Einführung in die Auseinandersetzung um die Gottessohnschaft Jesu
Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter ist, der Weg, die Wahrheit und das Leben verkörpert. Episode 544: Ihr seid Götter, Teil 5.
Die Gegner des Herrn Jesus klagen ihn der Lästerung an. Er antwortet darauf mit einem Zitat aus dem Alten Testament, Psalm 82. In der letzten Episode habe ich versucht, den Vergleichspunkt deutlicher herauszuarbeiten. Das möchte ich nun noch einmal tun.
Der Herr Jesus nimmt Psalm 82 als ein Argument vom Kleineren zum Größeren. In diesem Psalm geht es um Engel, die bei der Verwaltung der Welt versagt haben. Wenn diese Engel als Götter bezeichnet werden – also so beschrieben werden, wie die Welt sie wahrnimmt, nämlich als mächtige himmlische Wesen – und man so über himmlische Versager spricht, wie viel mehr Sinn macht es dann, den wahren Sohn Gottes als Gott anzusprechen?
Dieser Sohn Gottes hat die Engel verurteilt. In Psalm 82 wird er als Gott bezeichnet, der vom Vater geheiligt und in die Welt gesandt wurde. Durch seine Werke beweist er, dass er kein Versager ist. Wie viel mehr Sinn macht es dann, dass Jesus sich als Sohn Gottes bezeichnet.
Es wäre nur logisch und sinnvoll, wenn die Juden sich die Werke dessen anschauen würden, der von sich behauptet, Sohn Gottes zu sein. Statt ihn einfach zu verurteilen, könnten sie doch erwarten, dass Gott – wie es in Psalm 82, Vers 8 heißt – aufsteht und die Erde richtet beziehungsweise regiert.
Die Bedeutung des alttestamentlichen Kontextes für neutestamentliche Zitate
Wenn ich den Vergleichspunkt so präsentiere, könnte der Einwand kommen, dass ich mich nicht nur auf das kurze Zitat aus Psalm 82, „Ich habe gesagt, ihr seid Götter“, beschränkt habe, sondern den gesamten Kontext dieses Zitats, also den ganzen Psalm 82, für meine Auslegung herangezogen habe. Deshalb ist es wichtig, auf eine Sache hinzuweisen.
Eine solche Herangehensweise ist bei alttestamentlichen Zitaten im Neuen Testament völlig normal. Die Schreiber des Neuen Testaments gehen davon aus, dass ihre Zuhörer ein Zitat in seinem Zusammenhang kennen und dass dieser Zusammenhang beim Hörer mitschwingt.
Wenn der Herr Jesus am Kreuz hängend Psalm 22, Vers 1 zitiert, „Eli, Eli, lema sabachtani“, das heißt „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, dann darf er davon ausgehen, dass seine Zuhörer den Rest des Psalms kennen. Man kann, wenn man so will, den Rest dieses Psalms in die Situation mit hineininterpretieren.
Das Zitat ist eine Referenz, die einen größeren theologischen Zusammenhang transportiert oder zumindest transportieren kann. Es ist vergleichbar mit einem Musikstück: Man braucht keine fünf Sekunden, um die fünfte Sinfonie von Beethoven, „We Will Rock You“ von Queen oder das Hauptthema von Star Wars zu erkennen. Man weiß, wie es weitergeht.
Genauso verhält es sich bei einem alttestamentlichen Zitat.
Jesu Berufung auf seine Werke als Beweis seiner göttlichen Sendung
Aber kommen wir zu den Juden zurück, Johannes 10, die Verse 37 und 38: „Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubt mir nicht. Wenn ich sie aber tue, so glaubt den Werken, wenn ihr auch mir nicht glaubt, damit ihr erkennt und versteht, dass der Vater in mir ist und ich in dem Vater.“
Diese Argumentation ist durch Psalm 82 vorbereitet worden. Dort geht es inhaltlich um Engel, sprich Söhne Gottes, die versagen, also nicht die Werke tun, die Gott ihnen zugewiesen hatte. Ganz anders ist es bei Jesus. Er kann selbstbewusst sagen: „Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubt mir nicht. Wenn ich sie aber tue, so glaubt den Werken.“
Was sind das für Werke, die der Sohn tut? Wenn wir zunächst nur im Johannesevangelium bleiben, handelt es sich im Blick auf seine Zuhörer primär um den Gelähmten aus Johannes 5, der wieder gehen kann, und um den Blinden aus Johannes 9, der wieder sehen kann. Natürlich gibt es noch viel mehr Wunder, die Jesus getan hat. Aber diese beiden fanden in Jerusalem statt, und Jesus steht jetzt in Jerusalem unter Anklage.
