Jetzt sind wir bereit für Text Nummer zwei. Wir springen fast dreieinhalb Jahre nach vorne.
Was wir gerade gelesen haben, war ungefähr um das Jahr 28 nach Christus. Wir können das sehr gut datieren, weil wir ziemlich genau wissen, dass Jesus im März des Jahres vier vor Christus geboren wurde. Ich kann auch zeigen, warum und wieso. Er ist gestorben am 7. April des Jahres 30 nach Christus in der Oststadt Jerusalems.
Deswegen können wir auch sehr genau rekonstruieren, wann diese einzelnen Daten lagen. Das war jetzt also das Jahr 28 nach Christus.
Nun springen wir weiter in das Jahr 30, und zwar zu Lukas 22. Auch hier gibt es wieder Parallelstellen in Matthäus 26 und Markus 14. Aber Lukas ist für uns der ausführlichste Bericht, weshalb wir sehr dankbar für seinen Bericht sind. Lukas war später der treue Mitarbeiter des Apostels Paulus.
Historischer Kontext und Evangelistenberichte
Auch sehr interessant ist, dass Petrus später einen Mitarbeiter namens Johannes Markus hatte. Aus der frühen Christenheit gibt es relativ übereinstimmende Berichte, dass dieser Johannes Markus das Markus-Evangelium geschrieben hat. Es wird angenommen, dass Petrus ihm das Evangelium zitiert hat. Das Markus-Evangelium ist an vielen Stellen sehr zurückhaltend, wenn es um konkrete Personen, Ortsangaben und Menschen geht, die Petrus sehr nahe standen. Es wirkt, als wolle man deren Identität schützen, ähnlich wie bei verfolgten Christen.
Es gibt eine Reihe von sehr guten Indizien dafür. Auch ein Buch wurde darüber verfasst, aber das ist ein anderes Thema.
Schauen wir nun auf Lukas 22,28: Jesus hält seine Abschiedsrede. Wir befinden uns im Obergemach, beim letzten Abendmahl. Man muss sich vorstellen, dass die Jünger nun drei Jahre lang mit Jesus unterwegs gewesen sind. Sie haben so viel erlebt. Sie haben Mordversuche gegen ihn gesehen, als er durch die Menschenmengen ging. Sie haben gesehen, wie er auf dem Wasser lief. Sie haben erlebt, wie er Menschen heilte und sich scheinbar von einem Boot zum anderen teleportierte.
Sie haben gesehen, wie Dämonen mit ihm sprachen. Sie haben Elija und Mose gesehen, all diese Ereignisse. Sie haben beobachtet, wie er dem Sturm befahl – einem Menschen, dem Wind und Wellen gehorchen. Und jetzt ist er hier und spricht seine letzten Worte. Sie wissen, dass etwas Bedeutendes bevorsteht.
Jesus hatte es immer wieder angekündigt. In den Tagen zuvor, während der Karwoche, war es unzweideutig. Die Jünger konnten es nicht übersehen. Jede einzelne Silbe, die Jesus jetzt sprach, war für die zwölf Jünger von großer Bedeutung. Sie konnten sich danach austauschen, alles niederschreiben, was sie gehört hatten. Diese Worte brannten sich tief in ihr Gedächtnis ein.
Ermutigung und Treue der Jünger
Und Jesus spricht zu seinen elf Jüngern – Judas ist nicht dabei – und sagt: Ihr seid in allem, was ich durchmachen musste, treu bei mir geblieben.
Ein Blick in den griechischen Text zeigt, dass dort ein Partizip Perfekt verwendet wird. Diese Verbform kommt im Griechischen selten vor und bringt den Sachverhalt sehr präzise auf den Punkt. Sie bedeutet, dass diejenigen, die bis hierhin durchgehalten haben, den Prozess des Ausharrens vollendet haben.
Das heißt, diese Zeit des Ausharrens ist nun vorbei, und eine neue Zeit beginnt. Diese Form betont also die dauerhafte, bewährte Treue der Jünger. Sie haben bis zu diesem Zeitpunkt den Lauf vollendet. Jesus ermutigt sie damit. Es beginnt mit Ermutigung.
