Zum Inhalt

Wenn man sich fürchtet

Jesaja 41,1-2013.10.1992
Wer hält dich, wenn alles wackelt? Jesaja 41 antwortet radikal: Nicht deine Stärke trägt dich, sondern Gottes Hand – und sie lässt dich auch durch die Wüste nicht los.

Die Völker vor dem Weltenrichter

Und nun heute Jesaja 41. Ich lese die Verse 1 bis 20.
 Jesaja 41
Die Völker vor dem Weltenrichter
Die Inseln sollen vor mir schweigen, und die Völker neue Kraft gewinnen. Sie sollen herzutreten und miteinander reden. Lasst uns miteinander rechten.
Wer lässt den von Osten herkommen, dem Heil auf dem Fuße folgt, vor dem er Völker und Könige dahingibt, dass er ihrer mächtig wird? Sein Schwert macht sie wie Staub, und sein Bogen wie verwehte Spreu. Er jagt ihnen nach und zieht unversehrt hindurch und berührt den Weg nicht mit seinen Füßen.
Wer tut und macht das? Wer ruft die Geschlechter von Anfang an her? Ich bin’s, der Herr, der Erste und bei den Letzten noch derselbe.
Als die Inseln das sahen, fürchteten sie sich, und die Enden der Erde erschraken. Sie nahten sich und kamen herzu. Einer hilft dem anderen und spricht zu seinem Nächsten: Steh fest!
Der Meister nimmt den Goldschmied fest an die Hand, und sie machen mit dem Hammer das Blech glatt auf dem Amboss. Sie sprechen: Das wird fein stehen. Und sie machen es fest mit Nägeln, damit es nicht wackeln soll.

Israels Erwählung und Zusage

Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, du Spross Abrahams, meines Geliebten, den ich fest ergriffen habe von den Enden der Erde her und berufen von ihren Grenzen, zu dem ich sprach: Du sollst mein Knecht sein. Ich erwähle dich und verwerfe dich nicht. Fürchte dich nicht, ich bin mit dir. Weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.
Siehe, zuschanden sollen werden alle, die dich hassen; sie sollen werden wie nichts, und die Leute, die mit dir hadern, sollen umkommen. Wenn du nach ihnen fragst, wirst du sie nicht finden. Die mit dir hadern sollen werden wie nichts, und die wider dich streiten, sollen ein Ende haben. Denn ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand fasst und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir.
Fürchte dich nicht, du Würmlein Jakob, du armer Haufe Israel. Ich helfe dir, spricht der Herr, und dein Erlöser ist der Heilige Israels. Siehe, ich habe dich zum scharfen neuen Dreschwagen gemacht, der viele Zacken hat, damit du die Berge zerdreschen und zermalmen sollst und Hügel wie Spreu machen. Du sollst sie worfeln, dass der Wind sie wegführt und der Wirbelsturm sie verweht.
Du aber wirst fröhlich sein über den Herrn und wirst dich rühmen des Heiligen Israels. Die Elenden und Armen suchen Wasser, und es ist nichts da; ihre Zunge verdorrt vor Durst. Aber ich, der Herr, will sie erhören. Ich, der Gott Israels, will sie nicht verlassen. Ich will Wasserbäche auf den Höhen öffnen und Quellen mitten auf den Feldern und will die Wüste zu Wasserstellen machen und das dürre Land zu Wasserquellen. Ich will in der Wüste Zedern, Akazien, Myrten und Ölbäume wachsen lassen. Ich will in der Steppe miteinander Pflanzen setzen, Buchsbaum und Kiefern, damit man zugleich sehe und erkenne und merke und verstehe, dass des Herrn Hand dies getan hat und der Heilige Israels es geschaffen hat.

