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Gender, sexuelle Vielfalt und das Evangelium

10.07.2024
Zwischen Selbstbestimmung und Körpergrenze: Was, wenn dein Gefühl nicht der beste Kompass ist? Die Suche nach Identität wird hier nüchtern geprüft – und mit einer klaren christlichen Antwort konfrontiert.

Einleitung und thematische Verortung

Herr Präsident, ganz herzlichen Dank für die Einladung und die freundliche Begrüssung!
Es gibt Vorträge, mit denen man sich beim Publikum beliebt machen kann. Also zum Beispiel: Urlaub zwischen Bergen und Meer, meine fünf Empfehlungen für Sie. Und es gibt Themen, mit denen man keinen Blumentopf gewinnen kann. Heute Abend werde ich ohne Blumentopf nach Hause gehen, denn unser Thema lautet: Gender, sexuelle Vielfalt und das Evangelium.
Warum ist das so? Nun, es ist ein Thema, bei dem kaum alle zufrieden nach Hause gehen. Die einen sagen zum Schluss, das war vielleicht doch ein bisschen weich, zu sehr um Verstehen bemüht und um Versöhnung. Und die anderen sagen: einfach zu scharf, zu klar in der Position, zu biblisch. Wie auch immer es am Ende sein mag: Die Schwierigkeit des Themas besteht auch darin, dass es ein sehr persönliches Thema ist. Wir alle sind sexuelle Wesen, wir alle haben eine Geschichte damit. Und es ist ein sehr persönliches Thema.
Ich möchte aber gleichzeitig versuchen, es nüchtern zu betrachten und Sachlichkeit in die Auseinandersetzung zu bringen. Und das kann man so oder so auffassen.
Was haben wir heute Abend vor? Ich habe drei Punkte mitgebracht. Auf dem Weg zur sexuellen Vielfalt möchte ich Sie hineinnehmen in die Frage: Was sind die Stationen des Weges, an dessen momentanen Punkt wir aktuell angekommen sind? Wir werden uns dann insbesondere das Thema Geschlechtstransition anschauen. Das bedeutet auch gleich eine Einschränkung: Aus der Fülle der Phänomenbereiche und der Themen sexueller Vielfalt möchte ich mich auf einen Bereich konzentrieren. Und dann werden wir das Evangelium und die neue Identität in Christus mit Ihnen anschauen.

Der lange Weg gesellschaftlicher Veränderungen

Erster Punkt also auf dem Weg zur sexuellen Vielfalt.
Wenn es darum geht, eine Thematik im Lichte des biblischen Zeugnisses zu beurteilen, dann beginnt das Prüfen mit dem Wahrnehmen. Es geht zunächst einmal darum, sich mit geöffneten Augen anzuschauen: Wovon sprechen wir? Worum geht es hier? Was sind die Entwicklungen? Wer sind die Protagonisten, die da eine Rolle spielen? Das möchte ich mit Ihnen anschauen.
Ich habe dazu einige Ebenen unterschieden, die ich vorschlagen möchte. Das Erste, was wir uns anschauen wollen, ist eine gesellschaftspolitische Dimension. Der Blick auf die letzten 200 Jahre ist dabei sehr knapp und sehr kurz gehalten. Ich will nur zeigen, wie sich Dinge entwickelt haben. Und ich überlasse es zunächst einmal Ihrem eigenen Nachdenken und Mitdenken, dass Sie sozusagen überlegen: Wie sehe ich eigentlich das, was hier gerade beschrieben wird? Ist das eine Fortschrittsgeschichte? Oder ist es eine Verfallsgeschichte? Wir werden sehen.
Vor zweihundert Jahren haben wir in Westeuropa eine Entwicklung und in Nordamerika eine Entwicklung, die uns bis heute prägt. Es ist die Ausbildung und die Festschreibung des Gedankens der Menschenrechte. Die Vorstellung, dass jeder Mensch unveräußerliche Rechte hat, die er – und das war das Besondere gegenüber dem Staat – geltend machen kann. Die Vorstellung, dass jeder von uns Freiheitsrechte in Anspruch nehmen darf, in denen ihn der Staat nur so weit begrenzen darf, dass jeder andere auch diese Rechte hat.
Diese Freiheitsrechte waren also zunächst gedacht als Abwehrrechte gegenüber dem Staat und als Möglichkeit, die eigene Individualität und die eigene Persönlichkeit zu entfalten. Wir haben 1789 zum Beispiel die französische Erklärung der Menschenrechte, die solche Vorstellungen festschreibt und ihrerseits auf amerikanische Vorlagen zurückgeht, die ebenfalls solche Rechte festschreiben.
Wenn nun die französische Erklärung der Menschenrechte von Menschenrechten spricht, müssen wir in die Praxis schauen: Wie wurden sie umgesetzt? Und wir stellen sehr schnell fest, dass diese Menschenrechte als Männerrechte umgesetzt wurden. Und zwar als Rechte des freien Mannes. Die wenigsten Personen damals nahmen die Spannung wahr, die darin besteht, dass hier von Rechten die Rede war, die alle Menschen haben, aber in den USA eine Bevölkerungsgruppe, nämlich die der Schwarzen, der Sklaven, offenbar gar nicht als Menschen betrachtet wurde. Sie fehlen jedenfalls nicht unter dem Schutz solcher Menschenrechtserklärungen.
In Frankreich wiederum waren es insbesondere die Frauen, die nicht vorgesehen wurden. Es brauchte dann eine Bewegung, die entstand und sagte: Menschenrechte sind nicht Männerrechte, sondern sie sind Rechte für Männer und Frauen. Das heißt, wir haben die Idee der Menschenrechte und gleichzeitig aber Leerstellen in der Umsetzung oder in der Ausgestaltung dieser Rechte.
Und so konnte es nicht ausbleiben, dass in dem sich anschließenden Jahrhundert, im neunzehnten Jahrhundert, Bewegungen stärker wurden, Bewegungen Momentum erlangten, also Einfluss erlangten, die sich – die einen – mit der Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels befassten und darauf drängten, dass Sklaven wie Menschen behandelt werden. Zugleich bildeten sich auch Bewegungen aus, die auf Frauenemanzipation drängten. Und wir müssen da zunächst an sehr grundlegende Bedürfnisse denken, um die es da ging.
Also im neunzehnten Jahrhundert eine Zeit, in der die Frauenemanzipation zu einem Thema wird, in der es aber nie den einen Feminismus gibt, sondern von Anfang an unterschiedliche Strömungen mit unterschiedlichen Interessen. Das überrascht nicht, weil Frauen 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen und 50 Prozent der Bevölkerung selten exakt die gleichen Anliegen und Vorstellungen haben. Da spielten unter anderem soziale Unterschiede eine Rolle.

