Serie•Teil 2 / 4Einseitigkeiten
Generierte Mitschrift
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Ein biblisches Gleichnis als Einstieg
Der Pharisäer und der Zolleinnehmer – so ist eine Geschichte im Neuen Testament überschrieben, im Lukasevangelium, Kapitel 18, Verse 9-14. Es ist eine Geschichte, die Jesus selbst erzählt hat, als Beispiel für etwas, was er den Leuten beibringen wollte. Und es ist gleichzeitig auch ein guter Einstieg in die Predigt, die wir dann hören werden: der Pharisäer und der Zolleinnehmer.
Jesus wandte sich nun an einige, die in falschem Selbstvertrauen meinten, in Gottes Augen gerecht zu sein, und die deshalb für die anderen nur Verachtung übrig hatten. Er erzählte ihnen folgendes Beispiel:
Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zolleinnehmer. Der Pharisäer stellte sich selbstbewusst hin und betete: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie die übrigen Menschen. Ich bin kein Räuber, kein Betrüger, kein Ehebrecher, und ich bin auch nicht wie jener Zolleinnehmer dort. Ich faste zwei Tage in der Woche und gebe den Zehnten von allen meinen Einkünften.
Der Zolleinnehmer dagegen blieb in weitem Abstand stehen und wagte nicht einmal aufzublicken. Er schlug sich an die Brust und sagte: Gott, vergib mir, sündigem Menschen, meine Schuld.
Ich sage euch: Der Zolleinnehmer war in Gottes Augen gerechtfertigt, als er nach Hause ging, der Pharisäer jedoch nicht. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden. Aber wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
Ich heisse auch die noch herzlich willkommen, die in der Zwischenzeit eingetroffen sind. Ich freue mich, dass ihr gekommen seid. Und ich möchte auch Salome noch begrüssen, die ja eigentlich gar nicht mehr so bei uns ist und jetzt doch auch mitgeholfen hat beim Lobpreis.
Es soll ein Bestechen ist. Glaube heisst: alles richtig machen. Wer ist mit dieser Behauptung einverstanden? Niemand. Tizi, du hast die Leute schon auf deine Seite gebracht, sie haben das Blatt schon mal gelesen. Man weiss gar nicht so recht, was man dagegen sagen könnte.
Der Glaube an Jesus soll ja dazu führen, dass wir Jesus ähnlicher werden, und Jesus hatte schliesslich nie einen Fehler gemacht. Christen sollten vorbildlich leben, wir sind sozusagen die Aushängeschilder der Liebe Gottes. Gott sagte schon dem Volk Israel: Ihr sollt heilig sein, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig. Und Petrus nimmt Bezug auf diese Aussage im Alten Testament und sagt: Euer ganzes Tun soll ausgerichtet sein an dem heiligen Gott, der euch berufen hat. Und dann sagt Jesus erst noch im Zusammenhang mit der Feindesliebe: Ihr aber sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.
So sind auch die Anforderungen, die Jesus an seine Zuhörer stellt, sehr hoch. Muss man dieser Behauptung wirklich zustimmen: Glaube heisst, alles richtig machen? Selbstverständlich ist es das Bestreben von uns, alles richtig zu machen. Aber ehrlich gesagt kann ich mit dieser Definition gar nichts anfangen.
Doch wenn man sagen kann oder sagen würde: Glaube heisst meistens alles richtig machen, das passt mir auch nicht. Das klingt so nach so einem Larifari-Glauben. Beide Aussagen sind irgendwie richtig, aber eben einseitig, zu einseitig. Zu oberflächlich. Diese Formulierungen sind untauglich, um angemessen auszudrücken, was Glaube an Jesus Christus charakterisiert. Diese Aussage führt zu vielen Missverständnissen.
Wenn Regeln den Glauben bestimmen
Wenn man Glaube nämlich so definieren müsste, wie es hier steht oder gestanden ist, wie sollen wir dann über die Jünger denken? Haben die alles richtig gemacht? Denken wir nur an Petrus, der von Paulus in aller Öffentlichkeit zur Rede gestellt wurde und als Heuchler entlarvt wurde, weil er heidnische Lebensweise annahm mit den Heidenchristen, mit den Christen, die aus dem Heidentum kamen. Und dann kamen Juden aus Jerusalem nach Antiochia, und dann hatte er Schiss. Und dann hat er wieder jüdisch gelebt und hat sogar die, die aus dem Heidentum kamen, dazu bewegt, dass sie jüdische Gepflogenheiten annehmen. Und sogar Barnabas hat sich hier verführen lassen.