Ein persönliches Bild von Angst und Mut

Wir haben dieses Kapitel, das wir eben gehört haben, aus diesem wichtigen Jesajabuch, gleichsam dem Evangelium des Alten Testaments. Wir haben diese Verse überschrieben: Wenn man sich fürchtet.
Dazu vorweg eine kleine, aber wahre Geschichte. Der jüngste Bub hatte einen Wunsch, einen einzigen Wunsch, den er immer wieder vortrug, nämlich: Ich möchte aufs Volksfest.
Und ich sagte ihm: Geh mit deinen Kameraden.
Und er sagte: Ja, die gehen sonntags, da kann ich ja nicht gehen.
Dann sagte ich: Du hast recht. Das heißt, da gehst du mit deinen Brüdern. Die wollen nicht mehr, die kennen’s. Das heißt, da gehst du mit der Oma.
Ja, die trinkt bloß Kaffee.
Ergo: Ich gehe mit. Eintrag im Kalender: Donnerstag, 15.15 Uhr. Rückkehr mit der Bahn von einem Dienst im Kurhaus in Salzufeln, 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr Volksfest.
Damit ich es von meinem Pfarrersgewissen überhaupt verantworten konnte, sagte ich mir selbst immer vor: Das ist ein seelsorgerlicher Besuch des Eidlinger Bücherstandes, mit Dankes- und Stärkungsworten für die Schwestern in ihrem schweren Dienst.
Übrigens habe ich das auch gemacht und sogar eine Schokoladentafel überreicht. Aber ich dachte immer: Hoffentlich treffe ich nicht bedeutende Leute, sonst sagen die: Da guck, ha, der Stiftspfarrer dreht ein Looping.
Jedenfalls schlenderten wir durch diese glitzernde Welt, und der Bub wollte nicht Karussell fahren, er wollte nicht Achterbahn fahren, auch nicht den fliegenden Teppich. Sein Wunsch war vielmehr: einmal im Leben Geisterbahn, wirklich Geisterbahn.
Ich dachte: einer, der auszog, das Gruseln zu lernen.
An einem besonders furchterregenden und haushohen Geisterbetrieb setzten wir diesen Buben in solch ein Verhickel, fünf Mark bezahlend für zwei Minuten Geisterfahrt, und warteten drüben an dem Loch, bis der Junge wieder herauskam.
Geschlagen, zitternd, fürchterlich geschlagen von so viel Furcht auf einem Haufen, für fünf Mark.
Aber er kam wieder heraus und stieg völlig unberührt aus und sagte nur: So ein Mist, und das für fünf Mark, so ein Mist.
Dieser Bub fürchtet sich vor allem Möglichen, besonders vor dem Zahnarzt, auch vor dem Abtrocknen am Sonntag. Aber vor dem, vor dem er sich eigentlich fürchten sollte, vor solch einem Geisterbetrieb, vor dem fürchtete er sich nicht und sagte: So ein Mist, und zog davon wie ein stolzer Ritter.
Ein Bild, ein einfaches, vielleicht auch ein dummes Bild. Aber es hilft mir, Ihnen das zu sagen, worauf es hier ankommt.