Feministische Strömungen und ihre Folgen

Zwei wichtige Spielarten des Feminismus, zwei wichtige Strömungen des Feminismus, sind heute für uns von Bedeutung. Ich nenne sie den Feminismus der Fürsorge und den Feminismus der Freiheit. Das sind die zwei Strömungen, die wichtig sind.
Der Feminismus der Fürsorge stellt fest, wie der Kapitalismus entsteht. Mit der Industrialisierung werden Wohnsphäre und Arbeitssphäre voneinander getrennt. Männer und Frauen gehen arbeiten. Weil sich die wenigsten Familien leisten konnten, dass nur ein Partner arbeitet und der andere zu Hause ist, war die Lebenswirklichkeit vieler Menschen in dieser Zeit das Zur-Arbeit-Gehen.
Der Feminismus der Fürsorge stellt fest, dass in der sich entwickelnden kapitalistischen Gesellschaft nur dem ein Wert zugesprochen wird, was mit Geld bezahlt wird, was mit Leistung und mit Erwerbstätigkeit verbunden ist. Was fällt da aber durchs Raster? Das sind all die Fürsorgeleistungen, die in der Familie erbracht werden: Pflegeleistungen, Erziehungsleistungen.
Und der Feminismus der Fürsorge sagt: Es kann nicht sein, dass der Kapitalismus alle Lebensbereiche bestimmt und dass nur das als wertvoll, als für die Gesellschaft bedeutsam zählt, womit Menschen Geld verdienen. Er setzt sich also dafür ein, dass die Familie anerkannt wird als ein Raum, in dem es nicht nach ökonomischen Mustern geht.
Wir wissen das vielleicht aus den eigenen Familien: Es ist eine Herausforderung, Kinder dazu zu bringen, Aufgaben zu erfüllen, die einfach zu den familiären Aufgaben gehören, und zwar ohne dass sie dafür Geld bekommen. Also diesen monetären Ansatz, was bekomme ich dafür, kenne ich auch von meinen Kindern. Da muss man überlegen, wie weit man die innerfamiliären Verhältnisse monetarisieren möchte. Denn eigentlich ist das Wertvolle am Sozialraum Familie gerade das, dass er nicht definiert wird über das Tauschen von Leistung gegen Geld.
Hier geht es also darum, dass die häusliche Sphäre mit ihren besonderen Beziehungen der Zugehörigkeit als vollwertig anerkannt wird, auch wenn sie nicht kapitalistisch funktioniert. Das ist der Feminismus der Fürsorge.
Zugleich bildete sich aber eine Strömung heraus, die ich jetzt bezeichne als Feminismus der Freiheit. Der Feminismus der Freiheit geht einen anderen Weg. Er sagt: Wir sehen doch, und im 19. Jahrhundert zumal, dass die einflussreichen Positionen in der Gesellschaft durchweg von Männern besetzt sind. Die politisch, ökonomisch, sozial, wirtschaftlich, kulturell und finanziell bedeutsamen Posten sind alle mit Männern besetzt.
Der Feminismus der Freiheit verspricht Frauen Freiheit dadurch, dass sie den Weg des Wettbewerbs, den Weg der Erwerbsorientierung, den Weg der Karriere einschlagen, um mit den männlichen Erwerbsbiografien mitzuhalten und in diesen Wettbewerb um die einflussreichen Stellen einzutreten. Das nennen wir also den Feminismus der Freiheit.
Wenn wir heute sehen, welche dieser beiden Spielarten sich letztlich durchgesetzt hat, dann ist das ganz offensichtlich eher der Feminismus der Freiheit. Er propagiert die Vorstellung eines Doppelverdiener-Ehepaars mit Kindern, die sich den Großteil der Woche in staatlicher Betreuung befinden.

Von Gleichberechtigung zu neuen Freiheitsansprüchen

Jetzt sehen wir wieder zwei Spielarten des Feminismus, von denen die eine eine sehr starke Bedeutung und Wirkung erzielte und vor allem auch politisch einflussreich war. In den 1980er Jahren erlebte sie noch einmal eine Hochphase. Es war die Zeit, in der in der Bundesrepublik sozusagen verkrustete Strukturen aufbrachen und soziale Grenzen durchlässiger wurden. Zugleich wurde der Ruf laut, Frauen und Männer nicht nur im Grundgesetz, Artikel 6, gleichberechtigt zu behandeln, sondern sie auch in der Praxis wirklich gleich zu behandeln.
In diesem Zuge kam es zur Änderung des Familienrechts, insbesondere auch zur Erleichterung der Ehescheidungen und zur Legalisierung der Abtreibung beziehungsweise zur stärkeren Möglichkeit, sozusagen eine Abtreibung zu haben.
Wenn wir uns diese Entwicklung anschauen, dann sehen wir, dass in den nächsten Jahrzehnten, vor allem ab den 1980er- und 1990er-Jahren, eine weisere Stimme laut wurde. Sie sagte: Nun haben wir lange genug über Frauen gesprochen, und da ist viel für Frauen erreicht worden. Aber die Gesellschaft besteht nicht nur aus Männern und Frauen, sondern sie besteht auch aus sexuellen Minderheiten. Diese Stimme wurde laut und wies beharrlich darauf hin, dass es in jeder Gesellschaft einen kleinen Prozentsatz von Menschen gibt, die sich in der Zweigeschlechtlichkeit, dem Gegenüber von Mann und Frau und der Heterosexualität als einer Orientierung, nicht einfinden können.
Wir müssen dies auch vor dem Hintergrund betrachten, dass in der Bundesrepublik bis 1993 männliche Homosexualität strafbar war, zum Schluss, sage ich mal, mit einer Freiheitsstrafe. Vor diesem Hintergrund wurde die Forderung laut, dass sexuelle Minderheiten eben nicht mehr kriminalisiert werden, dass sie auch nicht mehr pathologisiert, also als krank betrachtet werden, sondern dass sie Teil der Gesellschaft sein dürfen.
Ein Text, der in dieser Weise bekannt wurde und bis heute ein wichtiger Text ist, sind die Jogjakarta-Prinzipien von 2007. Jogjakarta ist eine Stadt in der Nähe der indonesischen Hauptstadt, wo sich Menschenrechtsaktivisten versammelten, die darauf drängten, dass Staaten Rechte implementieren, insbesondere Schutzrechte für Angehörige sexueller Minderheiten.
Es entstand eine breite Rezeption für ein Verständnis von sexueller Identität, in dem die sexuelle Identität ganz in das innere Empfinden der einzelnen Person zurückgenommen ist und nichts mehr zu tun hat mit meinem Körper, mit meiner biologischen Körperverfassung, mit meiner Leibgestalt. Wir werden uns das gleich noch genauer anschauen.
Das heißt, wir haben hier also eine gesellschaftliche Entwicklung, von der wir sagen können: Okay, hier gab es offensichtlich immer wieder auch Freiheitsgewinne für bestimmte Gruppen. Was aber war jeweils der Preis, der dafür auch zu zahlen war? Das will ich jetzt noch nicht beantworten, sondern auf eine zweite Ebene eingehen, die geistig-intellektuelle Dimension.