Als das Paulus sah, wurde er etwas sauer und hat ihm in aller Öffentlichkeit das gesagt. Das heisst hier: Als ich nun sah, dass sie den richtigen Weg verlassen hatten, den Weg, der mit der Wahrheit des Evangeliums übereinstimmt, sagte ich in Gegenwart aller zu Petrus: Du selbst nimmst dir, obwohl du ein Jude bist, die Freiheit, dich über die jüdische Lebensweise hinwegzusetzen und wie ein Nichtjude zu leben. Wieso zwingst du denn dann die Nichtjuden, sich der jüdischen Lebensweise anzupassen?
Waren nun Petrus und Barnabas, die sich hier offensichtlich falsch verhalten hatten, wirklich ernsthafte Christen? Standen sie wirklich im Glauben, denn sie haben einen grossen Fehler gemacht? Wenn Glaube bedeutet, dass wir alles immer richtig machen, waren sie nicht wirklich Christen. Ich könnte hier noch viele Beispiele anführen, auch aus dem Alten Testament, zum Beispiel Abraham, die Könige David und Hiskia usw. Auch der Streit zwischen Barnabas und Paulus, der zu einer Trennung führte.
Die Aussage Glaube heisst alles richtig machen, erweckt den Eindruck, dass es einen eindeutigen Katalog gibt, in dem wir für jede Lebenssituation nachschauen können, was richtig und was falsch ist. Diese Aussage weckt auch den Eindruck, dass man nie einen Fehler machen kann. Nur wenn ich immer alles richtig mache, stehe ich im Glauben. Wenn das gilt, dann wird mich ein Fehler aus dem Glauben hinauswerfen.
Jakobus sagt das denen, die nach diesen Prinzipien leben wollen. Er sagt: Denn wer das gesamte Gesetz befolgt, aber gegen ein einziges Gebot verstösst, hat gegen alle verstossen und ist vor dem ganzen Gesetz schuldig geworden. Also, wer auf dieser Basis glauben will: Wenn er einen Fehler macht, dann hat er alles verkachert.
Ich möchte deshalb zuerst aufzeigen, wohin ein solcher Glaube führen kann, und dann erklären, wie ich den Glauben charakterisieren würde.
Jetzt möchte ich zwischendrin schnell einen Stopp machen, jetzt habe ich nämlich gesehen, dass Magdalena auch hier ist. Nur noch schnell zwischendrin, wir wollten es eigentlich nach vorne nehmen, aber stehen mal schnell auf. Die zwei haben jetzt eben geheiratet in Deutschland, dass Magdalena und der Christian. Magdalena und Christian sind noch in einer Ausbildung in Deutschland, sie werden also noch eine Ehe auf Distanz führen, aber wir wünschen euch Gottes Segen und viel Freude. Gott, also das wollte ich doch noch gesagt haben.
Regeln, die aus dem Glauben herauswachsen
Nun wollen wir uns zuerst über einen regelorientierten Glauben Gedanken machen.
Selbstverständlich hat jeder Glaube gewisse Regeln. Jeder Glaube hat Regeln, die zu beachten sind. Es ist klar: Wir sollen nicht lügen, betrügen, morden, die Ehe brechen oder jemandem etwas stehlen. Das sind eigentlich alles Regeln, die jeder Mensch beachten sollte, ob er Christ ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Diese Regeln sind für eine gute Lebensqualität in einer Gesellschaft unbedingt nötig. Wenn diese Regeln in einer Gesellschaft nicht eingehalten werden, ziehen die Leute weg in eine Kultur, die dem mehr Beachtung schenkt, wenn sie das können. Denn das hat mit Lebensqualität zu tun. Diese Regeln werden auch allgemein anerkannt, weil sie einfach vernünftig sind.
