Maria, das Mädchen vom Lande.
Liebe Freunde, von Männern ist hier schon viel die Rede gewesen, von Frauen
seltener. Also reden wir heute einmal über eine Frau. Und zwar über die
bedeutendste Frau der Weltgeschichte. Ich habe einen Auszug aus ihrer
Kaderakte hier. Die Angaben zur Person. Name: Maria. Nationalität:
Jüdin. Geburtsort: Nazareth. Familienstand: Ledig. Beruf:
Genossenschaftsbäuerin.
Eines Tages bekommt die Maria Besuch. Ein Engel, das heißt also ein Bote
Gottes, kommt zu ihr.
Lukas 1,26: Der Engel Gabriel, von Gott gesandt in eine Stadt im Galiläa
die heißt Nazareth. Zu einer Jungfrau, die war verlobt mit einem Manne, mit
Namen Josef vom Hause Davids. Und die Jungfrau hieß Maria. Kein Wort über
ihr Aussehen, über ihren Charakter, über ihren Glauben. Keine Andeutungen
über irgendwelche Verdienste oder besondere Kennzeichen, keine Begründung,
warum Gott den Engel ausgerechnet zu ihr schickt. Diesem einfachen Mädchen
vom Lande wird vom Engel mitgeteilt: du wirst schwanger werden und einen
Sohn gebären, dessen Name sollst du Jesus heißen. Also mit anderen Worten:
die Jungfrau soll ein Kind kriegen.
Eine schwere intellektuelle Geburt: die Jungfrauengeburt.
Bei dieser Sache mit der Jungfrauengeburt da wird es ja vielen unter uns
mulmig, obwohl wir Christen an jedem Sonntag im Glaubensbekenntnis
bekennen, dass Jesus geboren wurde von der Jungfrau Maria.
Viele sprechen diesen Satz diesen Satz nicht gerade mit besonderer
Überzeugung. Viele murmeln den bloß noch verschämt vor sich hin, viele
schweigen an dieser Stelle völlig, weil sie glauben, als gebildeter Mensch
kann diesen Satz von der Jungfrauengeburt nicht mehr mit gutem Gewissen
mitsprechen. Und viele, besonders Theologieprofessoren und Theologen, die
erklären es uns ganz offen und sagen: es handelt sich um eine Art Märchen,
also das können wir abhaken.
Ich erkläre ganz offen, ich bin da ganz anderer Meinung, ich möchte mich
von vorne herein ganz klar zu diesem Satz: geboren von der Jungfrau Maria"
bekennen und zwar im wortwörtlichen Sinne. Auch wenn ich es mir damit bei
einigen Konfirmanden und ähnlichen Intellektuellen verscherze. Die
Jungfrauengeburt ist ein Tatbestand, der in der Bibel bezeugt und in dem
Glaubensbekenntnis bekannt wird. Und deswegen ist das unzulässig, wenn
jeder dahergelaufene Professor oder Konfirmand erklärt: das geht über
meinen Verstand, deshalb ist es nicht möglich."
Die Jungfrauengeburt abzustreiten ist unlogisch, unbescheiden und unbiblisch.
Dieses Argument ist erstens unlogisch, zweitens unbescheiden und drittens
unbiblisch. Unlogisch, weil es vieles gibt, was wir zwar nicht verstehen,
was aber trotzdem möglich ist. Unbescheiden, weil ja da jemand seinen
eigenen Verstand zum Maßstab für Alles macht, sogar zum Maßstab für Gottes
Handeln. Und unbiblisch, weil unser Bibelabschnitt endet mit den Worten:
Bei Gott ist kein Ding unmöglich".
Solange du das nicht begriffen hast, im Glauben ergriffen hast, da wirst du
weder Gott noch die Bibel begreifen noch in deinem Christenleben reifen.
Ich bitte dich, merke dir diesen Satz: Bei Gott ist kein Ding unmöglich".
