Serie•Teil 12 / 25Hebräerbrief
Generierte Mitschrift
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Einleitung und Rückblick auf den bisherigen Gedankengang
So, Bibelwoche 2008, Hebräerbrief, Kapitel 7, die Verse 1 bis 10.
Ich habe euch gestern früh mit einem eher kryptischen Satz entlassen. Das ging gestern nicht anders. Und wer sich gestern ein bisschen am Kopf kratzend zurückgeblieben ist, dem werde ich heute Abend wenigstens mit der Auflösung anfangen. Wir werden nicht ganz fertig werden, das machen wir dann morgen. Aber ich werde zumindest versuchen, einen Einstieg zu wagen in das, was ihr gestern wahrscheinlich noch nicht ganz verstanden habt.
Aber bevor wir das machen, einen Rückblick. Ich rekonstruiere mal den Gedankengang, der hinter uns liegt. Ich habe euch das gestern früh versucht zu erklären. Eben noch warnt der Autor des Hebräerbriefs – wir wissen nicht, wer das ist – seine Leser davor, einen Fehler zu machen, den sie nie wieder gut machen können, nämlich diesen Fehler, ihren Glauben an Jesus wegzuwerfen.
Und dann, kaum hat er das gesagt, relativiert er das, was er sagt, im Sinne von: Ja, das stimmt schon, aber eigentlich denken wir, dass ihr davon gar nicht so betroffen seid, denn wir kennen ja euer Leben. Du denkst dir: Okay, super. Um dann fortzufahren, ungefähr so: Aber bitte passt auf, dass ihr eure Hoffnung nicht verliert, denn Verheißungen werden im Allgemeinen von denen geerbt, die ausharren und glauben.
Dann bringt er ein Beispiel. Im Kleinen sieht man das ganz schön bei Abraham, der auf die Geburt seines Stammhalters, auf Isaak, wartet. Und dann traut er sich, als Gott ihn auffordert, seinen Sohn zu opfern, das auch zu tun? Er vertraut Gott, er glaubt. Und deswegen ist Abraham einer, der durch Glauben und Ausharren tatsächlich die Verheißung erbt, die Gott ihm gibt. Witzigerweise ist das eine Verheißung, die nicht nur Abraham gegeben wurde, sondern über Abraham auch uns.
Also: Wir lernen dann an Abraham, was das heißt zu glauben, was es heißt auszuharren. Aber da war noch ein Punkt gestern, wenn ihr euch erinnert: Wir lernen auch etwas über Gott. Gott ist ein Gott, der Hoffnung schenkt. Und diese Hoffnung ist absolut sicher. Gott schwört. Diese Hoffnung ist nichts, und das war dann so fast der letzte Punkt gestern, diese Hoffnung ist nichts, was nur zukünftig ist, sondern es ist etwas, was ich heute schon habe.
Wisst ihr, das ist manchmal so ein Vorwurf an uns Christen. Da gibt es Leute, die sagen: Ihr Christen, ihr seid so Leute, ihr vertröstet die Leute immer auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Ihr macht heute nichts, ihr sagt immer: Das Beste kommt erst noch. Und jetzt komme ich und sage: Der Text sagt etwas anderes. Der Text, den wir gestern betrachtet haben, sagt, dass, obwohl die endgültige Erfüllung all unserer Hoffnung zukünftig ist – das stimmt schon. Ich erwarte hier auf der Erde nicht das Paradies. Ganz ehrlich, ich erwarte eher das Gegenteil. Obwohl die endgültige Erfüllung meiner Hoffnung zukünftig ist, bin ich heute, obwohl ich noch auf dieser Erde lebe, Gott ganz nahe.
Das ist das Ungewöhnliche der christlichen Hoffnung. Es ist eine Hoffnung auf etwas, was ich eigentlich im Kern schon habe. Ich habe versucht, ein Beispiel dafür zu bringen. Ich habe vor ein paar Jahren ein bisschen Theologie studiert und tatsächlich irgendwann auch so weit gemacht, dass da ein Abschluss rauskam. Und jetzt warten wir – meine Frau hat das auch gemacht – auf die Abschlussurkunde. Da warten wir aber schon drei Jahre drauf. Und jetzt haben wir gefragt: Wo bleiben die?
