Zum Inhalt

Das Sehvermögen des Glaubens

Hebräer 11,112.12.2015
Serie•Teil 6 / 7Regionalkonferenz Schweiz 2015
Glauben heißt: mehr sehen als nur das Offensichtliche. Wer Christus erkennt, schaut anders auf Leid, Schuld und Zukunft – und entdeckt Hoffnung, wo andere nur Dunkel sehen.

Einleitung und Hinführung zum Thema

Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen!
Ich habe jetzt die Aufgabe, euch hier alle wachzuhalten, wenn ich das richtig verstanden habe. So will ich mein Bestes tun. Für diejenigen, die dann aus Versehen doch einschlafen, habe ich eine Warnung: Ich habe so einige Knallerbsen mit dabei.
Heute Nachmittag soll es um diese Frage gehen, oder besser gesagt um das Thema: das Sehvermögen des Glaubens. Wir haben ja schon gehört, dass es um einen übernatürlichen Glauben geht, der lebendiger und rettender Glaube ist. Und heute Morgen haben wir auch gehört, dass dieser lebendige Glaube eng mit der Wiedergeburt zusammen verknüpft ist. Man kann fast sagen, dass Wiedergeburt gleichzeitig Glaube bedeutet. Ein wiedergeborener Mensch ist ein glaubender Mensch. Es gibt keinen wiedergeborenen Menschen, der nicht glaubt, genauso wenig wie es einen Vogel gibt, der nicht fliegt.
Das Glauben gehört zur Natur des Wiedergeborenen. Und Glaubende, das haben wir auch gehört, und ihr wisst es ja auch, sind ein Werk Gottes. Wir sind das Ergebnis der guten Arbeit des Heiligen Geistes, durch den der Herr das alles zustande gebracht hat.
Glaube, um noch einmal kurz ein paar Zusammenfassungen zu geben, ist eine von Gott geschenkte Fähigkeit, die ein Mensch in seiner Wiedergeburt als neue göttliche Naturanlage empfängt. Und diese neue Naturanlage ist so geartet, dass sie glaubt. Darum ist es einem wiedergeborenen Menschen eine Freude zu glauben. Wir lieben es zu glauben. Glauben ist unser Leben.
Wenn wir einmal Revue passieren lassen und darüber nachdenken, wie wir eigentlich so sind, dann sagen wir manchmal: Wir können es uns eigentlich nicht mehr vorstellen, ein Leben ohne Jesus. Ist euch das auch schon manchmal so gegangen? Man fängt ja manchmal an zu phantasieren und sagt: Wie wäre das eigentlich, wenn du heute nicht mehr mit Jesus lebst, wenn du heute nicht mehr glauben würdest? Wenn ich das mal mit meiner Frau so austausche, dann schütteln wir beide mit dem Kopf, wie wir auf so blöde Gedanken kommen. Das geht gar nicht, denn der Glaube ist unser Leben.
Alles, was wir tun, was wir denken, was wir fühlen, ist aus Glauben. Und Paulus sagt sogar einmal: Was nicht aus Glauben ist, das ist Sünde. Unser ganzes Leben lebt in dem Element des Glaubens, und das ist unsere Freude. Und so wollen wir jetzt einmal darüber nachdenken, welche Fähigkeiten dieser Glaube hat.
Dazu lese ich als Ausgangswort aus Hebräer 11 den berühmten Vers 1: Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht, was man mit den physischen Augen nicht sehen kann. Das nimmt aber der Glaube wahr. Der Glaube kann sehen, was das natürliche Auge nicht sehen kann.
Anmerkungen, und ich gehe dann nachher ein bisschen durch dieses Kapitel, mit ein paar Beispielen aus dem Leben dieser Glaubenszeugen.