Autonomie, Echtheit und die Kultur der Akzeptanz

Ich werde Sie jetzt hier nicht mit Namen von grossen Philosophen und einflussreichen Denkern foltern, sondern will es ganz schlicht machen mit drei A-Wörtern, alle drei aber anständiger Natur. Das erste ist hier Autonomie, ich habe das mal unterschrieben, alles, was Recht ist.
Nun, was geschieht im Übergang sozusagen von der Vormoderne in die Moderne, als unsere westlichen Gesellschaften modern werden? Nun, die vormodernen Gesellschaften, immer auch noch mit sehr wenig Menschen, lebten sehr stark auf der Basis, sag ich mal, hierarchischer Machtverhältnisse. Es hing sehr viel daran, wo man, unter welchen Bedingungen und in welche Familie man geboren wurde. Und es spielten soziale Nahverhältnisse und das Vertrauen, das man zueinander hatte, eine starke Rolle.
Im 19. Jahrhundert steigt die Bevölkerungszahl, alles wird dichter, kompakter, auch unpersönlicher letztlich. Und vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, dass die Aufklärung sagt: Wir wollen die bisherigen Verhältnisse, auch Machtverhältnisse, überwinden. Denn wir möchten, dass jeder Mensch selbstbestimmt sein Leben führen kann. Nicht eine andere Instanz, sei es der Staat, sei es die Religion, sei es die Herkunftsfamilie, soll darüber bestimmen, wie ein Mensch lebt, sondern jeder soll das für sich entscheiden können.
Und wenn ich hier sage, alles, was Recht ist, dann ist damit gemeint, dass die sozialen Verhältnisse jetzt mehr und mehr verrechtlicht werden. Das, was Mangelware wird, immer mehr in grossen, komplex organisierten Gesellschaften, ist Vertrauen. Wo Vertrauen zurückgeht, wo Vertrauen weniger wird, braucht es mehr rechtsförmige Verträge und Vereinbarungen. Also wenn ich heute meine Kinder auf eine Freizeit schicke, dann habe ich lange Formulare von Belehrungen, die ich am Ende unterschreiben muss, schlicht aus dem Grund, weil es nicht mehr anders geht. Alle Verhältnisse sind sehr stark verrechtlicht, weil jeder letztlich sein Recht auch einfordert, und sei es das des Schadenersatzes oder was immer es sei.
Also, das erste ist das Stichwort Autonomie, die Selbstgesetzgebung der menschlichen Vernunft. Wer da einen philosophischen Namen zu braucht, das ist Immanuel Kant.
Das zweite Wort, das ich hier habe, ist die Authentizität, also nicht alles, was recht ist, sondern alles, was echt ist. Denn wenn ich selbst entscheiden, wenn ich selbst wählen kann, dann brauche ich irgendwie auch einen Massstab für das, was ich dann wähle. Nun, die Kultur der Authentizität sagt: Gewählt wird, was gefällt, gewählt wird, was zu mir passt, gewählt wird, was ich empfinde. Es geht also durchgängig darum, ganz echt zu sein, ganz ich selbst zu sein, auch im Verhältnis zu den anderen sozusagen das ausdrücken zu dürfen, was ich innerlich empfinde.
Und dieses sich ausdrücken dürfen ist ganz wichtig. Und da, wo ich mich nicht ausdrücken darf, werde ich unterdrückt. Das geht also relativ schnell, das zu sagen. Nun ist völlig klar, dass wir in unserer Gesellschaft nicht allen Empfindungen Ausdruck verleihen können, die wir in uns spüren. Ja, das ist sehr deutlich.
Also ich erinnere an den Direktor der Hannoveraner Staatsoper, der irgendwie im Dauerclinch lag mit einer Journalistin, die unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Bühnenrezensionen schrieb, das heisst, diese Aufführung rezensierte, besprach, und seine Aufführung dabei üblicherweise sehr kritisch wegkam. Er begegnete ihr also in der Pause einer Aufführung, und das ging durch die Presse, vielleicht haben Sie es damals mitbekommen. Und im Laufe des Gesprächs wurde er sehr wütend und schmierte ihr Hundekot ins Gesicht.
Nun weiss ich nicht, ob das wirklich eine Spontanhandlung war, weil ich meine, ich habe immer einen Sakko an, damit ich alles bei mir habe, aber Hundekot gehört halt nicht dazu. Nun, jedenfalls ist es ganz klar, er hat sofort Hausverbot bekommen, ist entlassen worden, inzwischen hat er aber eine neue Anstellung. Und jedenfalls ist deutlich: Das gilt natürlich nicht für alle Empfindungen, die wir da ausdrücken dürfen. Aber seit der sexuellen Revolution, eigentlich schon ein bisschen früher, privilegieren wir in einer gewissen Weise sexuelle Empfindungen. Ja, die bleiben grundsätzlich mal freigestellt von der Kritik durch andere. Und hier gilt eben wirklich: Ich habe ein Recht darauf, so wird gesagt, ganz ehrlich zu sein in meinen sexuellen Empfindungen, denen auszudrücken, ich ein Recht habe.
Nun habe ich also gesprochen von der Autonomie, dem Recht darauf, mein Leben selbstbestimmt zu führen. Ich habe gesprochen von der Authentizität, dem Recht darauf, das auszudrücken, was ich innerlich empfinde. Und diese beiden sozusagen von der Aufklärung und von der Romantik her kommenden Grundbestimmungen sind natürlich verschwistert. Also die haben dieses Geschwisterstreiten auch mal, das war auch literarisch so. Geschwister streiten auch mal, aber irgendwie ist die gemeinsame Herkunft dann doch erkennbar.
Und so ist das auch hier, dass beides mündet letztlich in eine Politik der Akzeptanz, in der letztlich, abgesehen von einigen ganz, ganz weit draussen liegenden roten Linien, die man nicht überschreiten darf, wie zum Beispiel das Stichwort Pädosexualität, Sex mit Kindern. Da ist eine rote Linie gezogen, die wird sogar heute wieder strenger gezogen als in den 1970er Jahren. Aber abgesehen jetzt von diesen sehr weit aussen liegenden roten Linien gilt grundsätzlich, dass alle Lebensentwürfe, alle Beziehungsformen als gleich gut zu beurteilen sind und dass dort keine Abstufungen, keine Wertdifferenzen in der Beurteilung zugelassen werden.
So, das heisst, wir erleben hier, wie sozusagen der Ansatz der Autonomie und der Authentizität zusammenstimmen. Ich bin beim Besuch eines Freundes mal auf dieses Buch gestossen, das bei ihm auf dem Tisch lag, von der Fernsehjournalistin Nina Ruge mit dem schönen Titel Sei du der Leuchtturm deines Lebens. Ich blieb gleich dran hängen, nicht weil ich so nah von der Küste komme, aber ich dachte mir: Hm, ich habe nicht viel Ahnung von Seefahrt, aber ich hatte das mit dem Leuchtturm immer anders verstanden. Ich dachte, der gibt dem Schiff Orientierung, weil er Licht auf das Schiff ist. Sei du der Leuchtturm deines Lebens, da fährt man es vor die Wand.
Nun, also die Autorin sieht das anders, und wir sehen auch, dass sie selbst dann eben schreibt: Selbstbestimmt und frei durch innere Führung. Da haben sie das beides, das selbstbestimmte und das innere Moment, das harmoniert dann irgendwie auch doch wieder ganz gut.
Wenn man diese Entwicklung, die ich jetzt hier charakterisiert habe, zusammenfasst, dann könnte man das mit den Worten des Soziologen Gerhard Schulze tun, der mal in einem Buch interessanterweise mit dem Titel Sünde geschrieben hat: Es ist dir Mensch gesagt, was gut ist, steht in der Bibel. Für heutige Menschen lautet die Botschaft: Es ist dir zwar nicht gesagt, was gut für dich ist, aber du kannst versuchen, es herauszufinden.
Schulze beschreibt es in seinem Buch übrigens als säkularer Soziologe sehr anschaulich, dass er sagt: Wenn wir uns anschauen, welche Ansprüche Menschen heute an ihr Leben stellen, dann unterwerfen sie sich einem härteren Leistungsdenken, als es in jedem mittelalterlichen Kloster zu finden war. Das bedeutet, die Befreiung von den historischen Zwängen, von traditionellen Lebensmustern und Ähnlichem führt tatsächlich nicht dazu, dass Menschen sich wirklich freier erleben, sondern dass sie sich menschengemachten Gesetzen, Vorstellungen, Erwartungshaltungen anderer unterwerfen.
Meine Lektüre heute auf dem Weg hierher war ein Interview mit einem Kinderarzt, der ein Buch darüber veröffentlicht hat, wo er schreibt, wie stark heute eben auch Erziehung und das, was man aus den Kindern machen möchte, einem ausgeprägten Leistungsdenken unterliegt, das uns zudem alle gesunde Intuition abtrainiert. Ja, für die Frage also: Eltern, sagt er, lesen heute zehn Ratgeber und fragen sich dann, was mache ich jetzt, weil die auch nicht das Gleiche sagen. Und er empfiehlt mehr gesunde Intuition, einfach mal dem Herzschlag folgen. Und da gibt es sicherlich einiges auch, was man richtig machen kann.

