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Das Bohren im Gewissen

Apostelgeschichte 2,38-4101.06.2004
Schuld lässt sich nicht wegreden. Erst wenn das Gewissen getroffen wird, kann Vergebung wirklich frei machen – und genau da beginnt neue Hoffnung.

Die bohrende Frage nach Schuld und Vergebung

Gottes Geist hat es durch die Jahrhunderte immer so gemacht. So hat er es auch in der Zeit des Neuen Testaments getan. Vers 37: Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den anderen Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? Diesen Vers wollen wir heute Morgen betrachten. Es bohrt sich ihnen ins Gewissen. Das ist die Wirkung des Heiligen Geistes.
Wir leben heute in einer Zeit, in der man unter Christen meint, die Sache der Vergebung sei nicht mehr so wichtig wie zu anderen Zeiten. Die Frage der Schuld sei nicht mehr etwas, was die Menschen bewegt. Das sei vielleicht früher so gewesen. Es wird immer wieder ein dummer Satz gesagt, etwa dass vielleicht Martin Luther noch bewegt hat, wie man einen gnädigen Gott bekommt. Und man vergisst dann völlig, dass Kaiser Karl V. auch nicht bedrückt war von seiner Schuld. Und der Papst in Rom war damals auch nur ein ausgelassener Genießer. Der hat sich auch nicht mit der Schuld beschäftigt. Aber bei Luther war damals die Frage der Schuld durchgebrochen. Und heute ist es natürlich nicht anders.
Wenn man sagt, die Menschen bewegt die Frage der Schuld nicht, dann müssen Sie nur mal die Zeitung zur Hand nehmen und gucken. Da wird nur über Schuld geredet. Es gibt überhaupt keinen Unglücksfall in der Welt, bei dem nicht gefragt wird, wer schuld gewesen wäre. Wenn eine Seilbahn in Kaprun in Flammen aufgeht und Menschen umkommen, dann muss irgendwo noch ein kleiner Angestellter der Bahn gefunden werden, der vielleicht die Vorschriften nicht bis zum Letzten beachtet hat. Der war schuld. Da muss doch jemand schuld sein. Wenn ein Flugzeug abstürzt, wer ist schuld? In der Politik wäre es schuld an der Misere. Immer einen Schuldigen muss man haben.
Über Schuld wird geredet, aber immer mit dem Zeigefinger zum anderen hin. Kann überhaupt ein Mensch heute in der Öffentlichkeit, kann ein Politiker sagen: Ich habe versagt? Das geht nicht, das kann er sich nicht leisten. Der wäre geliefert, wenn er offen zugibt, dass er einen Fehler gemacht hat. Nein, er muss dabei bleiben: Ich war es nicht, es waren die Verhältnisse, es waren die anderen, die mich hineingetrieben haben.
Und für uns Christen ist das das herrlichste Bekenntnis, dass wir in einer Versammlung zusammen sind, wo man sich nicht geniert, seine Schuld offen einzugestehen. Ich habe das immer so empfunden gegenüber meinen Kindern, dass man oft davon reden konnte und durfte: Ihr werdet euch stoßen an uns, wir machen viel falsch, wir sind unbeherrscht und ungeduldig. Wir sind vielleicht auch den Kindern gegenüber oft nicht richtig in dem, was sie brauchen. Dass man es Kindern schon sagt, und nicht meint, wir wären perfekt, das ist doch unser Thema.
Wissen Sie, dass es im Leben der neugeborenen Menschen, derer, die Jesus gehören, keine halbe Stunde gibt, wo sie nicht schuldig werden? Dieser irrige Traum der Perfektion ist doch so ein Wahnsinn. Man merkt doch dauernd, wie man vielen Menschen um uns her nicht gerecht wird, wie man den falschen Blick hat und falsch handelt. Und deshalb ist es so wunderbar, dass der Heilige Geist sich dieses Amt vorgehalten hat: uns die Schuld aufzudecken, uns zu strafen, uns zu überführen.
Es ist ja interessant, dass man einem gar nicht Schuld einreden kann. Gerade in der Gemeinde war ich als Seelsorger oft damit befasst, zerstrittene Ehepaare, Familien, die in der Scheidung waren, und das geht ja heute bis in die Gemeinden hinein, in ausgiebiger Zeit einmal anzuhören: Was ist eigentlich das Problem zwischen euch? Und da war es eigentlich erschütternd, selbst wenn massive Schuld vorlag. Man kann keinem einzigen Menschen Schuld aufdrücken. Im Gegenteil: Da verhärten sich selbst gläubige Leute und sagen, das ist doch gar nicht so schlimm, und heute sind die Zeiten anders, und das darf man doch nicht so auf die Goldwaage legen, und da bleibe ich dabei, und das war so.