Das innere Wahrnehmen des Unsichtbaren

Wir sehen, dass der Glaube uns zu etwas befähigt, was andere nicht können. Zum Beispiel: Sehen Sie etwas, was andere nicht sehen? Wir sehen als Christen, als Glaubende, als Wiedergeborene etwas, was andere Menschen nicht wahrnehmen können. Paulus nennt das die erleuchteten Augen des Herzens, Epheser 1,18. Ein Licht geht in uns auf.
Insofern kann man den Glauben als eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit geistlicher Tatsachen bezeichnen. Und was der geistliche Mensch erblickt, kann der natürliche Mensch nicht erblicken. Deshalb dieses berühmte Wort aus 1. Korinther 2,14: Ein natürlicher Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist. Denn es ist ihm eine Torheit. Deswegen spricht Paulus ja auch von der Torheit des Kreuzes. Die Weisheit ist bei Gott und für uns zur Weisheit geworden. Aber der natürliche Mensch kann es nicht erkennen.
Hier liegt der Grund, warum ungläubige Menschen über echte Christen den Kopf schütteln. Sie lachen über die Kinder Gottes, über ihren Glauben und über ihre Liebe zu Gott, und nicht selten spotten sie auch. Und wir müssen uns vor dem eben geschilderten Hintergrund darüber im Klaren werden: Das sollten wir ihnen gar nicht übel nehmen. Das ist normal, dass sie über uns lachen und über uns spotten. Denn sie können das nicht sehen. Es bleibt ihnen verborgen, was uns Realität ist.
Sie verhalten sich doch nur deshalb so, weil sie nicht sehen können, was die Wiedergeborenen sehen. Und deshalb bezeichnet die Bibel unerneuerte Menschen auch als blind. Sie sind geistlich blind, sagt Petrus in seinem zweiten Brief, 1,9.
Aber der durch Gnade erneuerte Mensch hat durch seine Wiedergeburt, wie Spurgeon es gesagt hat, einen sechsten Sinn. Die natürlichen Sinne sind beim normalen Menschen fünf. Aber ein wiedergeborener Mensch hat noch einen weiteren Sinn dazubekommen, eine weitere Dimension des Seins. Und das ist der Glaube. Dieser sechste Sinn ist uns als Christen, als Wiedergeborenen, in die geistliche Wiege gelegt worden. Und dieser Glaube ist ein geistliches Auge, mit dem er Dinge aus der geistlichen Welt wahrnehmen kann, von denen andere nichts wissen.
Deshalb unser Textwort: Die Bibel definiert genau so den Glauben. Der Glaube ist ein Überführtsein von Dingen, die man normalerweise nicht erblickt. Der Glaube entdeckt Tatsachen und Wahrheiten, die dem natürlichen Auge verborgen bleiben.
Und so gesehen glauben wir Christen auch nur an das, was wir sehen? Habt ihr das verstanden? Wenn die Leute sagen: Ich glaube nur an das, was ich sehe, dann sag du ihnen doch auch: Ich glaube auch nur an das, was ich sehe. Das ist nichts Besonderes, was du mir da erzählst. Nur das Problem ist, dass du das, was ich sehe, leider nicht siehst.
Als Kinder haben wir in Deutschland gespielt, bei uns in Hamburg: Ich seh man was, ich seh man was, was du nicht siehst. Und dann sollte man das also raten. Also nehmen wir aus dem geistlichen Leben, aus der Wirklichkeit der Unsichtbarkeit, etwas wahr.

