Ein Gebet für Reformation
Psalm 8512.02.2017
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Einleitung und Ausgangsfrage
Herr, sei du der Mittelpunkt in unserem Leben und hilf uns nun, so auf dich zu hören. Danke, dass du zu uns sprichst. Gib uns Ohren und Herzen, um zu hören. Amen.
Wir feiern allerorten in Deutschland in diesem Jahr 500 Jahre Reformation. Und doch fragt man sich: Was ist davon eigentlich noch übrig geblieben? Was ist mit unseren Kirchen und Gemeinden los?
Ich denke, es ist fast symptomatisch, dass das Reformationsjubiläum im Sinne der Ökumene gefeiert wird. So, als spielten die Dinge, die die Reformation ausgemacht haben, die fünf Solas, keine Rolle mehr. Wahrscheinlich spielen sie einfach oft keine Rolle mehr.
Aber das betrifft nicht nur die Landeskirche, es betrifft auch die Freikirchen. Auch in Freikirchen wie dieser wird das reformatorische Erbe schnell preisgegeben, und man schwimmt fröhlich mit im Einheitsbrei der Ökumene. Und das Bibelwissen des durchschnittlichen sogenannten evangelikalen Christen ist auch eher minimal. Das Wort Frömmigkeit ist oftmals eher negativ besetzt.
Es ist ja wahrscheinlich schon fast symptomatisch, dass auch in unserem Bund, im Bund FWG, im Jahr des Reformationsjubiläums eine Diskussion losgebrochen ist, ob die Jungfrauengeburt wirklich noch historisch und biologisch zu verstehen ist. Und dann auch noch die Frage: Na ja, ob das überhaupt eine Rolle spielt.
Und ganz ehrlich: Wenn ich an das alles denke, dann brauche ich erst mal eine Lothar-Roll-Tablette. Kann ich sehr empfehlen. Spaß beiseite.
Die viel größere Frage für uns ganz persönlich ist doch die: Wie sieht es mit deinem ganz persönlichen Reformationsbedarf aus? Hast du Sehnsucht nach Reformation in deinem Leben? Wünschst du dir, wieder mehr für den Herrn zu brennen?
In unserer Predigtserie zum Reformationsjubiläum haben wir uns in den letzten fünf Wochen fünf wesentliche Erkenntnisse der Reformation angeschaut. Wir haben darüber nachgedacht, wie wir Menschen mit Gott versöhnt leben können. Nun, das beruht allein auf der Gnade Gottes, sola gratia, und auf dem Glauben, denn durch den Glauben allein, sola fide, können wir vor Gott bestehen. Und zwar dann, wenn wir in Christus Jesus sind. Er allein, solus Christus, ist der Weg zum Heil. Das können wir wissen, weil wir die Schrift haben, die unsere letzte und höchste Autorität ist, sola scriptura. Und so dürfen wir wissen, dass das, was Gott von uns möchte, ist, dass wir ein Leben führen zu seiner Ehre, soli deo gloria.
Nun, ich denke, es ist gut, sich diese Wahrheiten, die die Reformatoren wirklich nur wiederentdeckt haben, diese biblischen Wahrheiten, wieder klarer in den Blick zu bekommen. Deswegen haben wir auch kein Kirchengeschichtsstudium gemacht, sondern uns Bibeltexte angeschaut. Dass diese Wahrheiten wieder stärker unsere Kirchen und Gemeinden prägen.
Und doch muss uns klar sein, dass das allein keine Reformation bewirken kann. Reformation lässt sich nicht produzieren. Reformation, das heißt die Neuformierung, die Veränderung, ist immer ein Gnadenwerk Gottes. Und deswegen wollen wir heute zum Abschluss unserer Predigtserie uns einem Gebet zuwenden, einem Gebet für Reformation.
Dieses Gebet finden wir im Psalm 85. Und ich finde das super, dass ihr nach den Bibeln greift. Ich freue mich jedes Mal, wenn wir die Bibeln in die Hand nehmen und die Schrift öffnen. Aber heute werde ich nicht wie sonst aus der Luther-84-Übersetzung predigen, sondern aus der Schlachter-Übersetzung. Das hat den einfachen Grund, dass in den Psalmen Luther oft die poetische Sprache gebraucht, die natürlich typisch Psalmsprache ist, aber dabei die Inhalte manchmal nicht so getreu wiedergibt. Deswegen heute Schlachter 2000. Die Texte werdet ihr dann jeweils an der Beamerwand sehen. Wer natürlich die Schlachter-Übersetzung mitgebracht hat oder auf seinem Handy hat, der hat einen strategischen Vorteil.
