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Der Trick des Glaubens - Wie man mit Schwerem fertig wird

22.06.1975
Wenn dir Unrecht tief sitzt: Muss es dein Leben vergiften? Joseph zeigt einen Ausweg aus Verbitterung und Rache – mit einem Vertrauen, das sogar Versöhnung möglich macht.

Die Lasten, mit denen Glauben ringt

Die größten Glaubensentscheidungen fallen in unserem Leben dort, wo wir mit den schweren Klötzen, die wir an den Beinen hängen haben, im Vertrauen auf Gott fertig werden. Und da hilft uns heute unser Predigttext: 1. Mose 50,15-21.
Wir haben jetzt ja so ein herrliches Licht, das sich deutlich verstärkt hat. Das können Sie ohne Schwierigkeiten mitlesen im Anhang unseres Gesangbuches in der dritten Reihe, oder in 1. Mose 50,15-21.
Die Brüder Josephs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war. Jakob war ja auch nach Ägypten gezogen, und die Brüder fürchteten nun: Wenn der Vater stirbt, dann würde Joseph doch die Abrechnung noch bringen wegen der längst vergangenen Dinge. Und sie sprachen: Joseph könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.
Darum ließen sie ihm sagen, sie kamen nicht einmal selbst. Vielleicht war es schon die Angst, überhaupt vor ihn zu treten. Dein Vater befahl vor seinem Tod und sprach: So sollt ihr zu Joseph sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, da sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern Gottes deines Vaters.
Aber Joseph weinte, als sie solches zu ihm sagten. Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.
Joseph aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Das möchte ich heute auslegen, diesen kurzen Teil. Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, also was jeder sehen kann, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
So fürchtet euch nun nicht. Ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.
Herr, jetzt rede mit uns! Amen!

Was unsere Zeit nicht heilen kann

Liebe Freunde, ich möchte die großen technischen Errungenschaften unserer heutigen Zeit bestimmt nicht heruntersetzen. Wir leben ja alle von den großen Entdeckungen. Aber nach meinem schlichten Laiengemüt fehlen eigentlich noch die größten Entdeckungen unseres Jahrhunderts.
Was wäre das, wenn man eine Pille erfinden könnte gegen Dummheit, die es kostenlos auf Krankenschein geben würde? Oder wenn die Hausmutter zu Hause, wenn der Vater mit Groll und Ärger heimkommt und dicke Luft herrscht, einfach so ein Spray hätte und sofort ein ganz anderer Geist im Hause wäre? Mücken jagen mit dem Spray. Wissen Sie, wie die Polizei bei den Tränengas einsetzt? Das ist noch zu wenig. Mücken jagen, aber den Geist des Unfriedens und der Unversöhnlichkeit in unserer Welt zu vertilgen. Oder wenn man heute so viel Wert auf gute Ernährung legt, wenn man in Reformhäusern pfundweise die Liebe einkaufen könnte, schon in Gläsern für die Kleinkinder oder zum Inhalieren wie Vicvaporup für die Erwachsenen, damit in unserer Welt die großen Nöte endlich gelöst würden: Liebe, Unfrieden, Streit und all das, was unsere Welt vergiftet.
Das ist albern, wenn wir so reden, weil man sagt: Das ist doch alles viel, viel komplizierter. Wenn in unserer Welt Streit herrscht, wenn Menschen Unrecht erleiden müssen und wenn andere über uns gemein daherreden und wir uns nicht wehren können und dieses Gerücht nicht zurechtrücken können, wie kann man sich da aufbäumen? Ich würde am liebsten mit der ganzen Kraft, die mir bleibt, losschlagen und diesem Unrecht um mich her wehren. Und andere, die keine Kraft mehr haben, die versinken einfach in einer Schwermut ohnegleichen über dem Schweren, was in ihrem Leben einmal geschehen ist, was andere ihnen angetan haben.
Wenn wir jetzt anfangen würden, so ganz vertraulich unter vier Augen einander zu erzählen, was uns schon Menschen mitgespielt haben, wie wir einstecken mussten, wenn das unsere Schüler erzählen würden, schon aus der Schule, aus Kindertagen, vom Elternhaus, von Verwandten, von Klassenkameraden, und wie das ein ganzes Leben weitergeht, dass man nur einstecken muss und dass man sich doch nicht wehren kann, dass man ganz verbittert wird.

