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Jesus und die Verlorenen

14.01.2018
Serie•Teil 6 / 21Jesus
Jesus sieht nicht nur Menschen – er sieht Verlorene. Die Frage ist nicht, was du darfst, sondern ob du seinen Blick teilst und den Mut hast, anderen Hoffnung zu sagen.

Ein neuer Blick auf Jesus und unser Leben

Ich möchte jetzt da weitermachen, wo ich 2017 aufgehört habe. Wer dabei war, ich bin in einer Predigtreihe, die ganz einfach über Jesus geht.
Wir haben letztes Mal darüber nachgedacht, das war schon vor Weihnachten, wie leicht es sein kann, dass wir in Jesus einfach einen toten Religionsstifter sehen, also jemanden, der uns Regeln hinterlassen hat. Wobei Jesus doch eigentlich viel mehr will. Jesus ist auferstanden. Ihm geht es darum, sein Leben jetzt als ein Auferstandener durch uns hindurch leben zu dürfen. Das ist sein Angebot: uns Leben zu geben. Nicht nur ein paar Vorschriften, nicht nur eine christliche Kultur, sondern wirklich sein Leben. Jesus möchte als Charakter in uns, in jedem einzelnen Gläubigen, Gestalt gewinnen.
Christsein ist tatsächlich ein Stückchen merkwürdig. Es ist ein merkwürdiges und in letzter Konsequenz nicht ganz beschreibbares Einswerden mit Jesus. Das Wort Gottes wohnt, also Jesus wohnt durch seinen Geist in uns, und zwar nicht mystisch, sondern ganz real, ganz prägend, ganz verändernd.
Und meine Aufgabe als Christ ist eigentlich recht simpel: Ich schaue mir an, wie Jesus gelebt hat, was ich in der Bibel finde. Ich schaue mir an, was ihm wichtig war, und dann ahme ich ihm nach. Und jetzt Achtung: Ich muss beim Nachahmen nicht meinen Golf sechs gegen einen Esel eintauschen und immer, wenn ich Wein trinken will, vielleicht Wasser bestellen und hoffen, dass ein Wunder passiert. Das ist nicht damit gemeint. Ich hoffe, ihr versteht mich richtig.
Ich ahme Jesus nicht in den Äußerlichkeiten seines Lebens nach, und ich ahme auch nicht seine spezielle Berufung nach. Ich bin nicht der Messias. Aber ich darf und ich sage mal, ich sollte mich auch mit der Person Jesu beschäftigen, bis ich ihn verstehe. Und die Bibel nennt dieses Verstehen erkennen. Und wenn ich ihn dann erkannt habe, dann darf ich das, was ich bei ihm sehe, dieses Vorbild, nehmen. Und ich darf mich dann nach diesem Vorbild ausrichten. Und ich finde das einfach total genial. Der Heilige Geist will mir dann dabei helfen.
Versteht ihr, vor meiner Bekehrung habe ich einfach nach meinen Vorstellungen gelebt. Und jetzt, als Christ, lebe ich für Jesus. Und mehr noch: Darum geht es mir die ganze Zeit. Ich lasse es zu, dass Jesus sein Leben durch mich hindurch lebt.
Ein Vers, den ich jetzt schon ganz oft zitiert habe und bestimmt auch noch ein paarmal zitieren werde, ist dieser Vers aus dem Galaterbrief, wo Paulus sagt: Und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir. Aber, und das ist ganz wichtig, dieses Leben, wenn Jesus sein Leben durch mich hindurch lebt, dann macht er das nicht ohne meine Zustimmung. Er macht das nicht einfach, wie man so als Marionettenspieler die Marionette zwingt, so zu tanzen, wie ich sie bewege, sondern Jesus will mein Ja. Mein Ja zu der Beziehung, in der er als der Herr und als der König mein Leben prägt.