Nun, der Psalm gliedert sich in drei Teile, und so wollen wir ihn betrachten. Die ersten vier Verse sind ein Blick zurück, zurück auf eine Reformation, die bereits stattgefunden hat. Und dann folgen die Verse fünf bis acht, und das ist ein Gebet, ein Gebet für eine neue, für eine neuerliche Reformation. Und dann zeigen uns die Verse neun bis vierzehn, wie der Beter schließlich zu einer festen Gewissheit kommt, dass der Herr eines Tages eine neue und eine noch umfassendere Reformation schenken wird.
Mein Gebet für uns ist, dass dieser Psalm uns ermutigt und uns hilft, uns darauf zu besinnen, was grundlegend ist, was notwendig ist, damit wir an dieser zukünftigen Reformation, die sicher stattfinden wird, auch ganz persönlich teilhaben können.
Nun, wir beginnen mit einem Blick zurück auf eine Reformation, die einst stattgefunden hat. Ich lese uns die Verse 1 bis 4:
Dem Vorsänger. Von den Söhnen Koras. Ein Psalm.
Herr, du hast deinem Land einst Gnade gewährt, hast das Geschick Jakobs gewendet, hast vergeben die Schuld deines Volkes, hast alle ihre Sünde zugedeckt. Du hast all deinen Grimm hinweggetan, hast dich abgewandt von der Glut deines Zorns.
Nun, wir wissen nicht ganz genau, wovon die Söhne Koras hier zeugen. Jakob ist der eigentliche Name von Israel. Der Mann Jakob wurde irgendwann umbenannt zu Israel. Es geht also irgendwie um Israel, und es geht um eine große Veränderung, ein Gnadenwerk Gottes in der Geschichte Israels.
Die meisten Ausleger denken, dass es ein Rückblick ist auf die Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Um das kurz historisch einzuordnen, damit wir das verstehen: Das Volk Israel unter Jakob, einst war eigentlich nur ein Mann und dann eine Familie. Und aus dieser Familie wurde dann ein Volk, und zwar während einer Zeit der Gefangenschaft in Ägypten. Dann konnte das Volk zurückkehren aus Ägypten, und manche vermuten, dass dieser Exodus vielleicht hier im Blick ist. Dann gab es eine Zeit in der Wüste, wo das Volk untreu war und vierzig Jahre in der Wüste bleiben musste. Und dann konnten sie ins gelobte Land einziehen.
Und im gelobten Land breitete sich das Volk aus, es konnte das Land einnehmen. Dann kam es zu einer Blütezeit, zu einer glorreichen Zeit unter König David und an seinem Sohn, König Salomo. Doch aufgrund von Untreue wurde dann als Gericht Gottes dieses Land gespalten in ein Nordreich und ein Südreich. Das Nordreich wurde Israel benannt, das Südreich Juda.
Das Nordreich war Gott konsequent untreu. Und so sandte Gott irgendwann das große Volk der Assyrer, und die besiegten das Nordreich Israel. Die Stämme, die sich dort niedergelassen hatten, wurden weggeführt. Dieses Nordreich hörte auf zu existieren.
Im Südreich war es etwas besser. Dort gab es immer wieder auch gute Könige. Wir haben vorhin in der Textlesung von einem guten König gehört, von Josia, der das Wort Gottes, die Schrift, wiederfand, es las und Buße tat. Und so wandte sich das Volk immer wieder auch Gott zu. Und doch ging es auch im Südreich bergab, so dass irgendwann Gott genug hatte.
Zwischen dem Jahr 605 v. Chr. und 586 v. Chr. sandte Gott nun ein zweites großes Volk, die Babylonier, nach Israel. Sie belagerten Jerusalem und führten in drei Wellen die Menschen aus Israel, aus Juda, ins babylonische Exil. Die Propheten im Alten Testament machen dabei deutlich: Das war Ausdruck von Gottes Gericht. Es war nicht einfach so, dass die Babylonier stärker waren und die Israeliten sich nicht wehren konnten. Nein, es war Gottes Gericht. Er hatte dafür gesorgt, dass das Volk gestraft wurde ob seiner vielen Sünden.