Joseph als Gegenbild zur Verbitterung

Und da zeigt uns Joseph eine Alternative, einen ganz anderen Weg. Joseph ist kein verbitterter Mensch, Joseph ist kein depressiver Mensch, Joseph ist keiner, der losschlägt. Joseph ist ein junger Mann, ruhig, voll Geduld, voll Liebe.
Wenn Sie fragen, wie er das macht, ob er einen Trick hat: Ja, er hat einen Trick. Er hat den Trick des Glaubens, um mit dem Unrecht und den ganz schweren Stunden seines Lebens fertig zu werden. Ich möchte heute über diesen Trick des Glaubens zu Ihnen reden, darüber, wie man mit den schweren Stunden seines Lebens fertig wird.
Das ist der erste Punkt: Es kommt aus einem Vertrauen zum lebendigen Gott. Es kommt aus einem Vertrauen zum lebendigen Gott. Also, es leuchtet uns ein, dass politische Programme die Welt verändern. Es leuchtet uns ein, dass Kriege die Landschaft unserer Welt verändern. Aber viele Christen rechnen überhaupt nicht damit, dass ein wirklich echt gelebtes Glaubensverhältnis die Welt ganz verändert.
Das war das, was uns Joseph zeigt: dass man mit einem Vertrauen zu Gott die Welt verändern kann und dass man das Üble und das Böse und das Unrecht überwinden kann. Er war ein Mann, der ganz bestimmt nicht kleinbürgerlich war. Joseph war ein Mann, der an der Spitze des ägyptischen Staates stand. Ein Mann, der in der Volkswirtschaft gelehrt war, der dem Hungerproblem in der Welt Lösungen entgegenzusetzen hatte, ein Mann, der auftreten kann und sich benehmen kann. Das alles sind natürliche Gaben, die er einsetzt. Und doch steht neben dem allem sein Vertrauen zum lebendigen Gott als eine Gabe, die noch darüber hinausgeht und die all das andere mit einschließt.

Prüfungen, die das Vertrauen formen

Dreimal in seinem Leben wurde dieses Vertrauen zu Gott aufs Äußerste geprüft. Einmal, als ihn seine Brüder nahmen und umbringen wollten und ihn in den Brunnen warfen. „Sieh, der Träumer kommt!“ Und wie er da unten um sein Leben schrie. Es war ein Wunder, dass ihn die Brüder nicht umbrachten, sondern als Sklaven verkauften.
Schon allein dieses Ereignis im Leben Josephs kann ich mir nicht vorstellen. Wie er das überhaupt verkraften konnte, ohne zu verbittern. Dass einem die leiblichen Brüder so etwas antun können! Wir waren zu Hause fünf Brüder, Josephs waren zwölf. Können Sie sich vorstellen, wie es da zuging? Das zu ertragen, und dann noch die Brüder, die auf einem herumhacken. Und dann noch so, dass die einen ihn wegschaffen und die anderen den Vater belügen, als ob ein wildes Tier ihn zerrissen hätte.
Dann kommt schon die zweite Prüfung. Nicht nur, dass er da unten auf dem Sklavenmarkt in Alexandria steht und die Leute an ihm vorübergehen, wie wenn man ein Pferd kauft. Sondern er kommt in ein Haus und gewinnt Vertrauen im Haus des Potifar. Und dann kommt diese Frau Potifars und will mit ihm ihren Mann betrügen. Joseph aber hat Achtung vor diesem Mann. Und weil er Potifar ehrt und liebt, willigt er nicht ein.
Und nun geht es weiter. Nun könnten manche wieder aus ihrem Leben erzählen, wie es manchmal so geht, dass diese Frau alles auf den Kopf stellt und behauptet, der habe sie überfallen wollen. Und keiner glaubt Joseph. Er landet im Gefängnis, und es gibt kein Gerichtsverfahren. Es ist niemand da, der Recht spricht, und Jahr um Jahr sitzt er im Gefängnis.
Wer will denn so eine Situation ertragen können? Ich würde mich aufbäumen. Ich würde rufen: Gott, wo bist du denn mit deiner Liebe? Wo bist du mit deiner Gerechtigkeit? Wo bleibt denn das noch, was du in deinem Wort sagst?
Von Joseph lesen wir das nicht. Sein Vertrauen zu Gott steht. Er wird dort im Gefängnis Kalfaktor, und er kommt zum Mundschenk und zum Bäcker und kann ihnen die Träume auslegen. Sie wissen ja, dass die Träume sich erfüllen: Der Bäcker wird gehängt, und der Mundschenk wird frei werden. Und Joseph sagt: Denk an mich, wenn du frei bist. Vielleicht kannst du in einer Abendstunde dort am Königshof einmal irgendeinem einflussreichen Mann sagen, wie mir das Leben mitgespielt hat. Vielleicht ist irgendwo einer, der doch noch Recht liebt.
Wissen Sie, wie es ausgeht? Der Mundschenk ist kaum in Freiheit, da vergisst er Joseph einfach. Einfach vergessen, wie man einen Schirm im Taxi liegen lässt. So vergisst man das Schicksal. So sind Menschen, obwohl Joseph ihm geholfen hat. Sie gehen an einem vorüber und fragen nicht mehr nach einem.

