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Enthaltsamkeit

Teil 6
2. Petrus 1,5-8
Serie•Teil 6 / 9Die Dynamik des Geistlichen Lebens
Wie beurteilst du dich und dein geistliches Leben selber? Es ist gut sein eigenes Leben zu beurteilen, nur wie machst du das? Für die Beurteilung deines geistlichen Lebens brauchst du einen Ordnungsrahmen und genau den möchte dir Jürgen Fischer dir in dieser Predigt Reihe zeigen.

Rückblick auf die Reihe und der Zusammenhang des Leittextes

Deswegen noch einmal ein Blick zurück: Wir haben eine Reihe, die heißt Die Dynamik des geistlichen Lebens. Es geht um verschiedene Aspekte des geistlichen Lebens, von denen Petrus sagt, dass, wenn diese Dinge im Leben eines Christen vorhanden sind – und ihr werdet merken, es sind eigentlich ganz banale Sachen –, dann werden zwei Dinge passieren.
Zum einen wird unser Leben sicher. Wir können von Heilssicherheit sprechen. Ihr werdet niemals straucheln, das ist die Verheißung. Und das andere, fast noch schöner: Ihr werdet den Herrn Jesus erkennen.
Deswegen lasst uns noch einmal unseren Leittext aus dem zweiten Petrusbrief lesen, 2. Petrus 1,5-8. Ich hoffe, er kommt euch noch nicht aus den Ohren, aber wenn ihr ihn vielleicht auswendig lernen wollt, wäre das auch schön.
Hier also 2. Petrus 1,5-8:
Eben deshalb – und davor steht, dass Gott uns mit allem beschenkt hat, was wir zum Leben und zur Gottseligkeit, zum Leben in dieser Welt und zum Leben mit ihm brauchen. Das ist jetzt die Folge davon: Weil wir als Beschenkte und Begnadigte vor Gott stehen, eben deshalb.
Wendet aber auch allen Fleiß auf und reicht in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis, in der Erkenntnis aber die Enthaltsamkeit, in der Enthaltsamkeit aber das Ausharren, im Ausharren aber die Gottesfurcht oder Gottseligkeit, in der Gottseligkeit aber die Bruderliebe, in der Bruderliebe aber die Liebe. Denn wenn diese Dinge bei euch vorhanden sind und wachsen, lassen sie euch im Hinblick auf die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus nicht träge und nicht fruchtlos sein.
Acht Aspekte eines geistlichen Lebens: Glaube, Tugend und Erkenntnis haben wir uns bereits angeschaut, und heute geht es weiter mit Enthaltsamkeit.

Erkenntnis, Gottesfurcht und der innere Konflikt

Und Enthaltsamkeit, das ist jetzt mal eine Behauptung, entwickelt sich eigentlich organisch aus Erkenntnis. Ein klein wenig kann man bei diesen einzelnen Punkten sagen, dass sie auch logisch auseinander hervorgehen.
Wenn man sich fragt, was die Folge oder was die Folgen von Erkenntnis sind: Ich beschäftige mich mit Wissen. Was sind die Folgen? Eine Sache ist klar: Ich bekomme mehr Wissen, logisch. Aber es gibt noch zwei weitere Folgen von Erkenntnis. Eine Folge ist Verdruss, und das andere ist Gottesfurcht.
Also: Wenn du dich mit Erkenntnis beschäftigst, dann bekommst du Wissen, Verdruss und Gottesfurcht. Cool, oder?
Jetzt wirst du fragen: Wo hast du den Verdruss her? Das werdet ihr wissen, denn wir haben den Prediger schon gemacht, Prediger 1, Vers 18, wenn ihr euch da noch dran erinnert. Da heißt es denn: Wo viel Weisheit ist, ist viel Verdruss. Und wer Erkenntnis mehrt, der mehrt Kummer.
Ja, ich kann nur sagen: Ist leider so. Je mehr Durchblick du im Leben hast, also je mehr du dich mit dem Wort Gottes beschäftigst und damit auch je mehr du dich mit Realität beschäftigst, ich hätte das in meinem Gebet anklingen lassen, finde das so großartig, wir brauchen einen Blick auf diese Welt, und das Wort Gottes lässt uns einen ungeschminkten Blick in die Realität hinein tun.
Aber je mehr man das erkennt, wie die Realität wirklich ist, und was es bräuchte, um in dieser Zeit oder in diesem Leben erfolgreich, so mit Anführungs- und Schlusszeichen, was halt dieses Leben hergibt, erfolgreich irgendwie das Ding zu meistern, je mehr du das verstehst, umso mehr merkst du natürlich auch, was im Leben von anderen Leuten schiefläuft.
Oder du schaust in die Gesellschaft rein und denkst: Das kann nichts werden. Das ist schon die letzten, was überblicken wir so, fünf Jahre Kulturgeschichte, so nichts geworden, das wird auch die nächsten nichts werden.
Und in dem Moment, wo man das versteht, also wo man die Prinzipien versteht, die eigentlich gut wären, viel davon auch im eigenen Leben umsetzt und merkt, die sind wirklich gut, dann es hoffentlich auch seinen Kindern weitergibt, damit die auch das Gute weitertragen, und dann mitkriegt: Die anderen machen es nicht. Das vermehrt einfach mal Kummer. Wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer. Sorry, das ist so.
Aber es gibt noch etwas. Also: Wer sich mit Erkenntnis beschäftigt, bekommt Wissen, Verdruss und Gottesfurcht. Und das finde ich ganz schön.