Ein Leben, wo es immer mehr dazu kommt, dass seine Ideale, seine Werte, ich sage mal sogar sein Wesen mein Leben bestimmt, das ist Christsein. Und wenn wir das verstanden haben, dann wird ein christliches Leben immer weniger von der Frage bestimmt: Was ist erlaubt? Das sind Fragen, die junge Christen oft stellen: Wo steht, dass ich das nicht darf? Oder wo steht, dass ich das muss? Aber eigentlich geht die Frage ein bisschen am Ziel vorbei. Es geht nicht um die Frage, was ist erlaubt, sondern die eigentlich wichtige Frage müsste lauten: Was hätte Jesus jetzt in meiner Situation gedacht und getan?
Wenn Jesus jetzt in meiner Situation wäre, mit den Erfahrungen, die ich jetzt genau in diesem Moment mache, wo ich hier sitze, vielleicht bist du ein bisschen frustriert, vielleicht bist du total happy, vielleicht hast du gerade Magenschmerzen oder ein bisschen Liebeskummer, keine Ahnung, da, wo wir halt herkommen. Du sitzt jetzt hier, und Jesus möchte durch dich hindurch sein Leben leben. Was hätte er jetzt gedacht, was hätte er jetzt getan, wie hätte er jetzt auf diesen Moment reagiert? Das ist die spannende Frage.
Und mit diesem Wissen im Hinterkopf, dass es darum eigentlich geht, möchte ich gerne ein Thema heute angehen, das heißt: Jesus und die Verlorenen. Jesus und die Verlorenen.
Als Christen haben wir ein Vorrecht. Wir haben das Vorrecht, die Welt, in der wir leben, mit Gottes Augen sehen zu dürfen. Wir dürfen wissen, dass die Welt böse ist. Das hört sich erst mal schräg an, ich weiß. Aber ich sage es noch mal: Wir dürfen wissen, dass die Welt böse ist. Das heißt, der Planet, auf dem wir leben, ist eigentlich ein finsterer Ort, angefüllt mit finsteren Dingen wie Krankheit, Naturkatastrophen, Kriegen, Ungerechtigkeit. Das war nicht ursprünglich die Idee, er wurde nicht so geschaffen, aber er ist so geworden. Und wir wissen, dass Gott die Welt und die Menschen auf ihr einmal für das Böse, das sie tun, richten wird. Der Planet wird, sagt die Bibel, entsorgt, der ist dann irgendwann weg, und die Menschen, die werden für ihre falschen Gedanken, für ihre falschen und bösen Worte und für ihre bösen Taten verdammt, die nicht gläubig werden, also deren Schuld nicht vergeben wird, und zwar von Jesus, die gehen verloren.
In Johannes 3,16, diesem einen Vers, der so unglaublich bekannt ist, da heißt es: Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn, das ist Jesus, gab, damit jeder, der an ihn glaubt, und jetzt kommt’s, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.
Gott wird Mensch, weil er sieht, dass Menschen verloren gehen. Und das Kreuz, an dem Jesus stirbt, macht tatsächlich den Unterschied. Am Kreuz stirbt Gott als Mensch für Menschen, und er nimmt die Strafe für die Sünde auf sich, damit die Gläubigen gerettet werden. Jesus stirbt tatsächlich für mich. Das kann ich mir vielleicht nicht vorstellen, dass jemand mich so lieb hat, aber das ist die Realität. Jesus stirbt für mich, damit ich ewiges Leben bekommen kann, damit ich, um den Text zu nehmen, nicht verloren gehe.
Gehen wir einfach mal davon aus, dass Gott weiß, was er tut. Jesus lässt sich nicht einfach abschlachten, weil er Lust darauf hatte. Seine Mission hieß tatsächlich: Verlorene retten. Und wer an Jesus glaubt, der ist nicht länger verloren. Das ist diese tolle Botschaft, die man übrigens Evangelium nennt. Eine Botschaft, die leider die meisten Leute nicht hören wollen. Für die meisten Leute ist das, wenn ich zu ihnen gehe und sage: Weißt du, dass du verloren bist? Und weißt du, dass du gerettet werden musst? Für die meisten Leute ist das dummes Zeug. Die fassen sich so ein bisschen an den Kopf und denken: Was bist denn du für einer?
