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Ergriffen, aber gefühlt noch nicht bereit

EventTeil 1 / 6Missiotreff 2026

Einführung und Thema des Abends

Im Psalm 37 heißt es: Befiehl dem Herrn deine Wege und vertrau auf ihn, er wird es wohl machen. In der Schlachter‑Bibel steht ebenso, er wird es vollbringen. Und das möchte ich auch über mein Leben stellen.
Mein Name ist Martin. Ich möchte mich bei denjenigen bedanken, die mich eingeladen haben, dass ein etwas älteres Semester hier sprechen darf. Ich möchte davon berichten, wie Gott mich ergriffen hat. Das war schon vor 48 Jahren. Damals war ich 16. Tatsächlich waren zwei, drei, vier Anwesende in diesem Alter.
In diesem Alter ereignete sich das in meinem Leben. Ich bin der einzige Sohn und sollte als Winzer ein Weingut übernehmen. Ich habe noch eine Schwester; sie konnte sich nicht vorstellen, Winzerin zu werden. Also schien alles fest geplant.
Ich machte die Ausbildung als Winzer. Meine Eltern und ich hofften, dass ich den Hof übernehmen würde. Heute stehe ich hier und lobe Gott, dass er es ganz anders geführt hat. Davon möchte ich einiges sagen — und zwar über das Ergriffenwerden, aber gefühlt noch nicht bereit zu sein.
Das ist auch das Thema dieses Abends. In der Heiligen Schrift kennt man viele biblische Personen, die ergriffen wurden und dann doch gezögert haben. Da ist Mose, der sagt, er könne nicht reden. Gideon bittet um mehr Zeichen und denkt an das Vlies. Jeremia meint, er sei zu jung. Ananias bringt vor, dass Saulus ein Verfolger ist. Und Jona läuft weg, wird aber später wieder eingefangen.
Gott hat Erfahrung mit Menschen, die nicht gleich hören oder die schon etwas gehört haben, sich aber noch nicht bereit fühlten, zu gehen. Ich dachte mir, die Geschichten aus der Heiligen Schrift kennt man, daher werde ich etwas aus meinem eigenen Leben berichten. Das hat zwei Vorteile: Erstens sieht man, dass ich aus Fleisch und Blut bin, und man kann mich später fragen, wie es damals in meinem Leben war, als Gott mich anrief. Zum anderen kann ich jetzt rückblickend schildern, wie das war, und damit in diese Sache hineinnehmen.

Erste Begegnung mit lebendigem Glauben

Ihr seht, wo ich aufgewachsen bin: in Rheinland-Pfalz, und zwar im schönen Ort Dalsheim. Es gab sogar eine Verteidigungsmauer, die Fleckenmauer; die gibt es noch heute.
Damals, als ich ein junger Hüpfer war, war ich ein bisschen gelockt und blond. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Und das ist das Weingut, das ich einmal übernehmen sollte. Das war auch mein Ziel.
Doch damals hatte ich — und jetzt kommen ein paar Symbolbilder — kein klares Bild von mir. Ich war in einer Krise mit 15, 16 Jahren. Die Ursache war: Ich hatte etliche Freundschaften hinter mir und dachte: „Martin, du kannst nicht treu sein.“ In diesem Bereich war ich nicht gut unterwegs, und das belastete mich immer wieder sehr.
Trotzdem ging ich damals noch in die Kirche. Gott war für mich ein Thema, aber ich hatte keine persönliche Verbindung zu ihm; es war eher eine leere Tradition. Meine Eltern gingen in die Kirche, und ich ging mit, auch nach meiner Konfirmation. Meistens ist es ja so: Nach der Konfirmation bleiben die meisten nicht mehr in der Kirche. Ich aber blieb.
Eines Tages war ein Jugendchor in der Kirche. Ich wusste gar nicht, woher sie kamen. Ich saß auf der Empore, sah die Gesichter der Leute und dachte: Die meinen es echt ernst. Sie glauben das, was sie singen.
Ich selbst war damals auch im Kirchenchor. Bei uns hieß es immer: macht fröhliche Gesichter, ihr habt ja eine gute Botschaft — so war das bei uns. Bei denen jedoch spürte man sofort etwas anderes. Sie sangen von Jesus, und das berührte mein Herz.
Und da war ich zum allerersten Mal, wenn ich zurückblicke, ergriffen von Gott. Ich nahm wahr: Da war etwas anders als das, was ich vorher so unter „Christ sein“ verstanden hatte.

