Serie•Teil 1 / 2Die Lehre der protestantischen Kirche
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Einleitung und Grundspannung
Die Geschichte der evangelischen Theologie von Martin Luther bis zur Gegenwart.
Jemand hat einmal gesagt: Die Not des deutschen Volkes ist die Not seiner Theologen, und die Not der deutschen Theologen ist die Not ihrer Ausbildung an den Universitäten. Das war nicht immer so, aber heute müssen wir diesen Satz wohl leider so bestätigen. Die Not eines Volkes ist oft die Not seiner Theologen. Und diese Theologen kommen nicht aus dem luftleeren Raum. Sie haben eine Ausbildung, eine Prägung und eine Erziehung hinter sich. Das geschieht heute größtenteils an den staatlichen theologischen Universitäten, und ich glaube, wir alle wissen, wie es dort ungefähr heute aussieht.
Dann gab es in der Kirchengeschichte immer ein großes Dilemma, und das war die Vermischung von Theologie und Philosophie. Von Anfang an sehen wir es schon im Neuen Testament: Philosophie drang in die christlichen Kreise ein, und sie mussten sich mit Philosophie auseinandersetzen. In den Lehrbriefen haben wir schon eindeutig Apologetik gegen die hereinbrechende Gnosis, gegen diese esoterisch-griechische Bewegung nach Christus. Das war Philosophie mit mehr oder weniger christlichem Gewand. Und so ging es durch alle Jahrhunderte hindurch.
Gestern hörten wir von Thomas von Aquin im elften Jahrhundert. Er hat in der römisch-katholischen Kirche eine ganz, ganz verhängnisvolle Weiche gestellt. Er lehrte, dass beim Sündenfall des Menschen nur der Wille gefallen sei, aber nicht der Verstand des Menschen. Der Verstand des Menschen sei nicht gefallen. Darum legte er großen Wert auf das Denken, auf die Vernunft und auf die Philosophie. Er war ein Anhänger der aristotelischen Philosophie, also von Aristoteles, und er hat auf diesem Weg die Philosophie des Aristoteles in die römisch-katholische Theologie eingebaut. Das war im elften Jahrhundert eine ganz verhängnisvolle Weichenstellung. Da floss eine Unmenge an Philosophie in die Theologie hinein.
Der Weg zur Reformation
Und so ging es weiter, als die Reformation stattgefunden hatte, 1517, und die evangelische Lehre entstand, wenn ich es einmal so sagen darf. Auch diese Lehre blieb nicht verschont von der Philosophie. Immer wieder brach Philosophie hinein. Philosophie heißt auf Deutsch Menschenweisheit. Menschenweisheit brach in die Theologie ein. Und das werden wir jetzt auch sehen, wenn wir die fünf Jahrhunderte evangelische Theologiegeschichte grob durchgehen.
Wir können auch nur einen Überblick geben, ungefähr, damit wir das besser einordnen können. Da verbringen Leute ihr ganzes Leben damit, die Theologiegeschichte der evangelischen Kirche zu studieren, und schreiben solche dicken Bücher darüber. Und wir wollen jetzt wieder den Versuch unternehmen, das in anderthalb Stunden durchzugehen.
Römisch erstens: das sechzehnte Jahrhundert, erstens der Hintergrund.
Versetzen wir uns einmal zurück in die Zeit ungefähr von Martin Luther, zunächst geistesgeschichtlich. In Europa herrschte der Humanismus der Renaissance. Renaissance heißt Wiederbelebung. In dieser Zeit wurde die Zeit der Antike, der griechischen Philosophie und auch der Baukunst und der Kultur wiederbelebt. Und auch der griechische Humanismus, von den griechischen Philosophen, die schon immer gelehrt hatten: Der Mensch ist gut, der Mensch hat einen guten Kern. Gib dem Menschen eine gute Umwelt, gib ihm gute Rahmenbedingungen, dann wird er sich gut entwickeln.
Diese Philosophie brach wieder ganz neu auf. Sie war nie ganz erloschen, aber sie brach in der Zeit der Renaissance ganz neu auf, auch im christlichen Gewand. Erasmus von Rotterdam vertrat diese Ansicht, dass eben der Mensch nicht völlig gefallen sei, sondern dass da nur einiges in Unordnung gekommen sei durch den Sündenfall und dass der Mensch im Grunde gut sei und auch seinen Verstand gebrauchen könne und nur ein bisschen sich anstrengen müsse, um Gott mehr zu gefallen. Ich drücke das einmal sehr vereinfacht aus.
Michelangelos David-Statue drückt so den Geist aus, der, wer sie einmal gesehen hat, live oder in den Filmen von Francis Schäffer, diese 15 Meter hohe Davidstatue. Sie drückt aus: Der Mensch ist groß. Das ist der humanistische Mensch der Renaissance, den Michelangelo da dargestellt hat. Man hat zwar der Statue den Namen David gegeben, aber man ist ziemlich sicher, dass er den humanistischen Menschen der Renaissance darstellen wollte: Der Mensch ist groß.
Wenn man diese Statue ansieht, wie der David da steht, ja, ein Muskelpaket, strotzend vor Vitalität und Kraft und Geist, so wurde der Mensch gesehen.
Kirchliche Lage vor Luther und die Vorreformatoren
Religiös war der Hintergrund finsterster Katholizismus. Der Katholizismus war nie besonders hell, aber in jener Zeit herrschte finsterster Katholizismus.
Der Ablasshandel blühte, wie wir gestern gehört haben. Der Dominikanermönch Tetzel war populär und zog durch die Lande mit seinem Slogan: „Wenn das Geld ...“
Es herrschte eine große Furcht vor Hölle und Fegefeuer und all diesen Dingen. Allerdings gab es auch eine Furcht vor der Heiligkeit Gottes, die heute in unserer Gesellschaft weitgehend nicht mehr vorhanden ist. Die Menschen damals fragten wirklich noch nach einem gnädigen Gott. Der Mensch heute fragt, ob es einen Gott gibt oder nicht. Das war für die Menschen damals nicht die Frage. Es ist auch nicht die Frage der Bibel. Die Frage war vielmehr: Wie finde ich Frieden mit diesem Gott? Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
Das war dann auch die Frage der Vorreformatoren, wie man sie nennt. John Wycliffe in England, 1321 bis 1384, war ein Mann, der schon Erstaunliches in seiner Bibel erkannte. Er hat die Bibel wunderbar erschlossen und schon viele der Lehren entdeckt, die Martin Luther dann später formulierte. Dafür musste er mit seinem Leben bezahlen.
