Prediger 3,1-4,8
Prediger 3,1-4,822.09.2016
Serie•Teil 3 / 9Prediger
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Generierte Mitschrift
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Einordnung und Ausgangspunkt
Wir stecken im Buch Prediger, im Alten Testament, und wir werden heute Kapitel 3,1 bis Kapitel 4,8 im ersten Vortrag miteinander behandeln.
Ich habe euch das gestern schon gesagt: Ich mag das Buch Prediger, vielleicht weil ich überhaupt schräge Sachen mag. Das Buch ist einfach klasse. Man liest es durch und denkt sich: Und das ist gut? Bücher, bei denen man beim ersten Lesen nicht gleich sagt: Na, ist doch ganz einfach, das sind Bücher, die ich mag. Weil ich weiß: Da muss man länger darüber nachdenken. Aber wenn man das dann tut, dann kommt man an den Punkt, wo man sagt: Wow, das hat mir richtig weitergeholfen.
So geht es mir beim Buch Prediger.
Was ist das Thema vom Buch Prediger? Ich würde sagen, das Thema lautet: Leben nach dem Sündenfall unter der Sonne. Oder anders ausgedrückt: Das Leben, das wir führen, ist kein Ponyhof.
Und gestern haben wir uns mit Salomo und mit seinen Versuchen beschäftigt, dieser Realität, dass das Leben nichtig ist, dass es irgendwo in sich so ein Stückchen hohl ist, dass man ständig den Eindruck hat: Da muss doch noch was kommen, das kann doch irgendwie nicht alles sein.
Wir haben uns gestern mit den Ansätzen beschäftigt, die Salomo probiert: einmal den Ansatz der Weisheit, also wenn man viel nachdenkt, dann schafft man das irgendwie, und dann, wenn man sich nur selber verwirklicht und wenn man viel arbeitet, dann schafft man das irgendwie. Und wir haben gemerkt: Beides funktioniert nicht.
Deswegen am Anfang dieses Vortrages noch einmal ein Satz, den ich unglaublich schön fand, als ich ihn aufschrieb. Also, er stammt von mir. Das ist immer ein bisschen schwierig, wenn man sich selber lobt. Aber ich fand ihn einfach so schön, als ich ihn aufgeschrieben habe:
Weisheit ist auch zu wissen, worauf es im Leben nicht ankommt.
Ich fand ihn gut. Weisheit ist auch zu wissen, worauf es im Leben nicht ankommt.
Wenn Prediger oder wenn Salomo sagt: Ich habe das probiert mit dem Grübeln und dem Nachdenken. Und ich habe das probiert mit der Selbstverwirklichung und mit Gärten anlegen und Spaß haben und meinem eigenen Privatchor. Beides kann ich dir sagen: Wenn sich dein Leben um diese Dinge dreht und du denkst, das wird dann schon irgendwann mal so richtig gut, dann wird es das nicht. Das Leben wird nicht dadurch gut, dass ich diese Dinge tue.
Es ist weise, die Realitäten des Lebens zu akzeptieren. Das haben wir gestern schon gesehen, und das wird uns das Buch Prediger immer und immer wieder vor Augen malen. Es ist weise, die Realitäten des Lebens zu akzeptieren und gelassen der Zukunft entgegenzublicken, obwohl wir sie nicht im Griff haben. Warum? Weil wir wissen, wen wir an unserer Seite haben.
Wir haben gestern aufgehört mit dem Gedanken: Was ist wichtiger als Weisheit, was ist wichtiger als Arbeit und Erfolg? Und die Antwort war: Wichtiger ist, dass wir Gott wohlgefällig leben. Und wo wir das tun, an der Stelle wird Gott uns mit Weisheit, Erkenntnis und Freude beschenken. Das war das Ende von Kapitel 2.
Und heute: Kapitel 3,1 bis Kapitel 4,8. Weiter ein nüchterner Blick ins Leben.
Die Zeit als Grundstruktur des Lebens
Wir werden uns heute damit beschäftigen, dass das Leben aus Freude und Trauer besteht, aus Aufbauen und Einreißen, aus Leben und Sterben. Alles kommt zu seiner Zeit.
Dass das so ist und die Dinge einfach passieren, ohne dass wir sie im Griff haben, soll uns daran erinnern, dass wir Geschöpfe sind. Wir sind an die Zeit gebunden. Die Ewigkeit mit ihrer ewigen Freude soll unser Fokus sein, aber sie ist im Moment noch nicht da. Sie liegt noch vor uns.
Und ich glaube, niemand kann wirklich zufrieden leben, wenn er sich nicht der Realität des Lebens stellt. Dazu gehört die Tatsache, dass es im Leben Veränderungen gibt. Wir müssen diese Veränderungen, die kommen, nicht mögen. Wir müssen nur, und das ist schwer genug, unsere eigene Sterblichkeit akzeptieren und die Tatsache, dass wir die Abläufe unseres Lebens, und jetzt sage ich es mal vorsichtig, fast nicht im Griff haben.
Auch das hatten wir gestern schon. Da schrieb Salomo: Ein Geschick trifft den Weisen und den Narren. Ein Geschick. Sie gehen durch ein Leben, und auch wenn der Weise ein klein wenig mehr sieht, weil Weisheit wie Licht ist und sich nicht überall stößt, nicht jeden Blödsinn mitnimmt, wissen beide im Endeffekt nicht, was der morgige Tag bringt.
Und so lasst uns mit dem Prediger einen Blick in unser Leben werfen. Die Überschrift zu Kapitel 3, Vers 1 lautet: Für alles gibt es eine bestimmte Stunde, und für jedes Vorhaben unter dem Himmel gibt es eine Zeit.
Wechsel und Gegensätze
Was möchte der Prediger sagen? Salomo möchte sagen: Wenn du dir dein Leben anschaust, dann wird es permanente Veränderungen geben. Und du steckst mittendrin und hast fast keinen Einfluss darauf. Das Leben passiert einfach, es entwickelt sich einfach.