Die eigentliche Frage nach der Furcht

Wir fürchten uns vor vielen Dingen. Und wenn wir heute Abend ehrlich wären und Zeit hätten, einander zu sagen, wovor wir uns jeweils fürchten, dann würde diese Nacht nicht ausreichen.
Wir alle, so wie wir hier sitzen, gehören mit unseren Ängsten und Befürchtungen zu den aufgescheuchten Seelen, wie Bonhoeffer sie bezeichnet hat. Mit unseren Fürchtungen gehören wir zu den aufgescheuchten Seelen.
Wir fürchten uns eigentlich vor allem. Wir fürchten uns vor dem Gestern, das wir nicht zurücklassen können. Wir fürchten uns vor dem Heute, das uns immer wieder bedrängt. Und erst recht fürchten wir den Morgen.
„Nicht wahr, furchtlos und treu“ – das war der Wappenspruch von Herzog Ulrich. Das war ein Wappenspruch in diesem alten Schloss. „Furchtlos und treu“ kann man ins Stammbuch schreiben. Ich denke, keinem von uns, keinem von uns ist es ins Herz geschrieben: furchtlos und treu. Tief besetzt von Befürchtungen und Ängsten, das sind wir.
Und, liebe Freunde, nun gibt es eine Instanz, vor der wir uns eigentlich fürchten sollten. Und diese Instanz lässt uns kalt. Und diese Instanz lassen wir links liegen. Und von dieser Instanz behaupten Leute, viele Leute, zu viele Leute: so ein Mist! Trotzdem.
Und wenn hier gespottet wird: Es gibt eine Instanz, nicht irgendeine, sondern es gibt eine gewisse. Es gibt eine allerletzte Instanz, vor der wir stehen werden. Gott selbst wird dort auf dem Richterstuhl sitzen.
Deshalb erklärte Luther alle Gebote mit dem Beginn: Wir sollen Gott fürchten und lieben. Aber das Erste ist: Wir sollen Gott fürchten, die allerletzte Instanz.
Gottesfurcht tut heute not, Freunde, Gottesfurcht tut heute not! Wenn man Gott nicht mehr fürchtet, dann muss man in der Tat alles, aber auch alles fürchten.
Und wenn wir mit unseren Ängsten heute Abend kommen und wenn Sie von Ihren Ängsten bedrängt sind, dann müssen Sie sich ernstlich fragen lassen, ob Sie eigentlich noch Gott fürchten.