Beispiele aus Hebräer 11: Schöpfung, Noah und Abraham

Was sieht der Glaube? Ein geistliches Auge. Wenn ihr jetzt einmal Hebräer 11 aufschlagt, dann ist das sehr schön zu sehen: Da kommt häufig dieses Wort Sehen vor.
Vers 3, Kapitel 11, Vers 3: Durch den Glauben merken wir, dass die Welt durch Gottes Wort bereitet ist, sodass alles, was man sieht, aus dem geworden ist, was man nicht sieht.
Das heißt: Unser Glaube sieht etwas. Wir können die Evolution nicht annehmen. Die Lehre der Evolution können wir nicht annehmen, weil wir mit dem geistlichen Auge eine andere Realität gesehen haben, und zwar durch den Glauben. Unser Glaube hat die Realität des schöpferischen Handelns Gottes gesehen. Und deswegen schreibt der Hebräerbrief: Durch den Glauben merken wir, oder durch den Glauben wissen wir, oder durch den Glauben sehen wir, dass die Welt durch Gottes Wort bereitet ist.
Wenn wir uns einmal Noah anschauen, Kapitel 7, Vers 7: Durch den Glauben hat Noah Gott geehrt und die Arche zubereitet zum Heil seines Hauses, als er ein göttliches Wort empfing über das, was man noch nicht sah. Er hat also etwas entdeckt, etwas geschaut, was physisch noch nicht zu sehen war. Und durch denselben Glauben verdammte er die Welt und ererbte die Gerechtigkeit, die durch den Glauben kommt.
Seine Zeitgenossen, die haben das nicht kapiert. Dass da ein Mann auf dem trockenen Lande, weit und breit kein Wasser und schon lange kein Meer, ein schwimmendes Unikum schafft, das konnten sie nicht verstehen. Aber der Mann hat etwas gesehen durch den Glauben, und es war ihm eine solche Realität, über die sich andere lustig gemacht haben. Das konnten sie nicht nachvollziehen. Aber er hat es so genau gesehen, er hat es so sicher gewusst. Sein Glaube hat es geschaut.
Durch den Glauben hat Noah Gott geehrt, denn er sah etwas, was man noch nicht sah. Fantastisch!
Wenn wir zum Beispiel Abraham nehmen, von dem sagt zwar nicht Hebräer 11, dass er etwas sah, aber von dem sagt Jesus, dass er etwas sah. Was hat Jesus von Abraham gesagt? Ehe Abraham war, bin ich. Und Abraham sah meinen Tag und freute sich.
Er war nicht nur da und dachte: Ja, ich kann etwas sehen, durch so ein Fernrohr geguckt, und dann hat er irgendwie gesehen: Ja, könnte sein, so ein komisch verschwommenes Ding da. Nein, er hat Jesus gesehen, er hat das Heil gesehen. Und Jesus sagt: Er sah meinen Tag. Und der Hebräerbrief bezeichnet das als den Glauben Abrahams.
Durch den Glauben opferte er seinen Sohn, durch den Glauben hat er sein Leben gelebt, durch den Glauben hat er sein Heimatland verlassen, und im Glauben sah er die Stadt, die künftige, die Gott erbaut. Dieser Glaube sah und hat etwas gesehen.

Mose und die gemeinsame Sicht der Glaubenden

Wenn ihr wollt, noch zu Mose gehen, eigentlich zu jedem. Bei Mose wird das auch so schön, da kommt auch das Wort vor: Sehen. Vers 24: Durch den Glauben wollte Mose, als er groß geworden war, nicht mehr ein Sohn der Tochter Pharaos heißen, und wählte viel lieber, mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünde zu haben.
Und jetzt kommt etwas Interessantes: Und achtete die Schmach Christi für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens. Wie kann Mose etwas von der Schmach Christi wissen? Der Heiland war doch noch nicht gekreuzigt. Das war ja noch weit entfernt. Doch Mose redet von der Schmach Christi, denn er sah auf die Belohnung. Durch den Glauben verließ er Ägypten und fürchtete nicht den Grimm des Königs, denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn.
Wow, der Mann hat ein Glaubensauge gehabt, das ihn nicht getäuscht hat. Und er sah das Heil, er sah den gekreuzigten Christus, er sah die Schmach Christi, die ihm wertvoller war als die Schätze Ägyptens.
Und wenn heute ein Mensch durch die Gnade des Herrn von neuem geboren wird, dann passiert genau dasselbe, was uns hier von den Glaubensvätern des Alten Testaments beispielhaft berichtet wird. Sie sahen etwas im Voraus, was noch kommen sollte. Und einer, den der Herr heute erfasst und dem er den lebendigen Glauben in der Wiedergeburt schenkt, der blickt zurück auf dieselbe Schmach Christi.
Wir sind dem Mose hundert Prozent ähnlich in der Wahrnehmung. Mose sieht die Schmach Christi im Voraus, und wir dürfen die Schmach Christi im Rückblick schauen. Aber das Ergebnis in unserem Herzen, in seinem Herzen und in meinem und unserem Herzen ist dasselbe. Wir sind überwältigt, entzückt und können es nicht fassen, was unsere Augen sehen. Wir sehen Jesus Christus! Seine Schmach, ihn als Gekreuzigten, ihn leidend für unsere Sünde, für unsere Schuld, der uns errettet, uns aus der Verdammnis befreit, Hoffnung auf das ewige Leben gibt. Und wir sehen das neue Jerusalem, wir sehen auf die Belohnung.
Die Schätze Ägyptens sind uns nicht wert im Vergleich zu der Schmach Christi, die Mose und du gesehen hat. Halleluja!
Und deswegen liebe ich ja auch so die reformierten Väter, die uns erklären, dass die Bibel eine Einheit ist. Die Menschen des Alten Testaments haben keinen anderen Glauben gehabt als die Menschen des Neuen Testaments. Und die Menschen der Gemeinde, die das Geschenk der Wiedergeburt empfangen haben, die haben keine andere Wiedergeburt empfangen als die, die die Wiedergeburt im Alten Testament empfangen haben. Es ist ein und dasselbe Heil, das Sehvermögen des Glaubens.
Der Glaube fokussiert uns durch das innere Auge, das Gott uns in seiner Gnade eingepflanzt hat, auf ein und dieselbe Richtung, auf eine Person, auf Jesus, den Sohn Gottes, den Retter der Welt, auf das Heil. Das ist es, was alle Menschen auf der ganzen Erde eins macht. Egal, welche Sprachen sie sprechen, aus welcher Kultur sie kommen, wie alt sie sind, welches Geschlecht sie haben: Es spielt keine Rolle. Sie sind Brüder und Schwestern, und wir gehören zu dem Volke des einen, der Jesus heißt, der Erstgeborene unter vielen Völkern.
Und unser Glaube sieht Jesus. Lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens.