Sie haben es vielleicht auch jungen Menschen gegenüber erlebt, wie man in der Schuld verharrt. Sie können mit Donnerstimme reden, sie können schimpfen, sie können schreien, es nützt nichts. Sie können keinem Menschen Erkenntnis der Schuld beibringen oder Schuld aufreden. Das geht nicht. Da bleibt der andere bei uns und sagt: Na ja, war alles richtig, und ich musste so handeln. Es gibt ja hartgesottene Leute, die selbst angesichts der massiven Dinge auch im letzten Jahrhundert bei der Schuld der deutschen KZ und was weiß ich nicht dabeibleiben: Nein, das alles muss erredet sein, und es stimmt doch alles nicht, das sind Lügen.
Was ist das furchtbar, wenn man Schuld nicht sieht und nicht offen eingestehen kann. Und uns steht da, dass der Heilige Geist dieses Amt wahrnimmt. Er bohrt ins Gewissen, und das geschieht unter der Verkündigung des Wortes Gottes, beim Bibellesen, beim Sitzen in der Verkündigung oder in einer Versammlung. Und plötzlich wird unser Gewissen getroffen.
Jetzt müssen wir zuerst über unser Gewissen reden. Was ist das Gewissen? Das Gewissen ist ein sehr empfindliches Organ, das jeder Mensch in sich hat. Und man kann sein Gewissen abtöten. Das Gewissen ist eigentlich normalerweise von Geburt her empfindsam, aber es wird sehr früh von uns strapaziert. Und unter dem fortwährenden Druck, dass wir die Stimme des Gewissens erdrücken und nicht reden lassen, kommt es dazu, dass unser Gewissen immer leiser wird. Und man kann natürlich so weit kommen, dass Menschen sagen: Ich habe gar kein schlechtes Gewissen mehr, selbst wenn Menschen Verbrechen tun.
Solche Beispiele haben wir. Einer der Kommandanten von Auschwitz, der hat zehntausend Menschen eigenhändig umgebracht, der hat gesagt: Ich habe dabei gar nichts Schlechtes gefühlt. Das können Sie sich gar nicht vorstellen, dass man sein Gewissen so abtöten kann. Er war ganz empfindlich in seinem Gewissen, wenn jemand etwas seinem Pferd getan hat. Er stand stundenlang im Stall dieser KZ-Aufseher und hat sein Pferd gestreichelt. Das Gewissen kann ganz verbogen sein. Sie wissen, es gibt Leute, die sind skrupellos, die empfinden nichts dabei, wenn sie Unrecht tun. Die können andere verletzen, andere kränken, und ein Gewissen schlägt nicht mehr.
Also: Das Gewissen ist ein gefährliches Organ. Wenn einer sagt: Ich bin vor meinem Gewissen rein, das sagt noch gar nichts. Denn dieses Gewissen kann abgetötet sein, dieses Gewissen kann unter Druck sein, und dann wirkt es gar nicht mehr. Martin Luther hat ja einst im Reichstag zu Worms anders gesagt: Mein Gewissen ist gefangen in Gottes Wort. Ob unser Gewissen vor dem Wort Gottes richtig justiert ist, wie man eine Waage justiert, genau ausrichtet? Also erst durch das Reden Gottes, durch seinen Geist, kommt im Gewissen wieder die richtige Ausrichtung.
Was Gott von uns will, das Wort Gottes ist unbestechlich. Ich möchte heute hinzufügen, weil es ja in der Christenheit Mode geworden ist, das Wort Gottes anzupassen. Das geht natürlich nicht. Das Wort Gottes scheidet uns ja gerade von den bösen Gedanken, bringt uns wieder auf die Linie Gottes. Das Wort Gottes ist immer absolute Autorität, und das Gewissen muss ausgerichtet sein, justiert sein am Wort Gottes.
Und das Wunderbare ist, dass beim Bibellesen, beim Hören des Wortes Gottes, bei der Predigt das Gewissen getroffen wird. Paulus hatte mit einer Gemeinde zu seiner Zeit große Not. Es war die Gemeinde von Korinth. Die hatte viele Schäden. Sie fühlte sich als Starkristen, sie seien die Vorwildschristen. Die Korinther waren sehr extrem, auch in Schwärmerei, und gefielen sich selber. Und da schreibt der Paulus im 2. Korintherbrief, jetzt müssen Sie mal aufschlagen, das ist jetzt ganz wichtig, im 2. Korinther 4, gerade den Korinthern gegenüber, wie er seinen Dienst versteht.
Die Korinther haben ja die Autorität des Paulus in Frage gestellt. Die meinten, sie hätten viel bessere Prediger, die viel netter predigten und auch mehr Eindruck schinden. Und dann hat er gesagt: Wir meiden schändliche Heimlichkeit, wir gehen auch nicht mit List und mit Tricks. Beim Predigen des Evangeliums fälschen wir auch nicht Gottes Wort, auch um den Menschen zu gefallen.