Hier in Holzhausen, nicht weit von hier, ist das Wycliffe-Haus, wo viele angehende Sprachmissionare ausziehen und dann in alle Herrenländer gehen.
John Wycliffe war einer der Vorreformatoren. Johannes Hus war ebenfalls ein Mann, der aus der Schrift schon ganz ähnliche Gedanken hatte wie Martin Luther. Er wurde natürlich von der Kirche hart bedrängt und dann zu einem Verhör oder zu einem Konzil nach Konstanz geladen. Ihm wurde öffentlich freies Geleit zugesichert, und doch wurde er dann auf dem Konzil in Konstanz verbrannt. Damit hatte die katholische Kirche eine ganz besondere Schuld auf sich geladen.
Aber Johannes Hus hatte viele, die er schon gelehrt hatte und die seine Lehre als biblisch angenommen hatten. Diese Leute nennt man die Hussiten. Sie kamen vor allen Dingen in Böhmen und Mähren vor, aber auch in anderen Gebieten. Das waren Gläubige, die auf demselben Weg waren wie wir heute. Sie hatten schon vor Martin Luther wirklich erfasst, dass allein die Gnade einen Menschen selig machen kann. Vielleicht waren noch manche Lehren nicht so ausgeprägt, aber sie hatten erkannt, dass man nicht auf dem Weg der Werke in den Himmel kommen kann.
Ebenso war es bei dem Dominikanermönch Savonarola in Italien. Er war ein richtiger Bußprediger, ein Johannes der Täufer, der mächtig gepredigt hat. Eine Zeit lang konnte er auch wirken. Alle diese Männer, und es gab noch weitere von ihnen, waren Vorreformatoren. Sie haben den Boden für die Reformation mitgeebnet.
Luthers Weg und die Entdeckung des Evangeliums
Und dann hat Gott in seiner Souveränität Martin Luther gebraucht. Er hat ihn zubereitet als Werkzeug seiner Lebensgeschichte.
Ihr wisst, er war zunächst auf dem Weg des Jurastudiums. Er wollte Jurist werden. Aber dann kam dieses Gewitter auf dem freien Feld 1505, wo er in Lebensgefahr war, wo ein Blitz neben ihm in einen Baum einschlug, und er dann schrie: Heilige Sankt Anna, hilf, ich will ein Mönch werden. Und dieses Versprechen hielt er. Als er lebend aus dem Gewitter herauskam, wurde er Augustinermönch, brach seine glänzende Karriere ab und wurde ein bescheidener Mönch im Kloster.
Zwei Jahre später, 1507, empfängt er die Priesterweihe, wird katholischer Priester. Und ich sage immer wieder meinen katholischen Freunden: Wenn es jemals einen aufrichtigen Katholiken gegeben hat, jemals, dann war es Martin Luther. Wenn es jemals einer ernst genommen hat mit katholischer Frömmigkeit, dann er.
Er hatte ein so sensibles Gewissen, dass er sich nachts auf den nackten Zellenboden gelegt hat, mit freiem Oberkörper, um sich zu läutern. Er wusste, er kann vor einem heiligen Gott nicht bestehen. Er hat sich selbst gegeißelt in dieser Zeit. Er suchte Frieden mit Gott. Und dann ging er zu seinem Beichtvater Staupitz. Und der hat gedacht: Mensch, was hat denn dieser junge Mönch auf sich geladen? Der muss einen Mord begangen haben oder was. So kam Luther daher.
Und dann beichtete er. Und dann kam es heraus: Nüsse gestohlen beim Nachbarn in der Kindheit, ja. Und ja, was denn noch? Ja, Kirschen noch gestohlen und noch so ein paar Sachen. Und das war’s. Mehr wusste er nicht zu beichten. Und dann sagt Staupitz zu ihm: Was belästigt er mich mit solchen Puppensünden? Was witzt er denn mit dem Kinderkram?
Aber das war’s. Er wusste, damit kann er vor einem heiligen Gott nicht bestehen. So sensibilisiert im Gewissen für Gottes Heiligkeit.
Aber er fand den Frieden nicht, und auch Staupitz konnte ihm nicht helfen, obwohl er viel Verständnis hatte. 1512 wird Luther Doktor der Theologie und erhält gleich einen Lehrstuhl in Wittenberg an der Universität. Und er hält Vorlesungen über den Römerbrief und über die Psalmen. Und 1515 spricht er über Römer 1. Und während er sich darauf vorbereitet, Römer 1, Vers 16 auszulegen, las er auch im Alten Testament. Aber zunächst schauen wir uns vielleicht kurz den Vers an: Römer 1,16.
Da schreibt Paulus: Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, ist es doch Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen; denn Gottes Gerechtigkeit wird darin geoffenbart aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte aber wird aus Glauben leben.
Wunderbare Worte. Das Thema des Römerbriefs, das hier zusammengefasst wird. Und hier liest er Gottes Gerechtigkeit. Dann schlägt er auf Psalm 71,2 auf und liest: Errette mich, Herr, durch deine Gerechtigkeit. Und dann geht es ihm auf in der Kombination dieser beiden Bibelworte. Und er erkennt: Es gibt eine fordernde Gerechtigkeit Gottes, die niemand erfüllen kann. Und es gibt eine schenkende Gerechtigkeit Gottes, die vor ihm gilt und schenken will, im Evangelium, wenn er glaubt an das, was Jesus getan hat, an die vollbrachte Erlösung.