Die innere Haltung des Glaubens

Ich glaube, dass wir im Leben häufig die Akzente falsch setzen. Wir sagen heute oft: Ich muss um Liebe beten, um Liebe, damit ich in solchen Situationen andere Menschen trotzdem lieben kann. Ich weiß nicht, ob das richtig formuliert ist. Es ist schön, wenn wir um Liebe beten, das ist auch fromm. Oder wenn wir um Geduld beten.
Ich merke aber zuerst, dass bei Josef nicht er dastand und sagte: Gott, gib mir Liebe. Sondern Josef hatte eine andere Einstellung zum Leben. Das geschah. Und ich bin beim Betrachten und Vorbereiten dieser Predigt eigentlich erschrocken. Ich habe zum Leben eine falsche Einstellung. Ich darf nicht zu Gott rufen: Gib mir Liebe, wenn ich eine falsche Einstellung zum Leben habe.
Wie Josef das alles widerfahren ist, da wusste er: Das tun Menschen. Aber mein Leben ruht in der Hand Gottes. Und das machte ihn ruhig. Er brauchte gar nicht um Liebe zu beten, weil er wusste: Gott ist so mächtig in meinem Leben. Ich muss gar nicht hassen, und hassen, wer Unglaube, wer Sünde, wer Auflehnung, wer Rebellion gegen den mächtigen Gott in meinem Leben ist.
Ich glaube, dass hier vielmehr Schuld bei uns begraben liegt, wo wir uns im eigenen Leben viel zu sehr aufhalten, bei dem, was geschieht, und bei dem, was Menschen uns an Bösem und Gemeinem mitspielen. Wenn ich in der Hand Gottes ruhe, wenn ich bei ihm geborgen bin, wenn er mein Leben führt, wenn er mein Hirte ist, dann können Menschen tun, was sie wollen. Es geht an Gott vorüber, und er lässt es geschehen. Es ist der Trick des Glaubens, dass man alle Dinge im Leben einordnen kann.
Jetzt verstehen Sie, warum ich meine, dass man da vorsichtig sein soll, dass man nicht so tut, als ob man von Gott Liebe bezieht, sondern dass man weiß, dass auch die schwierigen Menschen von Gott einem ganz genau in den Weg gestellt sind und dass Gott ganz bewusst in unserem Leben sehr viel geschehen lässt, während wir in seiner Hand ruhen. Da können wir lieben, da können wir verstehen, und da können wir danken.
Die alttestamentlichen Theologen haben herausgefunden, dass Josef wohl ein Urbild der Jugenderziehung in der Königszeit Davids und Salomos war. Vielleicht war er sogar das Erziehungsideal des Königs Salomo selbst: dieser Mann, der durch ganz große Schwierigkeiten hindurchgeht, aber ein Mann ist, der einen Boden unter den Füßen hat und der die Übersicht bewahrt, der nie aus der Fassung gerät.
Im Griechischen sagt man: der kalos kakatoster, der wohlgebildete und gesittete junge Mann. Und es hat mit Recht etwa der Alttestamentler Gerhard von Rad eine Brücke geschlagen von diesem Josef zu dem Buch der Sprüche. Man spürt direkt, wie eigentlich im Buch der Sprüche nur das anschaulich-theoretische der Bildung erklärt wird, dass ein solcher Mann hat, der im Vertrauen zu Gott leben kann.
Und dann denkt man an so manche große Weisheit der Sprüche Salomos, wo gesagt wird: Das ist doch nicht das Zeichen eines im Glauben stehenden Mannes, wenn ihm der Gauldurst geht und wenn er aufbraust, sondern wie goldene Äpfel in silbernen Schalen ist ein Wort zur rechten Zeit. Die Kunst des Schweigens, Dinge Gott anheimzustellen.
Es ist doch nicht die Frage, ob wir das Böse so bewältigen, sondern ob wir uns im Bösen als Kinder Gottes erweisen und zeigen können. Eine richtige Antwort, sagt dann Salomo, ist wie ein Kuss auf die Lippen. Eine gelinde Zunge zerbricht Knochen.
Merkt ihr denn nicht, dass ihr, die ihr in Vertrauen zu Gott leben könnt, stark seid? Auch wenn ihr im Gefängnis seid, auch wenn Unrecht geschieht, auch wenn Menschen euch gemein mitspielen, ihr seid doch stark! Das ist die Selbstbeherrschung eines Menschen, die nicht aus Qual kommt, sondern aus der Furcht des Herrn. Sie ist der Anfang der Menschenbildung, sie ist der Adel unseres Lebens.