Es ist ja ganz gefährlich, dass wir den Menschen nach dem Mund reden, um bei den Menschen anzukommen. Das ist heute große Gefahr, wenn wir sagen: Der Mensch heute will bloß das hören, jetzt müssen wir das Wort Gottes abändern, weil das der Mensch hören will. Wir fälschen nicht Gottes Wort, sondern durch Offenbarung der Wahrheit empfehlen wir uns dem Gewissen aller Menschen vor Gott. Oh, das hieß im alten Luthertext: Wir beweisen uns an aller Menschen Gewissen.
Nicht der Beifall der Leute ist wichtig bei der Predigt, nicht einmal die Zahlen der Zuhörer. Da kommen viele, das ist nicht entscheidend, sondern ob bei der Predigt die Gewissen getroffen werden. Ich habe den Eindruck, dass heute ganz oft vergessen wird. Wir sagen nur: Die Predigt hat mir gefallen oder die hat mich angesprochen. Nein, ist mein Gewissen getroffen worden? Auch das Gewissen von gläubigen Leuten? Paulus sagt: Wir beweisen uns an dem Gewissen aller Menschen vor Gott, im Lichte Gottes.
Und was ist das nun für eine Wahrheit, die das Evangelium am Gewissen offenbart? Die Wahrheit über mich. Ich bin ein verlorener, verdammter Mensch. Ich gehe nicht verloren, sondern ich bin verloren, ohne Gott. Und die Wahrheit ist, dass die Liebe von Jesus mir, dem sündigen Menschen, gehört. Und Jesus gekommen ist, um Sünder selig zu machen. Diese Wahrheit muss ins Gewissen kommen.
Unsere Vorfahren lebten ja in Hülben auf der Schwäbischen Alb. Und da wird ja immer wieder die Geschichte erzählt von dieser ersten Frau Schulmeister Kullen. Da kam der Erweckungsprediger Fricker von Dettingen in das Filial nach Hülben hinauf, und der Schulmeister musste oben den Gottesdienst halten. Das war also eine schlecht und recht christliche Familie. Und dann hat er zu dieser Schulmeisterin gesagt: Lesen Sie den Römerbrief! Das hat er ja mit Bedacht getan, weil in dem Römerbrief drinsteht, dass wir alle verlorene Leute sind.
Und als wir nach 14 Tagen wiederkamen, hat er gesagt: Nun, haben Sie es gelesen? Da hat er gesagt: Das ist nichts für uns Hülber, also das passt nicht für uns. Dann hat er gesagt: Dann lesen Sie es eben noch einmal. Bis sie schließlich gesagt haben: Jawohl, das ist die Botschaft für uns. Da sind sie ins Gewissen gegangen. Ohne diesen Treffer im Gewissen kann Gott nicht an uns arbeiten, kann Gott uns nicht verändern.
Da steht in dem Römerbrief, dass alle Menschen in ihrem Gewissen das geschrieben haben, was richtig ist. Aber sie sind verfinstert, sie haben ihr Gewissen abgetötet, sie sind in große Schuld gefallen. Das ist die Not dieser Welt. Und sie haben das Bild Gottes noch verfälscht, damit ihr Gewissen gar nicht mehr korrigiert werden kann. Und auch den Juden, dem Gottesvolk, ist es ins Gewissen geschrieben, und sie sind abgefallen, obwohl sie das Gesetz haben. Das ist die Not.
Aber wenn das Gewissen getroffen wird, dann fängt das bei uns auf einmal an zu arbeiten und zu bohren. Jetzt habe ich gesagt: Die wichtigste Wirkung des Heiligen Geistes, vor allem anderen in der Pfingstgeschichte, neben der Predigt des Evangeliums, ist, dass Gewissen getroffen werden, dass uns eine Angst überfällt. Die Angst des getroffenen Gewissens ist eine ganz große Not.
Ich habe das erlebt. Da war eine Frau, die ganz in der Welt war, zufällig in unseren Gottesdienst hereingekommen. Und ich treffe sie auf der Straße, und sie sagt: Wissen Sie, ich gehe nicht in Ihre Kirche, auch weil ich in der Nähe wohnte, ich bin hineingegangen. Freunde hatten mich schon gewarnt, aber was Sie da gepredigt haben, das war entsetzlich. Also voller Aufruhr und Widerstand. Wir haben lange Zeit gesprochen, und es ist ein Wunder passiert, dass sie noch einmal hineinging.