Doch dann hatte sich Gott erbarmt. In seiner großen Gnade hatte er sein Volk zurückkehren lassen ins gelobte Land. Er hatte das Geschick Jakobs gewendet, er hatte seinem Land Gnade gewährt, er hatte die Schuld seines Volkes vergeben und ihre Sünden zugedeckt. Er hatte seinen Grimm hinweggetan und sich abgewandt von der Glut seines Zorns. Das ist das, was hier wahrscheinlich im Blick ist: ein großer Gnadenakt Gottes.
Und der Psalmist schaut zurück auf dieses großartige Ereignis. Du magst hier sitzen und sagen: Das ist ja mal ganz interessant, ein bisschen was über die Geschichte von Israel zu hören, aber das hat mit meinem Leben herzlich wenig zu tun.
Nun, das Schöne an einem Psalm ist, dass sie oft eben nicht historisch fest verankert sind und uns so erlauben, das, was der Psalmist ausdrückt, auch noch auf andere Situationen, vielleicht auch auf uns, zu übertragen und zu sehen: Hier sind Muster, die typisch sind für die Beziehung zwischen Gott und Mensch.
Und ich denke, wir können schnell sehen, wie diese Verse sich in gewisser Weise auch widerspiegeln in der Reformation, die wir hier in unserem Land feiern. Wir können auch zurückschauen auf einen Akt der Gnade Gottes in unserem Land.
Nun mag man zu Recht sagen: Na ja, aber Deutschland war damals nicht im Exil. Na ja, in gewisser Weise nicht. Aber Martin Luther, der große Reformator, hat früh in der Reformation, in der beginnenden Reformation, ein Traktat veröffentlicht mit dem Titel Von der babylonischen Gefangenschaft oder vom babylonischen Exil der Kirche. Luther nahm wahr, dass die Kirche damals letztendlich auch gefangen war, gefangen in Sünde, in einer Abkehr von Gott. Und Gott gebrauchte Luther und viele andere, um seinem Volk, um den Kirchen und Gemeinden gnädig zu sein, Umkehr zu schenken, neues geistliches Leben entstehen zu lassen.
Nun, doch noch viel entscheidender als der große Gnadenakt Gottes in der Geschichte Israels oder auch in der Geschichte unseres Landes ist die Frage, ob wir persönlich zurückschauen können auf eine solche Situation in unserem Leben. Kannst du von dir sagen, dass Gott in seiner Gnade in dein Leben eingegriffen hat?
Dazu ist es notwendig, dass wir anerkennen, dass wir das brauchen, dass wir anerkennen, dass wir Schuld haben, die vergeben werden musste, dass wir Sünder sind, so dass Gott Sünde zudecken muss. Die Bibel macht unzweifelhaft klar, dass Gott ein vollkommen heiliger und guter Gott ist, der das Gute liebt und Sünde hasst. Und die Bibel zeigt uns zugleich, dass wir Sünder sind, die deshalb unter Gottes gerechtem Zorn stünden, es sei denn, dass Gott uns Gnade gewährt, unsere Schuld vergibt, unsere Sünde zudeckt, seinen Grimm hinwegtut und sich abwendet von der Glut seines Zorns.
Und so möchte ich dich ganz persönlich fragen: Hast du das in deinem Leben erlebt? Hast du erkennen dürfen, dass Gott aufgrund seiner großen Gnade dir Glauben geschenkt hat an Jesus Christus, so dass du durch ihn befreit bist vom Zorn Gottes und angenommen bist, geliebt bist von Gott dem Vater?
Lieber Christ, ich möchte dir einen Moment Zeit geben, dich darauf zu besinnen, wie Gott in dein Leben eingetreten ist. Du musst dazu nicht ein konkretes Bekehrungserlebnis haben. Es reicht, wenn du dich einfach daran erinnerst, wenn du zurückschauen kannst und sagen kannst: Ich kann feststellen, wie Gott in seiner Gnade in mein Leben eingegriffen hat, und ich irgendwann einfach anfangen durfte zu glauben.
Ich werde einen Moment still sein und möchte dir die Möglichkeit geben, dich kurz zu besinnen auf das, was Gott in deinem Leben einst getan hat, und vielleicht in aller Stille Danke zu Gott zu sagen.