Einladung, Zweifel und die Entscheidung

Und ich habe da nach dem Gottesdienst so Kontakt mit den Leuten gesucht. Ich habe gesagt: Ja, schön habt ihr gesungen, und was macht ihr denn so, woher kommt ihr denn? Die haben gesagt: Ja, wir sind in Alzey, da in einer Stadtmission. Wir haben jetzt mal da gesungen, und dann hatten die mich eingeladen zu einem Jugendkongress, ja, da in Alzey.
Da war so eine kleine Hürde, wo ich dachte: Geh ich hin oder nicht? Ich weiß nicht, ob ich da hingehen soll. Vielleicht ist auch jemand hier, der vielleicht auch sagt: Ja, ich weiß nicht, ob ich hier zum Missionstreff gehen soll. Jetzt bin ich abgeschleppt worden. Ich wurde damals auch abgeschleppt. Also einer aus meinem Dorf, der hat ein Auto gehabt, der war ein bisschen älter als ich, und er hat mich dann eben abgeholt.
Als ich auf dem Jugendtag war, hatte ich irgendwie so eine andere Atmosphäre erlebt, als ich es sonst erlebt hatte. Ich war oft in Diskotheken gewesen. Da war es eben ein bisschen lauter und ein bisschen schwungvoller. Diese Atmosphäre, die ich da gesehen habe oder miterlebt habe, kannte ich so nicht. Es waren auch ungefähr zweihundert Leute, so ähnlich wie hier auch. Die sind irgendwie mit Respekt, mit Wertschätzung miteinander umgegangen. Das ist mir also aufgefallen.
Was mir auch aufgefallen ist: Die haben ja von Gott selbstverständlich geredet. Das hatte ich vorher gar nicht so mitbekommen. In Diskotheken oder so hat man dann nicht so darüber gesprochen. Als ich diese Leute so beobachtet habe, kam dann ein junger Mann auf mich zu. Er war ein Bekannter dessen, der mich da hingefahren hat. Er hat mich gefragt, ob ich mich bekehrt hätte.
„Ich weiß nicht, was das ist“, habe ich gemeint. Er hatte keine Ahnung. Ich habe ihm dann gesagt, dass ich getauft bin und dass ich immer wieder in die Kirche gehe und dass ich auch an Gott glaube, dass ich sogar im Kirchenchor mitsinge. Das müsste doch irgendwie bei Gott zählen, oder? Nein, er hat gefragt: „Ja, wie ist das mit deiner Bekehrung, ob du dich bekehrt hättest?“ Und dann war mir das doch irgendwie sehr seltsam. Ich habe gefragt: „Ja, ich weiß gar nicht, was du da meinst.“
Er sagte mir dann, ob ich ein Leben führe mit Jesus im Mittelpunkt, ob ich Jesus in mein Leben aufgenommen hätte. Das konnte ich damals gar nicht sagen. Ich glaubte zwar an Jesus, aber dass ich ihn bewusst in mein Leben aufgenommen habe, habe ich abgestritten. Ich habe gesagt, das kenne ich nicht, davon hat meine Kirche mir gar nichts gesagt. Ich habe dann gefragt, wie das denn da geht.