Und wir saßen schon beim Mittagessen zu Tisch. Da kommt ein Anruf: Können Sie sofort kommen? Ich brauche eine Aussprache. Ich ließ den Löffel fallen. Aber wir wussten: Wenn das Gewissen getroffen ist über Schuld, massive Schuld des Lebens, und es ist keiner unter uns, der nicht unter Schuld leidet, dann muss man ganz schnell handeln, denn die Qual ist so furchtbar. Man kann das vorher leugnen, man kann spotten und sagen: Das sind die Spinner und die Evangelikalen, Fundamentalisten und alles Mögliche. Wenn das Gewissen getroffen ist, dann ist etwas aufgerührt.
Und dann darf man den Freispruch der Vergebung verkünden, die Annahme bei Jesus, des vollen Heils. Wo wir heute Nachmittag noch einmal weitermachen, wie das ist, wenn man zum Glauben kommt, das ist ja so groß, das ist ein Wort zum Leben für den gequälten Geist. Und wir kennen das ja, wie das oft noch im Alter aufbricht, dass uns massive Schuld aus der Jugend belastet oder wie wir Eltern gegenüber schuldig geworden sind oder Menschen, die schon verstorben sind, und wir können es nicht mehr in Ordnung bringen. Und dann lastet es auf uns, dass wir nachts nicht schlafen können. Da wollte ich verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein täglich Heulen. Das ist ein ganz großer Gegensatz: Man leugnet Schuld, und dann wieder bricht es plötzlich auf, so dass man krank davon wird.
Aber das Wunder ist doch, dass Jesus mir unter meiner Schuld erst ganz groß wird und ich nichts begreifen kann, wie er mir vergeben will, wie er mich heilen will, wie er mich zurechtbringen will. Ich erzähle immer gern Geschichten, weil ich meine, an Geschichten wird es deutlich. Sie kennen ja vielleicht unsere Bücher, die wir von den Liederdichtern geschrieben haben, bei Philipp Spitta. Interessanter Mann, der ja eigentlich Uhrmacher war und dann erst die Gelegenheit erhielt, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden, der mit Heinrich Heine befreundet war, dieser Philipp Spitta. Der war ja dann Militärpfarrer an einer Haftanstalt, und da erzählt er, wie er dort in der Haftanstalt einen ganz schweren bösen Verbrecher zu betreuen hatte, einen hartgesottenen Mann, den hat man in Ketten gelegt, weil er vorher einen Ausbruchsversuch machte. Und mit dem Brot niemand fertig war, wie ein Tier.
Und dann erzählt er, wie er als Seelsorger dort in die Zellen ging. Es war aber schon halb dunkel, und er hatte so Angst gehabt. Er sagt: Ich mache es doch mit jedem Wort falsch, wie soll ich ihn auch erreichen können? Und er sagt: Ich habe gebetet, geschrien: Herr, du kannst diesen Menschen lieben, du kannst ihn erreichen, du bist der gute Hirte. Und er hat gesagt, und hat etwas gemerkt: Schimpfen hat gar keinen Wert, harte Wörter haben gar keinen Wert. Am meisten arbeitet der Heilige Geist an verblendeten Menschen durch die Güte Gottes. Die Güte Gottes leitet zu Buße.
Und er hat gesagt: Ich habe dem Mann nur erzählen können, wie wunderbar Jesus in meinem Leben, der Barmherzige, mir geholfen hat, aus meinen Sünden herauszukommen, wie ich ein Gefangener war. Übrigens ist es wichtig für Sie, dass Sie das auch so tun. Das wirkt am allermeisten, wenn Sie sich auf eine Stufe stellen und sagen: Ich bin doch wie du ein Verlorener, aber ich habe die Gnade von Jesus erlebt. Und er sagt: Ich war noch ganz unruhig, ob das Wort überhaupt ankommen kann, da höre ich ein Schluchzen. Und dieser Mann weint, dieser hartgesottene Mann, der gar nicht weinen kann, eigentlich weil er so im Bösen drin war. Ich meine, er war ein Mörder oder was er erzählt hat.
Und wie schließlich ein paar Tage später der Wärter kommt und sagt: Was ist da bloß passiert? Das ist ein ganz anderer Mensch geworden. Der Geist Gottes kann den härtesten, ablehnendsten, bösesten Menschen bekehren und herumreißen.
Ich war vor wenigen Wochen in Kasachstan, in Zentralasien, ein interessantes Gebiet. Denn dieses Zentralasien ist von der Weltmission über Jahrhunderte versperrt gewesen. Die orthodoxe Kirche Russlands hat nie eigentlich Mission unter diesen Völkern gemacht. Das sind die Nachfahren vom Dschingis Khan, Schlitzaugen, Kroge, Köpfe, Kasachen, Kirgisen, Uiguren, Turkmenen, Tadschiken. Das Evangelium ist noch nie verkündet worden. Tataren, dort ist der Islam durch die Besatzer ihnen aufgezwängt worden. Eigentlich islamische Völker.
