"... gib mir einen neuen, gewissen Geist"
Herein!"
Der Pfarrer drehte sich nach der Tür um. Etwas aufgeregt kam eine
stattliche Frau herein. Gleich polterte sie los:
lch höre, Sie wollen meine Nichte nicht konfirmieren?"
Der Pfarrer begütigte: Setzen Sie sich erst mal. So! Nun will ich Ihnen in
aller Ruhe die Sache erklären. Sehen Sie, Ihre Nichte — sie wohnt ja wohl
seit dem Tode der Eltern ganz bei Ihnen — ist geistig ungeheuer beschränkt.
Sie ist ja auch in der Hilfsschule für Minderbegabte. Ich habe versucht,
das Kind zu unterrichten. Aber es hat nicht ein Lied behalten können, vom
Katechismus ganz zu schweigen. Und da müssen Sie verstehen, daß ich dies
blöde, schwach begabte Kind unmöglich zur Konfirmation zulassen kann . . ."
Die Frau unterbrach ihn: Das ist ja alles schön und gut; aber jetzt will
ich Ihnen sagen: Gott hat dies arme, schwache Kind als Werkzeug benutzt, um
unser ganzes Haus umzuwandeln."
Erstaunt schaute der Pfarrer auf: Wie ging denn das zu?"
Ich weiß nicht, ob Sie es wissen: Wir führen eine Wirtschaft. Ich muß
offen bekennen: es herrschte bei uns ein übler, leichtsinniger Geist. Als
nun meine Schwester starb, vor einem Jahr, nahm ich ihr Töchterchen in mein
Haus auf. Das arme Wurm tat mir leid. Viel Platz hatte ich ja auch nicht.
Aber ich stellte noch ein Bett in die große Kammer, in der die beiden Mädel
schlafen, die in der Wirtschaft beschäftigt sind.
Und nun geschah etwas Seltsames. Als das Kind am ersten Abend spät mit den
Mädeln zu Bett ging, da faltete es seine Hände und betete den einzigen
Spruch, den es behalten hatte: ,Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und
gib mir einen neuen, gewissen Geist. '
Na, sie können sich denken, die beiden Mädel fingen an zu kichern und zu
spotten. Aber die Kleine kümmerte sich nicht darum. Sie schlief ein. Und am
nächsten Morgen betete sie ihr Sprüchlein aufs neue.
Wieder großes Hallo der beiden. Als aber die Kleine am Abend wieder betete
und eines von den beiden Mädchen anfing zu lachen, sagte das andere ernst:
,Du, dies Kind hat recht; das ist es, was uns fehlt: ein reines Herz. O
Gott, ja, das fehlt mir. Ich bete mit!'
Und wahrhaftig, das Mädel betete auch: ,Schaffe in mir, Gott, ein reines
Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist!' Nach drei Tagen betete auch
die andere um einen neuen Geist. Und nun wissen Sie das besser als ich,
Herr Pastor, wenn man um den Heiligen Geist bittet, dann kommt er.
Ich will's kurz machen. Meine Mädel wurden ganz anders. Ich fragte: ,Wie
kommt das, daß ihr so anders geworden seid?' Da erzählten sie alles. Und
sie sagten: Wenn der Geist hier im Haus nicht anders wird, dann gehen
wir.' Nun, ich erschrak, Sie hatten recht. Da fing auch ich heimlich an zu
beten. Und heute sieht es bei uns anders aus, völlig anders. Mein Mann hält
mit uns des Morgens Andacht. Wo früher der Teufel regierte, da regiert
heute Gottes neuer Geist, und das alles kam durch dieses Kind."
Aufmerksam hatte der Pfarrer zugehört. Liebe Frau", sagte er tief bewegt,
das Kind wird konfirmiert!"