Ist es euch schon einmal aufgefallen, wie im Vaterunser, diesem großen, mächtigen Gebet, das Jesus uns hinterlassen hat, das Erste nicht „Vergib mir meine Schuld“ ist? Auch nicht „Gib mir mein Brot“ oder „Herr, versorge mich für XY“. Nein, das Erste ist „Vater“. Danke, dass du diesen Zuspruch zu mir hast und dass ich zu dir sprechen kann.
Jesus beginnt mit Lob. Er sagt: Ihr seid standhaft geblieben. Und das, obwohl Jesus genau weiß, dass ihr Versagen bevorsteht. Bis auf Johannes werden alle fliehen, besonders Petrus. Jesus weiß das. Gerade deshalb lobt er ihr vorheriges Durchhalten. So können sich die Jünger auf ihre Stärken besinnen, auf das, worin Gott ihnen bisher geholfen hat.
Verheißung der Teilhabe am Reich Gottes
Vers 29: Jesus sagt, dass er euch an der Herrschaft beteiligen wird, die ihm sein Vater übergeben hat. Das bedeutet also, sie werden scheitern. Doch wichtiger und stärker als das nächste Versagen oder die nächste Sünde, die kommt, ist, dass sie mit Jesus zusammenleben und zu ihm gehören.
In Jesus verwurzelt zu sein, bedeutet, dass du in Christus lebst und er in dir ist. Das ist wichtiger als die Sünde, die du morgen, übermorgen, nächsten Monat oder vielleicht in zwei Jahren begehen wirst. Das ist entscheidend. Gott schreibt dich nicht wegen Schwächen oder Versagen ab, solange du zu ihm gehörst.
Dann sagt Jesus, dass er euch etwas überträgt. Das Wort, das hier verwendet wird, die Arithmē, bedeutet, dass er euch ein Reich, ein Verwaltungsgebiet oder eine Herrschaft überträgt. Es ist dasselbe Wort, das damals bei der Einsetzung eines Testaments benutzt wurde. Es ist ein feierlicher Akt, vergleichbar mit dem Standesbeamten, der hiermit beglaubigt, oder dem Standesbeamten, der hiermit erklärt, Mann und Frau zu sein. Ähnlich ist es in der königlichen Bundessprache. Dieses Wort findet sich auch später im Hebräerbrief Kapitel 9.
Wie mein Vater es mir übergeben hat – das ist eine Parallele zu Johannes 17. Jesus empfängt das Reich von seinem Vater und gibt es weiter. Es ist ein königliches Erbe, das wir erhalten, kein politischer Auftrag. Wir Christen dürfen in die Politik gehen, aber unsere Aufgabe ist es, Menschen für das Himmelreich zu gewinnen und nicht hauptsächlich dieses Erdreich immer wieder vergeblich zu perfektionieren.
Vers 30: Ihr werdet in meinem Reich an meinem Tisch essen und trinken und auf Thronen sitzen, um die zwölf Stämme Israels zu richten. Darüber könnte man jetzt viel über die Offenbarung sagen, aber ich möchte hier die Gemeinde nicht überfordern.
Warnung an Simon Petrus und die menschliche Schwäche
Dann Vers 31: Da sagte der Herr: „Simon, Simon, der Satan hat euch haben wollen, um euch zu durchsieben wie den Weizen.“
Stopp, ist das nicht spannend? Zweimal die Anrede: Simon, Simon. Saul, Saul. Samuel, Samuel. Hör mir zu, hör mir wirklich zu! Was ich jetzt sage, muss bei dir durch Herz und Nieren gehen, Simon.
Und dann sagt er „Simon“ – nicht „Käfer“ und nicht „Petrus“. Er sagt „Simon“, den alten Namen. Er nutzt den alten Namen und spricht Petrus wieder an wie Petrus vor seiner Bekehrung. Vielleicht ist das der Grund: Petrus wird sich daran erinnern. Nachdem er aus dem Vorhof geflohen ist, wo Jesus vor dem Hohen Rat verhört wurde, wird er sich daran erinnern, wenn er zurückkommt, um dann im Obergemach zu sein, wo Jesus den Jüngern erscheinen wird. Er wird sich erinnern, wenn der Heilige Geist auf ihm kommt, an diese Worte: „Simon, Simon, Simon, du fällst gerade in deine alte Natur zurück, so wie vor deiner Bekehrung, bevor Gottes Geist in dir gewohnt hat.“
Simons übergroße Selbstsicherheit wird dadurch noch mehr zurückgewiesen. Denn Simon sagt ja: „Lasst uns gehen und mit ihm sterben“ und all diese Dinge.