Ich weiss nicht, ob euch das ein tröstlicher Gedanke ist. Für mich ist das total tröstlich, weil ich mir sage: Okay, das heisst doch, wenn ich es sowieso nicht ändern kann im Grossen und Ganzen, dann muss ich mir auch nicht ständig den Kopf darüber machen. Dann kann ich auch mit einer wirklichen Gelassenheit durchs Leben gehen und sagen: Okay, ich weiss nicht, was kommt, aber ich habe doch Gott an meiner Seite. Mit ihm zusammen kann ich der Realität eines Lebens, das aus Veränderungen und aus unterschiedlichen Zeiten, aus unterschiedlichen Umständen besteht, entgegengehen.
Ich muss nicht ständig überlegen: Wie mache ich mein Leben optimal? Wie sorge ich dafür, dass dies und jenes Schlimme mir nicht passiert? Wie bereite ich mich auf eine Zukunft vor, damit sie möglichst gut wird? Wenn der Prediger recht hat, ist eine kluge Vorausschau und eine kluge Vorsorge in Ordnung. Aber ich kann aufhören, irgendwo alles kontrollieren zu wollen. Ich kann das machen, soweit ich es sehe, und dann kann ich mich einfach zurücklehnen und sagen: Na ja, für alles gibt es eine bestimmte Stunde, für jedes Vorhaben unter dem Himmel gibt es eine Zeit.
Mal passiert dies, und mal passiert das. Ich habe es nicht im Griff. Da heisst es dann: Zeit fürs Gebären und Zeit fürs Sterben, Zeit fürs Pflanzen und Zeit fürs Ausreissen des Gepflanzten. Und ihr merkt schon: Ja, stimmt, so ist das Leben. Der eine bekommt gerade sein erstes Kind, und der andere betrauert den Tod seines Vaters. Das ist das Leben! Hat man sich das ausgesucht? Na ja, es gehört irgendwie noch so in die Zeit hinein. Aber das sind die Bilder, die Salomo gebraucht hat.
Auf der einen Seite kommt etwas ins Leben hinein, auf der anderen Seite geht etwas. Zeit fürs Pflanzen, Zeit fürs Ausreissen des Gepflanzten. Im Frühjahr würde man sagen, wird gepflanzt, im Herbst wird vielleicht wieder ausgerissen. Das ist der Zyklus des Lebens. Da stecken wir mittendrin.
Alles hat seine Zeit. Zu hoffen, dass ich weiss nicht, das ist vielleicht so die Hoffnung der Mütter, dass die Kinder nie gross werden, dass sie immer die kleinen Babys bleiben, da kannst du knicken. Die werden von alleine gross, du kannst das auch nicht irgendwie aufhalten.
Leben zwischen Aufbau und Verlust
Zeit fürs Töten und Zeit fürs Heilen, Zeit fürs Abbrechen und Zeit fürs Bauen. Auch wenn du Krieg hast, es gibt ihn. Genauso wie das Gesundwerden nach einer Krankheit. Manches schöne Projekt geht einfach zugrunde.
Ihr habt das im Sommer mitgekriegt: Wir haben das Projekt Outdoor-Bibelschule beendet. Wir haben das genossen, es war eine tolle Zeit, es waren gute elf Jahre. Zeit fürs Abbrechen und Zeit fürs Bauen. Ja, wir bauen jetzt Sommerbibelschule. Ihr seid herzlich eingeladen, Kloster Volkenroda nächstes Jahr, Termin ist raus, kommt das ganze Familien vorbei, wir studieren Ersten und Zweiten Petrus, kommt vorbei! Das ist eine neue Zeit.
Wie wird das werden, weiß ich noch nicht. Aber ich kann doch nicht sagen: Jetzt habe ich einmal Outdoor-Bibelschule gemacht, das darf sich aber jetzt nie wieder ändern in meinem Leben. Also ich sage mal: Mindestens bis ich fünfundsiebzig bin, muss das jetzt durchlaufen. Wer bin ich, dass ich das sagen kann? Da wächst was, und an einer anderen Stelle geht wieder was ein. Das ist das Leben.
Entschuldigt, das ist fast schon banal, aber wir leben in dieser irrigen Annahme, das dürfte nicht so sein, und es wäre irgendwie falsch. Jetzt kommt der Prediger und sagt: Das ist das Leben, schau es dir bitte doch noch mal an. Es gibt Zeit fürs Weinen und Zeit fürs Lachen, Zeit fürs Klagen und Zeit fürs Tanzen. Also diese unterschiedlichen Gefühlslagen, Trauern, Jubeln, Jammern, Feiern, gehören zum Leben dazu. Und das wechselt sich ab, wenn du denkst: Nein, das möchte ich aber nicht. Ich möchte eigentlich immer nur lachen und tanzen. Wenn du sagst, das versuche ich mal, ein Leben zu führen, wo man immer nur lacht und tanzt, dann kann ich mir nur an den Kopf fassen und sagen: Entschuldigung, du hast das Leben nicht verstanden.
Um die nächste Ecke, und du siehst das noch nicht, wartet schon eine Zeit fürs Weinen, eine Zeit fürs Klagen. Ja, die will ich nicht. Ja, das ist schon klar, dass du die nicht willst, aber die wartet da trotzdem. Und du wirst nichts daran ändern.
Zeit fürs Steinewerfen und Zeit fürs Steine sammeln, Zeit fürs Umarmen und Zeit fürs sich Fernhalten vom Umarmen. Das sind jetzt Bilder, die uns nicht so geläufig sind. Beim Steinewerfen hat man Steine auf Felder geworfen, um sie unbrauchbar zu machen, im Krieg, um den anderen zu schädigen. Doch was gibt’s? Du magst es nicht mögen, das gibt’s. Beim Steine sammeln hat man sie dann aufgelesen, um das Feld wieder zu bewirtschaften.
Umarmen steht für die intime Zweisamkeit eines Ehepaars. Es gibt Zeit, wo man Zeit füreinander hat, wo man das genießt. Wir nennen das vielleicht Urlaub. Und dann gibt es Zeit, wo das nicht so ist. Jetzt übertrage ich das mal auf diese Bilder. Es gibt die fruchtbareren Zeiten, wo man dafür sorgt, dass etwas wächst und gedeiht und wo das irgendwie auch passt. Und dann gibt es so unfruchtbare Zeiten, wo man sagt: Hoffentlich sind die wieder bald vorbei. Aber die gehören auch zum Leben dazu.
