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Apostelgeschichte 22, 22-29

Apostelgeschichte, Teil 61/64
Apostelgeschichte 22,22-29
SERIE - Teil 61 / 64Apostelgeschichte

Einführung in das Thema Heiligung und persönliche Veränderung

Ich habe eine Predigt für euch vorbereitet, die thematisch in den Bereich der persönlichen Heiligung gehört. Man könnte sagen, das ist ein Thema, das leicht übersehen wird, weil es dazu kein direktes Gebot gibt.

Was ist Heiligung? Heiligung bedeutet, dass ich mich im Laufe meines Lebens, wenn ich mit Jesus lebe, Stück für Stück charakterlich verändere. Dabei geht es nicht nur um meinen inneren Charakter, sondern auch um mein Verhalten. Denn nur etwas zu wissen, reicht nicht aus. Wir müssen das Wissen auch in die Tat umsetzen.

Wissen ohne Tun ist in der Bibel nicht besonders gut bewertet. Es wird entweder als Unreife oder als Heuchelei angesehen, und das sollten wir vermeiden. Als Christen sind wir dazu aufgerufen, der Heiligung nachzujagen. Das heißt, wir sollen immer ein kleines Stück mehr so werden wie Jesus. Wir haben dafür ein ganzes Leben Zeit, aber wir sollen auch kontinuierlich voranschreiten.

Wenn wir uns verändern wollen, durchlaufen wir eine Entwicklung. Früher haben wir vielleicht geklaut, heute tun wir das nicht mehr. Früher haben andere uns Dinge weggenommen, heute arbeiten wir fleißig, um anderen etwas geben zu können. Früher haben wir schlecht über Leute geredet, heute tun wir das nicht mehr. Stattdessen loben wir, ermutigen und freuen uns über Geschwister, die sogar begabter sind.

Deswegen können wir uns über jemanden wie Jenny freuen. Niemand muss denken: „Das ist doof, ich hätte auch gerne so jemanden.“ Häng dich rein, und in zehn Jahren kannst du auch so einen Korb bekommen. Wir sind offen für jeden. Früher waren wir nicht so nett, heute werden wir immer ein Stück netter.

Das ist Heiligung. Es ist nicht kompliziert und sollte sich im Leben eines Gläubigen zeigen.

Die Frage ist: Woher weiß ich, wohin ich mich verändern soll? Bei Themen wie „nicht mehr klauen, sondern fleißig arbeiten“ oder „nicht mehr lästern, sondern nett über Leute reden und loben“ ist das relativ einfach, weil es klare Gebote in der Bibel gibt.

Vor kurzem bin ich jedoch auf einen Aspekt zum Thema Heiligung gestoßen, zu dem es kein direktes Gebot gibt. Es ist etwas, bei dem ich von hier vorne nicht einfach sagen kann: „Ändere dich!“ Die Predigt soll dazu anregen, dass du dich änderst, und vielleicht fragst du dich, wo das in der Bibel steht. Ich kann dir zeigen, an welcher Stelle ich auf dieses Thema gestoßen bin. Aber ein direktes Gebot gibt es eigentlich nicht.

Was die Bibel beschreibt, ist, dass die Sache für Gott typisch ist. Immer wenn etwas für Gott typisch ist, dann macht es Sinn, dass wir es nachahmen. Der Herr Jesus sagt in der Bergpredigt: „Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Matthäus 5,48).

Wenn Gott uns etwas im positiven Sinn als Vorbild vormacht, sollten wir das vielleicht imitieren.

Die Geschichte von Paulus und das Prinzip guter Fragen

Aber ich zeige euch mal, an welcher Stelle mir das über den Weg gelaufen ist. Da war in der Apostelgeschichte ein Mob, der den Apostel Paulus lynchen wollte. Römische Soldaten retten ihn. Und da steigen wir jetzt ein.