Sexualität, Moral und die Frage nach Gewinn und Verlust

Die letzte Ebene, die ich hier im Blick auf Entwicklung ansprechen kann, ist die sexualethische Dimension. Ich beziehe mich hier auf den Soziologen Sven Lewandowski, also nicht zu verwechseln mit einem Fußballer. Er beschreibt in einem Aufsatz drei Entwicklungen. Auch das beschreibt er zunächst aus einer säkularen Perspektive, also beobachtend und nicht bewertend, und stellt dreierlei fest, und zwar mit Blick auf die letzten Jahrzehnte und im weiteren Sinne auch auf die vergangenen zwei Jahrhunderte.
Das Erste, was er sagt, ist: Sexuelle Beziehungen sind intim und privat. Das klingt jetzt erst einmal sehr banal, weil man denkt: Natürlich macht man die Tür zu. Aber worauf er hinweisen will, ist, dass Sexualität erst in unserer hochindividualistischen Gesellschaft des Westens etwas ist, was rein der persönlichen Aushandlung unterliegt. Bis in die Neuzeit und in anderen Kulturen auch heute noch hat Sexualität ganz viel mit dem zu tun, was die jeweilige Religion sagt, und ganz viel damit, was die Herkunftsfamilie sagt. Wir können das in Deutschland durchaus noch in Migrationsmilieus sehen, wo sich die Familie dazu äußert und eine Meinung dazu hat, wie die Tochter zu leben hat. Meistens betrifft es dann die Tochter.
In unserer Gesellschaft, also im spätmodernen Individualismus, sind sexuelle Beziehungen etwas, worüber mir bitte niemand reinredet, auch die eigenen Eltern nicht. Das ist die erste Beobachtung, die er hier macht.
Die zweite ist, dass Sexualität kommerzialisiert und in den Massenmedien allgegenwärtig ist. Könnte man zunächst denken, das sei ja ein Widerspruch zum Ersten, aber tatsächlich ist es das auch nicht. Wenn Sexualität nicht mehr kulturell geregelt wird, sondern ausschließlich dem eigenen Empfinden nachgegangen wird, dann ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass Menschen empfinden: Na ja, ich möchte meine Sexualität für Geld verkaufen oder ich möchte das im Internet zeigen, wie auch immer. Also: Sexualität ist stark kommerzialisiert. Mit Sexualität wird einfach, mit Sex wird viel Geld verdient, und sie ist auch in den Massenmedien allgegenwärtig. Da könnte man jetzt noch einmal leicht differenzieren.
Hollywood hat schon über einige Jahrzehnte versucht, auch eine familienfreundliche Filmkultur zu etablieren. Aber alles, was in Hollywood sozusagen an nackter Haut bedeckt wurde, wurde im Internet dann wieder entdeckt, so könnte man das sagen.
Das Dritte, was Lewandowski feststellt und was unsere Kultur kennzeichnet, ist der Umstand, dass es keine genuine Sexualmoral mehr gibt. Kurz gesagt: einverstanden ist, was zählt. Was meint er mit der genuinen Sexualmoral? Er will sagen, dass wir in traditionell verfassten Kulturen und in Europa eben sozusagen noch bis ins 19. Jahrhundert hinein, vielleicht bis ins 20. Jahrhundert, also bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts, Anstandsregeln hatten. Also dieses ganz alte Wort der Ritterlichkeit, das ritterliche Verhalten des Mannes gegenüber der Dame und so weiter. Diese Dinge sind weit hinweggefallen, weit hinweggefallen.
Wenn Sie sozusagen noch diesen Ethos der Ritterlichkeit und des Anstands in sich spüren, müssen Sie sehr genau aufpassen, was Sie tun. Einer Frau die Tür aufzuhalten oder einen Platz anzubieten, kann sehr schnell als Sexismus ausgelegt werden, weil es sozusagen impliziert, dass hier der Mann meint, das schwächere Geschlecht müsse jetzt irgendwie bevorzugt werden und Ähnliches. Also da kann man wirklich in so viele Fettnäpfchen tappen, dass man immer Ersatzschuhe bei sich haben sollte.
Was habe ich Ihnen nun hier erzählt? Ich habe Ihnen zehn Minuten oder länger etwas dargestellt von Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten. Und jetzt frage ich Sie: Ist das eine Fortschrittsgeschichte, ist das eine Verfallsgeschichte?
Mein Deutungsvorschlag wäre, sich nicht zu schnell auf eines von beiden festzulegen, sondern zunächst einmal wahrzunehmen: Es gab in unserer westlichen Gesellschaft Entwicklungen, bei denen es sinnvoll ist, so etwas wie eine Gewinn-Verlust-Rechnung aufzumachen. Was meine ich damit? Gewinn-Verlust-Rechnung meint zunächst einmal anzuerkennen, dass es Entwicklungen gab und sicherlich auch weiter gibt, die bestimmten Personengruppen Freiheitsgewinne beschert haben.
Also es war bis in die 1970er Jahre zum Beispiel so, dass eine Frau keine Verträge unterschreiben konnte, ohne Zustimmung ihres Ehemannes. Das galt jetzt also für Ehefrauen insbesondere. Das heißt, das Familienrecht in der Bundesrepublik ist in den 1970er Jahren geändert worden. Jetzt könnte man sagen, es herrschte durchaus ein Freiheitsgewinn. Vielleicht möchte man ja auch gar nicht bei jeder Unterschrift seiner Frau gefragt werden, ob die Zustimmung da nötig ist.
Also wir haben einerseits in verschiedenen Bereichen Freiheitsgewinne. Und wenn Sie jetzt noch einmal an den von mir benannten homosexuellen Mann denken, der nach § 175 des Strafgesetzbuches ins Gefängnis ging, wird er auf jeden Fall Ihnen erzählen, dass er einen Freiheitsgewinn erlebt hat mit der Abschaffung dieses Paragraphen 1993.
Also wir haben Gewinne auf der einen Seite. Mein Vorschlag ist, dem sozusagen eine Verlustrechnung gegenüberzustellen. Was ist jeweils der Preis, den wir für bestimmte Gewinne aufbringen müssen? Und da stellen wir meines Erachtens fest, dass in der Gesamtbetrachtung der letzten zweihundert Jahre der Preis immer höher geworden ist. Wir zahlen einen immer höheren Preis für immer kleinere Freiheitsgewinne.
Also man kann sozusagen bestimmte Minderheiten in der Bevölkerung so weit in ihren Anliegen nach vorne bringen, dass Menschen, die so etwas leben wie eine Normalfamilie – ich setze es mal in Anführungsstriche, damit ich keine Haue kriege – sich fragen: Wo komme ich eigentlich politisch noch vor? Was wird eigentlich für Menschen getan, die sozusagen in den Verhältnissen leben, die die Mehrheit der Bevölkerung abbildet?
Also, ich überlasse das Ihrer genaueren Bewertung. Mein Vorschlag ist aber, nicht zu schnell in dieses Muster zu fallen: Alles ist gut geworden. Oder in das Muster zu fallen: Alles geht den Bach runter. Sondern zu fragen: Was sind sozusagen reale Freiheitsgewinne, die wir auch anerkennen können, und was sind wirklich auch Verluste? Verluste an Stabilität für Familien, Verluste an Sicherheit für das Aufwachsen von Kindern und so weiter.