Darauf erklärte er mir, dass man dies durch ein ehrliches Gebet zum Ausdruck bringt. Es ist wie ein Versprechen, so wie Heiraten. Ist jemand von euch verheiratet? Ja, es sind ein paar da. Ja genau, wunderbar. Ihr wisst auch: Man sagt einfach ein Ja zu dem Partner, und mit dem will ich immer zusammen sein. So ähnlich hat er mir das gesagt. So ist es auch bei der Bekehrung.
Dann fragte er mutig: „Willst du dich heute bekehren, jetzt?“ Na ja. Da erlebte ich es wieder: Irgendwie wusste ich, dass Gott mich meint, und auf der anderen Seite zuckte es dann auch in meinem Leben ein bisschen zurück. Mir war klar, dass es sich hier nicht einfach um eine nette Unterhaltung handelt, sondern es geht tatsächlich um eine Entscheidung.
Dann hörte ich mich fragen, wie das denn geht. Wie bekehre ich mich? Obwohl ich seit Kindheit an in die Kirche ging, wusste ich nicht, wie das geht. Was ist das so, wie mache ich das? Das war für mich auf der einen Seite sehr neugierig, und auf der anderen Seite war ich auch irgendwo ratlos. Im Nachhinein sehe ich, dass es für mich Gottes Führung war, dass er mich mit diesem jungen Mann zusammengebracht hat.
Er sagte dann: „Na ja, soll ich dir helfen?“ Er wollte mit mir beten und mir das so leicht wie möglich machen, indem er so betet, als ob er sich bekehrt. Und wenn ich das ehrlich meine, soll ich das auch tun. Dann hörte ich ihn sagen: „Herr Jesus, bitte vergib mir meine ganzen Sünden, meine ganze Schuld.“ Und ich — ja, das möchte ich. Ich habe nachgebetet.
„Ich bitte dich, komm in mein Leben, übernimm die Führung.“ Jawohl, möchte ich das? Ja, ich will das. Übernimm die Führung meines Lebens, und so soll es sein. Amen.
Danach erlebte ich keine besonderen Anzeichen von überwältigender Freude, die ich später von anderen miterlebt habe oder sie mir erzählt haben. Manche sagen, ich habe eine große Sündenlast von meinem Herzen genommen bekommen und so weiter. Das habe ich alles nicht erlebt. Aber irgendwie habe ich gedacht: Martin, das war nicht verkehrt, das war schon okay. Ich hatte dann auch so die Atmosphäre genossen.
Abends ging ich nach Hause und legte mich später ins Bett. Dann hatte ich einen starken Wunsch, noch mal das Ganze im Gebet Gott zu sagen. Und dann wusste ich: Ich bin nach Hause gekommen. Ja, Jesus soll mein Herr sein. Er soll mich führen.

