
Feuerprobe des Lebens: Ein Glaube, der nicht verbrennt
Lebensbericht von Tobias und Andy Messner
01.11.2026
Event•Teil 19 / 24Jugendkonferenz für Weltmission 2026
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Sicherlich haben viele von euch von der Feuerkatastrophe an Silvester in Crans-Montana gelesen. Dieses schreckliche Unglück mit fast 40 Toten und über 100 Verletzten hat auch bei uns beiden viele Erinnerungen und Schmerz ausgelöst.
Ein solch tragisches Ereignis erinnert uns an unsere eigene Geschichte, die nicht allzu lange zurückliegt. Davon möchten wir euch heute Mittag erzählen.
Wir wollen euch mitnehmen in das, was uns bewegt hat und was wir daraus gelernt haben.
Der verhängnisvolle Tag und die Tragödie auf dem Balkon
Es war der 2. Juli 2022, ein herrlicher Sommertag, auf den wir als Großfamilie lange hingefiebert hatten. Endlich wollten wir uns wiedersehen und gemeinsam Zeit als Familie verbringen. Drei Generationen waren versammelt: Neben meiner Mutter waren wir drei Geschwister mit unseren Familien und insgesamt sieben Kindern.
Nach einem wunderbaren Familienausflug zum Stuttgarter Bärenschlössle ging es zum leckeren Barbecue auf unseren Balkon. Zum Ausklang des Tages saßen wir am Abend gemütlich mit der Großfamilie zusammen. Zu dieser Zeit waren es noch neun Personen, die um einen Ethanol-Tischkamin versammelt waren. Manch einer kennt solche Tischkamine vielleicht von einem Restaurantbesuch.
Doch dieser herrliche Familientag endete in einer Tragödie. Nachdem der Tischkamin erloschen war, wollte ich ihn mit neuem Ethanol befüllen. Dabei kam es zu einer folgenschweren Verpuffung. Der Fünfliter-Nachfüllkanister explodierte in meiner Hand durch austretende Gase. Diese unbeabsichtigte Handlung meinerseits führte zu einer Katastrophe.
Das Ethanol entflammte in einem Feuerball, Panik breitete sich aus. Unser Holzbalkon fing Feuer, und wir versuchten zu löschen. Gleichzeitig bemühten wir uns, unsere Kinder in Sicherheit zu bringen. Die Explosion führte zu schwersten Verbrennungen bei meinem Bruder, meiner Schwester, meinem eigenen Sohn und bei mir selbst.
Die dramatischen Folgen und medizinische Versorgung
Ein Lichtermeer! Feuerwehren, Krankenwagen, Notärzte und die Polizei umstellten nach und nach unser Haus. Aus der Ferne hörte ich meinen Bruder nur noch „Jesus, Jesus, Jesus“ schreien.
Die Schmerzen spürte ich erst, nachdem ich unser Haus verlassen hatte und das Adrenalin in meinem Körper nachließ.
Bei einem Brandunfall dieser Größe, mit so vielen Beteiligten, wie wir ihn auch in der Schweiz erlebt haben, werden die Opfer dezentral untergebracht. Eine einzige Klinik wäre damit völlig überfordert gewesen.
Das führte dazu, dass mein Bruder mit sage und schreibe 70 Verbrennungen dritten Grades am Körper in die Uniklinik nach Tübingen gebracht wurde. Ich wurde mit 40 Verbrennungen mit dem Helikopter nach München geflogen. Meine Schwester und mein Sohn wurden in Kliniken in Stuttgart aufgenommen und versorgt.
Während meine Schwester und mein Sohn nach einigen Tagen die Klinik verlassen konnten, folgten für meinen Bruder und mich monatelange Klinikaufenthalte mit zahlreichen Operationen, Hauttransplantationen und anschließenden langjährigen Reha-Maßnahmen.
Es ist ein großes Geschenk, dass wir heute Nachmittag vor euch stehen dürfen und leben dürfen. Wir mussten schwere Tiefen durchleben und im wahrsten Sinne des Wortes eine Feuerprobe des Lebens bestehen.
Heute stehen wir nicht als Helden vor euch, sondern als Menschen, die durch schweres Leid geprüft wurden. Dennoch durften wir durch diese schweren Lebenserfahrungen geistliche Erkenntnisse gewinnen, die wir euch heute in eurer Jesusnachfolge mitgeben möchten.