Dass das nicht modern ist, das war auch damals, als die Botschaft das erste Mal gepredigt wurde, so. Der Apostel Paulus, der viel als Missionar Gemeinden gegründet hat, schreibt im 1. Korinther 1,18: Denn das Wort vom Kreuz, also das Wort davon, dass ein anderer für mich gestorben ist, meine Schuld auf sich genommen hat, um mir einen Neuanfang zu ermöglichen, das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit. Die halten das einfach für dummes Zeug. Aber wir, die wir gerettet werden, für uns ist es Gottes Kraft.
Menschen, die verloren gehen, werden uns, die wir gläubig sind, auslachen. Für sie ist die Idee, dass sie Jesus brauchen, beziehungsweise eigentlich ja, dass wir glauben, Jesus kann uns retten, das ist ja das, worüber sie lachen. Sie glauben ja gar nicht, dass sie Jesus brauchen. Aber dass wir das glauben, dass wir uns hinstellen und sagen: Ich brauche Jesus, um gerettet zu werden, das ist für sie völliger Unsinn. Ändert natürlich auch nichts an dem Urteil, was Gott über sie einmal sprechen wird.
Also nur weil die Welt nicht als böse gesehen werden will, weil sie sich selbst täuschen will, weil sie sich vormachen möchte, dass doch eigentlich alles gut ist auch ohne Gott, ändert das nichts an dem Schicksal dieser Welt. Sie wird verloren gehen. Die Menschen darauf werden verloren gehen. Und weil Menschen verloren gehen, weil das eine grausame Realität ist, die man versteckt, die man verheimlicht, die man als dummen Fundamentalismus brandmarkt, weil Menschen verloren werden, deswegen wird Gott aktiv. Weil Menschen sich selber nicht retten können, egal ob sie gute Werke tun oder ob sie irgendwelche Rituale praktizieren oder ob sie sich nach Psychoratgebern richten oder ob sie esoterische Erfahrungen suchen, sie können sich selbst nicht retten. Deshalb, nur deshalb, weil der Mensch so verloren ist, deshalb wird Gott Mensch.
Im Lukasevangelium heißt es in Kapitel 19, Vers 10: Der Sohn des Menschen, und das ist Jesus, ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist. Ich weiß nicht, ob wir uns das Wort verloren so ein dunkles Wort, es hat so einen hässlichen Beigeschmack, verloren. Gott kommt, um verlorene Menschen zu retten.
Und wisst ihr was? Um diesen einen Punkt dreht sich das Leben Jesu: um diesen einen Punkt, verlorene Menschen retten. Dafür lässt Jesus sich ans Kreuz schlagen, weil verlorene Menschen es brauchen, dass ein anderer für ihren Müll, für ihre ganzen falschen Entscheidungen, für ihre bösen Worte, für diesen verdorbenen Charakter, für ihre Dummheit, für ihre Ichsucht, weil ein anderer den Kopf hinhalten muss.
Und das Verrückte ist: Jesus bleibt nicht dabei stehen, dass er sich ans Kreuz schlagen lässt. Er macht jeden Gläubigen, also jeden, der sich retten lässt, jeden, der Vergebung empfängt, jetzt zu seinem Prediger. In dem Moment, wo du sagst: Boah, ich würde mich gern retten lassen, vom Bild her, du verstehst, ich bin wie so einer, der auf offener See im Meer schwimmt und ich brauche Rettung, und das Kreuz ist wie so ein Rettungsring, den mir Gott hinwirft. Und glauben heißt eigentlich: Ich packe diesen Rettungsring, mehr kann ich nicht tun. Und in dem Moment, wo ich diesen Rettungsring gepackt habe, sagt Gott: Super, jetzt habe ich einen Job für dich. Ich wusste nicht, wofür du vorher gelebt hast, aber jetzt weiß ich, wofür du lebst. Diese Botschaft, die du gerade verstanden hast, die möchte ich, dass du predigst.