Und Luther schreibt selber, als er im Turmzimmer von Wittenberg sitzt und das erkennt, da war es ihm, als wenn er durch die geöffneten Pforten des Paradieses hindurchgehen würde. Da ging ihm das Evangelium auf. Das war der Augenblick, wo das Evangelium, das uralte Evangelium, das es immer gab, wieder neu entdeckt wurde von Martin Luther.
Ich sage nicht, dass vorher kein anderer das entdeckt hätte. Das hatten auch andere entdeckt. Aber sie waren nicht in der Lage, das so weit zu verbreiten wie Luther dann. Das hatten auch andere vor ihm schon so erfahren, durch den Glauben gerecht zu werden. Aber Luther entdeckte es hier für sich, wurde selbst errettet, wurde wiedergeboren und dann fing er an, das auch zu lehren. Man merkte das bald an seinen Vorlesungen, dass da etwas vor sich gegangen war. Er selber fand die Heilsgewissheit. Und dann eben dieser Stichtag: 31. Oktober 1517, der Anschlag der 95 Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg, der offiziell als der Beginn der Reformation gesehen wird.
Ausbreitung der Reformation und neue kirchliche Ordnung
Die Reformation breitete sich dann in Windeseile aus. Kurz zuvor hatte Gutenberg die Buchdruckerkunst erfunden. Das war ein wunderbares Timing, sodass gedruckt werden konnte. Luther selbst sagt jedoch, dass sich seine Gedanken weniger durch seine Bücher verbreitet haben als vielmehr durch seine Lieder.
Luther war sehr begabt und hat auch viele Lieder geschrieben. Gerade das Lied Nun freut euch, liebe Christen gemein ist zum Beispiel wie ein Schlager heute. Es ist durch die ganze bekannte Welt gegangen. Es wurde gesungen, in Wirtshäusern saßen die Leute und haben dieses Lied gesungen. So war es verbreitet. Und Luther konnte sagen: Während ich hier in meiner wittenbergischen Kneipe sitze und wittenbergisches Bier trinke, läuft das Evangelium durch das ganze Land. Ja, so hat Gott das gebraucht.
Es ging über Lieder, es ging aber auch über die Bibeln, die Luther dann übersetzt hat. 1522 war das Neue Testament fertig. Elf Jahre später, also 1534, hatte er auch das Alte Testament fertig. Das hatte natürlich auch eine gewaltige Bedeutung für die Kultur und für die Sprachentwicklung und all das, weil Luther wirklich dazu gegeben war, eine ganz neue Sprache zu schaffen. Aber das ist jetzt für uns heute nicht so wichtig.
Wichtiger ist das Jahr 1525, das ich hier nicht so ausdrücklich erwähnt habe, das ich aber doch zwischenschieben möchte. 1525 schreibt Luther die Vorrede zu der sogenannten Deutschen Messe. Bis dahin gab es nur Gottesdienste innerhalb der römisch-katholischen Kirche in lateinischer Sprache. Das muss man sich einmal vorstellen. Das einfache Volk kannte kein Latein, nur die Theologen kannten Latein. Und die Gottesdienste wurden in lateinischer Sprache abgehalten. Das Volk saß da, verstand nur Bahnhof und ging am Ende wieder nach Hause.
Ja, das gibt es auch heute noch, dass lateinische Gottesdienste gehalten werden. Und es ist ja auch nicht schlimm für angehende Theologen, die Latein lernen wollen. Die können das ja ruhig machen. Aber das Volk, das es nicht verstand, war ihm ausgeliefert. Und dann wollte Luther einen deutschen Gottesdienst formen, entwerfen, mit deutscher Liturgie usw. Und dann hat er diese Vorrede geschrieben. Darin stellt er sich einen Dreifachdienst vor, nämlich einen lateinischen weiterhin für die studierende Jugend, für die, die Latein konnten. Dann einen öffentlichen Gottesdienst, um jedermann zum Glauben zu reizen. Wir würden heute sagen: evangelistisch, zum Glauben zu reizen. Und dann schreibt er von einer dritten Form, einem Gottesdienst für solche, die mit Ernst Christen sein wollen. Wir würden heute sagen: eine Versammlung der Gläubigen, eine wirkliche Gemeindezusammenkunft.
Das schwebte ihm vor, so hat er es ausgedrückt. Es ist schriftlich fixiert, das kann man nachlesen in den Bibliotheken. Und er konnte es nicht durchsetzen. Es wurde nichts daraus. Es blieb dann doch bei einem Gottesdienst, der wohl die letzten beiden Möglichkeiten miteinander verband. Aber Luther hatte ein Problem.
Die Reformation war nun da, und es entstand evangelische Lehre. Viele traten zu dem evangelischen Glauben über. Aber Luther hatte keine Theologen. Er hatte keine Leute, die ausgebildet waren. Er hatte keine geistlichen Leiter. Es gab eine Handvoll Leute, die ihm zur Seite standen, Melanchthon und solche Leute, Brenz und wie sie alle hießen. Aber es waren zu wenig, weil sich das so rasend schnell ausgebreitet hatte.
Und damals meinte Luther, es ginge nicht anders, als dass er die Landesfürsten, die zu seinem evangelischen Glauben übergetreten waren, Philipp von Hessen und diese Leute, die heutigen Ministerpräsidenten, die Landesfürsten, die evangelisch geworden waren, zu Notbischöfen einsetzte. Er nannte sie Notbischöfe, weil er keine anderen hatte. Er dachte, die haben zwar vielleicht geistlich noch nicht so viel drauf, aber sie haben politisch eine Stellung, sie haben eine Autorität usw. Und so machte er sie zu Notbischöfen.
Und so entstand im Grunde 1525 die evangelische Landeskirche. Es ging dann später nach dem Prinzip: Wenn der Landesfürst evangelisch geworden war, dann ließ er auch alle seine Untertanen umtaufen, und die wurden alle evangelisch. So entstanden in unserem Land Deutschland diese evangelischen Landeskirchen, wie Hessen usw. So kam das zustande.
Für mich persönlich war das eine Fehlentscheidung Luthers. Gott hätte diese junge Bewegung auch anders weiterführen können, ohne dass er sie mit dem Staat verband. Aber er entschied sich hier wieder, Kirche mit Staat zu verbinden. Es kam wieder zu dieser unseligen Verquickung von Staat und Kirche, wie im Jahr 313, als die römisch-katholische Staatskirche entstand. Für mich persönlich ist das keine gute Entwicklung.