Also kam eine Rückmeldung: Ja, ja, die Amis haben die rübergeschickt. Dann haben wir die gelesen, da waren die Namen aber falsch geschrieben. Könnt ihr euch ja vorstellen: Bärbel und Jürgen. Versuchen wir mal, den Ami das schreiben zu lassen. Zumindest mussten die wieder zurückgeschickt werden, neu ausgedruckt werden, mussten wieder her, neu unterschrieben.
Das heißt, formal habe ich einen theologischen Abschluss. Fragst du mich: Hast du einen theologischen Abschluss? Nein. Die Urkunde ist irgendwo noch so am Werden. Ich bin irgendwie noch nicht fertig. Ich bin fertig und doch nicht fertig.
So ist das mit unserer Hoffnung. Wir haben eine Hoffnung, die fertig ist. Da fehlt nichts an dieser Hoffnung. Aber die Gestaltwerdung, die Realisierung dieser Hoffnung, dass wir sagen können: Ja, jetzt sind wir richtig am Ziel, jetzt pappen wir die Urkunde an die Wand – das haben wir noch nicht.
Wir haben eine Hoffnung, die mehr ist als nur ein Hoffen, weil sie, wie wir gehört haben, direkt ins Allerheiligste reicht, wo Jesus hineingegangen ist als unser Wegbereiter. Und trotzdem müssen wir noch hier leben. Und deswegen, weil diese Spannung da ist, deswegen gilt es, dass wir diese Hoffnung oder den Eifer um die Gewissheit der Hoffnung nicht verlieren.
Versteht ihr das? Wir haben einen Vater im Himmel. Wir sind gerechtfertigt, wir sind erlöst, geheiligt, unsere Sünden sind komplett vergeben, wir sind geliebte Kinder Gottes, wir sind Miterben des Universums, wir sind dazu berufen, in alle Ewigkeit Gott anzubeten und das Leben, das er uns schenken möchte – nein, geschenkt hat – genau dieses Leben zu feiern. Wir sind am Ziel, und doch, ich sage es mal so: Der offizielle Abschluss fehlt uns noch.
Jürgen, hast du dann keine Angst, dass die Sache am Ende vielleicht noch schiefgehen könnte? Nein, habe ich nicht. Und ich hoffe, ihr wisst noch, was die Antwort gestern war. Habe ich nicht, weil die ganze Sache nicht an mir hängt, nicht an meinen Möglichkeiten, sondern an meinem Herrn. Ich habe eine Hoffnung, weil Gott es mir versprochen hat, aber viel besser noch, weil Jesus als der Wegbereiter ins Allerheiligste gegangen ist und jetzt, ich zitiere mal den Vers von gestern, nach der Ordnung Melchisedeks und dort Hohepriester in Ewigkeit geworden ist.
So, da waren wir stehen geblieben.
Das Alte Testament als Bildwelt für das Neue
Jemand hat einmal gesagt, das Alte Testament sei so etwas wie das Bilderbuch des Neuen Testaments. Das mag, wenn man es so formuliert, vereinfacht klingen, aber ich finde, dass das schon einmal ein guter Start ist.
Es gibt nämlich viele Dinge im Alten Testament. Ich mache mal ein paar Beispiele: Da gibt es Opfer, Priester, manche Gebote und feste Tempel. Wenn man in den Tempel hineingeht, gibt es dort Leuchter, Tische, Altäre und Vorhänge. All diese Dinge wollen uns etwas beibringen. Es sind stark vereinfachte Bilder für Prinzipien und auch für Abläufe, die wir eigentlich erst im Neuen Testament richtig verstehen.
Ich liebe meinen Enkel. Mein Enkel Lukas hat ein Buch über die Feuerwehr. Das schaue ich mir manchmal mit ihm an. Er ist zweieinhalb, und ihr könnt euch vorstellen: Die Bilder, die da drin sind, haben mit einer wirklichen Feuerwehr nicht wirklich viel zu tun. Das sind Kinderbilder. Bei dem Wort stark vereinfacht würde sich ein echter Feuerwehrmann wahrscheinlich noch die Haare raufen. Aber trotzdem ist es so: Mein Enkel lernt etwas über Feuerwehr, wenn er sich das anschaut. Er lernt die Grundsätze, so wie eine Feuerwache aufgebaut ist. Ja, was es da so für Autos gibt, wozu man die Leiter braucht, dass man, wenn man mit dem Schlauch spritzt, dass da vorne Wasser rauskommt, dass man damit den Brand löschen kann und so weiter.