Jeder Christ hat tatsächlich die Aufgabe, in seinem Umfeld das Evangelium zu predigen, anderen Menschen, anderen Verlorenen zu sagen, dass es für sie Hoffnung gibt. Im Markusevangelium am Ende ist das ganz schön: Markus 16,15-16. Und er sprach zu ihnen: Was denn? Geht hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung. Das ist unser Auftrag. Unser Auftrag ist so simpel: Geh hin, was gehört zur Schöpfung? Predige. Das Evangelium ist eine Botschaft, die gepredigt werden muss. Es ist eine Botschaft, die man anderen Leuten sagen muss. Macht den Mund auf und sagt ihnen, dass da jemand Mensch geworden ist, für sie gestorben ist, ihnen neues Leben geben möchte. Predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung.
Warum? Wer gläubig geworden und getauft worden ist, wird gerettet werden. Das ist der Weg der Rettung. Wer aber ungläubig ist, wird verdammt werden. Das ist die andere Konsequenz.
Sofern wir gläubig sind, machen wir in dieser bösen Welt mit dem Evangelium tatsächlich den Unterschied. Wir stehen ein Stück weit wie Jesus zwischen der Verdammnis auf der einen Seite und der Rettung auf der anderen Seite. Die Position als Prediger auszufüllen und zu halten, das ist unsere allererste Aufgabe in dieser Welt. Wir werden am Ende nicht daran gemessen werden, wie viel Geld wir verdient haben, wie angepasst oder wie unauffällig wir gelebt haben, wie viele Freizeitparks wir besucht haben oder sonst irgendwas. Wir werden daran gemessen, ob wir das Evangelium gepredigt haben.
Und diese Aufgabe ist keine Aufgabe für Spezialisten. Das möchte ich noch mal sagen, das ist mir ganz wichtig, dass wir heute verstehen. Es gibt ein katholisches Missionsmanifest. Das ist vor kurzem herausgekommen, mich hat im Update darauf hingewiesen. Da gibt es eine These, und da möchte ich euch etwas vorlesen. Da heißt es in These 9, und da heißt es ganz richtig, Zitat: Nirgendwo steht, dass die Mission, die Jesus uns gegeben hat, sich auf Spezialisten, professionelle Verkündiger, Theologen, Kleriker oder Mitglieder von Ordensgemeinschaften beschränkt. Missionarisch zu sein, ist der Auftrag Christi an alle Getauften. Mission ist jederzeit und überall, sie ist die große, oft vergessene Querschnittsaufgabe aller Christen in allen Ländern und Kulturen. Amen!
Ich finde, das trifft den Punkt. Dafür sind wir da: in dieser Welt das Evangelium zu predigen, Prediger zu sein, Missionare zu sein. Jesus kam, weil Menschen verloren gehen, und er schickt uns in die Spur, das zu erreichen, was er übrig gelassen hat, und das ist lustigerweise eben mal die ganze Welt. Dafür sind wir losgeschickt.
Und jetzt bringe ich mal diese beiden Stränge der Predigt kurz zusammen. Strang eins: Jesus möchte sein Leben durch mich hindurchleben. Strang Nummer zwei: Jesus beauftragt mich da, mit dem Job, den er angefangen hat, Menschen zu retten, zu Ende zu bringen.
Und wenn ich die beiden Stränge miteinander verbinde, dann möchte ich die Frage stellen: Wie kann mich jetzt heute, 21. Jahrhundert Berlin, das Leben Jesu in meinem Dienst an verlorenen Menschen inspirieren? Und ich möchte zwei Punkte herausstellen. Es gibt wahrscheinlich viel mehr, aber ich habe zwei Punkte, die ich uns heute mitgeben möchte.