Zu glauben, dass alles immer vor sich hin blubbert und gedeiht, nein, das wird es nicht. Und wenn du davon träumst, ein Leben zu schaffen, bei dem das so ist, dann wirst du einfach unglücklich. Und deswegen musst du Prediger lesen, weil der Prediger sagt: Leben besteht aus diesen unterschiedlichen Dingen.
Besitz, Verlust und die Grenzen menschlicher Kontrolle
Vers 6: Zeit fürs Suchen und Zeit fürs Verlieren, Zeit fürs Aufbewahren und Zeit fürs Wegwerfen. Also nichts in dieser Welt ist für immer unser Eigentum. Und wenn du mir nicht glaubst: Es gibt bestimmt Sachen, die hast du dir vielleicht vor zehn Jahren mit viel Geld angeschafft. Und heute kannst du sie gerade noch wegwerfen. Gerade im Bereich der Elektronik ist das so. Ich habe Dinge in meinem Keller stehen, die waren mal teuer. Ich weiß gar nicht, die kann man vielleicht bei Ebay noch als Kuriosität für einen Euro abstoßen. Und vielleicht habt ihr auch solche Sachen. Das ist normal. Es gibt Dinge, die will man unbedingt haben. Da ist so eine Zeit des Suchens, des Sammelns, des Aufbewahrens. Und dann: zack, wieder weg. Also zu sagen: Ich will immer einfach nur mehr haben, dann bin ich total glücklich. Nein, so funktioniert das Leben nicht. Ein Messileben würde so funktionieren, aber das ist nicht Leben.
Vers 7: Zeit fürs Zerreißen und Zeit fürs Zusammennähen, Zeit fürs Schweigen und Zeit fürs Reden. Beim Zerreißen, damit wir das richtig verstehen, geht es um einen Trauerritus. Wenn man gehört hat, dass jemand total traurig ist, niedergeschlagen, dann ist man zu ihm hingegangen und hat, so sage ich, seine Kleider zerrissen. Oder er hat selber seine Kleider zerrissen und dann gezeigt: Schaut, wie traurig ich bin. Dann kam noch Sack, Tuch und Asche und solches Zeug dazu. Und jetzt sagt er: Es gibt Zeiten, da ist man einfach traurig, da zerreißt man seine Kleider. Aber man bleibt doch nicht dort stehen. Und es gibt genauso auch Zeiten, wo man sie wieder zusammennäht, wo man sagt: Jetzt mal Schluss mit Trauern.
Es gibt Zeit fürs Schweigen. Das ist so aus der Sicht des Trösters, der erst mal kommt und sich, wie die Freunde Hiobs, an die Seite ihres trauernden Freundes setzt und erst mal den Mund hält. Es gibt Zeiten, wo man nichts sagt. Und dann gibt es Zeiten, wo man mit dem Reden beginnt.
Es gibt Zeit fürs Lieben und Zeit fürs Hassen. Zeit für Krieg und Zeit für Frieden. Das ist traurig, weil der Vers sagt: Es wird nie auf dieser Welt einen perfekten Frieden geben. Auf Liebe folgt Hass und auf Krieg Frieden, und wir haben es nicht im Griff.
Die Illusion vom perfekten Leben
So, was will Salomo uns sagen? Salomo möchte dir eines sagen:
Wenn du davon träumst, das perfekte Leben zu führen, das Leben, in dem auf diesen ganzen Aufzählungen, die wir jetzt vorgelesen haben, immer nur die guten Sachen stehen, wo du sagst: Ich will eigentlich nur Zeit fürs Gebären und fürs Pflanzen, fürs Heilen und fürs Bauen, fürs Lachen und Tanzen, fürs Steinsammeln und Umarmen, fürs Suchen und Aufbewahren, fürs Zusammennähen und Reden, fürs Lieben und den Frieden. Das möchte ich. So stelle ich mir mein Leben vor. Danach strebe ich.
Und wenn ich jetzt nur richtig mit Gott lebe, dann wird mein Leben immer nur so ein Leben sein, das sich von Gebären zu Heilen, zu Lachen, zu Steine sammeln, zu Suchen, zu Zusammennähen bewegt. Das wird immer nur Friede, Freude, Eierkuchen sein. Ich muss nur richtig mit Gott leben. Und wenn ich falsch mit Gott lebe, dann passieren die ganzen negativen Sachen.
Aber wenn ich richtig mit Gott lebe, wenn ich den Gottesdienst besuche, mitarbeite in der Gemeinde, wenn ich fleißig bete, dann kann ich das doch bestimmt hinkriegen, dass nur die guten Dinge passieren. Und das ist eine Irrlehre. Das nennt man, wenn man es noch ein bisschen weiter übertreibt, Wohlstandsevangelium. Aber man muss es, wie gesagt, gar nicht übertreiben. Es reicht schon, wenn in meinem Herzen der Gedanke drinsteht: Ich kann, wenn ich nur treu genug an Gott hänge, dem Schicksal ein Schnäppchen schlagen.
Nein, kannst du nicht. Warum? Weil Leben so ist. Es gibt für alles seine Zeit. Und manches, was wir erleben, das hätten wir uns nie ausgesucht. Das passt uns null ins Konzept. Das ist gegen alle Erwartungen. Das wollen wir nicht.
Vers 9: Welchen Gewinn hat also der Schaffende bei dem, womit er sich abmüht? Also, was bleibt an Nettogewinn übrig, wenn ich den Wechselfällen des Schicksals aus meiner Perspektive unterworfen bin? Ich rede jetzt aus einer menschlichen Perspektive. Wir werden uns gleich die göttliche anschauen. Aber aus der menschlichen Perspektive: Wenn ich den Zufällen, dem Geschick unterworfen bin, was bleibt dann? Antwort: nichts.