Ganz wichtiges Wort: Wer meint, er stehe, muss aufpassen, dass er nicht fällt. Das ist etwas, das mir in unserem Dienst am meisten Angst macht. Lehrer werden härter gerichtet. Wer meint, er steht, der muss aufpassen, dass er nicht fällt.
Wie viele Menschen in Kirchen, in Amt und Würden haben wir in den letzten Jahren fallen sehen – freikirchlich, landeskirchlich, katholisch, alles.
Vor kurzem hat jemand aus unserem Team mir etwas sehr Wichtiges gesagt. Es war auch ein Zitat von einem klugen Lehrer: „Weißt du, der klügste Mann in der Bibel, Salomo, ist in Sünde gefallen. Der stärkste Mann in der Bibel, Simson, ist in Sünde gefallen. Der Mann nach dem Herzen Gottes, David, ist in schlimmste Sünde gefallen. Wer bin ich, dass ich denke, dass ich darüber stehe?“
Ich habe es jetzt verkürzt, aber das ist der Kern dessen, was gesagt wurde – das ist mir hängengeblieben.
Und dann das Wort: „Der Satan möchte euch durchsieben“ – das ist aus der Landwirtschaft. Es beschreibt ein gewaltsames, heftiges Ruckeln, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Dabei gehen Sachen zu Bruch. Es ist laut, kräftig, eine Anfechtung – und genau so fühlt sich das an.
Und jetzt kommt wieder Jesus mit dem Wort „aber“ in Vers 32: „Aber ich, Jesus, habe für dich, Simon, gebetet, dass du deinen Glauben nicht verlierst.“
Das ist das einzige Mal in den vier Evangelien, wo Jesus sagt: „Ich bete für dich.“ Ist euch das aufgefallen? Das einzige Mal.
Jesu Fürbitte für Petrus und die Bedeutung des Glaubens
Und nicht von mir, sondern von klugen Leuten habe ich gelernt: Stellt euch mal vor, Jesus hätte nicht für Petrus gebetet, und Petrus wäre gefallen und in der Sünde geblieben. Was ist der Unterschied?
Wenn ein verlorener Mensch fällt, bleibt er in der Sünde liegen. Aber ein geretteter Mensch, der fällt, steht durch Gottes Gnade wieder auf. Er fällt in der Sünde näher zu Christus – das ist der Unterschied.
Stellt euch vor, Jesus hätte nicht für ihn gebetet und er wäre nicht wiedergekommen. Er hätte nicht die Pfingstpredigt gehalten, es hätte keine Kirche in Jerusalem gegeben. Er hätte später nicht bei Cornelius gegessen, und es hätte keine Heidenmission gegeben. Dann wären nicht Leute wie Bonifatius und viele andere gekommen, um uns über die Alpen von Jesus zu erzählen. Wahrscheinlich wäre niemand in Boleweg Christ geworden.
Wir haben all das diesem Gebet zu verdanken – und es ist mehr als das. Jesus sagt: „E gode ede ethen peri sou.“ Also nicht nur: „Ich habe für dich gebetet“, sondern es ist mehr als das. Es ist eine spezielle Verbform, ein griechischer Komplex, fragt nicht weiter. Jesus sagt: „Ich habe intensiv für dich gefleht, gefleht habe ich, ich habe für dich gefleht.“
Wir wissen das auch aus dem Hebräerbrief und vielen anderen biblischen Schriften: Jetzt gerade sitzt Jesus zur Rechten des Vaters und tritt für uns ein. Er betet für dich, betet für dich.
Damit wird Petrus zu einem Mann wie Hiob – jemand, der versucht wird, aber auch wiederhergestellt wird. Wofür betet Jesus? Damit dein Glaube nicht aufhöre, wörtlich im griechischen Text: damit er nicht ausgehe, damit er nicht erlösche. Wie eine Kerze, die man auspustet, oder wie eine Sonne, die untergeht.