Die Bedeutung von Jesus in der schwersten Zeit
Beginnen möchte ich mit dem, was ich daraus gelernt habe, und zwar bei mir selbst. Seit Jahren ist es mein Anliegen, den Tag Jesus zu weihen, bevor ich morgens aus dem Bett steige. Ihm den Tag zur Verfügung zu stellen. Dafür bete ich seit zwanzig Jahren ein kleines Gebet, das ein Kirchenlied ist, welches der Chinamissionar Friedrich Traub vor vielen, vielen Jahren geschrieben hat.
Dort heißt es:
Dir zur Verfügung, mein Gott und mein Herr,
Dir zur Verfügung, je länger, je mehr.
Dir zur Verfügung, in Freud und in Leid,
täglich und stündlich für Jesus bereit.
Dir zur Verfügung, mein Gott und mein Herr,
Dir zur Verfügung, je länger, je mehr.
Dir zur Verfügung, in Freud und in Leid,
täglich und stündlich für Jesus bereit.
Auch am Morgen des zweiten Juli 2022 betete ich dieses kurze Gebet, ohne zu ahnen, dass ich sechzehn Stunden später in München landen würde – schwerst verletzt. Hatte ich mir das so vorgestellt? Als ich betete „dir zur Verfügung in Freud und in Leid“, waren die lange Zeit auf der Intensivstation und der wochenlange Aufenthalt auf der Normalstation wohl die schwersten Momente meines ganzen Lebens.
Ich spürte die Ohnmacht, nichts mehr selbst in der Hand zu haben. Ich erlebte die Angst, meine Frau und die Kinder als Witwe und Waisen hier auf Erden zurückzulassen. Es folgten zahlreiche Operationen und Hauttransplantationen, die mich körperlich und seelisch schwer belasteten.
Durch das lange Liegen entwickelte mein Körper zudem eine lebensbedrohliche tiefe Beckenvenenthrombose, bei der die Ärzte ratlos waren. Mein Leben hing weiterhin am seidenen Faden. Und als ob das nicht schon schwer genug gewesen wäre, stellte man bei mir noch ein komplexes Bakterium fest, das über sechs weitere Wochen mit Antibiotika behandelt werden musste – ganz zu schweigen von den monatelangen Reha- und Physiomaßnahmen.
All das brachte mich an den Rand meiner Belastbarkeit. Lebte ich früher von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, so lebte ich in diesen Momenten nur noch von Stunde zu Stunde. Und wenn du einmal von Stunde zu Stunde lebst, den Tod vor Augen hast und im Leid gefangen bist, ist das ein beängstigendes Gefühl.
Als Christen haben wir gelernt, dass in solchen Momenten, in den dunkelsten Stunden, Gebet und das Bibellesen tragen. Doch was tun, wenn du in den schwächsten Momenten gar nicht mehr beten oder die Bibel lesen kannst? Mein Körper und meine Seele waren so geschwächt, dass ich nicht mehr in der Lage war, die Bibel zu lesen. Ich begann den ersten Satz, doch nach dem dritten wusste ich nicht mehr, was im ersten Satz stand. Für mich, der Theologie studiert hat, war das ein Schreckmoment.
Und als ich dann nicht mehr die Kraft hatte, Gebete zu formulieren, war ich am Boden zerstört. Wo war jetzt die Kraft? Wo war die Kraft, an die ich geglaubt hatte? Wo war die Kraft, die ich jahrelang verkündet hatte?
Ich möchte euch in dieser Einheit bewusst aus dieser verzweifelten Phase erzählen, weil wir viel zu oft darüber schweigen. Viel zu oft wird Leid totgeschwiegen oder behauptet, man müsste es einfach mal wegbeten. Ich bin dankbar, dass Tobi uns nachher noch seine Erkenntnisse zum Thema Leid weitergeben darf.
Das kleine Holzkreuz als Rettungsanker
Als ich im Krankenhaus lag, an meinem Körper völlig geschwächt und in meiner Seele verzweifelt, ging eines Tages die Krankentür auf, und mein Pastor kam herein. Nachdem er sich bei mir erkundigt hatte, zog er aus seiner Tasche ein kleines Holzkreuz heraus.
