Gott wird Mensch, Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Episode 718: Die Frage nach dem grössten Gebot, Teil 1.
Fast möchte man sagen: Nach der Frage ist vor der Frage. Kaum hat Jesus die Frage nach der Auferstehung beantwortet, kommt auch schon die nächste Frage auf. Diesmal wieder aus den Reihen der Pharisäer.
Matthäus 22,34-35:
Als aber die Pharisäer hörten, dass er die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, versammelten sie sich miteinander. Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach.
Wir merken: Es geht noch einmal darum, Jesus zu versuchen. Und doch zeigt der Bericht bei Markus, dass da auch etwas Bewunderung mitschwingt. Schauen wir uns die Frage an, die sie stellen.
Markus 12,28:
Und einer der Schriftgelehrten, der gehört hatte, wie sie miteinander stritten, trat hinzu, und da er wusste, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
Dieser Schriftgelehrte erkennt also die Qualität der Antwort Jesu zur Frage der Auferstehung an. Er wusste, dass er ihnen gut geantwortet hatte. Vermutlich war Jesus der erste Rabbi, der den Einwand der Sadduzäer gegen die Auferstehung durch einen Hinweis auf 2. Mose 3,6 widerlegt hat. Und einmal mehr tut Jesus es eben nicht durch einen Verweis auf andere rabbinische Autoritäten, sondern allein aus der Schrift heraus.
Hier liegt Respekt in der Luft. Und doch wollen die Pharisäer ihn auf die Probe stellen und testen. Sie wollen wissen, ob er ein Rabbi ist, der die Tora kennt. Und natürlich würden sie sich freuen, wenn er die Frage falsch beantworten und sich als unwissend präsentieren würde. Aber für den Herrn Jesus ist die Frage kein Problem.
Markus 12,29-31:
Jesus antwortete ihm: Das Erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein Herr. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft. Das Zweite ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Grösser als diese ist kein anderes Gebot.
Jesus beantwortet also die Frage des Schriftgelehrten, indem er zwei Passagen aus dem Alten Testament zitiert: zum einen 5. Mose 6 und dann 3. Mose 19. Hören wir uns 5. Mose 6 einmal im Original an.
5. Mose 6,4-5:
Höre, Israel: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft.
Diese Verse sind der Anfang des Schma, des jüdischen Glaubensbekenntnisses, das von frommen Juden jeden Morgen und jeden Abend zitiert wurde. Das ganze Schma besteht aus 5. Mose 6,4-9, 5. Mose 11,13-21 sowie 4. Mose 15,37-41. Dieses Glaubensbekenntnis betont Gottes Einzigartigkeit, aus der die Liebe des Gläubigen erwächst, den Bundesgehorsam, der je zu Segen oder Fluch führt, und dann die Erinnerungszeichen sowie ein Exodusbekenntnis.
Wenn Jesus formuliert: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein Herr“, dann unterstreicht er damit den monotheistischen Glauben des Judentums im Gegensatz zu den polytheistischen Vorstellungen der griechisch-römischen Welt. Im Deutschen hören wir keinen Unterschied zwischen dem Zahlwort ein und dem unbestimmten Artikel ein. Aber hier steht im Griechischen das Zahlwort: Kyrios heis estin. Damit wird auch klar, was 5. Mose 6 ausdrücken will, wenn es dort heisst: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Es gibt nur einen Gott, und diesen einen Gott gilt es zu lieben.
Im hebräischen Original soll er mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft geliebt werden: Herz, Seele und Kraft. Jesus formuliert etwas anders.
Markus 12,30:
Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft.
Herz, Seele, Verstand und Kraft. Wo im Alten Testament von Herz, Seele und Kraft die Rede ist, findet sich bei Jesus neben Herz, Seele und Kraft noch der Verstand. Warum ist das so? Es hat damit zu tun, dass unterschiedliche Kulturen den ganzen Menschen unterschiedlich beschreiben.