Treue, Ehe und eine neue Sehnsucht

Nun lebte ich weiter. Das sind jetzt echte Bilder aus dem Leben als Sohn einer Winzerfamilie. Meine Eltern merkten, dass ich ein bisschen religiöser geworden war. Einen Verdacht, dass es einmal ganz anders weitergehen würde, schöpften sie aber noch nicht.
Ich begann, in der Bibel zu lesen und zu beten, ging in einen Jugendkreis und wurde ein ganz fleißiger Kirchgänger. Ich war ja evangelisch. Mit anderen wiedergeborenen Christen übernahm ich die Jugendarbeit in Dalsheim. Der Pfarrer freute sich über die evangelische Jugend. Wir trafen uns und sagten: Wir werden jetzt zusammen die Bibel lesen. Etliche Jugendliche wollten das nicht und gingen. Andere jedoch wurden bekehrt.
Der Gedanke an Mädchen ließ mich damals als gesunden Mann aber natürlich nicht los. Angesichts meiner etwas wüsten Vergangenheit hatte ich Gott ein Versprechen gegeben: Meine nächste Freundin sollte auch meine Frau werden. So wie vorher wollte ich nicht mehr leben.
Durch verschiedene Umstände lernte ich dann eine junge Frau kennen. Ich konnte beobachten, wie sie Christin wurde, und sie wurde meine Freundin. Man sieht sie hier, wie sie damals mit mir im Weinberg war. Wie diese Freundschaft genau zustande kam, wäre noch eine eigene Geschichte. Wir sind mittlerweile seit zweiundvierzig Jahren verheiratet. Danke, liebe Kirsten, dass du mich so lange begleitet hast, durch alle Wirrungen hindurch.
Was war aber das Nächste, wo Gott nach mir griff? Es war ein Kellererlebnis. Der Herbst war gerade vorbei und mein neunzehnter Geburtstag lag ebenfalls hinter mir. Ich stand im Keller und pumpte Wein von einem Fass in das andere. Für mich hieß das: Schläuche beobachten, schauen, dass nichts tropft, darauf achten, dass kein Schlauch aus dem Loch fliegt und der ganze Saft irgendwohin spritzt. Ich musste also immer wieder genau hinsehen.
Als ich so da stand, kam mir der Gedanke: Wein erzeugen ist eine gute Sache, aber einen Menschen zu Jesus führen ist mehr als alles. Die Arbeit machte mir grundsätzlich Freude. Plötzlich aber stellte sich Sehnsucht ein, Menschen zu Jesus zu führen.
War dieser Gedanke nur flüchtig, wie ein Vogel, der vorbeifliegt, oder setzte er sich fest? Er setzte sich fest. Ich dachte: Ich kann das als Winzer doch auch tun. Es gibt Berufskollegen, die Christen und Winzer sind. Doch in mir wuchs die Gewissheit: Ich soll meinen Beruf aufgeben, in die Bibelschule gehen und den Rest meines Lebens der Rettung der Menschen widmen. Das wurde immer deutlicher.
Weil dieser Gedanke nicht verschwand, wusste ich: Gott hat mich irgendwie da am Schlawitschen gepackt. Alles um mich herum sprach dagegen. Ich konnte meinen Eltern nicht sagen, was in meinem Herzen los war. Der Schock wäre zu groß gewesen.
Im Frühjahr, als wir gerade einen jungen Weinberg gepflanzt hatten, hielt ich es nicht mehr aus. Ich fragte meinen Vater, ob ich in eine Bibelschule gehen dürfe, um Prediger oder Pastor zu werden. Es kam, wie ich es befürchtet hatte: Bei ihm fiel alles zusammen. Er konnte mich überhaupt nicht verstehen. Er fragte: Wolltest du nicht selbst Winzer werden? Ja, natürlich. Ich hatte mich in diese Arbeit investiert und zusammen mit meinem Vater Pläne für die Zukunft gemacht. Für meinen Vater und auch für meine Mutter stürzte damit eine Welt zusammen. Ich wusste, sie hatten Recht. Ich brach daraufhin auch ab.
Am Abend warf ich mich aufs Bett und weinte. Ich sagte zu Gott: Ich kann nicht gehen, mein Leben wird so weiterlaufen. So war es nun: Ich war bereit, aber die Umstände waren einfach nicht da. Innerlich wurde ich nicht wirklich froh.
Einmal stand ich in der Küche, schaute aus dem Fenster und fühlte mich wie ein Vogel in einem goldenen Käfig. Meine Eltern waren immer gut zu mir; es lag nicht an ihnen. Ich konnte ihren Schmerz gut nachempfinden. Deshalb bat ich Gott, mir, wenn er es wolle, irgendwann später noch einmal eine zweite Chance zu geben.
