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Escape "Ich vergebe Dir!"

Matthäus 24,1212.11.2006
Serie•Teil 8 / 8Escape
Ohne Vergebung stirbt Beziehung leise: erst Groll, dann Distanz, dann Kälte. Der härteste Schritt ist oft nicht der andere — sondern dein eigenes „Bitte vergib mir“.

Ein persönlicher Einstieg in das Thema

Ich vergebe dir – gute Beziehungen führen, das ist das Thema von heute Abend.
Gestern Mittag bin ich meiner sechzehnjährigen Tochter im Flur begegnet. Sie war auf dem Weg zum Badezimmer. Ich weiß nicht, ob ihr wisst, wie das ist, wenn sechzehnjährige Mädchen auf dem Weg zum Badezimmer sind: Die sehen dann alles, nur nicht den Vater, der von rechts kommt. Also laufen wir so ineinander. Dann ergab sich ein kleiner Wortwechsel nach dem Motto: Was erlaubst du dir eigentlich, mir hier vor die Füße zu rennen, Papa?
Ich habe mich dann entschuldigt. Ich habe die Entschuldigung, dass ich Mensch bin und laufen muss. Und meine Tochter sagte dann: Ich vergebe dir.
Ich dachte, das ist ein guter Einstieg. Es hat natürlich in Wirklichkeit mit Vergebung überhaupt nichts zu tun, aber es zeigt, dass wir als Familie miteinander umgehen, in einer Form, wo der Begriff Vergebung, wo überhaupt die Haltung des Einandervergebens und Miteinanderlebens da ist. Und ich fand das sehr schön, dass das einfach so kommen kann: Ich vergebe dir. Dass das kein Fremdwort ist, sondern auch wenn es in der Situation lustig gebraucht wird, dass es doch da ist.
Und ich denke, es ist wichtig für mich als Vater, dass ich immer wieder sagen kann: Bitte vergib mir. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, dass eure Väter zu euch gesagt haben, dann, wenn wirklich etwas schiefgelaufen ist: Entschuldigung, bitte vergib mir. Ich komme aus einem Hintergrund, wo das eher nicht so gelaufen ist. Und der Punkt ist: Wenn man das nicht tut, dann wird man als Vater auch keine wirklich tiefen Beziehungen mit seinen Kindern aufbauen können. Das ist eine traurige Realität, in der viele Vater-Kind-Beziehungen gerade so im Teenageralter auf Grundeis laufen und man merkt: Das könnte deutlich tiefer sein.
Und von daher heute Abend das Thema gute Beziehungen führen, ich vergebe dir. Wie führt man eigentlich eine gute Beziehung? Ich könnte jetzt hier vorne stehen, und wir könnten uns die nächsten drei Stunden über das Thema unterhalten. Wahrscheinlich könnte man morgen ein Eheseminar machen, übermorgen noch ein Seminar für Eltern mit Kindern und dann danach auch mal eins für Kinder mit Eltern. Das ist ja auch immer so eine Sache. So viel Zeit haben wir nicht. Ich muss mich tatsächlich heute auf einen Punkt beschränken.
Deswegen möchte ich ganz am Anfang etwas sagen zu dem Ziel, das mir vor Augen steht. Ihr müsst nicht ein Stückchen kennenlernen, bevor ihr diese Predigt richtig einsortieren könnt. Ich bin tatsächlich ein hemmungsloser Idealist. Ich weiß nicht, ob ihr Zeitung lest. Da gibt es jedes Jahr Studien. Leute studieren, was Leute brauchen, was Leute sich wünschen. Die letzte Studie, die ich mir genauer angeschaut habe, war die Jugendstudie von Shell. Die machen das regelmäßig, es gibt immer wieder neue Untersuchungen, und das machen sie schon seit den 50er Jahren.
Was immer ganz oben rangiert, wenn man die Frage stellt: Was wünschst du dir, was ist dir wichtig? Man kommt immer ziemlich weit oben auf das Thema: Ich wünsche mir intakte Beziehungen, ich wünsche mir eine intakte Familie, ich wünsche mir, irgendwo eingebunden zu sein in Beziehungen, die funktionieren.
Und ich für mich habe diesen Traum natürlich auch. Und wenn ich sage, ich bin Idealist, dann meine ich damit: Ich bin nie zufrieden mit dem, was ich habe. Ich glaube, es geht immer noch irgendwie besser. Und das glaube ich vor allem im Blick auf Beziehungen.
