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Die nächtliche Festtafel und das unerwartete Zeichen
Wir kommen nun in der Geschichte unseres Daniel an Kapitel 5. Wenn Sie es in den ausgelegten Bibeln mitlesen, finden Sie es auf Seite 820 im Alten Testament, bei den Propheten eingeordnet.
Daniel 5, Belsazars Gastmahl
König Belsazar machte ein herrliches Mahl für seine tausend Mächtigen und soff sich mit ihnen voll. Und als er betrunken war, ließ er die goldenen und silbernen Gefäße herbringen, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel zu Jerusalem weggenommen hatte, damit der König mit seinen Mächtigen, mit seinen Frauen und mit seinen Nebenfrauen, mit seinem ganzen Harem, daraus tränke.
Da wurden die goldenen und silbernen Gefäße herbeigebracht, die aus dem Tempel, aus dem Hause Gottes zu Jerusalem, weggenommen worden waren. Seine Mächtigen, seine Frauen und Nebenfrauen tranken daraus. Und als sie so tranken, lobten sie die goldenen, silbernen, ehernen, eisernen, hölzernen und steinernen Götter.
Im gleichen Augenblick gingen Finger hervor, wie von einer Menschenhand. Diese schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand in dem königlichen Saal, und der König erblickte die Hand, die da schrieb. Da entfärbte sich der König, und seine Gedanken erschreckten ihn, so dass er wie gelähmt war und ihm die Beine zitterten.
Und der König rief laut, dass man die Weisen und Wahrsager herbeiholen solle. Er ließ den Weisen von Babel sagen: Welcher Mensch diese Schrift lesen kann und mir sagt, was sie bedeutet, der soll mit Purpur gekleidet werden, eine goldene Kette um den Hals tragen und der Dritte in meinem Königreich sein.
Da wurden alle Weisen des Königs hereingeführt, aber sie konnten weder die Schrift lesen noch die Deutung dem König kundtun. Darüber erschrak der König Belsazar noch mehr, verlor ganz seine Farbe, und seine Mächtigen wurden angst und bange.
Da ging auf die Worte des Königs und seiner Mächtigen die Königinmutter, das ist also die Frau Nebukadnezars, die Witwe, in den Saal hinein und sprach: Der König lebe ewig! Lass dich von deinen Gedanken nicht so erschrecken und entfärbe dich nicht. Es ist ein Mann in deinem Königreich, der den Geist der heiligen Götter hat. Denn zu deines Vaters Zeiten fand sich bei ihm Erleuchtung, Klugheit und Weisheit wie die Weisheit der Götter. Und dein Vater, der König Nebukadnezar, setzte ihn über die Zeichendeuter, Weisen, Gelehrten und Wahrsager, weil ein überragender Geist bei ihm gefunden wurde, dazu Verstand und Klugheit, Träume zu deuten, dunkle Sprüche zu erraten und Geheimnisse zu offenbaren.
Das ist Daniel, dem der König den Namen Beltsazar gab. So rufe man Daniel; der wird sagen, was es bedeutet.
Daniel vor dem König und die Erinnerung an Gottes Handeln
Da wurde Daniel vor den König geführt. Und der König sprach zu Daniel: Bist du Daniel, einer der Gefangenen aus Juda, die der König, mein Vater, aus Juda hergebracht hat? Ich habe von dir sagen hören, dass du den Geist der heiligen Götter hast und dass Erleuchtung, Verstand und hohe Weisheit bei dir zu finden sind.
Nun habe ich vor mich rufen lassen die Weisen und Gelehrten, damit sie mir diese Schrift lesen und kundtun sollen, was sie bedeutet. Aber sie können mir nicht sagen, was sie bedeutet. Von dir aber höre ich, dass du Deutungen zu geben und Geheimnisse zu offenbaren vermagst. Kannst du nun die Schrift lesen und mir sagen, was sie bedeutet, so sollst du mit Purpur gekleidet werden und eine goldene Kette um deinen Hals tragen und der Dritte in meinem Königreich sein.
Da fing Daniel an und sprach vor dem König: Behalte deine Gaben und gib dein Geschenk einem anderen. Ich will dennoch die Schrift dem König lesen und kundtun, was sie bedeutet.
Mein König, Gott der Höchste, hat deinem Vater Nebukadnezar Königreich, Macht, Ehre und Herrlichkeit gegeben. Und um solcher Macht willen, die ihm gegeben war, fürchteten und scheuten sich vor ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen. Er tötete, wen er wollte. Er ließ leben, wen er wollte. Er erhöhte, wen er wollte. Er demütigte, wen er wollte.