Kirsten und ich waren frisch verheiratet. In dieser Zeit wollte meine Schwester in eine Bibelschule gehen. Das gefiel meinen Eltern damals allerdings nicht. Sie meinten, sie solle erst in ihrem Beruf Erfahrungen sammeln, und später könne sie immer noch in eine Bibelschule gehen. Ich sagte, ich wolle sie unterstützen.
Daraufhin fragte mein Vater, nicht besonders freundlich, warum ich nicht schon früher Wanderprediger geworden sei. Ich war aufgeregt und bat darum, mir das noch einmal überlegen zu dürfen. Das Gespräch war dann beendet.
Kirsten und ich gingen kurz darauf auf ein Ehewochenende, bei dem ich viel lernen konnte. Als wir zurückkamen, suchte mein Vater das Gespräch und fragte, ob ich noch immer vorhabe, in eine Bibelschule zu gehen. Ich sagte Ja. Er versicherte uns, dass er uns immer unterstützen würde. Und so haben er und auch meine Mutter mich bis zu ihrem Tod unterstützt.
Die Zeit zwischen dem Ruf Gottes im Keller und dem Eintritt in die Bibelschule dauerte fünf Jahre. Ich war nun frei, mit meiner kleinen Familie den neuen Weg zu gehen. Meine Eltern fuhren meine Frau, unser noch ungeborenes Töchterlein und mich ins Ruhrgebiet. Dort konnten wir in Solingen in einer Stadtmission als Hausmeister wohnen. Von dort aus ging ich ins Bibelseminar Wuppertal. Meine Eltern brachten mich dorthin.
Es war kurz vor dem ersten Oktober, noch im Herbst. Die Verabschiedung war sehr emotional. Plötzlich überfiel mich die Angst: Was, wenn ich mir das alles nur einbilde? Bin ich wirklich bereit, diesen Schritt zu gehen? Meine Eltern waren weg. Ich lief auf dem Gelände der Bibelschule umher, wie ein Tiger im Käfig, und suchte ein kleines Plätzchen. Ich wollte noch einmal mit Gott alles besprechen.
Es war, als stünde ich auf einem zehn Meter hohen Sprungturm und wüsste: Wenn ich jetzt springe, kann ich während des Falls nicht mehr zurück. Das geht nicht mehr. Du gehst, das Wasser ist dir sicher. So fühlte es sich an. Ich wusste: Wenn ich jetzt bleibe, wenn meine Eltern die Maschinen verkaufen und das Land verpachten, dann ist es unmöglich, wieder zurückzugehen.
Ich fand tatsächlich ein leeres Zimmer und betete so gut ich konnte. Dann fragte ich mich: Wie soll Gott mir den Weg zeigen? In meiner Not schlug ich einfach die Bibel auf. Das ist nicht mein sonstiger Brauch, das mache ich nicht jeden Tag so. Aber ich wusste es in dem Moment nicht anders.
Beim ersten Aufschlagen las ich: Hosea 6,1. Dort steht: "Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns geschlagen, und er wird uns auch verbinden." Genau das habe ich direkt gefühlt. Ein Riss ging durch unsere Familie, durch unsere gemeinsamen Pläne. Ich sah auch, dass gerade meine Eltern diesen Schmerz hatten.
So ging ich dennoch diesen Weg und hoffte, dass die Verheißung, die ich in diesem Vers gelesen hatte — obwohl sie ja ursprünglich für Israel geschrieben ist — auch mir und meiner Familie gelten möge. Meine Eltern sind heute beide verstorben. Damals würde ich sagen, sie waren gottesfürchtig, aber noch keine wiedergeborenen Christen.
Ich hatte meinem Vater viel von Jesus erzählt, doch manchmal hören Eltern nicht so auf ihre Kinder. Am Ende des Lebens meines Vaters war jedoch ein Missionsehepaar im elterlichen Haus. Meine Schwester mit ihrer Familie hatte das Haus übernommen, und die Missionare konnten meinen Vater zum Herrn Jesus führen. Auch meine Schwester, die wiedergeboren ist, konnte meine Mutter begleiten und ihr den Weg zu Jesus zeigen. Beide Eltern durfte ich dann bei der Beerdigung mit einer Predigt verabschieden.
Obwohl ich aus der Kirche ausgetreten war, erlaubte der Pfarrer mir, bei der Beerdigung von Papa und Mama die Predigt zu halten. Es waren viele Leute aus dem Dorf da, die sich fragten: Was sagt wohl der Martin? Ich konnte ihnen zeigen, wie sehr ich meine Eltern schätzte, wie wir miteinander gelebt hatten und wie gut es ist, sein Leben dem einen Jesus anzuvertrauen. Er ist der Weg zum Himmel.
Damals war das alles ein Schritt des Glaubens. Heute, im Rückblick, preise ich Gott für diesen Weg.