Zu Beginn des Psalms sieht der Psalmist dankbar zurück auf Gottes Eingreifen. Und dieses Wissen, dieses Wissen um einen gnädigen Herrn, der seinem Volk einst geholfen hat, bringt den Psalmisten nun dazu, sich in neuerlicher Not an den Gott seines Heils zu wenden. Das sehen wir in den Versen fünf bis acht. Ich lese uns diese Verse:
Stelle uns wieder her, du Gott unseres Heils, lass ab von deinem Unmut gegen uns. Oder willst du ewig mit uns zürnen, deinen Zorn walten lassen von Geschlecht zu Geschlecht? Willst du uns nicht wieder neu beleben, damit dein Volk sich an dir erfreuen kann? Herr, lass uns deine Gnade schauen und schenke uns dein Heil!
Wir können nicht genau sagen, was die konkrete historische Situation war. Aber wenn ein Blick zurück war auf die Rückkehr aus dem babylonischen Exil, dann könnte das hier die Situation sein, die in der Bibel beschrieben wird nach der Rückkehr aus dem Exil. Das ist ein kurzer Moment großer Freude über die Gnade Gottes, zurück in seinem gelobten Land. Aber dann stellt das Volk schnell fest, dass noch längst nicht alles wieder gut ist.
Israel ist schnell wieder unter fremder Besatzungsmacht, und das geistliche Leben liegt eigentlich darnieder. Israel kehrt nie zurück zu der Blüte vorheriger Tage. Und so ruft der Psalmbeter zum Herrn.
Ich denke, wir werden hier mit hineingenommen, wirklich in das innerste Empfinden des Psalmisten. Das ist ein Rufen aus tief empfundener Not. Lass ab von deinem Unmut gegen uns, oder willst du ewig mit uns zürnen? Es ist ein sehnsüchtiger Ruf nach Gnade. Willst du uns nicht wieder neu beleben? Herr, lass uns deine Gnade schauen und schenk uns dein Heil!
Wir können so richtig sehen, wie der Psalmist darunter leidet, dass die Beziehung zu Gott Schaden genommen hat, dass da, wo einst Gnade, Liebe war, nun wieder Unmut ist. Vielleicht können wir diesen Schmerz über eine zerbrochene Beziehung in gewisser Weise nachvollziehen, nachempfinden. Ich denke, viele von uns haben schon selbst erlebt, wie schmerzhaft es sein kann, wenn man eine Beziehung verliert, wenn da, wo einst Liebe war, Zuneigung war, Harmonie war, auf einmal Konflikt entsteht, auf einmal Ablehnung entsteht, ja vielleicht Zorn. Hast du schon mal so etwas erlebt? Das ist das, was der Psalmist hier empfindet.
Dabei geht es hier um die wichtigste aller Beziehungen, nämlich die Beziehung von Menschen zu unserem Schöpfer. Ruf zu Gott: Willst du uns nicht wieder neu beleben, damit dein Volk sich an dir erfreuen kann?
Interessant ist dabei, dass der Psalmist Gott niemals anklagt, denn er erkennt demütig, dass Gottes Zorn gerechtfertigt ist. Während bei menschlichen Konflikten fast immer beide Seiten irgendwo Schuld auf sich geladen haben, ist das in der Beziehung zwischen Gott und Mensch anders. Gott ist die Liebe. Er sündigt nie, er vernachlässigt auch die Beziehung zu uns nie. Durch sein Wort spricht er uns beständig an, wenn wir doch nur hören. Und er ist jederzeit bereit, auch uns zu hören, wenn wir uns ihm zuwenden im Gebet.
Gott steht da mit offenen Armen, aber wir Menschen, wir wenden uns immer wieder ab von ihm. Wir handeln gegen das, was er sagt. Wir ignorieren ihn und spucken ihm in gewisser Weise ins Gesicht. Ich denke, da darf es uns nicht verwundern, dass in einer solchen Situation der Psalmist erkennt: Ja, Gott, ist das nicht gleichgültig? Das weckt seinen Unmut, ja seinen Zorn.
Nur manchen Christen ist es peinlich, von Gottes Zorn zu reden. Sie suchen nach Entschuldigungen und versuchen das, was die Bibel hier ganz klar und deutlich sagt, zu verharmlosen und zu entschuldigen. Ich habe vor einiger Zeit woanders gepredigt, und direkt vor der Predigt wurde ein Lied gesungen. Das war sehr emotional, und die Gemeinde ging da auch ziemlich mit. Und ich habe irgendwann gedacht: Warte mal, da stimmt doch irgendwas nicht.