Und der erste Punkt ist: Für Jesus gibt es, in seinem Dienst Menschen zu erreichen, keine Unberührbaren. Und damit meine ich, es gibt keine Menschen, die er nicht erreichen will, wenn sich irgendeine Gelegenheit dafür bietet. Das wird im Neuen Testament ganz deutlich an einer Stelle, nämlich da, wo es ein evangelistisches Gespräch gibt mit einer samaritischen Frau. Das ist Johannes 4. Und dazu muss man jetzt wissen: Juden und Samariter haben sich nicht sonderlich gut verstanden, und das ist noch eine zarte Untertreibung. Und auch Männer haben damals nicht einfach so wie heute mit Frauen gesprochen. Und als Jesus diese Frau anspricht und sich auf dieses evangelistische Gespräch einlässt, da ist die Frau selber erst mal total perplex. Johannes 4,9 heißt es: Die samaritische Frau spricht nun zu ihm: Wie bittest du, der du ein Jude bist, von mir zu trinken, der ich eine samaritische Frau bin? Was machst du da?
Und man merkt nämlich: Jesus kennt diese ganzen kulturellen Gepflogenheiten, diese intellektuellen No-Go-Areas, wo man sich nicht mehr hinwagt, wo man sagt: Mit dem nicht. Das gibt es für ihn nicht. Da gibt es eine Gelegenheit, und diese Gelegenheit hat Gott vorbereitet, und jetzt fängt er an. Das ist der erste Punkt, der für mich so wichtig ist. Wenn Jesus sein Leben tatsächlich durch mich hindurch leben will, dann darf er mich zu den Menschen hinführen, die ihm wichtig sind. Das heißt aber im Umkehrschluss auch: Ich darf mir nicht erlauben, bestimmte Menschen von vornherein abzuschreiben.
Auch dann nicht, wenn es eine Vorgeschichte gibt, auch dann nicht, wenn mir jemand wehgetan hat oder wenn mir jemand völlig unsympathisch ist. Wisst ihr, auch Jesus muss im Umgang mit den Samaritern erleben, dass sie ihn, weil er Jude ist, ablehnen. Es gibt da eine Geschichte, wo er eine Übernachtungsmöglichkeit in Samaria, also in diesem Gebiet, wo die Samariter leben, sucht und dann auf so viel Antisemitismus trifft, dass er einfach keine Übernachtungsmöglichkeit findet. Die wollen ihn nicht. Das heißt, nicht alle Samariter haben sich beim ersten Gespräch mit Jesus gleich bekehrt. Und trotzdem, obwohl es die gibt, die mit ihm nichts zu tun haben wollen, bleibt Jesus dran.
Nur weil mir jemand wehgetan hat, ist das noch lange kein Grund, dass ich nicht mehr für ihn bete und nach Gelegenheiten suche, ihm das Evangelium zu sagen. Das ist der erste Punkt. Und ich sage das deshalb, weil ich manchmal merke, wie sich in unserem Leben im Blick auf bestimmte Menschen eine so starke Antipathie einstellt, dass wir vielleicht sagen: Nee, mit dem würde ich nie drüber reden. Wenn du das in deinem Herzen hast, wenn es Menschen gibt, wo du das denkst: Jesus hatte das nicht.
Das heißt nicht, dass jeder, der dir richtig wehgetan hat, dein erstes Missionsziel sein sollte. Das habe ich jetzt nicht gesagt, ja. Aber was es bedeutet, ist: Wenn Jesus dir einen Weg bereitet zu jemandem, wo du sagst: Mit dem hätte ich nie und nimmer gesprochen, dann gehst du da hin.
Die erste Frau, wo ich sagen kann, in meinem Dienst, nachdem wir vom TMG wiederkamen, die erste Frau, die sich bekehrt hat in unserem evangelistischen Dienst, das war eine ganz, ganz einfache Putzfrau. Und ich weiß noch, wo sie sich da dann hinkniete und ihr Leben dem Herrn Jesus übergeben hat. Das waren Welten zwischen ihr und mir, einfach so von der Art zu leben und zu denken und das Leben geführt zu haben. Eine alte, arme Putzfrau mit einem Alkoholikermann kommt zum Glauben. Und es ist doch klar, dass wir an der Stelle nicht sagen: Nee, also wir wollen nur die Ingenieure. Wir wollen ja hier Gemeindebau machen, da braucht man schon Leute, die Geld haben. Nee, wir gehen dahin, wo Gott uns hinführt. Und wenn wir da sind, dann geben wir alles, weil die eine Seele es wert ist, gerettet zu werden, weil da ein verlorener Mensch ist, für den Jesus am Kreuz gestorben ist.