Und wie jetzt 1989 die Wende kam, da waren es einige Russlanddeutsche, die nicht hierher übergesiedelt sind, die sagten: Wir bleiben da drüben. Und jetzt fangen wir an und nutzen die Freiheit und bringen diesen Völkern das Evangelium. Was Gott seit 1989 an diesen letzten Vergessenen getan hat, ist unglaublich. 441 Baptistengemeinden gibt es dort unter diesen Völkern. Da hat man kniend gebetet. Das ist eindrucksvoll, wenn man zu Gott schreit in dem ganzen Ernst.
Und da erzählen sie von den Tadschiken, da ist heute wieder eine große Christenverfolgung, die Muslime wollen die Ausbreitung des Evangeliums nicht erlauben. Aber von diesen Tadschiken, dass sie angefangen haben mit den ersten Missionaren: wo denn? Im Gefängnis. Und die ersten, die die Gnade von Jesus erfahren haben, waren die im Gefängnis, die wie ein trockener Schwamm das aufgesaugt haben. Und wie die frei geworden sind, sind die hinausgekommen, haben erzählt, und für die Leute war das bestürzend: Was, da ist da Neugier und die Sansa, das sind andere Menschen geworden.
Wir kennen das ja schon aus dem Neuen Testament, wie Jesus so Schwierigkeiten mit den Schriftgelehrten hatte, die so sicher waren. Und das ist immer wieder eine Gefahr für unsere Gemeinden. Hört man bei ihnen in ihren Hauskreisen und in Gemeinschaftsstunden noch diese Freude: Die Sünden sind vergeben, das ist ein Wort zum Leben für den gequälten Geist?
Ich bin dankbar, dass ich eine Mutter hatte, die das bis in die Todesstunde uns großgemacht hat. Das Größte ist nicht, dass sie Vorbild sein wollte, sondern Zettel, als sie im dritten Herzinfarkt starb, bloß noch hingekritzelt: Alle, alle meine Sünden hat sein Blut hinwegtan. Das ist der Ruhm von uns. Das sind Leute, das sind geistliche Leute, die das wissen.
Es gibt so einen verrückten Gedanken bei uns immer wieder, als ob wir imponieren wollten den Gottlosen. Es ist furchtbar. Und wenn wir perfekte Leute wären, die nie ein böses Wort reden würden, und wenn wir vollkommene Menschen wären, was wollen wir denn demonstrieren? Wir können doch bloß demonstrieren: Die Gnade des Heilands an mir, dem allerschlimmsten der Sünder, ist Barmherzigkeit widerfahren.
Wir wollen es die Leute alle erleben lassen und sagen: Ich war doch auch ein Verlorener, ich war doch auch verhärtet, ich habe so viel falsch gemacht in meinem Leben. Aber Jesus ist der, der für mich gestorben ist. Und das hat doch der Petrus verkündigt: Wer den Namen von Jesus anruft, der wird gerettet. Und deshalb hatten die Apostel auch nie Schwierigkeiten, aus ihrem Leben die ganz dunklen Stücke zu erwähnen. Es fiel doch dem Petrus sicher schwer. Er hätte auch lieber gesagt: Ich bin ein Superapostel. Nein, er hat immer gesagt: Ich muss davon noch erzählen, wie ich vor der Macht gekniffen habe aus Feigheit, wie ich hinauslief und weinte bitterlich. Aber Jesus hat für mich gebetet. Das ist doch das Wunder. Und dadurch sind Menschen zum Glauben gekommen.
Ich sagte vorhin, dass die Leute am meisten aufgeweckt werden durch das Erwähnen der Güte Gottes. Tatsächlich so: Die schlimmsten, verhärtetsten Sünder werden nicht durch Schimpfworte aufgeweckt, das hat ja gar keinen Sinn. Schimpfen geht prall ab an unserem Menschenherz, das ist leicht. Sondern durch Offenbarung der Güte. Wie ist denn der Petrus überhaupt, der da die Pfingstpredigt hielt, überhaupt zum Glauben gekommen? Als Jesus ihm seine ganze Güte und Liebe zeigte. Er saß übermüdet an seinem Kahn und pflegte die Netze, Sie kennen die Geschichte in Lukas 5. Und dann sagt Jesus ihm: Nimm dein Brot und rudere hinaus und mach einen Fischfang.