In dem Lied ging es immer darum, dass wir zu schlecht von uns denken und Gott uns richtig kennt und deswegen viel besser von uns denkt, als wir uns das vorstellen können. Das war so richtig, ja, ich dachte: Wow, das ist irgendwie cool. Also wenn Gott mich, ja, wahrscheinlich habe ich einfach einen schlechten Blick auf mich und ich denke immer, ich bin Sünder, aber Gott sieht so das ganze Potenzial in mir und sagt: Wow, du bist super, Matthias. Das war ein richtiger musikalischer Pep-Talk, war sehr therapeutisch und es war fürchterlich falsch.
Gott kennt uns besser, als wir uns kennen, das ist richtig. Und das heißt, er weiß viel genauer, wie durch und durch sündig wir sind. Wir können unser Gewissen schnell irgendwie ausblenden, betäuben. Wir erkennen oft gar nicht all das, was wir tun, was gegen Gottes Willen ist. Deswegen ist der Zorn Gottes nichts, wofür wir Gott entschuldigen müssen. Er ist absolut gerechtfertigt.
Das wirklich Erstaunliche ist, dass Gott gleichzeitig und immer noch ein Gott der Gnade ist, den wir anrufen können und der ein solches Gebet hört. Der Anfang von Reformation in uns beginnt genau damit, dass wir uns ihm wieder zuwenden, dass wir unsere Schuld eingestehen.
Wenn wir uns mal ein bisschen in der Kirchengeschichte umschauen oder auch in der biblischen Geschichte und schauen, wie Reformation, wie große Erweckung begonnen haben, dann werden wir sehen, dass es eigentlich immer das Gleiche war. Nicht, dass Menschen ihr eigenes Potenzial erkannt haben und Gott beeindruckt war. Nein, Menschen haben sich Gott zugewandt und haben ihre Schuld eingestanden.
Erweckung beginnt fast immer, und die beginnt, glaube ich, immer mit einer Bußbewegung. So war das bei Josia, wir haben das gerade gehört, so war das später unter Nehemia, so war das in der Kirchengeschichte, so war das bei der Reformation. Martin Luther war verzweifelt über seine Sünden. Wer sich ein bisschen auskennt, vielleicht mal den Lutherfilm gesehen hat, der weiß, wie Martin Luther immer wieder wusste, dass er Sünder ist und nichts anderes verdient hat als den Zorn Gottes. Und was ihn dann wirklich befreite, war nicht, dass ihm jemand gesagt hat: Das ist ja gar nicht so, für Gott ist das alles okay. Nein, was ihn wirklich begeistert hat, war zu erkennen in der Schrift, dass trotz allem Gott ein gnädiger Gott ist, der bereit ist, den bußfertigen Sünder wieder anzunehmen.
Und so begann in Luther etwas, das sich dann ausbreitete und das zu einer Reformation führte hier in unserem Land. Im 18. Jahrhundert, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, gab es in den Neuen-England-Staaten in den USA eine Erweckungsbewegung, die, denke ich, einigermaßen bekannt ist. Vielleicht hat der eine oder andere schon mal gehört von dem Prediger Jonathan Edwards, der diese Predigt mit einem Titel, die man heute gar nicht mehr haben dürfte, Sinners in the Hands of an Angry God, Sünder in den Händen eines zornigen Gottes, gepredigt hat und damit eine Erweckungsbewegung ausgelöst hat.
Während er noch predigte, da riefen die Menschen: Herr, erbarme dich! Vergib uns! Und so begann eine Bußbewegung, die zu einer Erweckung führte. Und wenn du Sehnsucht hast nach Reformation, nach einem Neubelebtsein, Neubegeistertsein, Neubrennen für Gott, dann muss diese Bewegung in dir selbst beginnen.
Wenn dir die Freude am Herrn ein bisschen abhandengekommen ist, dann such die Schuld nicht bei anderen, ja, die Musik in der Gemeinde oder die Predigten oder meine Lebensumstände. Die Freude am Herrn beginnt nicht außenrum, die beginnt hier drin. Der Weg zu neuem Leben, zu neuem Brennen, zu neuer Freude beginnt hier, indem du dich neu dem Herrn zuwendest.
Und so möchte ich uns noch mal einen Moment der Stille geben, einen Moment, in dem wir uns bewusst in aller Stille Gott zuwenden können, ihm vielleicht einen bestimmten Lebensbereich bringen können und ihn einfach bitten können: Herr, verändere mich, führe mich wieder hin zu dir.
Herr, willst du uns nicht wieder neu beleben, damit dein Volk sich an dir erfreuen kann? Herr, lass uns deine Gnade schauen und schenke uns dein Heil. Amen!
