16.09.2026
Serie•Teil 8 / 9Rachepsalmen
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Generierte Mitschrift
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Einleitung und thematische Verortung
Rache-Psalmen
Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
Ein Gastbeitrag von Regina Gallwitz
Theologin, Krankenschwester und Autorin des Buches „Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert.“
In der letzten Folge haben wir entdeckt, dass es Parallelen zwischen einigen Aussagen in den Gerechtigkeitspsalmen und dem gibt, was traumatisierte Menschen über ihr Erleben äußern. Wir haben gesehen, dass die Psalmen traumatisierte Menschen sprachfähig machen können.
Wie gesagt, diese Psalmen haben noch eine zweite Superkraft. Was diese Superkraft bedeutet, verstehen wir erst, wenn wir uns anschauen, was ein Trauma in der Seele eines Menschen hinterlassen kann. Denn das Verschreckende ist: Der Täter kann längst von der Bildfläche verschwunden sein, aber sein Einfluss kann weiter wirken.
Dazu eine Geschichte.
Die innere Fortwirkung von Gewalt
Eine Frau wird als Jugendliche vergewaltigt. Der Täter gibt ihr das Gefühl, sie habe die Situation selbst provoziert. Jahre später weiss sie, dass er die Schuld trägt, und trotzdem ist da tief in ihr drin diese Anklage: Ich bin selber schuld, ich hätte deutlicher Nein sagen sollen, mit mir stimmt etwas nicht.
Als sie später von einem Mann zurückgewiesen wird, trifft es sie deshalb viel härter, als es eigentlich müsste. Aus einem einfachen: Diese Person ist nicht an mir interessiert, wird in ihrem Inneren ein: Natürlich will mich niemand, ich bin ja auch nicht liebenswert.
Der Vergewaltiger ist zwar seit langem von der Bildfläche verschwunden, und trotzdem bestimmt er gewissermassen immer noch, wie diese Frau sich selbst und die Welt sieht. Der Traumatherapeut Christopher Frischett spricht hier vom „verinnerlichten Täter“. Damit meint er, dass ein Trauma das Innere eines Menschen durcheinander bringen kann, so dass ihm unbewusst die Überzeugung entsteht: Ich habe das erlittene Unrecht verdient. Oder: Ich bin irgendwie selbst dafür verantwortlich.
Eine mögliche Erklärung für diese innere Verschiebung der Schuld vom Täter auf sich selbst ist die kaum auszuhaltende Erfahrung von Ohnmacht. Sich selbst die Schuld zu geben, kann dann paradoxerweise etwas Erleichterndes haben. Ich bekomme in meiner Vorstellung ein Stück weit Kontrolle zurück. Ja, es ist natürlich nur eine Pseudokontrolle. Ich kann mir dann sagen: Ich hätte das verhindern können, ich hätte etwas anders machen müssen. Was natürlich nicht stimmt.
Aber sich einzugestehen, dass man völlig ausgeliefert war und überhaupt nichts hätte tun können, kann sich schlimmer anfühlen, als sich selbst die Schuld zu geben und dadurch wenigstens das Gefühl zu haben, ein Stück weit Kontrolle gehabt zu haben. Und was für einen Aussenstehenden offensichtlich falsch klingt, kann sich für den Betroffenen wie eine unumstössliche Wahrheit anfühlen.
Bei manchen verfestigen sich solche Überzeugungen noch weiter. Sie glauben dann: Ich bin wertlos, ich bin schlecht, verlassen, unannehmbar, ich bin es nicht würdig, geliebt und respektiert zu werden. Solche tief verankerten Überzeugungen können später wie ein Filter wirken und beeinflussen, wie ein Mensch neue Erfahrungen deutet.
Der Täter im Inneren und das erschütterte Gottesbild
Es sind also diese traumatischen Erinnerungen an den Täter und die damit verbundenen zerstörerischen Überzeugungen über sich selbst, die gemeinsam im Innenleben weiterwirken. Diese Kombination aus Erinnerung und Überzeugung nennt Frischett den verinnerlichten Täter.
Man könnte vereinfacht sagen, die Stimme des Täters scheint im Inneren des Opfers weiterzusprechen. Aus „Du bist wertlos“ wird ein „Ich bin wertlos“, aus „Du hast das verdient“ wird ein „Ich habe das verdient“.
Ein Trauma kann also das Selbstbild verändern. Aber nicht nur das, sondern auch, wie der Betroffene den Täter und sogar Gott wahrnimmt. Christopher Frischett schreibt: Gerade bei schweren und wiederholten Traumatisierungen kann der Täter wie eine übermächtige, ja wie eine allmächtige Figur erlebt werden, und auch wenn das Trauma längst vorbei ist, kann genau diese Vorstellung bleiben.
Man könnte fast sagen, dem Täter werden Eigenschaften zugesprochen, die eigentlich Gott vorbehalten sind. Wenn ein Mensch den Täter so erlebt, dann kann das auch sein Vertrauen in Gott erschüttern. Dann kommen vielleicht Fragen auf wie: Wo war Gott? Warum hat Gott nicht eingegriffen? Ist Gott etwa machtlos?
Christopher Frischett beschreibt, dass manche Traumatisierte anfangen, Gott dafür zu verachten, dass er das Trauma nicht verhindert hat, obwohl er es könnte. So kann sich die Überzeugung festsetzen: Gott hat mich nicht beschützt, ich war ihm anscheinend nicht wichtig genug.