Als sich aber sein Herz überhob und er stolz und hochmütig wurde, da wurde er vom königlichen Thron gestoßen, verlor seine Ehre und wurde verstoßen aus der Gemeinschaft der Menschen. Sein Herz wurde gleich dem der Tiere, und er musste bei dem Wildhaus Gras fressen wie die Rinder. Sein Leib lag unter dem Tau des Himmels und wurde nass, bis er lernte, dass Gott die höchste Gewalt hat über die Königreiche der Menschen und sie gibt, wem er will.
Aber du, Belsazar, sein Sohn, hast dein Herz nicht gedemütigt, obwohl du das alles wusstest. Sondern du hast dich gegen den Herrn des Himmels erhoben, und die Gefäße seines Hauses hat man vor dich bringen müssen. Du und deine Mächtigen, deine Frauen und deine Nebenfrauen, ihr habt daraus getrunken. Dazu hast du die silbernen, goldenen, ehernen, eisernen, hölzernen und steinernen Götter gelobt, die weder sehen noch hören noch fühlen können. Den Gott aber, der deinen Odem und alle deine Wege in seiner Hand hat, hast du nicht verehrt. Darum wurde von ihm diese Hand gesandt und diese Schrift geschrieben.
Das Urteil an der Wand und die Deutung für die Gegenwart
So aber lautet die Schrift, die dort geschrieben steht: Mene, mene, tekel, upasin. Und sie bedeutet dies: Mene, das ist, Gott hat ein Königtum gezählt und beendet. Tekel, das ist, man hat sich auf der Waage gewogen und so leicht befunden. Peres, das ist, ein Reich ist erteilt und den Medern und Persern gegeben.
Da befahl Belsaza, dass man Daniel mit Purpur kleiden sollte und ihm eine goldene Kette um den Hals geben. Und er ließ von ihm verkünden, dass er der Dritte im Königreich sei. Aber in derselben Nacht wurde Belsaza, der König der Chaldäer, getötet.
Das war ja ein furchtbarer Schrecken bei diesem Fest, in dem Trubel am Königshof von Babel, plötzlich diese Flammenschrift an der Wand. Man kann sich das vorstellen, wie das auf die Festgesellschaft wirkte, halb betrunken, ganz betrunken, wie sie plötzlich davor standen und nicht wussten, was das zu bedeuten hat. Der König Belsaza, dieser unerschrockene Mann, dieser große Führer seines Volkes, dieser zähe Mann, sitzt plötzlich da, schlotternd vor Angst. Seine Knie sind gelähmt, er ist unfähig, eine Entscheidung zu fällen.
Man hat dieses Menetekel an der Wand ja oft ein Warnzeichen, eine Warnschrift genannt. Es ist falsch, es ist keine Warnschrift. Das ist ein Urteil, eine vernichtende Diagnose. Da wird mitgeteilt, dass Gott schon längst über diesem Belsaza sein Urteil gesprochen hat: gewogen, gewogen und zu leicht befunden. Es ist nichts dran, da kommt nichts raus, und da wird nichts draus. Da ist alle Hoffnung vergebens.
Was hat das für uns zu bedeuten? Ich möchte Sie bitten, halten Sie das ganz sauber auseinander. Die Bibel ist kein Drohbuch und kein Buch, das Ihnen Schrecken einjagen will, ihr lieben Konfirmanden! Wenn ihr heute die Bibel bekommen habt, wirkt das für manche unserer heute lebenden Mitmenschen immer so: Die Bibel, da steht irgendwas Schlimmes drin von der Zukunft.
Es ist doch genau umgekehrt. Lest doch die Zeitung, hört doch die Prognosen der Wissenschaftler unserer Zeit, die malen doch das Menetekel an unsere Wand. Die sagen doch, man weiß nicht, wie die Achtzigerjahre zu Ende gehen. Die reden doch von der drohenden Überbevölkerung, die reden doch von der Energiekrise, die sagen doch, dass die Probleme der Menschheit schon längst nicht mehr zu lösen sind. Die sagen, dass das Nord-Süd-Gefälle von Tag zu Tag nur noch schlimmer wird, und die sagen doch, dass der Weltfrieden sich wahrscheinlich nicht halten lässt. Das ist doch das Menetekel, das in jeder Generation, in welcher Form auch immer, an die Wände der Zeit geschrieben ist.