Ach Jesus, wir haben die ganze Nacht gefischt und nichts gefangen. Was soll jetzt auch noch kommen? Und verstehst du überhaupt was vom Fischfang? Aber er hat gemerkt: Nein, auf dein Wort hin will ich das Netz auswerfen. Und dann wirft er das Netz aus und denkt: Was soll da schon drin sein? Vielleicht ein paar alte Konservendosen oder was da im See schwimmt, ein paar Hölzer. Und dann können sie das Netz ja nicht hochziehen. Und dann rufen sie ihren Freund: Kommt und helft, zieht die Netze raus. Eigentlich müsste er ja sagen: So, jetzt haben wir Geld, jetzt ist alles gelöst und wunderbar. Nein, er hat viel mehr entdeckt. Er wirft sich in den Staub und schreit: Jesus, geh weg, du, ich bin ein Sünder.
Er hat sein Sündesein erst begriffen durch die Kraft des Heiligen Geistes, über der Wohltat von Jesus, über seine Liebe. Und so haben sie es ja auch, wir alle ja so erlebt, über eine unverdiente Errettung oder wo wir gesund geworden sind und es nicht mehr erwartet haben, wo Jesus mir so viel Liebe zeigt, wo ich doch ihm gegenüber so untreu bin. Und der Geist Gottes tut dieses Werk und deckt das auf, durch seine Güte zeigt das uns.
In der Missionsgeschichte ist das interessant, wenn man jetzt mal guckt: Wie werden solche Menschen überhaupt mit dem Evangelium erreicht? Manche Leute stellen sich das ja ganz seltsam vor. Ich höre immer wieder Leute, die sagen: Man soll doch gar nicht missionieren. Was stellst du dir unter Missionieren vor? Einen Holzhammer, wo man Leute auf den Kopf haut? Man kann doch nichts weiter tun als das, was sie ihren Kindern, Enkeln gegenüber tun, ihren Nachbarn: Mit einfachen Lebensworten einem anderen die Güte von Jesus bezeugen.
Und Sie können es nur sagen: Ich wüsste nicht, wo ich vor Jammer bliebe, wenn ich nicht dieses Herz von Jesus kenne, der mich herausgegriffen hat, und ich könnte im Tod nicht wissen, wo ich Rettung hätte, als dass Jesus seine durchgrabene Hand mich hält im Sterben. Das ist ein Zeugnis. Jetzt muss der Geist Gottes durch dieses Zeugnis hindurchwirken.
Die Missionsgeschichte war gleich am Anfang der Herrnhuter Mission. Das waren die Zinzendorff-Leute, die sind ja zu den Eskimos gegangen. Zinzendorf hat ja immer gleich die extremsten und schwierigsten Völker ausgesucht, nach Labrador oder nach Tibet, wo er seine Leute hingeschickt hat, nach Sankt Thomas zu den Sklaven in Westindien. Und da war es bei den Eskimos ganz, ganz arg schwer, weil die Eskimos so einen harten Lebenskampf haben. Man stellt sich das so idyllisch vor, aber in dem Iglu hausen die in der Kälte, und den ganzen Winter über waschen die sich nicht. Da stinkt Elend in diesem Eishaus, wo die drinsitzen. Und die waren überhaupt abweisend gegenüber allem Fremden, und die Herrnhuter Missionare kämpften dort bis zum Letzten, um den Eskimos die Liebe von Jesus zu zeigen.
Es hat, glaube ich, zwei Jahre gedauert, und keiner hat es begriffen: Wir sind sündige Menschen, fühlten sich als Jäger stolz, wir tun, wir kämpfen noch, weil sie so hartgesottene Leute waren. Und da war einer der Missionare und erzählt einem Eskimo den Gebetskampf von Jesus in Gethsemane. Und er merkt plötzlich, da laufen die Tränen bei dem Eskimo runter. Er sagt: Was hast du? Er liest noch einmal. Das kann doch nicht wahr sein, dass Jesus für mich so gekämpft hat. Das hat ihn überwältigt. Und da war der Durchbruch geschafft. Die Liebe von Jesus, die das erstarrte Herz aufweicht, und der Geist Gottes, der mächtig wirkt und das tun will.
Und jetzt ist es wichtig, heute für unsere Kirchengemeinden, für unsere Christenheit, das ist heute wieder nötig, dass dieses Thema verhandelt wird. Ich erschrecke, wir reden über alle Themen in den Gemeinden, wie man seinen Körper geschunden erhält und wie man sein Geld sicher anlegt und wie man Testament schreibt, und so sind alles Themen des Seniorenkreises. Wissen die Leute noch, wie man selig sterben kann, wie man Vergebung seiner Schuld bringt? Denn das habe ich als Seelsorger immer entdeckt, dass wir bei uns alle nur eine Tarnwand haben, hinter der wir uns verbergen. Und wir spüren genau: Wenn ich vor dem heiligen Gott stehe, das trägt nicht. Unsere Fluchtversuche sind so oberflächlich, dass wir schon gar nicht mehr vom Gericht Gottes reden, weil wir schon wissen: Ich kann vor Gott gar nicht bestehen.