Der Gerichtssaal der Geschichte

In Vers 4 sagt nämlich dieser Gott: Ich bin der Herr, der Erste und bei den Letzten noch derselbe. Das heißt: Ich bin der Schöpfer, und ich bin der Richter.
Wir kommen von diesem Schöpfergott her, alle miteinander, und wir gehen auf diesen Richtergott zu, alle miteinander. Er ist die Klammer um die Weltgeschichte, er ist der Ring um eine Lebensgeschichte. Er ist vor allem, und er ist hinter allem. „Ich bin’s“, sagt er hier deutlich, „ich bin’s.“
Und weil er nach Vers 10 Gerechtigkeit übt, habe ich allen Grund zur Furcht. Ohne Gottesfurcht kein Glaube. Freunde, ohne Gottesfurcht kein Glaube.
Lassen wir uns von diesem ernsten Kapitel sagen: Einmal wird Gericht gehalten, einmal werden die Völker versammelt werden, einmal ist Abrechnung. Wissen Sie, das Bild der Gerichtsverhandlung taucht bei Jesaja immer wieder auf. Ein Halbkreis, und auf diesen Sitzen, so muss man sich das vorstellen, sind alle Völker versammelt. Und darüber, in einer zweiten Reihe, gleichsam darüber, sitzen die Götter und Götzen: die babylonischen, assyrischen, medischen, phrygischen, persischen, ägyptischen. Und irgendwo dazwischen, in der Tiefe, unbemerkt und unbeachtet, ein kleines und verachtetes und machtloses Gottesfürchtel, Gottes Vöcklein Israel.
So sieht es aus: der Gerichtssaal, die Völker, die Götzen und irgendwo, eigentlich gar nicht sichtbar, ein ganz kleines, unbedeutendes Häuflein. Würmlein Israel!
Herr Verschindlich gesagt: Mein Elternhaus, in dem ich eigentlich 30 Jahre zu Hause war, war ein Amtsgericht. Und freitags war die verhältnismäßig stille Straße, an der dieses Amtsgericht lag, in dem kleinen Provinzstädtchen, immer völlig zugeparkt. Viele Leute liefen zu und weg, der Gerichtsdiener war an diesem Tag aufgeregt und heftete die Tagesordnung draußen an die Wand vor die Tür.
Und an diesem Freitag brachte immer mein Vater als Richter den Staatsanwalt zum Mittagessen mit, was uns als Kinder ganz besonders erfreute, weil es dann immer nur an diesem Tag einen Nachtisch gegeben hat. Deshalb freuten wir uns besonders auf diesen Tag. Aber keiner im Städtchen konnte es übersehen: Gerichtstag ist Gerichtstag.
Freunde, es kommt der Tag, und es kommt die Stunde, der Augenblick, wo es nicht nur jeder im Städtchen, wo es jeder in der Welt wissen wird: Jetzt ist Gerichtstag! Nicht irgendein Amtsgerichtlein, nicht irgendein Landgericht, nicht irgendein Bundesgerichtshof, sondern hier tagt das Weltgericht! Einmal wird abgerechnet, einmal wird aufgelistet, einmal kommt die ganze Ungerechtigkeit ans Licht. Doch nicht einmal ist kein Mal, einmal wird es so weit sein!
Wenn man sich vor diesem Gericht fürchtet, dann wird es nicht fürchterlich, sondern alle anderen Befürchtungen erhalten die richtige Perspektive. Unser verehrter Prälat Hachtenstein hat gesagt, die Gemeinde darf sich nicht den Ernst des Gerichtes ausreden lassen, auch wenn es uns manche Theologen heute ausreden wollen. Sie betonen die Taufe so stark, dass sie sagen: Wer getauft ist, der hat garantiert den Parkschein für den Himmel in der Tasche.
Auch wenn es uns andere ausreden wollen: Wir dürfen uns diese Furcht nicht ausreden lassen, weil sie uns da sagt: Wenn ich diese Furcht kenne, was sollen dann eigentlich alle anderen kleinen Befürchtungen? Ob ich es denn packe mit jenem Test, ob ich es denn schaffe jene Hürde, ob ich denn letztlich die Kraft habe, den schweren Schritt über den Todesgraben zu tun, ob ich es denn schaffe und packe. Wer hat nicht Angst vor dieser allerletzten Stunde?
Freunde, wenn ich diesen Gerichtssaal in den Blick bekomme und wenn ich diesen Richtstuhl sehe und diesen Gott fürchte, dann lerne ich, alles andere so nicht mehr zu fürchten, wie ich es bisher gefürchtet habe. Wer Gott fürchtet, verliert die Furcht vor Menschen, ganz besonders wichtig. Verliert die Furcht vor Menschen, und mögen sie sich noch so brüsten. Verliert die Furcht vor Menschen und vor Dingen.
Ich erinnere Sie an Psalm 112,1: Wohl dem, der den Herrn fürchtet. Nicht Schreck dem, wohl dem! Sie wissen, das heißt ja selig oder Glückwunsch oder Gratulation. Gratulation dem, der den Herrn fürchtet!
Vielleicht hatten Sie Geburtstag, vielleicht hatten Sie einen anderen Jubeltag, vielleicht hat Ihnen irgendjemand gratuliert oder vielleicht hat Ihnen niemand gratuliert. Heute Abend wird Ihnen gratuliert, in ganz anderer und neuer Weise. Gratulation dem, der diesen Herrn fürchtet, weil er seine anderen Befürchtungen in jene Kategorien bringt, die zu beherrschen sind, auch in unseren aufgescheuchten Seelen. Gratuliert dem, der den Herrn fürchtet!