Sondern das, was eben der Chor gesungen hat, das steht in der Bibel. Da kann man umkehren und noch einmal beginnen. Eure Lebensgeschichte muss nicht so ablaufen wie die Belsazars. Und das wollen wir heute in diesem Jahr 1980 noch vielen Menschen sagen: Gott wartet auf Umkehr. Das ist so groß, dass Gott noch nicht sein Urteil vollzogen hat. Der Spruch steht über unserer Generation, über unserer Welt, aber das Menetekel kann gelöscht werden.
Wir singen so gern ein Lied: Und das Menetekel, das auf deinem Leben stand, wird gelöscht von Gottes guter Vaterhand. Weil das viele nicht mehr so kennen mit ihrer Bibel, haben da schon einige Gesangbuchversionen geschrieben. Und das Todesurteil, das auf deinem Leben stand, mir gefällt das Wort Menetekel so, das ist gelöscht von Gottes guter Vaterhand. Und ich wollte, dass über uns dieses Menetekel gelöscht ist.
Das muss man wissen, ob es gelöscht ist, und dazu soll uns heute auch dieser Gottesdienst Klarheit geben. Ich habe drei ganz einfache Formulierungen gewählt, die man hoffentlich behalten kann.
Drei Wege aus Angst, Starrsinn und Götzendienst
Erstens: Dann lass den bodenlosen Leichtsinn sein. Es war ja niemand da, der diese Schrift deuten konnte. Der König Belsatsa hat seine Weisen und Gelehrten herbeigeholt, aber die waren nicht in der Lage, sie zu deuten.
Und das ist ja so typisch: Wenn das Menetekel erscheint und die Menschen Angst bekommen vor der Zukunft, wenn die Frage aufkommt: Was kommt auf uns zu?, dann ist keiner in der Lage, die Zukunft zu erhellen. Da sind nur noch ein paar Gaukler und Taschenspieler, die mit abergläubischen Tricks versuchen, die Zukunft zu erhellen. Aber es bleibt dunkel.
Und da ist es Aufgabe, doch Gottes Boden sehr deutlich dieses Menetekel zu deuten. Ja, das ist wahr. Das, was die Flammenschrift an der Wand zeigt, das gilt. Hoffnung? Hoffnung für die Welt, für die Menschheit? Das kann man nicht haben. Warum soll man das auch haben, es sei denn, man lässt den bodenlosen Leichtsinn sein?
Denken Sie noch einmal an dieses tolle Bild, das in dieser Flammenschrift angesprochen ist: das ist eine Waage, und auf dieser Waage wird unser Leben gewogen. Da wird er bei Belsatsa mit seinen großen Leistungen draufgestellt. Alles, was er getan hat: Wie viele Schulen hat er gegründet? Wie hat er das Bildungswesen gehoben? Wie hat er die Verwaltung seines Landes ausgebaut? Wie hat er die Kunst seines Landes gefördert? Wie hat er die Museen subventioniert? Wie hat er seine Armee ausgebaut? Wie hat er Wirtschaftsprogramme und Sozialprogramme entwickelt? Wie hat er die Armen unterstützt? Und dann wird alles auf die Waage gelegt.
Das wiegt das Menetekel deines Lebens nicht auf. Da schreit man: Wie kann ich dann irgendetwas hinlegen? Wie kann ich irgendetwas bringen, was mein Leben aufwiegt? Und das findet ihr ja durchweg in der Bibel. Ich kann mit nichts, mit gar nichts dieses Todesurteil, das auf meinem Leben steht, aufwiegen. Mit gar nichts.
Es gibt nur eins, was die Waage zu einem anderen Ausschlag bringt: dass Jesus, der Sohn Gottes, sich zu mir auf die Waage stellt und sagt: Ich habe für dich gebetet, und ich habe für dich gelitten, damit du vor Gott bestehen kannst. Das ist das, was mein Leben aufwiegt, und erst dann habe ich Schwergewicht in meinem Leben.
Wir trösten uns oft auch im Angesicht des Todes mit dem Schönen, was wir geschafft haben, mit manchem, was uns vergönnt war, in dieser Welt aufzubauen. Aber auch alle unsere Errungenschaften, alles, was wir gearbeitet und getan haben, bekommt erst Gewicht, wenn es von Gott bestätigt ist im Licht der Ewigkeit, wenn es weiter besteht über meinen Tod hinaus bis hinein in die Ewigkeit.