In Apostelgeschichte 22, Vers 23 heißt es: „Als sie aber schrien und die Kleider abwarfen und Staub in die Luft schleuderten, befahl der Oberste, ihn – das ist Paulus – ins Lager zu bringen. Er sagte, man solle ihn mit Geißelhieben ausforschen, damit man erfahre, aus welchem Grund sie so gegen ihn schrien.“

Als sie ihn aber für die Riemen ausgestreckt hatten, sprach Paulus zu dem Hauptmann, der da stand: „Ist es euch erlaubt, einen Menschen, der Römer ist, zu geißeln, und zwar unverurteilt?“ Als der Hauptmann das hörte, ging er hin und meldete dem Obersten und sprach: „Was hast du vor zu tun? Denn dieser Mensch ist ein Römer.“

Der Oberste aber kam herbei und sprach zu Paulus: „Sage mir, bist du ein Römer?“ Paulus antwortete: „Ja.“ Der Oberste sagte: „Ich habe für eine große Summe dieses Bürgerrecht erworben.“ Paulus entgegnete: „Ich aber bin sogar darin geboren.“ Zugleich ließen die, welche ihn ausforschen sollten, von ihm ab. Auch der Oberste fürchtete sich, als er erfuhr, dass Paulus ein Römer war und weil er ihn gebunden hatte.

Also, die Geschichte ist nicht super kompliziert. Paulus verteidigt sich noch vor diesem Mob auf Hebräisch. Leider dringt er zu den Leuten nicht durch, sie wollen ihn weiterhin umbringen. In Vers 22 lesen wir: „Sie hörten ihm aber bis zu diesem Wort zu und erhoben ihre Stimme und sagten: Weg von der Erde mit einem solchen, denn es darf nicht sein, dass er lebt.“

Das ist der Moment, in dem es dem römischen Obersten in der Garnison in Jerusalem zu brenzlig wird. Er denkt: „Ja, was geht hier ab? Haben wir es jetzt hier gleich mit einem großen Aufstand zu tun?“ Er schnappt sich eine ordentliche Portion Soldaten und führt damit Paulus ins römische Lager.

Jetzt weiß er nicht genau, worum es hier eigentlich geht. Er merkt nur, die Sache ist irgendwie brenzlig. Also möchte er wissen, was Sache ist. Paulus ist ein ihm unbekannter Jude. Was macht man, wenn man wissen will, worum es geht? Naja, man könnte fragen, aber geißeln tut es auch.

Gesagt, getan: Man fesselt Paulus und will schon mit der Geißel anfangen. Geißeln bedeutet, mit einer bösen Peitsche auf jemanden einzuschlagen. Paulus macht jetzt Folgendes: Er beruft sich auf sein römisches Bürgerrecht.

Damit wir verstehen, was das bedeutet, weil wir aus der Zeit heraus sind: In der damaligen Zeit war es so, dass Beamte gegen einen römischen Bürger nicht einfach so vorgehen durften. Wenn du kein römischer Bürger warst, galt das alles nicht. Dann konnte man mit dir so ziemlich machen, was man wollte.

Aber in dem Moment, in dem du römischer Bürger warst, standest du unter dem Schutz des römischen Rechts – und das war sehr scharf. Es ging darum, dass man gegen einen römischen Bürger nicht einfach so vorging, ohne dass im Hintergrund ein Gerichtsverfahren lief. Man konnte als Beamter dafür strafrechtlich belangt werden. Die Strafen reichten von Amtsverlust bis Verbannung, und das gesamte Vermögen wurde oft eingezogen.

An dieser Stelle passiert genau das: Körperliche Gewalt gegen einen römischen Bürger ohne vorheriges ordentliches Gerichtsverfahren. Das war ein schweres Delikt und hatte gravierende persönliche rechtliche Konsequenzen für den Verantwortlichen.

Jetzt versteht ihr vielleicht, warum im Text steht, dass dieser Oberste sich fürchtete. Aber wovor fürchtet er sich? Eigentlich war er schon zu weit gegangen. Der Moment, in dem er Paulus fesseln lässt, ist bereits eine Freiheitsberaubung. Und das ohne vorheriges Urteil bei einem römischen Bürger war rechtswidrig.