Christus als Vollendung des Weges

Und dieser Joseph ist ja, welcher Bibelkenner würde das nicht spüren, nur ein Vorgeschmack und ein vorweisender Typ von dem, was in Jesus kommt, der nicht widerschallt, da er geschuldet wird. Jesus, der durch die Anfeindungen hindurchgeht und nur eine Sorge hat, ob sein Leben in der Hand Gottes ruht: Vater, nur dein Wille geschehe. Und der dann Menschen gegenübertreten kann und weiß, es kommt aus des Vaters guter Hand.
Und so sieht er die Menschen an und sagt: Vater, vergib ihnen. Nicht als ein großer Kraftakt des Vergebens, sondern als etwas, das im Heilsplan und im Liebesratschluss Gottes verborgen ist.
Das war mein erster Punkt. Es kommt aus dem Vertrauen zum lebendigen Gott.

Wenn Leid nicht das letzte Wort hat

Das Zweite: Kein Tiefschlag kann ihn mehr zusammenhauen.
Ob Christen mehr erleiden müssen als andere Leute, ich meine: ja. Nicht nur, dass sie im eigenen Leben viel durchmachen müssen, sondern auch, dass sie das, was in ihrer Nähe erlitten wird, ja, was weltweit Menschen leiden, mit auf ihr Herz nehmen und mittragen, als wäre es ein Stück von ihnen.
Weil wir in dieser Welt stehen als solche, die mitfühlen können mit dem, was Schweres geschieht, empfinden wir ganz anders. Aber es ist ganz wichtig, dass hier nicht einfach steht, so wie es manchmal in einem Trostwort herauskommt: Ach was, was da in deinem Leben Schweres passiert, das ist alles gar nicht so schlimm. Das ist alles gar nicht so schlimm. Es wird nie gesagt.
Josef sagt seinen Brüdern: Ihr gedachtet, es böse zu machen. Da wird gar nichts davon abgebrochen. Und das, was in einem Leben getragen werden muss, da wollen wir gar nichts davon abbrechen. Von jedem bösen Wort, das uns trifft und das wir selber sagen, das bleibt böse. Und die Krankheit bleibt böse in unserem Leben, und der Tod bleibt böse. Die Kriege bleiben böse, und das Schwere, was man durchmachen muss, das ist nicht einfach schön und lieblich.
Nein, David sagt: In meinem Leben führt der lebendige Gott Regie. Und wenn er Regie führt, dann kann noch so viel Böses geschehen, mein Gott sitzt anders.
Ich möchte es in einem Bild erklären: Das ist wie wenn ein einfacher, einfältiger Mann mit dem Schachweltmeister Schach spielt. Und da kann der noch so raffinierte Züge gegen diesen Schachweltmeister setzen, der Schachweltmeister wird seine Züge trotzdem so setzen können, ganz gleich, welcher Angriff nun gestartet wird.
Weil das in einem Christenleben feststeht: Gott hat Gedanken des Friedens mit euch, der Liebe und nicht des Leides. Weil er seinen Sohn Jesus nicht im Tod ließ, ist seitdem doch alles klargestellt. Natürlich ist der Teufel eine Macht, natürlich gibt es unsagbar Schweres in einem Leben. Aber wenn Gott seine Schachzüge darauf setzt, das meint Josef: Ihr gedachtet, es böse mit mir zu machen, aber Gott hat seine Schachzüge gesetzt. Und wenn die ganze Macht der Finsternis sich verbündet gegen uns, Gott setzt seine Schachzüge. Und dann kann gar nichts mehr geschehen, als was er hat ersehen und was mir nützlich ist.