Das Wort „Eclipse“ steckt dort drin – also wie eine Sonne, die verschwindet, wo man sie nicht mehr sehen kann. Dafür betet Jesus. Also nicht nur, dass der Glaube da ist. Bei einer Sonnenfinsternis ist die Sonne ja auch da, aber man sieht sie nicht.
Es geht darum, dass man die Sonne auch sehen kann. Nicht nur, dass wir irgendwie noch gerettet sind, heimlich und so weiter, sondern dass man das weiter sehen kann. Dass wir weiter ein Zeugnis sind, ein Licht und Salz für die Erde.
Still in seinem stillen Kämmerchen zu glauben, das ist ja einfach. Aber redet mal mit deiner Schwester, mit deinem Bruder, mit deinem Kollegen, mit deinem Vorgesetzten über Jesus. Versuch mal, einen Bücherstand zu machen, versuch mal, Flyer zu verteilen.
Jesus sagt: „Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht ausgehe, nicht erlösche.“ Also dass es keinen vollständigen Abfall gibt. Dass der Zusammenbruch, der kommt, nicht endgültig ist. Dass die Geschichte danach weitergeht.
Wiederherstellung und Leitungsauftrag für Petrus
Und dann kommt die bewegendste Stelle von allen. Er sagt: „Und du, wenn du dann umgekehrt bist.“
Das griechische Wort „Epistrophän“ bedeutet umkehren, zurückkehren, sich bekehren. Das heißt, Petrus wird nicht ersetzt wie Judas, der durch Matthias ausgetauscht wurde. Die Stelle wird nicht neu ausgeschrieben oder neu besetzt, um einen Nachfolger für drei Jahre einzuarbeiten. Nein, Petrus wird wiederhergestellt.
Er erhält eine Abmahnung und danach eine Beförderung. Das ist die königliche Art. Spannend.
„Stärke deine Brüder“ – das Wort, das hier verwendet wird, ist „derizo“, was bedeutet festigen, stabilisieren, aufrichten. Leitung geschieht aus der Erfahrung der Gnade. Petrus soll Tröster der anderen sein. Ein schwacher Mann kennt den Wert von Stärke.
Ich hatte vor kurzem, eine lange Geschichte, eine Erkrankung, die ich von einer Reise mitgebracht habe. Keine Sorge, ich habe mich nicht angesteckt und bin wieder genesen. Aber für einen guten Monat hatte ich heftige neurologische Einschränkungen. Ich konnte mich nicht konzentrieren, nicht lesen und kaum Gesprächen folgen. Autofahren war überhaupt nicht möglich. Ich war krankgeschrieben in dieser Zeit.
Wenn ich alleine spazieren gegangen wäre, hätte ich mich wahrscheinlich verlaufen. Das macht demütig. Viele von euch kennen sicher Menschen mit Demenz oder Alzheimer. Ich habe jetzt so einen kleinen Vorgeschmack bekommen. Das macht einen sehr demütig.
Als ich dann langsam wieder gesund wurde, war es wirklich kurios. Eines Nachts bin ich um drei Uhr dreißig aufgewacht, weil ich plötzlich wieder meine Gedanken hören konnte. Ich dachte: „Was ist das?“ Und dann begann ich, den Wert zu schätzen, kohärente Gedanken fassen zu können, von A nach B zu denken und zu wissen, dass zwei plus drei immer noch fünf ist.
Plötzlich wusste ich wirklich, welchen Wert es hat. Als ich damals die Operation hatte, dachte ich: „Okay, ich kann danach wieder Treppen laufen, einen Apfel greifen, einen Klimmzug machen.“ Den Wert dessen zu schätzen, wenn es wieder möglich ist, ist ein ganz anderes Einfühlvermögen.
Ich glaube, ich werde nie wieder Menschen mit Demenz, Alzheimer, neurologischen Einschränkungen oder geistiger Behinderung treffen, ohne einen völlig anderen Zugang zu haben – komplett anders als vorher. Du lernst den Wert von Stärke ganz neu schätzen.