Also spreche ich heute nicht über diese allgemeinen Regeln. Als Christen sollte es für uns selbstverständlich sein, dass wir diese Regeln nicht brechen. Ich spreche heute über Regeln, die durch den Glauben an Jesus dazukommen können. Auch das ist selbstverständlich: Jeder Glaube hat gewisse Regeln, anders geht es gar nicht. Es wäre ja komisch, wenn jemand zum Glauben an Jesus kommt, vorher nie gebetet hat, und wir dann sagen würden: Jetzt bist du zum Glauben an Jesus gekommen, und wenn du vorher nie gebetet hast, dann lass das Beten. Dass der Vorher-nie-Gebetete betet, auch nicht. Nein, da kommt etwas Neues ins Leben hinein, eine neue Praxis, etwas, das wir wichtig finden und das eine gewisse Verhaltensveränderung mit sich bringt.
Oder, ich meine, als ich noch nicht Christ war, ging ich nicht regelmässig zum Gottesdienst. Dieses Bedürfnis kam erst mit dem Glauben an Jesus Christus. Es gibt also ganz normale Regeln, die zu jedem Glauben gehören. Jeder Glaube hat seine Regeln. Es können aber auch Regeln dazukommen, die gefährliche Auswirkungen auf unseren Glauben haben können.
Zuerst: Wenn wir zum Glauben an Jesus kommen, wenn wir begriffen haben, was Jesus für uns getan hat, was das heisst, dass er für unsere Schuld gestorben ist, dass er auferstanden ist, wenn wir begriffen haben, dass er uns die Tür zum Himmel aufgestossen hat, dann sind wir in der Regel begeistert. Die Freude ist normalerweise gross, ausser man ist schon in einem christlichen Umfeld aufgewachsen, hat das immer gehört und weiss dann beim Glauben schon ungefähr, wie das geht. Aber egal, wie gross die Freude ist: Auf jeden Fall bricht Dankbarkeit auf. Endlich wissen wir, wofür es sich zu leben lohnt, wir haben ein Ziel. Und aus Freude und Dankbarkeit wollen wir nun natürlich für und mit Jesus leben.
Das war für mich eine der zentralen Fragen, als ich zum Glauben kam: Wie kann ich jetzt leben? Ich möchte leben, wie es Jesus gefällt, weil er mich erlöst hat. Das war die Frage, die mich bewegte. Wir beginnen, uns neu zu orientieren. Deshalb spricht Jesus ganz klar von einer Wiedergeburt. Zu Nikodemus sagt er: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Paulus beschreibt das, was mit einem Menschen geschieht, der diese Wiedergeburt erlebt: Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, etwas ganz Neues hat begonnen.
Da beginnt etwas Neues. Man betritt nach der Bekehrung, nach der Hinwendung zu Jesus, eigentlich ein neues Land, eine neue Welt, die einem vielleicht noch unbekannt ist. Mir ging es auf jeden Fall so. Einerseits kann man sich in der Bibel orientieren, andererseits brauchen wir eine Gemeinde und Christen, die uns dabei helfen. Wir brauchen auch Unterstützung darin, wie wir die Aussagen der Bibel verstehen sollen. Deshalb hat Gott auch Lehrer eingesetzt.
Und in diesem Prozess des neuen Kennenlernens, in diesem Hineinkommen in diese Welt des Glaubens, kann es geschehen, dass wir Christen und Gemeinden begegnen, die sich für ihren Glauben schon viele Regeln aufgestellt haben. Als junger Christ ist man für solche Regeln sehr offen, denn man will Jesus unbedingt gefallen. Oft sind es auch keine schlechten Regeln. Ich habe ja gesagt: Regeln braucht es. In gewisser Weise können sie auch sehr hilfreich sein. Es gibt verschiedene Regeln, verschiedene Prägungen: Ein Christ hat keinen Fernseher zu Hause, ein Christ trinkt keinen Alkohol. Es gibt ganze Gebiete, wo Christen dieser Überzeugung sind. Ein Christ tanzt nicht, ein Christ hilft jedem und überall, ein Christ erzählt allen von Jesus, ein Christ gibt den zehnten Teil seines Einkommens ins Reich Gottes, ein Christ liest jeden Morgen in der Bibel und betet, ein Christ kann in Zungen reden, ein Christ isst kein Fleisch, Christinnen tragen Röcke und lange Haare, ein Christ gibt dem Ostersonntag eine besondere Bedeutung.