Warum geistliches Lernen nicht bei Wissen stehenbleibt

Auch Gottesfurcht wächst aus Erkenntnis. Je mehr ich mich mit Gottes Wort beschäftige und dann natürlich vor allem mit dem, was Gott getan hat und wie er ist, desto mehr merke ich: Wow, ich lerne es, Gott zu fürchten.
Ich glaube, das ist auch der Grund dafür, warum im mosaischen Gesetz die Könige aufgefordert werden, täglich in der Bibel zu lesen. Sie werden sogar aufgefordert, und ich weiß nicht, ob sie das selber gemacht haben, aber da steht, dass sie das vorher abschreiben sollen.
Ich stelle mir das manchmal vor: Jemand bekehrt sich, und du sagst ihm: Okay, wir haben hier eine Bibel, die leihen wir dir jetzt einfach mal drei Monate aus. Schreib sie ab, damit du auch eine Bibel hast. Das wäre doch was. Ich meine, da bräuchte man sich gar keine Sorgen mehr zu machen, dass der seine Bibel nicht kennt. So, wir lesen den Text: 5. Mose 17,18-19. Und ja, ich weiß, dass hier noch nicht so viel Bibel da ist. Mir ist das schon klar. Der hatte nur ein paar hundert Seiten abzuschreiben, wir haben heute tausendvierhundert, das ist schon ein bisschen mehr. Aber spannend wäre die Idee trotzdem.
Also 5. Mose 17,18-19:
Und das soll geschehen, wenn er, der König, auf dem Thron seines Königreiches sitzt, dann soll er sich eine Abschrift dieses Gesetzes in ein Buch schreiben, aus dem Buch, das den Priestern, den Leviten, vorliegt. Und diese Abschrift soll bei ihm sein, und er soll alle Tage seines Lebens darin lesen, wozu? Damit er den Herrn, seinen Gott, fürchten lernt, um alle Worte dieses Gesetzes und ihre Ordnungen zu bewahren und sie zu tun.
Aus Wissen erwächst Gottesfurcht, wenn es nicht ein Wissen ist, das um seiner selbst willen erworben wird. Okay, es gibt auch so dieses Prinzip: dicker Kopf. Das ist hier nicht gemeint. Sondern aus Wissen erwächst Gottesfurcht, wenn ich das, was ich lerne, auch umsetzen möchte. Wenn das mein Ziel ist. Wenn ich lernen will, um mich zu verändern, um, wie heißt es hier, alle Worte dieses Gesetzes und seine Ordnungen zu bewahren und sie zu tun. Wenn das mein Ziel ist, dann wird aus dem, was ich lerne, mit dem Ziel, es zu tun, Gottesfurcht erwachsen.
Einfach deshalb, weil ich dann aufhöre, mir ein verklärtes Bild von dem lebendigen Gott zu machen, und mich damit beschäftige, wie er wirklich ist. Und das tut gut. Und was er in der Geschichte gemacht hat, wie er gewirkt hat. Und wenn ich mir das anschaue, dann bleibt eines übrig. Ich erlebe Gott vor meinem geistigen Auge, und es entsteht Ehrfurcht. Es geht einfach nicht anders, wenn aus diesem pausbäckigen Weihnachtsmann, was man manchmal so als Bild hat, der lebendige, heilige Schöpfergott dann vor mir steht. Das muss etwas mit mir machen.

Der Kampf zwischen Geist und Fleisch

Und in dem Moment, in dem sich Erkenntnis mit Gottesfurcht mischt, also ich lerne Dinge dazu und merke: Boah, da ist ein Gott, der heilig ist und sich wirklich wünscht, dass die Dinge, die ich lerne, sich auch in meinem Leben wiederfinden, passiert etwas Entscheidendes.
In diesem Moment finde ich mich mitten in einem Konflikt wieder. Ich lerne Dinge dazu und weiß, dass ich sie vor Gott lerne, mit dem Wunsch, sie auch zu tun. Da stehe ich mitten in einem Konflikt, in dem auf der einen Seite der Geist ist und auf der anderen Seite das Fleisch. Auf der einen Seite ist der Wille Gottes, der sagt: Hey, das wünsche ich mir für dein Leben. Und auf der anderen Seite ist mein Fleisch, das sagt: Ich habe keinen Bock drauf. Da ist etwas in mir, das nicht einfach sagt: Jo, machen wir. Sondern da ist etwas, das nicht gehorchen will.
Deswegen ist es so wichtig zu verstehen: Der Mensch braucht nicht einfach nur mehr und besseres Wissen. Mehr Wissen macht noch keinen besseren Menschen. Das ist in meinen Augen die falsche Hoffnung aller Ideologien. Sie behaupten: Wenn du endlich verstanden hast, was ich dir zu sagen habe, und endlich nach den Prinzipien lebst, die ich dir bringe, dann wird alles gut. Das hat der Nationalsozialismus genauso gesagt wie der Marxismus, und jeder Ismus, der so kommt, trägt diese Idee in sich: Folge mir, und es wird gut. Ich weiß, wie der Mensch funktioniert, wenn er nur das richtige Wissen hat und endlich richtig lebt.
Das stimmt natürlich nicht, weil das Problem des Menschen viel tiefer liegt. Bildung macht nicht frei. Bildung allein, das Wissen um das, was richtig ist, führt nicht dazu, dass ich den Widerstand überwinden kann, der in mir gegen das Gute lebt. Dieser Widerstand will mich davon abhalten, das Gute zu tun. Ich brauche mehr. Und deswegen braucht es Bekehrung. Es braucht die Kraft des Heiligen Geistes im Leben eines Menschen. Es braucht den, der am Kreuz die Macht der Sünde besiegt und mich freigemacht hat.
Wenn ich den nicht habe, hilft mir mehr Wissen gar nichts. Aber wenn ich ihn habe, dann bin ich grundsätzlich in der Lage, diesen inneren Widerstand zu überwinden, den die Sünde gegen das Gute und gegen das Richtige immer wieder aufbaut.

