17.09.2026
Serie•Teil 9 / 9Rachepsalmen
Dieser Inhalt wird noch redaktionell aufbereitet.
Aktuell können Elemente fehlen oder falsch angezeigt werden.
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Rachepsalmen über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
Ein Gastbeitrag von Regina Gallwitz, Theologin, Krankenschwester und Autorin des Buchs „Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert.“
Rache psalmen über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte ein Gastbeitrag von Regina Gallwitz Theologin, Krankenschwester und Autorin des Buchs „Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert.
Die Erfahrung innerer Fremdheit im Gottesdienst
Vor einigen Jahren durchlebte ich eine dunkle Phase mit vielen unschönen Gefühlen. Unter anderem war ich wütend und zornig auf eine Person, die mir großes Unrecht getan hatte. Und ich wusste nicht, wie ich mit diesen Gefühlen umgehen sollte.
In dieser Zeit bemerkte ich einmal: Früher hatte ich die Gottesdienste geliebt, ich war gerne dort. Aber in dieser dunklen Phase war ich innerlich wie abgeschnitten. Die Lieder im Gottesdienst waren fröhlich. Sie handelten von Freude, von Hoffnung, von Gottes Güte und Liebe. Und ich saß da und dachte: Puh, das hat jetzt ehrlich gesagt so gar nichts mit meinem Leben zu tun.
Alles wirkte irgendwie so fahl und fremd. Und ich fragte mich: Ist das etwa alles, was die christliche Botschaft zu bieten hat? Freude, Freude und noch einmal Freude?
Vielleicht kennst du diese Spannung auch. Schau dir doch einmal die Liturgie in deinem eigenen Gottesdienst an. Welche Themen kommen in diesen Liedern vor? Meine Beobachtung damals war: Es waren vor allem Lob- und Freudenlieder. Aber wo war das Lied oder das Gebet für meine Wut? Wo konnte ich vor Gott sagen: Das ist unrecht, ich bin wütend, ich will, dass du etwas dagegen tust?
Da merkte ich auf einmal: Unsere Gottesdienste, unsere Lieder und Gebete sind ziemlich einseitig. Sie bilden das menschliche Leben erstaunlich eingeschränkt ab.
Die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle in der Bibel
Was meine ich damit? Stell dir einmal die menschliche Gefühlswelt als Farbpalette vor. Da gibt es die hellen und leuchtenden Farben: Freude, Jubel, Dank, Hoffnung. Und dann gibt es auch die dunklen Farben: Verzweiflung, Mutlosigkeit, Enttäuschung, Wut. Das ganze Spektrum an Farben gehört zum menschlichen Leben.
Und dann lasse ich einmal unser modernes Liedgut auf mich wirken. Und ich stelle fest: Die dunklen Farben kommen erstaunlich selten vor. Geht doch einmal eure eigenen Gottesdienstlieder durch. Wie viele Lieder gibt es, in denen ein Mensch wirklich aus der tiefsten Krise heraus zu Gott klagt? Es sind erstaunlich wenige.
Wenn ich mir die Lieder des Psalters anschaue, dann finde ich die ganze Farbpalette der menschlichen Gefühle wieder. Auf der einen Seite stehen Psalmen voller Jubel, auf der anderen Seite stehen Psalmen, die aus tiefster Not heraus nach Gerechtigkeit schreien. Und dazwischen liegt das ganze Leben: Hoffnung und Verzweiflung, Vertrauen und Zweifel, Freude und Klage. Die Psalmen verschweigen also diese dunklen Seiten menschlicher Erfahrungen nicht.
Und genau das finde ich bemerkenswert. Die Bibel gibt nicht nur vor, wie wir über Gott reden sollen, sie gibt uns auch Worte dafür, wie wir mit Gott reden können, auch wenn unser Leben gerade überhaupt nicht schön ist. Und vielleicht ist das eine der großen Stärken der Psalmen: Sie zwingen mich eben nicht dazu, meine Gefühle erst in eine fromme Sprache zu übersetzen, bevor ich damit zu Gott kommen kann.
Der Psalmist muss nicht erst sagen: Eigentlich geht es mir schlecht, aber Gott ist gut, deshalb muss ich mich fröhlich stellen. Er kann sagen: Gott, hier ist Unrecht, ich halte es nicht mehr aus. Wie lange noch?
Verstörende Gebete und ihre liturgische Sprengkraft
Und jetzt stell dir mal deinen typischen Gottesdienst vor. Wenn ich mir meinen typischen Gottesdienst vorstelle, dann stelle ich mir einen harmonischen, wohlgeordneten Gottesdienst vor. Du auch?
Jetzt stell dir mal eine weitere Szene vor: Da betet jemand plötzlich: Gott, zerschlag meinem Feind die Zähne im Maul. Kannst du dir das vorstellen? Dass da jemand in deinem Gottesdienst sitzt und Gott gegenüber solche drastischen Gewaltwünsche äußert? Und jetzt, lass uns mal einen Schritt weitergehen: Könntest du dazu Amen sagen?