Offenbarung als Ursprung von Bekehrung und Erkenntnis

Und wie das geht, ist natürlich am Ende in diesem Wort zusammengefasst: Offenbarung. Das ist ja ein Wort, das die Bibel auch immer wieder benutzt. Denn wenn Paulus von seiner Bekehrung erzählt, dann benutzt er beispielsweise in Galater 1,15-16 genau dieses Wort. Da sagt er nicht: Ja, da ist Jesus mir begegnet, und ich habe mich bekehrt. So formuliert er das nicht. Hätte er auch so tun können. Aber das wäre nur eine ganz oberflächliche Beschreibung. Das würde nicht wirklich das treffen, was vor sich gegangen ist. Sondern wie formuliert er es? Da sagt er: Als es aber dem, der mich von meiner Mutterleibe an ausgewählt und durch seine Gnade berufen hat, gefiel, als es aber ihm, dem Herrn, dem Gott, gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren. So beschreibt er das. Es gefiel Gott, seinen Sohn in mir zu offenbaren.
Eigentlich könnten wir untereinander die Frage stellen: Weißt du eigentlich noch, wann der Herr sich dir offenbart hat? Wir fragen gerne: Wann hast du dich bekehrt? Ist es vielleicht sogar noch treffender zu fragen: Wann hat sich der Herr dir offenbart? Wann hat er seinen Sohn in dir offenbart? Wann hat dein Glaubensauge Christus gesehen? Wann hast du ihn wahrgenommen, die Welt des Glaubens, die Welt Gottes und seines Heils und seines Evangeliums?
Paulus spricht auch hinsichtlich der Rechtfertigungslehre von der Offenbarung. Römer 1,17: Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin geoffenbart aus Glauben zu Glauben. Das heißt, ohne Offenbarung gelangt niemand zur Gerechtigkeit, die Gott in Christus bereitet hat und ohne die niemand selig werden kann.
Insofern ist diese Formulierung Entscheidung für Christus eine geflügelte Redewendung, die auch in unserer Zeit sehr gängig ist. Aber sie geht im Wesentlichen vorbei. Sie impliziert die Idee, als könnte man einen Religionswechsel vollziehen. Als könnte man sein Parteibuch wechseln. Als könnte man konvertieren vom Islam zum Christentum oder so. Aber die Schrift lässt sich auf diese Art von Idee durch ihre Form, wie sie spricht, gar nicht wirklich ein. Das Wort Entscheidung für Christus ist mir in der Schrift kaum bekannt, jedenfalls nicht so, wie wir es explizit immer gerne sagen. Sondern die Schrift zeigt uns vielmehr den Gedanken der Schöpfung, den Gedanken der Wiedergeburt, des Eingreifens, des Handelns Gottes in einem Leben.

