Einführung in das Thema Widersteht nicht dem Bösen
Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Episode 206: Widersteht nicht dem Bösen.
In der letzten Episode haben wir uns Matthäus 5,38 angeschaut: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Leider wissen wir nicht genau, was die Zeitgenossen Jesu tatsächlich gehört haben. Hinter diesem Zitat verbirgt sich eine theologische Praxis. Es muss eine Umsetzung von mosaischen Geboten sein, der Jesus widerspricht.
In Vers 39 geht es weiter: „Ich aber sage euch.“ Wenn wir weiterlesen, fokussiert der Herr Jesus auf Matthäus 5,39: „Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen.“
Mit dem Bösen ist hier nicht der Teufel gemeint. Genau genommen müssen wir dem Teufel sogar widerstehen. Denn es heißt in Jakobus 4,7 – und es ist dasselbe Wort: „Unterwerft euch nun Gott, widersteht aber dem Teufel, und er wird von euch fliehen.“
Jesus und der Umgang mit dem Bösen
Ja, lasst uns das festhalten: Wir müssen dem Teufel widerstehen.
Wenn der Herr Jesus sagt: „Widersteht nicht dem Bösen“, dann möchte ich zunächst darauf hinweisen, dass er sich selbst auch nicht alles gefallen lässt.
In der Verhandlung vor dem Hohen Rat wird er von einem Diener geschlagen und stellt ihn zur Rede. Johannes 18,22-23 berichtet: „Als er aber dies sagte, gab einer der Diener, der dabei stand, Jesus einen Schlag ins Gesicht und sagte: ‚Antwortest du so dem Hohen Priester?‘ Jesus antwortete ihm: ‚Wenn ich schlecht geredet habe, so gib Zeugnis von dem Schlechten; wenn aber Recht, warum schlägst du mich?‘“
Mir scheint, dass wir sehr vorsichtig sein müssen, wenn wir die Worte des Herrn Jesus „Widersteht nicht dem Bösen“ hören. Wir dürfen sie nicht falsch verstehen und mit Passivität verwechseln – so im Sinne von: Lass das Böse einfach über dich ergehen. Das ist meiner Meinung nach nicht gemeint.
Aber was ist dann gemeint? Lasst uns zuerst in zwei Richtungen denken.
Die Rolle des Staates und das Recht der Christen
Erstens hat Gott den Staat als Institution eingesetzt, um Recht zu schaffen. In Römer 13,4 heißt es: „Denn sie, das ist die staatliche Macht, ist Gottes Dienerin dir zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, so fürchte dich, denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Denn sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe für den, der Böses tut.“
Der Staat hat die Aufgabe, Recht zu schaffen. Als Christ darf ich auf die Möglichkeiten eines Rechtsstaates zurückgreifen. Paulus tut dies ebenfalls. Wenn er vom Hohen Rat verfolgt wird, lässt er sich nicht einfach umbringen, sondern beruft sich auf den Kaiser, um einem Mordkomplott zu entgehen. Das ist sein Recht.
Schon zuvor, als römische Soldaten ihn gefangen nehmen und er gegeißelt werden soll, bedeutet „Widersteht nicht dem Bösen“ für den Apostel nicht, dass er das einfach über sich ergehen lässt. Römische Bürger durften nicht gegeißelt werden, und Paulus fordert sein Recht ein. In Apostelgeschichte 22,25 heißt es: „Als sie ihn aber für die Riemen ausgestreckt hatten, sprach Paulus zu dem Hauptmann, der da stand: ‚Ist es euch erlaubt, einen Menschen, der Römer ist, zu geißeln und zwar unverurteilt?‘“
Das war nicht erlaubt. Weil es nicht erlaubt war, nimmt der zuständige Militärtribun den Befehl sofort zurück und fürchtet sogar die Konsequenzen.
Für mich bedeutet das: Es gibt für Christen ein legitimes Einfordern von Rechten. „Widersteht nicht dem Bösen“ darf nicht mit Passivität verwechselt werden. Das ist eine wichtige Sache, die wir verstehen müssen.
Die Bedeutung von Vergebung und das Überschreiten von Recht und Rache
Aber da gibt es noch etwas, eine zweite Sache, die wir ebenfalls verstehen müssen: Recht zu bekommen ist nicht alles. Das höchste Ziel im Leben besteht nicht darin, immer Recht zu bekommen. Das Leben ist nicht fair, und noch weniger ist das höchste Ziel, unsere Rache zu bekommen.