Der Mittelpunkt, der alles ordnet

Sie sehen, Kapitel 41 ist wie ein Fenster, ein regelrechtes Fenster hinein in den Gerichtssaal. So, wie wenn Sie schon einmal in einer Verhandlung waren. Und schliesslich steht ja auch unser Gemeindehaus mittendrin in einem Gerichtsbezirk, mit vielen Verhandlungseelen.
So, wie ein Gerichtsdiener in den Saal ruft, wenn der Richter oder der Staatsanwalt oder wenn diese Leute in den Saal treten und er hineinruft: Ruhe, Ruhe! So sagt hier genau dieser Jesaja: Schweig, Inseln! Die Inseln sollen schweigen. Ruhe bitte, sammelt Kraft vor dem, was hier vorgeht!
Es ist keine Kinderstunde, kein Kinderspiel, sondern es ist die Stunde über Leben und ewigen Tod. Alle Menschen, Völker und Götter wenden ihre Köpfe und richten sich auf diesen einen Punkt aus, auf einen Fluchtpunkt, genauer: auf den Weltmittelpunkt, nämlich Gott, den Weltenrichter, der bis dahin als der kleine und unbedeutende und unbekannte Gott eines kleinen und unbekannten und unbedeutenden Völkleins gegolten hat.
Mag es vorher viele Mittelpunkte gegeben haben, auch Mittelpunkte in unserem Leben, um die wir kreisen: um Dinge, um Probleme, um Menschen, um unsere eigene Achse. Mag es viele Mittelpunkte in unserem Leben gegeben haben. Einmal bringt es Gott auf den Punkt, dann nämlich, wenn er zum unbestreitbaren Mittelpunkt wird. Und alles wird sich um ihn im Halbkreis versammeln müssen: Inseln, Völker, Könige.
Ich bin’s, sagt der Herr. Jetzt kommt’s raus, wer die Erde bewegt. Jetzt kommt’s raus, wer hinter der Geschichte steht. Jetzt kommt’s raus, wer hinter allem und vor allem steht, nämlich: Ich bin’s. Jeder soll’s erkennen.
Liebe Freunde, wenn es bei uns doch jetzt schon etwas herauskäme, wenn es jetzt schon herauskäme. Und wir können von diesem letzten Bild schon eine Abschattung haben in unserem Glauben, wenn wir fragen: Wer ist es denn, der mich auf diese Lebensbahn gesetzt hat, auf gerade diese Lebensbahn, die ich letztlich nicht verstehe? Und da heisst es: Ich bin es, der Herr.
Und wenn ich frage: Wer hat denn das mir eigentlich zugemutet, dieser Weg, der mir gerade das Fürchten lehrt? Und wir hören: Ich bin es.
Und wenn ich frage: Wer hat mir eigentlich diese Menschen zugesellt, die mir das Leben bitter machen und sauer machen? Wer denn? Ich bin’s! Ich bin’s, der unbestreitbare Mittelpunkt!
Und all die anderen Punkte, die Sie umkreisen, so wie die Fliegen in der Nacht eine Kerze umkreisen, diese Lichtlein erlöschen, und Sie merken, dass es nur diesen einen einzigen Mittelpunkt gibt, der erst einmal unüberhörbar für unsere Ohren rufen wird: Ich bin’s, der Herr!