Da ist nicht alles falsch. Ich habe es extra ein bisschen durchmischt. Ich sage jetzt nicht, was ich falsch und was ich richtig finde. Doch wenn man diesen Regeln, und das ist das Problem, zu hohen Stellenwert gibt, wird dann an der Befolgung dieser Regeln gemessen, wie ernsthaft ich Christ bin und im Glauben stehe. Wir machen praktisch durch Regeln die Gefahr, dass wir an der Einhaltung der Regeln das Mass des Glaubens festlegen. Und dann können diese Regeln bald einmal zur Last werden.
Die Gefahr ist gross, dass man sich an diese Regeln oder, sagen wir mal, an die internen christlichen Vorschriften hält, um einen guten Eindruck zu erwecken. Ich will ja ein guter Christ sein, und ich möchte, dass die anderen auch denken, dass ich ein guter Christ bin. Ich beginne nun, für die Christen zu leben und nicht mehr für Christus. Das ist die Gefahr: für die Christen zu leben und nicht mehr für Christus.
Schon die ersten Christen hatten mit solchen Entwicklungen zu tun. Deshalb schrieb Paulus den Christen in Kolosse Folgendes: Wenn ihr nun also mit Christus gestorben seid und die Prinzipien dieser Welt für euch hinfällig geworden sind, warum lebt ihr dann so, als wärt ihr immer noch ein Teil dieser Welt? Ihr lasst euch vorschreiben: Damit darfst du nichts zu tun haben. Davon darfst du nicht essen, das darfst du nicht einmal berühren. Dabei geht es hier jedoch immer nur um Dinge, die sowieso keinen Bestand haben, Dinge, die dazu da sind, dass man sie verbraucht. Wer solchen Forderungen nachkommt, folgt damit lediglich den Geboten und Lehren von Menschen.
Zugegeben: Es handelt sich um eine Frömmigkeit, die den Anschein besonderer Weisheit hat, dieser selbstgewählte Gottesdienst, diese Demut, diese Schonungslosigkeit gegenüber dem eigenen Körper. Doch das alles ist ohne jeden Wert und dient nur dazu, das menschliche Geltungsbedürfnis zu befriedigen.
Wenn wir uns als Christen solche Regeln auferlegen, die Gott von uns gar nicht erwartet, dann legen wir uns gegenseitig Lasten auf. Es ist der Versuch, den Glauben messbar zu machen. Je besser ich die Regeln einhalte, desto besser bin ich ein Christ. Wir gewöhnen uns daran, uns auf Äusserlichkeiten zu konzentrieren. Gegen aussen sieht dann alles gut aus, aber wir werden dadurch in der Regel zu Heuchlern. Wir sind nicht so sehr mit unserem Schein beschäftigt, dass wir uns gar nicht mehr mit dem Sein beschäftigen können: Wer bin ich? Wo schlägt mein Herz? Bin ich ehrlich und aufrichtig?
Natürlich, wenn wir es schaffen, sind wir glücklich, weil alle von uns denken, dass wir Superchristen sind, und ich denke es von mir dann auch, weil ich es ja schaffe. Und die Pharisäer lebten genau in dieser Art. Sie stellten so viele Regeln auf, und man wusste genau, ob man sich nun richtig oder falsch verhielt. Aber Jesus durchschaute dieses Verhalten, und er sagte ihnen: Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie weiss getünchte Gräber: Von aussen sehen sie schön aus, innen aber sind sie voll von toten Gebeinen und Unreinheit aller Art. Und dann führt er das noch genauer aus: Genauso seid auch ihr. Nach aussen hin erweckt ihr bei den Menschen den Anschein, gerecht zu sein, in Wirklichkeit aber seid ihr voll von Heuchelei und Gesetzlosigkeit.
Heute würde das vielleicht so heissen: Ihr habt zwar keinen Fernseher zu Hause, aber ihr verbringt die ganze Zeit im Internet auf zwielichtigen Seiten. Oder: Ihr tragt zwar schöne lange Röcke, aber euren Nachbarn hasst ihr bis aufs Blut. Oder: Ihr lest jeden Tag in der Bibel und betet, aber im Geschäft beleidigst du ständig deine Kollegen. So könnte man weiterfahren.
Ein Glaube, der mit vielen äusserlichen Verhaltensregeln versehen ist, ist letztlich ein toter und tötender Glaube, der nur Heuchler und Versager hervorbringen kann. Das zeigt übrigens die Begebenheit von Pharisäer und Zöllner im Tempel. Der Pharisäer war sich sicher, dass er die Gesetze gehalten hatte. Er war sicher, dass Gott, dass er Gott gefallen müsse. Er war aber zum Heuchler geworden. Und der Zöllner, der diese Gesetze nicht halten konnte, steht als Versager hinten im Tempel und kann nur noch sagen: Gott sei mir Sünder gnädig.