Opfererfahrung, Glaubwürdigkeitsverlust und gesellschaftliche Spannungen

Warum diskutieren wir in unserer Gesellschaft die Fragen, die ich hier so intensiv vorstelle? Nun, das hat damit zu tun, dass es ein starkes, ein großes moralisches Kapital von Opfergruppen gibt.
Wenn wir die sexuellen Minderheiten anschauen, die LGBT-Community, dann haben wir es hier mit Menschen zu tun – nicht in jeder einzelnen Person, aber grundsätzlich mit einer Gruppe –, die auf ein moralisches Kapital verweisen kann. Dieses wächst aus ihrer Verfolgung, Diskriminierung und Marginalisierung in der Vergangenheit.
Das heißt: Wenn Menschen ihre Geschichte erzählen und sagen, ich musste meine sexuelle Orientierung verbergen, weil ich wusste, welche Konsequenzen es hat, wenn ich mich oute; jemand erzählt, ich ging dafür ins Gefängnis; ich habe noch erlebt, was es bedeutet, wegen seiner Sexualität ausgegrenzt zu werden und so weiter, dann haben wir hier das moralische Kapital von Opfergruppen. Und das können sie argumentativ nicht wegdiskutieren.
Es ist wichtig zu sehen, warum die Diskussion so läuft, wie sie läuft. Sie können persönliche Erfahrungen von Menschen nicht wegdiskutieren mit dem Argument, das sei nicht in Ordnung, das sei nicht richtig und das sei nicht biblisch oder wie auch immer.
Das zweite, was gerade unsere christlichen Überzeugungen in dieser Diskussion so angreifbar macht, ist tatsächlich der massive Glaubwürdigkeitsverlust der Kirchen in den letzten Jahrzehnten. Dieser hat sich noch einmal stärker dynamisiert durch die Aufdeckung und Aufarbeitung, oder zumindest ansatzweise Aufarbeitung, des sexuellen Missbrauchs in der Kirche.
Und jetzt wird es Ihnen in der Praxis tatsächlich nicht helfen, wenn Sie sagen: Ich bin nicht katholisch, oder ich gehöre nicht zur evangelischen Landeskirche, sondern ich gehöre zu einer Freikirche. Für eine säkularisierte Mehrheitsgesellschaft zählen solche feinen Differenzen nicht mehr. Als Christen sitzen wir an dieser Stelle alle in einem Boot.
Der Glaubwürdigkeitsverlust einer Institution, die sagt: Wir stehen ein für moralische Werte. Wir wollen ein Vorbild dafür sein, wie Menschen miteinander umgehen. Für eine solche Institution ist der Glaubwürdigkeitsverlust massiv, wenn in ihren eigenen Reihen so flächendeckend, wie wir das inzwischen wissen, Missbrauch gab, insbesondere auch an Heranwachsenden.
Also bitte unterschätzen Sie das nicht, den eigenen Stand in der Diskussion, und rechnen Sie damit, dass solche Einwände unverzüglich kommen: Wo ist eigentlich deine moralische Glaubwürdigkeit, wenn du dich zu diesem Thema äußerst?
Ein letzter Punkt, der die Diskussion sehr erschwert, sind die schlicht unvereinbaren Wahrnehmungen, ob sexuelle Minderheiten in unserem Land privilegiert werden oder ob sie weiterhin diskriminiert werden. Je nachdem, mit wem Sie im Alltag unterwegs sind, werden Sie das eine oder das andere wahrscheinlich stärker kennen oder erleben.
Auf der einen Seite sagen Menschen: Ich kann es nicht mehr hören. Ich habe den Eindruck, es geht eigentlich nur noch um sexuelle Minderheiten. Keine öffentlich-rechtlich finanzierte Film- oder Serienproduktion, in der entsprechende Personen nicht vorkommen. Bis in den letzten Regionalexpress nach Paderborn läuft es auf dem Bildschirm durch: Wir sind dankbar, wir sind stolz, der LGBT-Community dienen zu dürfen, und so weiter.
Das heißt: Auf der einen Seite dieser Eindruck, überall begegnet es mir, ich kann diesem Thema nicht ausweichen. Gerade der Junimonat war der Pride Month. Das heißt, vor dem örtlichen Supermarkt ist die Regenbogenfahne aufgezogen, und man kann ihr nicht aus dem Weg gehen.
Aber bedenken Sie bitte, dass wir ein Land sind, und zwar ein inzwischen sehr stark von Migration geprägtes Land. Das ist ja im Zuge von 2015 noch einmal deutlich mehr geworden. Also bedenken Sie bitte, dass es in unserem Land Menschen gibt, die, nehmen wir mal das Beispiel eines homosexuellen Pärchens, sagen: Nun, du stellst dir vor, dass wir ein tolles Leben führen. Tatsächlich wissen wir genau, dass es Wohnquartiere gibt, durch die wir nicht händehaltend gehen dürfen, weil wir um Leib und Leben fürchten.
Und immer wieder gibt es Beispiele dafür, dass Menschen aus der LGBT-Community tatsächlich auch angegriffen werden. Und es gehört zur Wahrheit dazu zu sagen, dass solche Angriffe häufig aus einem Migrationsmilieu heraus stattfinden.
Das heißt: Gefahr für Leib und Leben droht diesen Menschen üblicherweise nicht, sage ich mal, von den harmlosen Christen. Das Äußerste, was sie in die Hand nehmen, ist dann die Bibel. Sondern es droht ihnen tatsächlich durch Menschen, die aus Kulturen kommen, in denen sie so geprägt wurden, dass sie sagen: Dieses Homosexuelle, das ist pervers, das ist abnorm, das wollen wir nicht, wir hassen euch, und so weiter.
Das müssen wir uns klar machen, dass es beides gibt. Und ich denke an eine Lehrerin, die nach einem Vortrag zu mir sagte: Ich sehe das theologisch so wie Sie, aber in meiner Schule muss ich mich vor das queere Mädchen schützend stellen, weil die muslimischen Mitschüler sie so angreifen.
Und das macht es für uns als Christen außerordentlich herausfordernd, weil wir uns von der Vorstellung lösen müssen, diese Fragen seien ganz einfach, ganz schlicht und klar, und es sei auch von vornherein deutlich, was zu tun sei.

Geschlechtstransition und ihre Deutungsrahmen

Also, ich belasse es bei diesen Überlegungen und komme zu meinem zweiten Punkt: Geschlechtstransition als Freiheitsversprechen.
Nun findet aktuell kein Thema so breite Aufmerksamkeit wie die Thematik der Transidentitäten, von Transpersonen und Geschlechtsdysphorie. Was ist Genderdysphorie? Ich habe es hier einmal formuliert: Genderdysphorie meint das Leiden daran, dass das empfundene Geschlecht nicht mit dem im Übrigen eindeutigen Geburtsgeschlecht übereinstimmt.
Das heißt, wir haben eine Spannung, eine erfahrene Spannung zwischen meiner eindeutigen biologischen Leibkonstitution und Geschlechtskonstitution und diesem inneren Empfinden, das mir sagt: Ich bin ein anderer, eine andere Person als die, als der ich euch leiblich begegne. Nun hat sich das Ganze so entwickelt, dass diese Spannung aufgelöst werden darf, soll, und zwar in die Richtung, dass dieses innere Empfinden recht hat und der Körper diesem inneren Empfinden angeglichen werden muss. Das ist der Gedanke dahinter. Also: die Transition in den anderen Geschlechtskörper durch operative Maßnahmen, darum geht es hier.
Im Hintergrund steht die von mir schon genannte Ablösung des Empfindens vom biologischen Geschlecht, also: beides habe nichts miteinander zu tun. Und ich muss hier noch einmal sagen, weil man häufig sagt: Aha, jetzt geht es also darum, dass jeder sein Wunschgeschlecht hat. Das benennt nicht präzise das Problem. Es geht nicht darum, dass jedenfalls in der Intention der Verfechter dieser Theorie geht es nicht darum, dass ich mir irgendetwas wünsche. Sondern es geht um einen als quasi innerlich empfundenen Zwang, in diesem Körper nicht länger leben zu können.
Und dieser Zwang geht häufig mit einem Leiden einher, das medizinisch als Dysphorie bezeichnet wird, quasi als ein Unbehagen. Warum spreche ich jetzt hier von Transgender und warum spreche ich nicht von Transidentität, nicht mehr von Transsexualität? Nun, Transsexualität ist ein Ausdruck, der weithin inzwischen konnotiert wird mit der Phase, als Transsexualität noch als etwas Krankhaftes bezeichnet wurde, man zwei psychologische Gutachten beibringen musste, ein Gericht entscheiden musste, inwieweit der Wunsch, das Geschlecht zu wechseln, nachhaltig, tragfähig, belastbar ist usw.
Also: Transsexualität wird sozusagen mehr der Phase zugewiesen, als es hier noch um die Behandlung einer Krankheit geht, wogegen jetzt weithin von Transgender-Identitäten gesprochen wird, die sich mit der Vorstellung verbinden: Hier ist nichts krank. Also, das ist einfach so, und das Krankhafte sei die Gesellschaft, die nicht bereit ist, das zu akzeptieren, dass das so ist. Das ist sozusagen hier die Verschiebung, die sich vollzieht.
Also behandlungsbedürftig sind eigentlich nicht die Wünsche der Transperson, behandlungsbedürftig sind die Einstellungen der Mehrheitsgesellschaft, die das nicht verstehen will, dass das mit dem Geschlecht anders ist, als sie bisher gedacht haben.