Ich glaube, dass es besser gewesen wäre, wenn es auch von Anfang an Gemeinden von solchen gegeben hätte, die wiedergeboren sind. Sie wären sicher viel mehr verfolgt worden, aber vielleicht wären heute mehr Christen da als sowieso, wo dann bald Religionsfreiheit entstand, aber auch alles schnell verflachte. Das werden wir gleich sehen.
Ja, Luther hat noch viele Schriften geschrieben. Die Weimarer Luther-Ausgabe umfasst fast 150 Bände. Könnt ihr euch das vorstellen? 150 Bände! Denn man hat geschrieben, er hatte eine Frau, sechs Kinder, einen Lehrstuhl, mit halb Europa korrespondiert, und man fragt sich, wo der die Zeit hergenommen hat, noch die vielen Bücher zu schreiben. Aber es gab kein Fernsehen und so weiter, ja, und da hat er Zeit gehabt.
1529 kommt es zum Bruch mit Zwingli an der Abendmahlsfrage. Luther und Zwingli trafen sich in Marburg auf dem Schloss, und sie brachen auseinander an der Abendmahlsfrage. Ganz kurz nur: Die katholische Kirche sagt, Brot und Wein, das ist mein Leib. Gestern haben wir es gehört. Sie lehrt, Brot und Wein verwandeln sich chemisch. Sie sehen noch aus wie Brot und Wein, aber es ist Leib und Blut Jesu Christi. Das ist der Grund, warum der Priester bis zum letzten Tropfen alles wegtrinkt. Das ist der Grund, warum Hostien, die gewandelt sind, nicht einfach irgendjemand gegeben werden, sondern im Tabernakel eingeschlossen werden. Oder wenn er sie in der Tasche hat, um noch zur Hauskommunion zu verwenden, darf nicht einmal jemand die Tasche tragen, weil er den Leib Christi mit sich umträgt. So wird es gesehen. Es ist nur konsequent weitergedacht.
Also, das lehrt die katholische Kirche: Es ist Leib Christi, auch chemisch. Es hat sich gewandelt in den Leib Christi und das Blut Christi. Luther sagte: Es ist Leib Christi, aber es verwandelt sich nicht chemisch. Auch bei Luther wird Brot und Wein zum Sakrament. Es ist Leib und es ist Blut Jesu Christi. Es wird bei ihm zum Sakrament, zum Heilsmittel. Und Zwingli sagt: Nein, es ist nicht. Es bedeutet meinen Leib, und es bedeutet mein Blut. Denn als Jesus mit den Jüngern sitzt und das Brot gibt im Abendmahlsaal, da sagte er: Gebt ihnen das Brot und sagt, das ist mein Leib. Sie wussten: Das ist nicht ein Stück von seinem Leib. Es sollte seinen Leib symbolisieren, es sollte das darstellen. Und das Blut wieder so wie gestern halten.
Ich würde mich freuen, wenn ich zuerst den Vortrag ganz zu Ende führen darf. Schreib’s auf die Frage. Ja, weil sonst kommen wir unmöglich durch. Gut, da ging es also zum Bruch.
1530 das Augsburger Bekenntnis, hauptsächlich aus der Feder Melanchthons. Hier wurden viele gute reformatorische Gedanken niedergeschrieben zur Confessio Augustana, zum Augsburger Bekenntnis. Aber hier haben sich schon Dinge reingeschlichen, die ich nicht unterschreiben könnte. Da wird die Taufe als Sakrament festgeschrieben, hier im Augsburger Bekenntnis. Da wird das tausendjährige Reich abgelehnt und solche Dinge mehr. Das ist ein Problem.
Wenn heute ein evangelischer Pfarrer ordiniert wird, dann muss er seine Treue geloben zur Heiligen Schrift und zu dem Augsburger Bekenntnis. Zumindest in manchen Kirchen. Es gibt ja verschiedene, ja, Unierte wie in Baden oder Reformierte oder Lutherische. Aber in den meisten müssen sie auch das Augsburger Bekenntnis praktisch anerkennen, und da sind schon wieder falsche Lehren drin.
Vom Religionsfrieden zur Erstarrung
1555 machen wir einen großen Sprung. Da gab es wieder den Augsburger Religionsfrieden. Da fehlt eine Oberreligion, den Religionsfrieden. Das war das Ergebnis. Hier wurde die evangelische Lehre und die evangelischen Staaten anerkannt. Hier gab es praktisch Religionsfrieden oder Toleranz für die Evangelischen. Das war natürlich ein Aufatmen für die evangelische Bewegung.
Aber wir werden das sehen: Von da ab, ab 1555, ging es dann sehr schnell bergab mit dem geistlichen Leben. Das ist interessant. Solange noch Druck von außen war, war noch Dynamik drin. Es wurde gestritten, und die Kraft ging nicht mehr nach außen.
Huldreich Zwingli hat die Reformation in Zürich durchgeführt, wurde von Gott gebraucht. Alles katholische Priester gewesen: Luther, Zwingli, Calvin, die sich bekehrten. Calvin wurde auch Reformator von Genf. Er hat in Genf damals in den Jahren 1541 bis 1554 etwas wie einen Gottesstaat aufgerichtet. Einige von euch werden das wissen, dass er versuchte, die Stadt Genf ganz nach den Zehn Geboten und nach der Bergpredigt zu regieren.
Wer nicht in die Kirche ging, musste mit öffentlicher Auspeitschung rechnen, wenn einer am Gottesdienst nicht teilnahm. Und ein Mann lästerte Gott und wurde zum Tode verurteilt wegen Gotteslästerung. Das war in der Zeit von Calvin in Genf. Gemeinde Jesu ist und was Staat ist, so wie es Fred heute Morgen sagte, das hat er da nicht gesehen. Das sah Luther viel klarer, aber Calvin sah es nicht und machte diesen Gottesstaat in Genf.