Verunsicherung der Mächtigen und falsche Stützen

Kein Wunder, dass angesichts dieses Weltenrichters, der die Szene betreten hat, eine völlige Verunsicherung durch die Reihen geht. Denken Sie jetzt noch an diesen Gerichtssaal. Er sagt: Ich bin’s! Alle Augen schauen auf ihn, und auf einmal, auf einmal sind die starken und mächtigen Völker, diese Menschen und Götter, verunsichert. Sie fürchteten sich, sie erschraken, sie zitterten. Eine endzeitliche Angst schüttelt den ganzen Kreis wie Wehen.
Und immer, wenn panische Angst umgeht, dann sucht man ja einen Halt. Und weil der Halt an Gott nicht da ist, sucht man zuerst den Halt an anderen Menschen. Nur Mut, sagen sie, steht fest, die Sache wird dann schon schiefgehen. Man hält sich an anderen Menschen, aber merkt, dass die anderen Menschen ja auch mitwackeln.
Und dann sucht man Halt an den Göttern, die so gebastelt werden, dass sie nicht wackeln. Da wird geschnitzt und gehobelt und genagelt und gedacht und gehofft an Philosophien und Theologien, damit man wieder einen Halt hat angesichts der Gottesfurcht. Aber der Halt an Göttern bringt auch nichts, weil selbst die Götter mitwackeln.
Der Halt an Menschen macht einen haltlos, der Halt an Göttern macht einen haltlos. Und wenn man keinen Halt hat, dann bleibt letztlich nur noch ein einziges übrig: Man bewahrt Haltung. Bewahrt Haltung, bewahren, angesichts dessen, wenn alles wackelt und schwankt. Stramme Haltung, dies soll den fehlenden Halt ersetzen, nicht wahr? So war es doch 1933, bis ein neuer Halt gesucht wurde: ein Entführer, Volk und Vaterland. Es wurde genagelt und gehobelt, ein ganzes Reich wurde gebaut.
Und dann, zum Schluss, blieb nur noch die stramme Haltung, die Reihen dicht geschlossen, SA marschiert. Das war’s.
Die stramme Haltung wird uns am letzten Tag nichts nützen, Freunde. Eine stramme Haltung bringt nichts. Was dann? Was dann, wenn Menschen uns nicht halten? Was dann, wenn Götzen und Götter uns nicht halten? Was dann, wenn uns die Haltung auch nichts bringt?

Die dreifache Zusage an das kleine Volk

Hier heißt es in Vers 8: Du aber, du aber!
Und nun sehen Sie diesen Weltenrichter: Er spricht nicht die großen Mächtigen in der ersten Reihe an, du aber. Er spricht nicht die Götzen und Götter in der zweiten Reihe an, sondern dieses kleine und unbedeutende und letztlich abgehalfterte Vöglein. Du aber, du! Der du von den Winkeln der Erde kommst, du Winkelmann, du Winkelfrau, du Winkelvolk: Deine Sache ist keine Winkelsache mehr, sondern jetzt wird sie zur Hauptsache, und alles andere wird zur Nebensache.
Du bist mein Knecht, sagt er. Und jetzt sagt er zu diesem Völklein – und durch Jesus Christus können und dürfen wir uns zu diesem Völklein zählen –: Du, aber du, mein Knecht. Oder anders übersetzt: Du, mein Sklave. Das ist ein Hauptbegriff dieses Buches, wobei der Ton nicht auf der Versklavung liegt, sondern darauf, dass der Sklave am Glück und Erfolg seines Herrn Anteil hat. Er steht nicht mehr unter der Knute der Sklaventreiberei, nicht mehr an der Kette der Sklavenhändler, nicht mehr unter der Gewalt der Sklavenschinder. Er ist Diener seines Herrn.
Du, mein Sklave, sagt jetzt der Weltenrichter. Und er fügt hinzu, als Zweites: Nicht nur du, mein Sklave, sondern du, mein Erwählter. Du, mein Erwählter. Ein Erwählter in dem unbegreiflichen Ratschluss dieses Gottes, erwählt wie Abraham. Nicht wahr: Wenn ich eine Erwählte habe, dann hat das natürlich seinen Grund. Sie ist meine Erwählte, weil sie entweder schön ist oder nett, oder weil sie hübsch ist, oder vielleicht vor allem, weil sie reich ist. Deshalb ist sie meine Erwählte. Unsere Erwählung hat immer einen bestimmten Grund, warum wir erwählen. Gottes Erwählung ist grundlos. Gottes Erwählung ist grundlos.
Israel ist nicht schön und ist nicht hübsch und ist nicht nett und ist vor allem nicht reich. Und trotzdem: Du, mein Erwählter. Ich brauche gar nichts bringen, ich brauche gar nichts haben, ich bin nicht schön und nichts. Und er sagt: Du, mein Sklave, der jetzt mir gehört, du, mein Erwählter. Und er fügt gleich noch als Drittes an: Du, mein Geliebter. Du, mein Geliebter.
Erwählte sind ja oft nicht mehr die Geliebten. Manche, die eine Erwählte haben, haben nebenher noch eine Geliebte, noch ein Liebchen, Gott sei es geklagt. Liebe Freunde, Gott hat nicht noch ein Liebchen. Gott hat nicht noch ein anderes Vöglein. Gott hat nur sein Volk. Er hat sie und will mich haben. Wenn ich dazugehöre, wenn ich an vielen Liebesdefiziten leide, ist Gottes Liebe mir gewiss, und das genügt für ein Leben.
Und sehen Sie: Im Gerichtssaal werden sie sich empören, wenn plötzlich dieses kleine Vöglein herausgenommen wird, wenn zudem gesagt wird: Du, mein Knecht, du, mein Erwählter, du, mein Geliebter. Die werden sich empören, die werden sich in Positur werfen, die werden sich an die Brust schlagen und sagen: Ja, wir, wir waren doch etwas in dieser Welt. Und Gott sagt: Ihr nicht. Du aber, jetzt geht es nur noch um dich.
Am Schluss geht es um sein Volk und seine Leute. Alle anderen können gehen, müssen hinausgehen, müssen verloren gehen. Du aber fürchte dich nicht, auch nicht am jüngsten Gericht. Du aber fürchte dich nicht, ich helfe dir auch, ich helfe dir auch.