Das Alte Testament verhält sich in vielen Dingen zum Neuen Testament wie dieses Kinderbuch über Feuerwehr zur Berliner Berufsfeuerwehr. Irgendwo ist da eine Verbindung. Und die dürfen wir nicht vergessen, wann immer wir das Alte Testament lesen.
Ich sage das deshalb, weil wir uns jetzt viel und tief mit dem Alten Testament beschäftigen werden. Der Hebräerbrief nimmt uns damit an die Hand und ermutigt uns dazu, dass wir, wenn wir das Alte Testament lesen, eine zweite Ebene finden. So wie man beim Lesen von einem Kinderbuch über Feuerwehr natürlich checken muss, dass es dahinter eine richtige Feuerwehr gibt. Und so lesen wir das Alte Testament, und wir haben es da nicht mit Mythen zu tun, sondern mit Geschichte. Aber neben dem, was wir da lesen, befindet sich eine zweite Dimension.
Das bedeutet oft, dass Gegenstände, Feste, Opfer und Personen mit einer über sie hinausreichenden Bedeutung aufgeladen sind. Sie stehen also nicht nur für sich selbst, sondern zum Beispiel für ein Prinzip oder sie bereiten den Weg für Jesus. Und so eine, ich nenne das mal, aufgeladene Person ist dieser Melchisedek.
Die rätselhafte Gestalt aus der Urgeschichte
Da heißt es in Hebräer 7,1: Denn dieser Melchisedek, „König von Salem, Priester Gottes des Höchsten, der Abraham entgegenging und ihn segnete, als er von der Niederwerfung der Könige zurückkehrte“.
So, du suchst Melchisedek in der Bibel? 1. Mose 14 – und nur dort. Also, das ist so eine der Personen, die man beim ersten Lesen echt leicht übersehen kann. Er ist ein König, das steht da. Er ist der König von Salem, den Ort kennen wir eher unter seinem späteren Namen Jerusalem. Und er ist die erste Person in der Bibel, die als Priester bezeichnet wird.
Vielleicht ganz kurz die Geschichte: Abraham, den kennen wir, glaube ich, alle. Abraham wohnt in Israel, er hat einen Neffen, Lot. Beide trennen sich, weil sie einfach zu groß geworden sind. Und das ist bei Hirten so eine Sache: Man kann nicht beliebig viele Tiere auf dieselbe Weide stellen. Also trennen sich die beiden. Lot siedelt sich in Sodom an, was sich später als nicht unbedingt die glücklichste Entscheidung herausstellt. Unter anderem auch deshalb, weil der König von Sodom in einer Schlacht verliert. Und wenn man in einer Schlacht verliert, dann passiert im Allgemeinen Folgendes: Die eigene Stadt wird geplündert. Genau das ist passiert.
Und jetzt möchte ich 1. Mose 14,11-17 mit euch einfach mal lesen. Dann sind wir ein bisschen im Alten Testament drin.
Also, die Stadt wird geplündert: Da nahmen sie alle Habe von Sodom und Gomorra und all ihre Nahrungsmittel und zogen davon. Und sie nahmen Lot mit, den Sohn von Abrahams Bruder, und seine Habe und zogen davon; denn er wohnte in Sodom.
Es kam ein Entkommener und berichtete es Abram, dem Hebräer. Er wohnte aber unter den Terebinthen Mamres des Amoriters, des Bruders von Eschkol und des Bruders von Aner; die waren Abrams Bundesgenossen.
Und als Abram hörte, dass sein Bruder gefangen weggeführt war, ließ er seine bewährten Männer ausrücken, seine Hausgeborenen, dreihundertachtzehn Mann. Also, er nimmt erst mal seine Leibgarde mit, wo er sagt: Auf die kann ich direkt zurückgreifen.