Enthaltsamkeit als christliche Tugend

Und wenn ich sage: Ja, das möchte ich, und jetzt merkt er ja, aus der Erkenntnis zusammen mit der Gottesfurcht entsteht dieser Wunsch, den Kampf aufzunehmen und zu sagen: Ich weiss, was Gott will, ich will, was Gott will, weil ich ja bekehrt bin. Und jetzt merke ich: Okay, damit ich da ankomme und das auch tue, muss ich einen weiteren Aspekt des Glaubens trainieren. Und dieser Aspekt heisst Enthaltsamkeit.
Ich habe mir überlegt, weil der Begriff Enthaltsamkeit so wenig griffig ist: Ich jongliere heute in der Predigt mit drei Begriffen, die eigentlich alles dasselbe wollen. Also verwende ich jetzt völlig synonym, und ihr könnt das in der Nacharbeit dann, wenn ihr zu Hause sitzt, noch einmal überlegen, ob das eine kluge Idee war, aber ich werde synonym drei Begriffe verwenden. Da ist einmal das Wort Enthaltsamkeit, dann das Wort Disziplin und das Wort Selbstbeherrschung. Diese drei Begriffe stecken auch alle in dem griechischen Wort drin, und ich werde sie jetzt austauschbar verwenden. Also: Enthaltsamkeit, Disziplin, Selbstbeherrschung.
Und diesen Aspekt müssen wir verstehen als eine christliche Tugend. Es ist eine Tugend, die vielleicht selten gepredigt wird, aber es ist eine Tugend, die für mein Leben von allergrösster Bedeutung ist. Und warum ist das so? Erkenntnis ist die Theorie. Aber weisst du, die Theorie allein macht noch kein Leben. Wenn ich von der Theorie zur Praxis kommen will, dann stehen dazwischen zwei Tugenden. Und das eine ist Enthaltsamkeit, also: Ich habe keinen Bock drauf und mache es trotzdem. Und das andere ist, das werden wir uns beim nächsten Mal anschauen, Ausharren.
Das heisst: Andere haben keinen Bock, dass ich das tue, versuchen mich aufzuhalten, und ich mache es trotzdem. Diese beiden Tugenden, Enthaltsamkeit oder Disziplin und Ausharren, sind das Bindeglied zwischen Theorie und Praxis. Du kannst viel wissen, aber wenn du es nicht schaffst, das in dein Leben zu übersetzen, dann bringt dir dein vieles geistliches Wissen eben nichts. Und weil sie so ein Bindeglied sind, deswegen sind diese beiden Aspekte, vor allem heute eben Enthaltsamkeit, auch so wichtig.

Das Evangelium und die Frucht des Geistes

Zwei Dinge vorneweg, die wir bei Enthaltsamkeit verstehen müssen.
Erstens: Es gibt kein Evangelium ohne Enthaltsamkeit. Ich möchte euch das an einer ganz interessanten Stelle zeigen. Paulus ist bei einem Verhör während seiner Gefangenschaft in Caesarea, und da sagt er Folgendes. In Apostelgeschichte 24 heißt es in den Versen 24 und 25:
Nach einigen Tagen aber kam Felix herbei mit Drusilla, seiner Frau, die eine Jüdin war, und ließ den Paulus holen und hörte ihn über den Glauben an Christus.
Und jetzt wird es ganz spannend: Paulus hat die Möglichkeit, dem Felix davon zu erzählen, worum es im Glauben geht. Und dann heißt es hier, als er aber über Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit und das kommende Gericht redete, wurde Felix mit Furcht erfüllt und antwortete: Für jetzt geh hin; wenn ich aber gelegene Zeit habe, werde ich dich rufen lassen.
Das hat er natürlich nie getan. Das ist dann immer so die Sache: Wenn jemand nicht weiterreden will, dann kann man es später mal machen, morgen nochmal darüber reden. Das passiert nie.
Spannend ist hier: Paulus redet über den Glauben an Christus. Und dazu gehören drei Themen: Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit und das kommende Gericht. Ich finde das total spannend.
Stell dir vor, jemand kommt zu dir und fragt dich: Sag mal, kannst du mir mal kurz erklären, worum es bei euch so geht? Ihr trefft euch da immer Sonntagfrüh, schlaft nicht aus, eine ein bisschen komische Truppe singt da draußen, ist ja irgendwie ganz nett. Aber sag mal, worum geht es bei dir so im Glauben?
Frage: Wenn dich jemand nach deinem Glauben fragt, hättest du ihm das Thema Enthaltsamkeit oder Disziplin oder das, was sich in seinem Leben ändern muss, auch gebracht? Hättest du ihm gesagt: Weißt du, heute bist du so ein völlig disziplinloser Faulpelz, das muss sich echt ändern, wenn du gläubig werden willst?
Ja, nicht jeder ist so. Aber wenn es so wäre, ja, Felix scheint da ein Problem gehabt zu haben, weswegen Paulus das erwähnt. Hätten wir das gesagt?
Und ich habe den Eindruck, vielleicht auch ein bisschen die Angst, dass wir im Rahmen unserer Evangeliumsverkündigung als, ich sage bewusst, evangelikale Christen, in der Gefahr stehen, Enthaltsamkeit als Thema eher unter den Tisch fallen zu lassen. Und es liegt vielleicht daran, dass wir als Protestanten den Begriff Gnade viel zu sehr verstehen als einen Freibrief zum Weitersündigen.
Es kann sein, dass wir da so eine Schieflage haben. Wenn du mehr dazu wissen möchtest: Ich mache jetzt mal Werbung für den Podcast der letzten Woche, Teil vier, Anfragen an den christlichen Glauben. Da erkläre ich, warum das nicht geht, dass man Gnade als Freibrief zum Sündigen verstehen darf. Ich habe nur Angst, dass das tatsächlich in vielen Köpfen so drin ist: Jetzt bin ich aus Gnade gerettet, jetzt spielt das alles, wie ich lebe, nicht mehr so die Rolle.
Und deswegen verstehen wir vielleicht Paulus gar nicht, warum er so einen Schwerpunkt legt auf Enthaltsamkeit oder auf Disziplin, auf Selbstbeherrschung.
So, das war mein erster Punkt: Enthaltsamkeit ist ein Thema, das man erklären muss, wenn jemand sich bekehren will. Und es ist so zentral.
Jetzt kommt der zweite Punkt: Weil es zum Zentrum eines christlichen Charakters gehört.