Das macht auch heute der Islam im Iran. Er versucht, Religion und Gesetz gleichzuschalten. Im Iran gilt die Scharia. Das ist das religiöse Gesetz des Korans, und nach dem wird auch gerichtet, Gesetz gesprochen. Wer stiehlt, dem wird beim ersten Mal die rechte Hand abgehackt, beim zweiten Mal die linke Hand oder das rechte Bein. Gesetz im Iran.
Die Täuferbewegung und ihre Verfolgung
Gut, kommen wir zu der Täuferbewegung.
Es gab in jener Zeit viele Christen, die die Bibel studiert haben. Viele kamen durch Luther oder durch andere, von Luther beeinflusste Menschen, zum Glauben. Und dann gab es aber auch, wie es durch alle Jahrhunderte hindurch immer wieder gegeben hat, in dieser Zeit erneut Christen, die in der Bibel die Lehre von der biblischen Taufe entdeckten. Sie erkannten, dass die Säuglingstaufe einfach keine Grundlage in der Heiligen Schrift hat.
Und so wurde zum Beispiel 1525 eine Taufe durchgeführt. Es gab viele Täufer im Bodenseegebiet, im Raum Waldshut. Dort war auch ein katholischer Priester, der sich bekehrte, namens Balthasar Hubmaier, der Chefideologe oder Cheftheologe der Täuferbewegung, ein ganz wunderbarer Mann, der allerdings dann auch diese Erkenntnis mit dem Tod bezahlen musste. Sein Motto, sein Leitspruch, war: Die Wahrheit ist untödlich.
Und es gab dann viele, viele Christen, wiedergeborene Christen, die diese Lehre von der Taufe in der Schrift für sich entdeckten und ihr gehorsam wurden, obwohl sie dann vielfach in demselben Fluss oder See ertränkt wurden, in dem sie sich hatten taufen lassen, manchmal noch am selben Tag. Und trotzdem: Je mehr getötet wurden, desto mehr breitete sich das aus.
Ich weiß nicht, ob schon einmal jemand für die Säuglingstaufe sein Leben gelassen hat. Aber für die Glaubenstaufe haben Tausende von Christen auf der ganzen Welt ihr Leben gelassen. Es ist ein Unterschied. Und ich sage das auch, wenn wir Taufe haben bei uns in Mannheim. Ich erinnere oft daran, dass für diese Lehre, die wir heute so bequem annehmen können, viele Christen in den vergangenen Jahrhunderten ihr Leben verloren haben.
Es kam zu den Schleitheimer Artikeln. Ich habe sie hier in dem Buch von Wenger. Wunderbar ist dort beschrieben, was diese Brüder damals erkannt und zu Papier gebracht haben. Sie breiteten sich aus in der Schweiz, in Süddeutschland, Sachsen, Hessen, Böhmen, Mähren, Tirol und Holland, vor allen Dingen durch Menno Simons, durch den dann die Mennoniten entstanden.
1534/35 gab es allerdings einige traurige Verirrungen hier in Deutschland, in Münster. Dort war ein Mann namens Thomas Müntzer, der das tausendjährige Reich ausrief und sich zum König von Jerusalem erklärte und so weiter. Das war ganz klar eine schwarmgeistige Verirrung. Aber leider wurde dann die ganze Täuferbewegung über diesen Kamm geschoren und in diese Schublade gesteckt.
Dann gab es auch schon 1528 dieses Edikt mit der Todesstrafe für Täufer. Und nach diesen Vorfällen in Münster wurde es noch schlimmer, eine ganze Zeit lang. Viele, viele, viele echte Gotteskinder wurden getötet von anderen, die vielleicht auch wiedergeboren waren. Das ist eine ganz tragische Entwicklung, die damals in der Kirchengeschichte vor sich ging. Wiedergeborene töteten Wiedergeborene wegen der Frage der Taufe und einiger anderer Fragen.
Ich möchte hier an dieser Stelle etwas Wichtiges einfügen: Die evangelische Kirche hat sich bis heute dafür nicht entschuldigt. Es gibt keine offizielle Erklärung. Sie hat lange gebraucht, bis sie sich zu ihrer Mitschuld am Nationalsozialismus bekannte, aber zu dieser Schuld hat sie sich überhaupt noch nicht bekannt.
Und für mich persönlich ist das die Erklärung, warum man zum Beispiel mit einem evangelischen Pfarrer, und ich habe eine ganze Reihe davon in meiner Familie, über alles reden kann, aber wehe, man kommt an das Thema Taufe, Kindertaufe, dann wird es gleich emotional. Dann kommt sofort der Begriff Wiedertäufer. Der stammt aus dieser Zeit der Reformation und der Täuferbewegung. Da wurden die Täufer als Wiedertäufer verketzert, und das war das schlimmste Schimpfwort. Wenn jemand Wiedertäufer war, war das eine schwere Belastung. Dieser Begriff ist sehr emotional aufgeladen, und den sollten wir nie in diesem Sinne gebrauchen.
Es ist keine Wiedertaufe, wenn jemand, der als Säugling besprengt wurde, später doch die biblische Tauferkenntnis bekommt und sich dann taufen lässt. Das ist keine Wiedertaufe. Wenn bei der Säuglingstaufe nichts an ihm geschehen ist, dann war das eben auch keine biblische Taufe, sondern nur ein gut gemeintes christliches Ritual, das seine Eltern vielleicht im besten Wissen und Gewissen vollzogen hatten, aber eben doch ohne biblische Grundlage.
Ich sage das hier so ganz deutlich. Ich weiß, dass vielleicht nicht alle so denken. Aber wenn ihr mit dem Referat dran seid, dürft ihr eure Sicht darstellen.
Gegenreformation und katholische Antwort
E, die Gegenreformation. Ich sagte gestern schon: Das machen wir ganz kurz. Das Konzil von Trient war die Antwort der katholischen Kirche auf die Reformationsbewegung. Dieses längste Konzil der Kirchengeschichte endete mit 135 Flüchen gegen die evangelische Lehre. 135 Flüche. Verflucht ist, wer seines Heiles gewiss ist. Verflucht ist, wer glaubt, dass man allein durch die Gnade gerecht wird, und so weiter. Ganz schrecklich, auch bis heute nicht zurückgenommen.
