Generierte Mitschrift
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Einleitung und Lesung des Bibelabschnitts
Wir kommen jetzt zu Römer 13,8-14 in den ausgelegten Bibeln, Seite 170 im Neuen Testament. Das war schön im Lutherjahr, den Römerbrief durchzuarbeiten. Schade nur, dass man es manchmal gar nicht in der gebotenen Gründlichkeit tun konnte.
Die Hauskreise des offenen Abends arbeiten seit drei Wochen daran und sind noch nicht so weit. Seit drei Jahren sind sie noch nicht so weit wie wir. Das ist auch nur ein Anreiz für sie selbst, im Wort Gottes zu graben und zu suchen.
Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt. Denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren, und was es sonst noch an Geboten gibt, sind in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.
Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde für euch da ist, vom Schlaf aufzustehen. Denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir zum Glauben kamen. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ein ordentliches Leben führen. Das Wort von der alten Lutherbibel gefällt uns noch und ist uns im Ohr: Lasst uns ehrbar wandeln, ein ordentliches Leben, das das Licht des Tages nicht scheuen muss. Nicht mit Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Streit und Eifersucht, sondern zieht den Herrn Jesus Christus an und sorgt nicht so für euch, dass ihr den Begierden verfallt.
Herr, mach uns dieses praktische Wort nun auch ganz konkret. Amen.
Schuld, Befreiung und die Last des Gewissens
Der bekannte Grafiker Heinz Giebeler hat ein Bilderbuch der Schuld geschrieben. Das ist nichts für Kinder, sondern für Leute, die ihr Leben prüfen. Für Leute, die mitten im Leben stehen.
Er hat das mit seinen einprägsamen Zeichnungen versehen. Da steht ein Mann und trägt eine riesengroße Schuldenlast auf seinem Rücken. Das Vielfache seines eigenen Körpers liegt auf seinen Schultern und drückt ihn nieder.
Dann schildert er das in fortlaufenden Bildergeschichten: Bis dieser Mann die Nachricht hört, dass er diese Last wegwälzen darf, hinein in dieses Grab. Und er atmet befreit auf. Das ist heute Bußtag. Dass wir jetzt so vieles, was uns immer wieder belastet hat, ablegen am Kreuz Jesu. Und er vergibt, und er spricht uns frei. Und wir können dann fröhlich singen: Alles hat er mir erlassen, alles, kaum kann ich es fassen. Alle meine Schuld und Sünde trug er dort für mich auf Golgatha.
Aber nun erzählte mir Heinz Giebeler, wie er einen Menschen traf, der ihn ganz böse anfunkelte, mit seinen Augen, voller Bitterkeit war, sprühte vor Hass. Und er sagte, um ihn zu verletzen: Herr Giebeler, ich muss Ihnen was sagen. Ich habe in meinem Garten ein Feuer gemacht, und da habe ich Ihr Bilderbuch der Schuld hineingeworfen, ins Feuer, und verbrannt. Und ich war froh, als ich gesehen habe, dass es verkohlt.
Heinz Giebeler sagte: Wahrscheinlich ist das zu viel der Ehre, dass Sie mich einreihen in die Reihe der großen Deutschen, deren Bücher man auch verbrannt hat. Aber der Mann war nicht weniger von Hass erfüllt. Ich bin das Leid, das dauernde Gerede von der Schuld leid. Von Kindertagen an ist mein Gewissen damit belastet. Ich will nichts mehr hören von der Schuld. Ihr macht mir immer bloß Angstgefühle. Und jetzt bin ich endlich los. Jetzt kann ich mich selbst verwirklichen und mein Leben freiführen.
Kälte in Beziehungen und die erkaltende Liebe
Es ist nicht bloß eine Stimme in unseren Tagen. Darum ist es draußen nicht nur, weil es Winter wird, frostiger, kühler und kälter, sondern weil wir spüren, es wird immer härter.
Wie Menschen sich selbst leben, nur sich nichts mehr fragen nach dem Anderen, das tut einem immer weh, wenn man sieht, wie Ehepaare, die sich so lieb gehabt haben, plötzlich frostig auseinandergehen. Jeder lebt für sich, die Kinder und die Eltern, jeder lebt für sich. Ich lebe mein eigenes Leben. Die ganzen Beziehungen, die ja so notwendig sind für unser Zusammenleben als Menschen, die brechen auseinander.
