Serie•Teil 16 / 64Apostelgeschichte
Generierte Mitschrift
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Einordnung der bisherigen Reihe
Ich freue mich, bei euch zu sein. Wer die Reihe durch die Apostelgeschichte so im Blick hat, weiß: Das ist nicht ganz einfach, wenn einer wie ich nur einmal im Monat auftaucht. Dann ist es nicht leicht zu wissen, was beim letzten Mal war.
Das weiß ich aber. Wer sich noch erinnert, der erinnert sich daran, dass wir miteinander Bekehrungsgeschichten anschauen. Das letzte Mal haben wir zusammen die Bekehrung des Kämmerers aus Äthiopien aus Apostelgeschichte 8, zweiter Teil, angeschaut.
Meine These davor war folgende: Wir haben uns in Kapitel 8 Simon den Zauberer angeschaut, und der ist für mich so der Prototyp eines Möchtegernchristen, der Prototyp eines Mitläufers, eines Opportunisten, jemand, der äußerlich dazugehört, aber im Herzen nie wirklich eine echte Umkehr erfahren hat. Und mit dieser Geschichte von Simon dem Zauberer stellt uns Lukas so die Frage vor Augen: Ja, okay, wenn das bei dem nicht geklappt hat, bitteschön, was macht denn dann eine richtige Bekehrung aus?
Danach kommen zwei Bekehrungsgeschichten, die uns einen Hinweis darauf geben, worauf muss ich achten, wenn ich davon spreche, dass ich bekehrt bin. Was sind so die Elemente, an denen ich nicht vorbeigehen darf? Wenn so ein äußerliches Ritual wie eine Taufe oder wenn einfach nur die Begeisterung oder wenn Dinge nachplappern können, wenn das alles nicht reicht.
Was echte Umkehr braucht
Letztes Mal drehte es sich um den Kämmerer aus Äthiopien, um einen Mann, der in der Bibel gelesen hatte, Fragen hatte und dem der Evangelist Philippus das Evangelium erklärte.
Mein erstes Fazit war: Zu einer echten Bekehrung gehört es, dass man das Evangelium verstanden hat. Ich weiß, das klingt ein bisschen platt, aber ich will es noch einmal sagen: Im Zentrum einer echten Bekehrung steht ein klares Verständnis des neuen Glaubens. Ich muss wissen, woran ich eigentlich glaube, was der Inhalt meines Glaubens ist. Wenn ich umkehre, muss ich wissen, wohin eigentlich.
Der Apostel Paulus schreibt an die Korinther, eine Gemeinde, die jetzt ihre Probleme hatte, ganz oft den Satz: Wisst ihr nicht? Also geht der Apostel Paulus irgendwie davon aus, dass Wissen wichtig ist und dass, wenn einer Gemeinde bestimmte Dinge nicht bekannt sind, wenn Wissen fehlt, der Glaube entweder auf dem falschen Fundament aufbaut und dann gar kein richtiger Glaube ist oder aber vielleicht ist der Glaube schon irgendwie echt, aber ohne das nötige Wissen läuft er in die falsche Richtung und entwickelt sich falsch. Und das wäre auch dramatisch.
Das Evangelium ist eine Botschaft, die gepredigt werden muss. Es geht also nicht nur um ein Gefühl, das man vermitteln will. Es geht auch nicht nur darum, dass man die Zugehörigkeit zu einem Club verkauft oder ein paar Verhaltensregeln. Es geht um eine durchaus auch komplexe Botschaft.
Also: Das Evangelium zu verstehen, ist einerseits leicht, aber wenn man dann anfängt, länger darüber nachzudenken, merkt man: Oh, da kann man noch länger darüber nachdenken. Das erschließt sich einem nicht immer sofort. Da ist es gut. Deswegen will ich das unterstreichen, was vorhin gesagt wurde: in den Hauskreis zu gehen, sich mit Christen immer wieder darüber auszutauschen.