Der Moment, in dem wir im Text lesen, dass Paulus für die Riemen ausgestreckt wird, bedeutet, dass man ihn mit Lederriemen fixiert hat, um ihn dann zu geißeln. Das ist der erste Akt der Bestrafung. In diesem Moment übertritt der Beamte, der dafür verantwortlich ist, seine Befugnis.

Paulus hätte Anklage erheben können, und das hätte ganz übel für den Obersten ausgehen können. Das hängt allerdings ein bisschen davon ab, wer wen kennt – da spielt sicherlich auch Vitamin B eine Rolle. Aber das wusste der Oberste nicht.

So viel zur Vorgeschichte. In diesem Text gibt es jetzt einen Wendepunkt. Und nur um den Vers geht es mir: Apostelgeschichte 22, Vers 25 heißt es: „Ist es euch erlaubt, einen Menschen, der Römer ist, zu geißeln, und zwar unverurteilt?“

Diese eine Frage versetzt den Beamten – und nicht nur ihn, sondern auch die Soldaten, die dabei stehen – in Aufregung und Angst. „Ist es euch erlaubt, einen Menschen, der Römer ist, zu geißeln, und zwar unverurteilt?“

Mit dieser einen Frage konfrontiert Paulus alle, die da drumherum stehen, mit ihrem Unrecht. Diese eine, zugegebenermaßen recht scharfe Frage demaskiert das, was hier passiert: ein illegales Vorgehen der römischen Soldaten.

Die Kraft und Bedeutung guter Fragen in der Bibel

Da sind wir jetzt bei dem Thema, und ich möchte mit euch über das Thema „gute Fragen stellen“ sprechen. Warum? Nun, wir haben es gerade gesehen: Eine gute Frage, zur richtigen Zeit gestellt, kann ein ganzes Denksystem in seinen Grundfesten erschüttern. Eine gute Frage hat richtig Kraft.

Wenn man das an einer Stelle sieht und dann auf einer Metaebene betrachtet, stellt man fest: Gute Fragen finden sich von Anfang an in der Bibel. Schaut mal direkt nach dem Sündenfall, 1. Mose 3, die Verse 8 und 9. Dort heißt es: „Und sie, also Adam und Eva, hörten die Stimme des Herrn Gottes, der im Garten wandelte bei der Kühle des Tages. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem Angesicht des Herrn Gottes, mitten zwischen den Bäumen des Gartens. Und der Herrgott rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du?“

Denkst du dir beim Lesen, wusste Gott nicht, wo Adam und Eva waren? Die Antwort lautet: Natürlich wusste er es. Gott hätte auch sagen können: „Adam und Eva, dort hinten hinter den drei Mammutbäumen.“ Natürlich wusste er, wo die beiden sind. Aber stattdessen gibt es eine Frage.

Wenn wir nun ein Stück weiter in der Bibel lesen und uns anschauen, was Jesus macht, stellen wir fest: Allein in den Evangelien finden sich über dreihundert Fragen. Wenn man die mal liest – das solltet ihr mal machen, mit der Predigt heute im Kopf – dann fällt auf, wie oft Jesus Fragen stellt. Es ist eine Frage nach der anderen. Und das nicht, weil er immer die Information gebraucht hätte. Er stellt Fragen aus einem ganz anderen Grund. Da steckt viel mehr dahinter, da steckt Kraft in diesen Fragen.

Ich habe mal ein paar Beispiele mitgebracht, damit wir sehen, wie oft Jesus Fragen stellt und was diese Fragen bewirken. Ich könnte diese Beispiele fast beliebig fortsetzen, aber so seht ihr zumindest, wie vielfältig die Wirkung ist.

Eine Frage kann jemanden aus der Neutralität zu einer Entscheidung führen. Johannes 6, Verse 66 und 67: „Von da an gingen viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm. Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen?“ Ich habe mich nie getraut, diese Frage zu stellen. Aber das ist mal eine wirklich relevante Frage. Wie sieht es mit euch aus? Willst du dich heute bekehren? Willst du heute durchstarten? Willst du heute ganz neue Dinge mit Gott machen? Das ist doch mal eine gute Frage.