Heuchler sind die, die genügend Kraft haben, den Schein nach aussen zu wahren. Versager sind die, die diesem Druck nicht gewachsen sind und aufgeben. Sie wenden sich von diesem anstrengenden, regelorientierten Glauben ab. Und leider, das habe ich oft gesehen, und das schmerzt mich unheimlich, wollen sie später nichts mehr vom christlichen Glauben wissen. Denn sie denken: Wenn ich da wieder zurückkomme, schaffe ich das nicht, diese Regeln wieder einzuhalten und noch einmal als Versager zu enden. Das will ich mir nicht antun.
Das ist etwas unheimlich Schwieriges: jemanden, der in so einem reglementierten, regelorientierten Glauben aufgewachsen ist, wieder zurückzuführen in einen gesunden Glauben.
Hast du Regeln in deinem Glaubensleben, an denen du deine Rechtgläubigkeit festmachst, die aber mit dem lebendigen Glauben und mit dem, was Gott von dir erwartet, eigentlich gar nichts zu tun haben? Das Glaubensleben kann doch nicht so anstrengend sein. Jesus ruft doch: Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet, ich werde sie euch abnehmen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.
Und im Johannesbrief steht es ganz eindeutig, ich finde das ein super Vers: Unsere Liebe zu Gott zeigt sich nämlich im Befolgen seiner Gebote. Und jetzt kommt das, was ich so krass finde: Und seine Gebote zu befolgen ist nicht schwer. Es ist nicht schwer. Der Glaube an Jesus Christus besteht nicht aus einem Reglement von unzähligen Vorschriften, vielmehr befreit uns Jesus von diesen unzähligen Regeln.
Paulus schreibt den Christen in Rom: Denn mit Christus ist das Ziel erreicht, um das es im Gesetz geht. Jeder, der an ihn glaubt, wird für gerecht erklärt. Wir können die Rettung also nicht durch Einhaltung gewisser Gesetze erwirken, sondern Jesus hat sie erfüllt, und wir erfüllen die Gesetze durch den Glauben an ihn. Der Glaube ist zuerst einmal ein Geschenk, das wir nicht erarbeiten können. Dass Menschen für gerecht erklärt werden, beruht auf Gottes Gnade. Es ist sein freies Geschenk aufgrund der Erlösung durch Jesus Christus. Dieses Geschenk müssen wir bewahren. Wir dürfen uns nicht so verhalten, als müssten wir selbst noch etwas zu dieser Erlösung hinzutun.
Und im Brief an die Galater mahnt Paulus: Zur Freiheit hat Christus uns befreit. Bleibt daher standhaft und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Sklaverei zwingen.
Im Glauben an Jesus steht nicht die Einhaltung von bestimmten Regeln im Vordergrund. Im Glauben an Jesus geht es um eine neue Einstellung zum Leben, genauer gesagt geht es um eine Beziehung, um die Beziehung zu Gott, die sich mit der Wiedergeburt radikal ändert. Es gibt eine komplett andere Beziehung zu Gott. Paulus schreibt: Alle, die sich von Gottes Geist leiten lassen, sind seine Söhne und Töchter. Da wird etwas verändert, da wird der Mensch zum Kind Gottes. Wir werden also nicht durch Gesetz und Regeln geleitet, sondern wir werden durch den Geist Gottes geführt, der in jedem lebt, der wiedergeboren ist.
Dieser Geist bewirkt etwas enorm Erstaunliches. Denn der Geist, den ihr empfangen habt, macht euch nicht zu Sklaven, so dass ihr von neuem in Angst und Furcht leben müsstet. Er hat euch zu Söhnen und Töchtern gemacht. Durch ihn rufen wir, wenn wir beten: Abba, Vater.
Es gibt eine ganz neue Beziehung, keine Angst vor Gott, dem Schöpfer. Wie viele Menschen haben Angst vor Gott! Wenn man sie anspricht: Was denkst du, was kommt nach dem Sterben? Ja, ich weiss es nicht. Und oft ist der grösste Trost, den die Menschen noch herbeisprechen können, dass sie sagen: Dann ist es einfach fertig. Aber oft ist es eine tiefe Angst: Ich weiss nicht, wie Gott ist. Ich hoffe, dass er mir dann gnädig ist.