Warum die Zahl der Fälle steigt

Wie können sich solche Überzeugungen durchsetzen? Das ist ja schon eine Frage, die man stellen muss, vor allem bei Überzeugungen, die, sage ich mal, vor 30 Jahren noch kaum jemanden umgetrieben haben, obwohl es immer schon transsexuelle Personen gab. Es gab ja auch seit 1980 ein Transsexuellengesetz und so weiter, in dem das geregelt war.
Ich will einige Aspekte nennen, die dazu beitragen, warum die Zahlen seit circa 20 Jahren exponentiell angestiegen sind. Ich habe Ihnen jetzt diese Kurve erspart, die können Sie in Ihrer Fantasie hier gerne eintragen: also ein steiler Anstieg der Zahl von Personen, die sagen: Ich fühle mich nicht wohl in meinem Körper, ich weiß, ich bin nicht diese äußerlich wahrnehmbare Person, sondern habe eine ganz andere Geschlechtsidentität.
Ich hatte schon darauf verwiesen, das Anliegen der Gruppen ist einfach allgegenwärtig. Sie müssen sich ja klar machen, es gibt in unserer Gesellschaft unterschiedliche Minderheiten. Damit meine ich jetzt nicht, sage ich mal, Minderheit, also mein Vater gehört auch einer Minderheit an, der Apotheker, ja, das ist auch eine Minderheit, aber das ist gar nicht der Punkt. Ich würde schon eher auf Minderheiten verweisen, die Anliegen haben, die meines Erachtens nicht in gleicher Weise gesehen, wahrgenommen werden wie die Anliegen von sexuellen Minderheiten.
Ein Beispiel, was ich hier nennen würde, wären die sieben Prozent in der Europäischen Union. Sieben Prozent der Bürger in der Europäischen Union haben keinen Zugang zum Internet, aus unterschiedlichen Gründen. Das kann ein Nichtkönnen sein, das kann auch ein Nichtwollen sein, das ist aber erst mal egal. Sieben Prozent der Menschen in der Europäischen Union, in Deutschland sind es noch ein paar mehr, haben keinen Zugang zum Internet.
Jetzt überlegen Sie mal, in welchem Maße die Digitalisierung bedeutet, dass sie ohne Internetzugang eigentlich bestimmte Dinge gar nicht mehr machen können, auch bestimmte amtliche Gegebenheiten nicht mehr machen können. Ich musste mich vor einem Jahr in der Schule einer unserer Töchter registrieren, auf einer Webseite der Schule, mit einem supersicheren Passwort, auf dem die Elternbriefe hochgeladen werden. Das heißt, ich bekomme die also, wenn ich jetzt am Netz wäre und ich bekomme die als E-Mail ja auch noch. Nein, ich bekomme nur eine Nachricht, dass es einen neuen Elternbrief gibt, dann muss ich mich da einloggen und den herunterladen und so weiter.
So, und in dem Maße, wie es zu all diesen Vollzügen keine Papieralternative mehr gibt, sind Menschen in unserer Gesellschaft stillschweigend ausgeschlossen von der sozialen Teilhabe. Jetzt überlegen Sie mal, wann Sie das letzte Mal das Phänomen der Internetlosigkeit diskutiert gehört haben. Die Europäische Union hat es neulich mal angesprochen, aber wir hören eigentlich nahezu nichts darüber, verglichen mit der schon allgegenwärtigen oder starken Präsenz von Anliegen der LGBT-Community. Also ich würde jetzt zumindest ein Ungleichverhältnis feststellen wollen, ohne dass ich Minderheiten gegeneinander ausspielen möchte.
Ein weiterer Aspekt ist einfach die Grundregel, die gilt jetzt nicht nur für diese Diskussion, dass da, wo ein Angebot geschaffen wird, eine Nachfrage entsteht. Vielleicht haben Sie das mal anders gelernt, ja, aber es ist tatsächlich so, dass häufig erst eine Neuerung, eine Erfindung da ist, und die erzeugt dann eine Nachfrage. In vielen Unternehmen sind Menschen damit beschäftigt, zu erforschen, was Bedürfnisse von Menschen sein könnten, von denen sie noch nicht wissen.
Denn dass sie einen Kühlschrank brauchen, der ihnen sozusagen digital aufs Handy übermittelt, was jetzt zur Neige geht, die Eier, das Nächste und so weiter, das wissen sie erst, wenn sie wissen, dass es so ein Ding gibt. Vorher dachten sie: Da bin ich gar nicht drauf gekommen, dass mir das fehlt. So ist das in vielen Bereichen. Ein Angebot schafft eine Nachfrage. Das heißt, die chirurgisch-plastischen Möglichkeiten, primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale nachzubilden, schaffen eine Nachfrage danach: Das ist doch genau das, was ich wollte, wonach ich mich gesehnt habe, in diesem falschen Körper drin sein. Endlich gibt es eine Möglichkeit, das jetzt auch plastisch-chirurgisch anzugleichen.
Der vierte Punkt: Affirmation ist besonders wichtig für die ganze Gruppe von Psychotherapeuten, Psychologen usw., die sich jetzt mit einmal in einem verändernden Berufsverständnis wiederfinden. Nach allem, was ich von Psychotherapie verstanden habe, und das ist nicht viel, ist es so, dass sozusagen der Psychotherapeut gemeinsam mit dem Klienten arbeitet. Es ist aber üblicherweise nicht so, dass der Klient kommt und dem Psychologen sagt, was das Ziel sein muss.
Das ist jetzt aber so, weil Psychologen angehalten sind, bei Transidentitäten, bei Genderdysphorie, rein affirmativ zu arbeiten, also einzig bestätigend: Ja, das ist gut, dieser Weg ist in Ordnung, was du spürst, das ist auch nichts Krankhaftes, das ist in Ordnung, das ist auch normal, wir gehen diesen Weg. Und jetzt denken Sie: Na ja, das muss ja jeder für sich selbst wissen. Aber je mehr Sie sozusagen von der Altersgrenze runtergehen und dann bei vierjährigen Kindern landen, ja, und die sollen dann sozusagen sich äußern und wissen bereits, dass sie eine andere sexuelle, eine andere Geschlecht haben, als das, mit dem sie geboren wurden, dann wird es halt problematisch, wenn der Psychologe als derjenige ausfällt, der das auch noch mal hinterfragt oder das bearbeitet und der fragt: Lass uns auf den Weg gehen, mal schauen, wo könnten die Wurzeln für diese Wahrnehmung liegen.
Eine wichtige Funktion haben aber sehr, sehr wahrscheinlich die sozialen Medien. In welchem Ausmaß sie hier eine Bedeutung haben, darüber wird sehr lebhaft diskutiert. Das hat mit einem Buch zu tun, das der amerikanische Psychologe Johnson Haid veröffentlicht hat und das vor ein paar Wochen auch auf Deutsch erschienen ist: Gen Angst. Das zeigt übrigens, dass das Thema, also er schreibt das gar nicht, es geht gar nicht um Transidentitäten darin, aber er hat mir gezeigt, dass das Thema, was wir jetzt hier gerade verhandeln, die Vorstellung, wer bin ich eigentlich, wie komme ich mit meinem Körper klar und all diese Dinge, dass sie in ein größeres Bild gehören, nämlich in das größere Bild des immer niedrigeren Einstiegsalters von Kindern in die Handynutzung.
So, und jetzt muss ich klar machen: Haid beschreibt das auch sehr anschaulich. Wir haben hier Kinder, die immer weniger realweltliche Erfahrungen machen. Was heißt es, mal einen Baum hochzuklettern, und was heißt es, wieder runterzufallen? Was bedeutet es sozusagen, mit dem Roller zu stürzen und einen Ball zu fangen und Ähnliches? Kinder machen immer weniger realweltliche Erfahrungen, sind immer weniger an der frischen Luft. In China hört man das, sage ich mal, 80 Prozent der Jugendlichen sind kurzsichtig, weil sie kaum noch Sonne sehen.
Das sind also alles Dinge, die gewissermaßen zusammenhängen, wo wir sehen: immer weniger realweltliche Erfahrung bei immer größerer Bildschirmzeit. Jetzt müssen Sie sich klarmachen, dass im Internet wir eben nicht den realweltlichen Bildern begegnen, sondern Bildern, die durch x Schönheitsfilter durchgejagt sind. Das heißt, die heute heranwachsenden Kinder werden in einem immer stärkeren Maße mit dem idealen Aussehen, dem idealen Körper und einem sehr schmalen Normbereich von Schönheit konfrontiert.
Und der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die mit ihrem eigenen Körper unzufrieden sind, war noch nie so hoch wie heute. Und meine These ist, dass wir auch das Phänomen der Transgender in diesem größeren Phänomenbereich der Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen, der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper einordnen müssen, jedenfalls nicht getrennt davon betrachten sollten.
Letzter Punkt: Gerade Heranwachsende finden sich konfrontiert mit den Herausforderungen der Geschlechtsidentitätsentwicklung. Sie stehen vor ganz vielen Aufgaben. Pubertät ist Umbauphase im Kopf und so weiter, das wissen wir alles. Also ganz viele Herausforderungen, die sich stellen. Und der Münchner Psychologe Korte, Alexander Korte, der schreibt in diesem Zusammenhang: Die Geschlechtsumwandlung wird von einigen Heranwachsenden mitunter als Lösungsstrategie für sämtliche Probleme betrachtet, wenn ihnen gänzlich andere Entwicklungsaufgaben, die sich, sage ich mal, im Alter des Heranwachsenden stellen, jenseits der Geschlechtsidentitätsfindung subjektiv als nicht bewältigbar erscheinen.