Geistgewirkte Selbstbeherrschung im Alltag

Also, ich komme nicht daran vorbei, mich mit dieser Frage zu beschäftigen: Wie werde ich ein disziplinierter Mensch?
Denn wenn der Geist Gottes in mein Leben hineinkommt und mich verändert, wenn er sagt: Jürgen, schön, dass du da bist und dich bekehrt hast. Ich hätte da ein paar Ideen. Ja, Galater 5,22-23, einfach mal so ein paar Ideen, die dein Leben noch schöner machen. Also, was hältst du davon? Wir fangen mal an. Wir schauen uns mal so eine Frucht an, die wir über die nächsten dreißig, vierzig, fünfzig Jahre in deinem Leben sprossen lassen wollen.
Was hältst du von Liebe, Freude, Friede? Was hältst du von Langmut, Freundlichkeit, Güte, von Treue und Sanftmut? Und alle sagen: Ja, will ich!
Und dann kommt dieser letzte Punkt. Der kommt ein bisschen nachgezogen. Fast so, dass man denkt: Mir ging es immer so, ich habe davor Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue. Das versteht sofort jeder. Aber dann: Disziplin. Hier steht es als Enthaltsamkeit, aber es ist genau der gleiche Gedanke. Und es gehört in eine Reihe mit Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut. Eine Reihe. Es ist eine Frucht. Es ist ein Charakter. Es ist nichts anderes als der Christuscharakter.
Und wenn du bei dir so denkst: Na ja, das mit der Disziplin, das ist nicht so mein Ding, dann habe ich für dich heute eine gute Nachricht, ein echtes Evangelium: Der Heilige Geist wird das ändern.
Ist das nicht schön? Einfach nur schön. Der Herr Jesus war, und man kann es nicht anders sagen, extrem selbstbeherrscht. Wenn du mir nicht glaubst, geh mal in Ruhe die letzten 24 Stunden vor der Kreuzigung durch. Extrem selbstbeherrscht, extrem diszipliniert, extrem enthaltsam.
Und das Gute ist: Der Heilige Geist denkt sich, wir werden genauso, ganz genauso, zumindest dann, wenn wir das zulassen, dass er uns prägt.

Gemeinde, Kampf und die Frage nach dem Maß

Mir ist dieser Punkt wichtig, weil ich jetzt verallgemeinere. Das gilt natürlich nicht für euch, denn Verallgemeinerungen gelten ja nie für euch.
Aber was soll ich sagen: Mein Eindruck in christlichen Gemeinden ist manchmal der, dass es da die Entspannten gibt und die Disziplinierten. Da gibt es die, die sich reinhängen, und dann gibt es die, die es ein bisschen gemütlicher angehen und sich auch mit den Zuschauerrängen zufriedengeben.
Versteht ihr, es gibt diese zwei Gruppen in Gemeinden. Und wenn ich mir anschaue, dass Enthaltsamkeit, Schrägstrich Disziplin, eine Frucht des Geistes ist, dann kann das nicht falsch sein. Es muss richtig sein, weil Disziplin Ausdruck von Echtheit ist.
Selbstbeherrschung ist nicht das Privileg der Extraheiligen, die sich noch ein paar Extrapunkte für den Himmel abgreifen wollen. Sondern Enthaltsamkeit ist der Standard, das ist das Normale. Es ist das Normale, weil jeder von uns in demselben Konflikt steht.
Wisst ihr, die Sünde, die in meinem Körper so lange wohnt, solange der noch nicht auferstanden ist, die Sünde will mich doch zurückhaben. Und ich garantiere dir: Sie wird sich Jahr für Jahr, Jahr für Jahr mächtig ins Zeug legen, damit du anfängst, endlich ein völlig belangloses, weltliches Leben zu führen. Ein Leben, das sich um so wertvolle Dinge dreht wie, Achtung, Sarkasmus: der nächste Urlaub, ein höheres Einkommen, die Tagespolitik oder die neue Couchgarnitur. Das ist das, was die Sünde will.
Und machen wir uns nichts vor: Wir stehen in diesem Kampf. Und wenn du ihr den kleinen Finger gibst, wird sie dir die Hand abreißen. Das wird sie einfach tun. Sie wird versuchen, dir das Leben zu vermiesen.
Vielleicht kannst du sagen: Ja, aber die Macht der Sünde ist doch gebrochen. Stimmt. Aber du musst persönlich dafür sorgen, dass sie, obwohl sie ein gebrochener Feind ist, nicht trotzdem ganz viel Schaden in deinem Leben anrichtet.
Und deswegen ist Enthaltsamkeit so unendlich wichtig. Dass ich merke: Wow, ich stehe tatsächlich in einem Konflikt, und ich muss lernen, in diesem Konflikt stehen zu bleiben, wenn die Angriffe kommen. Ich muss lernen, den Gegenwind auszuhalten. Da, wo es kalt wird, auch mal zu sagen: Das wird schon.
Ich muss lernen, in der Kraft des Heiligen Geistes einen Kampf zu kämpfen. Und dazu braucht es Entschlossenheit. Es braucht Enthaltsamkeit, es braucht Disziplin, es braucht den Willen zum Sieg.
Und deswegen ist das so eine wichtige Tugend, um die es heute geht.