Er sagte zu mir: „Andi, ich hatte heute Morgen den Eindruck vom Heiligen Geist, dass ich dir dieses Kreuz kaufen und mitbringen soll. Ich weiß nicht warum, aber vielleicht hilft es dir.“ Wisst ihr was? Dieses kleine, schlichte Holzkreuz wurde für mich im Krankenhaus zum Rettungsanker.
Denn in meiner Schwäche, als ich nicht mehr in der Lage war, die Bibel zu lesen oder Gebete zu formulieren, klammerte ich mich an dieses kleine Holzkreuz. Ich umschloss es mit meinen Händen. In den langen Nächten drückte ich auf diese Weise aus: Ich liebe ihn. Das war meine Art zu beten.
Ja, ich konnte keine Sätze mehr formulieren, doch ich durfte eine tiefe Erkenntnis gewinnen. Diese Erkenntnis lautet: Jesus reicht aus, Jesus Christus allein reicht aus. Es ist nicht entscheidend, welchen Bildungsgrad du hast. Es ist nicht entscheidend, ob du einen Top-Beruf hast, ob du in der Schule oder an der Universität angesehen bist oder ob du hübscher bist als diese oder jene Person. Es zählt nur Jesus allein.
Es zählt nicht, was du für Jesus getan hast. Es zählt auch nicht, ob du die Bibel durchgearbeitet hast oder wohlklingende Gebete formuliert hast. Entscheidend ist eine innige, echte und relevante Beziehung zu Jesus allein. Leute, darauf kommt es an.
Das kann ich aus meinem Erleben heute Nachmittag mit euch teilen.
Die zentrale Botschaft des Apostels Paulus
Paulus schreibt in Philipper 3,10a: „Um Christus allein geht es mir. Ihn will ich immer besser kennenlernen.“ Paulus sagt: Um Christus allein geht es mir. Er hat verstanden, dass es im christlichen Glauben einzig um Jesus Christus geht – nicht um Jesus und etwas anderes, sondern um Jesus allein.
Wie oft leben wir nach dem Motto: Jesus und meine Hobbys, Jesus und meine Pläne, Jesus und meine Wünsche, Jesus und meine Karriere, Jesus und meine Partnerin oder mein Partner, Jesus und meine Gesundheit, Jesus und meine Gemeinde oder Jesus und meine Theologie? Paulus sagt: Jesus allein.
Darf ich dich fragen: Reicht dir Jesus aus? Könntest du sagen, dass es ausreicht, Jesus im Leben zu haben – ihn allein –, selbst wenn du alles verlieren würdest? Mein Unfall hat mir gezeigt, dass Jesus Christus ausreicht. Ihn im Leben zu haben, das reicht.
Paulus macht in diesem Vers aber noch auf etwas Zweites aufmerksam. Er sagt: Christus allein, aber dann heißt es auch: „Ihn will ich immer besser kennenlernen.“ Es geht darum, Jesus Christus besser kennenzulernen und in die Beziehung zu ihm zu investieren.
Ich bin so dankbar für all die Jahre vor meinem Unfall, in denen ich in die Beziehung zu Jesus investiert habe – durch gute Freunde, Gottesdienstbesuche, Literatur, Bibellese und Gebet. All das sind Dinge, in denen ich mich mit ihm beschäftigt habe. Denn wisst ihr: Als ich die Beziehung zu ihm am nötigsten hatte, war auf sie Verlass.
Investiere also in das, was dir nicht genommen werden kann. Deinen Beruf kannst du verlieren, dein Partner kann sich von dir trennen, dein Eigentum kann gestohlen werden, deine Gesundheit kann dir genommen werden. Aber was dir nicht genommen werden kann, ist die Beziehung zu Jesus allein.
In Kolosser 2,7 schreibt Paulus weiter: „Senkt eure Wurzeln tief in seinen Boden und schöpft aus ihm.“ Senkt eure Wurzeln tief in seinen Boden und schöpft aus ihm. Das ist deine und meine Aufgabe in den guten Zeiten des Lebens, Leute.