Ihr könnt euch vorstellen, meine Frau ist jetzt draußen und macht das Kinderprogramm, die kann das jetzt nicht hören. Aber ihr könnt euch vorstellen, dass das für meine Frau eine echte Herausforderung ist. Immer wenn sie sich zurücklehnen will und sagen würde: Jetzt haben wir doch irgendwas erreicht, sage ich: Hey, da ist noch Luft drin. Das geht irgendwie noch tiefer. Weil ich tatsächlich davon überzeugt bin, dass Beziehungen, vor allem Beziehungen in der Ehe, entweder jeden Tag ein Stück weiter wachsen, jeden Tag ein Stück intensiver werden, oder sie jeden Tag ein klein bisschen sterben, bis man am Ende vielleicht nur so nebeneinander herlebt.
Du lebst deins, ich lebe meins. Man muss sich ja nicht trennen, man kann ja einfach nebeneinander herleben. Wir haben dann unsere Träume irgendwie begraben, man arrangiert sich. Vielleicht sind die Kinder das Verbindende, vielleicht das Haus, vielleicht das Kulturelle, was man gemeinsam unternimmt, die Gespräche. Aber tief drin weiß jeder: Eigentlich war das schon mal besser.
Wenn ich sage, ich bin Idealist, dann sage ich: Ich stehe hier als einer, der die Fahne hochhalten will dafür, dass Beziehungen jedes Jahr tiefer werden können. Ich stehe hier als einer, der sagt: Ich möchte in zwanzig Jahren noch lieber mit meiner Frau verheiratet sein als heute. Ich möchte mich mit dem Status quo nicht zufriedengeben. Ich möchte aus mir heraus Beziehungen erleben, die immer ein Stück mehr an Offenheit und an Ehrlichkeit zunehmen.
Ich möchte Beziehungen leben, wo zwei Menschen sich immer mehr akzeptieren, immer mehr eins werden, wo ich mit meiner Last, die ich mitbringe, Geborgenheit erfahre, Angenommenheit erfahre, wo ich ehrlich sein kann, wo ich ich sein kann, wo ich das leben darf, was in mir drinsteckt, ohne dass ich stark sein muss, ohne dass ich eine Maske aufsetzen muss. Weil ich weiß: Da ist jemand, der hat mich lieb, und der ist bereit, sich auf mich einzulassen. Das ist das, was ich mir an Beziehung wünsche.
Und ich bin davon überzeugt, dass das etwas ist, was in uns drinsteckt. Wenn wir frei wählen könnten, würden wir uns solche Beziehungen wünschen. Und deswegen dieses Thema. Denn ich bin auch Realist, und ich weiß, dass Beziehungen nicht mehr funktionieren. Ich weiß nicht, wie viel Prozent, ich glaube, über die Hälfte der Ehen, die geschlossen werden, gehen wieder auseinander.
Macht ihr manchmal so Promi-Ehen, so Wetten, mal schauen, wie lange sie halten? Es ist doch furchtbar, oder? Ich weiß nicht, wen du als Promi hast, ob Eminem dein Star ist, der sich Anfang des Jahres das zweite Mal von derselben Frau hat scheiden lassen, ob du eher so auf Britney Spears stehst, die sich nicht so ganz entscheiden kann, ob man nun 55 Stunden verheiratet sein soll oder dann vielleicht doch ein bisschen länger, und dann acht Wochen nach der Geburt des zweiten Sohnes dem Mann den Laufpass gibt. Ich weiß nicht, wie ihr euch dabei fühlt. Ich habe einfach nur Mitleid mit diesen Leuten.
Oder heute Morgen kam es dann raus, für die älteren Semester unter euch: Tatjana Xell und ihr Prinz Ferfried von Hohenzollern, ja, Sophie, genau. Die Aschenputtel-Hochzeit ist ja im Frühjahr geplatzt, und jetzt ist halt der Rest der Beziehung auch vorbei.
Und das, was für Promis gilt, wo wir ja noch so ein Stückchen lächeln können und sagen können: Die! Das gilt doch für Otto Normalverbraucher genauso. Wer von euch kennt nicht eine ganze Reihe von Beziehungen, die irgendwann auseinandergeplatzt sind, obwohl man, als sie geheiratet haben oder als sie zusammengekommen sind, gesagt hat: Hey, das sind die beiden, das kann nicht schiefgehen.