Unmöglich ist bei Gott nur eins, nämlich das Wort unmöglich, das kommt bei
Ihm nicht vor. Du darfst von Gott nicht so klein denken. Und wenn du schon
so versessen bist auf die Anwendung deiner Vernunft und deines Verstandes -
na dann streng doch deinen Verstand mal an, dann denk doch jetzt einmal mit
mir mit.
Bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Wenn Gott wirklich Gott ist, d.h. der Planer, der Schöpfer, der Lenker, der
Erhalter des Universums, na dann ist doch logisch, dass dessen Logik größer
ist als deine. Dass der mehr drauf hat als du, dass dem bei dem mehr drin
ist als in deiner Birne. Ich bitte dich, gib deinen Kleinglauben auf
gegenüber diesem großen Gott. Gibt Gott die Ehre, gib Ihm dein ganzes
Vertrauen, und gib nicht auf, wenn du an die Grenzen deines Verstandes und
deiner Möglichkeiten kommst. Sondern glaube, was hier in der Bibel
geschrieben steht: bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Hier in diesem Gottesdienst, da saß vor einer Reihe von Jahren ein junges
Pärchen. Die sind inzwischen verheiratet, haben drei Kinder, und die Frau
hat jetzt Krebs. Die Ärzte haben ihr weder Illusionen noch irgendwelche
Hoffnungen gemacht. Ganz im Gegenteil: diese Frau steht jetzt an der Grenze
des Todes. Und sie lebt. Sie lebt im wahrsten Sinne des Wortes von einem
solchen Bibelwort: bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Gott hat ja in der Bibel, im Falle von Krankheit, uns extra Hilfen und
Anweisungen gegeben, zum Beispiel im Jakobusbrief. Da lesen wir: wenn
jemand unter euch krank ist, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde,
dass sie über ihn beten und ihn salben mit Öl im Namen des Herrn und das
Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen und der Herr wird ihn
aufrichten[1].
So haben wir es mit dieser Frau gemacht, und so haben wir es bei vielen
Menschen ja schon erlebt und erfahren, dass Gott eingreifen kann und dass
auch dort wo unsere Möglichkeiten und die Möglichkeiten der Mediziner am
Ende sind, Gott noch lange nicht am Ende ist. Er kann auch dort, wo unsere
Mittel versagen, etwas tun.
Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Dieses Wort, das ist doch nicht der
Schlusspunkt hinter einer Diskussion, womit Gott die Diskussion abwürgen
will. Sondern dieses Wort steht das steht in der Bibel und Menschen, die am
Ende sind, mit ihrem Latein und mit ihrem Wissen und mit ihrer Hoffnung, um
denen eine neue Hoffnung zu geben, eine Möglichkeit zu geben, einen neuen
Anfang zu machen, weiterzumachen.
Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Bist du bei Gott? Glaubst du an Gott?
Hast du Gott dein Leben anvertraut? Dann kannst du von diesem großen Gott
auch Großes erwarten. Gott ist so groß und ist so gütig und Er ist so
interessiert an deinem Leben und an deinen Problemen, dass Er gekommen ist
aus seiner Herrlichkeit auf unsere Erde, dass er ein Mensch geworden ist um
dir ganz nahe kommen zu können. Damit er dich verstehen kann, damit du Ihn
verstehen kannst und damit er dir helfen kann.
Gott wurde in Jesus ein Mensch.
Gott wurde in Jesus ein Mensch. Diese Menschwerdung, die wir an Weihnachten
feiern, das war eben nicht bloß so eine zeitlose Idee, sondern das war ein
geschichtliches Ereignis. Ideen haben meistens Väter, aber keine Mutter.
Jesus ist keine Idee. Sondern Jesus ist ein Mensch, und er hatte, wie jeder
normale Mensch, auch eine Mutter.
Natürlich ist auch mir nicht ganz unbekannt, dass üblicherweise zur
Entstehung eines Menschen nicht nur eine Mutter, sondern auch ein Vater
dazugehört. Das ist eine Tatsache, die heutzutage bis in alle Details auch
in aufgeklärten Kindergartenkreisen durchaus bekannt ist. Aber um zu
wissen, dass die Kinder nicht vom Klapperstorch gebracht werden, sondern
vom Manne gemacht werden, da brauchst du doch nicht erst im 20. Jahrhundert
zu leben und die Zeitung "neues leben" zu studieren, wo der Professor
Borrmann[2] seine Äußerungen hinterlässt.