Und Ignatius von Loyola gründete den Jesuitenorden. Er versprach dem Papst nicht nur Armut, Keuschheit und die drei Mönchsgelübde, sondern auch noch absolute Treue dem Papst gegenüber, Kadavergehorsam dem Papst gegenüber. Und der Papst nutzte das und sagte: Jetzt räumt auf mit den Evangelischen! Und dann zogen die Jesuiten los und rotteten zum Teil die Gläubigen aus mit Stumpf und Stiel. Ganz grausam, auch diese Bewegung der Gegenreformation.
Orthodoxie und die Verfestigung der Lehre
Ja, gehen wir weiter in das nächste Jahrhundert, in das siebzehnte Jahrhundert, das wir jetzt schneller überfliegen, nach der Reformation. Da war viel, viel Dynamik drin, ja, da ging es pro und kontra, da war unheimlich ein Aufbruch.
Er startete das Ganze sehr bald wieder, nämlich nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555. Danach begann dann bald das Zeitalter der Orthodoxie. Orthodoxie definiert man als Rechtgläubigkeit, als Ausrichtung auf die reine Lehre. Da wurde um jeden Buchstaben gerungen. Da war dann nicht mehr Werkgerechtigkeit das Thema, sondern bald Buchstabengerechtigkeit.
So unterteilt man diese Orthodoxie in Frühorthodoxie, Hochorthodoxie mit Paul Gerhardt, Dreißigjähriger Krieg, und dann Spätorthodoxie, 1686 bis 1700. Und hier noch einmal ausgedrückt: Es ist eine theologische Richtung gewesen, die Frömmigkeit und Theologie gleichsetzte. Theologie der reinen Lehre könnte man auch sagen. Hier wurde ein dogmatisches System gebaut und ausgebaut auf der Grundlage der Bekenntnisschriften. Buchstabengerechtigkeit statt früherer Werkgerechtigkeit, und eine ganz starke Lutherverehrung machte sich hier breit.
Luther wurde verehrt, er wurde auf das Podest gestellt, er wurde fast angebetet, und er wurde genannt: Prophet Gottes für alle Zeiten. Und es steht in 5. Mose 34, dass Mose begraben wurde und man fand sein Grab nicht. Warum hat Gott das so gemacht, dass er das Grab von Mose verborgen gehalten hat? Das wäre eine Pilgerstätte geworden, eine Wallfahrtsstätte für ganz Israel. Sie wären immer zu dem Grab des großen Volksführers Mose gepilgert. Das wollte Gott nicht.
Und Luther ist das widerfahren. Er wollte das gewiss nicht, aber er wurde so überhöht. Er wurde so einfach hochgehoben und so stark verehrt. Und das gibt es auch heute noch in sogenannten lutherischen Gebieten. Da ist also Luther gleich hinter dem lieben Gott, wie die Leute sagen, und das darf nicht sein. Wir danken Gott für Luther, wir können wirklich danken, aber wir glauben nicht an ihn und wir verehren ihn nicht. Wir wissen, er war ein begnadigter Sünder und ein Werkzeug Gottes, aber er hatte auch seine Schattenseiten.
Wenn ich daran denke, welche Rolle er im Bauernkrieg spielte und in der Täuferbewegung, und auch später, als er umschwenkte und einen starken Judenhass entwickelte und in seinen letzten Predigten noch ganz stark gegen die Juden agitiert hat, so dass sich Martin Luther später gefallen lassen musste, von Hitler zitiert zu werden. Hitler konnte sich auf Luther berufen, auf Luthers letzte Predigten, weil Luther dort zum Beispiel ausrief: Wenn ihr einen Juden seht, dann glaubt, dass es der leibhaftige Teufel ist, bekreuzigt euch oder schlagt ihn tot. Das konnte er auch in einer Predigt sagen, und darauf hat sich unter anderem Hitler berufen.
Also Licht und Schatten. Wir glauben nicht an Martin Luther, und wir verehren ihn nicht. Wir sind dankbar für das, was Gott durch ihn wieder neu auf den Leuchter stellte, aber bitte nicht an Luther glauben. Auch seine Heiligen sind nicht ohne Fehler, heißt es im Buch Hiob. Das sehen wir auch bei Luther.
Übergang zum Pietismus
Machen wir an dieser Stelle eine kurze Pause. Die Hälfte haben wir geschafft. Dann machen wir weiter und kommen zum achtzehnten Jahrhundert.
Der Pietismus spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Er ist zwar schon vorher entstanden, hat sich hier aber besonders ausgeprägt.
Pietismus als Herzensfrömmigkeit
Pietismus kommt von dem lateinischen Wort Pietas, das heißt Frömmigkeit, Herzensglaube. Vielleicht könnte man es mit einem Wort als Herzensfrömmigkeit zusammenfassen. Damals wurde dieser Begriff bestimmten Christen allerdings als spöttischer Name zugeschrieben, eher in Richtung Frömmlertum.
Warum?
1675 schrieb der lutherische Pfarrer Philipp Jakob Spener ein Vorwort zu Ahns wahrem Christentum, nämlich die Pia desideria. Das könnte man mit fromme Wünsche oder fromme Erwartungen übersetzen. In dieser Schrift, in diesem Vorwort, brachte er bestimmte Grundsätze zum Ausdruck, die dann zur Grundlage des Pietismus wurden.
Der Pietismus ist eine Bewegung innerhalb der evangelischen Landeskirche, die es auch heute noch gibt, in verschiedenen Ausprägungen. Da ist zum Beispiel der lutherische Pietismus, wie bei der Liebenzeller Mission, wo ich früher war. Das ist lutherischer Pietismus. Oder der reformierte Pietismus, der geht zurück auf Gerhard Terstegen, hauptsächlich im Rheinland. Dieser feine Gottesmann hat auch wunderbare Lieder geschenkt bekommen.