Das heißt, Heranwachsende sind mit enorm vielen Entwicklungsaufgaben erst mal beschäftigt. Und jetzt merken Sie, dass sich Ihnen im Leben Herausforderungen stellen, mit denen Sie nicht ohne Weiteres klarkommen. Und jetzt projizieren Sie sozusagen Ihre Problematik auf die Geschlechtsidentität, weil Sie bereits durch die sozialen Medien vor allem mitbekommen haben: Da gibt es eine Lösung.
Ich sprach mit einem Mitarbeiter einer Einrichtung, in der Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen betreut werden. Also nicht Waisen in dem Sinne, dass es die Eltern nicht mehr gibt, aber Kinder, die aus den Familien genommen wurden und jetzt in einer betreuten Einrichtung sind. Er sagte: Wenn ich diesen Satz höre, erlebe ich genau meine Situation auf Arbeit. Ich habe Kinder und Jugendliche, die aus ganz schwierigen Hintergründen kommen, die ganz, ganz viel Ballast mitbringen, die vor ganz erheblichen Problemen stehen, die sie irgendwie bearbeiten müssen. Und immer mehr von denen sagen einfach: Ich habe eine Transidentität, weil sie sich erhoffen, dass, wenn sie das als das Problem benennen, es ja eine Lösung dafür gibt.
Und insofern sollte es uns durchaus beunruhigen, dass hier die Zahlen dann doch so erheblich steigen. Es sollte uns noch aus anderen Gründen auch beunruhigen, und zwar weil die hier von mir so benannte Identitätspolitik ihre Folgen hat. Und es ist mir wichtig, an dieser Stelle zu sagen: Bitte unterscheiden Sie immer zwischen betroffenen Personen. Nicht jede betroffene Person ist auch Aktivist oder Aktivistin. Es gibt Menschen, die hier mit elementaren Lebensfragen zu tun haben, vor großen Herausforderungen stehen und richtig am Kämpfen sind. Etwas anderes ist meines Erachtens, ihre gewissermaßen selbsternannten Vertreter in Politik und Gesellschaft und Nichtregierungsorganisation zu sehen, die einer bestimmten Agenda folgen, von der sie behaupten, dass sie den Betroffenen zu Wohl und Nutzen ist. Das würde ich jetzt erst noch einmal hinterfragen.
Zunächst will ich aber lediglich auf drei Aspekte verweisen. Zunächst mal den politischen Aspekt: Wir haben jetzt also das Selbstbestimmungsgesetz in Deutschland, das im November in Kraft tritt und das es ermöglicht, den Geschlechtseintrag durch einfache Erklärung auf dem Bürgeramt zu ändern. Das wird drei Monate später wirksam, das heißt von männlich zu weiblich, von weiblich zu männlich oder unter Einschluss auch von divers. Es bedarf keiner weiteren Voraussetzungen dafür. Was bedeutet, dass der Geschlechtseintrag seine ordnende, seine natürlich seine Symbole und seine Ordnungsfunktion verliert.
Nun, es ist bekannt, dass die Bundesregierung an der Stelle ihrer eigenen Theorie nicht ganz traut. Das Gesetz tritt außer Kraft oder wird außer Kraft gesetzt im Verteidigungsfall, im Kriegsfall des Landes. Ich weiß nicht, woran Sie da jetzt genau denken, was da passieren könnte, aber dass diese Vermutungen nicht aus der Luft gegriffen sind, hat mir ein Beispiel gezeigt, auf das ich vor wenigen Tagen stieß. Und zwar geht es um die mutmaßlich linksextremistische Person, ich muss mich jetzt ein bisschen gestelzt ausdrücken, um die mutmaßlich linksextremistische Person Maja T. Maja T. hatte damals noch unter dem Namen Samuel T. in Ungarn, in der ungarischen Hauptstadt Budapest, eine Demonstration von Rechtsextremisten aufgemischt, dort Menschen körperlich verletzt und war dann nach Deutschland zurückgegangen und ist nun vor einigen Tagen nach Ungarn überstellt worden.
Weil die Richter in Deutschland gesagt haben, die Tat hat ganz klar einen Bezug in Ungarn, weil sie in Ungarn stattfand, es wurden ungarische Staatsbürger verletzt und so weiter. Um in letzter Minute quasi diese Auslieferung zu verhindern, nein, ich muss anders formulieren: Samuel T. wusste plötzlich, dass er nonbinär ist, und der Anwalt machte geltend, dass es nonbinäre Personen in Ungarn sehr schwer haben.
Und jetzt ist der Punkt: Ich kann natürlich überhaupt nicht beurteilen, ob Samuel T. wirklich in dem Moment das innere Empfinden bekam, eine nonbinäre Person zu sein, oder ob diese Person diesen Geschlechtswandel outete, um eine Überstellung nach Ungarn zu verhindern. Und es ist für mich auch gar nicht entscheidend, das beurteilen zu können. Die Pointe der Geschichte ist: Es ist nicht mehr überprüfbar. Also Gebrauch und Missbrauch des Gesetzes sind nicht mehr überprüfbar, und wo das nicht der Fall ist, würde ich sagen, taucht ein Gesetz nicht viel.
Wir erleben hier die Folgen, dass das natürliche Geschlecht seine Symbole und Ordnungsfunktionen verliert. Das Ganze hat auch unabsehbare Folgen für Schule, Sport usw. Aus den USA hören wir inzwischen, wo das Phänomen schon sehr viel breiter verbreitet ist in der jüngeren Generation, immer mehr, wie der Frauensport unter die Räder kommt. Ich habe das jetzt hier nicht mitgebracht von der Weltklasse-Schwimmerin, einer Transfrau, die in ihrer Disziplin alle Frauen besiegt. Könnte das etwas mit Körperbau zu tun haben? Ich weiß es nicht.
Die 16 Bundesländer wurden von einer großen deutschen Tageszeitung befragt, wie sie damit umzugehen gedenken, wenn mehrere Monate vor dem Abitur Schüler mitteilen, dass sie fortan weiblichen Geschlecht sind und die Abitursportprüfung nach den Leistungsparametern für Mädchen ablegen möchten. Keine dieser Bundesländer hatte eine Antwort darauf. Aber auch diese Dinge, sage ich mal, sind möglich.
Letztlich verliert die Frauenförderung, um die Feministinnen jahrzehntelang gerungen haben, von heute auf morgen ihre biologische Basis. Was eben noch eine Frauenquote war, ist fortan ein Witz, wenn sie sich durch einfache Erklärung zu einer Frau definieren kann.
Das Ganze hat auch medizinische Aspekte. Es ist unstrittig, dass es eine hohe Korrelation gibt zwischen Transidentitäten und psychologischen Störungen. Die Hoffnung ist aber, oder die Verheißung, die gemacht wird, ist, dass diese Störungen verschwinden, wenn man einfach die Menschen ihren Weg gehen lässt, durch die Transition hindurch. Insbesondere da, wo das sozusagen bereits Kindern und Jugendlichen dieser Weg eröffnet werden soll, ist das schwierig, auch deshalb, weil die Datenlage noch nicht so gut ist, um entscheiden zu können, ob das wirklich so ist. Mein Eindruck von den Studien ist, dass diese höhere Rate an psychologischen Störungen eben auch nach der Transition noch da ist, und deshalb ist hier Vorsicht geboten.
Worüber Aufklärung erfolgen muss, ist meines Erachtens ganz wichtig: dass eine Transition im körperlichen Bereich den Verlust der sexuellen Empfindungsfähigkeit nach sich ziehen kann, der Fortpflanzungsfähigkeit und auch zur lebenslangen Einnahme von Hormonen, weil sonst sozusagen das Geschlecht der Wahl oder das Geschlecht, in dem man sich identifiziert, nicht aufrechterhalten werden kann, weil der Körper ja sozusagen da nur widerwillig mitmacht.
Der Deutsche Ärztetag hat im Mai 2024 eine Resolution verabschiedet, in der gefordert wird, Pubertätsblockern, geschlechtsumwandelnden Hormontherapien und ebenso solchen Operationen bei unter 18-Jährigen nur im Rahmen kontrollierter wissenschaftlicher Studien zu gestatten, also dahingehenden Wünschen Minderjähriger prinzipiell nicht zu folgen. Das war der Deutsche Ärztetag, ich bin kein Arzt, mir fehlt auch die Expertise, hier im Einzelnen eine Beurteilung abzugeben. Ich würde es aber sehr ernst nehmen, wenn ein solches Gremium sich dafür ausspricht, fortan zu verzichten auf Pubertätsblocker und gegengeschlechtliche Hormone bei unter 18-Jährigen.
Tatsächlich ist es so, dass eine ganze Reihe von Staaten wie Schweden, Norwegen, Frankreich, Großbritannien wieder Abstand davon nehmen, nachdem das jetzt eine Reihe von Jahren so lief. Nun ist es ein Kennzeichen von Deutschland, dass wir in vielen Fragen sozusagen immer etwas später sind als die anderen, uns aber diesen Nachteil sozusagen nicht als Vorteil zunutze machen, aus den Erfahrungen anderer zu lernen, sondern sagen: Ist egal, wir gehen da jetzt auch durch. Das heißt, jetzt kommt erst mal das Gesetz, wo das in Deutschland auch unter 18-Jährige in Anspruch nehmen dürfen, und meines Erachtens eben zum Nachteil der Betroffenen.
Einen letzten Aspekt, den man hier nennen muss, dafür muss man nicht sonderlich kapitalismuskritisch eingestellt sein, um auf die Idee zu kommen, wo man zukünftig gut Geld anlegen kann: Wenn sich der Anteil der Menschen mit Transidentität, die darauf angewiesen sind, lebenslang gegengeschlechtliche Hormone einzunehmen, wenn dieser Anteil sich auch nur geringfügig erhöht, ist das ein enormer wirtschaftlicher Faktor, was Profite angeht mit der Produktion solcher Hormone. Das heißt, meines Erachtens ist das hier sehr wichtig zu sehen.