Die drei Gründe, warum keine Angst bleiben muss

Und damit man es begreift, wird es gleich dreimal gesagt, dreimal dieses „Fürchte dich nicht“. Und das möchte ich hier in meinem dritten und letzten Teil unterstrichen haben.
Erstens: Du aber fürchte dich nicht, denn ich halte dich, ich halte dich durch die Hand meiner Gerechtigkeit.
In Vers 11 und 12 sind acht kleine Sätze, die alle dasselbe aussagen: Gewalten und Mächte werden an ihrer Machtentfaltung scheitern. Niemand und nichts kann sie halten, alle werden schließlich von der Weltbühne verschwunden sein.
Sehen Sie, diese unsere Welt ist wie ein Luxusdampfer. Und wer von uns erinnert sich nicht, auch wenn er noch nicht gelebt hat damals, an diesen größten Luxusdampfer aller Zeiten, die Titanic, oder Titanic, wie man es heute englisch ausdrückt. Die Titanic hat die Meere bezwungen oder bezwingen sollen, und dann ist sie auf ein Riff aufgelaufen. Und dann geht dieser Riesendampfer unter.
Und nun sind Menschen darauf. Und jetzt müssen sie sich halten, angesichts dieses Elends, sie müssen sich halten, angesichts dieses Unglücks. Der eine hält sich an der Reling, aber das nützt nichts. Der andere hält sich an einem Passagier, aber der geht ja auch mit hinunter. Der Dritte macht es ganz geschickt: Der geht zum Kapitän und hält sich am Kapitän fest, aber der geht auch mit hinunter.
Alle und alles geht unter, und da ist nur noch einer, und der sagt: Haltung bewahren. Und er steht hin und singt vielleicht mit der Kapelle, die das intoniert hat: „Näher, mein Gott, zu dir.“ Aber auch mit dieser Haltung geht er unter.
Liebe Freunde, diese Welt geht unter. Das ist die Auskunft der Bibel. Diese Welt ist auf dem Riff der Sünde aufgelaufen, Wasser dringt ein. Es geht keinen herrlichen Zeiten entgegen, wie Kaiser Wilhelm gemeint hat. Es geht dem Untergang entgegen.
Und in diesen Strudel hinein sagt Gott: Ich halte dich mit meiner Hand. In dieses Inferno hinein reicht Gottes lange Hand. In Jesus hat er den Arm lang gemacht. Er packt mich und reißt mich heraus. Jesus, die rettende Hand Gottes: Fürchte dich nicht, ich halte dich durch meine Hand!
Zweitens: Du aber fürchte dich nicht, denn ich brauche dich. Eine ungewöhnliche Aussage. Du Würmlein, dich Würmlein, das im Holz unsichtbar versteckt ist, vielleicht aus dem Apfel ausgeschnitten wird, du Würmlein, das im Baum sitzt und von Vögeln verspeist wird. Würmlein, Würmlein, ich will dich brauchen.
Und wenn es die Völker wurmt, am Schluss, Freunde, ist der Wurm drin. Der Wurm ist drin im Gerichtssaal, und alle anderen sind draußen und verloren. Der Wurm ist am Schluss, im wahrsten Sinne des Wortes, der Wurm ist drin.