Leider verplempern wir unsere Zeit mit so vielen nebensächlichen und endlosen Diskussionen, auch manchmal in den Gemeinden. Paulus schreibt: Senkt eure Wurzeln. Das ist eine Aufforderung, aktiv zu werden. Von nichts kommt nichts. Senkt eure Wurzeln tief – also nicht oberflächlich, nicht in Jesus und etwas anderes, sondern in Jesus allein – und schöpft aus ihm.
Zieht eure Kraft aus ihm, euren Wert aus ihm, eure Berufung aus ihm, eure Identität aus ihm – aus Jesus allein. Darum geht es.
Investiere also in das, was dir nicht genommen werden kann. In Römer 8,38 heißt es: „Weder Hohes noch Tiefes, sonst noch irgendetwas auf der Welt kann uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Christus Jesus, unserem Herrn, geschenkt hat.“
Leben mit den Narben und der tiefere Glaube
Ich stehe heute Nachmittag hier und trage seit dem Unfall Narben an meinem Körper. Seitdem habe ich große Probleme mit den Nachwirkungen meiner schweren Thrombose und kann ohne hochdosierte Medikamente nicht mehr leben.
Doch ich habe gelernt, dass Gott unser Leben nicht unbedingt leichter machen will, aber sehr wohl tiefer. Und wisst ihr, worum es letztendlich geht? Um einen tieferen Glauben – um eine tiefere Beziehung zu Jesus selbst.
Reife bedeutet nicht, klüger zu werden, sondern größeres Vertrauen zu entwickeln. Oftmals ist dabei Verlässlichkeit der Nährboden für Intimität zwischen Mensch und Gott.
Wo stehst du? Bist du im Moment in einer Lebenssituation, in der du vielleicht auch sagst: „Mir reicht’s“? Dann vertraue dich Jesus an, er reicht.
Vielleicht hast du dich im Moment meiner Ausführung gefragt: Reicht mir dieser Jesus wirklich aus? Oder suche ich meine Erfüllung in ihm und in anderen?
Vertraue dich Jesus an, er reicht aus.
Die schwere Zeit meines Bruders und der Wendepunkt
Liebe Yumiko-Teilnehmer,
die von meinem Bruder eingangs beschriebene Explosion beschädigte 70 Prozent meines Körpers mit drittgradigen Verbrennungen. Manche Ärzte bezifferten meine Überlebenschance auf acht Prozent. Zu allem Übel hatte sich auch meine Frau von mir getrennt, und ich war plötzlich alleinerziehender Vater.
Es schien, als würde alles um mich herum zerbrechen – alles, was ich als identitätsgebend betrachtete: Gesundheit weg, Ehe weg, Beruf weg. Fast alles zerbrach oder löste sich auf. Die Ärzte in Tübingen kämpften um mein Leben. Ich hatte zu viel verbranntes Ethanol eingeatmet, und mein Lungenzustand war sehr kritisch. Mein Leben stand auf der Kippe.
Was folgte, war ein Monat im Koma und fünf Operationen. Großflächige Hauttransplantationen mussten vorgenommen werden. Die verbliebene gesunde Haut meines Körpers wurde entfernt und gedehnt, um die verbrannte Haut auf der linken Seite zu bedecken. Mein gesamter Körper, einschließlich meiner Kopfhaut, war betroffen. Wie durch ein Wunder blieb jedoch mein Gesicht von intensiven Verbrennungen verschont.
Als ich nach vier Wochen aus dem Koma aufwachte, lag ich noch vier weitere Monate auf der Intensivstation. Ich musste das Laufen wieder lernen. Nach rund einem halben Jahr wurde ich schließlich aus dem Krankenhaus entlassen und in ein Rehabilitationszentrum für drei weitere Monate gebracht.
Dort ging das Drama weiter. Zu Weihnachten 2022 erreichte ich den absoluten Tiefpunkt. Meine Blutergebnisse waren schlecht, ich verlor weiter an Gewicht und konnte mich kaum noch bewegen. Die meiste Zeit saß ich in einem Rollstuhl. Kann es noch schlimmer kommen? Ja, das Schlimmste war das schmerzhafte Wechseln der Verbände. Verbrannte und transplantierte Haut ist dünn und sehr empfindlich, sodass die Haut leicht wieder aufreißen und neue Wunden sich bilden können.
Kaum aus der Reha, wurde mir die volle Verantwortung für meine Kinder übertragen, obwohl ich doch gar nicht in der Lage dazu war. Ich dachte: Gott, wo bist du? Was soll das?
