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Episode 674: Die Salbung in Betanien, Teil 2.
Einführung und Kontext der Salbung in Betanien
In der letzten Episode habe ich darauf hingewiesen, dass die Salbung in Betanien als Ereignis bei Matthäus und Markus anders im Ablauf der Ereignisse dargestellt und verwendet wird als bei Johannes. Deshalb werde ich jetzt zunächst die Salbung nach dem Text im Johannesevangelium erklären. Später folgt dann die Darstellung der Salbung aus der Sicht von Matthäus und Markus.
Johannes 12,1: Jesus kam nun sechs Tage vor dem Passah nach Bethanien, wo Lazarus war, den Jesus aus den Toten auferweckt hatte.
Wenn man davon ausgeht, dass das Passah am Donnerstagabend der Folgewoche beginnt – also an dem Tag, an dem Jesus mit seinen Jüngern das Passahmahl feiert – dann wäre Jesus am Freitagabend oder im Verlauf des Samstags in Bethanien eingetroffen. Bethanien liegt ganz in der Nähe von Jerusalem. Dort lebte auch Lazarus mit seinen Schwestern Martha und Maria.
Damit wir genau wissen, welchen Lazarus Johannes meint, wird noch hinzugefügt: Lazarus, den Jesus aus den Toten auferweckt hatte. Wenn wir weiterlesen, stellen wir fest, dass Jesus in der Folgewoche noch öfter in Bethanien übernachtet hat. Der Ort scheint für die Passahwoche sein abendlicher Rückzugsort zu sein. Dort wird nun zu Ehren Jesu eine Feier veranstaltet.
Die Feier zu Ehren Jesu und ihre Teilnehmer
Johannes 12,2: Sie machten ihm dort ein Abendessen, und Martha diente. Lazarus aber war einer der Gäste, die mit ihm zu Tisch lagen.
Das Wort „Abendessen“ darf uns nicht verwirren. Es beschreibt einfach die Hauptmahlzeit des Tages. Diese wurde meistens am Abend eingenommen, doch an einem Feiertag konnten die Feierlichkeiten natürlich schon viel früher beginnen.
Es war daher nicht unüblich, dass das Abendessen am Sabbat bereits mittags begann und sich bis in die Nacht hinzog. Es ging ja nicht nur um die Nahrungsaufnahme, sondern auch darum, zu feiern.
Wie wir später sehen werden, findet das Abendessen selbst nicht bei Maria, Martha und Lazarus zu Hause statt, sondern im Haus Simons des Aussätzigen. Lazarus ist dabei einer der Gäste. Er liegt mit den anderen Gästen zu Tisch, während Martha, wenn man so will, die Bedienung war.
Einmal mehr ist Martha für das Praktische zuständig, während Maria eine andere, man könnte sagen geistlichere Position einnimmt.
Marias Salbung Jesu und ihre Bedeutung
Johannes 12,3: Dann nahm Maria ein Pfund Salböl von echter, sehr kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu. Anschließend trocknete sie seine Füße mit ihren Haaren. Das Haus aber wurde vom Geruch des Salböls erfüllt.
Ein Pfund Salböl – wie viel ist das eigentlich? Ein Pfund, wörtlich Litra, entspricht etwa 330 Gramm. Es handelt sich also wirklich um eine große Menge der sehr kostbaren Narde.
Was ist Narde? Narde ist ein hochwertiges, stark duftendes Salböl, das aus der Wurzel der Pflanze Nardostachys jatamansi gewonnen wird. Diese Pflanze wächst in Nordindien und Nepal. Es handelt sich hier also um reines Parfümöl, einen importierten Luxusartikel – eben echte, sehr kostbare Narde.
Was macht Maria damit? Nun, das wird ein wenig ungewöhnlich. Sie salbt damit die Füße Jesu. Das ist nicht alltäglich, denn normalerweise salbte man das Haupt mit Öl und wusch die Füße mit Wasser. Maria hingegen handelt ähnlich wie die Sünderin, die wir bereits in Lukas 7 kennen. Sie salbt Jesu Füße und trocknet sie mit ihren Haaren.