Der erste Punkt. Ein zweiter Punkt, der mich persönlich herausfordert und den ich euch dann nachher auch noch mal mitgeben werde: Jesus hat Mitleid mit den Verlorenen. Jesus sieht, wie es ihnen geht. Ganz spannender Punkt. Da heißt es in Matthäus 9,36, und die Sprache ist uns fremd, aber wir verstehen, glaube ich, sofort, worum es geht: Als er aber die Volksmengen sah, Jesus steht da, er sieht die Volksmengen, alles Juden, wurde er innerlich bewegt über sie. Er sieht sie, aber er schaut dahinter. Er wird innerlich bewegt, weil sie erschöpft und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Ich finde das so spannend. Jesus schaut hinter die Fassade, er sieht die Menschen, und er sieht sie mit ihrer ungestillten Sehnsucht nach Leben, nach Ruhe, nach Frieden, nach guten Beziehungen, nach Vergebung. Und er sieht, wie sie sich abmühen. Ohne einen Hirten, ohne jemanden, der ihnen vorangeht und sagt, wo der Weg ist, ohne diesen Hirten den Weg zu finden, wie sie sich verirren, wie sie immer neue Heilswege ausprobieren: Karriere, Sport, Gesundheit, Urlaub, Yoga oder, vor kurzem stand ich in so einem Kreis, wo dann jemand meinte, dann habe ich schnell mal drüber gependelt. Man denkt auch: Wie grob es passt, schnell mal ein bisschen okkult. Aber das ist es, was auch immer Menschen probieren und probieren und probieren und kommen nicht an.
Und weil Jesus das sieht, wie Menschen sich immer weiter verrennen, immer neuen Ideen nachjagen, die sich dann nach zwei, drei, fünf Jahren wieder als Sackgasse herausstellen, weil er die Menschen sieht und ihre Not, deswegen ist er innerlich bewegt. Also die Verlorenheit der Menschen fängt nicht am Tag des jüngsten Gerichts an, sondern sie fängt heute schon an, sie ist heute schon greifbar.
Ich war vor kurzem beim Hautarzt und ich hatte Glück, ich musste nur fünf Minuten warten. Und die fünf Minuten habe ich mir genommen, eine Gala durchzublättern. Ich habe die ersten zehn Seiten vielleicht geblättert und auf den zehn Seiten mindestens so viele Trennungen, Scheidungen, zerbrochene Beziehungen gesehen. Ich dachte mir, ich habe mich echt gefragt: Was wird hier berichtet? Gibt es auch irgendwo mal jemanden, der einen findet?
Verlorene Menschen erleben Verlorenheit in ihren Beziehungen. Und Jesus sieht das, und er lässt sich nicht blenden, er lässt sich innerlich bewegen davon. Er weiß, Jesus weiß sogar, dass die, die Erfolg haben, also wo man sagt, denen geht es doch gut, dass die eigentlich ganz besonders schlimm dran sind. Weil stell dir mal vor, du denkst ein Leben lang, du gehörst zu den Siegern, und dann im Augenblick des Todes, wo es schlimmer nicht sein könnte, wo du denkst: Boah, und jetzt gibt es noch vielleicht richtig, ja, du stirbst mit dem Gedanken, da kommt ein großes Licht, und ich hatte schon fette Jahre hinter mir, und jetzt vielleicht kommen noch mal fette Jahre, und dann kommst du da an und du stellst fest: Boah, ich habe ein Leben lang gedacht, das Richtige zu tun. Ich habe ein Leben lang die Gedanken gelebt, die mir wichtig waren, und mit einem Mal steht Gott vor dir und sagt: Du bist verloren, ich kenne dich nicht. Weg mit dir!