Die Frage nach dem Warum und die Kraft des Wozu
Liebe Jumikola,
das Leben ist eine mysteriöse Sache. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Innerhalb einer Sekunde kann sich das Leben komplett verändern – auch deines.
Ich habe gelernt, dass die Frage nach dem Warum uns nicht wirklich weiterhilft. Besser ist es, nach dem Wozu zu fragen. Wir haben keine Garantie dafür, was uns passieren wird. Das Schicksal deines und meines Lebens liegt nicht in unseren Händen.
Wie wir jedoch mit dem umgehen, was uns passiert, liegt in unserer Hand. Wir haben eine Wahl: Betrachten wir uns und die Situation, durch die wir gehen müssen, als Opfer, bei dem wir natürlich nach einem Schuldigen suchen, oder ermächtigen wir uns selbst durch Vertrauen und Beharren auf Gottes Macht und Möglichkeiten?
Meiner Meinung nach gibt es im Leben zwei große Faktoren für Wachstum und Entwicklung: entweder die Erfahrung bedingungsloser Liebe oder die Erfahrung schweren Leids. Beides kann in Menschen große und ungeahnte Fähigkeiten, Potenziale und Kräfte freisetzen, die vielleicht sonst nie gehoben werden könnten.
Kintsugi – die Kunst des Heilens und Wiederherstellens
In Japan gibt es eine Kunstform namens Kintsugi. Dabei geht es darum, etwas zu reparieren und, noch wichtiger, das Gebrochene wiederherzustellen, um so etwas Schöneres zu schaffen.
Vielleicht habt ihr schon einmal eine zerbrochene Vase gesehen, die mit goldenen Linien wieder zusammengesetzt wurde. Diese Technik des Kintsugi erinnert mich sehr an das Evangelium.
Christus kam, um das Gebrochene, Verletzte und Leidende zu reparieren, zu heilen und vollständig wiederherzustellen. Wir sind eingeladen, die gesamte Entwicklung unseres Lebens in die Hände Jesu Christi zu legen.
Drei Schritte im Umgang mit Leid
In den langen Monaten des Leids habe ich einen Umgang mit diesem Schmerz entwickelt. Dabei bin ich auf drei Bestandteile gestoßen, die mir geholfen haben, mit meinem persönlichen Leid umzugehen. Meiner Erfahrung nach ist es eine sehr wirkungsvolle Mischung, die die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst. Vielleicht kann sie auch dir helfen.
Der erste Schritt besteht darin, das erfahrene Leid anzunehmen und nicht dagegen anzukämpfen. Natürlich geschieht Annahme nicht über Nacht. Zuvor sollte es Raum und Platz für Klage und Bedauern geben. Dein Unverständnis, deine Fragen und Zweifel dürfen – ja, sie sollen – ausgedrückt werden. Gott hält unsere Klagen aus. Doch der Körper kann schneller und besser genesen, wenn der Geist im Einklang mit der Situation ist.
Kann ich sogar eine Chance im Leid erkennen? Zur ganzheitlichen Annahme gehört auch die Vergebung. Die Seele füllt sich schnell mit Groll und Hass. Hier gilt es, loszulassen. Dazu ist eine ganz bewusste Entscheidung zur Vergebung notwendig. Vergebung bedeutet nicht unbedingt zu vergessen, aber ich lasse los von negativen Empfindungen gegenüber dem, der mir Leid zugefügt hat.
Diese Entscheidung habe ich bewusst gegenüber meinem Bruder und auch meiner Ex-Frau getroffen. Freunde, ganzheitliche Annahme und Vergebung bedeuten, ein Ja zur Vergangenheit zu finden.
Gemeinschaft, Unterstützung und Dankbarkeit als Heilmittel
Meine zweite Erkenntnis ist, in schwierigen Zeiten Unterstützung und Gemeinschaft zu suchen und anzunehmen. Für mich bedeutete das zunächst, die medizinischen und therapeutischen Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen, anzunehmen. Und hier sind wir in Deutschland sehr gesegnet! Wäre das in Äthiopien passiert, hätte ich keine Chance gehabt.