Und er jagte ihnen nach bis nach Dan. Und nachts teilte er sich und fiel über sie her, er und seine Knechte, und schlug sie und jagte sie nach bis nach Hoba, das links von Damaskus liegt. Also, ihr merkt, es geht immer weiter nach Norden. Und er brachte die ganze Habe zurück, und auch Lot, seinen Neffen, und dessen Habe brachte er zurück, und auch die Frauen und das Volk.
Das ist so ein Abraham, nach dem Motto: Okay, die haben meinen Neffen geklaut. Hm, ja, gerade ist keiner mehr da, der ihn retten kann. Mach ich. Er hat nicht nur seine eigenen Leute, er hat noch ein paar Freunde. Die wird man im späteren Text auch finden. Also hat er noch ein paar Kumpels eingeladen, die haben vielleicht auch ihre dreihundertachtzehn Mann mitgebracht. Auf alle Fälle: Das Problem wird gelöst. Wir jagen ihnen nach und holen alles wieder zurück.
Das ist die Vorgeschichte.
Melchisedek und die Frage nach wahrer Größe
Und dann kommt der nächste Vers: 1. Mose 14,18. Und Melchisedek, das ist wirklich so ein Bumm, plötzlich ist er da. Und Melchisedek, König von Salem, brachte Brot und Wein heraus, und er war Priester Gottes des Höchsten.
Also, wir wissen zu diesem Zeitpunkt im Alten Testament nichts über ihn. Und zwei Verse später verschwindet Melchisedek aus der Bibel, genau so geräuschlos, wie er aufgetaucht ist. Einfach nur so hineingesprenkelt, so blüm. Und doch total wichtig, wenn man verstehen will, wie es überhaupt sein kann, dass Jesus als hoher Priester für uns zu Gott gehen konnte.
Also bitte vergesst eine Sache nicht: Der Hebräerbrief wurde zu einer Zeit geschrieben, als der Tempel in Jerusalem noch stand. Jesus war schon gestorben, das ist etwa 30 nach Christus. Die Gemeinde war entstanden. Aber die jüdische Religion mit Tempel, Priester, Hohepriester, Passa, Pfingsten, Laubhüttenfest, großem Versöhnungstag, Morgenopfer, Abendopfer usw. all das gab es noch bis 70 nach Christus. Das heißt: ungefähr 40 Jahre lang überlappt das, was man Alten Bund nennt, mit dem, was wir heute Neuen Bund nennen.
40 Jahre lang fragen sich die Christen: Warum hört das Alte eigentlich nicht auf? Das Ganze ist noch ein bisschen komplizierter, weil es 40 Jahre lang nicht immer nur gut geht. In dem Maß, wie sich die Christen dann so als eigenständige Gruppe outen, werden sie verfolgt, eben auch von den Juden.
Der alte Bund wurde geschlossen mit dem Volk Israel am Berg Sinai. Der alte Bund ist alt, der neue Bund neu, geschlossen mit allen Gläubigen am Kreuz Golgatha. Aber sie überlappen. Und das Verhältnis der beiden Bünde zueinander, ja, was mache ich denn jetzt mit dem Alten und dem Neuen, wie passt das zusammen? Das Verhältnis der beiden Bünde zueinander ist durchaus, theologisch betrachtet, eine schwierige Sache.
Die Christen predigen, dass Jesus am Kreuz für die Sünde der Menschheit gestorben ist. Also, das sagen wir ja auch allen Leuten. Wenn ich jemanden frage, woran muss ich glauben, damit ich gerettet werde, würde ich sagen: Man muss an Jesus glauben. Ja, was muss ich denn von Jesus glauben? Na, dass er für unsere Sünden gestorben ist. Was soll ich ihm sonst sagen?
Und natürlich, wenn die ersten Christen das so predigen als Juden, dann verwenden sie völlig zu Recht alle möglichen alttestamentlichen Bilder und übertragen sie auf Jesus. Jesus ist das Passalam. Aber Jesus ist natürlich auch unser hoher Priester. Und spätestens an der Stelle, wenn man das sagt, wird ein echter Jude sagen: Stopp, das geht gar nicht. Also, Jesus kann nicht Priester sein. Er kann weder sich selbst noch irgendein anderes Opfer bringen.