Theologische Orientierung und neue Identität in Christus

Ich schliesse mit einem theologischen Teil, mit einer theologischen Orientierung, denn mir geht es nicht darum, Minderheiten zu diskreditieren. Mir geht es nicht darum, bestimmte Personen hier sozusagen an den Pranger zu stellen. Was ich versucht habe, ist zu zeigen, was die grösseren gesellschaftlichen Zusammenhänge sind und was auch die historischen Wurzeln sind, die wir hier erleben.
Abschliessen möchte ich aber mit dem Evangelium und der neuen Identität, die wir in Christus haben. Das Evangelium von Jesus Christus lädt uns ein, uns zu beheimaten in der Identität als Geschöpfe Gottes zu sein, die Gabe des Lebens von Gott her anzunehmen. Denn jeder Mensch ist von Gott geschaffen als ein einzigartiges Wesen. Das ist meines Erachtens der Ausdruck, der der Rede von „Wir sind alle divers“ entschieden vorzuziehen ist. Als Geschöpfe sind wir einzigartig; darin liegt die Auszeichnung und Würde eines jeden einzelnen Menschen.
Geschaffen hat Gott Menschen als Mann und Frau, was sich in ihrer Leibgestalt abbildet. Der Leib begegnet uns hier also als eine Gabe, nicht als ein Besitz, den wir nach unseren eigenen Präferenzen bearbeiten oder manipulieren oder umgestalten sollen. Vielmehr ist er uns gegeben als eine Gabe Gottes zum Leben in Gemeinschaft. Die engste Form der Gemeinschaft ist die Familie. Sie ist aber nicht die einzige Form der Gemeinschaft, denn Gemeinschaft geht auch darüber hinaus.
Und schliesslich: Da, wo die Gesellschaft eine sexuelle Identität anbietet, bietet uns das Evangelium eine Identität, die sich in der Kommunikation mit anderen ausbildet, nicht zuletzt in der Begegnung mit Gott. Nun ist es so, dass diese Vorstellung, dieser Plan Gottes, dass wir als Geschöpfe leben sollen und die Gabe des Lebens annehmen dürfen, vom Menschen durchkreuzt worden ist. Als Geschöpfe scheitern habe ich das Ganze überschrieben, denn die Sünde ist nach biblischem Zeugnis etwas, was ausnahmslos alle Menschen befällt.
Wir merken hier an dieser Stelle noch einmal, dass wir nicht über anderen Menschen oder Menschengruppen stehen, weil nach Römer 1 bis 3 alle Menschen unter der Signatur der Sünde stehen. Deren unmittelbarste Folge ist, dass wir die Fähigkeit verlieren, Schöpfer und Geschöpf zu unterscheiden. All das, vieles von dem, was ich vorhin als Entwicklung beschrieben habe, verdankt sich letztlich diesem Umstand, dass wir nicht mehr in der Lage sind, Grenzen anzuerkennen, vom Schöpfer gesetzte Grenzen zu respektieren, sondern uns an die Stelle Gottes setzen und meinen, alles sei uns möglich.
Daraus, dass wir als Geschöpfe in einer gefallenen Schöpfung leben, folgt auch, dass innere Empfindungen, die so zentral sind für das heutige Verständnis von Geschlechtsidentität, kein verlässlicher Kompass für das sind, was uns von Gott bestimmt ist. Verlässlicher Kompass für das, was Gott uns bestimmt hat, ist einzig sein Wort. Empfindungen legen uns auch nicht fest, sondern innere Empfindungen sind dafür da, dass wir uns zu ihnen verhalten. Wir sollen ihnen nicht einfach Raum geben, sondern uns zu ihnen verhalten.
Und es ist meines Erachtens auch ein Irrweg, jedenfalls vom Schriftzeugnis her, für sich eine Identität zu wählen, die ich nur behaupten kann unter Absehung von meinem Körper, unter Absehung von meinem Leib. Zwei Sätze sind mir wichtig, die möchte ich Ihnen hier auch so mitgeben.
Erstens: Jeder Mensch ist von Gott unbedingt bejaht in seinem Dasein als Person, und das gilt verausnahmslos für jeden Menschen, egal wie er sich empfindet, egal wie er sich erlebt, egal wie er in seiner Sexualität orientiert ist. Jeder Mensch ist von Gott unbedingt bejaht in seinem Dasein als Person.
Zweitens: Diese Person ist durch die Sünde entstellt und bedarf der Erneuerung durch Gottes Geist. Und die Herausforderung für uns besteht theologisch gesprochen darin, diese beiden Sätze zusammenzuhalten und nicht auf einen von beiden zu verzichten. Dann kippt die Sache. Ich weiss, dass es schwierig ist, weil diese beiden Sätze in einer Spannung zueinander stehen, weil wir unsere menschliche Natur ja in uns als Person erleben. Aber es ist trotzdem wichtig, sie zu unterscheiden.
So dass ein Satz, den ich Ihnen auch gerne mitgeben möchte, lautet: Weder innere Empfindung noch andere Menschen können uns sagen, wer wir sind. Das kann allein Jesus Christus, unser Schöpfer, der uns in Jesus Christus als seine Kinder annimmt.
Und das bedeutet noch einmal, und damit komme ich zum Schluss: Auch unsere Identität, die wir empfangen, ist uns zugesprochen von Gott. Sie ist zugleich eine von Gott zugesprochene Identität, Kind Gottes zu sein, neue Schöpfung in Jesus Christus zu sein. Zugleich ist sie eine Entmachtung aller Ansprüche von sexueller Identität, bestimmen zu dürfen, wer wir sind und wie wir zu leben haben.

Schluss: Gemeinde, Schuld und Begleitung

Ganz herzlichen Dank. Ich überspringe jetzt einiges und schlage vor, dass wir uns als Gemeinden neu unter die Frage stellen: Bleibt denn nun nach dem, was ich gesagt habe, alles so, wie es ist?
Ich denke, die Antwort ist Nein. Aber nicht im Sinn einer Veränderung der Lehre, sondern im Sinn einer Veränderung, einer Erneuerung der Gemeindekultur.
Wir brauchen das Bekenntnis der Schuld, da wir schuldig geworden sind, auch als Christen, auch als evangelikale Christen. Wir brauchen das Zuhören. Denn es gibt letztlich nicht die LGBT-Community, sondern es gibt nur eine Zahl von Menschen, die ihre je eigene Geschichte haben.
Wir brauchen die Begleitung, auch die Geduld, die es in der Begleitung von Menschen braucht. Wir brauchen biblische Lehre, vorgetragen aber auch in der Empathie der Liebe Jesu Christi.
Das Wichtige ist: Ein Mensch wird seine gewählte Identität, auch seine gewählte Geschlechtsidentität, nur aufgeben, wenn ihm eine neue, bessere Identität angeboten wird. Daher bleibt der Auftrag, alle Menschen mit Jesus Christus bekannt zu machen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.