Hier: Ich habe da etwas, was ich nicht verstanden habe. Die Schwester, die sagte, sie liest im Alten Testament, und wo ist sie denn? Ja, genau, fantastisch, einfach nur fantastisch. Also so muss es gehen: dieses Ich lese in der Bibel, ich lese Altes Testament, ja, was ist denn das? Ja, und Daniel hat viele ... Ja, also das ist ganz normal. Und dann suche ich mir die Lösung. So wächst Glaube. Ja, ich lese, ich habe Fragen, ich suche mir die richtigen Antworten.
Dahinter steckt die Idee, dass Gott uns die Bibel gegeben hat, um darin zu lesen und um sie zu verstehen.
Wenn religiöse Prägung nicht genügt
Wissen ist tatsächlich wichtig. Aber, und dieses Aber ist wichtig: Das Evangelium kennen ist nicht genug.
Und wir nähern uns jetzt dem vielleicht größten Problem von Kindern aus einem christlichen Elternhaus. Ich meine Kinder, die ihre eigene Kinderbibel haben, mit neun das erste Mal auf Sola fahren, von klein auf biblische Geschichten hören, in den Kindergottesdienst gehen, in die Gruppe, die hier vorne vorhin war, und dann, wenn das dann mal vorbei ist mit dem Kindergottesdienst, dann kommt die Teenie-Gruppe, und dann kommt die Jugendgruppe, und ich weiß nicht, dahinter gibt es noch christliche sonst was für Gruppen.
Es geht mir um diese christlich sozialisierten Kinder. Sie fallen in der Gemeinde meistens gar nicht so auf. Sie geben womöglich die richtigen Antworten, wenn man sie theologisch fragt. Also: Kennt ja die richtige Antwort in der Kinderstunde, lautet wie? Jesus, genau. Fragt der Kinderstundenonkel das Kind: Sag mal, was ist braun, hat einen langen, buschigen Schwanz und springt von Baum zu Baum? Sagt das Kind zu ihm: Ich würde ja sagen, Jesus. Aber ich habe irgendwie den Eindruck, es passt hier diesmal einfach nicht.
Sie haben die richtigen Antworten, sind vielleicht sogar getauft, genau wie Simon. Aber es kann ganz leicht passieren, dass im Leben solcher Kinder etwas fehlt. Es fehlt vielleicht diese besondere Leidenschaft. Es fehlt vielleicht der Heilige Geist. Es fehlt das eigene, wirklich auf den Kopf stellende Erlebnis, die Begegnung mit dem Auferstandenen.
Wir dürfen oder wir müssen begreifen, dass Christsein mehr sein muss als eine Familienkultur. Das geht in anderen Religionen sehr gut. Das geht gut im Islam oder im Buddhismus oder im Hinduismus. Da glaubt die Familie, und da hat das Kind einfach diesen Glauben, dieses Verhalten zu übernehmen.
Im Christsein geht das nicht. Wenn unser Glaube nicht mehr ist als eine Kultur, die wir von den Eltern übernommen haben, ein Denkgebäude, das unsere Eltern hatten, ein paar Verhaltensregeln, wie man halt christlich zu leben hat, dann sind wir damit nicht bekehrt. Wissen allein genügt nicht für eine Neugeburt.
Der Weg von Herkunft zu persönlichem Glauben
Deswegen heißt es im Johannesevangelium, Johannes 1,12-13.
Ihr wisst, dass ich es mag, wenn man Bibelverse auswendig lernt, weil ich viel davon halte. Das wären zwei Verse, die sich wirklich lohnen, immer wieder darüber nachzudenken.
Johannes 1,12:
Da spricht Jesus, oder da wird über Jesus gesagt: So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.
Jetzt kommen drei Dinge, die diesen Glauben nicht hervorbringen. Mir geht es nur um das Erste: Nicht die richtige Verwandtschaft, nicht die richtige Abstammung macht es, dass du von Neuem geboren wirst. Das kann nur Gott, und das macht Gott bei dem, der wirklich glaubt.
Deswegen muss man sagen: Der Familienglaube ist kein Ersatz für die Wiedergeburt. Auch wenn die Eltern und die Großeltern glauben, ist das ein unendlicher Segen. Also bitte, ihr lieben Kinder aus gläubigem Elternhaus, schätzt das, was ihr da habt.