Jetzt fragen Sie: Wie kann ich mich denn wirklich hier jetzt im Vertrauen ganz still bergen? Ich denke jetzt an unsere Kranken, die das Tonband nachher hören werden und die ja ganz konkret sagen: Aber es ist eben doch schwer zu wissen, dass es nicht mehr besser wird. Es ist eben doch schwer, eine Führung Gottes anzunehmen, die nicht in meine menschlichen Gedanken hineinpasst.
Ich möchte Ihnen sagen: Der Trost liegt immer da, wo Gott seinen Sieg hat. Sie können sich in aller schweren Lebensführung nicht an einem Bild erbauen, dass Sie sagen: Ich möchte doch herrlich leben und in Freuden, wie der reiche Mann im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus. Ich möchte doch auch ein Wohlleben haben. Oder ein älterer Mensch: Ich möchte wieder rumspringen wie ein Fünfzehnjähriger. Oder ich möchte, ich möchte. Wir haben unsere Bilder.
Er hat ein Siegeszeichen nur in dieser Welt gegeben, an das wir uns halten können: dass er seinen gekreuzigten Sohn, der durch Leiden und Tränen geht, erhöht hat und ihm einen Namen gegeben hat über alle Namen. Und im Kreuz und im Zeichen dieses Kreuzes wissen alle, die ihm nachfolgen, dass es auch durch Schweres zur Herrlichkeit geht.
Im Leben Josephs werden diese, was waren es, zwanzig Jahre oder wie viel, nicht einfach ausradiert. Sie bleiben stehen, und in unserem Leben bleiben auch manche stehen. Aber es kann uns nicht zusammenschlagen.
Ich las vor ein paar Tagen in diesem eindrucksvollen Buch des großen Predigers Spurgeon, Ratschläge für Prediger, dass er sagt, dass es keinen gibt, der im Dienst Gottes steht, der nicht so niedergeschlagen und depressiv wird, dass das manchmal bis an die Grenzen des Tragbaren geht. Das sei bei Christen sogar eigen: je mehr sie sich in die Sache Gottes hineinstellen. Sie leiden darunter, dass sie es nicht weiter ausrichten können.
Und dann erzählt er, wie er durch die dunkelsten Stunden seines Lebens ging, als in einer Versammlung einige Menschen zu Tode getrampelt wurden, als ein paar Feinde des Namens Jesus sich einschlichen und in der übervollen Versammlung Feuer brüllten und eine Panik entstand. Und er sagt, dieses Bild verfolge ihn noch in den Nächten: diese Menschen, die um ihr Leben ringen, und er steht drin und kann nichts mehr machen. Es waren viele Tausend Menschen in der Versammlung.
Dann sagt er: In diesen Anfechtungen tröstet ihn nur immer wieder, Gott hat Jesus erhöht, aus Philipper 2, Gott hat ihn erhöht und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist.
Sie können sich dann nur aufrichten über dem Versagen ihres Lebens, über dem Bösen, was Menschen tun, weil in dieser Welt werden Dinge oft nicht aufgelöst. Wir haben das Siegeszeichen im Sieg Jesu, und daran halten wir uns, und darin sind wir fröhlich. Kein Tiefschlag kann uns mehr zusammenhauen.