Wie grausam ist das! Und Jesus sieht das, und er hat Mitleid mit den Menschen. Und wo er sein Leben durch uns hindurch lebt, da glaube ich, dass etwas von diesem Mitleid sich in unserem Leben wiederfindet. Wenn Jesus sein Leben durch mich hindurch lebt, dann findet sich nicht nur die Offenheit, mit jedem über das Evangelium zu reden, sondern auch Mitgefühl mit den Menschen, die verlorengehen.
Und dabei ist Jesus total emotional bei seinem Einzug in Jerusalem. Das ist also die letzte Lebenswoche, das ist kurz vor der Kreuzigung, Einzug in Jerusalem. Und ihr müsst euch vorstellen, er reitet auf einem Esel nach Jerusalem, und die Leute sind absolut begeistert, die feiern ihn ab. Aber er weiß schon, dass dieser Moment, wo sie feiern, kein Ausdruck von Glauben ist, dass er es mit Menschen zu tun hat, die verloren gehen, dass die Menschen, genau die Menschen, die jetzt noch schreien: Hosanna, gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn und der König Israels, dass die Menschen, die das jetzt schreien, ein paar Tage später schreien: Kreuzige, kreuzige ihn. Das weiß Jesus schon. Er weiß um die Oberflächlichkeit, er weiß um die Verlorenheit. Und wisst ihr, was er tut? Alle feiern, und er weint.
 Lukas 19,41: Und als er sich näherte und die Stadt sah, weinte er über sie. Und jetzt muss ich sagen: Nicht jeder heult, okay? Ich tue mir damit jetzt auch schwer. Und ich will nicht sagen, dass jeder von euch jeden Tag heulen muss über die Verlorenheit der Welt. Aber ich merke, dass Jesus da, ich meine, wenn Jesus in mir lebt, dann glaube ich, dass er mir den Blick schärft für die Verlorenheit von Menschen, dass ich da etwas von dieser tiefen Betroffenheit, die er hat, auch in mir spüre, dass in mir eine Sehnsucht danach wächst, eben nicht nur zu feiern, sondern auch mal zu trauern, nicht nur lustig zu sein, sondern auch einfach mal still zu werden, nicht nur den nächsten Eheabend zu planen, sondern die Hände zu falten, weil ich mir mehr wünsche als eine gute Zeit mit meiner lieben Frau.
Weil ich mir wünsche, dass Gott mir Begegnungen schenkt mit Menschen, denen ich zum Licht werden darf. Ich habe mir überlegt, was ich mir für 2018 wünsche. Macht ja jeder so um die Jahreswende mal ganz kurz, wenn man nicht total beschäftigt ist, neue Firmen gründet vielleicht und nicht, aber hey, was wünsche ich mir für 2018? Ich habe gemerkt, dass eine Sache mich mehr belastet als alles andere. Das ist eine Last, die schon länger auf meiner Seele liegt und die ich jetzt einfach mal zugelassen habe, mir zuzugeben. Es ist die Tatsache, dass in den letzten Jahren wenig Menschen durch mich zum Glauben gekommen sind. Und ich habe mir gesagt: Ich will das nicht mehr.
Ich habe mich gefragt, wie ich das ändern kann. Und als ich mich das fragte, ja, man geht dann so, man zottelt so durch den Wald und betet und sagt: Herr, eigentlich finde ich das nicht so gut. Ich wünsche mir Bekehrung, ich wünsche, dass Menschen zum Glauben kommen. Und als ich darüber nachdenke, fiel mir dieser Lukas 19,41 ein: Als er sich näherte und die Stadt sah, weinte er über sie. Du denkst über das Thema nach und der Vers kommt.