Ja, warum nicht? Ganz einfach: Priester stammen, wenn man nur in die Bibel hineinschaut, immer aus dem Stamm Levi, Punkt. Wenn du nicht Levit bist, also wenn du nicht irgendwo Levi als deinen Vorfahren hast, dann kannst du kein Priester sein. Und bei Jesus ist völlig klar: Er stammt aus dem, ja, er ist Nachfahre von David, er stammt aus dem Stamm Juda. Das geht gar nicht. Der kann kein Priester sein.
Und damit ist für einen normalen Juden die Idee, Jesus wäre unser Hohepriester, einfach nur völlig absurd. Das geht nicht, erledigt. Nicht aber für den Schreiber vom Hebräerbrief. Der weist uns nämlich ganz nett darauf hin, dass es Melchisedek gibt. Genau diesen Melchisedek, der hier eben zur Zeit von Abraham lebt.
Und jetzt lesen wir noch einmal 1. Mose 14,18-20. Das sind die einzigen Verse im Alten Testament, in denen wir überhaupt etwas über Melchisedek lesen, also über die Person. Und Melchisedek, König von Salem, brachte Brot und Wein heraus, und er war Priester Gottes des Höchsten. Und er segnete ihn und sprach: Gesegnet sei Abraham von Gott, dem Höchsten, der Himmel und Erde geschaffen hat. Und gepriesen sei Gott, der Höchste, der deine Bedränger in deine Hand ausgeliefert hat. Und Abraham gab ihm den zehnten von allem.
So, das ist das, was das Alte Testament über Melchisedek sagt. Der Hebräerbrief sagt jetzt noch ein klein bisschen mehr.
Die typologische Deutung und ihre Konsequenzen
Hebräer 7,1-2 heißt es: Denn dieser Melchisedek, „König von Salem, Priester Gottes des Höchsten, der Abraham entgegenging und ihn segnete, als er von der Niederwerfung der Könige zurückkehrte, dem auch Abraham den Zehnten von allem zuteilte“, heißt übersetzt zunächst König der Gerechtigkeit, dann aber auch König von Salem, das ist König des Friedens.
Melchisedek, der Name einfach mal übersetzt – da muss man jetzt kein Hebräisch können –, könnte man glauben, das stimmt: König der Gerechtigkeit. Und der König von Salem, bei dem Wort Salem, da klingt auch im Deutschen so dieses Wort Schalom noch ein bisschen mit: Schalom, Frieden, König des Friedens. Das ist einfach nur eine Übersetzung.
Ich weiß nicht, wie es euch geht. Ihr lest diese drei Zeilen: Melchisedek, Brot und Wein. Das erinnert irgendwie an Jesus. Gerechtigkeit und Frieden – ich weiß nicht, ob man besser zusammenfassen könnte, was Jesus in meinem Leben getan hat. Wenn man das so liest und mit der Idee liest, dass das Alte Testament das Bilderbuch des Neuen ist, dass sich da manchmal diese zweite Ebene noch in den Erzählungen versteckt, weil derselbe Heilige Geist das Alte Testament inspiriert hat, der auch das Neue Testament inspiriert hat, dann steckt hier für mich eine ganze Menge Jesus drin.
Der Schreiber vom Hebräerbrief geht jetzt noch ein bisschen weiter. Er nimmt einen anderen Vergleichspunkt, Vers 3: Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister, hat er weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens. Er gleicht dem Sohn Gottes und bleibt Priester für immer.
Jetzt muss ich sagen: Achtung, wir haben es jetzt hier mit Typologie zu tun. Hier wird wirklich etwas aus dem Alten Testament, so wie es dasteht, genommen und als ein Bild übertragen. Wörtlich genommen wäre, wenn das stimmte, Melchisedek kein Mensch, sondern er wäre eine übermenschliche, übernatürliche Figur, die ewig lebt. Darum geht es dem Schreiber vom Hebräerbrief nicht.
Wie wir noch sehen werden, ist Melchisedek der Schlüssel, um zu verstehen, wie Jesus als Nicht-Levit Hohepriester hat werden können. Das heißt ja, das haben wir gestern schon gehabt, er kam nach der Ordnung Melchisedeks. Melchisedek spielt eine ganz entscheidende Rolle.