Das gibt es, dass man heute schon etwas wirken kann, etwas Großes und Bedeutsames. Das gibt es, dass Menschen ihre Garben einbringen für die Ewigkeit. Aber es hängt immer davon ab, dass zu uns Leichtgewichten auf der Waage Jesus der Herr sich dazustellt und sagt: Du bist mein.
Da hat der Prophet Jesaja im Namen Gottes dieses gewaltige Wort gesprochen: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Da heißt es dann: Weil du so wert geachtet bist in meinen Augen, musst du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb.
Es gibt so viele Christen, die haben immer nur ein schreckliches Denken von ihrem eigenen Leben. Und dann müssen sie jetzt begreifen, dass ihnen doch die ganze Liebe Jesu entgegenschlägt. Er will ihnen sagen: Du bist wertgeachtet in meinen Augen.
Gerade mit einer Schuld, mit einem Versäumnis: Ich will etwas Neues machen, war das Lied der Umkehr, das unsere jungen Leute gesungen haben. Es muss nicht so ausgehen, wie das Menetekel an der Wand zeigt. Das meine ich auch im Blick auf die Achtzigerjahre.
Ich war neulich unterwegs bei einem Vortrag und habe über Angst gesprochen. Dann haben ein paar der Verantwortlichen gesagt: Schade, warum haben Sie nicht von Atomkraftwerken gesprochen und von Krebsangst? Ich habe gedacht, das ist doch klar. Das meine ich: dass für Christen dies kein Thema mehr ist, weil sie wissen: Mein Leben ruht in der Hand Jesu, und ich darf fröhlich in die Zukunft gehen. Wir lassen uns von der Angst der Welt um uns her nicht mehr schrecken, weil er mein Leben trägt, was auch geschehen mag.
Da steht auf der einen Seite der Daniel, er wandert in die Löwengrube. Seine Freunde werden in das Feuer geworfen, aber er geht seinen Weg, bewahrt und behütet von seinem Gott, weil du so wert geachtet bist. Das hätte auch einem Belsatsa gelten können, wenn er es aufgenommen hätte.
Nehmen Sie doch dieses Wort auf! Es wird uns erzählt von der Zeremonie einer Königs- oder Kaiserbestattung. Ich weiß nicht mehr, war es in Wien oder wo es war, wo diese großen Herrscher hergebracht wurden. Und bevor sie in die Gruft geführt wurden, kam der Herold und hat noch einmal ausgerufen: Hier kommt der Herrscher über halb Europa, und hier kommt der Träger dieser und jener Krone und dieser Grafschaft und dieses Herzogtums. Dann kam immer die Stimme: Er darf nicht hinein. Und dann kam das Wort: Hier kommt ein armer Sünder, der um des Blutes Christi willen Vergebung erlangen will. Dann hieß es: Er darf hinein.
Das ist das, was den Leichtsinn aufhebt. So bekommen wir Gewicht. Gewogen, gewogen: Lass den bodenlosen Leichtsinn! Worauf leben wir? Sie sollen fröhlich leben, sie sollen mutig leben, aber doch nicht auf irgendwelcher Hoffnung sich gründen, als allein auf die eine Hoffnung: Christus steht bei mir, Christus hat sich für mich erklärt, und ich gehöre ihm.
Und die zweite Mahnung: Wie das Menetekel gelöst werden kann, lass den Vermessenen starren. Ja, das kommt ein paarmal vor in diesem Kapitel, dass dieser Belsatsa sehr starrsinnig war. Es heißt immer wieder, du hast dein Herz nicht gedemütigt vor Gott. Belsatsa hat ja gelächelt.
Um wen handelte es sich? Der Geschichte nach muss es sich um Evil Merodach handeln, einen sehr liederlichen Sohn des Nebukadnezar, der auch das Erbe des Vaters sehr rasch verschleudert hat und in einem Komplott, einem Aufruhr, umgebracht wurde, wie es hier erwähnt wird. Aber nun erinnern wir uns an ein paar Stellen auch, dass offenbar Belsatsa bewusst das Erbe seines Vaters verworfen hat. Er wusste gar nichts mehr von Daniel, das hätte er doch noch wissen müssen.
Da lebt irgendwo im Reich versteckt die Königinnenmutter. Sie nimmt an diesem Fest nicht teil. Offenbar lebt in ihr noch das Erbe dessen, was einst ihr Mann mit Gott erlebt hat. Sie konnte an diesem liederlichen Fest nicht teilnehmen, an der Verhöhnung Gottes.