Also ich habe ein Pärchen vor Augen, die waren mir vor zehn, fünfzehn Jahren ein absolutes Vorbild. Ich dachte: Wenn ich es jemals schaffe, so eine Beziehung zu meiner Frau zu finden, wie die beiden zueinander hatten, so liebevoll miteinander umzugehen. Irgendwann kriegst du dann den Anruf, und dann heißt es irgendwie: Na ja, sie ist gegangen. Was ist los? Ja, sie ist weg. Sie hat eine Wiese gefunden, wo das Gras grüner ist.
Und da stehst du ganz bedröppelt da, und ich denke mir: Das kann doch nicht wahr sein, ich kenne die beiden, ich weiß, wie sie sind. Warum denn bitteschön? Und das Warum möchte ich erklären. Ich möchte etwas zu dem Problem sagen, in dem Beziehungen heute drinstecken.
Kennt ihr Pater Braun? Es gibt so die Pater-Brown-Geschichten. So ein Sherlock Holmes in Robe oder so einem Soutane, so müsste man das sagen. Also der Mann, der den Pater Braun erfunden hat, Chesterton, G. K. Chesterton, englischer Schriftsteller, schon eine Weile tot, wurde von der Times gebeten, so einen kurzen Bericht zu schreiben. Thema: What's wrong with the world, was läuft in dieser Welt verkehrt? Er war, glaube ich, schon in den Zwanzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts, also schon ein bisschen alt.
Chesterton hat dazu folgenden Aufsatz geschrieben, den ich komplett vorlesen werde: Er sagt: Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bin verkehrt. Hochachtungsvoll, Ihr Chesterton. Ich bin verkehrt.
Wenn Menschen sich fragen: Warum klappt das mit den Beziehungen nicht? Meine Behauptung ist: Ich brauche gar nicht so sehr auf den anderen zu schauen. Ich bin das Problem.
Ja, ja, du müsstest mal meinen Mann kennen, dann würdest du so etwas nicht behaupten. Kann sein, ich kenne deinen Mann nicht, vielleicht ist er das größere Problem. Aber ich bleibe bei meiner Aussage.
Wir gaben Frauenfrühstück, meine Frau war Rednerin. Es ging um die Dinge, was ein Mann will oder braucht. Meine Frau hatte einen Vortrag vorbereitet mit den drei L’s, was lieben oder was brauchen Männer, um glücklich zu sein. Männer sind ja ganz simpel gestrickt, da kriegt man das auf drei Punkte runtergebrochen. Und sie hat damals gesagt: Lächeln, Loben und Liebesspiel.
Könnt ihr euch merken: Männer brauchen die drei L’s. Lächeln, sie wollen eine angenehme Atmosphäre zu Hause haben, sie wollen einfach ihre Ruhe haben, wenn sie nach Hause kommen, und nicht noch mehr Stress. Loben: Männer sind chronisch unterversorgt mit Lob und Anerkennung, wir können davon nicht genug kriegen. Wenn wir davon zu wenig kriegen, dann geht bei uns gar nichts mehr. Und das mit dem Liebesspiel erkläre ich jetzt nicht. Lächeln, loben, Liebesspiel – ich finde das eine ganz tolle Zusammenfassung.
Danach gibt es eine kleine Diskussion, und in dieser Diskussion sagt eine Frau: Das mag ja alles stimmen, was Sie sagen, aber sagen Sie mal lieber meinem Mann, was er zu tun hat.
Merkt ihr, was da passiert? Da ist eine offensichtlich frustrierte Ehefrau. Sie kriegt ein paar Tipps, wie sie in ihrer Ehe das, was sie tun kann, verbessern kann. Und woran denkt sie? Mein Mann müsste sich ändern. Das ist genau das, was ich meine. Wir sehen immer, wo der andere sich ändern muss, wir sehen immer, was der andere falsch macht. Aber indem wir diese Umkehrung machen, passiert es schon, dass wir uns völlig vergaloppieren, dass über uns unser eigener Egoismus die Oberhand gewinnt.
In der Bibel, in Matthäus 24,12, sagt Jesus über die Menschheit in der letzten Zeit: Er sagt, weil die Gesetzlosigkeit überhandnehmen wird, wird auch die Liebe der meisten erkalten.