So, es ist Typologie. Das heißt, Melchisedek ist ein normaler Mensch. Aber die Art, wie er ein- und eigentlich nicht wieder sauber aus der Geschichte ausgeführt wird, dieses „kein Vater, keine Mutter, kein Geschlechtsregister“, keine Geschichte von seiner Geburt und von seinem Tod, und das liest das Alte Testament umgeben von Geschichten, wo es immer um die Frage geht: Wo kam der her? Wer war sein Vater? Wann ist er gestorben? Das macht das Alte Testament so langatmig: eine halbe Seite, eine Dreiviertelseite Namen. Da scheint nichts Wichtigeres manchmal als Geschlechtsregister zu geben. Und der hier, der so wichtig ist, da spielt plötzlich das alles keine Rolle.
Das ist so ganz untypisch, wie er dargestellt wird. Dieses Untypische, dieses Nicht-Ein- und Nicht-Wieder-Sauber-Ausgeführt-Werden, das macht ihn zu einem Typos für Christus. Wichtig ist, dass wir das jetzt nicht falsch verstehen. Nicht Jesus gleicht Melchisedek, sondern umgekehrt. Du müsstest richtig lesen, ja? Also nicht Jesus gleicht dem Melchisedek. Zuerst ist er Sohn Gottes, dann kam Melchisedek und wird so beschrieben, dass wir, die wir dem Sohn Gottes begegnet sind, rückblickend diesen Melchisedek, diese Beschreibung im Alten Testament, als ein Bild auf den Messias sehen.
Also zuerst ist die Feuerwache, und dann wird das Kinderbuch so gezeichnet, dass, wenn du tatsächlich das erste Mal in eine Feuerwache gehst, du sagst: Ah, das ist ein Leiterwagen. Versteht ihr? Das ist die Idee dahinter.
Melchisedek gleicht dem Sohn Gottes und bleibt, weil man nichts von seinem Tod liest, Priester für immer. Und dieses Priester für immer ist kein Fakt, genauso wenig wie ohne Vater oder ohne Mutter ein Fakt ist. Er hatte Eltern. Und er ist irgendwann gestorben. Aber literarisch hinterlässt er keine Spur, einfach so, als wäre er immer noch da.
Und dieses Phänomen, also die Art und Weise, wie er berichtet wird, und dass er so anders beschrieben wird als all die anderen, die da stehen, das bedeutet, das deutet der Autor des Hebräerbriefes auf Jesus. Und noch ein Punkt ist ihm wichtig.
Der Vorrang des Segens und die Ordnung des Priestertums
Vers vier: Schaut aber, wie groß dieser ist, dem Abraham, der Patriarch, den zehnten von der Beute gab.
Um zu verstehen, wie groß das Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks ist, müssen die Leser zuerst einmal verstehen, wie groß Melchisedek selbst ist. Es geht also wirklich um die Frage: Wer ist größer, Abraham, der Patriarch, oder Melchisedek, dieser letztlich ja unbekannte Priester?
Die Geschichte zwischen beiden, diese drei Verse im Alten Testament, machen die Sache eigentlich eindeutig. Abraham gibt Melchisedek den Zehnten. Und den Zehnten gibt man immer dem, der über einem steht. Kennt ihr dieses Triebprinzip: „Follow the money“ – folge dem Geld, und du weißt, wer oben steht. Wer die Macht hat, du kennst den Strippenzieher. Und in diesem Fall ist das Melchisedek.
Und jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter.
Den Zehnten gibt es auch an einer anderen Stelle im Alten Testament.
Vers fünf: Und zwar haben die von den Söhnen Levi, die das Priestertum empfangen, ein Gebot. Das steht in 4. Mose 18,21-24. Ein Gebot, den Zehnten von dem Volk nach dem Gesetz zu nehmen, das ist von ihren Brüdern, obwohl auch sie aus der Lende Abrahams hervorgegangen sind.
Also, ich hoffe, ihr versteht das mit dem „aus der Lende hervorgehen“. Das kommt ein paarmal vor. Das bedeutet einfach, dass man Nachfahre von jemandem ist.
So, also die Priester nach der levitischen Priesterordnung führen ihr Recht auf den Zehnten darauf zurück, dass sie auch den Zehnten vom Volk bekommen. Aber sie führen dieses Recht auf ein Gebot Gottes zurück. Und sie bekommen dabei den Zehnten nicht von Fremden, sondern von ihren Brüdern. Gemeint sind nicht leibliche Brüder, sondern Brüder im Sinne von israelitischen Volksgenossen.