Oder eine Frage kann einen Denkprozess auslösen. Lukas 10, Vers 25: „Und siehe, ein Gesetzesgelehrter stand auf und versuchte ihn und sprach: Lehrer, was muss ich getan haben, um ewiges Leben zu erben? Er sprach zu ihm: Was steht in dem Gesetz geschrieben? Wie liest du?“ Spannend, eine Frage, fast ein bisschen fies, oder? Nicht: „Was muss ich tun?“ sondern: „Was weißt du schon? Wo stehst du?“

Oder eine Frage kann Versöhnung und Wiedergutmachung einleiten. Johannes 21: Petrus, der den Herrn Jesus dreimal verleugnet hat, wird dreimal gefragt, in den Versen 15, 16 und 17. Dort heißt es: „Als sie nun gefrühstückt hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Widerspricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Und er spricht zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“

Oder du kannst eine Frage stellen, um versteckte Absichten zu offenbaren. Zum Beispiel in Markus 12, Vers 14: „Und sie kommen und sagen zu ihm: Lehrer, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und dich um niemand kümmerst. Denn du siehst nicht auf die Person der Menschen, sondern lehrst den Weg Gottes in Wahrheit. Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu geben oder nicht? Sollen wir sie geben oder nicht?“ Da er aber ihre Heuchelei kannte, sprach er zu ihnen: „Was versucht ihr mich?“

Fünftens: Eine Frage kann zur Buße und Umkehr einladen. Lukas 13: „Und er antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer vor allen Galiläern Sünder waren, weil sie dies erlitten? Da ist jemand umgebracht worden während eines religiösen Festes. Glaubt ihr, dass die schlimmer dran waren als ihr? Ehrlich, ist das euer Denken? Die haben es verdient, aber wir nicht? Nein, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.“

Vielleicht noch ein letztes Beispiel: Matthäus 9. Natürlich kann eine Frage auch zum Glauben einladen. Matthäus 9, Vers 28: „Als er aber in das Haus gekommen war, traten die Blinden zu ihm, und Jesus spricht zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann?“ Und du denkst dir förmlich: Ja, warum denkst du denn, kommen die? Und trotzdem stellt er die Frage noch einmal.

Wie gesagt, ich könnte an dieser Stelle fast beliebig weitermachen. Schnappt euch ein Evangelium, lest es nächste Woche in Ruhe durch und streicht einfach mal alle Fragen an, die der Herr Jesus stellt.

Fragen als Ausdruck von Gottes Beziehung zu Menschen

Weil wir bei Paulus angefangen haben, müssen wir uns nur die Frage stellen: Wie war das denn bei Paulus, als er sich bekehrt hat? Wie ist das abgelaufen?

Wer die Geschichte kennt, findet sie in Apostelgeschichte 22. Dort beschreibt Paulus, wie er Jesus vor Damaskus begegnet ist. Ich lese euch das noch einmal vor, Apostelgeschichte 22, Vers 6:

„Es geschah mir aber, als ich reiste und mich Damaskus näherte, dass um die Mittagszeit plötzlich aus dem Himmel ein helles Licht mich umstrahlte, und ich fiel zu Boden und hörte eine Stimme, die zu mir sprach.“

Als er Jesus begegnet, stellt Jesus ihm als Erstes eine Frage: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Das ist das allererste, was passiert. Ist das nicht merkwürdig? Unser Gott ist ein Gott, der Fragen stellt.

Da bringt Kain seinen Bruder Abel um, und Gott fragt ihn: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Obwohl Gott weiß, dass Kain ihn verscharrt hat, stellt er die Frage trotzdem.

Hiob führt ein Streitgespräch mit Gott, und Gott fragt ihn: „Wo warst du, als die Erde gegründet wurde?“ Oder Elia, völlig frustriert am Berg Horeb, begegnet Gott mit einer Frage: „Was tust du hier, Elija?“ Eine coole Frage, oder? Warum bist du hier?