Doch auch die Unterstützung von Familie, Freunden, der Gemeinde und anderen Hilfsangeboten gilt es anzunehmen. So haben mich viele liebe Menschen im Krankenhaus besucht und ermutigt. Gemeinschaft zu erleben, Zuspruch und Ermutigung zu erfahren sowie ganz praktische Hilfe zu bekommen, sind so wichtige Stützen im Leid.
Der jüdische Philosoph Martin Buber sagte einmal: "Alles wirkliche Leben ist Begegnung." So hatte ich Freunde, mit denen ich meine Herausforderungen in der Krankheit und im Scheidungsprozess besprechen konnte. Auch nahm ich zwischenzeitlich Hilfe von Seelsorgern und Psychologen in Anspruch. Diese Unterstützung gilt es bewusst zu suchen. Sich zu verschließen macht keinen Sinn. Wer keine Hilfe annehmen will, dem kann auch nicht geholfen werden.
Dankbarkeit ist dabei ein weiterer wichtiger und sich durchziehender Teil, um dem Leid etwas entgegenzusetzen. Dankbarkeit über die kleinen Dinge des Alltags – ein leckeres Frühstück, der Blick aus dem Krankenbett auf die Schwäbische Alb, die vielen lieben Besuche, die kleinen Fortschritte im Heilungsprozess.
Ich erinnere mich: Ich konnte meine Hand nicht mehr bewegen. Nach vielen Übungen konnte ich schließlich wieder meinen Zeigefinger bewegen. Es waren so kleine Erfolge, über die ich mich freute. Ein dankbares Herz ist essenziell und tut der Seele gut.
Menschen fällt es oft schwer, dankbar zu sein. Vor allem wir in Deutschland tun uns da oft schwer. Wir sehen das Gute nicht. Doch Dankbarkeit kann eingeübt werden.
Ich möchte heute sagen: Gemeinschaft und Unterstützung in Leitsituationen bewusst zu suchen und zu erfahren, zusammen mit einer ordentlichen Prise Dankbarkeit – in und trotz aller Umstände – tragen zu einem Ja zur Gegenwart bei.
Glaube und Hoffnung als Kraftquelle
Und last but not least trägt mich der Glaube und das Bewusstsein, dass auf meinem Leben ein Plan liegt – ein Plan, der höher ist als mein erlebtes Leid. Deshalb kann ich hoffnungsvoll durch das erfahrene Leid gehen.
Der Glaube an Gott ist mutig, ja fast trotzig, und stellt sich dennoch dem Leid entgegen. Auch wenn ich vieles nicht verstehe, auch heute noch vieles nicht einschätzen kann, vertraue ich auf den Herrn und beharre auf ihm. Ich lasse ihn nicht los und halte mich an seinem Versprechen fest.
Vertrauen in die Lebensführung, auch wenn sie noch so hart ist, ist ein ganz gewaltiger Schatz, den es zu bewahren gilt. Verliere ich mein Vertrauen, verliere ich mich selbst.
Eine Andacht über die Losung am Tag des Unfalls gab mir viel Kraft. Dort steht im Psalm 66,12: „Ich ging durch Feuer und Wasser, doch du hast mich herausgeführt und mich reich beschenkt.“ Diesen Vers habe ich mir ausgedruckt und über mein Krankenbett gehängt. Am Tag des Unfalls war genau dieser Vers in der Betrachtung über die Losungen.
Ein starker Ausdruck meines Glaubens ist auch das Gebet. Das Gebet war eine tragende Säule in meiner Genesungsphase. Aber, wie Andy schon erwähnt hat, gab es Zeiten, da konnte ich selbst nicht mehr beten. Ich war betäubt durch die Medikamente und unheimlich ermüdet. Ich konnte einfach nicht.
In diesen Zeiten haben andere das Gebet übernommen. Hier in Deutschland und weltweit, durch meine Arbeit bei Co Workers, habe ich vielfältige Verbindungen auf dem gesamten Globus. Es war wunderbar zu wissen, dass Menschen auf vier Kontinenten für mich und meine Situation im Gebet und in der Fürbitte eintraten.
Ein Projektpartner aus Uganda fastete sogar, und Ureinwohner in Kanada veranstalteten eine Gebetsnacht für mich.
Ihr Lieben, was ich euch heute mitgeben will, ist, dass der Glaube an Gott und das Vertrauen in seine Lebensführung für dich sowie das persönliche Gebet Ausdruck meines Ja zur Zukunft sind.