Ich hätte viel dafür gegeben, in einem gläubigen Elternhaus groß zu werden. Ich hatte das nicht. Ich hätte viel dafür gegeben. Es ist aber kein Ersatz dafür, dass ihr Gott ganz persönlich begegnet. Dass die Eltern glauben, ist kein Ersatz für die Wiedergeburt.
Paulus als Beispiel für Wissen ohne Umkehr
Und deswegen präsentiert uns Lukas nun die Geschichte von jemandem, der schon alles wusste, aber etwas ganz anderes brauchte, nämlich von Paulus.
In der Geschichte wird Paulus Saulus genannt, oder Saul. Und vielleicht kennt ihr diesen Spruch vom Saulus zum Paulus. Der ist ein bisschen unsinnig. Denn Saulus hieß immer Saulus, und Paulus hieß nicht am Anfang Saulus und wurde dann aus dem Saulus ein Paulus. Sondern er hieß immer Saulus und Paulus. Er hatte einfach zwei Namen für zwei Kulturkreise: Für den jüdischen wurde er Saulus genannt, und im Griechischen Paulus.
Ich werde immer von Paulus reden, weil das der Name ist, der uns bekannter vorkommt, auch wenn im Text mal Saulus steht. Bitte nicht erschrecken: Mit Saulus ist Paulus gemeint, und mit Paulus Saulus, und mit Saul Saulus, und mit Paulus Saul. So, ja, er versteht schon. Also, all das gehört irgendwie zusammen.
Die Herkunft: Wo kommt dieser Paulus her? Ich will euch da mal zwei Verse vorlesen aus dem Philippabrief, Kapitel 3, Vers 5, damit wir verstehen, was er so für einen Hintergrund hatte. Philippa 3,5. Da sagt er von sich selber: „Beschnitten am achten Tag, vom Geschlecht Israel, vom Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern.“ Das ist mir wichtig: die Hebräer. Innerhalb des Stammes Israel, die Hebräer, das waren so die Orthodoxen, das waren die ganz Konservativen. Ganz konservative Eltern, ganz konservative Großeltern, gläubiges Elternhaus.
Und dann schauen wir uns mal Apostelgeschichte 22 an, Apostelgeschichte 22,3. Da sagt er noch ein bisschen was über sich. Er beschreibt, wo er groß geworden ist: „Ich bin ein jüdischer Mann, geboren in Tarsus in Zilizien“, also heutige Türkei, „aber auferzogen in dieser Stadt“, gemeint ist Jerusalem. Also seine sehr gläubigen Eltern haben den jungen Paulus zur Erziehung nach Jerusalem geschickt, wo sie erwarteten, dass er die stärkste jüdische Prägung bekommen könnte.
„Aber auferzogen in dieser Stadt zu den Füßen Gamaliels.“ Und Gamaliel war der wahrscheinlich zu seiner Zeit bekannteste und beste Lehrer, der dafür gesorgt hat, dass aus diesem kleinen Paulus der Pharisäer Paulus wurde. In Philippa 3,5 sagt er: „Hebräer von Hebräern, dem Gesetz nach ein Pharisäer.“ Hier in Apostelgeschichte 22,3: „Aber auferzogen in dieser Stadt zu den Füßen Gamaliels, unterwiesen nach der Strenge des väterlichen Gesetzes, war ich, wie ihr alle heute seid, ein Eiferer für Gott.“
Die Begegnung auf dem Weg nach Damaskus
Wenn du jemanden suchst, der Wissen über den Glauben hatte, dann war Paulus so jemand. Und mehr noch als das: Er hatte auch persönlichen Kontakt zum Christentum. Er war nämlich der größte Feind des Christentums.
Das heißt es in Galater 1,13-14: Denn ihr habt von meinem früheren Verhalten im Judentum gehört, dass ich die Gemeinde Gottes über die Maßen verfolgte und sie auch zu vernichten suchte. Und im Judentum machte ich mehr Fortschritte als viele Altersgenossen in meinem Volk, denn ich war für meine überkommenen väterlichen Überlieferungen in viel höherem Maße ein Eiferer.