Formal stehen die levitischen Priester auf einer Stufe mit ihren Brüdern, mit ihren Mitisraeliten. Aber das Gebot Gottes hebt sie ein Stückchen heraus. Ohne dieses Gebot hätten sie kein Recht, kein natürliches Recht auf den Zehnten. Denn sie sind nur wie alle anderen auch Nachfahren Abrahams, aus seiner Lende hervorgegangen.
Und jetzt der Vergleich.
Vers sechs: Er aber, der sein Geschlecht nicht von ihnen ableitete, hat den Zehnten von Abraham genommen und den gesegnet, der die Verheißungen hatte.
So, jetzt ist wieder Melchisedek im Blick. Habt ihr das? Er ist kein Nachfahre Abrahams, er ist kein Israelit, es gibt kein Gebot, dass Abraham ihm den Zehnten geben müsste. Und trotzdem lässt die ganze Geschichte, die wir vorhin gelesen haben, diese drei Zeilen oder drei Verse aus 1. Mose 14, die ganze Geschichte, wo die beiden aufeinandertreffen, keinen Zweifel daran, dass Abraham den Zehnten freiwillig gibt, und zwar aus Ehrfurcht vor dem Priesterdienst eines Melchisedek.
Auf dem Papier, wenn man das Alte Testament liest, sieht Abraham nach mehr aus. Ich habe das heute mal durchgezählt: Dreizehn Kapitel in 1. Mose drehen sich um Abrahams Lebensgeschichte. Drei Verse reden von Melchisedek. Also auf dem Papier hätte man den Eindruck: Abraham, das ist die Nummer eins.
In der Praxis ist es Melchisedek, der über Abraham steht. Er ist groß, und neben ihm ist Abraham klein. Er nimmt tatsächlich den Zehnten, er segnet Abraham.
Vers sieben: Ohne jeden Widerspruch aber wird das Geringere von dem Besseren gesegnet. Der Zehnte geht von dem Kleineren zum Größeren, und der Segen kommt von oben nach unten.
Ich weiß nicht, ob ihr an dieser Stelle jetzt vielleicht das Problem seht, das dieser Text hergibt. Ihr könntet als gute Bibelkenner sofort sagen: Stopp, Stopp, also das stimmt doch nicht. Theoretisch kann in der Bibel doch auch das Geringere den Höheren segnen. Also da gibt es noch Beispiele.
In Hiob heißt es mal an einer Stelle, oder Hiob sagt das über sich selber, dass der Arme ihn gesegnet hat. Also der Arme segnet Hiob für seine Barmherzigkeit. Oder Joab, der Heeroberste von David, segnet an einer Stelle mal den König David. Also es gibt solche Beispiele, wo das umgekehrt ist.
Und deswegen hier eine Bemerkung: Dieses Wort „segnen“ kann verschiedene Bedeutungen haben. Es kann einmal so viel bedeuten wie sich bedanken, jemanden preisen, sich an jemandem freuen, jemandem etwas Gutes wünschen. Und das ist die Art, wie ein Geringerer einen Höheren segnen kann.
Aber es gibt daneben eine andere Art zu segnen. Es ist die Art, wie Gott segnet. Ein Höherer spricht, weil er Autorität hat, einem Geringeren eine Zukunft oder eine Bedeutung zu. Und das ist das, was hier passiert. Und Abraham lässt es über sich ergehen.
Das bleibende Priestertum und die offene Frage
Da heißt es in Vers 8: Und hier zwar empfangen sterbliche Menschen die Zehnten, es sind die levitischen Priester; dort aber einer, von dem bezeugt wird, wieder in dem Text in 1. Mose 14, dass er lebt.
Der Vergleichspunkt ist die Dauer des priesterlichen Dienstes: sterbliche Priester kontra einem, der lebt. Sterbliche Menschen haben Nachfolger; sie können ihren Dienst eben nicht in alle Ewigkeit fortsetzen.
Melchisedek wird ganz bewusst in der Bibel als einer vorgestellt, der den Eindruck erweckt, als würde er noch leben. Diesen Widerspruch stellt der Autor jetzt gegenüber. Und noch interessanter wird es natürlich, wenn man feststellt, dass das, was in einem engen und, ich finde, auch ein bisschen künstlich wirkenden literarischen Sinn für Melchisedek gilt, tatsächlich im wörtlichen Sinn auf den Sohn Gottes zutrifft.