Was Enthaltsamkeit verhindert und wie man sie lernt

Was ist das Gegenteil von Enthaltsamkeit? Wenn ich über das Gegenteil nachdenke, dann fallen mir Begriffe ein wie Maßlosigkeit, Fleischlichkeit und Weltlichkeit. Ein solcher Mangel an Enthaltsamkeit ist ein Mangel an Selbstbeherrschung und Disziplin. Das ist, muss man schon sagen, ein Kennzeichen für fleischliche Christen.
Ein fleischlicher Christ ist ein Christ, der irgendwie schon Christ ist und auch in Gemeinden ist. Aber wenn du dir anschaust, wovon er angetrieben wird, dann sind das die Gefühle in ihm drin, das, was ihn antreibt, also die Emotionen. Dann ist es auch ein bisschen der Zeitgeist, was gerade trendy ist und was die anderen gerade machen. Das sind fleischliche Christen, Christen, die mehr gelebt werden, als dass sie selbst leben.
Das sind dann Leute, die immer gute Vorsätze haben. Die nehmen sich immer an Silvester etwas vor. Und wenn du sie später darauf ansprichst, dann wirst du merken: Da ist nichts passiert. Also, bei allen guten Vorsätzen trotzdem unbewegt. Kennt ihr Zeugnissprache? Das sind die, bei denen dann draufsteht: Er war stets bemüht. Ja, die stets Bemühten, das sind die, bei denen hinten nichts rauskommt.
Die Frage ist: Was fehlt ihnen? Ganz einfach: Enthaltsamkeit. Das sind Leute, die definitiv viele Ausreden dafür haben, warum in ihrem Leben bestimmte Sachen gerade nicht gehen. Aber eigentlich ist es ganz einfach: Was ihnen fehlt, ist Disziplin.
Frage: Wie lerne ich Disziplin? Wenn diese Dinge bei euch vorhanden sind und wachsen, das ist unser Thema. Wie lerne ich Enthaltsamkeit? Keine Ahnung. Ja, noch nicht, nochmal zurück, dann ist mein Geld weg. Also, keine Ahnung, weil: In dieser Sache bin ich definitiv der falsche Ansprechpartner. Ich habe mit Disziplin null Probleme. Ich hatte nie welche damit. Warum? Ganz einfach: Ich bin nicht sonderlich begabt in all dem, was ich tue.
Ich habe nur relativ früh in der Schule gemerkt, dass man einen Mangel an Begabung durch Fleiß wettmachen kann. Und mir haben Einsen auf dem Zeugnis gefallen. Und von daher habe ich von klein auf einfach immer fleißig meine Sachen gemacht. Das hat sich dann so als Charakterzug einfach in mir festgesetzt. Ich kann nichts dagegen tun. Ich bin einfach so. Das hat sich auch, als ich Christ wurde, nicht geändert.
Es ist wichtig, dass wir das verstehen. Wenn wir uns bekehren, dann starten wir im Blick auf unsere Schwachstellen nicht bei allem mit null. Sondern wir kommen als Menschen in die Bekehrung hinein, und wir haben zum Teil von dem, wo der Geist Gottes später sagt: Da will ich dich verändern, schon richtig etwas gelernt. Also, wenn es bei mir um die Frucht des Geistes geht und um Disziplin, dann sage ich: Habe ich. Es ist immer noch ein bisschen Luft nach oben, aber im Vergleich zu dem, was andere Leute erst mal aufbringen müssen, um so die ersten zehn Prozent zu lernen, sage ich: Das hatte ich nie, das Problem kannte ich nicht.
Achtung, dafür habe ich andere Probleme. Ich schaue mir die Frucht des Geistes an: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. Ich mache hinter Enthaltsamkeit einen Haken. Wenn du mich fragst: Wie sieht es mit Liebe aus? Ja, da müssen wir noch ein bisschen arbeiten.
Versteht ihr? Du bekehrst dich. Du schaust dir an, was der Geist Gottes will, und du darfst gerne an der einen oder anderen Stelle sagen: Ja, da bin ich gut! Du darfst doch sagen: Hey, ich bin ein geduldiger Typ, mich bringt nicht so schnell etwas aus der Ruhe. Ein Freund von mir sagte vor Kurzem: Ich bin wie so eine Wanderdüne. Ja, das ist meine Ansage. Und es stimmt, er ist wirklich so ganz und gar gemächlich, sodass du einfach sagst: Ja, also bis der mal mit rotem Kopf vor dir steht und dich anbrüllt. Also, das hat er vielleicht zweimal in seinem Leben gemacht, aber auch nur, um es auszuprobieren.
Versteht ihr, es gibt einfach Dinge, die kannst du. Und da darfst du bei der Frucht des Geistes einfach sagen: Ja, check. Was du nicht tun darfst, ist sagen: Na ja, ich kann das eine, deswegen brauche ich das andere nicht lernen. Das dürfen wir nicht tun.
Und deswegen, wenn du mich fragst: Jürgen, wie lernt man Disziplin? Dann kann ich nur sagen: Habe ich immer schon gekonnt. War nie mein Problem. Ich arbeite in meinem Leben an anderen Stellen. Und wenn du jetzt hier sitzt und sagst: Schade, hätte ich schon ganz gerne gewusst, ich habe ja drei Tipps für dich, das wäre nicht der Punkt. Dann schau aber bitte auch auf die Dinge, die du schon kannst, das wäre mir wichtig.
Also, ich will dich nicht fertig machen, und die meisten Leute haben mit Disziplin ein bisschen Probleme. Ich will dich damit nicht fertig machen. Ich will einfach, dass du sagst: Hey, das kann ich schon gut, da freue ich mich darüber, da bin ich weiter als Jürgen, vielleicht weiter als Jürgen heute nach dreißig Jahren Christsein, obwohl ich mich erst vorgestern bekehrt habe. Das kann sein, warum nicht? Und an der Stelle kann ich noch etwas drauflegen.
Und wenn du sagst: Ich kann bei dem Punkt Disziplin noch etwas drauflegen, das merke ich einfach so, das ist nicht meins, dann habe ich zwar, wie gesagt, keine Erfahrung, aber ich habe drei Ideen. Und die drei Ideen, die stelle ich euch mal vor.