Persönliche Erfahrung und die Wirkung der göttlichen Offenbarung

Und jetzt sind wir hier bei diesem Begriff: Offenbarung. Wenn ein Mensch zu Christus gerufen wird und ein Kind Gottes wird, geschieht das aufgrund einer machtvollen Offenbarung. Und wir sind hier, weil sich Gott in Jesus Christus einmal in unserem Leben offenbart hat. Das ist Grund zur Anbetung, das ist Grund zu einer überwältigenden Dankbarkeit.
Es gibt keine Sündenerkenntnis, keine Buße, keinen Glauben ohne Offenbarung. Jesus sagt: Vater, ich preise dich, und er freute sich auch darüber, dass du es den Klugen und Weisen verborgen hast, aber den Unmündigen hast du es offenbart.
Kirchen und auch Freikirchen werden inhaltlich immer dann flach, sobald sie Philosophie, Psychologie und andere Menschenweisheit an die Stelle von Offenbarung setzen. Man möchte auf dem Weg wissenschaftlicher Forschung Gott erkennen. Man will Gott durch Wissensvermehrung finden. So ist heutzutage neben der Transzendenz auch eine gewaltige intellektuelle Suche nach Wahrheit im Gange.
Aber das ist nicht der Weg der Bibel. Das Evangelium ist keine Einladung, sich an einer großen Suche zu beteiligen, sondern das Evangelium ist eine Enthüllung, eine Entfaltung, eine Offenbarung. Und für den Apostel Paulus ist das Evangelium nicht ein weiteres philosophisches Denkmuster auf dem Wege der Wahrheitsfindung, sondern das genaue Gegenteil. Er bezeichnet es als eine Offenbarung Gottes und schreibt nicht, dass Gottes Gerechtigkeit philosophisch, intellektuell oder transzendent gesucht und gefunden werden muss, sondern dass sie offenbart werden muss. Und wem sie nicht offenbart wird, der findet sie nicht.
Ich erinnere mich, du hast eben noch einmal darauf zu sprechen gekommen, aber das ist für mich wirklich ein sehr starkes Erlebnis gewesen, als Gott mir die Wahrheit von der Gnadenerwählung definitiv offenbart hat. Das werde ich nie vergessen, und ich möchte es auch nicht vergessen.
Mein Vorgänger im Amt, der Bas, war ein Bruder, der kriegsverletzt aus der Kriegsgefangenschaft aus Russland zurückkam, ein wunderbarer Mann. Ich weiß auch nicht, was ihn bewegte, immer in den alten antiquarischen Büchern von Spurgeon zu forschen. Er klapperte ganz Deutschland ab, auch in säkularen Antiquariaten, und dann hatte er endlich wieder so einen kleinen Predigtband von Spurgeon. Und ich wusste immer nicht, was will der Mensch bloß mit diesen alten Büchern? Von Calvinismus und reformierter Theologie hatte er überhaupt keine Ahnung. Aber ich habe dann auch gerne darin gelesen und hatte sie mir geliehen. Später habe ich ihm sogar die ganze Geschichte abgekauft. Ich habe ein riesiges Antiquariat von Spurgeon bei mir zu Hause, alles von dem Kriegsgefangenen.
Und ich habe da gelesen, und ich habe irgendwie gemerkt: Irgendwie klingt das anders. Aber ich konnte das nicht herausfinden. Ich habe nicht feststellen können, was denn da ist, was den Unterschied ausmacht zwischen diesen fundierten, starken Botschaften und dieser, ich will es mal so sagen, Predigtweise, die man heute mehr so Erlebnistheologie nennt oder wie man das auch bezeichnen will: Erfahrungstheologie.