Und dann gibt es noch einen Text, den wir schon gemeinsam gelesen haben: Apostelgeschichte 8,3. Da taucht Paulus das erste Mal in der Apostelgeschichte so richtig negativ auf: Saulus aber verwüstete die Gemeinde, indem er der Reihe nach in die Häuser ging, und er schleppte sowohl Männer als auch Frauen fort und überlieferte sie ins Gefängnis.
Paulus ist ein zutiefst kluger, eifriger, theologisch hoch gebildeter Mann. Und wir müssen davon ausgehen, dass er genug theologisches Wissen und auch genug Wissen über diese Sekte der Christen aus erster Hand hatte. Wahrscheinlich wäre Paulus in der Lage gewesen, jedem das Evangelium klar zu erklären, das er für falsch hielt, also dieses in seinen Augen falsche Evangelium der Christen.
Sein Problem ist: Er glaubte nicht daran. Das Wissen, das er hatte, war nicht lebensverändernd. Und deswegen müssen wir diesen einen Punkt einfach festhalten: Wissen allein verändert niemanden. Wissen allein macht nicht gläubig.
Vielleicht geht es euch wie mir, und ihr fragt euch manchmal, wie kann es sein, dass so superkluge liberale Theologieprofessoren, die wirklich viel Ahnung von der Bibel haben, sich nicht schneller bekehren? Die wissen ja echt viel über die Bibel, und sie können weite Teile auswendig. Sie tauchen da tief ein, sie verbringen viele Stunden mit der Bibel.
Aber die Antwort muss bei ihnen wahrscheinlich genauso lauten wie auch bei Paulus: Es fehlt ihnen diese lebensverändernde Begegnung mit Jesus. Wissen in der Hand von Menschen, die selbstgerecht sind, führt nicht zur Bekehrung, sondern dazu, dass man dem Wort Gottes Gewalt antut und irgendwie christlich lebt, ohne tatsächlich die Kraft Gottes jemals in seinem Leben wirklich erfahren zu haben.
Das Licht, das alles verändert
Also lernen wir Paulus mal kennen, Apostelgeschichte 9, die ersten beiden Verse:
Saulus aber schnaubte immer noch Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn. Er ging zu den Hohenpriestern und erbat sich von ihnen Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er, wenn er einige fände, die des Weges wären – diese komische Formulierung, „die des Weges sind“, das sind die Christen, also die, die den Weg des Herrn gehen –, Männer wie auch Frauen, sie gebunden nach Jerusalem führe.
Was Paulus machen möchte, ist Folgendes: Er hat in Jerusalem alles gefangen gesetzt, was er finden konnte. Er hat gehört, dass in Damaskus dieser Unfug auch schon Fuß gefasst hat, und er denkt sich: Mann, für meine persönliche Reputation, dafür, dass ich mal zeige, wie toll ich bin, muss ich diesen Unruheherd da oben in Damaskus auch noch ausmerzen. Das war sein Ziel.
Verse drei und vier:
Als er aber hinzog, geschah es, dass er sich Damaskus näherte, und plötzlich umstrahlte ihn ein Licht aus dem Himmel. Und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die zu ihm sprach: Saul, Saul, was verfolgst du mich?
Die Bibel ist so nüchtern. Stellt euch das vor: Ihr reitet da – ich stelle ihn mir so selbstgefällig vor, entweder reitend oder laufend – auf dem Weg nach Damaskus. Du hast diese Schreiben von dem Hohepriester, du hast den Job gekriegt, du hast richtig vor, was zu reißen und zu zeigen, wie toll du bist. Du bist da so unterwegs, du siehst die Stadt, du kannst die Stadtmauer schon erkennen. Es ist Mittag, es ist warm, du weißt, du bist gleich zu Hause, gleich kann ich irgendwo was Kühles trinken.
Und dann, mitten am Tag, wird es hell. Ich finde das lustig, ja: Es ist ja schon hell, aber jetzt wird es richtig hell, heller als hell. Stell dir vor, du stehst im Orient in der Mittagssonne. Dass es Mittag ist, kann man in Apostelgeschichte 22,6 lesen. Du stehst im Orient in der Mittagssonne, und dann wird es hell. Kannst du dir vorstellen, wie hell hell ist? Das ist schon ganz schön hell. Und es ist nicht nur unglaublich hell, herrlich hell, sondern du wirst ganz schwach, und du fällst einfach hin. Der starke Paulus wird schwach, und um ihn herum ist herrliche Helligkeit.