Wenn wir so beten, so wie der Psalmist es hier tut, dann kann das manchmal dazu führen, dass wir erst einmal in so einer tiefen inneren Verzweiflung steckenbleiben. Vielleicht kennst du das auch. So ein Bewusstwerden über deine Sünde und zu Gott gehen und irgendwie da hängenbleiben.
Und der Psalmist weist uns jetzt einen Weg heraus aus dieser Not. Er weist uns den Weg hin zu neuer sicherer Zuversicht, dass der Herr eingreifen wird, dass er eine neue Reformation schenken wird. Und das sehen wir im dritten Teil der Predigt, in den Versen neun bis vierzehn:
Ich will hören, was Gott, der Herr, reden wird; denn er wird Frieden zusagen seinem Volk und seinen Getreuen, nur dass sie sich nicht wieder zur Torheit wenden. Gewiss ist seine Rettung denen nahe, die ihn fürchten, damit die Herrlichkeit in unserem Lande wohne. Gnade und Wahrheit sind einander begegnet, Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst. Die Wahrheit wird aus der Erde sprossen, und die Gerechtigkeit vom Himmel herabschauen. Dann wird der Herr auch das Gute geben, und unser Land wird seinen Ertrag abwerfen. Gerechtigkeit wird vor ihm hergehen und den Weg bereiten für seine Schritte.
Nun, nach dem Gebet in den Versen fünf bis acht lesen wir nun in Vers neun, dass der Psalmist eine ganz persönliche Entscheidung trifft: Ich will hören, was Gott, der Herr, reden wird. Eine bewusste Entscheidung, zuzuhören.
Interessant ist dabei, dass der Psalmist das Reden des Herrn als etwas Zukünftiges, etwas, was geschehen wird, beschreibt, dann aber deutlich macht, dass das, was der Herr reden wird, ihm schon bekannt ist, denn er wird Frieden zusagen seinem Volk und seinen Getreuen.
Lieber Christ, ich hoffe, du verstehst, wovon der Psalmist hier redet. Es ist das Lesen von Gottes Wort. Dieses Wort ist eben nicht nur etwas, was irgendwann mal niedergeschrieben ist und deswegen irgendwie alles nur in Vergangenheitsform ist. Dieses Wort ist lebendig und kräftig. Und wenn du es aufmachst, dann beginnt Gott mit dir zu reden. Das nimmt der Psalmist sich hier vor: Ich will hören, was Gott zu mir reden wird.
Und weil er dieses Wort schon kennt, weil er weiß, wie Gott ist, weil er dieses Buch gelesen hat, weiß er auch, was Gott zusagen wird. Und ich hoffe, es geht dir auch so, dass du grundsätzlich weißt, dass dieses Wort dir Wegweisung gibt für dein Leben.
Und so ist es hilfreich, gerade in Zeiten von empfundener Not, vielleicht in Zeiten, wo wir sehr bewusst wahrnehmen, dass wir Erweckung, dass wir Neubelebung in unserem Leben brauchen, dass wir umschalten, auch vom Redemodus des Betens zum Zuhörmodus, dem Bibellesen, dem Hören auf Gott. Denn wenn wir das tun, dann werden wir die Zusagen Gottes hören, und die geben uns neue Hoffnung und Zuversicht.
Er wird Frieden zusagen seinem Volk und seinen Getreuen. Wichtig ist dabei, dass wir gut hinhören, um zu erkennen, wem Gott etwas verspricht. Das Problem bei Israel war, dass sie sich ihrer Sache oft sehr schnell sehr sicher waren. Sie wussten: Wir sind Gottes auserwähltes Volk. Und wenn dann Schwierigkeiten kamen, obwohl Gott doch verheißt hatte, dass er sein Volk segnen will, da war Israel schnell dabei, Gott anzuklagen. Ja, was soll denn das jetzt?
Es gibt so ein schönes Wort im Alten Testament: Murren. Israel murrte, sie klagten. Und es passiert manchmal, wenn wir vorschnell Zusagen Gottes, Verheißungen Gottes auf uns hin anwenden und dann falsche Erwartungen haben, die dann enttäuscht werden. Dann ist es wichtig, die Verheißungen Gottes gut zu kennen. Hört noch mal, wem Gottes Zusagen gelten: Er wird Frieden zusagen seinem Volk und seinen Getreuen, nur dass sie sich nicht wieder zur Torheit wenden.