Sprachliche Hürden, Scheitern und neue Erkenntnisse

Als ich 1985 in die Bibelschule ging, konnte ich noch kein Hochdeutsch. Die Menschen haben mich oft nicht gut verstanden. Das hing damit zusammen, dass es im Dorf so war: Wer Hochdeutsch versuchte zu reden, der habe die Nase zu weit oben. Bei uns sprach man Plattdeutsch.
Als ich dann in Solingen und Wuppertal war, musste ich Hochdeutsch können. Und ich konnte es nicht. Den Höhepunkt, den ich damals mit meiner völlig anderen Sprache erlebte, erlebte ich gleich nach dem Eintritt in die Bibelschule.
Ich sollte mit einem Dreierteam eine Stadtmission besuchen. Derjenige, der im dritten Jahr war, sollte die Predigt halten, und ich, der gerade ins erste Jahr kam, sollte etwas darüber berichten, wie ich zum Glauben gekommen bin. Dort angekommen, stellte ich fest, dass sie ein großes Fest hatten. Es waren viele Leute da; es musste ein Jubiläum gewesen sein. Der Saal war brechend voll. Ich stand auf der Bühne, so wie jetzt auch hier, und begann meine ersten Sätze. Dann riss der Faden ab und ich konnte nicht mehr weiterreden. Für mich war das auf einmal so peinlich.
Auch die Zuhörer in den ersten Reihen riefen mir leise Worte zu, wie sie dann denken, wie der Satz weitergeht. Die Leute vor mir waren irgendwie verzweifelt. Irgendwie kam ich dann doch von der Bühne. Später stand ich wieder hier, dennoch war ich sehr, sehr entmutigt. Ich dachte: Was soll das? Ich bin noch nicht einmal in der Lage, eine normale Rede zu halten. Und soll Gott mich als Prediger oder als Pastor gebrauchen?
Ich stand davor, wieder alles aufzugeben. Ich wusste aber um den Ruf Gottes, fühlte mich trotzdem nicht bereit, weiterzugehen. Im Gespräch mit Kirsten und durch das Nachdenken darüber, wie Gott bisher gehandelt hat, ging ich weiter. Es ist einfach gut, wenn man eine treue Frau an seiner Seite hat. Es ist schön, wenn der Partner zu einem steht und man in vielen Dingen noch einmal miteinander sprechen kann.
In dieser Zeit lernten Kirsten und ich ein Ehepaar von Jehovas Zeugen kennen. Den Mann traf ich mit einem Jungen in der Fußgängerzone in Solingen. Ich sprach ihn an und dachte, na ja, ich gehe in die Bibelschule und dann kann ich vielleicht auch einmal mit diesen Leuten sprechen. Er lud mich, meine Frau und dann auch unser neugeborenes Kind in seine Familie ein. Dabei stellte sich heraus, dass sie vorher in einer Freikirche waren.
Das war für mich unvorstellbar, und da war es wieder so ein Stich in mein Herz. Ich hatte damals den starken Wunsch verspürt, den Zeugen Jehovas das Evangelium zu sagen. Die Freundschaft mit diesem Ehepaar hielt so lange, bis Kirsten und ich wegziehen mussten. Leider haben sie sich nicht bekehrt.
Ich wollte damals als Bibelschüler ein Praktikum bei Erich Brünning machen. Er hatte auch ein Buch geschrieben und war ein ehemaliger Zeuge Jehovas. Er hatte ein kleines Missionswerk gegründet, das Exodus hieß. Leider wurde mir abgesagt. Man sagte, sie wüssten gar nicht, was sie mit mir anfangen sollten; das Werk sei viel zu klein. Man meinte, ich könnte zwar mitarbeiten, aber sie wüssten nicht, was sie mit mir machen sollten. Na gut, dann habe ich das aufgegeben. Im Herzen aber blieb die Liebe zu diesen Menschen.
In der Bibelschule hatte ich viel Zeit, über vieles nachzudenken. Ich kam aus der evangelischen Kirche, und dann stellte sich die Frage, was wir nach der Bibelschulzeit tun sollten. Meine kleine Familie und ich: Soll ich in der Kirche bleiben? Wie ist es mit der Taufe? Ich wusste, wenn diese Fragen nicht vorher geklärt sind, kann ich das in einer evangelischen Landeskirchengemeinde später nicht mehr thematisieren; das muss vorher erledigt sein.
Wenn ich mich taufen lasse und aus der Kirche austrete, wird das Stellenangebot sehr rasch schrumpfen. Ich wäre wahrscheinlich nicht mehr gut zu vermitteln. Nach Gebet und viel Studium von Gottes Wort entschieden meine Frau und ich dann doch: Wir treten aus der Kirche aus und lassen uns taufen, egal was dann kommt. Ein Prediger der Stadtmission, der auch mein Lehrer war, taufte uns an einem Baggersee.