Die Frage nach der wahren Herrschaft
Und dann spricht er zu dem, der wahrscheinlich schon lange nichts mehr sehen kann, weil es einfach furchtbar hell ist, eine Stimme. Und diese Stimme fragt ihn, und das ist jetzt das Besondere: Saul, Saul, was verfolgst du mich?
Und jetzt ist das für uns keine Überraschung, wer hier redet. Hier redet Jesus. Wir wissen das. Und wir begreifen, was hier passiert ist: All sein Wissen, all sein Eifer hatte Paulus in eine supergefährliche Situation gebracht. Er war zum Verfolger Jesu geworden. Er wollte das natürlich nie. Er wollte immer Gott dienen, wollte Gott nicht zum Feind haben. Er wollte immer Gott gefallen, nicht seinen Zorn heraufbeschwören. Aber genau das hat er getan. Er jagt die Menschen, die Gott am wichtigsten sind.
Und was Jesus hier tut, ist Folgendes: Er macht ihm klar: Wer meine Leute verfolgt, der verfolgt mich. Das ist das eigentliche Drama an Christenverfolgung. Du hast auf der einen Seite diese schwachen Christen, die sich vielleicht nicht einmal groß verteidigen, die womöglich wie Stephanus, wenn sie sterben, noch für dich beten. Aber sei dir im Klaren: Du legst Hand an Menschen, über die Jesus sagt: Wer sie verfolgt, der verfolgt mich.
Und jetzt bleibt für Paulus noch eine Frage offen. Eine Frage muss er noch klären: Wer bitteschön redet da mit ihm? Vers 5: Er aber sprach: Wer bist du, Herr? Und jetzt kommt die Antwort, die ihn erschütternd trifft. Aus dem Himmel, mitten in dieser herrlichen Helligkeit, während Paulus schwach am Boden liegt, spricht Jesus ihn persönlich an und sagt zu ihm: Ich bin Jesus, den du verfolgst.
Es ist der Moment, der im Leben von Paulus alles entscheidet. Auf der einen Seite meine Reputation als streng gläubiger Pharisäer, mein Auftrag vom Hohepriester, mein Selbstverständnis als Rechtgläubiger. Auf der anderen Seite die Stimme dieses Gottmenschen, der sich Jesus nennt und inmitten dieser göttlichen Herrlichkeit zu mir redet.
Darf Jesus alles, was ich glaube, zu wissen und zu sein, einfach durchstreichen? Darf er zu mir reden und alles, wofür ich lebe, alles, was mir Wert gibt, alles, worin ich meine Macht haben möchte, was mir Anerkennung verleiht, einfach durchstreichen und sagen: Das ist Dreck? Darf er, weil er Gott ist, die Kontrolle über mein Leben übernehmen und einfach alle meine Pläne für die Zukunft über den Haufen werfen?
Ich bin Jesus, den du verfolgst. Doch steh auf und geh in die Stadt, und es wird dir gesagt werden, was du tun sollst.
Es sind keine einfachen Fragen. Hier geht es für Paulus tatsächlich um alles. Wer darf Jesus für mich sein?
Und uns gilt diese Frage in gleicher Weise: Gab es in meinem Leben eine Begegnung mit Jesus? Bitte, es braucht nicht die Manifestation solcher Herrlichkeit zu sein. Wenn du dich zurückerinnerst und sagst: Ich bin nie vor den Stadtmauern Berlins in herrliches Licht am Mittag geraten und zusammengebrochen, ist okay, das ist nicht der Punkt. Aber Lukas erwähnt die Bekehrungsgeschichte von Paulus so ausführlich, weil sie einen ganz wichtigen Kern enthält. Seiner echten Bekehrung gehört eine alles über den Haufen werfende, mich, und ich finde kein besseres Wort als existenziell berührende Begegnung mit Jesus.
