Gott wird Mensch: Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Episode 542: Ihr seid Götter, Teil 3.
Einführung in die Auslegung von Psalm 82 und Johannes 10
An dieser Stelle ist es vielleicht sinnvoll, noch einmal darauf einzugehen, warum ich im Blick auf Psalm 82 und das Zitat des Herrn Jesus in Johannes 10 von der, ich nenne sie mal, gängigen Auslegung abweiche.
Psalm 82, die Verse 1 und 6, ist ein Psalm von Asaph. Dort steht: „Gott steht in der Gottesversammlung, inmitten der Götter richtet er. Ich sagte zwar: Ihr seid Götter, Söhne des Höchsten seid ihr alle.“
Die gängige Auslegung besagt, dass mit den „Göttern“ hier keine Engel gemeint sind, sondern Menschen in Leitungsverantwortung, vor allem Richter. Diese Auslegung fußt auf Stellen, in denen das Wort für „Götter“, Elohim, vermeintlich für Menschen verwendet wird.
Vor allem sind es zwei Stellen, die hier angeführt werden. Schauen wir uns also diese beiden Stellen an.
Analyse der biblischen Stellen zu Elohim und Menschen
Zweite Mose 21,6: Wenn ein Sklave nach sieben Jahren nicht freigelassen werden will, soll sein Herr ihn vor Gott bringen. Dann soll er ihn an die Tür oder an den Türpfosten stellen. Sein Herr soll ihm das Ohr mit einem Friem durchbohren. Danach soll der Sklave ihm für immer dienen.
Bei jedem Fall von Veruntreuung an Rind, Esel, Schaf oder Kleidung, also bei allem Verlorenen, das jemand als sein Eigentum beansprucht, soll die Sache der beiden vor Gott gebracht werden.
Mit „Elohim“ sind hier auch Richter gemeint. Die Angelegenheit soll also vor Gott, beziehungsweise vor den Richtern, geklärt werden. Wenn Gott jemanden schuldig erklärt, muss er seinem Nächsten das Doppelte erstatten.
Wenn ich es richtig verstehe, sind dies die beiden Stellen, die am häufigsten angeführt werden, um zu zeigen, dass auch weltliche Richter als Elohim bezeichnet werden.
Kritik an der gängigen Auslegung und Kontextbetrachtung
Nun zum Problem mit dieser Auslegung: Meines Erachtens ist sie alles andere als zwingend. Nicht nur, dass in der Elberfelder Bibel völlig zu Recht mit „vor Gott“ übersetzt wird, auch der Kontext legt nahe, dass hier Gott gemeint ist.
In 2. Mose 21,6 geht es um eine Selbstverpflichtung, die ein Sklave eingeht. Es ist natürlich möglich, diesen Schwur einer dauerhaften Bindung an seinen weltlichen Herrn direkt vor Gott zu leisten.
Für 2. Mose 22,8 gilt dasselbe, vor allem wenn man weiterliest.
Vertiefte Betrachtung von 2. Mose 22, Verse 8-10
2. Mose 22,8-10 behandelt Fälle von Veruntreuung bei Tieren wie Rind, Esel, Schaf oder auch Kleidungsstücken.
„Bei allem Verlorenen, von dem gesagt wird: Das ist es, soll die Sache der beiden vor Gott gebracht werden. Wen Gott schuldig erklärt, der soll seinem Nächsten das Doppelte erstatten.
Wenn jemand seinem Nächsten einen Esel, ein Rind, ein Schaf oder ein anderes Tier zur Verwahrung gibt und es stirbt, sich einen Knochen bricht oder weggeführt wird, ohne dass jemand dies sieht, dann soll zwischen ihnen ein Schwur beim Herrn erfolgen. Dabei wird geprüft, ob der Verwahrer nicht seine Hand nach dem Besitz seines Nächsten ausgestreckt hat. Wenn dies nicht der Fall ist, soll der Besitzer das Tier zurücknehmen, und der Verwahrer muss nichts erstatten.
Hier geht es um einen Fall von Veruntreuung, der vor Gott gebracht werden soll. Es wird ausdrücklich ein Schwur beim Herrn erwähnt. Daher ist es naheliegend, dass in 2. Mose 22,8 nicht ein Richter, sondern tatsächlich Gott selbst gemeint ist.
Was sollte ein Richter in einem solchen Fall auch tun? Es handelt sich um Situationen, in denen niemand etwas gesehen hat, also keine Zeugen vorhanden sind. In solchen Fällen bleibt nur Gott oder eben ein Schwur beim Herrn als Entscheidungsgrundlage.
Bedeutung von Eiden und Flüchen als Mittel der Wahrheitsfindung
Dass ein Eid, der in manchen Fällen auch als Fluch übersetzt werden kann, ein Mittel zur Wahrheitsfindung ist, zeigt diese Stelle deutlich.