Wenn wir den Wechselfällen der Zeit ausgesetzt sind und nur wissen, dass wir nichts wissen, beziehungsweise nicht wissen, was genau auf uns zukommt, dann kann der Versuch, das Leben mit möglichst viel Anstrengung zu meistern, nicht gelingen. Wir können uns nicht gegen die Zeit wappnen. Wir können nicht Kontinuität oder Sinn oder Glück schaffen, weil wir keinen Einfluss haben auf das große Ganze.
Ich weiß nicht, wie du mit dieser Aussage umgehst. Mich befreit sie total. Mich befreit sie total, weil sie mir zeigt: Boah, ist das schön, einfach einen Schritt zurückzutreten und zu sagen: Okay, Vater im Himmel, wenn es so ist, was ist mein Job? Mein Job ist, die Hand auszustrecken, sie meinem guten Hirten zu geben und zu sagen: Führ mich, bring mich hier durch.
Mehr ist nicht mein Job. Mehr kann ich nicht, weil es nicht meine Geschichte ist, es ist seine Geschichte. Nicht ich muss den Überblick gewinnen, nicht ich muss magisch mein Leben meistern, sondern er macht das.
Gottes Sicht auf Zeit, Ewigkeit und Freude
Vers 10: Ich habe das Geschäft gesehen, das Gott den Menschenkindern gegeben hat, sich darin abzumühen. Und jetzt beschreibt Salomo wunderbar, worin dieses Geschäft besteht, genauer gesagt, worin die Spannung besteht, in der jeder Gläubige lebt.
Vers 11: Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit. Auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk nicht ergründen kann, das Gott getan hat vom Anfang bis zum Ende.
Also, worum geht es hier? Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit – schön im Sinne von angemessen, passend. Wir wissen, dass Gott mit seiner Geschichte keinen Fehler macht. Das ist das große Geheimnis hinter Epheser 5,20, wo steht, dass wir allezeit für alles danken sollen. Wir können nur allezeit für alles danken, weil wir Gott völlig vertrauen. Also auch die Momente des Leids, die hässlich sind, die belastend sind, müssen, und das wissen wir, ihren positiven Beitrag zu Gottes Geschichte mit dieser Welt leisten.
Paulus drückt das so aus: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken. Römer 8,28.
Frage: Woher weiß ich das? Woher weiß ich, dass Gott keinen Fehler gemacht hat mit dieser Welt?
Antwort: Weil ich Gottes Charakter kenne und weil ich seinem Wort vertraue. Ich sehe Gottes Liebe am Kreuz. Johannes schreibt: Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. 1. Johannes 4,16
Wir wissen, dass Gott es gut mit uns meint, weil er alles gegeben hat. Das ist der erste Teil: Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit.
Aber das ist nicht alles. Auf der einen Seite ist dieses grenzenlose Vertrauen zu Gott da, auf der anderen Seite hat er auch die Ewigkeit in ihr Herz gelegt. Also in unserem Herzen ist Ewigkeit. Wir spüren in unserem Herzen etwas. Ach, wir spüren etwas davon, dass wir nicht nur für die Diesseitigkeit gemacht sind. Wir spüren etwas davon, dass wir immer so ein Stück Aliens auf dieser Welt sind, in der Zeit gefangen.
Und wenn mich jemand fragt: Wie lange willst du leben? Ich will ewig leben. Ich will ewige Dinge schaffen. Ich möchte ausbrechen aus diesem Einerlei und den ständigen Wiederholungen und dem Sterben. Das ist das, was Gott in mich hineingelegt hat: eine gewisse Dauerunzufriedenheit mit der Realität des Lebens.
Alles hat er schön gemacht, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk nicht ergründen kann, das Gott getan hat vom Anfang bis zum Ende.
Also wir wissen einerseits um Gottes Güte, und wir wissen, dass es mehr geben muss. Aber wie dieses Werk Gottes, wie sein Plan, seine Absichten, seine Vorgehensweise, seine Motive, seine Prioritäten, wie diese ganze Geschichte Gottes so verläuft, wie er das richtig macht, von ihrem Anfang bis zum Ende, das können wir nicht ergründen.
Versteht ihr die Spannung? Ich weiß, Gott meint es gut mit mir, und ich spüre die Ewigkeit. Und ich weiß, Gott schafft Ewigkeit. Und es interessiert mich so, so irre, mehr zu verstehen. Und ich stehe vor diesem Leben, und das Einzige, was ich mitkriege, ist: Alles hat seine Zeit. Super!
Also das ist noch, wenn die Zeiten gut laufen, unproblematisch. Wenn es nicht so gut läuft, ist es sehr schnell problematisch. So, was machen wir? Was bleibt? Ja, was tue ich damit? Wir können das nicht ergründen. Manches hat Gott uns offenbart. Ja, wir haben die Bibel, da steht eine ganze Menge drin, aber es bleiben doch ganz ehrlich noch eine ganze Menge Fragen offen.
Was bleibt dann? Was bleibt, wenn ich in dieser Spannung stehe? Ich weiß um Gottes Güte, ich spüre die Ewigkeit, aber auf dem Weg dahin beantwortet mir Gott nicht meine Fragen. Was bleibt dann?
Und ihr kennt die Antwort, es ist die Antwort, die wir im Buch Prediger noch öfter finden werden.
Vers 12: Ich erkannte, dass es nichts Besseres bei ihnen gibt, als sich zu freuen und sich in seinem Leben gütlich zu tun.
Das ist so schön. Ich mag diesen Vers, und ich werde ihn noch ein paarmal feiern, immer wenn er vorbeikommt. Wir haben die Wechselfälle des Schicksals nicht in der Hand, wir haben eine Sehnsucht nach Ewigkeit im Herzen, wir wissen um Gottes Güte, und wir akzeptieren, dass wir an unsere Grenzen stoßen, wenn wir sein Handeln mit der Welt verstehen wollen. Aber bei alledem gibt es die Freude, den Genuss der kleinen Dinge.
Ich muss mich wahrscheinlich im Leben entscheiden. Ich kann entweder an den Warum-Fragen zerbrechen, und das geht ganz leicht, oder im Glauben Gott folgen und mich freuen. Ich sage das nochmal: Ich kann im Angesicht der Wechselfälle des Schicksals, die einfach kommen, ohne mich zu fragen, ob ich sie haben will, an der Warum-Frage zerbrechen. Oder ich kann einfach im Glauben, weil ich weiß, dass Gott es gut meint, Gott folgen und mich freuen über die kleinen Dinge, die er mir schenkt.