Spannend ist an dieser Stelle, dass die Psalmen nicht nur für das persönliche Gebet im stillen Kämmerlein gedacht waren. Ihre Überschriften enthalten immer wieder Hinweise darauf, dass sie auch für den Gottesdienst vorgesehen waren. Das trifft nicht nur auf die harmonischen Psalmen zu, sondern auch auf die Gerechtigkeitspsalmen.
Nehmen wir zum Beispiel Psalm 58 und Psalm 109. Beide gehören zu den Gerechtigkeitspsalmen. In beiden Psalmen fleht der Beter Gott mit drastischen Worten um Gerechtigkeit an. Und beide tragen in ihrer Überschrift die Angabe „für den Chorleiter“.
Was haben die Israeliten im Gottesdienst mit diesem Psalm eigentlich gemeinsam gebetet oder gesungen? Zum Beispiel so etwas wie: „Zerschmettere ihnen die Zähne im Mund, o Gott!“ Wie ich diesen Vers deute, habe ich bereits in Folge vier erklärt. Wenn du meine Erklärung gerade nicht vor Augen hast, hör dort noch einmal rein.
Zumindest die Überschriften dieser Psalmen geben uns also den Hinweis: Solche drastischen Bitten waren nicht nur private Gedanken einzelner Menschen, sondern sie wurden vermutlich auch im Gottesdienst gesungen und gebetet.
Warum das Schweigen über Klage seelsorgerlich problematisch ist
Und das wirft eine unbequeme Frage auf: Was passiert eigentlich, wenn wir diese Sprache heute aus unseren Gottesdiensten verbannen? Dann bietet der Gottesdienst nur noch für die hellen Farben unseres Lebens eine Sprache. Und was machen wir dann mit den Menschen, die gerade in der Dunkelheit sitzen? Was machen wir mit der Mutter, die gerade ihr Kind verloren hat? Was machen wir mit dem Menschen, der missbraucht wurde und sich fragt: Gott, wann greifst du endlich ein?
Wir entfernen damit also nicht einfach nur eine bestimmte Art von Liedern oder Gebeten aus dem Gottesdienst. Sondern wir verwehren den Leidenden den Raum, ihre Not und ihre zerreißenden Gefühle vor Gott auszudrücken.
Und nicht nur das: Der Theologe Myrus Lavolve sagt aus meiner Sicht zu Recht, Liturgien, denen eine herausfordernde Sprache fehlt, wie wir sie gerade in dem Psalm finden, machen uns anfällig für Theologien und seelsorgerliche Praktiken, die nicht mit der Erfahrung von Gewalt umgehen können.
Wenn wir die biblische Klage über Gewalt und Unrecht ausblenden, dann liegt es nahe, damit auch etwas über Gott zu verschweigen. Und zwar, dass das Unrecht Gott nicht gleichgültig lässt und dass er zornig auf die Gewalttäter ist. Damit schwächen wir die biblische Rede von einem Gott der Gerechtigkeit. Für einen Menschen, der selbst Gewalt erlebt hat, ist das keine Nebensache.
Wenn ich zu Unrecht verletzt, missbraucht oder unterdrückt wurde, brauche ich nicht nur die Aufforderung: Vergib. Ich brauche auch die Zusage: Das, was dir angetan wurde, war wirklich böse, und Gott ist darüber nicht gleichgültig.
Wenn diese Sprache in der Gemeinde keinen Platz mehr haben darf, kann genau der Mensch, der am dringendsten eine Zuflucht bräuchte, sich in der Gemeinde allein gelassen fühlen. Und genau deshalb ist es auch nicht zu jeder Zeit sinnvoll, einem Menschen, der schweres Unrecht erfahren hat, zu sagen: Aber du musst jetzt deine Feinde lieben.
Wir stehen mit solchen Äußerungen in der Gefahr, die Feindesliebe gegen die Gerechtigkeit auszuspielen, und das auf Kosten der Unterdrückten.
Zeugnisse aus Ruanda und die Frage nach angemessener Verkündigung
Genau das beschreibt Silvia Bukowski. Sie war in Ruanda und ist dort vielen Überlebenden des Genozids von 1994 begegnet. Ich lese einmal vor, was sie aus dieser Zeit beschreibt:
Einige haben mir davon berichtet, wie ihre Kinder, ihre Eltern oder Partner vor ihren Augen massakriert wurden, welche Ängste sie selbst erlitten hatten und was es für sie bedeutet, dass selbst einige der Anführer der Gemetzel der Gerichtsbarkeit entkommen konnten.
Der Universitätsprediger, selbst ein Überlebender, wusste noch viel mehr. Aber statt in den Gottesdiensten auch Raum für Klage und Wut zu schaffen und den Theologiestudenten den Schatz der sogenannten Rachepsalmen zu erschließen, wiederholte er in seinen Predigten immer wieder den gnadenlosen Imperativ: Ihr müsst vergeben.
Wie mussten sich dabei wohl diejenigen fühlen, die das nicht konnten, die immer noch voller Schmerz waren und nicht wussten, wie sie das Ungeheuerliche, das ihren Angehörigen angetan worden ist, jemals vergeben könnten?