Auch Jona, in seiner Selbstgerechtigkeit, wird von Gott gefragt: „Ist es recht, dass du zornig bist?“ Fragen über Fragen. Unser Gott ist ein Gott, der Fragen stellt.

Warum eigentlich? Habt ihr euch das schon mal gefragt? Warum stellt Gott so viele Fragen, wenn er doch eigentlich die Antworten schon kennt? Gott ist ja allwissend.

Warum stellt Gott also Fragen, wenn er die Antwort schon weiß – und dann auch noch so viele? Die Antwort auf diese Frage lautet ungefähr so: Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen. Er hat ihn so geschaffen, dass er antworten kann und auch antworten soll.

Der Mensch ist im Ebenbild Gottes geschaffen, und das bedeutet: Wir sind auf Beziehung hin angelegt. Das ist der Clou. Wir sind auf Beziehung hin angelegt.

Gott ist ein redender Gott, und er hat uns so geschaffen, dass wir mitreden können. Das unterscheidet uns von den Tieren und den Dingen. Wir können hören, verstehen und antworten.

Das heißt, der Mensch ist zum Dialog geschaffen. Und weil Gott den Menschen ernst nimmt, stellt er ihm Fragen.

So eine Frage kann auf die Verantwortlichkeit des Menschen abzielen. Sie kann das Gewissen, den Intellekt oder den Willen aktivieren. Versteht ihr, was ich meine? Versteht ihr wirklich, was ich meine?

Fragen sind häufig dazu da, um uns mit in die Geschichte hineinzunehmen. Fragen schaffen einen Raum für Buße, für Eigenentscheidungen, für Aha-Momente, für Selbsterkenntnis. All das ermöglichen Fragen.

Die Bedeutung guter Fragen für die Heiligung

Jetzt zum Thema Heiligung: Es gibt kein Gebot dazu in der Bibel. Nirgendwo steht zum Beispiel in „Jürgen Kapitel drei Vers vier“ – eine solche Stelle gibt es nicht –, dass wir gute Fragen stellen sollen. Auch steht nicht geschrieben: „Lasst euer Zusammenkommen von guten Fragen geprägt sein.“

Hätte ich so etwas gerne gefunden, hätte ich es euch auch zitiert, aber es gibt es einfach nicht. Trotzdem, obwohl es solche Gebote nicht gibt, stehe ich hier und sage: Wir müssen lernen, mehr und bessere Fragen zu stellen, wenn wir Gott ähnlicher werden wollen.

Gott ist ein Gott, der gute Fragen stellt. Wenn du sagst, Heiligung bedeutet, Gott oder Jesus ähnlicher zu werden, dann gehört ganz praktisch dazu, dass ich lerne, gute Fragen zu stellen. Das ist eine tolle Aussage, oder? Ich empfinde sie jedenfalls so. Gottes Ebenbildlichkeit entsteht dadurch, dass ich lerne, gute Fragen zu stellen.

Als ich mich auf diese Stelle vorbereitet habe, dachte ich mir: Toll, Jürgen, richtig toll, dass du anfängst, über ein Thema zu predigen, bei dem du selbst noch viel lernen musst. Denn wenn man so etwas formuliert und sagt, das sei eine logische Ableitung aus dem Text, ohne einen Bruch in der Argumentation, dann müssten wir alle lernen, gute Fragen zu stellen.

Man darf sich ja auch selbst mal fragen: „Sag mal, Jürgen, wie macht man das eigentlich gut?“ Dabei stellte ich erstaunt fest, dass ich gar nicht so viele Fragen stelle. Dann habe ich mir die Fragen angeschaut, die ich stelle, und fand sie auch nicht besonders gelungen. Das hat mich ein bisschen erschrocken. Es ist interessant, dass ich ein Thema all die Jahre gar nicht so beachtet habe.

Und das kann passieren. Das Schöne im geistlichen Leben ist, dass Gott uns begleitet. Auch wenn wir schon Jahrzehnte mit ihm unterwegs sind, lässt er uns immer wieder auf Themen stoßen, bei denen wir zuerst denken: „Oh, du bist aber niedlich.“ Doch wenn wir genauer hinschauen, merken wir: „Oh, du bist gar nicht so niedlich, du bist eigentlich ziemlich herausfordernd.“

Vier Schritte zu besseren Fragen

Was tun, damit wir bessere Fragen stellen? Vier Punkte.

