hört das, und er will nicht nur das machen, was er tun muss, sondern das, was nicht geschafft werden kann. Und er tritt in diesen Riss leidenschaftlich und fängt an, für Jerusalem und sein Volk zu beten.
Der Ruf, in den Riss zu treten
Wir werden uns nächste Woche anschauen, wie Nehemiah gebetet hat. Dann werden wir auch miteinander darüber reflektieren, was uns hindert, in denselben Riss zu treten.
Denn was Nehemiah hier über Gott sagt, was er über Gott glaubt, verändert seine Art und Weise, Dinge anzugehen. Aber wir werden es jetzt dabei belassen.
Und ich möchte zum Abschluss mit euch ins Gebet gehen und diesen Gedanken mit aufnehmen, weil ich glaube, dass er heute sehr zentral und sehr wichtig ist: Kümmert dich der Zustand des Volkes Gottes? Kümmert dich der Zustand der Kinder Gottes? Hast du eine Sensibilität dafür, wie es um das Mauerwerk bestellt ist? Und dort, wo du eingerissene Mauern siehst, dort, wo Steine am Boden liegen und nicht an ihren Bestimmungsort gekommen sind, macht das etwas mit dir?
Und ich habe jetzt natürlich, und das ist immer viel einfacher, die eingerissenen Mauern außerhalb dieser Gemeinde erwähnt. Das ist nämlich viel einfacher. Die anderen sind ja die Bösen. Aber wie ist es mit den Mauern dieser Gemeinde? Sehen wir die Nöte? Denn perfekt ist es nicht. Und lasst unser Herz davon berühren. Und vielmehr, meine Lieben, äußern wir das dann auch in einem Gebet vor unserem Gott. Oder bleiben wir bei Betroffenheit stehen? Lasst uns aufstehen und beten.
Himmlischer Vater, wenn wir uns diesen Text anschauen, dann ist es viel näher an unserer Situation, als wir es vielleicht meinen. Herr, die Dinge, die wir besprochen haben, die Dinge, die wir uns angeschaut haben: Wenn ich darüber rede, dann bringt das mein Herz teilweise echt zum Bluten. Und ich will auch nicht die Augen verschließen vor zerbrochenen Mauern hier in unserer Gemeinde. Ich will aber nicht einfach nur jammern und traurig sein darüber, sondern es mir gleichtun und beten zu dir.
Herr, hab Erbarmen. Herr, du bist ein großer Gott! Und manche Steine liegen am Rand, wurden niedergestreckt und brennen förmlich. Und wir beten zu dir, dass du Wiederherstellung gibst, dass du Menschen, lebendige Steine, vielleicht auch gerade in diesem Raum, die sich fühlen, als wenn sie eben nicht in der Mauer eingefasst sind und nicht in einem Schutzraum geborgen sind, sondern sich allein gelassen fühlen, dass du dich erbarmst und sie wiederherstellst und ihnen wieder den richtigen Platz gibst, dort, wo sie hingehören.
Ich klage auch vor dir, Herr, dass wir in Deutschland, in Europa, dass das Vertrauen in dein Wort auch teilweise von den Kanzeln echt gering ist und dass die Liebe zu dir und zu deiner Wahrheit oft mit vielen Kompromissen bestückt ist. Und Herr, wir beten: Handle du um deines Namens willen und tu das, was wir für unmöglich halten.
Nehemiah war konfrontiert mit politischen Mächten, Mächten, die wir uns gar nicht vorstellen können. Das war keine Demokratie, wo du irgendwie abgestimmt hast, sondern da hat der König gesprochen, und dann war das Gesetz. Und dennoch hat Nehemiah ein Herz gefasst und hat zu dir gerufen und das Unmögliche versucht.
Und ich will nicht einfach jammern und klagen und sagen: Ach, es ist alles so schlimm, und es wird alles den Bach runtergehen. Nein, Herr, du bist groß. Du bist größer als unsere Not. Du bist größer als die Schande, die wir sehen. Du bist größer als die Verlorenheit, die wir vor Augen haben. Und du bist in der Lage, mit Kraft und Herrlichkeit da hineinzubrechen.
Und ich bete, Herr, dass du es tust, dass du unsere Gemeinden wieder erneuerst und erfrischst, dass der Glaube an dich und dein Wort wieder entflammt, dass die Faszination über dich, Jesus, unter uns zunimmt und dass wir brennend für dich werden und dass unser Herz ergriffen wird von diesem Zustand, aber wir dich sehen und dich nicht aus den Augen verlieren, Herr.
Herr, wir wollen unsere Häupter erheben. Wir wollen unsere Häupter erheben und nicht auf den Boden schauen und nur die Misere sehen, sondern wir wollen eine lebendige Hoffnung in unseren Herzen haben. Aber die können wir uns nicht einreden, Herr, die musst du in uns entfachen. Tu es, Herr, durch die Kraft deines Heiligen Geistes, dass wir Hoffnung fassen für unser Land, dass wir Hoffnung fassen für unsere Gemeinden, dass wir Hoffnung fassen für unsere Gemeindebünde.
Herr, ich bete, dass du Erneuerung schenkst, dass ein neues Erwachen entsteht und dass wir es sind, die in den Riss treten. Dass wir es sind, die in den Riss treten, und du eines Tages nicht sagen musst: Ich habe gesucht, aber da war niemand. Herr, hier sind wir. Und ich will nicht, dass hier irgendwie Einzelkämpfer unterwegs sind, sondern dass wir wie ein Herz und eine Seele, wie ein Mann zusammenstehen.
Und dich bitten, dass du es noch einmal erneuerst und dass du mit deiner Kraft das tust, was wir nicht bewerkstelligen können, Herr. Du kannst es tun, und ich glaube fest daran, Herr. Denn wenn du mein Herz erobern konntest, das dich oft genug nicht gesucht hat, das oft genug die eigenen Wege gehen möchte, wenn du in der Lage warst, mein Herz im Sturm zu erobern, dann kannst du das auch wieder tun.
Und wir beten für Deutschland, wir beten für Deutschland, dass deine Gnade wieder groß wird und dass deine liebevolle Königsherrschaft sich ausbreitet. Und ich bete für die Seelen in diesem Raum, die dich noch nicht kennen, dass sie von dir und deiner Gegenwart erfüllt werden und deine Anziehungskraft am eigenen Leib und in ihrem Herzen spüren und zu dir nach Hause kommen.
Herr, danke, danke, dass wir nicht hoffnungslos sind, sondern du für uns da bist. Amen.