Also weil es immer mehr Böses gibt, deswegen wird Liebe immer mehr zur Mangelware. Ich glaube, das ist tatsächlich passiert. Wir leben in einer Zeit, wo unglaublich viel über Liebe geredet wird und wo Menschen unglaublich wenig Ahnung davon haben, was Liebe eigentlich bedeutet. Wo in meinen Augen oft von Liebe gesprochen wird, aber man eigentlich Egoismus meint. Wo man mit 40 seinen Lebensabschnittsgefährten gegen ein jüngeres Modell eintauscht und, na ja, ist er tot und scheidet, na ja, das sind die Floskeln von gestern, oder?
Ich war ein bisschen geschockt. Ich meine, ich heiße ja nun mit Nachnamen Fischer, und als Joschka Fischer dann hier, ich weiß nicht, ob ihr dieses Bild kennt, mich erschrickt so etwas immer ein bisschen, zum fünften Mal heiratet, die Dame rechts neben ihm ist 29 Jahre alt, er geht auf die sechzig. Danke für das Bild. Da sage ich mir einfach: Entschuldigung, da läuft etwas schief.
Und ihr könnt jetzt sagen: Du musst tolerant sein, Jürgen, man kann nicht so intolerant sein mit dem armen Joschka, der hat viel durchgemacht. Doch, an der Stelle bin ich ein ganz klein bisschen intolerant. Ich habe wirklich ein Problem damit. Ich habe ein Problem damit, wenn Beziehungen am laufenden Band scheitern und wenn anscheinend noch nicht einmal mehr die Leute, die als Aushängeschild dienen sollen, wissen, wie es geht.
Damit kriege ich ein Problem, weil das, was hier vermittelt wird, ist: Na ja, ist doch nichts dabei, nimmst du dir halt die nächste. Es wird noch mehr dadurch vermittelt: Ich bin das Problem, ich bringe meinen Beitrag zum täglichen Sterben von Beziehungen.
Und das betrifft nicht nur die Ehe, das betrifft auch Themen wie Umgang mit meinen Arbeitskollegen, Umgang mit meinen Freunden. Überall da, wo ich Beziehungen habe, Umgang mit meinen Kindern: Entweder bringe ich meinen Egoismus rein, dieses mein, meiner, mir, mich. Ich weiß nicht, ob ihr diesen Film Captain Nemo eigentlich kennt, Nemo, kennt ihr den? Da gibt es die Möwen: Meins, meins, meins, meins, meins.
Und manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Möwen total für das stehen, was wir in dieser Welt machen. Meins, meins, meins, meins. Alle jieppern und geifern auf ihr, nur dass ihr es gestillt wird. Und merken gar nicht, dass alle, die so leben, auf der einen Seite das Ziel haben: Hey, ich wünsche mir so sehr einfach eine Beziehung, eine gute Beziehung.
Vor kurzem hatte ich einen Besuch von jemandem, den ich kennengelernt habe, und er erzählte mir: Du, ich wünsche mir einfach nur eine Frau, wo ich nach Hause kommen kann, wo ich meine Ruhe habe, ich möchte einfach nur einen Ort, wo es gut läuft. Ich bin bereit, meinen Teil beizutragen, und er findet sie nicht. Und ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein. Ja, da ist jemand, der will wirklich. Und er findet niemanden. Und ich war ganz traurig an dem Abend.
Die Frage ist: Will ich egoistisch sein, immer nur meins, oder bin ich in einer Beziehung bereit, mich auf den anderen wirklich einzulassen und das des anderen zu suchen? Diese zweite Alternative, das ist eine zutiefst biblische Alternative.
Gute Beziehungen können nur wachsen auf dem Humus von Liebe. Und deswegen: Was sagt die Bibel über wachsende gute Beziehungen? Sie sagt, es braucht drei Sachen dafür. Und ich werde heute nur auf einen Punkt, auf den ersten, eingehen können. Aber ihr könnt euch alle drei merken.
Es braucht drei Dinge für eine gute, wachsende Beziehung. Das erste ist Vergebung. Wir müssen es lernen, Vergebung zu praktizieren, sonst wächst in uns so ein Schuldenkonto, und irgendwann werden wir bitter. Bitte, das geht an die Frauen ein Stück mehr als an die Männer. Die Männer explodieren regelmäßig, und dann geht es wieder ein bisschen. Aber Frauen sind tendenziell diejenigen, die schlucken und schlucken und schlucken, und wenn sie dann gehen, sind sie wirklich weg. Und deswegen setzt Vergebung ein, dass ich kein Schuldenkonto führe. Das ist ein Punkt, den die Bibel sagt, der zu wachsenden guten Beziehungen beiträgt.