Petrus wird zum Tröster der anderen. Er geht durch dieses Tal hindurch und wird wieder aufgerichtet, um andere aufzurichten.
Wir können andere stärken, weil wir selbst gestärkt worden sind. Wir können andere lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Wir können vergeben, weil uns zuerst vergeben wurde.
Und genau das ist es, was im Königreich Gottes zählt.
Umgang mit Versagen und die Kraft der Umkehr
Versagen – ja, das ist nicht die Frage. Wir alle versagen. Also, du sicherlich nicht, aber wir alle versagen. Das ist nicht der entscheidende Punkt. Der entscheidende Punkt ist, wie du damit umgehst.
Ich war viele Jahre Personalchef in einem großen europaweiten Unternehmen, bevor ich im Bibelverdienst tätig wurde. Dort habe ich sehr viele Mitarbeitergespräche geführt, Leute eingestellt und auch kündigen müssen. Es war nicht immer leicht, und natürlich gab es Fehler. Eine Null-Prozent-Fehlerquote habe ich bis heute nicht gefunden. Und wenn doch, dann ist sie bestimmt gefälscht.
Das ist aber nicht die Frage. Auch wenn wir im Bibelverdienst Leute einstellen und einarbeiten, geht es uns nicht um eine Null-Prozent-Fehlerquote. Das interessiert uns gar nicht. Was uns interessiert, ist, wie groß die Fehler sind, wie häufig sie passieren und – ganz wichtig – was passiert, sobald jemand den Fehler sieht. Was passiert nach dem Fehler? Das interessiert mich.
So funktioniert das auch im Königreich Gottes: Fehler passieren, aber was kommt danach? Versagen, Scheitern, Sünde – sicher, klar. Wenn ich kein Sünder wäre, hätte ich nicht Christ werden müssen. Die Frage ist: Was passiert danach? Und wenn danach die Umkehr kommt, wenn danach die Bekehrung kommt, dann werden Dinge aufgebaut. So werden Menschen aufgebaut, so werden Gemeinschaften und Gruppen aufgebaut.
Jesus beruft den einen, um die anderen zu stärken – das ist das Prinzip der Delegation. Jesus beruft vielleicht die eine Gemeinde, vielleicht die eine Bibelgruppe, den einen Hauskreis, den einen Büchertisch. Und dabei geht es immer um Individuen, die ihren Mann und ihre Frau stehen. Das ist bewundernswert. Dadurch wirkt er für andere Multiplikation.
Zwölf Jünger, drei Jahre – sie haben die Ewigkeit verändert. Sie haben die ganze Welt auf den Kopf gestellt: zwölf Männer plus Paulus.
Petrus’ übergroße Selbstsicherheit und die bevorstehende Verleugnung
Vers 33: Herr, sagte Petrus. Hier zeigt sich natürlich eine übergroße Selbstsicherheit. Das passiert oft, wenn man sich seiner eigenen Schwächen nicht stellen möchte. Man denkt: Schwächen hatte ich mal, aber heute nicht mehr. Ich habe an mir gearbeitet, ich bin jetzt ein neuer Mensch. Ich habe Bücher gelesen, einen Podcast gehört, war auf einem Seminar. Ja, jetzt habe ich mein Leben im Griff.
Genau, Vers 33: „Herr“, sagte Petrus, „ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis zu gehen.“ Damals waren Gefängnisse häufig Orte, an denen die Gefangenen kein Essen und kein Trinken bekamen. Deshalb sehen wir in der Apostelgeschichte, dass die anderen Jünger zum Beispiel zu Petrus oder den anderen im Gefängnis kamen, um sie zu versorgen. Es gab keine Verpflegung, ähnlich wie in Krankenhäusern in Indien heutzutage, wo es oft kein Essen und kein Trinken gibt. Dort bist du entweder auf Verwandte angewiesen, die dir etwas bringen, oder du hast ein noch größeres Problem. In vielen Gefängnissen passieren schlimme Dinge. Das möchte ich nicht näher ausführen, auch weil Minderjährige dabei sein könnten.