Die Kraft, Böses nicht zu vergelten

Das Dritte: Jetzt kann Böses mit Liebe vergolten werden.
Das Dritte: Sie haben die drei Teile noch einmal. Es kommt dieser Glaubenstrick, der aus einem vertrauenden, lebendigen Gott kommt. Kein Tiefschlag kann uns mehr zusammenhauen, und jetzt kann Böses mit Gutem vergolten werden.
Ich habe zu Hause ein schönes Buch: Überwinde Böses mit Gutem von Ringmark. Das habe ich irgendjemandem ausgeliehen, und jetzt fehlt es mir vor der Predigt. Ich hätte Ihnen gern eine Geschichte aus dem letzten Krieg erzählt. Da bleibt mir nur die Geschichte von Konrad Ferdinand Meyer, Die Füße im Feuer, wo dieser kaiserliche Gesandte in dieses Hugenottenschloss kommt und dort anklopft. Über diesem Bild in der Ahnengalerie merkt er: Hier war er ja schon einmal, an diesem Ofen. Und da war eine Frau, die sich geweigert hat, das Versteck der versteckten Christen preiszugeben. Dann hat er sie einfach genommen und die Füße in die Glut geworfen, bis sie sich wand und starb.
Und er weiß nicht, ob dieser Hausherr gemerkt hat, wer er ist. Sie essen miteinander, und er bringt ihn dann zu Bett, dort im Turmzimmer. Und er schläft die Nacht nicht, dieser kaiserliche Bote. Kommt er herein oder nicht? Und am Morgen kommt durch die Tapetentür dieser Herr des Hauses, der Schlossherr. Er ist über Nacht ergraut. Und wie er ihn noch ein Stück des Weges begleitet und sagt: „Mein ist die Rache, spricht der Herr“, da spürt man etwas davon, wie es ist: Dieser Schlossherr hat seine Frau durch diesen Menschen verloren, und sie reiten miteinander, und er verzichtet doch auf Rache. Über Nacht ist er nicht nur erbleicht, sondern ergraut, weil es so schwer ist, Rache zu besiegen.
Wollen wir ganz ehrlich sein: Es ist dem Menschen unmöglich. Jeder Psychotherapeut würde sagen: Schaff dir lieber im Keller ein Totzimmer an, wo du gegen Gummiwände rennen kannst. Du musst dich austoben. Aber man kann das nicht überwinden, man kann das nicht verdrängen. Wie soll denn Böses mit Gutem überhaupt überwunden werden?
Joseph kann es, und Joseph hatte, so verstehe ich die Bibel, keine grauen Haare darüber bekommen. Er hat es tun können in einer ganz großen Ruhe. In Gelassenheit hat er die Rache weggestellt. Warum? Er sagt: Ich stehe nicht an Gottes Stelle. Im alten Luthertext hieß es: Ich bin unter Gott. Das ist auch nicht schlecht. Ich bin gefangen in Gott. Aber jetzt sagt er noch deutlicher, wenn wir dieses neue Wort nehmen – es ist immer schwierig, wissen Sie, das Hebräische ist viel bildhafter als die deutsche Sprache, das ist eine Verkümmerung im Deutschen –, dann sagt Joseph: Gott hat in eurem Leben, ihr Brüder, ein so deutliches Zeichen gesetzt, dass er euer Leben will. Gott hätte euch ja zusammenschlagen können. Nur eine Krankheit, und Blitze sind immer da. Gott hat euch leben lassen. Wenn Gott zu eurem Leben, auch zu eurem schuldbeladenen Leben, Ja sagt, soll ich Rächer sein? Das ist doch Gottes Sache. Ich stehe doch nicht an Gottes Stelle. Wenn Gott euch noch einmal Gelegenheit zur Umkehr schenkt, will ich es doch nicht wehren. Ich lebe doch selber von seiner Güte.