Und immer wieder werden wir erinnert an das wichtigste Kennzeichen der Endzeit, dass die Liebe bei vielen erkaltet, wie eine Flamme, die ganz schnell ausbrennt und noch etwas flackert. Sie hat einmal schön gebrannt. Das war einmal, kurze Zeit. Einen Augenblick war die Liebe ganz groß, und dann ist sie kühl, kalt, und nichts mehr ist davon da.
Und ich habe keine Schuld, sagt der Mann zu Heinz Giebler. Wir sind heute nicht versammelt, um so zu reden, sondern um vor Gott Dinge zu bereinigen. Und ich bin so froh, dass dieser Abschnitt uns ganz konkret hilft.
Das Alte ablegen und das eigensüchtige Ich erkennen
Ich will es heute einmal umgekehrt machen. Ich will von hinten anfangen und zuerst darüber sprechen: Legt das Alte ab! Legt das Alte ab!
Wir haben jetzt ja viel von diesem Römerbrief gelesen und gehört. Und da ist Ihnen doch noch im Ohr, wie dieser Paulus von der großen Wende gesprochen hat. Nun, wir sind mit Gott gerecht geworden. Ja, wir haben Frieden mit Gott. Wir haben jetzt einen neuen Stand erreicht. Das alte Leben ist verdrängt, ersäuft, weggenommen.
Warum spricht er denn jetzt immer wieder von den alten Dingen? Das ist eine ganz praktische Erfahrung, die man macht: dass die alten Sachen, die alten Nöte, hier heißt es die Werke der Finsternis, immer wieder in unserem Leben Platz greifen. Eine ganz bittere Tatsache. Man meint: Stimmt da was nicht? Ich habe mich doch Jesus zu eigen gegeben, ich will doch die Neugeburt erleben.
Und Paulus ist ein Praktiker, der weiß, wie wir in dieser Welt harren auf die Erlösung unseres Leibes. Erst wenn wir einmal in der Ewigkeit vor Jesus stehen, wird die Sünde sichtbar und fühlbar überwunden sein. In dieser Welt haben wir uns immer wieder damit auseinanderzusetzen, dass sie uns plagt und uns ergreift.
Was nennt denn Paulus hier als das, was uns vom alten Wesen immer wieder plagt? Das ist dieses mächtige Ich. Man kann viele großen und kleinen Sünden unseres Lebens darauf zurückführen, dass wir immer wieder uns selbst leben. Ja, das gehört zur Entfaltung unserer Persönlichkeit, zum Glück des Menschen, dass er seinen Willen hat, dass er sein Leben so macht, wie er es nach seinen Vorstellungen will. Und doch werden unsere ganzen Beziehungen dadurch zerstört, weil wir immer wieder eigensüchtig unser Wesen leben.
Und nicht bloß die, die es in Streit und Hader leben, wie es hier heißt, in Streit und Eifersucht, die, die mit dem starken Willen zu ringen haben, sondern auch die Scheuen in der Gemeinde, die sich immer so gern verkriechen und dann mit dieser weinerlichen Stimme sagen: Niemand guckt nach mir, ich bin ganz verlassen, ich bin das Mauerblümchen am Rande. Diese klagenden Töne sind ja alles nichts anderes als furchtbare Selbstliebe und Selbstmitleid.
Und das wollen wir in seiner Erbärmlichkeit sehen und ans Licht ziehen. Legt doch das Alte ab! Das ist wie bei einem Vulkan, wo immer wieder plötzlich aus den Tiefen des Erdinnern diese Riesenkräfte hervorbrechen, sodass man denkt: Das darf doch gar nicht mehr sein. Jetzt bin ich doch schon so lang Christ, dass in mir so etwas noch schaffen kann und wieder hervorbricht.
Das zählt hier Paulus auf: Fressen und Saufen, Unzucht und Ausschweifung, Streit und Eifersucht.
Begierde, Selbstverwirklichung und die neue Ordnung des Lebens
In diesen Tagen sind wir ja viel wegen der Synodalwahl in den Gemeinden unterwegs. Da war es an einem Abend, dass unser Mitkandidat, Doktor Schottky, davon sprach, wie wir Menschen gebunden sind an das Geld, an unsere oft ganz materiellen Wünsche, und wie das unser ganzes Leben versklavt. Dann sprach er auch davon, wie man wie getrieben sein kann von seinen unreinen Gedanken. Da war gleich in der ersten Reihe eine Frau, die ganz lautlos gelacht hat.