Punkt zwei und drei, auf die ich nicht eingehe: Punkt zwei ist, dass ich bereit bin, den anderen mit seinen Bedürfnissen höher zu achten als mich selbst, dass ich bereit bin, nicht hochmütig auf meine eigenen Rechte zu pochen, sondern mich in die Beziehung zu investieren, die Wünsche und Bedürfnisse des anderen sehe und da auch bereit bin, mich zu investieren. Das ist der zweite Punkt, den die Bibel stark betont.
Ein dritter Punkt ist dann der der Verantwortung, dass wir bereit sind, an der Stelle, wo wir in einer Beziehung stehen, das kann sein als Eltern zu den Kindern, das kann sein als Ehefrau zum Ehemann, als Freundin zu der anderen Freundin, als Chef zum Arbeitskollegen, egal in welcher Beziehung, dass wir in diesen Beziehungen bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen, die wir eigentlich haben. Und das ist ganz unterschiedlich, aber dass wir uns vor dieser Verantwortung nicht drücken. Und nicht die Schuld dafür, dass dann Dinge schieflaufen, auf andere schieben. Das wäre der dritte Punkt.
Aber reden kann ich nur über den ersten. Über den ersten Schritt, den man gehen muss auf dem Weg zu guten Beziehungen. Und dieser erste Schritt, der heißt Vergebung. Ich vergebe dir. Das ist der erste Schritt. Ohne Vergebung wird keine Beziehung wachsen können. Das müssen wir uns wirklich merken: Ohne Vergebung wird eine Beziehung nicht wachsen.
Vergebung heißt, dass ich unter dem, was gelaufen ist und was schlecht war, einen Schlussstrich ziehe und immer wieder mit meinem Partner, mit dem, mit dem ich in Beziehung stehe, neu anfange. Das ist Vergebung.
Und die Frage, die ich hier in den Raum stellen darf, ist die: Wo gibt es in deinem Leben unvergebene Dinge? Wo ist in deinem Leben Groll und Bitterkeit? Wo sagst du: Also das trage ich X, Y noch nach, damit habe ich nicht abgeschlossen.
Ich weiß nicht, woran du jetzt denkst, ich weiß auch nicht, ob du denkst, aber wenn du denken würdest, weiß ich nicht, woran du denkst. Aber das, woran du da gedacht hast, das, was da hochkommt, das stellt für dich, für dein Leben und für die Beziehungen, in denen du lebst, wirklich eine Gefahr dar. Du stehst in der Gefahr, anderen etwas nachzutragen und selber an der Stelle, was die Beziehungen angeht, nie wirklich weiterzukommen.
Ach, es ist doch so schön, Opfer zu sein! Stimmt, wenn man nicht vergibt, das ist gar nicht so hässlich, das macht Spaß. Endlich mal kann ich so richtig im Selbstmitleid baden, endlich kann ich mal so richtig zu gutem Grund auf den anderen sauer sein. Hat man ja sonst nicht, oder?
Ich glaube, dass für manche Leute, vielleicht für viel zu viele Menschen, dieses Gefühl des Selbstmitleids und auch der Ablehnung gegen andere das einzige reale Gefühl ist, was sie überhaupt noch zulassen.
Oder könnt ihr mir erklären, ich meine, ich bin kein Berliner, viele von euch sind Berliner, aber selbst bei den Berlinern scheint es überhandzunehmen, warum man immer erst angeblufft wird? Könnt ihr mir das einmal erklären? Es ist einfach unglaublich. Beim Autofahren, ey, das geht mir einfach. Warum kann ja nicht einer mal checken, dass ich einen Fehler gemacht habe, und er macht das nächste Mal einen Fehler, und wir gehen einfach lieb miteinander um?
Kennt ihr das auf der Autobahn? Du schaust mal einen Moment nicht her, und dann gleich Lichthupe, Hupen, ja irgendwelche Figuren da im Auto und keine Ahnung. Dann denkt ihr: Ey, Freund, du bist Mensch, ich bin Mensch, wir machen beide Fehler, hey, cool down, wir fahren nur Auto, es ist nichts passiert.