Wo in der Beschreibung von Melchisedek ein ewiges Priestertum anklingt, da verwirklicht Jesus dieses Priestertum auf eine absolute Weise. Und wir werden das morgen sehen; ich zitiere das schon mal: „weil er in Ewigkeit bleibt.“
Also, bei Melchisedek ist das so eine Sache. Wenn du sagst, das kaufe ich dir nicht ab mit dem literarischen Ding und mit der Typologie und so, spätestens wenn wir bei Jesus sind, musst du sagen: doch, jetzt schon, weil der lebt wirklich für immer. Das Bild verwirklicht sich im Leben von Jesus. Das, was wir uns nicht vorstellen können bei Melchisedek, was einfach nur komisch klingt, das wird plötzlich eine Realität.
Aber davon morgen mehr.
Der Schlussgedanke: Abraham, Levi und die offene Frage nach der höheren Ordnung
Wir schließen mit einem letzten Blick auf Abraham. Hebräer 7,9-10.
Und sozusagen ist durch Abraham auch von Levi, der die Zehnten empfängt, der Zehnte erhoben worden. Denn er war noch in den Lenden des Vaters, als Melchisedek ihm entgegenging.
Es gibt, und der Hebräerbrief ist durchaus voll davon, Argumente, auf die man erst einmal kommen muss. Also, ihr habt das mit dem Zehnten noch im Blick, ja? Die Priester bekommen den Zehnten vom Volk, und Melchisedek bekommt den Zehnten von Abraham.
Also steht im Raum eigentlich die folgende Frage: Steht das levitische Priestertum, was aktuell noch läuft, all die Rituale, die im Tempel in Jerusalem stattfinden, steht das eigentlich über oder unter dem Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks? Und ich könnte das ein bisschen pointierter noch sagen: Ist das, was an Opfern im Tempel passiert, gewichtiger als das, was am Kreuz passiert ist? Und wenn nein, warum nicht? Das ist die Frage.
Und das Argument ist herrlich. Antwort: die Geschichte von Melchisedek und Abraham. Da trifft ein Priester auf einen Patriarchen. Und wenn die beiden sich treffen, wird klar, was zwischen den beiden, wer da oben und unten steht.
Und eigentlich ist das so, dass, wenn ich mir den Abraham anschaue, das gesamte levitische Priestertum doch eigentlich in ihm schon drinsteckt, in seinen Lenden. Das ist schon mal so biologisches Potenzial, das hat sich noch nicht verwirklicht. Das braucht noch ein paar Generationen, bis es kommt. Aber am Ende steht mit Abraham eigentlich das gesamte levitische Priestertum, das mal kommen wird, in Abraham schon vor Melchisedek.
Das weiß Abraham nicht, aber der Schreiber vom Hebräerbrief. Und in dem Moment, wo Abraham dem Priester Melchisedek den Zehnten gibt, in dem Moment, wo er sich von ihm segnen lässt und anerkennt: Du bist die Nummer eins und ich bin es nicht, in dem Moment nimmt er eine Klassifizierung vor. Er sagt das nicht, aber er stellt es praktisch dar, dass das levitische Priestertum funktional unter dem von Melchisedek steht.
Und das ist die Frage: Was ist oben, was ist unten? Die Frage, wenn es zwei Priesterordnungen gibt — jetzt wissen wir, was oben und unten steht — wenn es diese Priesterordnung gibt, die am Sinai im alten Bund eingeführt wurde, und wenn es dann einen Priesterdienst nach der Ordnung Melchisedeks gibt, über den wir uns noch unterhalten müssen, wo war der die ganze Zeit? Was machen wir damit? Anscheinend gab es diesen Priester, aber der taucht ja nur drei Verse im Alten Testament auf.
Jetzt ist die Frage: Wenn Jesus nach dieser Priesterordnung kommt, wie passt das alles zusammen? Das machen wir morgen. Genau, da müssen wir morgen noch ein bisschen mehr Text lesen, werdet ihr merken. Aber das ist das, womit ich euch entlasse.
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