Man merkt das ja manchmal bei solchen Spöttern, ohne dass sie sich selbst bewusst sind, wie sehr sie sich dabei verraten. Und sie hat mit dieser ganzen Kühnheit gelacht, so wie wir es heute tausendfach kennen. Bist du vielleicht so verklemmt? Das ist doch unsere neue Lebensentfaltung, dass wir unseren Trieben freien Raum geben. Wie viele sind in dieser neuen Leitlinie gefolgt, dass man eben seiner Lust lebt?
Eine ganze Jugend ist um ihr Leben betrogen worden. Wir müssen als Christen wissen, dass das eine Gabe ist, was uns Gott gegeben hat, auch unsere Gedanken und Triebe. Aber sie sollen dem Herrn geheiligt werden, anders werden wir nicht glücklich. Sorgt nicht so für euch, dass ihr den Begierden verfallt. Legt das Alte ab, die Werke der Finsternis. Das ist doch etwas Großes, dass das alte Leben einfach ausgezogen werden kann wie ein altes Hemd, das man in den Wäschekorb oder in die Waschmaschine legt.
Legt das Alte weg, heute am Bustag, streift es runter!
Der anbrechende Tag und die Dringlichkeit des Handelns
Das Zweite gibt dem neuen Leben Raum. Da spricht Paulus von der neuen Welt, die angebrochen ist. Wir hatten das beim letzten Mal schon überlegt: Wie ist das jetzt eigentlich? Christen sind ja eigentlich Bürger der Ewigkeit, auf die sie zuleben, und sollten schon ganz von den Ordnungen der Ewigkeit erfüllt sein. Gleichzeitig sind wir in dieser Welt noch Staatsbürger und müssen unsere Pflichten erfüllen. Ich hoffe, dass Ihnen das am letzten Sonntag auch etwas Klarheit gegeben hat.
Aber hier spricht Paulus noch einmal darüber, wie das ineinandergreift. Wir leben unser irdisches Leben, und gleichzeitig sind wir schon auf dem Weg in diese neue Wirklichkeit. Er beschreibt es mit dem Bild des anbrechenden Tages: Der Tag ist vorgerückt, die Nacht ist im Schwinden. Jochen Klepper hat ja das schöne Lied darüber gedichtet: „Die Nacht ist vorgedrungen.“
Jetzt steh doch auf, Mensch. Rappel dich zusammen, leg dein Nachtgewand ab, richte dich, putz die Zähne, wasche dich und steh auf. Lebe auf den neuen Tag zu, wie du es am Morgen machst, damit du bereit bist.
Ich will es einmal mit einem ganz komischen Bild erklären, aber Sie entschuldigen: Ich möchte um jeden Preis, dass Sie das behalten. Mir gefallen die Paternoster so, also diese Aufzüge, wo man so aufspringen muss. Das ist so interessant, hat mich als Kind schon fasziniert, wie der kommt und dann wieder vorbeigeht. Wenn man zu lange zögert, dann kann man nicht mehr einsteigen. Man muss den richtigen Moment haben, um überzusteigen und mitzufahren.
Und genauso ist es mit dem anbrechenden Gottesreich. Es ist nicht immer so, dass man da einsteigen kann. Jetzt ist die Zeit, sagt Paulus, jetzt! Das ist schlimm, dass Christen manchmal zögern und denken: Irgendwann will ich das in meinem Leben schon noch in Ordnung bringen. Ich habe zwar noch ungeordnete Bereiche meines Lebens, aber da wird sicher später noch einmal Zeit sein. Man schiebt es gerne auf die lange Bank. Aber das wird nicht mehr gelingen, weil jetzt die Zeit ist. Pass auf: Jetzt begegnen sich die beiden Ebenen, jetzt ist der Ruf da.
Und wie viele haben es versäumt. Wie viele waren einmal dabei und sind durch äußere, ungehorsame, unbereinigte Dinge ihres Lebens einfach weggetrieben worden. Ihr Glaubensleben ist erlahmt, und sie haben die Verbindung zu Gott verloren. Jetzt pack das heute, wenn er dich ruft! Das Heil ist jetzt ganz nah, du musst jetzt zugreifen.
Es ist gut, dass Paulus in diesen Kapiteln, nachdem er so groß das Heil beschrieben hat, nun ganz konkret hilft, dass wir es auch wirklich ergreifen. Nicht, dass wir es nur hören, sondern dass wir es auch leben. Du musst jetzt übersteigen und das für dein Leben nehmen.