Eines Tages kommt meine Frau mit diesem Buch nach Hause, Spurgeon, wie ihn keiner kennt, das ist der deutsche Titel. Und ich war so böse mit ihr, weil ich ihr nämlich vorher gesagt hatte: Ich will kein Buch mehr, weder eins mit Wunderheilungen, noch eins mit Gemeindewachstum, noch eins mit Toronto Blessing. Ich will gar nichts mehr, ich lese nur noch die Bibel.
Und meine Frau kommt nach Hause und bringt mir ein Buch mit unter dem Titel Spurgeon, wie ihn keiner kannte. Ich habe Ehekrach mit ihr gemacht, nicht wahr? Wirklich. Ich habe das Buch nicht lesen wollen. Schon wieder ein Buch, schon wieder ein Buch. Und dann liegt das bei ihr auf dem Nachtschrank. Ich hatte es ja verachtet, sie wolle einkaufen. Und dann denke ich mir: Guck, was sie da immer mit dem Buch zu schaffen hat. Und dann hat sie da mit gelbem Marker seitenweise angezeichnet. Ich denke: Was liest sie da, was streicht sie denn da an? Oh Mann, nee.
Und dann lese ich von der Auserwählung und von der Gnade vor Grundlegung der Welt. Um es kurz zu machen: Liebe Geschwister, ich las und las, studierte die Bibelstellen noch einmal und noch einmal. Epheser 1, erwählt vor Grundlegung der Welt. Auf einmal war es so, als wenn jemand ein helles Licht in meinem Zimmer angemacht hat. Ich war froh, dass meine Frau ein bisschen länger auf Shoppingtour war und nicht nach Hause kam. Zuletzt habe ich förmlich auf dem Fußboden gelegen und konnte kaum schwimmen in dem Meer von Tränen, als Gott mir offenbarte, mir mitteilte: Wolfgang, du warst schon ein Gedanke Gottes, als die Welt noch nicht geschaffen war, als die Engel noch nicht da waren, als es keine Berge gab und keine Meere, keine Tiere, gar nichts. Vor ewigen Zeiten hat Gott beschlossen, deine Seele zu retten, dass du auf ewig bei ihm sein sollst.
Das konnte ich nicht fassen. Das hat lange gedauert. Und heute ist das diese Wahrheit, die mich trägt, die uns alle trägt, und wir sind glücklich. Durch Studium mögen wir daran geführt werden, aber wenn es uns der Heilige Geist nicht offenbart, bleibt es nur Wissen.
Als ich dann anfing, das in der Gemeinde und unter meinen Pastorenkollegen im Bund, in dem ich damals war, zu erzählen, fingen die an, mit mir zu streiten. Da haben die gleich gesagt: Das ist ja ungerecht, das kann gar nicht sein, der freie Wille des Menschen. Und dann ging das los. Ich wollte gar nicht streiten. Lasst mich in Ruhe, ich will das behalten, was Gott mir gezeigt hat. Diese Wahrheit hat mich getragen.
Wie ist es geschehen? Nicht durch Anlernen, sondern es kam durch Offenbarung. Und so dürfen wir auch das Wort Gottes aufnehmen und verstehen, dass der Herr sich uns offenbart hat. Gott schenkt uns beides: die Offenbarung und den Glauben, das Licht und das innere Auge. Jedem also, dem Gott sich im Evangelium konkret offenbart, der ist gerettet, und ohne eine solche Offenbarung gibt es kein Heil.
Und deshalb auch das Wort, das wir hatten, dass der Herr sich ihm oder dass Gott seinen Sohn in ihm offenbarte: Die Errettung des Saulus und seine Hinzufügung zum Dienst geschahen durch Offenbarung. Und diese persönliche Offenbarung haben wir empfangen, und dafür danken wir dem Herrn.