Praktische Wege zu mehr Selbstbeherrschung

Idee Nummer eins: Was könnte man machen, wenn man sagt, Enthaltsamkeit ist nicht so meins? Ich kann das tun, was man immer tut, wenn man irgendwo im Leben eine Sünde entdeckt. Das ist jetzt so eine Art Standardsache.
Ich fange beim Abarbeiten von Sünden in meinem Leben immer damit an, dass ich Bibelverse dazu auswendig lerne. Ich lerne erst einmal ein paar Verse, die etwas zu dieser Sünde sagen. Ich setze das Problem auf eine Gebetsliste, die relativ häufig durchgebetet wird. Und was ganz wichtig ist: Ich bekenne täglich diese Sünde. Wir sollen ja täglich unsere Sünden bekennen. Und ich fange einfach an, wenn ich merke, da ist eine Sünde in meinem Leben. Nehmen wir an, Disziplin. Dann würde ich ein paar Verse zum Thema Disziplin lernen. Ich würde täglich dafür beten. Und ich würde jeden Tag zurückschauen: Wie war es gestern? Und ganz fröhlich meine Sünde bekennen, weil das darf ich ja. Wir leben aus Gnade. Wir bekennen unsere Sünde. Er ist treu und gerecht, dass er uns die Sünde vergibt.
So, drei Dinge also: Verse, Gebet und Bekenntnis. Und damit fokussiere ich mich erst einmal auf das Problem. Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Bei tiefsitzenden Charaktersünden kann das einfach mal locker zwei, drei, fünf Jahre dauern, bis du überhaupt merkst, dass sich etwas in dir drin löst. Aber das ist ja nicht schlimm. Bis wir bei mir Zeit haben. Ja, man sagt so schnell, wir leben aus Gnade, aber das ist doch wunderbar, das stimmt doch auch. Wir haben doch Zeit. Das Einzige, was nicht geht, ist Stillstand.
Aber ich kann doch sagen: Ja, jetzt packe ich das Thema mal an. Ich nehme es einfach mal schon ins Visier. Ich halte mir das jeden Tag vor Augen. Nicht, um mich fertig zu machen, sondern einfach nur zu sagen: Da ist noch was. Wir wissen ja, dass wir mit der Kraft des Heiligen Geistes auch dieses Problem gelöst kriegen werden. Ich kann dir nämlich sagen: Wann immer ich das gemacht habe, hat sich nach ein paar Jahren durch diese Fokussierung etwas getan. Du darfst einfach nur nicht aufgeben, das ist der Trick im geistlichen Leben.
Die Sünde kann nur eines: Sie kann dir nur einreden, das bringt doch eh nichts, das schaffst du nie, das ist viel zu groß. So, du änderst dich auch nicht mehr. Wenn du dem nicht glaubst, wenn du sagst: Nein, glaube ich nicht, und damit anfängst, Gott zu vertrauen, einfach durch Reflexion plus Flehen plus tägliche Vergebung, dann ist das eine wirkliche Macht in deinem Leben. Unterschätzt das nicht bei jeder Sünde. Ich mache das wirklich bei jeder Sünde, die ich neu entdecke. Die kommt auf so eine persönliche Sündenliste oben drauf, wo dann stehen würde: 2021 gefunden. Dann steht sie da, und dann fange ich an, dafür zu beten. Und dann mache ich das bei jeder Sünde und schaue einfach mal, was passiert.
Zweiter Punkt: Such dir gerade beim Thema Disziplin einen Coach, also jemanden, der mit Disziplin keine Probleme hat, und erzähl ihm mal, an welchen Stellen du diese Disziplinlosigkeit oder diesen Mangel an Enthaltsamkeit oder den Mangel an Selbstbeherrschung wahrnimmst. Warum ist das wichtig? Weil es gut ist, darüber nachzudenken: Wo kommt der Mangel an Disziplin her? Was steckt dahinter?