In 1. Könige 8,31-32 heißt es: Wenn jemand gegen seinen Nächsten sündigt und der andere einen Fluch über ihn ausspricht, um ihn unter einen Fluch zu stellen, und er kommt und spricht diesen Fluch vor deinem Altar in diesem Haus aus, dann höre du es im Himmel und handle. Richte deine Knechte, indem du den Schuldigen schuldig sprichst, sodass sein Weg auf sein Haupt zurückfällt, und indem du den Gerechten gerecht sprichst, damit er nach seiner Gerechtigkeit belohnt wird.
Hier wendet sich der Betroffene, der das Verhalten eines anderen als Sünde empfindet, direkt an Gott. Gott soll unmittelbar richten, indem er entweder bestraft oder gerecht spricht.
Dasselbe Prinzip scheint auch in 2. Mose 22 zu gelten.
Zweifel an der Anwendung von Elohim auf Menschen
Was ich sagen möchte, ist Folgendes: Ich bin nicht davon überzeugt, dass der Begriff Elohim im Alten Testament auf Menschen angewandt wird.
Was ich jedoch klar zeigen kann, ist die Anwendung des Begriffs auf Engel. Psalm 8,6 sagt: „Denn du hast ihn wenig geringer gemacht als Engel“, wörtlich Elohim, „mit Herrlichkeit und Pracht krönst du ihn.“ Die Übersetzung von Elohim mit „Engel“ findet sich auch in der Septuaginta und als Zitat in Hebräer 2,7.
Ein weiteres Beispiel ist Psalm 97,7: „Schämen müssen sich alle Verehrer eines Götterbildes, die sich der Götzen rühmen; fallt vor ihm nieder, alle Götter!“ In der Septuaginta lautet die Formulierung: „Fallt vor ihm nieder, alle seine Engel!“ Wahrscheinlich wird auf diesen Text in Hebräer 1,6 angespielt, wo es heißt: „Und alle Engel Gottes sollen ihn, das ist Jesus, anbeten.“
Während es mir also schwerfällt, eine Bibelstelle zu finden, die eindeutig Elohim auf Menschen bezieht, fällt es mir leicht, diesen Bezug für Engel herzustellen.
Weitere Einwände gegen die Interpretation als menschliche Richter
Und noch etwas lässt mich an der Idee zweifeln, dass in Psalm 82 menschliche Richter gemeint sind. Dabei beziehe ich mich nicht auf mein erstes Argument aus Episode 540, wonach im Fall von menschlichen Richtern die Drohung Gottes ins Leere läuft.
Psalm 82,7: "Doch wie ein Mensch werdet ihr sterben, wie einer der Obersten werdet ihr fallen." Diese Drohung ergibt überhaupt keinen Sinn, wenn es sich um Menschen handelt. Natürlich werden sie wie Menschen sterben – und zwar ganz egal, ob sie ihren Job gut machen oder nicht.
Also, das ist nicht mein Argument. Mir geht es um etwas anderes.
Kritik am klassischen Argument zu Johannes 10
Das klassische Argument zu Johannes 10 verläuft ungefähr so: Die Juden werfen Jesus Blasphemie vor, weil er sagt: „Ich und der Vater sind eins.“
Daraufhin zeigt Jesus ihnen eine Stelle in der Bibel, in der menschliche Richter – also Personen wie seine Gegner – als Elohim, also als Götter, bezeichnet werden.
Weil es in der Bibel diese poetische Bezeichnung für Autoritätspersonen gibt, sei es nicht schlimm, wenn Jesus sich mit Gott, dem Vater, auf eine Stufe stellt.
Das Argument lautet also sinngemäß: „Ihr seid Elohim, ich bin Elohim, also lasst bitte die Anklage fallen.“
Warum das Argument nicht überzeugt und Jesu wahre Absicht
Nun zum Problem: So ein Argument hätte doch niemanden überzeugt. Es geht völlig am Vorwurf der Blasphemie vorbei. Nur weil der Heilige Geist Menschen in einem poetischen Kontext als Götter bezeichnet, ist es doch nicht in Ordnung, wenn jemand sagt: „Ich und der Vater sind eins.“
Mit diesem Argument, wenn es denn greifen würde, könnte jeder jeden Vorwurf der Blasphemie aushebeln. So argumentiert Jesus aber nicht. Er will doch nicht zeigen, dass wir alle kleine Götter sind und es deshalb nichts Besonderes ist, wenn er selbst, der vom Vater geheiligt und in die Welt gesandt wurde, sich auch als Gott bezeichnet.
Jesus will zeigen, dass er der Besondere ist, der völlig zu Recht für sich einfordert, was niemand sonst von sich behaupten darf, nämlich Gott zu sein. Deshalb zitiert der Herr Jesus Psalm 82 nicht, um seine Gegner zu Göttern zu machen, sondern um seine einzigartige Stellung in der Heilsgeschichte zu unterstreichen.
Aber dazu mehr dann in der nächsten Episode.
Abschluss und Lebenshilfe
Was könntest du jetzt tun? Das war heute etwas komplizierter. Vielleicht lohnt es sich, das Skript noch einmal in Ruhe zu lesen.
Das war's für heute?
Mein Tipp fürs Leben: Lerne Bibelverse auswendig, so viele wie möglich. Wiederhole jeden Tag ein paar davon.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