Der hallische Pietismus geht zurück auf Halle an der Saale und auf August Hermann Francke, der dort auch diese großen Anstalten für alle möglichen Bedürfnisse von Menschen aufbaute. Und dann gibt es den Herrnhuter Pietismus, der auf Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf zurückgeht. Der württembergische Pietismus ist noch einmal ein eigenes Gewächs und geht hauptsächlich auf Johann Albrecht Bengel zurück.
Ich nenne hier nicht alle. Es gibt noch weitere Verästelungen. Aber alle haben eines gemeinsam: Sie erkannten, dass in der evangelischen Kirche viel Not war, theologische Not, dass alles erstarrt war und kaum noch Leben da war, kaum noch Menschen zum Glauben kamen. Es wurde nur noch Christentum verwaltet.
Diese Männer und Frauen hatten dann das Anliegen. Sie hatten den Herrn lieb, aber sie liebten auch ihre evangelische Kirche und blieben trotz aller Missstände und Nöte innerhalb der Kirche. Sie versuchten, diese Spannung durchzuhalten. Zusätzlich zum Gottesdienst trafen sie sich am Sonntagmorgen, am Sonntagnachmittag oder abends in Häusern, in Stuben oder irgendwo anders und betrachteten dort das Wort.
Es war von Anfang an eine Laienbewegung, oft auch eine Bauernbewegung, hier im Siegerland oder auch bei Johann Michael Hahn und anderen. Diese Leute in Württemberg, Bauern also, drangen tief in das Wort Gottes ein, entdeckten wunderbare Erkenntnisse und kannten manchmal die Bibel besser als manche Theologieprofessoren. Und dann lehrten sie auch andere.
Aber sie hielten an der Kirche fest. Das war einfach ihre Grundhaltung. Sie sagten: Wenn ein Pfarrer eine andere Theologie vertritt, dann geht er wieder. Aber unsere Leidenschaft, die wir hier am Ort haben, die bleibt. Sie wird den Pfarrer überdauern. Und so hielt man daran fest.
Rationalismus und Aufklärung
Dann gab es aber auch in diesem selben achtzehnten Jahrhundert eine andere Bewegung, die ebenfalls als Folge der Orthodoxie entstand, nämlich den Rationalismus. Ratio heißt Vernunft, Verstand, Denken. Deutsche und französische Philosophen waren dabei Wegbereiter. Leibniz hat allerdings mit den Keksen nichts zu tun, Lessing mit der Ringparabel. Viele von uns werden das vielleicht zum Beispiel als Pflichtlektüre am Gymnasium gelesen haben. Ein ganz verhängnisvolles Schriftstück: Nur so ein kleines Büchlein über die Ringparabel hat den Glauben vieler Menschen zerstört. Denn es sagt: Judentum, Christentum, Islam, drei monotheistische Religionen, aber welcher hat Recht? Und das Ergebnis ist, man kann nicht genau wissen, welcher von den dreien die Wahrheit hat und die richtige ist. Und das lesen sehr viele Gymnasiasten als Pflichtlektüre im Deutschunterricht, und da wird mit dieser Ringparabel von Lessing viel zerstört.
Voltaire, der Franzose, der gespottet hat wie kaum ein anderer, und auch Kant, der nicht gespottet hat, aber ganz im Geist der Aufklärung gedacht und geschrieben hat. Er hat den Satz formuliert: „Die Aufklärung“ – also nicht die sexuelle Aufklärung, sondern diese geistesgeschichtliche Epoche der Aufklärung – „ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Bis dahin, so behaupteten diese Männer, hätte die Kirche und das Christentum die Menschen geknechtet und in Unmündigkeit gehalten. Und jetzt werden diese Fesseln abgeschüttelt, jetzt wird die Bibel zur Seite gelegt und der Gottglaube usw. Und jetzt wird die ganze Sache anders angepackt: Aufklärung.
Dann dauerte es nicht lange, bis diese geistesgeschichtliche Entwicklung sich auch in der Theologie niederschlug. Das ist auch heute so: Wenn eine neue Philosophie entsteht, kommt sie mit einer Zeitverzögerung dann oft auch im christlichen Gewand in die Theologie. Der Rationalismus entstand innerhalb der Theologie. Die Vernunft wurde zum Maßstab der Theologie. Eine übernatürliche Offenbarung wurde abgelehnt. Das heißt, die Bibel war nicht mehr von Gott inspiriertes Wort. Der Glaube wurde zur Tugend. Wunder wurden zu Mythen, Märchen, Sagen und Legenden. Und die Theologie wurde zur Religionswissenschaft und ist bis heute geblieben.
Dann war da ein Mann namens Friedrich Schleiermacher. Er war Professor in Berlin, und er definierte Religion als das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl. Ein bisschen hatte er Recht, wenn wir es zum Beispiel im Sinne von Hermann Betzel verstehen. Hermann Betzel sagte: Frömmigkeit ist der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu betrachten. Die Abhängigkeit von Gott als Glück zu betrachten, ist ein Satz von Betzel. Aber so hat es Schleiermacher nicht gemeint. Er meinte, das sei ein schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl, viel Angst dabei usw. Er lehnte Sünde als Übertretung von Gottes Gesetz ab, ebenso die Existenz des Teufels. Das Leiden, Sterben und Auferstehen Christi waren ihm nicht mehr so wichtig, nur noch seine Person als Vorbild, das christliche Leben, seine Ethik, Christus als Vorbild. Wegbereiter für viele andere.
Und damit kommen wir römisch viertens in das neunzehnte Jahrhundert, und da entstand dann die historisch-kritische Theologie.
Historisch-kritische Theologie und Gegenbewegungen
Manche sagen „hysterisch-kritisch“, aber das ist polemisch. Es heißt wirklich historisch-kritische Theologie. Der Wegbereiter dieser Theologie war David Friedrich Strauss, ein Theologe in Tübingen. Er hatte den Grundsatz, dass das Geschehen in der Bibel in Übereinstimmung mit dem Geschehen in der Welt stehen muss, wenn es historisch echt sein soll.