So schlau war nämlich schon die Maria, dieses unbedarfte Dorfmädchen vom
Lande, auch schon. Nachdem ihr der Engel eine lange Rede gehalten hat, und
ihr eröffnet, dass sie schwanger wird, dass sie ein Kind bekommt, dass sie
das Kind Jesus, also Retter nennen soll, dass dieses Kind Sohn Gottes
genannt werden wird, dass es auf den Königsthron Davids steigen wird, dass
seine Königsherrschaft ewig währen wird - nach all diesen
unwahrscheinlichen Ankündigungen, wie sie noch nie ein Mensch gehört hat,
da reagiert die Maria völlig normal. Man müsste ja erwarten, dass die
völlig geplättet ist, wenn ihr so aus heiterem Himmel mitgeteilt wird, du
wirst schwanger. Man müsste erwarten, dass die völlig abhebt, wenn man ihr
sagt, das Kind, dass du erwartest, wird einmal ein ganz großer. Der gehört
mal zu den ganz Großen der Welt, der macht einmal eine super Karriere. Der
Junge wird König! Aber darauf geht die gar nicht ein. Wie so ein
Bauernmädel vom Lande nun mal ist, ist die nüchtern, praktisch, und ganz
geradezu und direkt.
Die erste Zweiflerin an der Jungfrauengeburt: Maria, das Bauernmädel aus Nazareth.
Und als ob sie mit ihrer Bauernschläue den Engel mit seiner herrlichen Rede
auf Glatteis führen möchte, da führt sie das ganze Problem auf den Boden
der nüchternen Tatsachen zurück. Das erste, was sie nach der Rede des
Engels zu bemerken hat, das ist von einer umwerfenden Sachlichkeit. Das
Einzige, was sie zu der grandiosen Eröffnung des Engels zu sagen hat, das
ist die trockene Gegenfrage: wie soll denn das eigentlich technisch vor
sich gehen, da ich nichts von einem Manne weiß?
Die erste, die ihre Zweifel an der Jungfrauengeburt geäußert hat, das war
die Jungfrau Maria selber. Die glaubte auch nicht mehr an den Klapperstorch
sondern war offensichtlich über die Rolle des Mannes bei der Zeugung von
Kindern orientiert.
Die hatte ja einen Mann. Nämlich den Zimmermann Josef. Aber mit dem hatte
sie noch nicht geschlafen, weil sie mit dem noch nicht verheiratet war,
weil man damals vor der Ehe noch nicht miteinander ins Bett ging.
Und deshalb erkundigt sich die Maria ganz sachlich: Wie soll denn das vor
sich gehen, wo ich doch mit keinem Mann ins Bett gehe?"
Das ist zunächst alles, was sie zu bemerken hat. Der Engel ist über ihre
kritische Haltung keineswegs schockiert. Er hätte ja entsetzt mit den
Flügeln schlagen können und sagen: Also, das darf doch alles gar nicht
wahr sein! Da kommt man hier als Chef der Engelbrigade zum Sondereinsatz in
dieses Nest Nazareth, was in der Bibel überhaupt nirgends erwähnt wird, man
eröffnet diesem unbedarften Provinzmädchen, dass es die Mutter Gottes
werden soll und diese Göre hat weiter nichts dazu zu sagen, als ihre
Zweifel anzumelden. Also sowas von Unglaube, die ist ja mit ihrer
rationalistischen und kritischen Einstellung für den Job überhaupt nicht
geeignet – hier machst du den Abflug."
Das macht der Engel aber nicht. Sondern er erklärt ihr geduldig die Sache,
soweit man das überhaupt erklären kann. Und er sagt: Der heilige Geist wird
über dich kommen und die Kraft des Höchsten wir dich überschatten, und
darum wird das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden[3] und
er beschließt seine Rede mit dem Satz, den ich schon vorhin erwähnt habe:
Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Von diesem Moment an gibt die Maria ihren Widerstand auf. Bei Gott ist kein
Ding unmöglich. Das genügt ihr. Das glaubt die. Daran hält sie sich fest.