Aber der Geist Gottes, der in denen lebt, die Jesus lieben, macht mich zu einem Kind Gottes. Und durch den Geist Gottes sage ich: Abba, Vater. Das ist ein guter Vater. Wir sind also Kinder Gottes geworden und sprechen den Schöpfer des Himmels und der Erde als unseren Vater an. Das ist doch einfach unfassbar. Da müssen wir irgendwie begeistert sein, finde ich. Man muss sich das einmal vorstellen: Wir können den Vater nennen, der uns geschaffen hat, der mächtig ist, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist.
Diese Begeisterung über diese Tatsache hat auch Johannes in seinem Brief ausgedrückt. Er schreibt: Seht doch, wie gross die Liebe ist, die uns der Vater erwiesen hat: Kinder Gottes dürfen wir uns nennen, und wir sind es tatsächlich. Begreift ihr das, was das heisst? Das ist nicht eine fromme Floskel, wir sind es! Ich sage das nicht, weil es schön klingt, sondern wir sind es tatsächlich.
Das Zentrum unseres Glaubens ist nicht ein Reglement. Das Zentrum unseres Glaubens ist die Beziehung zum Schöpfer, die uns Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung ermöglicht. Die Qualität und Stärke einer Beziehung lässt sich eben nicht so einfach messen. Ich kann meiner Frau regelmässig einen Blumenstrauss nach Hause bringen, was ich ja nicht mache. Aber mein Vater macht das übrigens, der bringt seiner Frau immer Blumen. Ich mache das nicht. Ihr könnt jetzt denken, was ihr wollt. Jetzt könnt ihr denken, er liebt seine Frau nicht. Und ihr könnt denken, mein Vater liebt seine Frau mehr als ich. Es ist schwierig, Beziehung zu messen, schwierig.
Ich kann meiner Frau jede Woche einen Blumenstrauss bringen und innerlich sie zutiefst verachten. Ich kann meiner Frau nie Blumen bringen und sie zutiefst lieben. Man kann es nicht messen, nicht von aussen. Da kann einer einen Fernseher zu Hause haben und mit Gott inniger verbunden sein und in grösserem Gehorsam gegenüber Gott leben als der, der keinen Fernseher zu Hause hat.
Jesus hatte sich oft so verhalten, dass seine Feinde meinten, er würde durch sein Verhalten Gott beleidigen, weil er zum Beispiel am Sabbat heilte oder mit Sündern ass. Das gehörte sich nicht für den jüdischen Glauben, in ein Haus eines Sünders zu gehen. Wichtig ist, dass das, was wir tun und leben, aus der Beziehung mit Gott herauswächst, dass wir es für ihn tun.
Und Paulus warnt die Leute, die andere und ihn selbst so schnell verurteilen. Paulus war dieser Kritik auch ausgesetzt, und er sagte: Urteilt also nicht vorschnell, sondern wartet, bis der Herr kommt. Er wird alles Verborgene ans Licht bringen, alles, was jetzt noch im Dunkeln liegt, und wird die geheimsten Gedanken der Menschen aufdecken. Dann wird jeder von Gott die Anerkennung bekommen, die er verdient.
Ihr müsst mal diesen ganzen Abschnitt lesen, ich habe die Stelle auf dem Zettel aufgeschrieben, höchst interessant. Paulus war stark angegriffen durch die Art, wie er missionierte. Den Heiden wurde er ein Heide, den Juden ein Jude usw. Da hat man gesagt, er kann gar nicht so gut sprechen und weiss ich was. Und sie haben Paulus verurteilt. Paulus sagt: Passt auf, ich sage nicht einmal das Urteil über mich selbst. Gott wird das tun.
Nun, wenn jetzt jemand meint, ich würde jede Regel und jede Ordnung ablehnen, der hat mich falsch verstanden oder nicht genau zugehört. Es gibt Regeln, aber sie werden immer aus der Beziehung mit Gott herauswachsen. Unsere Gesinnung, unser Charakter, ist viel wichtiger als die verschiedenen Regeln, weil unser Verhalten durch unsere Gesinnung und unseren Charakter bestimmt wird, nicht durch die Regeln. Aus dem wächst dann das Leben.