Und er braucht dich zum Träschwagen, zum Träschlitten, der drischt und zermalmt, ein Vorgänger der Dreschmaschine, ein hartes Blech, das über die Ähren gezogen wird. Und er sagt: Ich mache dich zu einem Instrument, das imstande ist, alle Hindernisse, die dich von der Heimat trennen, zu überwinden.
Es gibt nichts mehr, was sich zwischen dir und deinem Herrn aufbauen könnte. Wir werden in die Lage versetzt, Hindernisse auszuräumen, dass du die Berge zertreschen sollst. Freunde, Examen wie ein Berg, Operation wie ein Berg vor mir, mein Alter, so wie ein Berg vor mir. Und er sagt: Ich mache dich so, ich werde dich in die Lage versetzen, dass du Hindernisse ausräumen kannst, dass du Berge zerdreschen sollst.
Es gibt keinen Berg mehr in ihrem Leben, der sich aufbauen könnte, den du nicht zerdreschen kannst. Fürchte dich nicht, ich brauche dich als Dreschlitten.
Und drittens und letztens: Du aber fürchte dich nicht, denn ich versorge dich.
Das Volk Gottes ist ja in Babylon angesprochen, es geht heim. Aber der Heimweg ist kein Sonnenweg, der Heimweg ist ein Wüstenweg. Freunde, das ist die Auskunft der Bibel immer: Jeder Heimweg ist ein Wüstenweg und bleibt ein Wüstenweg. Jeder nach Hause geht es durchs Wüstenland. Das Vorbild des Volkes Israel in Ägypten: Für jeden Christen geht es nach Hause nur durchs Wüstenland.
Hitze, Dürre, Elend. Aber ich will Wasserbäche und Quellen öffnen, Bäume wachsen lassen. Das sind Anklänge ans Paradies in diesen Worten. Die Versorgung in der Wüste ist sichergestellt. Du wirst dort nicht umkommen, du Wurm. Dein Weg ist und bleibt trotz aller Hitze und aller Mühe ein Weg ins gelobte Land. Dein Weg bleibt ein Weg ins gelobte Land, deshalb fürchte dich nicht.
Amen.

Gebet und Schluss

Wir wollen singen 553, 553, die Verse 1 bis 3.
Herr Jesus Christus, ich möchte dir zuerst danken, dass du Menschen unter uns wieder gesund gemacht und in unsere Mitte zurückgebracht hast. Du hast an ihnen Wunder der Heilung vollbracht. Wir durften das sehen, und wir loben und preisen deinen großen Namen.
Aber, Herr, viele sind auf schwerem Wege, sind in dunklen Stunden und am letzten Abschnitt ihres Lebens angekommen. An sie denken wir. Sprich du ihnen dieses: „Fürchte dich nicht“ zu.
Herr, strecke deine Hand dorthin, wo wir unterzugehen meinen, im Strudel der Zeit, in den Wogen der Angst. Lass uns deine Hand fassen und lass du uns nicht los, auch wenn wir schwach werden.
Wir danken dir für deine Botschaft. Sie gilt auch dieser kranken und zerstrittenen, hungernden Welt. Herr, geleite uns in deinem Frieden hinein in die Nacht, durch dieses Leben bis ins gelobte Land. Amen.
Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Gott befohlen und auf Wiedersehen.