Darauf lässt sich ein. Damit gibt sie sich zufrieden und erklärt sich
bereit, den einzigartigen Auftrag Gottes anzunehmen. Maria aber sprach: ich
bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast[4].
Die Folgen von Marias "Ja".
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich in diesem Moment über die
Konsequenzen ihres Ja" im Klaren gewesen ist. Als unverheiratete Frau ein
Kind zu bekommen, das bedeutete erstens, dass ihr guter Ruf im Eimer war.
Haben Sie schon gehört? Die Maria kriegt ein Kind! Und wissen Sie von wem?
Die sagt, es ist nicht von ihrem Josef, sondern es ist vom heiligen Geist.
Merken Sie was? – Piep, Piep[5]! Zweitens riskiert sie, als eine
Ehebrecherin behandelt zu werden. Und drittens läuft sie Gefahr, ihren
Verlobten zu verlieren. Tatsächlich hat der Josef ja auch später den Plan
gefasst, seine Frau sitzen zu lassen. Ich mein, der Josef war ja nun auch
kein Depp. Der sah wie seine Frau immer runder wurde und ein Kind kriegt;
er war's nicht und die sagt: Es war der Heilige Geist". Also ich möchte
mal den jungen Mann sehen, der sich mit so ´ner Klärung seiner Freundin
zufrieden gibt. Und ich verstehe sehr gut, dass der Kumpel Josef bei sich
gedacht hat: Also das hältst du doch in deinem Kopp nicht aus, hier
steigst du aus." Und als er sich davon machen will, dann muss Gottes extra
ihn wieder auf seinen Platz zurück pfeifen. Aber das ist eine extra
Geschichte. Das alles, was da vor ihr liegt, das hat die Maria in diesem
Moment ganz sicher nicht übersehen. Jedenfalls sagt sie, ich bin des Herrn
Magd, mir soll geschehen, wie du gesagt hast.
Und ich bin sogar überzeugt, dass sie das wunderbare, das mit ihr geschehen
sollte, nicht im Entferntesten begreift. Es ist ja sowieso nichts zu
begreifen. Aber sie sagt Gehorsam ihr Ja". Und in diesem Glaubensgehorsam,
da liegt Ihre vorbildliche Größe.
Warum wir das Dorfmädchen aus Nazareth ehren.
Wir ehren das einfache Dorfmädchen aus Nazareth. Die heilige Jungfrau
Maria. Erstens, weil Gott sie einzigartige Weise begnadet hat. Weil sie
nämlich die Mutter unseres Herrn Jesus Christus werden konnte und zweitens,
weil sie in vorbildlicher Weise Gott im Glauben gehorcht hat. Und ich halte
es für sinnvoll, wenn wir in diesem Punkt Glaubens Gehorsam, die Maria zum
Vorbild nimmst. Und ich halte es für sinnlos, wenn du anfängst zu
diskutieren, dass nach den allgemein bekannten Naturgesetzen eine
Jungfrauengeburt gar nicht möglich ist, oder dass du jetzt Erwägungen
anstellst, was Gott in seiner Allmacht noch alles möglich gewesen wäre, wie
Er das anders hätte machen können.
Darüber haben wir doch überhaupt nicht zu befinden, was bei Gott möglich
oder unmöglich ist. Oder dass Er das alles ganz anders hätte machen können.
Na sicher hätte Gott das alles ganz anders machen können aber Er hat es so
gemacht und so haben wir das anzuerkennen. Und Gott fragt uns nicht nach
unserer geschätzten Meinung über seinen Möglichkeiten und Methoden, wie Er
das Rettungswerk einfädelt und wie Er den Retter in die Geschichte der
Menschheit einfädelt. Genauso wenig, wie Er die Maria fragt, was sie denkt,
und ob sie das für möglich hält.
Gott ist kein Diktator.