Bekehrung als Umkehr und Neubeginn
Einfach nur Wissen über Jesus zu haben, Bücher zu besitzen oder diese Bibel da zu haben, das ist ja total gruselig. Ich weiß nicht, wie es euch geht, wenn ihr euch vorstellt, was das bedeutet. Das wäre so, als wärst du, was weiß ich, an Ebola erkrankt und irgendwo im Schrank steht der Impfstoff. Aber nein, du verblutest lieber. Du verreckst lieber.
Nein, ich will nicht lesen. Sorry, gruselig. Dieses Buch ist es einfach nicht nur, das zu haben oder darin zu lesen, nicht genug. Dieses Buch will mich führen, will mich an der Hand nehmen und will mir die Begegnung schenken mit einem auferstandenen, lebendigen Gott. Genau so, wie das hier passiert ist.
Und diese Begegnung, und ich kann das nur als existenziell beschreiben, die macht etwas mit mir. Bekehrung heißt ja Bekehrung, versteht ihr? Umkehr, weg vom Alten hin zum Neuen. Bekehrung heißt, dass Gott mein Leben auf null setzt, zurück zum Anfang, Neustart, Reset. Es geht nicht einfach weiter, und Jesus ist jetzt in mein Leben gekommen wie eine Packung Haribo-Gummibärchen.
Bekehrung wirft alles über den Haufen, so wie bei Paulus. Vers 7: Die Männer aber, die mit ihm des Weges zogen, standen sprachlos da, sprachlos, da sie wohl die Stimme hörten, aber niemanden sahen. Saulus aber richtete sich von der Erde auf. Als sich aber seine Augen öffneten, sah er nichts, das heißt, er war blind. Und sie leiteten ihn bei der Hand und führten ihn nach Damaskus. Und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.
Drei Tage Fasten in absoluter Finsternis. Ich glaube, besser könnte man das Dilemma dieses Mannes nicht ausdrücken. Vielleicht lege ich zu viel hinein, aber Fasten ist ein Ausdruck von Hingabe im Allgemeinen, und Finsternis ist ein Zustand, der oft auch für die geistliche Dunkelheit im Leben eines Menschen steht. Diese beiden Dinge gehören in seinem Leben zusammen: auf der einen Seite Hingabe an Gott und auf der anderen Seite tiefe geistliche Dunkelheit. Auf der einen Seite der Wunsch, wirklich für Gott zu leben, und auf der anderen Seite die Einsicht, das Wesentliche verpasst zu haben.
Berufung, Gehorsam und neue Gemeinschaft
Und auch wenn es hier nicht so direkt dasteht, bekehrt sich Paulus in dieser Zeit. Denn als Hananias, von dem wir gleich am Ende der drei Tage noch mehr hören werden, zu ihm kommt, spricht er ihn mit den Worten an: Bruder Saul. Damit war er ein Teil der geistlichen Familie Gottes geworden.
Mit Paulus’ eigenen Worten möchte ich euch das noch einmal vorlesen, aus Apostelgeschichte 26. Hört sich das alles so an: Apostelgeschichte 26,9-19. Hört einfach nur mal zu!
Ich meinte freilich bei mir selbst, gegen den Namen Jesu des Nazareers viel Feindseliges tun zu müssen. Was ich auch in Jerusalem getan habe. Und auch viele der Heiligen habe ich in Gefängnisse eingeschlossen, nachdem ich von den Hohen Priestern die Vollmacht empfangen hatte. Und wenn sie umgebracht wurden, so gab ich meine Stimme dazu. Und in allen Synagogen zwang ich sie oftmals, durch Strafen zu lästern. Und indem ich über die Maßen gegen sie wütete, verfolgte ich sie sogar bis in die ausländischen Städte.
Und als ich dabei mit Vollmacht und Erlaubnis von den Hohen Priestern nach Damaskus reiste, sah ich mitten am Tag auf dem Weg, o König, vom Himmel her ein Licht, das den Glanz der Sonne übertraf. Es umstrahlte mich und die mit mir Reisenden. Als wir aber alle zur Erde niedergefallen waren, hörte ich eine Stimme in hebräischer Mundart zu mir sagen: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es ist hart für dich, gegen den Stachel auszuschlagen.