Und deshalb so wichtig, dass wir das wieder anderen erzählen. Für mich war das die befreiende Sache, wie ich das zum ersten Mal begriffen habe, und ich kann es nicht oft genug hören bis in meine letzte Lebensstunde hinein: Das Blut von Jesus, dem Sohn Gottes, macht mich rein von aller Sünde. Nichts kann ich selber wegschaffen, nichts kann ich selber bereinigen, nichts kann ich selber büßen, er hat es für mich getan.
Wir haben eine schöne Geschichte, wie auch das Gewissen getroffen ist in der Bibel beim Nehemia, wie das Volk Israel in der breiten Gasse stand, und dann wurde das Gesetzbuch verlesen. Und nach langer Zeit hat man das Gesetzbuch jetzt wieder gehört, und da fingen die Leute plötzlich an zu weinen. Das sind Gottesstunden wie in den Erweckungen, wo plötzlich das wieder anfängt, in die Tiefe zu gehen. Und dann springt Nehemia unter diese traurigen Leute: Bekümmert euch nicht, die Freude am Herrn ist eure Stärke, jetzt dürft ihr wissen, dass Gott eure Schuld weggenommen hat und euch vergibt.
Wir haben in diesem neuen Buch In Gottes Spur bleiben eigentlich für jeden Tag so eine Geschichte zusammengestellt, und da war mir immer wichtig, dass das auch heute nicht vergessen ist, wie eine ganze Reihe der großen Nazi-Verbrecher die Gnade von Jesus angenommen hat. Da hat ja der Gefängnisseelsorger von dem Zuchthaus in Nürnberg, der Pfarrer Gehricke, diese Erinnerungen aufgeschrieben, der hat dort Seelsorge gemacht. Manche sagen: Ja, geht das überhaupt nach diesen grauenhaften Verbrechen? Es gab eine ganze Reihe, die das abgelehnt haben und gesagt haben: Ich will nichts und ich brauche keine Vergebung, ich will mit meinen Taten sterben. Aber da war es zuerst der Gauleiter von Thüringen, der Fritz Sauchel, der auf die Knie ging an seiner Pritsche und sagte: Gott sei mir Sünder gnädig.
Baldur von Schirach, der Führer der Hitlerjugend, Albert Speer, der Rüstungsminister, baten, zum Abendmahl zugelassen zu werden. Der Pfarrer Gehricke hat gesagt, ich war sehr bewegt, als diese drei Männer, Hans Fritzsche vom Propagandaministerium war noch dabei, auf den Knien lagen und Brot und Wein zu empfangen, den Zuspruch der Vergebung. Gott hatte mächtig an ihren Herzen gearbeitet, und voller Reue empfingen sie als Sünder die Vergebung durch Christus.
Redach, der Führer der deutschen Seemacht, begann ernstlich die Bibel zu studieren. Auch er empfing bald mit uns das Abendmahl. Keidl, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, bat mich, denen seinen Dank auszusprechen, die daran gedacht hatten, ihnen geistlichen Beistand zu geben. Unter Tränen sagte er: Sie haben mir mehr geholfen, als Sie ahnen können. Christus sei mit Ihnen. Bevor er seine Zelle verließ, sagte er, er setze sein ganzes Vertrauen auf das Blut des Lammes, welches der Weltsünde trägt. Auch Generalfeldmarschall Keidl ging in die Ewigkeit im Vertrauen auf die vergebende Gnade Gottes.
Reichsinnenminister Frick bekannte mir unmittelbar vor seinem Tod, dass er an das reinigende Blut Jesu glaube, dass er während unserer schlichten Gottesdienste dem lebendigen Christus begegnet sei. In unserer heute so sicheren, stolzen Zeit ist das so wichtig, dass viele Menschen das rettende Evangelium hören, Jesus als ihren Heiland erkennen und zum Glauben kommen. Das kann nur der Geist Gottes wirken, und wir können nur beten. Mehr können wir nicht tun. Wir wollen dabei sein, in der Nähe sein.
Ich las vor ein paar Tagen wieder die Geschichte von Adelshofen, wo die Bibelschule ist. Pfarrer Riecker war ja dort an seiner letzten Pfarrstelle angekommen, eine sehr traditionelle landeskirchliche Gemeinde. Und er hat kurz vorher erlebt, wie Heinrich Kemmer evangelisierte und an einer Evangelisation teilgenommen und gemerkt, wie viele Leute da die Seelsorge aufsuchen. Dann hat er gesagt: Also, das wird es in Adelshofen ganz gewiss nie geben. Ich kenne, wie hart die Leute sind, da kommt man nie ans Thema der Vergebung ran, und Heinrich Kemmer soll ruhig kommen, er wird seine Erfahrungen machen, wie das ist.