Dann sagt Petrus sogar: „Ich bin bereit, mit dir in den Tod zu gehen.“ Das steht in der Parallelstelle Matthäus 26. Dort heißt es: „Ich will dich nicht verleugnen.“ In der Parallelstelle bei Markus sagt Petrus: „Wenn auch alle dich verleugnen und verlassen, ich doch nicht.“ Im Johannesevangelium steht: „Ich will mein Leben für dich lassen.“ Das sind lauter vollmundige, vollbrüstige Bekundungen: „Herr, aber ich doch! Wir machen das zusammen! Die anderen vielleicht nicht, aber ich bin dein Elitejünger, komm schon, das schaffen wir!“
„Ja, Andreas, gib mir mal das Schwert, komm, wir gehen raus, wir machen die Römer kalt.“ Seine Absichten waren echt. Wahrscheinlich ging der Dialog noch ein bisschen länger, denn viele Evangelien, das war damals ganz üblich, haben nur eine Zusammenfassung geschrieben oder die wichtigsten Sätze festgehalten. Wenn die anderen Sätze nur Umschreibungen waren, hat man einfach den Satz genommen, der das Wesentliche ausdrückte. So hat man damals geschrieben.
Also: Die Absichten von Petrus waren echt. Ich glaube, er meinte das in dem Moment wirklich. Denn Lügen bedeutet, etwas zu sagen, von dem man weiß, dass es nicht stimmt. Alles andere ist einfach sich irren oder sich täuschen. Ich glaube, Petrus hat sich getäuscht – und zwar in sich selbst, in seinem Selbstbild.
Das ist das Erste, was sterben muss, sobald ich Christ bin: mein Selbstbild. Wenn ich Jünger sein und Jesus nachfolgen will, dann nehme ich mein Kreuz auf mich. Ich sterbe für mich selbst, für den alten Adam, und folge Jesus nach. Das Selbstbild ist das Erste, was stirbt.
Mit anderen Worten: Solange ich mich für einen guten Menschen halte und nicht denke, dass es an mir oder an meinem Leben irgendetwas zu ändern gibt, dann kann ich es mit dem Christsein am Ende des Tages vergessen. Versucht das mal unserer heutigen narzisstischen Generation zu sagen. Ich habe es probiert – ja, probiert es mal.
Die bevorstehende Verleugnung und der Neuanfang
Vers 34
Aber Jesus erwiderte – und jetzt kommt die nüchterne Realität: Petrus, jetzt spricht er ihn direkt an, nicht mehr als Simon, nicht als alte, gefallene Natur, sondern als Petrus, den Wiederhergestellten. Er spricht zu dem, der sich erinnern wird, nachdem er umgekehrt ist.
„Petrus, noch heute Nacht, bevor der Hahn kräht, wirst du verleugnet haben, mich überhaupt zu kennen.“
Jesus sagt weiter: „Petrus, ich sage dir, in den nächsten fünf Jahren wird es Situationen geben, in denen du in der Nachfolge etwas nachlassen wirst. Vielleicht wirst du dein Bibellesen von zweimal am Tag auf einmal am Tag reduzieren.“ Aber er sagt nicht: „Petrus, in zwei Jahren wirst du den Zehnten nicht mehr geben.“ Das sagt er nicht. Er sagt auch nicht: „Petrus, zum Ende des Jahres hin wirst du denken, mit Andreas und Johannes könnte ich manchmal auch hinter die Scheune gehen.“ Nein, das sagt er nicht.
Er sagt: Noch heute Nacht, in den nächsten Stunden, vielleicht sogar – um es anschaulich zu machen – vielleicht sogar bevor du das nächste Mal auf Toilette gehst, so nah dran, bevor der Hahn kräht, bevor die Sonne aufgeht, also heute – es ist ja schon dunkel. Im Jüdischen, im Hebräischen beginnt der Tag immer bei Sonnenuntergang des vorherigen Tages, es ist also noch derselbe Tag, noch heute, in den nächsten 24 Stunden, solange es dunkel ist, bevor der Hahn kräht – eine konkrete Zeitangabe.
Da wirst du still und heimlich für dich denken: Vielleicht muss ich ja Jesus gar nicht nachfolgen. Aber nein, das steht auch nicht da. Du wirst kein zweifelndes Gespräch mit deinem Bruder Andreas führen, das steht auch nicht da. Du wirst nicht sagen, dass du der Chef der zwölf Apostel bist und dich nur als einen Mitläufer wie die anderen sehen. Nein, du wirst leugnen, dass du mich überhaupt kennst.