Neuer Wirkungskreis im Süden und Gemeindewachstum

Wie ging es dann weiter? Nach den drei Jahren und kurz vor dem Ende des Praktikumsjahres stellte sich heraus, dass wir wirklich keine Bleibe hatten. Wir legten unsere Zukunft weiter in Gottes Hand. Durch den Prediger, der uns auch taufte, erfuhren wir, dass es in Bayern, in der Stadt Traunreuth, eine kleine Freikirche gab, die einen Pastor suchte. Sie war früher eine große Gemeinde gewesen, doch durch viele Nöte geschrumpft auf 44 Mitglieder.
Als wir vom Ruhrgebiet nach Bayern fuhren und die Berge, den wunderschönen Chiemsee und die ganze Landschaft sahen, sagten wir uns: Wäre es nicht schön, hier zu sein, in dieser tollen Gegend? Wir stellten uns das vor. Ich hielt zwei Probepredigten und zwei Bibelstunden, und die Geschwister stimmten grundsätzlich zu, dass wir kommen sollten. Sie machten jedoch deutlich, dass sie mich nicht anstellen konnten. Es fehlte einfach Geld. Trotzdem sind wir gekommen.
Ich bewarb mich bei Edeka als Putzmann und bei der Firma Siemens als Gabelstaplerfahrer. Siemens war etwas schneller. Dort arbeitete ich und half ehrenamtlich in der Gemeinde mit. Die Gemeinde wuchs, und schließlich konnten sie mich einstellen. Später wurde noch eine zweite Gemeinde in Tittmoning gegründet. Außerdem konnten wir in Traunreuth ein neues, größeres Gebäude errichten.
Natürlich gab es auch Turbulenzen in der Gemeinde und manche Nöte, aber Gott hat uns immer Gnade geschenkt. Als ich dann wieder auf der Kanzel stand — es muss so um das Jahr 2010 gewesen sein — kam mir plötzlich ein Gedanke, der mich nicht mehr losließ. Ähnlich wie bei diesem sogenannten Killererlebnis sah ich die Menschen vor mir, so wie ihr jetzt auch, und mir fiel auf, dass wir in Traunreuth in einer schönen Ruhe leben.
Mir wurde bewusst, dass wir uns im Leitungskreis gut verstehen. Dann kam mir der Gedanke: Wir in der evangelischen Freikirche Traunreuth sind wie ein großer Tanker, und draußen sterben die Menschen. Es war mir klar: Martin, jetzt ist eigentlich die beste Zeit, um deinen Abschied zu planen.
Was mir auch noch bei der Predigt durch den Kopf ging — ich habe gepredigt, und gleichzeitig gingen mir andere Gedanken durch den Kopf; ich weiß nicht, wie das passieren konnte, denn normalerweise kann ich als Mann ja nur an eine Sache denken — war der Wunsch, ein Gemeindebaby zu haben. Ich möchte noch einmal Vater werden. Ich hatte einen Kinderwunsch. Aber wie sollte das gehen? Ich stellte den Gedanken zunächst zurück.
Einige Wochen später kam ein neues Ehepaar mit ihren Kindern in die Gemeinde. Sie wohnten ganz in der Nähe und sprachen mit mir über Evangelisation im Arenthal. Rückblickend erkannte ich, dass Gott mich wieder gepackt hatte. War es wirklich Gottes Wille, diesem Gedanken nachzugehen? Dennoch wusste ich, dass ich bei dieser Evangelisation mitmachen sollte.
Ich sprach mit den Ältesten. Sie stimmten grundsätzlich zu, dass ich bei der Evangelisation mitwirken könne. Sie ahnten noch nicht, dass dies zu meinem Weggang gehören würde. Die Evangelisation nahm Fahrt auf. Die erste Einladung war im Jahr 2011. Wir gründeten einen Hauskreis und nahmen Kontakt mit anderen Christen in der Gegend auf. Langsam verschob sich mein Schwerpunkt immer mehr.
Schließlich sagte ich: Ja, liebe Brüder, ich glaube, dass Gott mir nach über zwanzig Jahren Dienst etwas Neues mit meiner Frau zumutet und dass Gott etwas Neues vorhat. Kirsten war nicht besonders begeistert. Die Ältesten meinten, das ginge nicht so einfach. Ich solle erst einen Praktikanten anlernen, der später die Gemeinde übernehmen könne. Das tat ich.
Philipp Schieger und seine Frau wurden dann unsere Nachfolger, wofür ich Gott heute sehr dankbar bin.