Er spricht von dem großen Tag. Der Tag ist nahe herbeigekommen. Da betrügen sich Christen auch gerne darüber. Und es wäre gut, wir würden mehr im Alten Testament lesen: der Tag, der von den Propheten so oft der Tag des Zorns genannt wird, der Tag, an dem der Herr spricht: Tu Rechnung von deinem Haushalten. Wie beschämt werden wir dastehen mit unseren Lieblosigkeiten, mit unseren bösen Dingen, um ein paar flüchtiger Gefühlseindrücke willen, dass wir das alles aufs Spiel gesetzt haben.
Der Tag ist nahe herbeigekommen, der Tag, an dem Rechenschaft gegeben wird. Der Tag, an dem das Gottesreich sichtbar anbricht. Bist du bereit, diesem Tag entgegenzugehen? Lesen Sie es bei Amos: Dieser Tag ist Finsternis und nicht Licht, ja, für die, die nicht vor Gott stehen können, weil sie immer das meiste verbergen wollten. Bei Sacharja ist der Tag des Herrn dunkel, bei Jesaja ist es ein Tag des Zorns. Und doch ist es für Christen eine Freude, wenn ich weiß: Der Jesus Christus, der Gericht hält, der Macht hat, der hat mir alles vergeben. Ich bin heute bereit, ich habe mein Leben mit ihm in Ordnung gebracht. Ich darf heute diesen neuen Tag mit ihm beginnen und alle meine Tage in seiner Gegenwart leben.
Christus anziehen und in der Liebe leben
Gib dem neuen Leben Raum, da gebraucht Paulus das schöne Wort: Christus anziehen. Das alte, finstere Ablegen, Christus anziehen, damit er mich durch und durch erfülle und mein ganzes Wesen präge.
Aber jetzt muss ich, wenn wir von hinten nach vorne vorgehen, auch noch das Dritte sagen: Nichts mehr ohne Liebe.
Wir haben die Staatsordnungen letztes Mal geprüft und gemerkt, dass uns Paulus hier große Verantwortung zumisst. Christen können nie zu solchen revolutionären Stürmern werden, wenn sie Gottesordnungen lieb haben. Sie werden treu sein in all dem, was diese vergehende Welt noch erhält und hier noch ein Minimum an Ordnung und Gerechtigkeit gewährleistet. Aber genügen kann uns das nicht mehr, dass wir vor dem Gesetz in Ordnung sind, vor dem bürgerlichen Gesetz und vor dem Strafgesetz.
Paulus macht die Liebe uns so wichtig: Seid niemand etwas schuldig außer Liebe. Denken Sie bitte daran, wenn der Müllmann bei Ihnen vorbeiläuft: Sie sind auch ihm Liebe schuldig. Und wenn die Politesse Sie aufschreibt, sie hat das Amt, ehren Sie diese, auch wenn es Ihnen nicht passt. Liebe! Und sehen Sie den Menschen!
Und wenn Sie am Postschalter stehen, sagen Sie zu der grauhaarigen Dame bitte nicht Fräulein, sie ist schon über sechzig, sondern lieben Sie diese. Vielleicht gibt es ein Wort, wo Sie merken, dass Christen in die Welt hineingestellt sind, weil sie aus einem großen Reservoir von Liebe herkommen.
Und immer wieder gilt für uns nur ein Ordnungsgesetz: Jesus hat diese Welt geliebt, und die vielen, vielen Menschen. Und ich will in die Fußspuren Jesu treten und diesen Menschen in dieser kalten, frostigen Welt etwas spüren lassen. Hoffentlich passiert es dann auch bei Ihnen, dass schon die Kinder sich wohlfühlen, weil sie spüren: Da geht eine Liebe von dem aus. Die merken das ja am ehesten.
Und so viele Menschen, die wir ermuntern und aufrichten können! Das ist nicht bloß ein humanitärer Spruch, den wir da haben, sondern dass wir Menschen etwas von der Liebe Jesu spüren lassen. Und das geht dann hinein bis in unsere oft so in Trott geratenen Familien, dass wir diese Liebe miteinander leben, diese brennende Jesusliebe: Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt.
Und das meint dann Paulus mit Christus anziehen. Ich habe diese Liebe nicht, und Sie haben diese Liebe nicht. Sie dürfen am Bußtag sagen: Herr, komm in mir wohnen, lass mein Herz auf Erden dir ein Heiligtum noch werden. Dass Christus bei uns Wohnung machen will, das ist sein Geheimnis.
Eigentlich wollten wir sagen: Herr, ich kann das nicht. Wer ein wenig kämpft mit seinen Begierden und den dunklen Dingen in seinem Kopf und in seinem Leben und in seinem Leib, der sagt: Ich kann das nicht. Bis er plötzlich erkennt: Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht: Christus. Amen.