Und ich habe manchmal den Eindruck, dieses Sich-Aufregen, dieses Ärgerlichsein, das ist so das letzte echte Gefühl, was Menschen überhaupt noch zulassen. Und wirklich Liebe, Geborgenheit, Zärtlichkeit, das ist irgendwie Mangelware. Menschen wollen gar nicht vergeben, sie wollen gar nicht Beziehungen bereinigen, sie wollen lieber die beleidigte Leberwurst sein, also zu Recht sauer sein.
Obwohl sie, wenn sie ein bisschen länger darüber nachdenken, wissen, dass ihre Beziehungen damit alle den Bach untergehen. Und schlimmer noch, dass, wenn wir nicht vergeben, genau diese Dinge unser Leben beherrschen werden.
Das ist das Problem. Das Problem ist, dass da, wo ich nicht vergebe, das gilt auch andersherum, wo ich nicht bereit bin, hinzugehen und zu sagen: Bitte vergib mir, wo das nicht passiert, bleiben Beziehungen nicht einfach stehen, sondern sie werden von Tag zu Tag ein Stückchen schwächer.
Du hast einen Punkt, den du nicht regelst. Nichtes Drama. Dann kommt der nächste Punkt dazu, und du gewöhnst dich langsam daran, Dinge nicht mehr zu klären. Man schweigt über die Sachen. Dann kommt das nächste. Und Vorsicht, Männer sind so ein bisschen, dass sie dann auch nicht mehr daran denken. Männer verdrängen unglaublich gut, das ist unglaublich, das ist irre. Wenn wir so Sachen nicht gleich regeln, haben wir es echt vergessen. Frauen haben ein besseres Gedächtnis an dieser Stelle. Da wächst das dann so langsam. Ganz schlimm. Und du gewöhnst dich daran, wir klären nie wieder Sachen. Es gibt Streit, und es wird nicht zu Ende gebracht.
Der, der anfängt, oder meistens müssen sich ja beide entschuldigen. Also bei mir ist das immer so, ich muss mich auch entschuldigen. Selbst wenn ich Recht habe, muss ich mich danach entschuldigen, weil ich mich meist in der Form oder im Ton vergreife. Wenn das nicht mehr geschieht, dann geht die Beziehung langsam den Bach runter.
Kennt ihr diese Schnulze von Chicago? It’s hard to say I’m sorry? Ah, so ein Ding da mit ganz viel, also es ist unglaublich schnulzig, aber der Inhalt stimmt. Müsste man fast vorspielen, ne? Kannst du es anspielen? Also der Inhalt stimmt, es ist so schwer, Entschuldigung zu sagen.
Ich bin das Problem, selbst wenn ich weiß, dass ich Fehler mache. Dieser erste Schritt, dieses sich Überwinden, dieses: Und jetzt bringe ich mal ein Beispiel, wo es mir wirklich schwergefallen ist, aber wo ich weiß: Entweder tue ich es, oder ich verliere das Vertrauen meiner Kinder.
Wenn ich gegenüber meinen Kindern diesen Fehler mache, dass ich irgendwie ausraste oder dass ich zu laut werde oder dass ich, was weiß ich, sie verletze mit Worten in der Stresssituation, dann sage ich mir: Na, ich bin doch der Vater, das kann schon mal passieren, was ist denn da dabei?
Ich sage dir, was dabei ist. Dein Kind weiß ganz genau, dass es falsch war, was du gemacht hast. Und jetzt ist es an dir, hinzugehen und zu sagen: Bitte, vergib mir dafür, dass ich dich an der und der Stelle mit Worten verletzt habe, weil ich das zu dir gesagt habe. Das ist meine Verantwortung.
Und wenn Menschen glauben, dass an der Stelle, wenn man das sagt, dass dann die Beziehung schwächer wird und dass dann der Vater in der Achtung bei dem Kind sinkt oder, vergiss es, das ist alles Schwachsinn, das stimmt überhaupt nicht, das Gegenteil ist der Fall. Menschen, die kommen und sagen: Hey, bitte vergib mir, die bauen Beziehung, die steigen in der Achtung. Die können dem anderen jetzt plötzlich näherkommen.