Die Grenze zwischen meinem Recht und meiner Rache ist oft sehr schmal. Lasst mich euch einen Vers zeigen, der mich ziemlich herausfordert. In Korinth fühlen sich Geschwister im Umgang miteinander unrecht behandelt und gehen vor Gericht, um diesen Streit zu klären. Paulus schreibt dazu im 1. Korinther 6,7:
„Es ist nun schon überhaupt ein Fehler an euch, dass ihr Rechtsstreitigkeiten miteinander habt.“ Man könnte hier denken, es sei eine Niederlage für euch als Gemeinde. Warum lasst ihr euch nicht lieber Unrecht tun? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen?
Das ist superspannend, oder? Ich habe den Eindruck, dass mich Geschwister aus der Gemeinde ausnutzen und mich finanziell schädigen. Und der Apostel Paulus verbietet mir, mein Recht einzuklagen?
Es ist schwierig, die Situation, die im Brief geschildert wird, genau nachzuvollziehen. Aber der nächste Vers macht deutlich, dass derjenige, der sich ungerecht behandelt fühlte, nun den Spieß umdreht und mit den Waffen des Rechts einen unangemessenen Vorteil für sich herausschlägt. Hier wird also vermeintlich Böses mit Bösem vergolten. Und das geht natürlich gar nicht.
Als Christ liebe ich meine Geschwister. Das bedeutet, ich bin bereit, mir Unrecht tun zu lassen. Ich bin bereit, mich aus Liebe übervorteilen zu lassen. Ich muss nicht mein Recht einfordern, schon gar nicht, indem ich ein weltliches Gericht anrufe und damit die Gemeinde in den Augen der Gesellschaft schlecht dastehen lasse.
Wir wollen die Formulierung „Widersteht nicht dem Bösen“ verstehen, und ich habe sie in zwei Richtungen gedacht. Zum einen gibt es staatliches Recht, auf das wir als Christen zurückgreifen dürfen. Zum anderen gibt es aber auch Schutzziele, die wichtiger sind als einfach nur Recht zu bekommen.
Ein liebevoll vergebender Umgang als Christen in der Gemeinde ist so ein Schutzziel. Christen sollten besonders liebevoll miteinander umgehen, immerhin sind wir Familie.
Rache als Grenze und die Überwindung des Bösen durch das Gute
Das waren jetzt zwei Blickrichtungen zum Thema „Widersteht nicht dem Bösen“. Nun noch eine dritte Sache im Zusammenhang mit „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – das Thema Rache.
Rache ist süß, aber falsch und für Christen verboten. Rache ist eine rote Linie, die wir nicht überschreiten dürfen. Im Römerbrief Kapitel 12, Verse 19 bis 21 heißt es: „Recht euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ‚Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr.‘ Wenn nun dein Feind hungert, so speise ihn; wenn ihn dürstet, so gib ihm zu trinken. Denn wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten.“
Dieser letzte Vers scheint mir das Motto hinter dem zu sein, was Jesus in Matthäus 5 sagt. Im Umgang mit dem Bösen neigt der Mensch nämlich dazu, ganz schnell die Karte „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zu spielen. „Du hast mir etwas Böses angetan, und jetzt will ich, dass du bezahlst.“
Natürlich soll sich ein Richter weiterhin an das Talionsprinzip halten, wenn er ein Strafmaß festlegt. Das ist logisch. Aber im Privaten habe ich nicht das Recht, mich auf Grundlage von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zu rächen. Vielmehr habe ich die Aufgabe, das Böse mit dem Guten zu überwinden.
Was ich dabei tue, kann ganz unterschiedlich aussehen. Vier Ideen dazu schauen wir uns in den nächsten Episoden an.
Abschluss und Ausblick
Was könntest du jetzt tun? Du könntest Matthäus 5, Verse 39 bis 42 lesen und überlegen, welche Überschriften du den vier Ideen geben würdest.
Das war's für heute. Falls du gestern im Gottesdienst warst, achte darauf, auch den Rest der Woche über die Predigt nachzudenken.
Was wirst du konkret dafür tun? Der Herr segne dich, lasse seine Gnade erfahren und lebe in seinem Frieden. Amen.