Vergebung und Versöhnung als Weg zur Heilung
Eine Sache, die mich während des wochenlangen Liegens auf der Intensivstation zutiefst beschäftigt hat, war die Frage: Wird mir mein Bruder für all das Leid vergeben, das ich über ihn und uns alle gebracht habe? Natürlich war das nicht absichtlich geschehen, doch passiert war es. Meine Familie, ich selbst, aber insbesondere mein Bruder hatten innerliche und äußere Wunden davongetragen.
Als ich aus der Klinik entlassen wurde, machte ich mich auf den nicht einfachen Weg in die Klinik nach Tübingen, um meinen Bruder um Vergebung zu bitten. Ein solcher Gang ist schwer, sehr schwer. Doch die Bitte um Vergebung ist eben keine Frage des Gefühls, sondern immer ein Gehorsamsschritt. Wir warten oftmals vergeblich darauf, dass wir uns danach fühlen, anderen zu vergeben oder andere um Vergebung zu bitten. Doch Vergebung ist ein Akt des Willens und nicht des Gefühls.
Für mich war klar, dass ich selbst aktiv werden muss, wenn Vergebung und im Idealfall Versöhnung geschehen sollen. Vergebung ist im christlichen Glauben kein optionales Extra. Vergebung bildet vielmehr das Zentrum unseres Glaubens, und nur so kann die Beziehung zwischen Gott und Menschen geklärt werden. Vergebung darf also nie eine theoretische Vokabel bleiben, sondern beginnt oftmals dort, wo es weh tut und vor allem dort, wo es dich etwas kostet.
Lass uns immer daran erinnern, dass Gott selbst auch den ersten Schritt gemacht hat und es ihn etwas gekostet hat, Vergebung und Versöhnung zu ermöglichen. Ich konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Was passiert war, war passiert. Ich war darauf angewiesen, dass mein Bruder mir etwas schenkt, das ich nicht verdient hatte: Vergebung.
Also bat ich ihn am Krankenbett auf der Intensivstation: „Tobi, es tut mir leid, was passiert ist, vergibst du mir?“ Und dann hörte ich mit schwacher und doch klarer Stimme: „Andi, vergeben. Du bist und bleibst mein lieber Bruder.“ Wie befreiend war diese Aussage! Mit dem Wort „vergeben, Andi“ vergab mein Bruder mir.
Das griechische Wort für Vergebung bedeutet wörtlich „loslassen“ oder „erlassen“. Mein Bruder erließ mir meine Schuld und befreite mich von meiner Last. Er handelte Christus ähnlich, denn genau Jesus Christus hat das mit dir und mir gemacht. Er erließ die Schuld.
Doch mit dem Satz „Du bist und bleibst mein lieber Bruder“ ging er noch einen Schritt weiter als Vergebung. Er machte Versöhnung möglich. Wortwörtlich bedeutet Versöhnung im Griechischen „austauschen“ oder „verändern“. Es beschreibt die Wiederherstellung einer Beziehung. Mit dieser Aussage veränderte sich die Beziehung.
Vergebung hätte auch bedeuten können: „Ich vergebe dir, aber ich will dich nicht mehr sehen.“ Doch die Aussage „Du bist und bleibst mein lieber Bruder“ machte Versöhnung möglich, also die Wiederherstellung unserer Beziehung. Auch hier handelte mein Bruder Christus ähnlich, denn genau das hat Jesus Christus auch für dich und mich getan. Er machte die Wiederherstellung der Beziehung möglich – Versöhnung.
Vergebung hat also die Vergangenheit im Blick, Versöhnung die Zukunft. Ja, Vergebung klärt die Vergangenheit, während Versöhnung die Zukunft herstellt. Heute leben wir beide in Versöhnung. Die Narben von uns beiden erinnern uns noch an die Geschichte, aber sie diktieren nicht mehr unsere Zukunft.
Ich möchte auch diesen Bereich unserer Geschichte mit einem treffenden Wort des Apostels Paulus schließen, aus Epheser 4,32, in dem er uns alle auffordert: „Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einander, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus.“
Aus Wunden werden Wunder – Hoffnung und Ermutigung
Wie aus Wunden Wunder werden
Ich denke, die meisten hier kennen den Song von den Obros, in dem es heißt: „Wunden werden Wunder.“ Doch wie können aus meinen und deinen Wunden tatsächlich Wunder entstehen?