Zur Weisheit des Predigers gehört es, Gott in den Dingen zu vertrauen, die mir zu hoch sind. Nicht blinder Glaube, sondern es ist das Vertrauen in einen himmlischen Vater, der mich liebt und der mich beschenken möchte.
Vers 13: Aber auch, dass jeder Mensch isst und trinkt und Gutes sieht bei all seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes.
In einer Welt, die von Nichtigkeit geprägt ist, wo das Böse regiert, einer Welt, die so kaputt ist, dass Gott sagt: Ich werde sie einmal neu machen, weil sie für die Ewigkeit absolut untauglich ist, schenkt Gott jedem Menschen Gutes. Ich weiß nicht, ob ihr euch darüber freuen könnt. Für mich ist das Gott ein unglaublicher Gott.
Und der Herr Jesus sagt das in der Bergpredigt mal: Wir sollen werden wie unser himmlischer Vater. Und dann beschreibt er seinen Charakter und sagt, er ist einer, der die Sonne aufgehen lässt über die Bösen und die Guten, der es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte. Matthäus 5,45
Das ist Gott. Er lässt diese Welt und die Fragen, die logischerweise hochkommen, wenn wir auf dieser kaputten Welt leben. Aber mitten hinein setzt er seine Goodies. Mitten drin gibt es Momente, wo du sagst: Wow, das ist ein echter Vorgeschmack auf den Himmel.
Und es geht noch ein Stück weiter. Den nächsten Vers habe ich auswendig gelernt, weil ich ihn so fantastisch finde. Ich lese ihn euch mal vor:
Ich erkannte, dass alles, was Gott tut, für ewig sein wird. Es ist ihm nichts hinzuzufügen und nichts davon wegzunehmen, und Gott hat es so gemacht, damit man sich vor ihm fürchtet.
Was bedeutet das? Aus der menschlichen Perspektive hat alles seine Zeit. Dinge passieren, wir erleben den Zufall, das Geschick trifft die Menschen. Aber aus Gottes Perspektive: Ich erkannte, dass alles, was Gott tut, für ewig sein wird. Es ist ihm nichts hinzuzufügen, nichts davon wegzunehmen.
Aus Gottes Perspektive ist der Lauf der Welt perfekt. Was Gott tut, ist für die Ewigkeit. Er macht keine Fehler. Am Ende der Zeit wird keiner von uns zu Gott hingehen und sagen: Weißt du, die Aktion da, die hättest du dir echt sparen können, die war nicht nötig. Oder: Weißt du, an der Stelle, wenn du da noch ein bisschen mehr investiert hättest, Gott, dann wäre das alles noch ein bisschen runder gelaufen. Das wird nicht passieren.
Gott weiß, was er tut, und er tut es, auch wenn wir damit überfordert sind. Er tut es, weil er nicht überfordert ist. Und er macht das, sagt er, damit man sich vor ihm fürchtet.
Also im Angesicht der Tatsache, dass ich einfach überhaupt nicht checke, was das alles soll, kann ich entweder vor Gott weglaufen, ihn anmotzen, murren, meinen Unglauben präsentieren. Oder ich kann sagen: Okay, wenn Gott gut ist und die Welt so laufen lässt, wie er das tut, dann will ich ihn fürchten.
Gottesfurcht ist eine gute Reaktion darauf, dass ich nicht verstehe, wie das Leben läuft. Sie entspringt dem Wissen, dass Gott alles weiß und ich nicht, dass Gott – und jetzt bin ich vorsichtig in meiner Formulierung, weil ich nicht die Freiheit des Menschen durchstreichen will – im großen Ganzen einen Plan hat, den er in seiner Souveränität umsetzt, und ich mittendrin tatsächlich nicht mehr tun muss, als ihm zu vertrauen und ihm zu folgen.
Gericht, Unrecht und die Endlichkeit des Menschen
Du kannst, ich kann die Welt in ihrer Grundsätzlichkeit, in ihrer Unberechenbarkeit nicht verändern. Was da ist, war längst, und was sein wird, ist längst gewesen. Die Welt ändert sich nicht. Und leider ändert sich auch nicht der Umgang der Menschen untereinander.
Hier steht: „Und Gott sucht das Entschwundene wieder hervor.“ Das möchte ich gern anders übersetzt sehen, das ist ein bisschen unglücklich. Man könnte das Hebräische besser übersetzen, vielleicht schreibt er euch das dazu: Gott sucht das Verfolgte, im Sinne von: Gott sucht Gerechtigkeit für die Unterdrückten. Das ist eine deshalb bessere Übersetzung, weil es um das Thema gleich gehen wird.
Also das eine ist, dass ich die Welt nicht ändern kann, aber ich kann auch die Menschen nicht ändern.
Vers 16: Und ferner sah ich unter der Sonne: An dem Ort des Rechts, dort war die Ungerechtigkeit, und an dem Ort der Gerechtigkeit, dort war die Ungerechtigkeit.
Also der Ort des Rechts, der Ort der Gerechtigkeit, das ist der Gerichtshof, wo Richter Recht sprechen, den Bösen bestrafen und den Schutzlosen beschützen sollten. Dort, sagt der Prediger, findet sich nur Ungerechtigkeit. Stimmt das? Weltweit wahrscheinlich schon. Also egal, wie sehr wir uns anstrengen, Unrecht bleibt in dieser Welt bis hinauf in den höchsten richterlichen Instanzen eine Realität.
So, und jetzt ist der Punkt der: Entweder lebst du mit dieser Realität oder du verzweifelst daran. Die einzige Hoffnung in dieser Welt, die du hast, ist die in Vers 17: Ich sprach in meinem Herzen: Gott wird den Gerechten und den Ungerechten richten; denn es gibt eine Zeit dort für jedes Vorhaben und für jedes Werk.