Und ich bin persönlich davon überzeugt, dass ein Gutteil der Beziehungen, die ich habe und die gut sind, genau auf diesem Prinzip beruht, weil es irgendwo in der Vergangenheit Momente gab, wo ich hingehen musste und sagen musste, sei es bei einem Freund, auch auf Arbeit, bei meiner Frau, bei meinen Kindern: Hey, bitte vergib mir, ich habe einfach daneben gelegen. Und es hat mir an keiner Stelle irgendwie geschadet.
Ich merke nur jedes Mal, wenn ich es tue und davor stehe, dieser blöde erste Schritt, dieses: Du, ich muss mit dir reden, hör mir mal gerade zu, das hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber ich habe das und das gemacht, das tut mir wirklich leid, vergibst du mir? Dieser erste Schritt, wo ich meinen ganzen Stolz runterschlucke, nicht mehr so tue, als wäre bei mir alles perfekt, sondern wo ich mich offenbare als jemand, der schwach ist.
Ich bin das Problem, weil ich da zu oft nicht bereit bin. Oder ich bin das Problem, weil ich von dem anderen auch gar nicht hören möchte: Bitte vergib mir, weil ich mich wohlfühle in der Rolle des Opfers, in der Rolle dessen, der wenigstens Ärger hat, wenn er schon sonst nicht mehr viel spürt. Und dass dabei Beziehungen auf der Strecke bleiben, das ist etwas, was die meisten Menschen in Kauf nehmen.
Und deswegen muss ich auf die Lösung dieses Problems zu sprechen kommen. Und es gibt zwei Lösungen. Es gibt die kleine Lösung, für die ich nicht bin, die ich aber fairerweise sagen muss. Die kleine Lösung ist: Streng dich an! Das ist die kleine Lösung.
Bis zu einem gewissen Grad kannst du das, was ich dir heute sage, ohne dass du dich mit Gott beschäftigst, also ohne dass dieses ganze Religiöse in dein Leben hineinkommt, auch umsetzen. Wenn du diszipliniert und hart, verständnisvoll und strikt bist in der Lebensführung, kannst du bis zu einem gewissen Grad dieses Vergebungsprinzip ohne Gott einfach leben. Und ich verspreche dir: Alleine dadurch, dass du es tust, werden deine Beziehungen tiefer und besser. Das ist die kleine Lösung.
Ich habe aber die ganze Zeit nicht deshalb den Punkt gebracht, dass ich das Problem bin, um nicht noch mal darauf einzugehen. Wenn ich das Problem bin in den Beziehungen, hilft mir die kleine Lösung nur ein bisschen. Ich kann graduell etwas verbessern. Ich kann tatsächlich Dinge, die zwischen meinem Partner und mir stehen, ausräumen. Aber ich komme nicht an den Kern des eigentlichen Problems ran, das bin ich.
Und deswegen die große Lösung. Die große Lösung heißt: Geh das eigentliche Problem an, geh das Problem an, was in dir drinsteckt, geh das Problem an, was daherkommt, dass in dir etwas kaputt ist.
Ich habe überlegt, wie ich euch das erklären soll, und ich möchte es euch mit meiner eigenen Geschichte abschließend erklären. Meine Kindheit war, na, sagen wir mal, schwierig. Meine Eltern haben sich relativ früh aus der Erziehung verabschiedet, ich hatte dann so eine Phase der potenziellen Selbstmordgedanken und irgendwann dann die Phase des: Okay, dann beiße ich mich halt durch. Und äußerlich recht erfolgreich, weil, na ja, halt durchgebissen, innerlich kaputt.
Und dann wurde ich Christ. Wie wurde ich Christ? Das war ein Prozess. In diesem Prozess hat die Beziehung zu meiner jetzigen Frau eine große Rolle gespielt. Ich wollte natürlich immer gute Beziehungen, klar. Ob du nun Christ bist oder nicht, das willst du einfach. Und ich war dann so Anfang zwanzig, und ich habe meine Beziehung zu derselben Frau über Jahre hinweg, wir waren lange zusammen, dann betrachtet, die Stelle fest, die funktioniert wie so ein Jojo. Ihr kennt ein Jojo, oder? Ein Jojo geht hoch und dann geht er wieder runter, dann geht er wieder hoch und dann geht er wieder runter.