Die Frage ist: Worauf deuten diese Wunder hin? Sind das böse oder gute Werke? Sind das die Werke des Vaters oder sind das die Werke des Teufels? Ich finde diesen Ansatz sehr interessant. Und zwar deshalb, weil ich es gewohnt bin, den Werken Jesu eher weniger Aufmerksamkeit zu schenken. Es sind seine Worte, die mich begeistern. Trotzdem verweist Jesus selbst hier auf seine Werke.
Die Werke Jesu als Ausdruck der Einheit mit dem Vater
Und die Werke bringen etwas zum Ausdruck. Sie verweisen auf eine Beziehung zwischen Vater und Sohn, zwischen dem Gott im Himmel und dem Menschen Jesus aus Nazaret auf der Erde. Die Werke unterstreichen die Behauptung: „Ich und der Vater sind eins.“ Jesus geht sogar noch einen Schritt weiter.
In Johannes 10,38 sagt er: „Wenn ich sie aber tue, so glaubt den Werken, wenn ihr auch mir nicht glaubt, damit ihr erkennt und versteht, dass der Vater in mir ist und ich in dem Vater.“ Ein Baum soll an seinen Früchten erkannt werden, ein Prophet an seinen Taten – und dasselbe gilt für den Sohn Gottes.
Was muss ein Mensch tun, damit man erkennt und versteht, dass der Vater in ihm ist und er in dem Vater? Das ist die Frage, mit der Jesus seine Kritiker konfrontiert. Was würden wir denn von jemandem erwarten, der von sich behauptet, eine außergewöhnliche und einmalige Beziehung zum Vater im Himmel zu haben?
Was bedeutet es, dass der Vater in mir ist und ich in dem Vater bin? Aus Johannes 5 wissen wir, dass Jesus von sich sagt, dass er nur das tun kann, was er den Vater tun sieht. Johannes 14 ergänzt dann noch die Idee, dass der Vater durch den Sohn redet und wirkt.
In Johannes 14,10 heißt es: „Glaubst du nicht, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst. Der Vater aber, der in mir bleibt, tut seine Werke.“
Wenn der Herr Jesus also davon spricht, dass der Vater in ihm und er in dem Vater ist, beschreibt er damit eine Nähe zum Willen Gottes. Wir stoßen hier auf das letztlich nicht ganz erfassbare Geheimnis eines dreieinigen Gottes, der sich in Raum und Zeit offenbart.
Vater und Sohn sind eins und doch nicht eins. Das ergibt logisch erst einmal keinen Sinn, macht aber klar, dass wir es im Christentum eben mit einem Gott zu tun haben, der unsere Vorstellungskraft sprengt oder zumindest gehörig strapaziert. Und das ist gut so.
Wehe, wenn ich Gott denken kann – einen Gott, den ich verstehe, der mich nicht überfordert. So ein Gott ist kein Gott.
Die Ablehnung Jesu trotz seiner Werke und Worte
Aber zurück zu den Werken. Die Juden hätten also an den Werken erkennen können, mit wem sie es zu tun haben. Doch genau das tun sie nicht.
Statt sich mit den Werken zu beschäftigen, sind sie nicht an Argumenten interessiert. Ihnen geht es nur darum, diesen Jesus aus Nazaret loszuwerden. In Johannes 10,39 heißt es: Da suchten sie wieder, ihn zu greifen, und er entging ihrer Hand.
Irgendwie schade. Hier verpassen vermeintlich gläubige Menschen die Chance auf die Begegnung mit dem Messias. Sie fragen ihn direkt, ob er der Messias ist, doch weder seine Worte noch seine Werke können sie überzeugen.
Tja, irgendwie schade.
Abschluss und Ermutigung zum weiteren Nachdenken
Was könntest du jetzt tun?
Zum Thema „Die Funktion kurzer alttestamentlicher Zitate im Neuen Testament“ habe ich im Skript eine Ausarbeitung angehängt. Sie richtet sich an alle, die etwas tiefer einsteigen wollen.
Das war’s für heute. Bitte hör nicht damit auf, Gott um Weisheit und Bewahrung zu bitten. Wir brauchen beides jeden Tag.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden! Amen.