Das war sein Grundsatz: Das Geschehen in der Bibel muss in Übereinstimmung mit dem Geschehen in der Welt stehen, wenn es echt sein soll. Und so ging er an die Bibel heran. Ein Satz, ein Originalzitat: „Das Wunder ist das Merkmal des Ungeschichtlichen, ist ungeschichtlich, ist Wunschdenken des Menschen.“ Also: nicht wirklich passiert, so dachte er.
Und die Aufgabe der Theologie sei darin, das Neue Testament zu entmythologisieren. Jetzt kommt dieser schöne Zungenbrecher: entmythologisieren heißt, von Sagen, Märchen, Legenden und Zugereimtem zu befreien. Die Bibel enthält einen Kern, aber den muss man erst einmal freilegen. Da muss man die Schale abmachen, bis man dann so den Kern der Wahrheit findet. Das war der Ansatz von Strauss.
Er schrieb ein Buch über das Leben Jesu, und dieses Buch zerstörte unter anderem den Glauben von Friedrich Engels. Ich meine, „Glauben“ habe ich hier in dicke Anführungsstriche gesetzt. Ich weiß nicht, was das für ein Glaube war, den Friedrich Engels da als junger Mann hatte. Aber er selbst hat geschrieben, dass er durch dieses Buch von Strauss seinen damaligen Glauben über Bord geworfen hat.
Denn Strauss unterschied dann zwischen einem dogmatischen Christus und einem historischen Christus. Also wollte er sagen: Da gab es einen Jesus von Nazareth, der lebte, das war der historische Jesus. Aber das, was wir in der Bibel finden, da ist vieles noch hinzugedichtet und gereimt, und das ist dann der dogmatische Jesus.
Dann gab es einen Mann namens Albrecht Ritschl. Ritschl lehrte, der Zorn Gottes sei keine Wirklichkeit. Er ist einer der Ersten gewesen, der das so knallhart zum Ausdruck brachte: Der Zorn Gottes sei keine Wirklichkeit, sondern ein radikales Missverständnis des Menschen. Christus befreite uns von diesem Missverständnis durch die Offenbarung der Liebe Gottes.
Ganz einfache Strickmuster: Altes Testament, zorniger Gott. Der Rachegott und der grausame mittelalterliche Gott. Neues Testament, Jesus Christus kommt und bringt den Gott der Liebe. Und das ist der Gott, an den wir glauben; an den alttestamentlichen glauben wir nicht. Der wird einfach ad acta gelegt, und die Bibel wird so in zwei Hälften geteilt. Nur noch das Neue Testament ist zuständig für unser Gottesbild heute, so lehrt Ritschl.
Biblische Kritik: Wo vom Zorn Gottes nicht mit letztem Ernst gesprochen wird, wird schließlich auch von der Gnade nicht mehr mit letztem Ernst gesprochen. Und schließlich ist alles Reden von der Gnade nur noch eine Phrase. Da wird Gnade zur Schleuderware der Kirche.
Und wo die Botschaft vom Zorn Gottes, von der Heiligkeit Gottes und von seiner Gerechtigkeit und von seinem Zorn über die Sünde und den nicht umkehrwilligen Sünder nicht mehr gelehrt wird, kann man auch mit dem Evangelium keine Katze mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Natürlich muss das in Ausgewogenheit gepredigt werden, aber das ist ja eine der Nöte in der evangelischen Verkündigung heute.
Die Liebe Gottes wird verkündigt, aber nur noch die Liebe Gottes. Ich habe einen Schwager, der predigt jeden Sonntag von der Liebe Gottes, evangelischer Pfarrer, immer sein Thema: die Liebe Gottes. Es ist nicht falsch, was er sagt, aber es ist nur die Hälfte, es ist nur die halbe Wahrheit, und die halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge. Das müssen wir einfach sehen, wo das unterschlagen wird, nur noch die Liebe Gottes.
Blumhardt sagte vor hundertvierzig Jahren in Möttlingen, die ständige Predigt von der Liebe Gottes macht unser Volk immer gottloser. Was meint ihr, was der heute sagen würde? Die ständige Predigt von der Liebe Gottes macht unser Volk immer gottloser. Das ist, wie wenn man ein Kind nur mit Schokolade großziehen will, nur Schokolade: Es wird krank und stirbt. Das geht nicht. Und das hat aber Ritschl eingeleitet, mit dieser Trennung: Zorn Gottes im Alten Testament, Liebe Gottes im Neuen.
Ich denke, ihr seid alle so bibelkundig, dass ihr wisst, dass wir im Alten Testament auch den liebenden Gott finden, in wunderbarer Weise, und auch im Neuen Testament den zornigen Gott. Das ist derselbe Gott im Alten und im Neuen Testament.
Biblizismus als Rückbindung an die Schrift
Zweitens: Der Biblizismus entstand ebenfalls im neunzehnten Jahrhundert. Manches entwickelte sich nacheinander, manches gleichzeitig; vieles überlappte sich.
Der Biblizismus ist eine Sammelbezeichnung für bibelgebundene Theologie. Seine Hauptvertreter waren Johann Tobias Beck in Tübingen, Martin Kähler in Halle, Julius Schniewind, ebenfalls in Halle und Greifswald, sowie Adolf Schlatter, ebenfalls in Tübingen.
Einige dieser Namen werden euch bekannt sein. Das waren wackere Männer, überzeugte Christen, Wiedergeborene. Von vornherein würden wir einen großen Teil ihrer Lehre sicher auch so sehen, vielleicht nicht alles, aber auf jeden Fall standen sie auf dem richtigen Fundament. Sie glaubten, dass die Bibel Offenbarung Gottes ist.
Dieser Biblizismus hatte eine Wirkung an den Universitäten. Er brachte das Ansehen der Bibel als Offenbarung Gottes neu zum Bewusstsein. Er sah auch Altes Testament und Neues Testament als Einheit und wies Angriffe auf die Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift im Großen und Ganzen ab. Es war eine wichtige Bewegung an den Universitäten.
Sie zog sich bis in unser zwanzigstes Jahrhundert hinein, zum Beispiel durch Adolf Schlatter, der ja erst in diesem Jahrhundert starb.