Und ich habe mich gefragt: Muss ich vielleicht etwas mehr, vielleicht sogar viel mehr trauern über Menschen, muss ich vielleicht die Verlorenheit von Menschen wieder mehr fühlen? Also ich habe bei mir um die Ecke einen Rewe. Wenn ich durch den Rewe bei uns gehe und die Menschen sehe, wie würde Jesus diese Menschen ansehen, was würde er bei ihrem Anblick empfinden? Wenn ich jetzt einfach mir zwei Menschen rausgreife, so die müden Augen einer Alleinerziehenden, wie würde Jesus über sie denken? Oder ich habe da diesen einen alten Afrikaner, der immer abends, wenn man so nach 22 Uhr kommt, so die Böden macht. Wie würde er ihm begegnen? Oder ich habe so einen alten Mann in der Siedlung, der mit dem gleichen alten Hund, die beiden gehen immer so ein lustiges Bild, du weißt nicht genau, wer mit wem geht. Wie wäre Jesus diesem Mann begegnet, was hätte er darüber gedacht?
Versteht mich nicht falsch, ich habe noch keine Ahnung, wie ich diesem Menschen das Evangelium predigen soll. Aber ich merke, in der Beschäftigung mit Jesus und wie er mit Verlorenen umgegangen ist, ich merke: Erstens, ich habe einen Auftrag. Zweitens, es gibt irgendwie keinen Grund, es nicht zu tun. Und drittens, irgendwie hat Jesus einfach viel mehr Mitleid als ich. Der ist da irgendwie, ja, Jesus sieht die Verlorenheit und er geht dann einfach nicht zum Tagesgeschäft über, so: Na ja, tja, die sind halt verloren, kann man auch nichts machen, du Schatz, brauchen wir noch Eier und Milch? Versteht ihr, so dieses, das passiert bei ihm nicht, so ist Jesus nicht. Er wird innerlich bewegt, er weint.
Und seine Tränen machen mich nachdenklich. Genau genommen machen sie mich ein bisschen wütend auf mich selbst, und zwar auf meine Unfähigkeit, klüger und effektiver und bereitwilliger das Evangelium zu predigen. Sie machen mich ein bisschen wütend auf meine Angst vor dem, was Menschen von mir denken könnten, wenn sie wüssten, dass ich sie für verloren halte, auf meine Feigheit, klar zu sagen, was Sache ist, obwohl das Evangelium eigentlich eindeutig ist.
Das Evangelium ist nicht so kompliziert. Das Evangelium ist relativ einfach: Du verloren, ich gerettet. Du ohne Gott, ich mit Gott. Möchtest du wissen, wie du auch mit Gott unterwegs sein kannst? Es ist ja wirklich nicht kompliziert. Und wenn wir gläubig sind, haben wir das alles erlebt und können davon erzählen, wie wunderbar es ist, mit Gott zu leben, was das heißt, Vergebung seiner Schuld zu haben, was das heißt, eine Hoffnung zu haben, was das heißt, erleben, dass der eigene Charakter Stück für Stück verändert wird, dass Sünde aus dem Leben rausfliegt, dass man eine Klarheit ins Leben hineinbekommt, auch einen realistischen Blick aufs Leben, dass das Wort Gottes einen durch und durch prägt.
Dann ist es eigentlich so einfach, am Ende dieser Predigt irgendwie nur zeugnishaft so weiterzugeben: Ich wünsche mir, mehr wie Jesus zu sein. 2018 ist irgendwie ein gutes Jahr, um über Menschen zu weinen und ihnen mit neuer Leidenschaft davon zu erzählen, dass einer gekommen ist, um sie, und zwar genau sie, zu retten.
An was ich mir wünsche für uns, und mehr kann ich auch nicht sagen: Ich möchte nicht sagen, nehmt euch das Gleiche vor. Vielleicht lasst noch mal diesen Blick zu auf einen Retter, der weint. Und wenn du das nächste Mal mit deinen Nachbarn und mit deinen Arbeitskollegen oder mit was weiß ich wem, ja, mit deinen Schulfreunden oder mit deinen Studiekollegen zusammen bist und du wirfst einen Blick auf sie, die Frage: Spüre ich etwas von dem Mitleid, das Jesus hatte? Und könnte mich dieses Mitleid motivieren, den Mund aufzumachen, vielleicht nicht zu trauen, etwas zu sagen, auch auf die Gefahr hin, dass der andere sagt: Was für ein Depp bist du denn? Das kann passieren. Genau. Möge Gott uns Gnade dazu geben. Amen.

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