Ich aber sprach: Wer bist du, Herr? Der Herr aber sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Aber richte dich auf und stelle dich auf deine Füße, denn hierzu bin ich dir erschienen, dich zu einem Diener und Zeugen dessen zu verordnen, was du gesehen hast, wie auch dessen, worin ich dir erscheinen werde. Ich werde dich herausnehmen aus dem Volk und den Nationen, zu denen ich dich sende, ihre Augen zu öffnen, dass sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht.
Was Paulus geistlich durchmacht, Finsternis zu erleben und das Licht bei Jesus zu finden, das wird Teil seines Auftrages sein. Er wird den Nationen, er wird den Heiden, die in der Finsternis leben, das Licht Gottes bringen und von der Macht des Satans zu Gott, damit sie, die Heiden, Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbe unter denen, die durch den Glauben an mich geheiligt sind.
Daher, König Agrippa, war ich nicht ungehorsam der himmlischen Erscheinung.
Das ist der Punkt. Paulus erlebt, dass Jesus zu ihm spricht. Jesus sagt zu ihm: Ich habe für dich eine neue Berufung. Und was Paulus tut, ist, dass er nicht ungehorsam ist. Und das ist eine rhetorische Figur, die hier angewandt wird: nicht ungehorsam. Das bedeutet so viel wie: Ich war ganz und gar gehorsam, von ganzem Herzen gehorsam. Ich habe mich mit meinem ganzen Leben für diese Sache investiert.
Und deswegen heißt Bekehrung immer auch, dass ich die Berufung Gottes für mein Leben annehme und meine eigenen Ziele und Wünsche den Seinen unterordne. Das meinte ich vorhin mit einer existenziellen Begegnung mit Jesus. Jesus wird eben nicht nur jemand, der eine Rolle in meinem Leben spielt. Er wird zum Regisseur. Und ich frage ihn: Sag mal, wie sieht denn jetzt das Skript aus? Was ist denn meine Funktion in diesem Leben?
Bekehrung heißt, dass Gott in meinem Leben Gott wird.
Das Vorbild des unscheinbaren Jüngers
Und wenn wir dazu ein Beispiel brauchen, wie so etwas praktisch aussieht, dann gibt uns Lukas in Apostelgeschichte 9 ein Beispiel.
Was heisst denn das, dass Jesus Herr ist? Er führt es uns an jemandem vor Augen, der Hananias heisst. Und das ist wirklich ein ganz unbedeutender Christ. Wenn man Paulus als die Koryphäe sieht, dann ist Hananias jemand, der hier einmal auftaucht und dann nie wieder. Aber er steht für all die Christen, die eine echte Bekehrung erlebt haben und sagen können: In meinem Leben ist Jesus Herr. Ich bin nichts Besonderes. Ich bin so ein kleiner Hananias, ja, aber Jesus ist Herr in meinem Leben, und ich lebe so dicht und eng mit ihm zusammen, wie das irgendwie geht.
Apostelgeschichte 9,10: Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias. Und der Herr sprach zu ihm in einer Erscheinung: Hananias! Er aber sprach: Siehe, hier bin ich, Herr. Der Herr aber sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Strasse, die gerade genannt wird, und frage im Haus des Judas nach einem mit Namen Saulus von Tarsus; denn siehe, er betet. Und er hat im Gesicht einen Mann mit Namen Hananias gesehen, der hereinkam und ihm die Hände auflegte, damit er wieder sehend werde.
Saulus von Tarsus. Hm. Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen über diesem Mann gehört, wie viel Böses er den Heiligen in Jerusalem getan hat. Und hier hat er Vollmacht von den Hohen Priestern, alle zu binden, die deinen Namen anrufen. Herr, bist du dir darüber im Klaren, zu wem du mich da eigentlich schickst? Habe ich das richtig verstanden? Das sind total ernste Einwände.
Aber was macht es aus, dass jemand Jesus Herr nennt? Was bedeutet es, dass Jesus Herr ist? Es heisst, dass ich auf ihn höre. So simpel ist das.