Paulus sagt zum Beispiel: Helft einander, eure Lasten zu tragen. Auf diese Weise werdet ihr das Gesetz erfüllen, das Christus uns gegeben hat. Das ist also ein Gesetz, es gibt das Gesetz. Das Gesetz, das uns Christus gegeben hat, ist das Gesetz der Liebe.
Die Beschneidung war bei den ersten Christen ein grosses, wichtiges und problematisches Thema. Es gab viele Juden, die zu Christus fanden und die erwarteten, dass nun die Heiden, die jetzt auch zum Glauben an Christus kamen und somit auch Anteil an dem hatten, was Gott dem Volk Israel versprach, sich ebenfalls beschneiden liessen, dass die Männer die Vorhaut beschneiden liessen. Das war eine riesige Diskussion, das sehen wir ja im Neuen Testament. Es ist eines der grossen Themen. Und nun sagt Paulus etwas ganz Interessantes, übrigens findet man diese Aussage schon bereits auch im Alten Testament: Er sagt, ein wahrer Jude ist der, der es im Innersten seines Wesens ist, und die wahre Beschneidung ist die, die am Herzen geschieht. Sie kommt nicht durch die äusserliche Befolgung einer Gesetzesvorschrift zustande, sondern ist das Werk des Heiligen Geistes. Das Lob, das der erhält, der in diesem Sinn Jude ist, kommt nicht von Menschen, sondern von Gott.
Es geht um das Herz, um unsere Gesinnung, um unsere Einstellung, und aus dieser Gesinnung heraus beachten wir selbstverständlich gewisse Regeln. Weil es in unserem Glauben um Beziehung zu Jesus geht, können wir auch, wenn wir uns falsch verhalten haben oder wenn wir uns versündigt haben, zu Jesus kommen, weil wir eben mit ihm verbunden sind. Wir können unsere Schuld bekennen. Jesus wird uns deswegen nicht gleich verstossen und sagen: Jetzt hast du einen Fehler gemacht, jetzt gehst du raus. Sondern Beziehung heisst: Ich kann und darf mich entwickeln.
Wenn Gott unser Vater ist, darf ich zu meinem Vater kommen, wenn ich mit mir selber nicht zurechtkomme. Ich spreche mit Gott ab und zu über Dinge, die jetzt nicht einmal mit Sünden zu tun haben, sondern mit denen ich selber nicht zurechtkomme, die mir zu schaffen machen, wo ich über mich selber stolpere. Er ist eben mein Vater. Und normalerweise, wenn das Vater-Kind-Verhältnis stimmt, dann kann ein Kind, auch wenn es mal nicht das Richtige gemacht hat, wieder zum Vater kommen. Der Vater wird in der Regel das Herz öffnen für das Kind.
Das gibt uns überhaupt Raum, dass wir geistlich wachsen können. Wenn ich alles richtig machen muss, dann lebe ich von A bis Z in der Angst, irgendwann mache ich mal etwas falsch und dann werde ich verstossen. Aber wenn ich von der Beziehung lebe und sage: Ich möchte so leben, dass es Jesus gefällt, dann habe ich Raum zum Wachsen. Dann kann ich mit meinen Unzulänglichkeiten zum Vater kommen und sagen: Herr, ich schaffe es nicht, jetzt bin ich wieder so sauer und ich weiss nicht warum. Ich möchte mein Gefühlsleben mehr in den Griff bekommen.
Klar, Standard ist, dass wir nicht sündigen. Aber wenn wir trotzdem sündigen, sagt Johannes: Wenn jemand doch eine Sünde begeht, haben wir einen Anwalt, der beim Vater für uns eintritt, Jesus Christus, den Gerechten.
Leider kann ich diesen Punkt nicht mehr weiter ausführen, und ich glaube, ich habe zwar die anderen beiden Predigten noch nicht gemacht aus dieser Reihe, aber ich habe den Eindruck, das war die schwierigste, die anspruchsvollste. Ich kann einfach auch von der Seite das nicht weiter ausführen. Es gäbe noch so viele Bibelstellen, ich habe euch auch einige aufgeschrieben, die man in diesem Zusammenhang noch betrachten könnte. Aber eines ist klar: Der beziehungsorientierte Glaube bewirkt Freiheit und Heilung. Da können Menschen wachsen und sich entwickeln, da kann man reifen im Leben mit Jesus.