Wir alle sind mit Leid konfrontiert, jedermann. Nicht jeder muss durch Flammen gehen, aber jeder von uns erlebt Schweres – sei es in der Schule, an der Uni, in der Familie, in Beziehungen oder auch gesundheitlich. Die große Frage ist: Wie können wir mit dem Leid umgehen, das uns widerfährt?
Wir haben versucht, euch einige Erfahrungen weiterzugeben – über die Klage hin zur Annahme und Übergabe. Drücke dein Unverständnis aus, nimm deine Situation an und übergebe sie Jesus Christus. Er ist derjenige, der dein Leid versteht, weil er selbst gelitten hat. Er reicht aus.
Vergib dem, der dir Leid verursacht hat. Befreie dich von Groll, Hass und Wut. Lass los und vergib. Dieser Prozess kann dauern. Hab Geduld mit dir selbst, such dir Unterstützung und Gemeinschaft. Wer sich nicht helfen lassen möchte, dem kann auch nur schwer geholfen werden.
Deshalb suche und erfahre gute Gemeinschaft bei Familie, Freunden, in der Gemeinde, bei Seelsorgern oder Therapeuten. Lass dir helfen und sei dankbar für die kleinen Dinge. Ein dankbares Herz trägt zur Genesung bei.
Beharr auf Gottes Möglichkeiten. Er sieht dich und hat einen Plan – nicht nur mit deinen Sternstunden, sondern auch mit deinem Leid. Glaubst du das? Beharre auf ihn und seine Macht und Möglichkeiten.
Und dann das Gebet: Das Gebet ist das Reden des Herzens mit Gott. Bete für dich, aber auch in Gemeinschaft.
Nach unserem schweren Brandunfall dachten wir: „Wir können nichts mehr zum Reich Gottes beitragen. Wir sind raus, disqualifiziert, zu zerbrechlich, zu beschädigt.“ Aber Jesus sagt: „Gerade euch sende ich.“
Vielleicht hast du manchmal ähnliche Gedanken, wenn du an dein Leben denkst: „Ich bin zu schwach, ich habe selbst genug Baustellen, was kann ich schon vollbringen? Wie soll ich mich mit meinen Problemen einbringen?“ Selbstzweifel nagen an dir.
Doch wir beide haben gelernt und erfahren, dass Gott oft gerade die Unperfekten gebraucht – die Zerbrochenen und Zertretenen, die sich trotz allem von Herzen gebrauchen lassen möchten. Deswegen stehen wir auch heute hier.
Ja, unsere Narben und Wunden sind geblieben und werden bleiben – körperlich und seelisch. Wir müssen täglich Medikamente nehmen, und unser Alltag ist nach wie vor beeinträchtigt. Aber unsere Wunden erzählen nicht nur von Leid, sondern auch von großer Hoffnung, von einem Wunder.
Unsere Wunden sind nicht das Ende der Geschichte. Sie sind Teil davon, wie Gott uns gebrauchen möchte – mit unserem mutmachenden Lebenszeugnis. Wir dürfen den Menschen um uns herum Zuversicht geben, auch heute hier, gerade in den notvollen Stunden.
Er kann heilen und wiederherstellen. Bleib eng an ihm dran, schenk ihm dein Vertrauen. Jedes Leid endet eines Tages, Gottes Gegenwart bleibt.
Die Aufgabe liegt vor uns: Menschen Trost und Halt zu geben, Menschen, die nach Sinn und Identität fragen. Und weißt du, wer ihnen oft am besten helfen kann? Nicht die, die immer stark und souverän sind und alle Antworten haben. Nein, nicht die.
Sondern die, die ehrlich und aufrichtig wissen, wie es sich anfühlt, schwach zu sein – die haben die Antworten.
Der zwischendrin empfundene Bruch in unserem Leben hat nicht das letzte Wort. Gott gebraucht Verwundete, Gott gebraucht dich. So werden aus Wunden Wunder.
Ich ging durch Feuer und Wasser, doch du hast mich herausgeführt und mich reich beschenkt. Amen.