Und da merken wir etwas vom Starrsinn des Unglaubens. Unglauben ist sehr starrsinnig. Manche meinen, liebe Konfirmanden, das sei also bloß so mit dem Unglauben, das sei eben ein bisschen schwierig und dunkel. Ich meine: Um ungläubig zu sein, dazu braucht es eine sehr große Festigkeit und Sturheit. Fast wollte ich sagen: Dazu muss man viel glauben, um ungläubig zu sein, wo man so viel von Gott schon erlebt hat.
Was ist dieser Starrsinn im Leben Belsasas? Er hat das Zeugnis seines Vaters, er hat Erfahrungen, er könnte doch die Leute fragen, aber er bleibt dabei, er glaubt an sich. Das ist das Verderblichste in unserem zwanzigsten Jahrhundert: der Glaube des modernen Menschen an sich selber und seine Kraft. Das wäre ja überhaupt kein Grund mehr, an den Menschen zu glauben, ausgerechnet in unserem Jahrhundert nach diesen zwei Weltkriegen. Da müsste man am Menschen irre werden, aber die Leute sagen: Warum hat Gott so etwas zugelassen? Und sie zweifeln an Gott statt am Menschen.
Das ist so ein Starrsinn, so etwas Vernageltes, so etwas Stures, Verbogenes. Und dann, als das Menetekel kommt, da bricht dieser Belsatsa zusammen. Was ist er für ein Jammerbild! Da müsste man ihn ja gerade knipsen für seine Untertanen, damit die das sehen, wie er schlotternd in seinem Sessel liegt. So pendelt das im Unglauben: gerade noch ganz großes Mundwerk und dann wieder ganz klein im Erschrecken vor den Gefahren.
Heinrich Heine hat das in seinem Gedicht großartig wiedergegeben, wie dieser Belsazer schäumend mit dem Wein noch vor seinem Mund ausruft: Jehova, dir kündig auf ewig Hohn, ich bin der König von Babylon! Diese Vermessenheit eines sterblichen Menschen, der noch in der gleichen Nacht ums Leben kommt.
Was steckt doch dahinter, hinter dem Unglauben? Es ist unheimlich. Sie erleben vielleicht solche Dinge in ihrer Nähe. Ich will davon gar nicht reden, weil sie mir selber zu Gespenst sind, wie Menschen ganz groß rufen und ein paar Tage später wird man ganz still. Was ist da alles geschehen? Wer hat die Größe, Gott zu lästern?
Darum erinnert Daniel in seiner Traumdeutung diesen König Belsatsa daran: Dein Vater war von der gleichen Klippe heruntergekippt wie du, als sein Herz sich überhob und er stolz und hochmütig wurde. Da hat Gott ihn fallen lassen.
Jetzt möchte ich Sie fragen: Wie sieht es mit Ihrem Herzen aus? Das ist jetzt ganz wichtig, nicht bloß, ob wir äußerlich in der Frömmigkeit Gott dienen. Ich habe ein wenig darüber nachgedacht, dass sich in unserem Glauben auch in den Worten Jesu hindurchzieht, dass er sehr viel von unserem Herz gesprochen hat. Das fängt bei den Propheten an: Sie dienen mir nur mit den Lippen, ihr Herz ist ferne von mir.
Wie sieht unser Herz aus? Ist es unbeugsam vor Gott oder ist es eigentlich schon längst ein zerbrochenes Herz? Wir haben Angst wie dieser Belsatsa, wir wissen gar nicht mehr, wie wir die Gefahren meistern sollen, wie wir uns darüber hinwegsetzen sollen. Und da ist ja die Botschaft: Weißt du, wenn du dich in deinem Herzen demütigst, du, Belsatsa, sein Sohn, hast dein Herz nicht gedemütigt, der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind.
Darum ist der Gottesdienst so oft an diesem Punkt, wo er trösten muss. Er möchte mit all denen reden, die ein zerbrochenes Herz haben. Ich habe in meinem Leben oft dann zu Gott gefunden, wenn ich dort mit meiner Kraft und mit meinem Herzen am Ende war. Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.
Aber es ist dem Herrn ein Gräuel, alles Hohe, das sich erhebt und das Groß gegen ihn redet. Und unser Glaube geht immer durch das zerbrochene Gewissen hindurch, durch das Gewissen, das tief erschüttert ist. Umkehr ist möglich, lass den vermessenen Starrsinn, Gott suche dich!