Erstens – und dieser Punkt klingt völlig banal: Du musst es wollen. Was meine ich damit? Jetzt wird es ehrlich. Du musst es wirklich wollen. Wenn ich eine Frage stelle, beende ich damit meinen eigenen Redebeitrag. Das heißt, wenn ich mich selbst gerne reden höre, werde ich wenig Fragen stellen. Verstehst du, was ich meine? Wer Fragen stellt, stellt mit der Frage plötzlich den anderen in den Mittelpunkt des Gesprächs.

Außer bei rhetorischen Fragen, bei denen man keine Antwort erwartet, ist es immer so: Ich stelle eine Frage und höre dann auf zu reden. Ich frage und bin still. Als ich das vor Augen hatte, wusste ich, warum ich so wenig Fragen stelle. Einfach deshalb, weil ich mich selbst so gerne reden höre. Das ist wirklich so. Ich erkläre auch gerne Dinge, und das will ich nicht schlechtreden. Aber trotzdem: Du musst es wollen. Das ist der erste Punkt. Du musst sagen: Ich will wirklich eine gute Frage stellen, damit der andere mal etwas sagen darf. Das heißt, ich muss aufhören, selbst zu reden.

Zweitens – und das ist noch schwieriger: Wer gute Fragen stellen will, muss vorher gut zuhören. Ich muss verstehen, wo der andere eigentlich steht, wie es ihm gerade geht und was er so macht. Wenn ich den anderen gar nicht kenne, kann ich keine vernünftige Frage stellen. Und da dachte ich mir: Okay, dann geht es eigentlich ums Thema Liebe. Liebe heißt, ich schaue von mir weg auf den anderen. Liebe heißt, ich will nicht immer nur nehmen, ich will geben.

Dazu wird uns Aaron demnächst noch viel mehr in der Predigt erzählen. Ihr könnt euch schon darauf freuen. Heute geht es nur darum, gute Fragen zu stellen. Ich habe euch mal die vier schlimmsten Zuhörer-Typen mitgebracht. Vielleicht erkennst du dich wieder.

Es gibt Leute, mit denen du dich unterhältst, und du hast keine Lust, ein zweites Gespräch zu führen. Warum? Da gibt es den Typ Verharmloser. Kennst du den? Du hast ein großes Problem, und das Einzige, was er darauf antwortet, ist: „Ja, so schlimm ist das ja gar nicht. Wenn du mal erlebt hättest, was ich erlebt habe. Oder da kenne ich jemanden, dem geht es noch viel schlechter.“

Oder es gibt den Typ Besserwisser. Den finde ich persönlich auch interessant. Er hat schon alles erlebt und weiß über alles Bescheid. Du bist gerade dabei, ihm zu erklären, wie es dir geht, und bevor du zu Ende bist, hat er schon eine Lösung für dich parat. Damit du weißt, was du jetzt tun sollst.

Dann gibt es den Abschweifer. Das ist der, bei dem du erzählst und er plötzlich von sich erzählt. Das hat eigentlich nicht viel mit dem zu tun, was du gerade gesagt hast. Zum Beispiel erzähle ich etwas über mein Ehewochenende, und er sagt: „Ja, ich war auch mal im Hotel frühstücken.“ Okay, schön, dass du zugehört hast, freut mich.

Der schlimmste Typ ist der Unterbrecher. Das ist der Typ, bei dem du nicht mal wagst zu atmen oder einen Gedanken zu Ende zu bringen, weil du weißt, sobald du eine kleine Pause machst, springt er rein. Er lässt keine Pause zu und beginnt sofort zu reden. Wenn du so ein Typ bist, wird es schwierig, ein guter Fragensteller zu sein, weil du kein guter Zuhörer bist.

Also, das eine ist: Ich muss es wollen. Das zweite ist: Ich muss lernen, gut zuzuhören.

