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Auge um Auge, Zahn um Zahn

Jesu Leben und Lehre, Teil 206/692
12.01.2023Matthäus 5,38
SERIE - Teil 206 / 692Jesu Leben und Lehre

Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.

Episode 205: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Einführung in das Thema Vergeltung und Rache

Heute wenden wir uns dem Thema Vergeltung und Rache zu. Zuerst müssen wir das Problem verstehen, dem Jesus in seiner Zeit gegenüberstand.

In Matthäus 5,38 heißt es: "Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn." Zuerst einmal müssen wir festhalten, dass diese Aussage tatsächlich in der Bibel steht – und zwar gleich dreimal. Heute möchte ich mir gemeinsam mit euch diese drei Stellen genauer anschauen.

Das Prinzip der Verhältnismäßigkeit im mosaischen Gesetz

Fangen wir mit der ersten an: 2. Mose 21,22-25.

Wenn Männer sich raufen und dabei eine schwangere Frau stoßen, so dass ihr die Leibesfrucht abgeht – wörtlich steht hier „die Kinder abgehen“ –, aber kein weiterer Schaden entsteht, muss dem Schuldigen eine Geldbuße auferlegt werden. Diese Buße richtet sich danach, wie viel ihm der Ehemann der Frau auferlegt, und er soll sie nach dem Ermessen von Schiedsrichtern zahlen.

Falls aber ein weiterer Schaden entsteht, gilt das Prinzip: Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme.

Soweit der Text. Wir erinnern uns bitte daran, dass wir es hier mit einer kasuistischen Gesetzgebung zu tun haben. Ein konkreter Fall wird vorgestellt, und die Prinzipien, die wir aus diesem Fall ableiten, gelten dann auch für halbwegs vergleichbare Situationen.

Hier geht es um den Fall, dass zwei Männer sich raufen. Dabei stoßen sie eine schwangere Frau, und es kommt zu einer vorzeitigen Geburt. Nun wird es interessant, denn an dieser Stelle entfaltet Gott das Prinzip der Verhältnismäßigkeit von Vergehen und Strafe.

Wenn die Frau ihr Kind zur Welt bringt, aber kein weiterer Schaden entsteht – weder für Mutter noch für Kind –, dann bekommt der Schuldige eine Geldbuße. Es geht dabei um eine Entschädigung für den entstandenen Arbeitsausfall. Die Höhe der Ersatzleistung darf vom geschädigten Ehemann festgelegt werden, aber ein Richter soll die Zahlung vermitteln. Wir haben es hier also mit einem geordneten Rechtsverfahren zu tun.

Wenn jedoch ein weiterer Schaden entsteht, gilt das Prinzip „Leben um Leben“, „Auge um Auge“ und so weiter. Wir merken: Es geht um Augenmaß, darum, dass die Strafe dem Schaden entspricht. Und das ist durchaus nicht normal.

Schon ganz am Anfang der Bibel wird ein Fall beschrieben, in dem sich Lamech damit brüstet (1. Mose 4,23-24):

„Und Lamech sprach zu seinen Frauen Ada und Zilla: Hört meine Stimme, ihr Frauen Lamechs, horcht auf meine Rede! Fürwahr, einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jungen für meine Strieme. Wenn Kain siebenfach gerächt wird, so wird Lamech siebenundsiebzigfach gerächt.“

Was Lamech hier tut, ist nicht mehr angemessen. Genau diese Angemessenheit fordert aber das mosaische Gesetz.

Entschädigung statt Verstümmelung

Zurück zu 2. Mose 21. Wenn man weiterliest, trifft man auf einen Herrn, der seinen Sklaven schlägt (2. Mose 21,26-27). Dort heißt es: Wenn jemand seinem Sklaven oder seiner Sklavin ins Auge schlägt und es zerstört, soll er ihn als Entschädigung für sein Auge freilassen. Auch wenn er einem Sklaven oder einer Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn als Entschädigung für den Zahn freilassen.