Jetzt merken wir, wie sich der Blick langsam ein Stück weitet. Alles hat seine Zeit unter der Sonne, auf dieser Erde. Und es macht wenig Sinn, was wir sehen, vor allem macht es keinen Sinn zu sehen, wie viel Unterdrückung und Ungerechtigkeit herrscht. Aber Achtung: Der Blick ist zu klein, und hier deutet der Prediger etwas nur an. Er sagt: Auf dieser Erde gibt es Zeiten der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung, denen wir nicht entgehen können. Aber es gibt nicht nur hier, sondern in dem Vers heißt es auch: Es gibt ein dort, denn es gibt eine Zeit dort. Und dieses dort, das ist die Ewigkeit, in der Ewigkeit vor Gottes Thron, dort, wo ein anderer Gerichtshof stattfindet. Dort gibt es eine Zeit des Gerichts über jedes Vorhaben und jedes Werk.
Warum Gott mit dem Gericht wartet? Petrus sagte: Er ist langmütig, weil er alle, von denen er weiß, dass sie sich bekehren wollen, auch gewinnen will. Gott hat seine Gründe, dass er wartet. Der Gerichtshof, der braucht noch ein bisschen der Göttliche.
Aber eines dürfen wir in dieser Welt schon wissen, insbesondere im Blick auf Ungerechtigkeit: Gott sucht Gerechtigkeit für die Unterdrückten. Das ist definitiv so. Die Bösen dieser Welt kommen nicht davon. Aber das glauben die natürlich. Das ist ja der Witz. Der Ungläubige denkt, es gibt keinen Gott. Und der Ungläubige denkt: Na was denn, dass mit dem Tod alles aus ist. Aber das stimmt überhaupt nicht. Wer biblisch glaubt, für den ist der Tod ein Fluch und ein Feind.
Woher weiß ich das? Woher wissen wir das, dass Gott gegen den Tod ist? Ostern, genau, Auferstehung! Der Herr Jesus ist auferstanden, er hat den Tod besiegt, er hat den Weg freigemacht, dass jeder, der an ihn glaubt, auch aufersteht. Warum? Damit wir als ganzer Mensch, Körper, Seele, Geist, in die Unsterblichkeit eingehen.
Was tut der Ungläubige? Er nimmt den Tod nicht ernst, weil er Gott und Gottes Gericht nicht ernst nimmt. Aber genau das ist es, was Gott von uns will. Er möchte, dass wir begreifen, dass wir sterblich sind. Und wer das nicht begreift, der geht am Leben vorbei. Die Sterblichkeit, den Tod ernst zu nehmen, ist etwas ganz Wesentliches, wenn wir weise werden wollen.
Hier Vers 18: Ich sprach in meinem Herzen: Der Menschenkinder wegen ist es so, dass Gott sie prüft, und damit sie sehen, dass sie nichts anderes als Vieh sind.
So, das ist ein schwieriger Vers, weil der Prediger hier nicht sagen möchte: Ihr seid alle Tiere. Sondern er nimmt einen Punkt, wo das Tierische und das Menschliche sich trifft, und diesen einen Punkt, wo beide gleich sind, wo wir nicht sagen können: Wir sind anders, den will er herausarbeiten. Und es geht ihm genau um den Punkt: Die Tiere sterben, und wir sterben auch. Bitte nimm den Tod ernst, denn das Geschick der Menschenkinder und das Geschick des Viehs, sie haben ja ein und dasselbe Geschick. Dies: Wie diese sterben, so stirbt jenes, und einen Odem haben sie alle; und einen Vorzug des Menschen vor dem Vieh gibt es nicht, denn alles ist Nichtigkeit.
So, das müssen wir erst mal verdauen. Was sagt der Prediger? Jeder Hamster muss sterben. Richtig, wie jeder Mensch muss auch sterben. Es geht ihm, wie gesagt, nicht um den globalen Vergleich. Alle Menschen sind wie Tiere, das ist ja schon fast so ein bisschen evolutionsmäßig, weiterentwickelter Affe oder so. Das will er überhaupt nicht sagen. Er sagt: Schau dir doch mal an, was wird denn aus so einem Waschbären, der heute Abend über den Weg läuft? Na, der wird irgendwann sterben. Ja, und wenn du gestern, was weiß ich, mit dem Fahrrad über eine Kröte gefahren bist, dann ist die schon gestorben, die ist tot. Und der Mensch? Ja, der Mensch ist genau so sterblich, kein Stück anders. Irgendwann aus. Irgendwann vorbei. Irgendwann geht es euch wie meiner Landschildkröte, von der ich dachte, dass sie auch unter Wasser atmen kann. Ja, war ein Fehler. Macht man nur einmal.
Ja, holt man dann raus und ist ein bisschen verblüfft. Ja, war ein kleiner Junge, tut mir leid, fies, hm, aber ihr versteht den Punkt.
Vers 20: Alles geht an einen Ort, alles ist aus dem Staub geworden, und alles kehrt zum Staub zurück. Am Ende liegen wir alle in der Grube und verrotten, genau genommen CO2 und H2O, das ist das, wozu wir werden.
Und die Frage: Wer kennt den Odem der Menschenkinder, ob er nach oben steigt, und den Odem des Viehs, ob er nach unten zur Erde hinabfährt? Ich weiß, es ist ein ganz komischer Satz. Es geht immer noch ums Sterben. Und wenn es ums Sterben geht, dann möchte der Satz nur sagen: Wir sind nicht in der Lage, vernünftige Aussagen zu machen. Wir wissen nicht, wenn der Tod kommt, was dann passiert. Wir wissen nicht, wo der Odem, und das ist das Wort für Lebenshauch, wir wissen nicht, wo das Leben hingeht. Alles, was wir sehen, ist ein Grab. Ein kleines für den Wellensittich im Garten, ein großes für den Freund aus Schultagen neben der Kirche. Das ist alles, was wir sehen.
Bitte nimm den Tod ernst. Bitte! Das ist Weisheit. Zu verstehen, dass es ein Ende gibt. Zu verstehen, dass, egal wie viele Unwägbarkeiten und Zufälligkeiten mein Leben pflastern, dass es ein Ende gibt, wo ich mit meinem Leben vor Gott stehen werde. Und dass ich nicht denken darf, dass es mir da anders ergeht als irgendeinem anderen Lebewesen, das stirbt.