Haben Sie alles vorbereitende Schilder zur Seelsorge gemacht? Nachts, am ersten Abend, um zwölf Uhr war die Schlange noch nicht abgerissen, derer, die Frieden mit Gott suchen. Es war die Erweckung von Adelshofen. Das kann nur der Geist Gottes wirken, auch in unseren Tagen: Neuaufbruch.
Ich habe entdeckt, am wenigsten Erweckung gibt es heute unter den Alten. Die jungen Leute sind eigentlich sehr offen, die besinnen sich auch: Was wird sein, wenn ich sterbe? Aber so viele Alten, die sind so verhärtet, die haben so viel gehört und die sitzen da in einer Selbstgerechtigkeit, dass das wieder durchbricht. Ach, mein Herr Jesus, wenn ich dich nicht hätte und wenn dein Blut nicht für die Sünder rede, wo soll ich Ärmster unter den Elenden mich sonst hinwenden? Ich wüsste nicht, wo ich vor Jammer bliebe, denn wo ist solch ein Herz wie deins vor Liebe? Du, du bist meine Zuversicht alleine, sonst weiß ich keine.
Da steht: Es ging ihm durchs Herz. Ich sagte, das meint das Gewissen. Er wird es durch die Bibel hinter euch verfolgen. Seht ihr ja auf den ersten Blättern der Bibel: das Herz, das Gewissen, wie sie wollen, ist ein trotziges, ein verzagtes Ding, ein verhärtetes Organ in unserem Körper. Es steht noch viel mehr drin in Hesekiel 36: Ich will meinen Geist in sie geben, ein neues Herz ihnen geben, ein neues Herz, ein empfindliches Herz, das mitfühlen kann.
Liebe Schwestern und Brüder, das soll jetzt auch Kennzeichen als Gemeinde sein: Wenn einer unter uns von einem Fehler übereilt würde, eingeholt würde, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist. Es gibt unter gläubigen Christen etwas, das gar nicht verständlich ist: so viel Härte. Der hat die Ehe gebrochen. Furchtbar, es ist furchtbar. Aber es gibt eine Vergebung. Wir würden alle nicht gerettet werden, wenn wir diese Vergebung nicht vielfach erfahren hätten. Vielleicht hatte ich Gottes Gnade bewahrt vor vielen Fehltritten. Helft ihm wieder zurecht mit einem sanftmütigen Geist, sagt der Paulus den Galatern, die so gesetzeseifrig waren. Wir, die wir die Vergebung empfangen haben, sollten ein Herz haben wie Jesus, ein reines Herz, aber das die Schuld der Welt trägt.
Wir haben es angewöhnt, wie in der Zeitung, besonders im Ortsteil, von den schweren Skandalen drinsteht: Da hat einer Geld veruntreut in der Volksbank, und jetzt sitzt er im Knast. Herr Jesus, du hast deinen Boden, die ihm nachgehen, dass er deine Vergebung erfahren kann. Keiner, der nicht dieses braucht. Wir haben eigentlich die Botschaft heute in dieser Welt, in dieser selbstsicheren, gerechten Welt, dass das Gewissen frei werden kann, dass man fröhlich sterben kann, dass man heute wissen kann: Es ist nichts mehr da, es ist alles ausgelöscht, vergeben, weggetan. Christus wohnt in meinem Herzen. Der Herr will mir es nicht zerbogen, er will mir das neue Herz geben. Der Herr bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Es gibt so viele, die haben ein Brandmal im Gewissen, ihre Brandmale im Gewissen, die sind immer scheu. Das ist gefährlich. Nein, ich will, dass sie fröhlich sind und sagen: Mein Leben ist neu geworden, ich darf heute mich freuen an diesem Tag, weil der Geist Gottes mich neu gemacht hat.
Wir wollen beten: Herr, wir danken dir für das Wunder der Vergebung, der Heilung, der Schuld. Wir bitten, dass du es uns selbstgerechten Leuten immer wieder aufdeckst, wo wir vor dir versagen. Bewahre uns vor dem Richten, aber hilf uns, dass wir uns erbarmen können, mitleiden haben können, wie du mit den Menschen um uns her, die verschmachtet sind unter der großen Last der Schuld, der unbewältigten Dinge ihres Lebens. Und besonders die, die keinen Frieden finden in dir: Wir danken dir, dass dein Blut mächtig ist, alles wegzunehmen, auch jetzt, heute, dass wir es keine Stunde mehr weitertragen müssen. Herr, wir wollen alles bei dir niederlegen, auch was uns jetzt anklagt und belastet, und dir danken, dass du uns Vergebung schenkst. Amen.