Versöhnung als Weg in die Zukunft

Und noch einmal meine ich: Ist es nicht Vermessenheit, wenn wir meinen, wir könnten andere richten, auch über die Schuld unseres Lebens? Steigern wir uns denn nicht viel zu sehr hinein? Machen wir das nicht viel zu dramatisch? Als ob wir rächen müssten, wenn Gott rächt. Gar nichts im Leben haben wir zu rächen. Und wenn Gott über Menschen, die uns übel mitspielen im Leben, die Sonne aufgehen lässt und sie auch zur Umkehr ruft, was geht dich das an, als dass du dich mitfreuen kannst, dass Gott andere heimholt zu sich?
Wir spüren etwas von diesem weiten Denken eines Joseph, der etwas ahnt von dem Erlösungswerk Gottes. Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Das leuchtet schon im Alten Testament über dem Leben der Brüder auf. Es gibt nicht einfach Aufrechnung der Schuld, sondern Gott will in dieser Welt, wo so gelitten und gestritten und geklagt und geweint wird, noch einmal etwas Neues. Gott will Weltveränderung, und du darfst mitwirken. Und du darfst sehen, dass von deinem Leben noch einmal neue Kräfte ausgehen.
Ich habe lange gesucht nach Beispielen der Versöhnung. Ich weiß, was das ist, wenn Menschen nach einem Verkehrsunfall, bei dem ein Kind ums Leben kommt, auf eine Strafanzeige verzichten und darum bitten, dass der andere zum Glauben kommt. Nicht als großen Akt mit grauen Haaren, sondern einfach als Selbstverständlichkeit der Liebessehnsucht, dass Menschen teilhaben an dem Wunder, das man selber erfahren hat.
Mir steht noch ein Bild vor Augen, das ich einmal in einem Ostland hatte, wo ein großer Geschäftsmann, vielleicht habe ich Ihnen das mal erzählt, alle seine Geschäfte enteignet bekommen hat, 1945, Sozialisierung. Und wie dann der Sohn, ein Akademiker, vor mir stand und sagte: Mein Vater hat nicht einmal den Blick zurückgeworfen, aber ich kann mich bis heute damit nicht abfinden. Für mich ist diese Rechnung noch nicht fertig. Da ist auf der einen Seite einer, der loslassen kann, und auf der anderen Seite einer, dem ein paar lumpige Mark hingehängt bleiben und der Rachegedanken bis zum politischen Umsturz hat.
Wo hängen Sie? Ich weiß nicht, wo Sie hängen: an einem Streit zwischen Menschen, wo Sie sich nicht versöhnen können. Wo hängen Sie? Es geht jetzt um ganz konkrete Folgen in Ihrem Leben. Wo hängen Sie? Wo können Sie den Schritt nicht wagen? Wo können Sie nicht frei werden wie Joseph?
Darauf wollen wir es denn wagen. Es ist wohl wahr und wert, gründlich dem abzusagen, was aufhält. Unbeschwerte Welt, du bist uns zu klein. Wir gehen durch Jesu Leiten hin in die Ewigkeit. Es soll nur Jesus sein.