Gilt Gottes Zusage dir? Ich hoffe, dass wir alle sehen, dass Gottes Zusagen nicht zwingend allen gelten, die sich irgendwann mal Gott zugewandt haben. Gottes Zusage gilt nicht allen, die irgendwann mal irgendwie Sünden bekannt haben und Gott um Vergebung gebeten haben. Das steht hier nicht. Gottes Zusage gilt denen, die in wahrer Buße sich ein für alle Mal Gott zugewandt haben und die Torheit hinter sich gelassen haben. Sie gilt nicht denen, die sich mal Gott zuwenden und dann Gott wieder links liegen lassen und zurückgehen zu ihrer alten Torheit. Das ist nicht die wirkliche Umkehr, die uns zu Kindern Gottes macht.
Seine Rettung ist für die gewiss, die ihn wahrhaft fürchten als den heiligen und gerechten Gott. Es ist wichtig, dass wir gut hinhören. Das wird uns nicht immer gefallen, weil Gottes Wort wie ein Spiegel ist, der nichts beschönigt. Ich befürchte, dass wir das oft ignorieren, dass wir nicht wirklich in diesen Spiegel schauen, der uns herausfordert, der uns zeigt, wo wir Veränderung brauchen, der uns zeigt, wer Gott wirklich ist und wer wir wirklich sind. Ich befürchte, dass wir manchmal diesen Spiegel quasi zumachen.
Es ist so ein bisschen so, als wenn wir so ein Foto nehmen, in meinem Fall vielleicht von vor 20 Jahren, und sich das anschauen und sagen: Oh, ich sehe aber gut aus. Aber der Spiegel zeigt mir dann die grauen Haare und die Falten. Das ist nicht immer angenehm, aber das ist das, was Gott mit uns tun möchte, denn er möchte uns verändern. Er möchte nicht, dass wir zurückkehren zur alten Torheit, sondern dass wir auf ihn hören und dass wir uns ihm wahrhaft zuwenden.
Und wenn wir dann erkennen, wer wir sind und wer Gott ist, dann ruft Gott uns hin zur Rettung, zum Schutz, und das finden wir immer nur in seinem Arm, bei ihm. Und genau darauf weist uns der Psalm dann hin.
Schaut noch mal mit mir in Vers 11 hinein. In Vers 11 stehen Worte, die im ersten Moment sehr seltsam klingen: Gnade und Wahrheit sind einander begegnet, Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst. Klingt vielleicht erst mal seltsam. Aber das ist das, worauf uns Gott immer wieder hinweist.
Beginnend schon im zweiten Buch Mose, dort ist eine Ankündigung zu finden, die Gott selbst spricht zu Mose, 2. Mose 34,6-7. Da zieht Gott an Mose vorüber und beschreibt sich selbst. Und er beschreibt sich selbst als einen Gott, der zugleich vollkommen gerecht richten wird, in allen Dingen die Wahrheit kennt und nichts beschönigt, und der zum anderen ein Gott ist, der gnädig ist und der Frieden schenkt.
500 Jahre nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil, etwas mehr noch, da war es dann so weit: Inmitten des darniederliegenden Landes wurde ein Kind geboren, und der Apostel Johannes beschreibt das Kommen dieses Kindes mit folgenden Worten: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Der Psalmist weist uns hierhin auf Jesus Christus, denn in ihm kommen Gnade und Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden zusammen. Gerechtigkeit ist für Sünder keine besonders gute Situation. Es sei denn, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird von jemand anders. Dazu kam Jesus, letztendlich gestorben am Kreuz, um dort unsere Schuld auf sich zu nehmen, damit unsere Sünde hinweggetan werden kann. Gerechtigkeit und zugleich Gnade, Wahrheit, der Blick auf alles und doch Frieden mit Gott.
Das gilt allen, die den, der damals dort am Kreuz starb und drei Tage später auferstanden ist und aufgefahren ist in den Himmel und dort sitzt zur Rechten Gottes, alle, die diesen Herrn, Jesus Christus, anerkennen als ihren Retter und den Herrn ihres Lebens.
Wenn du dir heute nicht ganz sicher bist, ob Jesus schon dein Retter und Herr ist, ob du wahrhaft Buße getan hast, dann folg doch einfach dem Vorbild des Psalmisten, betrachte dich ehrlich und bekenne Gott deine Schuld, wende dich ihm zu und bitte ihn, dass er dich wirklich bei sich behält, dass er dich von Grund auf verändert. Und dann hör auf sein Wort, indem er dir zusagt, dass dir deine Schuld vergeben ist, wenn du Jesus Christus im Glauben als deinen Retter und Herrn angenommen hast.