„Ich kenne diesen Mann nicht. Ich habe ihn nie gesehen. Galiläa? Was ist das? Wo ist das? Judea? Nie gehört. Wo bin ich hier überhaupt?“
Das sind Petrus’ Worte, als er dann im Hof steht und sich an der Feuerschale wärmt. Du wirst dreimal leugnen, dass du mich überhaupt gekannt hast – deine gesamte Identität, alles, was du hinter dir gelassen hast, die letzten drei Jahre deines Lebens, dein ganzes Leben. Was es jetzt bedeutet, mir nachzufolgen.
Du wirst sagen: „Ich werde mich komplett maskieren. Ich werde so tun, als wäre ich jemand anderes. Ich werde alles verleugnen.“ Die Apostel werde ich verleugnen. Ich werde meine eigene Frau verleugnen, mit der wir beide gesagt haben, wir nehmen Jesus in unser Haus auf. Ich werde die Schwiegermutter verleugnen, die du geheilt hast. Ich werde die Menschen verleugnen, die du geheilt hast, bei denen du die Dämonen ausgetrieben hast. Alles, wo ich die ganze Zeit neben dir stand, werde ich verleugnen.
Ich werde verleugnen, dass ich mit den 70, 72 Aposteln und Jüngern ausgegangen bin, um selbst zu predigen, um durch die Dörfer zu ziehen. Nein, nein, der bin ich nicht. Überhaupt nicht. Nie gehört, nie gesehen. Ich weiß von gar nichts. Ich habe nur Befehle befolgt – und das dreimal.
Entschuldigt, dass es so dramatisch klingt, aber es stimmt ja: Mehr verleugnen geht nicht, mehr Jesus absagen geht nicht, mehr vom Glauben abfallen ist nicht möglich. Was soll er denn sonst noch machen? Muslim werden?
Und dann kommt tatsächlich dieser Hahnruf später, das akustische Signal des Versagens, dieses Kikeriki – ich kann es nicht nachmachen –, aber jetzt hast du mich verraten. Jetzt ist es passiert.
In einem anderen Evangelium steht, dass der Hahn zweimal kräht – das gleiche Ergebnis. Aber es ist auch der Anfang von einem neuen Tag. Später heißt es dann: Petrus rannte hinaus und weinte bitterlich. Nicht nur er weinte, sondern er weinte bitterlich. Und wenn ein Mann bitterlich weint, dann stimmt etwas nicht.
Es ist aber auch der Anfang von einem neuen Tag, denn dieses Weinen ist genau das wie damals im Boot: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!“ Er sieht sein Versagen, sein Scheitern. Er hat es nicht geschafft, das zu tun, was er sollte, und hat das getan, was er nicht sollte.
Er hat gesündigt in Gedanken, Taten und Worten, durch sein Tun und durch sein Unterlassen genau das Gleiche.
Für Petrus ist das auch das letzte Mal, dass er Jesus verleugnet. Es ist die letzte Bestätigung – und es ist das letzte Mal. Es ist für ihn auch der Anfang eines neuen Tages. Es ist für ihn auch ein „Das hätte ich nicht tun sollen.“
Soweit wir das sehen können, ist das klar. Später gibt es das Apostelkonzil, und wir reden später über Heidenmission und über die Beschneidung. Wenn es um das Bekenntnis zu Jesus geht, ist das das letzte Mal, dass Petrus einen Rückzieher macht.
In diesem Scheitern kommt der Neuanfang. Zwei Tage später ist die Auferstehung. Petrus ist zusammen mit Johannes der Erste, der zum Grab läuft. Johannes kommt schneller an, weil er jünger ist und so weiter, wir kennen das, aber trotzdem ist er der Erste, der hinläuft.
Dieses „Ich muss das sehen. Ist das wirklich wahr? Ist das wirklich passiert?“
Gottes Gebrauch gebrochener Menschen
Gott gebraucht gebrochene Menschen, um andere zu stärken. Der, der früher gefallen ist, kann denjenigen, der gerade fällt, wirklich verstehen.