Als die Maria allerdings ihre skeptischen Gegenfragen stellt, da nimmt ihr
Gott das ja nicht übel, im Gegenteil, Er nimmt sich Zeit und Geduld, um auf
ihren Einwand einzugehen. Gott ist kein Diktator, der keine Gegenmeinung
duldet. Du brauchst vor Gott keine Angst haben, dass Er einmal einschnappt,
wenn du einmal einen anderen Gedanken hast. Du kriegst nicht gleich ein
Verfahren an den Hals, wenn du nicht linientreu bist. Du brauchst deine
Einwände und Zweifel nicht zu unterdrücken. Du brauchst jetzt nicht die
Zähne zusammen zu beißen, und den krampfhaften Versuch eines blinden
Gehorsam zu machen. Gott will doch nicht deine zähneknirschende
Kapitulation. Er möchte das freudige Ja" deines Herzens.
Zweifel an der Jungfrauengeburt sollen kein Glaubenshindernis sein.
Nun vermute ich, dass viele unter euch in punkto Jungfrauengeburt immer
noch kein volles "Ja" über die Lippen bringen und immer noch Hemmungen
haben. Wenn dir die Lehre von der Jungfrauengeburt ein unbegreifliches
Dogma ist – ein Dogma ist ein Glaubenssatz, ein Lehrsatz der Kirche, also
das, was man zu glauben hat – wenn das also ein unverständliches Dogma ist,
mit dem du nichts anfangen kannst, dann fang jetzt nicht an, das jetzt
krampfhaft zu schlucken.
Wenn du den Satz: Geboren von der Jungfrau Maria" nicht über die Lippen
bringst, weil dir das deine Vernunft verbietet, dann ist das zwar falsch,
aber es ist immer noch besser als einfaches Nachplappern oder Heuchelei.
Dann quäle dich jetzt nicht mit der Jungfrauengeburt ab. Komm dir jetzt
nicht schlechter vor als andere Christen die das ohne weiteres glauben
können, sondern lass ruhig mal alles, was dir dogmatisch und lehrhaft
vorkommt, beiseite. Lass die Dogmen und die Lehren, die du nicht verstehst,
dahingestellt und halte du dich an das, was du verstehst. Niemals ist Jesus
vor die Leute hingetreten und hat gesagt: Also aufgepasst, erstens: Mein
Vater ist Gott; zweitens: meine Mutter ist Jungfrau; drittens: das müsst
ihr glauben."
Wie Jesus den Menschen begegnet ist.
Sondern Jesus ist den Menschen ganz anders begegnet. Zum Beispiel als Arzt,
der den Kranken geholfen hat. Als ein spendabler Gast auf der Hochzeit, als
Freund. Das war einer, der hat über die Angst und über das Leben und die
Freiheit Sätze gesagt, die uns heute noch unter die Haut gehen. Das war
einer, der sich buchstäblich totgeliebt hat, der bis zuletzt seiner Aufgabe
treu geblieben ist.
Und alle, die Jesus begegnet sind, die sind nicht einer dogmatischen Formel
begegnet, sondern einem Menschen. Was denen als erstes an Jesus auffiel,
das war nicht seine Göttlichkeit, sondern das war seine Menschlichkeit.
Als Er kam, da wurde Er wie jedermann von einer Mutter geboren und lag wie
jedermann als Kind in seinen Windeln. Er war schon als Kind obdachlos und
verfolgt. Als junger Mann hat Er schon auf dem Bau arbeitet. Er war
Zimmermann. Er wusste was es heißt, sich mit seinen Händen sein Brot zu
verdienen, 12 Stunden arbeiten, eine Norm schaffen, einen Plan erfüllen.
Der hatte Freunde und hatte Feinde, Er hatte Durst und hatte Hunger. Er
hatte Freude und hatte Traurigkeit. Er wurde vom Teufel versucht wie jeder
Mensch. Er wurde von einem seiner engsten Freunde verpfiffen, Er verlor
Freiheit und Ehre. Er wurde misshandelt, durch einem Justizmord am Schluss
umgebracht.