Und noch ein drittes: Lass den götzendienerischen Blödsinn, lass den bodenlosen Leichtsinn, lass den vermessenen Starrsinn, lass den götzendienerischen Blödsinn. Was war das? Es war im Rausch! Ob er bei Vernunft, mit klaren Sinnen, auch dazu fähig gewesen wäre? Vielleicht ist manches im Spiel gemacht. Vielleicht braucht unser Jahrhundert so viel Drogen, so viel Alkohol, weil es wach diese ganzen Dinge nicht mehr bewältigen kann, so wie Belsazar dort im Rausch so stark ist, so kühn.
So wie die Betrunkenen, die neulich zwischen fünf und sechs unsere ganze Stitzenburgstraße aufgeweckt haben: Da sind diese Halbstarken ganz mutig, wenn sie betrunken sind, und dann fühlen sie sich mächtig, und dann haben sie Muskelkraft, die sonst kaum irgendetwas bewältigen können von ihren Lebensproblemen.
Und dann im Rausch, da preist er diese Götterbilder, diese Götzenbilder. Was ist das? Er betet sie an. Religion ist so oft ein Menschenwerk. Und wie oft sind unsere Gedanken von Gott nur von uns erdichtet, und wir gefallen uns darin, wie wir uns Gott vorstellen.
Gott will Ehre haben. Habe heute den Gottesdienst begonnen: Alle Lande sollen seiner Ehre voll sein. Gott wartet darauf, dass ihr ganzes Leben zur Ehre Gottes gelebt werde. Wie viel Ehre geben sie Gott? Bei vielen Christen kreisen die Sorgen nur darum, dass sie sich irgendwie ganz glücklich und fröhlich fühlen. Das ist zu wenig.
Sie sollen zur Ehre Gottes leben, ihr ganzes Leben soll gebraucht werden, dass etwas herauskommt für Gott, für seine Sache, ein Loblied für ihn, das wir mit den Gaben, die er uns gegeben hat, ihn preisen.
Vor Augen stehen uns die beiden Priester am Heiligtum, Hofni und Pinhas, die Söhne des Eli, von denen Gott sagen muss: Wer mich ehrt, den will ich wieder ehren, wer mich verachtet, den will ich wieder verachten. Und da steht das drin, dass Menschenwürde auch im zwanzigsten Jahrhundert davon abhängt, ob ich Gott ehre. Denn wo ich Gott ehre, empfange ich wieder Ehre von ihm und werde geehrt.
Und das, was das Menschenleben würdevoll, groß und gewaltig macht, hängt in Gott und liegt in ihm. Ich kenne nichts anderes, was das Menetekel auslöscht, das über meinem Leben widersteht: Mensch, von Gott geliebt und von Gott getragen.
Ich wurde am Freitag herausgerufen, mitten aus den Beratungen unserer Landessynode, mit dem Anruf, dass meine Mutter im Sterben liegt. Und wie ich dann dort eintraf in ihrer Wohnung, war sie schon heimgerufen worden, sie hat einen plötzlichen Herzinfarkt. Aber es hat mich tief bewegt, wie sie dort am Anfang dieses Infarktes, wo sie noch die Gemeindeschwester mit dem Telefon rufen konnte, noch einmal das Losungsbüchlein hingelegt hat, von der Krone der Gerechtigkeit. Und dann drunter ein Neues Testament, und da war ihr die Stelle wichtig aus dem 1. Timotheus 1,13-16: Mir ist Barmherzigkeit widerfahren.
Und wie ich dann, es hat mich auch menschlich bewegt, an den Schreibtisch ging und nach den Unterlagen suchte, da oben drauf ein Zettel: Ich gehe heim mit Frieden. Und darunter: Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, sieht lauter Freude und Singen, sieht lauter Sonnenschein.
Das gelöschte Menetekel auf unserem Leben, von dem wollen wir doch reden, wir wollen doch nicht vom Grauen reden. Natürlich sterben wir noch, wie die anderen auch, natürlich haben wir noch Leiden zu durchmessen. Aber ob ich in die Hand Jesu falle, ob Sie jeden Tag zu seiner Ehre leben können und eines Tages zu seiner Ehre sterben, das soll unser höchstes Lebensziel sein.
Und dann liegt es in unserer Hand, was daraus wird: das Leben und das Ende Belsatsas oder ein Leben zur Gottes Ehre und zu seinem Ruhm. Amen.