Worum geht es hier? Da ist jemand, der von Jesus begeistert ist. Begeisterung zeigt sich in Opferbereitschaft. Eine Frau investiert einen Schatz, um Jesus die Füße zu salben. Danach trocknet sie seine Füße mit ihren Haaren.
Ehrlich gesagt wissen wir nicht genau, wie das gemeint ist. Salböl ist, wie der Name sagt, ein Öl. Es trocknet nicht, sondern zieht in die Haut ein. Maria wird mit ihren Haaren also eher den Überschuss des Salböls abgewischt haben.
Trotzdem bleibt das, was sie tut, ein Bild von atemberaubender Verrücktheit. Sie gibt ein Vermögen aus, um Jesus die Füße zu salben, und dann wischt sie wie eine Dienerin seine Füße mit ihren Haaren ab. Wie könnte man noch eindrücklicher absolute Hingabe, tiefe Demut und Anbetung zeigen?
Das Haus wurde vom Geruch des Salböls erfüllt. Jeder nahm wahr, was sie getan hatte. Jeder musste sich fragen: Woher kommt der Geruch nach Narde? Wie kann es sein, dass das ganze Haus danach riecht?
Judas’ Einwand und die wahre Motivation dahinter
Und natürlich bleibt der Widerspruch nicht aus. Johannes 12,4-5 sagt: Judas Iskariot, einer von seinen Jüngern, der ihn überliefern sollte, fragte: „Warum ist dieses Salböl nicht für dreihundert Denare verkauft und der Erlös den Armen gegeben worden?“
Maria und Judas sind hier im Text Gegenspieler: eine dient Jesus, der andere dient sich selbst. Eine gibt, der andere nimmt. Die eine möchte Jesus ehren und sich selbst verlieren, der andere benutzt Jesus nur, weil für ihn Religion zunächst eine Möglichkeit ist, Gewinn zu machen.
Die Motivation von Judas ist noch nicht ganz klar, aber Johannes macht unmissverständlich deutlich, mit wem wir es hier zu tun haben: Einer von seinen Jüngern, der ihn überliefern sollte. Das ist der Verräter. Deshalb ist sein sozialer Aktivismus auch nur Heuchelei.
„Warum ist dieses Salböl nicht für dreihundert Denare verkauft und der Erlös den Armen gegeben worden?“ Tja, das klingt gut, ist aber nicht ehrlich.
Judas’ wahres Wesen und die Warnung vor Heuchelei
Johannes 12,6 sagt: Er sprach dies aber nicht, weil er sich um die Armen sorgte, sondern weil er ein Dieb war. Er hatte die Kasse und nahm von dem, was eingelegt wurde, etwas für sich weg.
Dreihundert Denare waren damals eine große Summe, ungefähr das Jahresgehalt eines Tagelöhners. Natürlich hat Judas in gewisser Weise Recht. Hier liegt im wahrsten Sinne des Wortes ein Geruch von Verschwendung, Unvernunft und überbordender weiblicher Emotionalität in der Luft.
Wer einfach mal bestes Parfum im Wert von dreißigtausend Euro benutzt, um Füße zu salben, der muss sich die Frage gefallen lassen: Hättest du nichts Besseres damit anstellen können? Die Frage an sich ist in Ordnung, doch die Motivation dahinter nicht.
Judas hatte kein Herz für die Armen. Er war ein Dieb, verwaltete die Kasse und nahm von den Spenden für sich. Wir sollten darauf achten, dass es uns überall dort, wo wir uns sozial engagieren, wirklich um die Menschen geht – und nicht um uns selbst.
Wie leicht können Habsucht, Selbstdarstellung, das Helfer-Syndrom oder ein unheiliges Bedürfnis nach Kontrolle unser soziales Handeln vergiften. Judas’ Einwand klingt vernünftig, doch sein Herz war korrupt. Die Erzählung warnt uns davor.
Auch sozial-ethische Argumente können nur vorgeschoben sein. Entscheidend ist nicht der Nutzen für andere, sondern die Hingabe an Christus.
Abschluss und persönlicher Impuls
Was könntest du jetzt tun? Frage dich, ob du den Armen hilfst und wenn ja, warum du das tust.
Das war es für heute. Mein Tipp an die Jüngeren: Lernt Englisch, es lohnt sich.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