Drittens: Wir lernen, gute Fragen zu stellen, wenn wir uns mit den Fragen in der Bibel beschäftigen. Mein Tipp: Studiere mal die Fragen in der Bibel. Lies die Evangelien nicht nur, um die Antworten zu sehen, sondern die Fragen. Ich weiß, wie schwer das ist. Mir geht es auch so. Man fliegt oft über die Fragen hinweg, weil man die Antworten will. Die Antwort ist spannend, die Frage findet man doof und denkt nicht weiter darüber nach. Die Antwort ist doch eigentlich relevant.

Mein Tipp: Mach es mal andersrum. Studiere die Fragen und überlege, warum Jesus diese Fragen in den Evangelien stellt. Du wirst ein guter Fragensteller, wenn du dich damit beschäftigst, wie jemand anderes das macht.

Viertens: Schau dir an, wie du mit den Fragen umgehst, die Jesus dir stellt. Wir kommen jetzt zum Bereich der persönlichen Anwendung. Ich setze voraus, dass du jeden Tag genug Zeit mit der Bibel verbringst, um zu hören, was Gott dir sagen möchte. Wenn das nicht der Fall ist, kann ich dir nicht helfen. Denn dann hast du nicht hingehört und die Fragen auch nicht wahrgenommen.

Wenn wir aber einen regelmäßigen, persönlichen Umgang mit der Bibel haben, dann wird Folgendes passieren: Wir lesen Texte, die uns ansprechen und berühren. Wir haben das Gefühl, Gott möchte in unser Leben hineinsprechen. Die Frage ist: Wie gehst du damit um? Lässt du dich überhaupt noch von einer Frage berühren?

Persönlich bin ich ein großer Freund von Heiligung. Wo hat Gott dich in der letzten Woche durch sein Wort berührt? Genauer gesagt: Wo hat der Heilige Geist durch das Schwert des Geistes, also das Wort Gottes, dich berührt? Wenn dir jetzt nichts einfällt, frage dich: Warum fällt mir nichts ein? Denke darüber nach.

Gott möchte in dein Leben hineinsprechen. Er möchte dir Fragen stellen, die dich herausfordern. Wenn wir vor diesen Fragen davonlaufen, wird das auch unsere Liebe zu Fragen beeinträchtigen. Dann werden wir keine guten Fragensteller sein. Das wird nicht funktionieren.

Also, vier Punkte sind mir wichtig geworden:

Erstens: Will ich überhaupt gute Fragen stellen? Oder gefalle ich mir als der große Redner, der ständig quatscht?

Zweitens: Kann ich gut zuhören? Oder bin ich einer von denen, die schon genervt sind, wenn der andere nur den Mund aufmacht? Weil es mir eigentlich egal ist, was du zu sagen hast, weil du mich sowieso nicht interessierst? Ich bin hier der Mittelpunkt, nicht Jesus. Gib mir Raum, über mich zu reden, aber halt die Klappe!

Ist das bei dir auch nur ein bisschen so?

Drittens: Bin ich offen dafür, mir anzuschauen, wie Jesus Fragen einsetzt? Wir wollen wie Jesus werden. Schau dir an, wie er ist. Nimm dir mal Zeit, vielleicht in der nächsten Woche. Liest du immer noch zehn Kapitel pro Tag? Das ist ein bisschen viel, aber ein cooler Bibelleseplan. Fang mit den Evangelien an und schau, ob da Fragen drinstehen. Wenn du die Fragen findest, denk darüber nach: Warum stellt Jesus diese Frage? Was bewirkt er damit? Wie kann ich von ihm lernen?

Viertens: Lasse ich mich selbst noch hinterfragen? Gibt es das eigentlich noch, dass Gott mich hinterfragt? Oder bin ich so selbstgerecht, hochmütig und dumm, dass ich denke, ich bin fertig, bei mir muss ich nichts mehr tun?

Wie gesagt: Das Thema „gute Fragen stellen“ kam ganz harmlos über eine andere Geschichte zu mir. Und plötzlich denkst du dir: Da hätte ich auch schon vor zwanzig Jahren mal drüber nachdenken können.