Wenn wir heute Herz sagen, denken viele zuerst an Gefühle: Liebe, Romantik, Empfindungen. Wenn wir Verstand sagen, meinen wir Denken, Argumentieren, Reflektieren. Und wenn wir von Seele sprechen, stellen wir uns oft einen inneren, unsichtbaren Teil des Menschen vor. Aber diese Einteilung ist nicht selbstverständlich, sie ist kulturell geprägt. Und wir müssen vorsichtig sein, dass wir nicht unsere moderne westliche Vorstellung vom Menschen einfach in die Bibel hineinlesen.
In der hebräischen Bibel bedeutet das Herz deutlich mehr als nur Emotion. Das Herz ist das Zentrum des Menschen. Dort denkt der Mensch, dort trifft er Entscheidungen, dort plant er, und dort ist sein Wollen. Deshalb kann das Alte Testament davon sprechen, dass jemand in seinem Herzen überlegt, dass ein Herz Einsicht hat oder dass Gott das Herz prüft. Das Herz umfasst also kognitive, emotionale und willentliche Aspekte, und zwar alle zugleich. Es ist im biblischen Denken die innere Mitte des Menschen und nicht nur ein Teil unter anderem.
Auch der Begriff Seele ist im Alten Testament anders gefüllt, als wir das oft annehmen. Das hebräische Wort nefesh meint in vielen Fällen nicht einen unsichtbaren Seelenanteil, sondern das lebendige Wesen selbst, also das Leben eines Menschen in seiner ganzen Wirklichkeit. Wenn es deshalb heisst: mit ganzer Seele, dann geht es nicht um einen abgegrenzten inneren Bereich, sondern um das ganze Leben, die ganze Existenz, die ganze Person des Menschen.
Auch Kraft ist im Alten Testament nicht einfach nur körperliche Stärke. Das hebräische Wort kann die gesamte Energie, die Lebenskraft und die Möglichkeiten eines Menschen beschreiben. Gemeint ist also alles, was einem Menschen an Fähigkeit, Ausdauer, Einfluss und Körperkraft zur Verfügung steht. Wenn die Bibel davon spricht, Gott mit ganzer Kraft zu lieben, dann heisst das: mit allem, was man hat und ist, mit meiner Energie, meinen Ressourcen, mit dem ganzen praktischen Einsatz meines Lebens.
Vor diesem Hintergrund verstehen wir jetzt besser, was in 5. Mose 6 gemeint ist. Wenn dort steht, du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft, dann beschreibt das keine sauber getrennten Bestandteile des Menschen. Es ist eine umfassende Aussage: Liebe Gott mit deinem inneren Zentrum, mit deinem ganzen Leben und mit allem, was du bist und hast.
Wenn Jesus in Markus 12,30 zusätzlich den Verstand nennt, dann ergänzt er nicht einfach etwas völlig Neues. Vielmehr betont er einen Aspekt des Menschseins, der in einem griechischsprachigen Umfeld untergehen könnte. Es geht also um die kulturelle Übertragung des alttestamentlichen Zitats. Was im hebräischen Herz bereits mitschwingt, nämlich Denken und Verstehen, das wird noch einmal ausdrücklich benannt, damit der nichtjüdische Hörer es mitdenkt.
Gott will uns ganz. Er will nicht nur unsere religiösen Handlungen oder unsere moralischen Anstrengungen, er will den ganzen Menschen: unser Denken, unser Wollen, unser Fühlen, unser Entscheiden, unsere Möglichkeiten und unser Handeln. Alles soll auf ihn ausgerichtet sein. Weil der Herr einer ist, soll auch unsere Antwort auf ihn ungeteilt sein. Wir sollen ihn mit allem lieben, was wir sind und haben.
Was könntest du jetzt tun? Frage dich ganz ehrlich, ob das so ist, ob du Gott mit allem liebst, was du bist und hast.
Das war's für heute. Überarbeite und aktualisiere jetzt deine Fürbitte-Liste für Familien und Ehepaare in deiner Gemeinde und bete für sie. Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