Dieses Beispiel zeigt auch, dass es nicht immer reicht, Menschen einfach nur zur Vergebung aufzufordern. Wer schweres Unrecht erfahren hat, braucht zunächst Worte für seine Klage, seine Wut und sein Ringen mit Gott. Und was bedeutet das jetzt? Sollen wir jetzt jeden Sonntag Klagelieder singen und um Gerechtigkeit flehen? Ich glaube nicht. Wenn wir diese Psalmen in unsere Liturgie aufnehmen, dann müssen wir sie kontextsensibel beten.
Kurz gesagt, ich halte den Ausschluss dieser Psalmen für problematisch und genauso auch die unreflektierte Aufnahme in den Gottesdienst.
Vier Leitlinien für einen verantwortlichen Umgang
Aber wie können wir diese Psalmen verantwortungsvoll in unsere Liturgie integrieren? Ich habe dazu vier Gedanken.
Erstens: Solche Gebete sind situativ und nehmen die Perspektive der Betroffenen von Unrecht ernst. Wenn eine Gemeinde gerade Tage der Freude hat, weil sie zum Beispiel eine Taufe feiert, dann muss sie nicht künstlich eine Situation der Klage schaffen. Ich glaube vielmehr, dass Gerechtigkeitspsalmen im Gottesdienst dort ihren Platz haben, wo die Situation der Gemeinde danach verlangt, und zwar in Notsituationen. Ich denke da an Kirchenverfolgung und Kirchenunterdrückung. Diese Kirche wird das beten, und sie wird es beten müssen.
Jemand sagte dazu einmal treffend: Unsere Liturgie muss ein Spiegel unserer erlebten Gotteserfahrung sein. Liturgie muss immer auch Reaktion auf Erleben sein. Wo das nicht der Fall ist, da wird die Liturgie zu etwas, das sich von unserer Glaubenserfahrung löst. Mit anderen Worten: Die Liturgie soll nicht an der Realität unseres Lebens vorbeisingen, sie soll auf das antworten, was wir tatsächlich erleben.
Wie das konkret aussehen kann, beschreibt Silvia Bukowski anhand einer Erfahrung aus dem Bosnienkrieg. Ich lese das mal vor. Sie schreibt: Nach den Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg 1992 bis 1995 habe ich über Psalm 10 gesprochen und die Bezeichnung „Gottlose“ darin durch „Vergewaltiger“ ersetzt. Plötzlich war es keine Frage mehr, ob dieser Psalm in einen Gottesdienst gehören kann. Er wurde zu einer erschütternden Klage, in die auch manche Frauen der Gemeinde einstimmen konnten, die bis dahin keine Sprache für ihre eigene Gewalterfahrung gefunden hatten und aus Scham nirgendwo darüber hatten reden können.
Aber auch wenn eine Gemeinde nicht selbst von solchem Unrecht betroffen ist, kann sie stellvertretend um Gerechtigkeit für andere beten, die genau das erleben. Ich denke zum Beispiel an unsere verfolgten Geschwister. Indem die Gemeinde ihre Stimme für sie erhebt, macht sie die Not zu ihrer eigenen und bringt ihre Solidarität mit ihnen zum Ausdruck.
Zweitens: Die Gemeinde muss verstehen, dass diese Psalmen Gebete sind und keine Handlungsanweisungen. Wenn wir sagen: Gott, schaffe du Gerechtigkeit, dann überlassen wir das Gericht Gott. Wir verzichten auf Selbstjustiz.
Drittens: Man sollte sich überlegen, ob man tatsächlich jedes drastische Bild der Psalmen unverändert in den Gottesdienst hineinnimmt. Auf jeden Fall sollte man solche Metaphern der Gemeinde vorher erklären. Es soll dabei aber nicht darum gehen, diese Metaphern zu entschärfen, sondern darum, zu verstehen, was man betet.
Viertens: Wir müssen diese Gebete im größeren biblischen Zusammenhang lesen und beten. Die Gerechtigkeitspsalmen sind, wie Thorsten Uhlig sagt, nicht das letzte Wort im Umgang mit unseren Feinden. Neben ihnen stehen die Aufforderung zur Feindesliebe und die Bitte um Vergebung.
Die Ahndungspsalmen sind nicht das letzte Wort im Umgang mit unseren Feinden, aber sie können das erste Wort sein: das erste Wort eines Menschen, der schweres Unrecht erfahren hat und vor Gott bringt, was er sonst vielleicht nicht aussprechen könnte. Solange diese gefallene Welt besteht, sind solche Worte nicht überholt. Sie sind gültige, wenn auch vorläufige Gebete. Aber sie weisen über sich selbst hinaus, hin zu Jesus und zu seinem Ruf, unsere Feinde zu lieben und für sie zu beten.
Und so möchte ich diese Reihe mit dem Satz beenden: Die Ahndungspsalmen sind gültig, und die Aufforderung zur Feindesliebe ist endgültig.
Das Buch von Regina Gallwitz ist im Lit-Verlag erschienen: www.lit-verlag.de
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
Seine App "Frogwords" gibt's für Android und iOS.
Jürgens aktuellste Gebets-Infos gibt's hier zum Lesen und Abonnieren.