Ich habe euch das vorgelesen, weil an diesem Beispiel deutlich wird, dass es bei „Auge um Auge“ nicht darum geht, dass der Geschädigte den Täter verstümmelt. Vielmehr geht es um eine angemessene Entschädigung. Für einen Sklaven bedeutet eine angemessene Entschädigung bei einem bleibenden körperlichen Schaden eben die Freilassung.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ bedeutet also: Wenn ich einem anderen einen körperlichen Schaden zufüge, dann bekommt er von mir eine dem Schaden angemessene Entschädigung. Dieser gesamte Prozess der Entschädigung ist in ein geordnetes Rechtsverfahren eingebunden.

Weitere biblische Beispiele des Talionsprinzips

Das war die erste Stelle. Schauen wir uns nun die zweite Stelle „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ genauer an.

Im 3. Buch Mose, Kapitel 24, Verse 17 bis 20 heißt es: „Wenn jemand irgendeinen Menschen totschlägt, muss er getötet werden. Wer ein Stück Vieh totschlägt, soll es erstatten, Leben um Leben. Und wenn jemand seinem Nächsten einen Schaden zufügt, wie er getan hat, so soll ihm getan werden: Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wie er einem Menschen einen Schaden zufügt, so soll ihm zugefügt werden.“

Auch hier finden wir das sogenannte Talionsprinzip. Schaden und Strafe müssen sich entsprechen.

Die Frage ist: Warum wird hier nicht auf eine Entschädigung hingewiesen? Warum heißt es, „wie er einem Menschen einen Schaden zugefügt, so soll ihm zugefügt werden“?

Die Antwort liegt darin, dass wir uns hier mitten in einer Gerichtsverhandlung befinden, bei der es um jemanden geht, der Gott verflucht hat. Das Prinzip der angemessenen Entschädigung wird deshalb nur kurz erwähnt, aber nicht weiter ausgeführt.

Dennoch wird auch hier deutlich, dass das Setting des Prinzips eine Gerichtsverhandlung ist.

Abschreckung durch das Prinzip der Vergeltung

Dritte Stelle zu "Auge um Auge, Zahn um Zahn", 5. Mose 19,16-21:

Wenn ein falscher Zeuge gegen jemanden auftritt, um ihn des Ungehorsams zu beschuldigen, dann sollen die beiden Männer, die den Rechtsstreit führen, vor den Herren treten, vor den Priester und die Richter, die in jenen Tagen da sein werden. Die Richter sollen die Sache genau untersuchen.

Und siehe, ist der Zeuge ein Lügenzeuge! Hat er gegen seinen Bruder Lüge bezeugt, dann sollt ihr ihm tun, wie er seinem Bruder zu tun gedachte. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen, und die übrigen sollen es hören, sich fürchten und nicht mehr länger eine solch böse Sache in deiner Mitte begehen.

Du sollst nicht schonen: Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß.

Das ist eine dieser in meinen Augen genialen Regeln des mosaischen Gesetzes. Wer vor Gericht die Unwahrheit sagt, wird bestraft. Die Strafe richtet sich nach dem Schaden, den er mit seiner Falschaussage anrichten wollte. Dann sollt ihr ihm tun, wie er seinem Bruder zu tun gedachte.

Noch etwas wird hier deutlich: "Auge um Auge, Zahn um Zahn" als Prinzip sorgt nicht nur für eine angemessene Entschädigung der Opfer, sondern hat auch eine abschreckende Wirkung. Deswegen heißt es hier in Vers 20: „Und die übrigen sollen es hören und sich fürchten und nicht mehr länger eine solch böse Sache in deiner Mitte begehen.“

Zusammenfassung und Ausblick

Worum ging es mir heute? Ich wollte euch die Stellen zeigen, in denen wir das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ im Alten Testament finden.

Dann wollte ich euch verdeutlichen, dass es dabei nicht um die Verstümmelung von Tätern geht, sondern um eine angemessene Bestrafung beziehungsweise Entschädigung.

Zuletzt war es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich um ein Strafmaß im Rahmen einer richterlichen Entscheidung handelt.

Was könntet ihr jetzt tun? Ihr könntet ein bisschen im Kodex Hammurabi lesen, um ein Gespür für alte Gesetzestexte zu bekommen. Der Link dazu ist im Skript.

Das war’s für heute. Die Woche ist vorbei. Mein Tipp: Nimm dir einmal in der Woche eine lange Auszeit. Mein Ruhetag ist morgen.

Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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