Diese Worte erinnern mich an Psalm 22. Dort schreit der Psalmist in seiner Not: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Aber die Psalmisten bleiben in den meisten Psalmen nicht in dieser Verzweiflung stehen. Sie beschreiben zwar ihre Not mit drastischen Worten, aber sie widersprechen ihr auch mit ebenso drastischen Worten. Und wie? Indem sie der Verzweiflung die Größe Gottes entgegenhalten.
So heißt es in Psalm 18,7-19: Als mir angst war, rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott. Da erhörte er meine Stimme, und die Erde bebte und wankte, und die Grundfesten der Berge bebten, da er zornig war. Rauch stieg auf von seiner Nase, und verzehrend Feuer aus seinem Munde; Flammen sprühten von ihm aus. Aus dem Glanz vor ihm zogen seine Wolken dahin mit Hagel und Blitzen. Der Herr donnerte im Himmel, und der Höchste ließ seine Stimme erschallen mit Hagel und Blitzen. Er schoss seine Pfeile und zerstreute die Feinde, sandte Blitze in Menge und erschreckte sie. Da sah man die Tiefen der Wasser, und des Erdbodens Grund ward aufgedeckt vor deinem Schelten her, vor dem Odem und Schnauben deines Zorns. Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich und zog mich aus großen Wassern. Er errettete mich von meinen starken Feinden, von meinen Hassern, die mir zu mächtig waren. Sie überwältigten mich, aber der Herr ward meine Zuversicht.
Die Gegenbilder der Psalmen als seelsorgerliche Hilfe
Das ist ein wuchtiger Text in den Psalmen.
Zuerst einmal sagt der Psalmist: Ich wurde von meinen Feinden überwältigt. Er flüchtet eben nicht in diese Fantasie: Ich bin schuld, ich hätte ja etwas dagegen tun können. Nein, er erkennt seine Ohnmacht an. Und gleichzeitig vertraut er sich dem an, der die Kontrolle und Macht hat.
In diesem Psalm betritt der Feind das Kampffeld. Und wer tritt ihm entgegen? Nicht irgendwer. Der Gegner ist Gott selbst.
Und genau solche krassen Gottesbeschreibungen können für Traumatisierte heilsam sein. Warum es dazu unbedingt solche imposanten Gottesdarstellungen braucht, erklärt der Psychotherapeut Christofer Frischett. Er schreibt, ein Trauma kann zerstörerische Überzeugungen über sich selbst, über den Täter und über Gott auslösen. Diese Überzeugungen lösen sich nicht einfach auf, wenn man dagegen nur vernünftig argumentiert.
Diese Überzeugungen sind an intensive Gefühle gekoppelt, die das Trauma ausgelöst hat, an Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit, Scham und Wut. Diese Gefühle können so intensiv sein, dass die daran gekoppelten Überzeugungen resistent gegen rein intellektuelle Argumente sind. Wenn man also diese zerstörerischen Überzeugungen durch heilsame Überzeugungen ersetzen will, dann muss man auch an den traumatischen Gefühlen ansetzen.
Und genau hier können wuchtige Bilder helfen. Bilder, die emotional stark genug sind, um diesen traumatischen Gefühlen etwas entgegenzusetzen.
Was passiert, wenn jetzt die Gerechtigkeitspsalmen eine Sprache bereitstellen, in der Angst, Hilflosigkeit, Scham und Wut ausgesprochen werden können? Dann geben diese Psalmen nicht nur diesen Gefühlen eine Stimme, sie greifen gewissermaßen die belastenden Bilder vom mächtigen Täter auf und setzen diesem traumatischen Bild vom Täter ein Gegenbild entgegen: dem noch stärkeren Gott. Und damit zeigen sie dem Traumatisierten: Der Täter ist nicht allmächtig, Gott ist es.
Und wenn im Inneren des Traumatisierten die Überzeugung spricht: Gott steht nicht für mich ein, ich bin ihm nicht wichtig, dann widersprechen die Psalmen, indem sie einen leidenschaftlichen Gott zeichnen, der sich auf die Seite der Bedrängten stellt. Gerade diese wuchtigen Darstellungen von einem Gott, dessen heftiger Zorn entbrennt, können ein heilsames Gottesbild fördern.
Um es noch einmal mit anderen Worten zu sagen: Die traumatische Überzeugung ist so eng mit den intensiven Gefühlen verbunden, dass die Gegenbotschaft nicht nur im Kopf verstanden werden muss. Sie muss auch emotional ankommen.
Und auch das Selbstbild bekommt eine Gegenstimme. Der verinnerlichte Täter sagt dem Opfer: Ich habe Macht über dich. Die Psalmen widersprechen: Du bist nicht allmächtig, Gott ist stärker als du. Der verinnerlichte Täter sagt dem Opfer: Du bist schuld. Die Psalmen korrigieren: Nein, ich war ohnmächtig, das Unrecht liegt beim Täter.
Aber damit wollen die Psalmen die Not nicht verharmlosen oder leugnen. Erich Zenger formuliert es so: Indem die Psalmisten Gott mit ihrer Situation des Leidens konfrontieren, helfen diese Psalmen den Menschen, mit der paradoxen Situation zu leben, an einen Gott der Gerechtigkeit zu glauben, der solche Ungerechtigkeit zulässt.
Die Gewalt ist real, der Täter ist real, und trotzdem behält er nicht das letzte Wort. Gott ist mächtig, auch wenn er noch nicht eingegriffen hat. Genau diese Spannung halten die Psalmen aus. Gerade deshalb sind sie keine Vertröstung. Sie helfen vielmehr dabei, mitten in dieser widersprüchlichen Erfahrung an einem Gott der Gerechtigkeit festzuhalten.
Schluss und Verweis auf die Quelle
Das war's für heute.
Das Buch von Regina Gallwitz ist im Lit-Verlag erschienen.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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