Als Er unter die Leute kam, so mit 30 Jahren, ist Er als einfacher
Wanderprediger durch das Land gezogen. Schleppte mit sich eine Gruppe von
armen Fischern. Er war selber zu arm, seine Kirchensteuern zu bezahlen. Das
müsste ja ein Zug sein, der manchen von euch sehr entgegen-kommt. Er hatte
keinen festen Wohnsitz, Er hatte kein festes Einkommen, Er hatte kein
Eigentum und als Er ging, da hat Er vor dem Tod gezittert wie jeder andere
auch. Da war nichts sichtbar von göttlicher Majestät, sondern da sah man
nur die kalte Angst vor dem Sterben. Mit einem Wort: dieser Jesus war ein
Mensch, dem nichts Menschliches fremd war.
Der kannte die Armut, den Hunger, die Verfolgung, die Verzweiflung, die
Feindschaft, das körperliche Leiden, den Tod. Alle, die Ihm damals begegnet
sind, die waren sich nicht vom ersten Moment an sicher, ob das der Sohn
Gottes ist. Für die war Er zunächst ein Mensch. Weiter gar nichts.
Erst als sie diesen Menschen näher kennen lernten, da erkannten sie in Ihm
den Sohn Gottes. Erst wenn sie merkten, dass seine Menschlichkeit geradezu
übermenschlich war, da begriffen sie, dass Jesus nicht nur der Sohn einer
Mutter war, wie wir alle, sondern dass Er der einzige Sohn seines
himmlischen Vaters war.
Sowas erkennt man gewöhnlich nicht von heute auf morgen, obwohl es das auch
gibt. Aber bevor zum Beispiel solcher Mann wie Petrus zu Jesus sagen
konnte: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes![6] da hat er mit
Jesus viele Kahnfahrten machen müssen und viele Fische fangen müssen. Da
fließt allerhand Wasser die Chemnitz herunter, bis ein Mensch begreift: das
ist Jesus, der Sohn Gottes und in Ihm den Sohn Gottes erkennt.
Jesus wunderbar menschliches Wesen kennen lernen.
Zu Weihnachten ist Jesus als ein Mensch gekommen, weil Er zunächst einmal
von dir als Mensch genommen werden möchte. Vielleicht sagst du zu Ihm: Ich
weiß gar nicht, Jesus, was ich von Dir halten soll, aber einiges an Dir,
das gefällt mir. Mir gefällt zum Beispiel, dass du nichts hältst von Rache
und von Hass, dass Du gegen die Gewalt bist, mir gefällt, dass Du für den
Frieden bist. Mir gefällt auch, dass Du dich nicht so grosskotzig benimmst
wie die Bosse dieser Welt, dass Du bescheiden und einfach geblieben bist."
Der sowjetische Dichter Jewtuschenko[7] hat zum Beispiel einmal gesagt, er
wäre kein Christ, aber vieles an Christus würde ihm gefallen. Vielleicht
lächelt Gott über so eine Harmlosigkeit. Aber Gott lächelt nie
herablassend, sondern immer gütig und einladend.
Nimm doch bitte die Einladung Gottes an. Fang deine Beziehung zu Jesus an
den Punkten an, wo du Ihn verstehst. Wo Er dir menschlich nahe kommt, wo
dir was an Ihm gefällt. Der Glaube an Jesus, auch daran ist etwas
menschliches, in dem er nämlich wachsen kann. Du kannst den Bau deines
Glaubens ja nicht damit anfangen, dass du gleich das ganze perfekte
Dogmengerüst besteigst. Dabei kann dir leicht schwindlig werden. Und es ist
noch einmal gar nicht gesagt, dass du im Gerüst der Dogmen Jesus auch
wirklich findest. Es hat sich schon mancher im Gerüst der kirchlichen
Dogmen verstiegen. Hoffnungslos, ist drinnen hängen geblieben, ohne jemals
Jesus zu Gesicht zu bekommen.
Fang lieber, in dieser Weihnachtszeit, ganz ganz unten an. Beim
Allermenschlichsten. Und was ist menschlicher, als die Geburt eines Kindes.