Und ich dachte immer: Wenn es gerade gut läuft, kann sie darauf warten, es geht wieder unten. Ich dachte mir: Das kann doch nicht sein. Zwei intelligente Menschen versuchen eine Beziehung zu führen, und ständig heißt es dieses Blibab, Blibab, Blibab. Da denkt man doch: Da stimmt doch was nicht.
Ich habe nachgedacht und merkte: Ich bin das Problem. Und weil ich darüber nachgedacht habe, habe ich neu über Gott nachgedacht. Vorher war mein Christsein so ein Kulturchristentum. Ein bisschen mehr als U-Boot-Christ. Also U-Boot-Christen sind die, die zweimal im Jahr auftauchen, an Ostern und Weihnachten. Öfter siehst du sie nicht in der Kirche. Ich war ein bisschen mehr, aber nicht viel. Vor allem da, wo es drauf ankam, habe ich immer mein eigenes Ding gedreht, da war mir Gott ziemlich egal.
Jetzt ist der Punkt für mich gekommen, wo ich mir die Frage gestellt habe: Wie kann ich aus diesem Kulturchristentum raus und Gott zum Mittelpunkt meines Lebens machen? Wie kann ich mit meiner Halbherzigkeit Schluss machen? Und eines Abends in meiner Studentenbude habe ich mich dann hingekniet und gesagt: Herr Jesus, ich habe verstanden, dass du für meine Sünden gestorben bist und dass du mir ein neues Herz geben möchtest, dass du dieses Problem in mir, diese Kaputtheit in mir wieder heil machen möchtest, und ich möchte es haben. Ich möchte ein neues Leben haben in meinem Leben, bitte vergib mir.
Und das war von außen betrachtet ein ganz unspektakulärer Moment, wo ich so mein ganzes Leben Gott hingelegt habe. Aber es war ein großartiger Moment, weil Gott ehrliches Gebet hört. Gott beantwortet echten Glauben. Und das ist echter Glaube, wenn man Gott ganz vertraut, wenn man das eigene Leben Gott übergibt. Gott beantwortet echten Glauben mit Vergebung. Noch mehr: Gott beantwortet echten Glauben damit, dass er mit uns in eine Beziehung tritt und dass er unser Leben prägt, dass seine Kraft jetzt plötzlich in unserem Leben ist.
Im Vater Unser heißt es, ich denke, das kennen die meisten: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Du kommst zu Gott und du merkst: Jetzt gehöre ich zu Gott. Und mit einem Mal liest du das und du denkst an deine Kindheit. Und mit einem Mal weißt du, dass du noch etwas zu erledigen hast.
Und du gehst eine Nacht spazieren und du denkst an all die Menschen, die dir, die sich an diesem kleinen Jungen vergangen haben. Du denkst an die Sünde, die dir angetan wurde. Du denkst an die Chancen in deinem Leben, die ein für alle Mal verpasst sind. Du denkst an die Ziele, die andere Leute hatten, aber letzten Endes nicht für dich, und wofür sie dich missbraucht haben. Und du denkst daran, dass Gott dir deine Sünden vergeben hat.
Und du siehst diesen großen Berg an Sünde, die du in deinem Leben hattest, die Gott weggenommen hat. Und du faltest deine Hände und du lebst in der Kraft Gottes ein Leben in der Vergebung, und du vergibst diesen Menschen. Und du schaffst einen Neuanfang, du löst die Bindung an die Vergangenheit, du machst Beziehung wieder möglich.
Und das ist das, was ich euch wünsche: Ein Leben in der Beziehung zu Gott und ein Leben in der Verantwortung und Vergebung zu anderen Menschen.
Ich möchte noch beten.
Vater im Himmel, wir wollen dir danken dafür, dass Vergebung durch den Herrn Jesus in diese Welt hineingekommen ist. Und ich bete, dass dieses Prinzip der Vergebung, dass du vergeben möchtest und dass du uns in der Vergebung leben lassen möchtest, dass du nicht möchtest, dass wir kaputtgehen an dem, was wir von anderen Menschen Schlechtes erfahren haben, dass wir bitter werden, dass wir aufgeben, dass wir ausbrechen aus Beziehungen. Das möchtest du alles nicht, Herr.
Und ich bitte dich darum, dass du heute Abend Gnade gibst, Herzen anrührst und du schenkst, dass da ein Fragen nach dir da ist, ein wirkliches Umkehren und Fragen nach dir. Bitte gib du dazu Gelingen. Amen.

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