Bei einem Mangel an Disziplin gibt es ein weites Feld an Problemen, die dafür verantwortlich sein können. Das kann Faulheit sein, das kann Aufschieberitis sein, das kann schlechte Planung sein, das kann eine Sucht sein, das kann sogar Überlastung sein oder Perfektionismus. Also es gibt x Gründe dafür, warum man sein Leben als undiszipliniert wahrnimmt oder warum man merkt: Ich kriege gerade etwas nicht auf die Reihe.
Und manche sind einfach nicht so furchtbar tragisch. Da braucht man vielleicht gar nicht viel, um daran etwas zu ändern. Also such dir einen Coach, der mit dir einfach mal dein Leben betrachtet und überlegt: Okay, wo kommt, wenn du von einem Mangel an Disziplin oder Selbstbeherrschung oder Enthaltsamkeit redest, wo kommt das her, wo entdeckst du das, was passiert vorher, wie gestalten sich diese Momente? Und dann mit ihm zusammen einfach mal ganz praktisch überlegen: Was könnten wir ändern?
Dritter Punkt: Zum Thema, was könnten wir ändern, such dir doch einen Bereich aus. Einen Bereich, wo du sagst: Da möchte ich Selbstbeherrschung trainieren. Und dann nimmst du nur einen einzigen Bereich. Es kann sein, dass du mit so etwas Banalem anfängst wie Süßigkeiten. Ja, es gibt Leute, die haben ein Problem mit Süßigkeiten. Die können nicht an einer Tafel Schokolade vorbeigehen, ohne dass sie kleiner wird. Die schrumpft automatisch, ganz genau. Du kannst machen, was du willst. Du gehst einmal dran vorbei, fehlen drei Rippen. Es ist irgendwie passiert.
Wenn du sagst, das ist mein Problem, dann nimm doch ein solches Thema, wo du sagst: Das ist jetzt nicht gleich weltbewegend. Und da überlegst du mal: Wie kann ich da rangehen? Du startest im Kleinen. Du willst nicht gleich dein ganzes Leben zu dem superdisziplinierten Vorbildleben machen, wo aber auch noch das letzte Müh stimmt. Das wird nicht passieren. Du fängst irgendwo an. Süßigkeiten, schnappst dir das und arbeitest da ein bisschen dran herum.
Mir ist dabei Folgendes aufgefallen: Wenn es um Disziplin geht, ist regelmäßiges Fasten etwas, was Disziplin fördert. Wenn du mir nicht glaubst, mach Folgendes, probier Folgendes aus: Einmal in der Woche verzichtest du auf dein Mittagessen, und statt Mittagessen zu gehen, betest du. Wenn du es Freitag machst, machst du es wie ich, aber das musst du nicht tun. Aber ich mache es immer freitags. Ich habe sogar so eine Top-Zwölfer-Fastengebetsliste, die ich immer freitagmittags bete. Da bin ich dran, da verzichte ich auf mein Mittagessen.
Und es ist total spannend, mal so einen Tag in der Woche, wo mein Körper natürlich spätestens nachmittags um drei sagt: Hunger! Und ich sage: Weiß ich. Und er: Hunger! Und ich: Ist mir egal, Hunger, nein! Versteht ihr, das ist dann so eine Konversation, in die man eintritt, und die tut einem einfach gut, weil man merkt: Ich habe immer noch das Sagen hier. So ganz nur im Kleinen, das ist noch nichts Großes, aber so im Kleinen ab und zu mal zu erleben: Ich habe das Sagen. Supergut.
Also wollte ich das nur sagen: Gerade der Bereich Selbstbeherrschung wird dadurch, dass man regelmäßig fastet, positiv beeinflusst.
Das waren drei Ideen. Vielleicht hast du bessere Ideen, weil du sagst: Jürgen, im Gegensatz zu dir hatte ich das Problem, und ich weiß wirklich, was hilft. Dann bring das bitte nächsten Sonntag hier in den Gottesdienst mit, okay? Stell dich hier vorne hin und sag: Was ich noch ergänzen wollte, was Jürgen vergessen hat. Ich würde mich riesig darüber freuen.