Abschied, Umbrüche und neue Spezialisierung

Als ich das damals meinem Vater sagte — er lebte ja noch — antwortete er: „Bub, bist du verrückt, bist du verrückt!“ Er meinte, ich hätte doch so eine schöne Gemeinde und würde ja immer älter. Das Bild war kurz vor seiner Verabschiedung gemacht worden. Er schlug vor, doch meinen Praktikanten hinzuschicken; der könnte eine Gemeinde gründen, und ich könnte hier bleiben, ein paar Bibelstunden und Gottesdienste halten, bis ich in Rente gehe.
Ich entgegnete: „Papa, das Brennen hat nicht mein Praktikant, das Brennen habe ich. Gott hat es in mein Herz gelegt.“ Mit der Verabschiedung wurde ich dann gekündigt. Mein Arbeitslosengeld war höher als der Lohn, den ich als Betreuungsassistent im Seniorenheim bekommen hatte.
Ich arbeitete halbtags. Ich durfte älteren Menschen Essen geben und mit ihnen Sitz-Tanz machen. Sitz-Tanz ist eine Form, bei der man auf einem Stuhl sitzt und sich bewegt. Wir unternahmen Ausflüge, und ich konnte auch christliche Andachten halten. Meine Frau arbeitete bei einem mobilen Pflegedienst. Gemeinsam mit anderen Christen in Krasau gründeten wir ehrenamtlich eine kleine freikirchliche Gemeinde.
Was war mit unseren Kindern? Sie waren damals bereits verheiratet und bekamen nach und nach selbst Kinder. So stehe hier nun ein Großvater mit sechs Enkeln.
Nachdem die Gründung der Gemeinde in Krasau abgeschlossen war, kontaktierte mich die EFA und fragte, ob ich statt im Seniorenheim halbtags für sie arbeiten wolle. Man konnte sich vorstellen, in Bayern noch eine kleine Gemeinde zu gründen. Nach Gebet und weiteren Überlegungen sagte ich zu. Es entstand ein Team von Geschwistern aus befreundeten Gemeinden, und wir evangelisierten in Waging am See. Dabei waren wir auch bei einem Freiluftgottesdienst während der Corona-Zeit.
In dieser Zeit hatte ich Kontakt mit einer Zeugin Jehovas. Sie kannte sich sehr gut in der Bibel aus und hatte mir per Mail geschrieben, weil sie ein Traktat von unserem Evangeliumsfeldzug in Waging in ihren Briefkasten bekommen hatte. Sie schrieb immer wieder, und wir korrespondierten. Manchmal recherchierte ich drei bis vier Stunden, bevor ich ihr antworten konnte.
Plötzlich kam mir der Gedanke: „Martin, was ist, wenn die deine Arbeit einfach löscht? Drei, vier Stunden Arbeit und dann weg.“ Daraufhin beschloss ich, die Arbeit, die ich mit ihr besprach, auch in einem YouTube-Film zu sichern. Auf einem YouTube-Kanal nannte ich ihn „Hilfe für Zeugen Jehovas“.
Unter verschiedenen Umständen brach die Gemeindegründungsarbeit auseinander, und schließlich blieb mir nur noch der Kanal „Hilfe für Zeugen Jehovas“. Ich sprach mit den Brüdern der EFA und machte deutlich, dass ich mich nicht mehr in der Lage sehe, erneut in eine Gemeindegründungsarbeit einzutreten. Es wurde vorgeschlagen: „Sie können mich entlassen; dann wäre ich wieder im Seniorenheim, würde wieder Essen ausgeben und Ähnliches tun — man würde mich sicher gern nehmen. Oder Sie können meinen Vertrag ändern, sodass ich als Mitarbeiter gerade den Zeugen Jehovas helfen kann.“
Das empfand ich als Wunder. So durfte ich in diese Arbeit eintreten.

Rückblick, Ermutigung und Abschluss

Wenn ich jetzt darüber nachdenke: Vor vierzig Jahren hat mich Gott in dieser Weise ergriffen und mir den Wunsch ins Herz gelegt. Heute im Alter kann ich diesen Traum ausleben.
Ich kann sehen, wie Menschen aus dieser Religionsgemeinschaft den Herrn Jesus kennenlernen, sich retten lassen und sich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen lassen. Die fünf in der Mitte haben alle einen Zeugen-Jehovas-Hintergrund und wurden vorletztes Jahr im Chiemsee getauft.
Nach jetzt 48 Jahren Nachfolge möchte ich dir, der du hier sitzt, sagen: Es lohnt sich, wenn du von Gott ergriffen bist, ihm auch bedingungslos nachzufolgen. Im Rückblick kann ich nur sagen: Gott hat alles gut gemacht.
Zum anderen war mir auch klar: Wenn ich nicht Gottes Wege gehe, wenn ich das nicht tue, dann werde ich nicht glücklich. Wenn du dich fragst, was denn der Weg Gottes für dich ist, dann mache daraus ein Gebet und warte auf seine Antwort.
Wenn du keine eindeutige Stimme vernimmst, wenn es nicht in dein Herz eindringt, dann bleibe, wo du bist, und arbeite dort mit. Der Herr Jesus wird dir schon eindeutig helfen, seinen Weg zu gehen. Er sagt ja: "Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir nach. Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht verloren gehen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen."
Die Aufgabe des Herrn Jesus ist, dir seine Botschaft deutlich zu machen. Deine Aufgabe ist es dann, zu folgen. Er gibt dir keine Aufgabe, die für dich einfach zu schwer wäre. Er wird dich herausfordern, aber er kennt dich und weiß, was wir verkraften können.
Und so möchte ich abschließend Gott noch einmal dafür danken — für seinen Weg. Amen.