Wenn ein Kind geboren ist, wenn es erst einmal da ist, da sind doch die
anatomischen Vorgänge der Zeugung und der Geburt absolut nebensächlich.
Da freut man sich einfach, weiter nichts. Und gerade je mehr man sich mit
dem Verstand über die anatomischen Vorgänge im Klaren ist, umso mehr staunt
man, welches Wunder da heraus kommt, und immer wieder werden wir dieses
Wunder bestaunen und nie begreifen. Anatomie hin, und Anatomie eher, das
Kind ist da, nur das ist wichtig. Jungfrauengeburt hin, Jungfrauengeburt
her, das Kind ist da! Der Sohn Gottes ist da! Der Retter der Welt ist da.
Dein Retter ist da und deine Schuld, die kann vergeben werden.
Wir sind vor Gott verloren – deshalb Gottes riesige Rettungsaktion.
Und selbst wenn du sagst, ich habe keine Schuld, da ändert das nichts
daran, dass du vor Gott schuldig bist. Und selbst wenn du sagst, ich fühle
mich nicht verloren, ändert das nichts daran, dass du vor Gott verloren
bist. Und selbst wenn du sagst: ich brauche keinen Retter, ändert das
nichts daran, dass die Bibel sagt, du brauchst einen, der dich vor der
Verlorenheit rettet. Die Tiefe deiner Verlorenheit, den tödlichen Ernst
deiner Situation, die Größe deiner Schuld, die kannst ermessen aus der
Größe von Gottes Rettungsaktion, die zu Weihnachten angefangen hat in der
Krippe und am Karfreitag geendet hat an einem Kreuz.
Vor zwei Tagen, also am Freitag, da kam ich mit dem Wolfgang aus Berlin.
Wir sind so um halb sechs aus Berlin gestartet. Ausfallstraße, mehrere
Reihen Autos nebeneinander in Richtung Autobahn. Auf einmal überholt uns
ein Polizist auf dem Motorrad. Blaues Licht, Sirene. Dann kommt der
nächste, dann noch einer, dann kommt Feuerwehr, Krankenwagen, Einsatzwagen,
Polizeifahrzeuge, wieder Krankenwagen, einer nach dem anderen. Wir mussten
bloß immer an den Rand fahren und warten bis diese Mannschaft vorbei kam.
Wir wussten nicht, dass da vorne ein Flugzeug abgestürzt war. Aber wir
wussten, dass da etwas ganz außergewöhnlich Schreckliches passiert sein
musste. Wir schlossen das aus der Größe der Rettungsaktion, die da im Gang
war.
Wenn du momentan nicht weißt, worin deine Schuld vor Gott besteht, da
kannst du aus der riesenhaften Rettungsaktion Gottes darauf schließen, wie
schlimm es um dich steht.
Um dich zu retten, musste Gott, der Schöpfer der Welt, ein kleines Kind
werden. Um dich zu retten, musste Gott, der Herr der Welt, an einem Kreuz
sterben. Da musste der Erlöser der Welt verbluten. Aus der Größe dieser
Rettungsaktion kannst du die Größe deiner Schuld, und vor allem: da kannst
du die Größe von Gottes Liebe ermessen. Du bist von Gott geliebt. Gott hat
zu deiner Rettung das Größte eingesetzt, was Er hatte und was Er am meisten
liebte, nämlich seinen Sohn, und sein eigenes Leben. Nimm Jesus auf in dein
Leben und dann du bist gerettet.
Amen.
[1] Jakobus 5, 14-15
[2] Die Kolumne von Professor Borrmann im FDJ Magazin neues leben"
beantwortete Fragen zur Sexualität. – Anm. des Schreibers
[3] Lukas 1, 35
[4] Lukas 1, 38
[5] Theo Lehmann zeigt vermutlich den Vogel – Anm. des Schreibers
[6] Matthäus 16, 16
[7] Jewgeni Alexandrowitsch Jewtuschenko, geb. 18. Juli 1932 – Anm. des
Schreibers