Du wirst sterben, denn dein Tod wird etwas beenden. Und es ist wichtig, dass du dir das vor Augen hältst.
Freude im Alltag und der Blick auf die Gegenwart
Vers 22: Und ich sah, dass es nichts Besseres gibt, als dass der Mensch sich freut an seinen Werken; denn das ist sein Teil. Denn wer wird ihn dahin bringen, hineinzusehen in das, was nach ihm sein wird?
Ihr kennt den Rat schon: Es gibt nichts Besseres, als sich zu freuen. Und doch ist es weise.
Wenn alles seine Zeit hat, wenn wir keinen Einfluss darauf haben, wenn Gott keinen Fehler macht und trotzdem das Böse nicht von der Erde verschwindet, dann bleibt nur eins: Freu dich für den Moment an dem, was du hast. Du kannst nicht weiter blicken. Du kennst die Zukunft nicht, aber Gott kennt sie. Ja, aber er zeigt sie dir nicht. Ich weiß schon, das finden wir manchmal so ein Stück fies. Aber es ist die Realität.
Und jetzt ist die Frage: Wenn man so einen Satz hier liest, immer wieder liest: Es gibt nichts Besseres, als dass der Mensch sich freut an seinen Werken, denn das ist sein Teil. Okay, Frage: Ist das nicht ein Stück ein einseitiger Blick aufs Leben? Wenn man sich einfach freut an dem, was man hat, ist das nicht so ein Stück billig?
Und meine Antwort ist: Nein. Die Gefahr ist nicht, meine ich, die Gefahr ist im Allgemeinen nicht, dass wir zu wenig Leid in der Welt sehen. Die Gefahr ist, dass wir das bisschen Freude, das Gott uns schenkt, übersehen. Wenn ich Leid sehen will, dann muss ich nur meine Augen aufmachen.
Die Realität von Unterdrückung und die Grenzen menschlicher Leistung
Kapitel vier, Vers eins: Und ich wandte mich und sah all die Unterdrückungen, die unter der Sonne geschehen. Und siehe, da waren Tränen der Unterdrückten, und sie hatten keinen Tröster. Und von der Hand ihrer Unterdrücker ging Gewalttat aus, und sie hatten keinen Tröster.
Bei ARD und ZDF sitzen sie in der ersten Reihe. Richtig, cool, ja, du möchtest Unterdrückung sehen? Du brauchst keinen Horrorfilm, um die Tränen der Unterdrückten zu sehen. Es reicht, wenn du die Tagesschau-App auf deinem Handy hast und kurz vor dem Schlafengehen, wie wir das machen beim Fähneputzen, noch einmal schnell Nachrichten schaust.
Das reicht völlig. Es reicht, um zu sehen, dass Salomo hier Recht hat. Leid ist allgegenwärtig und real. Klar, Leid ist hier ein bisschen weniger spürbar, ja, auf dem Land, in einem kleinen friedlichen Dorf, im Exportweltmeister. Ja, wir haben gerade mal den höchsten Exportüberschuss als Land generiert. Ja, super, natürlich geht es uns gut. Und wir haben Frieden, und wir lesen das.
Aber mal ganz ehrlich: Die Liste der Länder, in denen ihr Urlaub machen wollt, wird immer kürzer, oder? Warum eigentlich? Weil du anfängst zu sagen: Da fahren wir mal lieber nicht hin. Das ist die Türkei. Ganz ehrlich, hast du gesehen, wie viele Bomben da in letzter Zeit hochgegangen sind? Fahr mal nach Griechenland, wo all die Flüchtlinge ankommen. So baden neben den Flüchtlingen, vielleicht wird da wieder ein totes Kind angeschwemmt.
Das ist die Realität, auch wenn wir heute Abend das nicht mitkriegen, ja. Aber das ist die Realität, und du musst nur die Augen aufmachen. Und du wirst feststellen: Du lebst auf einer Welt, die einfach nur irre ist. Einfach nur irre ist. Wo niemand aus den Fehlern irgendetwas lernt und wo es schon fast keinen Spaß mehr macht.
Ich habe auf meiner Gebetsliste stehen: Lehren aus der Finanzkrise ziehen. Also ich bete dafür, dass irgendeiner von den Politikern Lehren aus der Finanzkrise zieht. Also dass das nur einmal passiert und nicht zweimal. Oder dreimal. Wer glaubt daran, dass irgendeiner Lehren aus der Finanzkrise gezogen hat? Ihr braucht euch nicht melden, es wird niemand sein. Warum? Kommen wir noch dazu.
Also, das ist einfach irre. Und dieses Irre hier, Salomo beschreibt jetzt, wie es ihm geht. Er lässt das mal kurz an sich ran, und er gebraucht unglaublich harte Worte, um uns etwas von seinem Schmerz zu zeigen.
Schmerz, Arbeit und die Grenzen des Ehrgeizes
Er sagt: „Da priesse ich die Toten, die längst gestorben sind, mehr als die Lebenden, die jetzt noch leben. Sie haben es nämlich hinter sich. Und glücklicher als sie beide priesse ich den, der noch nicht gewesen ist und der das böse Tun nicht gesehen hat, das unter der Sonne geschieht.“
Im Blick auf das Unrecht in der Welt ist der Tod oder das überhaupt noch nicht Geboren sein besser als das Leben. Das ist das, was er sagt. Ich weiss nicht, wie es dir geht im Angesicht von, nehmen wir mal Kindersoldaten, Zwangsprostitution, moderner Sklaverei, Vergewaltigung, Folter. Ich weiss nicht, wie es dir damit geht. Ich verstehe Salomo. Das ist vielleicht nicht alles, was man zu diesem Thema sagen kann, aber ich verstehe ihn.
Und versteht ihr jetzt vielleicht auch, warum es wichtig ist, die Freude nicht aus dem Blick zu verlieren? Vor allem, weil es gar nicht den Blick in die böse weite Welt braucht. Manchmal reicht der Blick auf Arbeit, auf meinen Nachbartisch.