Der Blick der Glaubenden und der Abschluss mit Dank und Gebet

Ich will zum Schluss einfach noch einmal Matthäus lesen, das, was wir heute Nachmittag oder heute Vormittag schon gehört haben. Da sind noch einmal diese Worte, nicht aus Markus, sondern aus dem Matthäusevangelium, Matthäus 13,13-16:
Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen; denn sehend sehen sie nicht, und hörend hören sie nicht und verstehen es nicht. Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt: Hörend werdet ihr hören und werdet es nicht verstehen, und sehend werdet ihr sehen und werdet es nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt, und ihre Ohren hören schwer, und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich sie heile.
Und jetzt kommt Vers 16:
Aber glückselig sind eure Augen, dass sie sehen, das Sehvermögen des Glaubens. Glückselig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören.
Was lernen wir daraus? Wir haben uns nicht selbst zu Christen gemacht, sondern das hat Gott getan. Wir sind sein Werk, geschaffen zu guten Werken, dass wir darin wandeln sollen. Und ich möchte das auch als eine Botschaft aus der Schrift hier bei uns lassen, dass wir uns alle darüber freuen: Kann dein Herz den Herrn preisen, dass ihr sehen dürft und erkennen dürft, dass wir hören dürfen? Jesus sagt: Wer Ohren hat zu hören, der höre. Aber leider haben nicht alle Menschen Ohren. Dass wir hören dürfen, dass wir sehen dürfen, das bedeutet, wir sind glückselig.
Ich erinnere mich, und damit schließe ich auch, an ein Ehepaar, das unsere Fernsehsendungen zufällig, wie man so schön sagt, gesehen hat, vor einiger Zeit. Es waren Menschen, die total fern vom Herrn waren. Dann zappeten sie herum und suchten irgendetwas für den Abend, womit sie sich unterhalten konnten. Während sie so zappten, hatten sie auf einmal die Fernsehkanzel aus der Arche, und dann war ich da, der da predigte.
Dann gucken sie beide. Er hat so etwas noch nie gesehen und nie gehört. Und dann sagt er zu seiner Frau, die das Fernbedienungsgerät in der Hand hatte: Sag mal, willst du den da weiterhören? Mach doch diesen Knallkopf weg. Und dann macht sie den Knallkopf weg, nicht wahr? Nach einer Weile fragt er sie: Du, sag mal, guck doch mal nach, ob der Knallkopf noch da ist. Wenn der Widerhaken drin ist, ja, dann hat man Verlangen nach dem Knallkopf, verstehst du nicht? Das ist unglaublich.
Und dann haben sie den Knallkopf also wieder gehabt, und auf einmal, denn hängt er dabei, hat er ihr das Ding aus der Hand genommen, und er guckt und guckt und guckt. Sie sagt bloß: Du willst ihn jetzt sehen. Du hast doch eben gesagt, ich soll ihn wegmachen, nun soll ich ihn wiederholen, und nun hast du mir das Ding. Ich wollte doch das andere. Nee, nee, nee, nee, sagt er. Und dann sagt sie zu ihm: Jetzt lass doch endlich diesen Knallkopf oder Idioten oder was sie da hatten, mach ihn doch weg. Und so ging das hin und her. Sie haben immer gegenseitig gesagt: Mach ihn weg. Mach ihn weg und hol ihn wieder, hol ihn wieder, mach ihn weg, hol ihn wieder.
Und zum Schluss haben sie beide die ganze Sendung gesehen, haben unmittelbar nach der Sendung bei uns angerufen, später uns geschrieben und sich dann später vorgestellt. Binnen dieses einen Abends, dieser einen Sendung, die sie nicht hören und nicht sehen wollen, sind sie überwunden worden von Jesus. Dann stehen die Leute ein paar Wochen später bei uns in der Arche, weinen und sagen: Wir können es nicht fassen, aber wir haben plötzlich etwas gesehen, wovon wir vorher keine Ahnung hatten. Dann fielen sie uns um den Hals. Inzwischen sind sie getauft, ihre Ehe, die zerrüttet war, kam zurecht.
Und dieses Wort: Wir haben etwas gesehen, wovon wir vorher nicht gewusst haben, das ist nötig. Und das schenke uns der Herr in vermehrter Masse. Aber es ist seine Souveränität, so zu handeln. Wir haben nur treu zu sein. Aber wir danken dem Herrn, dass er uns Augen geschenkt hat, mit denen wir gucken können. Das ist das Sehvermögen des Glaubens. Gott helfe uns und segne uns.
Vielleicht stehen wir auf zusammen, darf ich noch ein Schlussgebet sprechen.
Ja, Herr, wir können es nicht fassen, welche Gnade uns unverdient zuteil geworden ist. Es beugt uns und demütigt uns zutiefst, wenn wir darüber nachdenken, was du in deiner Liebe und in deinem Erbarmen an uns gewirkt hast. Herr, verzeih uns, wenn wir unser Christsein so lässig nehmen, wenn wir es für so selbstverständlich erachten, als wäre es so, als müsste es so sein. Ich bitte dich, Herr, wir bitten dich alle von Herzen: Fasse unsere Herzen doch neu wieder an und lass uns aus dem Staunen nicht wieder herauskommen, was deine errettende Gnade aus uns Sündern gemacht hat. Selig seid ihr, dass eure Augen sehen.
Danke dafür, Herr, in deinem Namen, Amen!