Wenn du das tust, dann erlebst du die grundsätzlichste Reformation, eine Reformation, die wir alle brauchen. Die Bibel beschreibt diese Reformation als so grundlegend, dass sie das nicht nur Veränderung nennt, sondern sogar eine Wiedergeburt. Neues Leben entsteht. Und so werden dann aus Kindern des Zorns geliebte Kinder Gottes.
Das darfst du wissen: Aus Gnade allein, durch deinen Glauben an Jesus Christus, bist du befreit vom Zorn Gottes und bist ein geliebtes Kind Gottes. Wir Kinder Gottes brauchen immer noch mal wieder kleine Reformationen in unserem Leben, und deswegen möchte ich dich, lieber Christ, einladen, dich einfach heute noch einmal dem Herrn zuzuwenden. Das brauchen wir immer wieder. Tu es heute, tu es ganz bewusst, tu es gleich. Bitte den Herrn noch einmal, dich wieder ganz eng zu sich zu bringen, so dass du wieder anfängst, wirklich deine Freude im Herrn zu haben, so wie der Psalmist das hier beschreibt. Dass du wieder sicher wirst, dass seine Gnade für dich gilt, dass sein Friede wieder dein Herz und deine Sinne erfüllt.
Und dann hör die Zusage, hör die Zusage einer großartigen Reformation, die uns Gottes Wort hier zuspricht. Denn die Herrlichkeit und der Frieden und die Fülle, die hier beschrieben wird, beschreibt etwas, das zumindest in gewissen Teilen uns noch bevorsteht. Eines Tages wird eine große Reformation kommen. Ich weiß nicht, ob wir hier in Deutschland noch einmal Reformation erleben werden, aber ich weiß mit Gewissheit, dass irgendwann eine viel größere, eine globale, eine alles umfassende Reformation stattfinden wird.
Die Reformation hat angefangen hier in unserem Herzen. Aber dann wird sie vollendet werden, wenn Jesus wiederkommt und diese ganze Erde umgestalten wird, reformieren wird. Dann wird alles Böse, alles Leid, alle Not ein Ende haben, und dann wird unsere Sehnsucht nach Veränderung, nach Heiligung, nach mehr Freude am Herrn, nach Erweckung verwandelt werden in ewige Freude. Dann werden wir befreit sein von allen Versuchungen, von allen Sünden, mit denen wir heute noch kämpfen, und dann dürfen wir in die Herrlichkeit des Herrn einziehen.
Ihr Lieben, ich möchte uns einladen, den Weg des Psalmisten noch einmal nachzufolgen, zurückzublicken auf die grundlegende Reformation und uns dann dem Herrn wieder neu zuzuwenden und ihm dann zu danken für die Verheißung, dass seine Reformation eines Tages so vollkommen sein wird, dass sie dann ausreicht für alle Ewigkeit.
Wollen wir dafür beten? Lasst uns still werden!
Lieber himmlischer Vater, wir loben und preisen dich für dein Gnadenwerk, das du vollbracht hast in Raum und Zeit, als Jesus Christus in diese Welt kam. Herr, danke, dass der Psalmist damals schon vorausschauen konnte auf diesen Tag, an dem Gnade und Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden sich vereinen in Jesus Christus. Herr, und danke, dass wir zurückschauen dürfen, viele von uns zurückschauen dürfen auf einen Tag, wo wir diese Wahrheit für uns erkennen durften.
Wir wollen dich bitten, dass du uns diese erste Freude, die wir hatten an unserer Erlösung, wieder schenkst, dass unsere Herzen wieder neu brennen für dich. Wir wollen beten, dass du Reformation wirkst in unseren Herzen. Und, Herr, ich bete, dass das nicht Einzelne sind, sondern dass wir alle wieder neu anfangen zu brennen, so dass auch diese Gemeinde wieder Erweckung erlebt und dass dieses Zeugnis sich ausbreitet und noch viele Menschen erreichen möge.
Herr, wir wollen dir danken, dass du eines Tages alles vollenden wirst, dass wir eines Tages eine völlige Umgestaltung erleben werden. Ja, bis dahin beten wir: Herr, erbarme dich unser, schenke neues Brennen für dich in unseren Herzen, in unserer Gemeinde, in den Gemeinden und Kirchen unseres Landes, in der ganzen Welt.
Und so beten wir im Namen des großen Reformators, Jesus Christus.