Die Gefahr des Zuviel und die Bewahrung der Freude

Vorletzte Frage: Gibt es eigentlich ein Zuviel an Disziplin und Enthaltsamkeit?
Ihr wisst schon: Bei allen anderen Aspekten, die wir bisher hatten, ging es immer auch um ein Zuwenig. Darauf schaut man meistens. Aber es gibt eben auch ein Zuviel, und das gibt es hier ebenfalls. Es gibt ein Zuviel an Disziplin und Enthaltsamkeit.
Es gibt ein Leben, oder ich drücke es anders aus: Mein Leben ist kein Terminkalender. Meine Lebensqualität hängt nicht nur davon ab, dass ich meine Aufgaben schaffe. Und deswegen lässt eine Überbetonung von Enthaltsamkeit mich ganz schnell, und da müssen wir super vorsichtig sein, ganz schnell die Freude am Leben verlieren.
Wenn du Selbstbeherrschung zum Leitmotiv deines Lebens machst, dann landest du irgendwann beim Asketen, so dem Mönch, der in seiner kahlen Zelle sitzt und sich der Armut und dem Stundengebet verschrieben hat. Also: Wenn Maßlosigkeit falsch ist, dann muss auch dieser bewusste und unnötige Verzicht falsch sein. Zu viel führt uns in Richtung Askese, da wollen wir nicht hin.
Oder es führt uns, das wären andere Leute, in Richtung Perfektionismus. Wenn ich nur richtig diszipliniert bin, wenn ich mein Leben nur wirklich bis in die letzte Ecke geplant kriege und wenn ich mich dann an alle meine Pläne halte, ja, dann bekomme ich ja, was denn eigentlich? Was die Leute denken, ist: Ich bekomme mein Leben in den Griff. Ich werde mein eigener kleiner Gott, der sich selber Sicherheit schafft.
Statt einfach eine gewisse gesunde Lebensplanung werde ich plötzlich zu dem, der sich verantwortlich macht, dass meine Selbstkontrolle mich dazu bringt, mein Leben in den Griff zu haben. Was für ein Unsinn! Lies Prediger: Zeit und Geschick trifft sie alle. Nix mit Kontrolle. Eine vernünftige Planung, ja. Aber in dem Moment, wo du Richtung Perfektionismus gehst, wo du denkst, ich schaff das ohne Gott, vergiss es. Nein, bekommst du nicht. Mach dir nichts vor.
Warum sage ich das? Ich sage das deshalb, weil es mir immer wieder wichtig ist, den Wert von Freude zu betonen. Wenn ich beim Thema Enthaltsamkeit kein Problem habe, das heißt: Wenn ich mich als Mensch im Griff habe, wenn ich nicht getriebener bin, wenn ich im Blick auf meine eigenen Gefühle, im Blick auf die Erwartungen der Gesellschaft, wenn ich da sagen kann, ich mache, was ich für richtig halte, wenn ich die Oberhand behalte, da, wo die sozialen Medien mich mit ihrem Dopaminkick süchtig machen wollen, wenn ich das geschafft habe, dann darf ich gleichzeitig nicht die Freude am Leben aus dem Blick verlieren.
Wisst ihr, der Kampf gegen die Sünde in all ihren Facetten und Herausforderungen ist total wichtig. Aber dieser Kampf wird nicht dadurch gewonnen, dass wir so ein ganz toternstes, super trauriges Überwinderleben führen. Ich habe einfach bei irgendwem ankommen könnte. Und deswegen muss Platz sein für Lachen, Freundschaft, Schönheit, für Musik, gutes Essen und für all das Gute, was Gott uns sonst noch reichlich zum Genuss darreicht.
Deswegen kann man eine Predigt über Enthaltsamkeit in meinen Augen nicht beenden, ohne dass wir uns ganz, ganz am Ende noch einmal Prediger 8,15 vor Augen halten, einfach weil er so schön ist.
 Prediger 8,15: Und ich pries die Freude. Ich weiß, das klingt so weltlich, aber es ist so wahr. Und ich pries die Freude. Und ich möchte, dass wir auf der einen Seite sagen: Ja, wir geben Gas, wir kämpfen den Kampf, wir hängen uns rein, wir laufen, dass wir die Ersten sind und die Siegeskrone gewinnen. Wir sind dran, die Sünde aus jedem Bereich unseres Lebens rauszuschmeißen. Und gleichzeitig: Und ich pries die Freude, weil es für den Menschen nichts Besseres unter der Sonne gibt als zu essen und zu trinken und sich zu freuen. Und dies wird ihn begleiten bei seinen Mühen die Tage seines Lebens hindurch, die Gott ihm unter der Sonne gegeben hat.
Hängt euch rein, ihr müsst nicht auf die Mühen warten, die werden kommen, aber habt die Freude im Blick. Und immer wieder, sorry, wenn ich euch mit dem Prediger nerve: Ich mag einfach Ausgewogenheit. Ich mag, dass wir Gas geben und uns freuen. Ich mag, dass wir als Gewinner vom Platz gehen, die nicht die ganze Zeit dachten: Was für ein blödes Leben.
Warum das wichtig ist, kann ich euch in ein paar Wochen mal erzählen.

Das Ziel: geistliche Reife und Mannhaftigkeit

Allerletzter kleiner Punkt: Was kommt raus, wenn ich mich auf Enthaltsamkeit einlasse? Wenn ich sage: Okay, ich habe verstanden: „Ich muss das lernen, im Kampf noch ein bisschen tougher zu werden.“ Was dabei herauskommt, nennt die Bibel Mannhaftigkeit.
Und wenn du denkst: Ach, schade, wirklich schade, dass jetzt schon die Predigt vorbei ist. Da hätte ich jetzt gerne mehr darüber gewusst. Mannhaftigkeit, so ein Begriff, bei dem man selten etwas hört. Kein Problem, schon passiert. Im Sommer, ihr ahnt es schon: Podcast „Eigenschaften eines geistlichen Leiters“, Teil drei.
Hört es euch einfach an! Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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