Vers 4: Und ich sah all das Mühen und alle Tüchtigkeit bei der Arbeit, dass es Eifersucht des einen gegen den anderen ist. Also, es sind doch nicht nur die syrischen Rebellen weit weg und Boko Haram und wie sie alle heissen, es ist doch mein Nachbar. Auch das ist Nichtigkeit oder ein Haschen nach Wind.
Frage: Was treibt Menschen eigentlich dazu an, Höchstleistungen auf Arbeit zu bringen? Uneigennützigkeit, Menschlichkeit, Nächstenliebe? Es mag ein paar geben, ja, kann schon sein. Aber der Prediger hat Recht: Meistens ist es Eifersucht. Wir sind neidisch, wir wollen mehr. Wir verzehren uns nach dem Aussehen, nach dem Einfluss, nach dem Wohlstand von den Stars. Wir wollen sein wie die anderen, wir wollen das haben, was die anderen haben, und deswegen sind wir bereit zu ackern.
Sind wir satt schon lange? Haben wir genug zum Anziehen? Yo, hast du eine Wohnung? Yo, sind wir damit zufrieden? Nein, wir wollen mehr. Das ist das Irre dieser Welt, du merkst das einfach. Überall, wohin wir blicken: Nichtigkeit.
Okay, sollen wir dann aufhören zu arbeiten? Also nach dem Motto: Wenn die das alles falsch machen, dann hören wir einfach auf. Nein. Und jetzt wird der Prediger so ein bisschen wie Sprüche.
Vers 5: Der Tor legt seine Hände ineinander und verzehrt sein eigenes Fleisch. Das hätte auch in den Sprüchen stehen können. Also, wenn du jetzt aufhörst zu arbeiten, und sein eigenes Fleisch verzehren oder essen ist ein Bild dafür, dass jemand bettelarm wird und sich selbst aufessen muss, um satt zu werden. Faulheit bringt uns nicht weiter. Einfach nur zu sagen: Okay, damit ich es nicht aus Eifersucht mache, mache ich gar nichts, das ist nicht die Lösung.
Und deshalb gilt es, klug zu sein und uns gut aufzustellen. Irgendwo hier ist der Faulpelz und hier ist, wenn wir gleich sehen werden, der Workaholic, und dazwischen, da müssen wir hin. Und das hört sich dann so an: Besser eine Hand voll Ruhe als beide Fäuste voll Mühe und Haschen nach Wind.
Also, eine Hand steht dafür, dass ich ein bisschen was habe, und zwei Fäuste, dass ich viel habe oder mindestens viel haben will, okay? So, jetzt sagt der Vers: Besser eine Hand voll Ruhe als beide Fäuste voll Mühen und ein Haschen nach Wind. Es ist besser, ein bisschen was zu haben und dabei genug Ruhe, Zufriedenheit und Glück zu besitzen, als viel zu haben, aber das Leben wird von Arbeit und dem Haschen nach Wind. Wir würden sagen: Der jagt nach dem grossen Geld, wo es irgendwann doch mal klappen muss. Bestimmt!
Ja, also was sagt Salomo? Pass auf, sei kein Faulpelz, aber du musst auch kein Workaholic werden.
Und ein letzter Punkt zum Thema Arbeit für heute, und dann sind wir fertig.
Und ich wandte mich und sah Nichtigkeit unter der Sonne: Da ist einer allein. Das heisst, jetzt schaut sich Salomo so einen an, so einen Workaholic, der einfach arbeitet. Da ist einer allein und kein Zweiter bei ihm. Das ist der einsame Reiche. Auch hat er weder Sohn noch Bruder, also hat er keine Kinder, keine Familie, wahrscheinlich auch keine Freunde. Und für all seine Mühen gibt es kein Ende. Er arbeitet und arbeitet und arbeitet. Auch werden seine Augen am Reichtum nicht satt, also der hat schon, aber er bekommt nie genug. Und er findet kein Glück, denn: Für wen mühe ich mich also und lasse meine Seele Gutes entbehren?
Diese arme Socke, ständig am Arbeiten, für nichts und wieder nichts, für niemanden, weil er niemanden hat. Und er verzichtet, worauf? Auf genau das, wo der Prediger sagt, das ist klug, wenn du dir die kleinen Dinge da, wo Gott deiner Seele Gutes schenken möchte, enthalte ihr das bitte um noch mehr Arbeit und noch mehr Geld und noch einen Schritt auf der Karriereleiter! Enthalte ihr das bitte nicht vor! Warum? Weil das Nichtigkeit und ein übles Geschäft ist.
Schlussfragen
Drei Fragen zum Schluss, so wie gestern.
Frage eins: Kommst du damit klar, dass du das Leben nicht im Griff hast, dass du es kaum planen und noch weniger steuern kannst? Also dieser Gedanke vom Anfang, dieses „Alles hat seine Zeit“, den ich so unendlich befreiend finde, weil ich sage: Okay, dann bin ich auch nicht dafür verantwortlich, dann kommt es halt, dann muss ich sehen, wie man damit klarkommt. Aber ich muss mir auch keinen Kopf machen, kommt eh. Klappt das? Kommst du damit klar, dass du das Leben nicht im Griff hast, dass du es kaum planen und noch weniger steuern kannst?
Zweite Frage: Glaubst du, dass Gott in jedem Moment weiß, was er tut, und sein Umgang mit der Welt perfekt ist? Das ist natürlich nie das Problem, wenn wir am Lachen, Tanzen, Finden, Einsammeln usw. sind. Aber kannst du das auch noch glauben, wenn dein Leben vielleicht im Rückblick auf die letzten zehn, fünfzehn Jahre nicht nur von diesen guten Dingen geprägt war?
Dritte Frage: Reicht es dir, im Angesicht von so viel Leid in der Welt zu wissen, dass Gott einmal richten wird, weil er dir nicht mehr an Informationen gibt? Dass er sagt: Ich habe es im Blick, ich weiß, was hier los ist, mach dir keinen Kopf, ich bin für die Verfolgten, ich bin gegen Ungerechtigkeit, überlass das mir, meines die Rache, spricht der Herr. Mach dir keinen Kopf. Reicht dir das?
So viel für heute.
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