Vers 15: Der Herr aber sprach zu ihm: Geh hin, denn dieser ist mir ein auserwähltes Werkzeug, meinen Namen zu tragen, sowohl vor Nationen als auch vor Könige und Söhne Israels. Denn ich werde ihm zeigen, wie vieles er für meinen Namen leiden muss.
Hananias aber ging hin und kam in das Haus und legte ihm die Hände auf und sprach: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir erschienen ist auf dem Weg, den du kamst, damit du wieder sehend und mit Heiligem Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es wie Schuppen von seinen Augen, und er wurde sehend und stand auf und liess sich taufen.
Vom Ich zum Wir
Habt ihr euch mal gefragt, warum Gott einem Paulus Hananias schickt? Warum Paulus nicht einfach blind wird und, wenn er sich dann bekehrt hat, wiedersehen wird? Warum muss er warten, bis Hananias kommt?
Und vielleicht ahnt ihr die Antwort: Das ist ein bisschen wie bei den Samaritern.
Paulus war von seinem ganzen Wesen her ein Alphatier, so eine One-Man-Show. Paulus war ein Wunderkind, einer, der bereit war, über Leichen zu gehen, wenn er von seiner Sache überzeugt war. Einer, der bereit war, alles zu wagen. Einer, der sich von niemandem etwas sagen lässt.
Und dieser Paulus lernt in der Dunkelheit eine ganz wichtige Lektion. Er sitzt da, er wartet auf Hananias oder Hananias, und er lernt, dass die Bekehrung, diese Begegnung mit Jesus, aus einem Ich ein Wir macht.
Versteht ihr mich? Ich werde, egal wie mein Hintergrund und meine Berufung aussehen, immer auch Bruder unter Brüdern, Schwester unter Schwestern. Dieser No-Name-Hananias kommt und sagt: Bruder Saul. Und er bringt damit zum Ausdruck: Du bist Teil einer neuen geistlichen Familie geworden. Und egal, wie gigantisch deine Berufung ist, du brauchst den anderen. Aus dem Ich wird mit der Bekehrung immer ein Wir.
Es gibt nicht viele Paulusse in der Gemeinde, es gibt nicht viele Menschen, die Gott von Mutterleib an für so eine ganz außergewöhnliche, sogar in den Lauf der Heilsgeschichte prägende Aufgabe berufen hat. Die sind wirklich selten. Aber es gibt ganz viele scheinbar einfache Jünger, die wie Hananias auch in einem ganz engen Kontakt mit Jesus leben, die genauso von ihm angesprochen werden, genauso seine Stimme hören und die sich dann gebrauchen lassen, die ihre Komfortzone verlassen, um denen zu helfen, die so ein auserwähltes Werkzeug sind, egal ob Hananias oder Paulus.
Die zwei Geschichten unterstreichen für mich ein und dieselbe Sache. Sie unterstreichen, was es heißt, sich zu bekehren. Und damit will ich Schluss machen.
Das Ergebnis echter Bekehrung
Bekehrung heisst, dass Jesus in meinem Leben Herr wird. Egal, wie sich das dann auswirkt, aber er wird Herr. Und das heisst, dass er mein Leben umkrempelt, dass er als Herr mich zu denen schicken darf, vor denen ich Angst habe. Als Herr beruft er mich, das Evangelium zu predigen und für ihn zu leiden.
Abschliessendes Fazit
Bei einer Bekehrung kommen zwei Dinge zusammen. Auf der einen Seite kenne ich das Evangelium, und auf der anderen Seite begegne ich dem auferstandenen Jesus. Es muss nicht so dramatisch sein wie bei Paulus, aber am Ende dieser Begegnung, und das ist wichtig, bleibe ich nicht derselbe.
Wenn ich vorher für meine Reputation gelebt habe, wenn es mir vorher darum ging, durch Leistung den Respekt von Menschen zu erwerben, wenn ich mich vorher über meine selbstgerechte Frömmigkeit definiert habe, so hört das mit der Bekehrung alles auf, und Jesus wird Herr.
Und wo das passiert und sich dann durch eine Taufe manifestiert, beginnt an dieser Stelle neues Leben. Und das ist das, was sich Gott für jeden Menschen wünscht. Amen.
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