Abschluss: Merkmale einer guten Frage und Ermutigung zur Nachahmung

Frage – und damit kommen wir zum Schluss: Was macht eine gute Frage aus? So eine Jesusfrage. Sagen wir es einfach mal so: Eine gute Frage, so wie Jesus sie stellt, ist einerseits mutig. Das ist keine banale Sache. Sag mal, wie warm ist es draußen? Warst du schon schwimmen in diesem Jahr? Das ist jetzt nicht so mutig.

Eine gute Frage ist liebevoll, hat den anderen im Blick und ist irgendwie herausfordernd. Sie öffnet den Raum für Begegnung. Sie öffnet den Raum für die Begegnung entweder mit der Wahrheit, mit sich selbst oder mit Gott.

Und das Coole ist: Wir feiern ja heute das Zehnjährige von Jenny. Wisst ihr, was ihr von ihr lernen könnt – außer Treue? Wie man Fragen stellt. Viele von euch treffen sich mit ihr, und sie ist ja so jemand, der wirklich ein Herz für mich hat. Ihr müsst mal zuhören, wie sie euch Fragen stellt. Wenn du dir die Frage stellst: Warum bin ich so gerne bereit, ihr mein Herz zu offenbaren? Das passiert ja. Du quatschst, und plötzlich stellst du fest, sie weiß alles von mir. Wie kommt das?

Ganz einfach: Sie stellt die richtigen Fragen. Lernt das von ihr. Macht mal ein Seminar dazu, das wäre wirklich cool.

Also, was macht eine gute Frage nach Jesusart aus? Sie ist mutig, sie ist liebevoll, herausfordernd und öffnet den Raum für die Begegnung – und zwar mit der Wahrheit, mit mir selbst, mit Gott.

So, ich wollte euch heute zwei Dinge sagen. Erstens: Heiligung ist nicht immer eine Sache von Geboten und Verboten. Sehr oft ist es das. Aber manchmal ist es auch so, dass ich mir anschaue, wie Gott tickt, was Gott tut, wie Gott ist. Und dann versuche ich, ihn in seinem Umgang mit Menschen zu imitieren.

Zweitens: Wenn wir Jesus ähnlicher werden wollen, wenn wir in der Heiligung vorankommen wollen, dann müssen wir lernen, gute Fragen zu stellen. Fragen, die mutig sind, liebevoll, herausfordernd und weiterführend.

Und wenn du sagst: Was soll ich denn jetzt tun? Keine Ahnung, woher soll ich wissen, was du jetzt tun sollst? Ich kann dir sagen, was ich getan habe.

Wenn ich so einem Thema begegne, wo ich denke: Jürgen, da stehst du noch ganz am Anfang, dann nehme ich so ein Thema und setze es auf eine Gebetsliste. Ich habe das auf meine Freitagsgebetsliste gesetzt. Also jeden Freitag kommt jetzt das Thema „Lerne, gute Fragen zu stellen“ dran.

Und immer freitags werde ich jetzt dafür beten, dass ich es lerne, gute Fragen zu stellen. Das bedeutet, einmal in der Woche denke ich über das Thema nach. Und ich bin sicher: Wenn ich in den nächsten Wochen und Monaten immer freitags dafür bete, dass ich es lerne, gute Fragen zu stellen, dann wird irgendwann auch wieder der Geist Gottes kommen und sagen: Hey, wir könnten mal was probieren.

Oder er wird mich vielleicht, während ich mich mit einem von euch unterhalte und während ich da stehe und mal wieder meinen Monolog starte, von hinten auf die Schulter tippen und sagen: Jürgen, beten wir eigentlich immer noch dafür, dass du das mit den guten Fragen machst? Oder stand da, ich will gute Monologe halten?

Ich bin mir sicher, der Geist Gottes wird mir helfen, dass ich mich da verändere. Und ich bin mir ganz sicher, wenn ihr bereit seid, euch ändern zu lassen, wird er das auch tun. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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