Die Definition Glaube heisst alles richtig machen ist in meinen Augen völlig untauglich. So kann man den christlichen Glauben einfach nicht definieren. Die Definition, die angemessene wäre, lautet: Glaube heisst, Jesus lieben und ihm dienen. Oder: Glaube heisst, aus der Gnade Gottes leben. Ich könnte selber noch darüber nachdenken, wie ihr den Glauben an Jesus charakterisieren würdet. Glaube ist Leben aus der Kraft Gottes.
Beziehungsorientierter Glaube wird aber dann falsch verstanden, wenn man sich unter dieser Beschreibung einen Freipass für sündhaftes und liederliches Leben vorstellt. Paulus, der die Freiheit im Glauben sehr stark betonte, sagt dann aber den Galatern auch noch Folgendes: Geschwister, ihr seid zur Freiheit berufen. Doch gebraucht eure Freiheit nicht als Vorwand, um die Wünsche eurer selbstsüchtigen Natur zu befriedigen, sondern dient einander in Liebe.
Also: Beziehungsorientierter Glaube heisst nicht, ich schaue einfach für mich, dass es mir immer am besten geht, dass ich immer das grösste Stück vom Tisch bekomme, dass es mir gut geht, eben selbstbezogen, sondern es heisst, dass wir einander dienen. Paulus, der von diesem beziehungsorientierten Glauben überzeugt war und ihn natürlich lebte, schreibt den Philippern, wie er Gott bisher immer gehorsam gewesen sei. So sollt ihr euch ihm auch weiterhin im Respekt und tiefer Ehrfurcht unterstellen und alles daransetzen, dass eure Rettung sich in eurem Leben voll und ganz auswirkt. Also da ist gar nichts von Larifari. Beziehungsorientierter Glaube ist nicht ein Larifari-Glauben, sondern es ist ein Glaube, der wirklich in der Beziehung zu Jesus stattfindet.
Das wäre vielleicht eine Frage für dich in den nächsten Tagen: Wie könnte ich diese Beziehung zu Jesus vertiefen? Wo sind Dinge, die in meinem Leben vielleicht eher auf dem Larifari-Prinzip laufen und gar nichts mit wahrem Glauben zu tun haben?
Paulus weiss, dass wir das nicht aus eigener Kraft schaffen, sondern nur in Beziehung zu Gott. Und deshalb fügt er hinzu: Gott selbst ist ja in euch am Werk und macht euch nicht nur bereit, sondern auch fähig, das zu tun, was ihm gefällt. Gott selbst in uns hilft uns, dass wir das leben können. Ein Glaube der Freiheit und der heilt, der uns gesund macht, und ein Glaube, der wirklich in Nachfolge und Hingabe zu Jesus lebt. Das wünsche ich uns. Und dass wir all die Gesetze und Regeln, mit denen wir uns etwas beweisen wollen und die nicht von Herzen und nicht aus dieser Beziehung herauskommen, dass wir die kappen. Dafür ehrlicher und aufrichtiger werden in der Nachfolge, und dann erfahren wir auch Veränderung. Wenn wir Gesetze halten, werden wir nie verändert. Wenn wir zulassen, dass Gott unser Herz anschaut, unsere Motive, dass wir das durchleuchten lassen und daran arbeiten, werden wir verändert und befreit und geheilt.
Ich bete mit uns.
Vater, es ist fast unfassbar, was wir auch in diesem Lied gehört haben, dass du uns zu dir neigst, überhaupt, dass du eine Beziehung zu uns willst, dass du mit uns unterwegs bist, dass der Heilige Geist in uns lebt und uns führt, uns hilft in allen Entscheidungen. Und Herr, du siehst, dass wir doch immer wieder in der Gefahr stehen, dass wir unseren Glauben messbar machen möchten. Dass wir irgendwie Regeln aufstellen, um uns selbst zu beweisen, dass wir gute Christen sind, und damit vielleicht etwas zudecken, das du möchtest, dass wir es in Ordnung bringen. Hilf uns, in unserem Leben echt und aufrichtig zu sein, in der Beziehung zu dir offen zu sein und uns verändern zu lassen und auch Regeln zu halten, die Sinn machen. Ja, wir beten dich an, dass du in uns lebst und dass du uns führst und uns hilfst auf diesem Weg, der uns heil macht und reif. Amen.

