Wenn man zu leiden hat
Jesaja 48,1-2223.02.1993
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Einleitung und Lesung
Jesaja 48
Ich lese die Hälfte des Kapitels, und dann lassen Sie uns wieder singen, und dann die zweite Hälfte. Also, Kapitel 48:
Hört dies, ihr vom Hause Jakob, die ihr nach dem Hause Israel heißt und aus dem Wasser Judas gekommen seid, die ihr schwört bei dem Namen des Herrn und des Gottes Israels bekennt, aber nicht in Wahrheit und Gerechtigkeit; die ihr euch nach der heiligen Stadt nennt und pocht auf den Gott Israels, der da heißt Herr Zebaoth.
Ich habe vor Zeiten verkündigt, was schon gekommen ist. Aus meinem Munde ist es gekommen, und ich habe es sagen lassen. Ich tat es plötzlich, und es kam. Denn ich weiß, dass du hart bist und dein Nacken eine eiserne Sehne ist und deine Stirn Erz. Darum habe ich dir’s vor Zeiten verkündigt und es dir sagen lassen, ehe es gekommen ist, damit du nicht sagen könntest: Mein Götze tat es, und mein Abgott, der geschnitzt und gegossen wurde, hat’s befohlen.
Das alles hast du gehört und siehst es, und verkündigst es doch nicht. Von nun an lasse ich dich Neues hören und Verborgenes, das du nicht wusstest. Jetzt ist es geschaffen und nicht vor Zeiten, und vorher hast du nicht davon gehört, auf dass du nicht sagen könntest: Siehe, das wusste ich schon.
Du hörtest es nicht, und du wusstest es auch nicht, und dein Ohr war damals nicht geöffnet. Ich aber wusste es sehr wohl, dass du treulos bist und man dich nennt abtrünnig von Mutterleib an.
Um meines Namens willen halte ich lange meinen Zorn zurück, und um meines Ruhmes willen bezähme ich mich dir zugute, damit du nicht ausgerottet wirst. Siehe, ich habe dich geläutert, aber nicht wie Silber, sondern ich habe dich geprüft im Glutofen des Elends. Um meinetwillen, ja, um meinetwillen will ich es tun, dass ich nicht gelästert werde; denn ich will meine Ehre keinem andern lassen.
Höre mir zu, Jakob, und du Israel, den ich berufen habe: Ich bin’s, ich bin der Erste und der Letzte. Meine Hand hat die Erde gegründet, und meine Rechte hat den Himmel ausgespannt. Ich rufe, und alles steht da.
Versammelt euch alle und hört: Wer ist unter ihnen, der es verkündigt hat? Er, den der Herr liebt, wird seinen Willen an Babel beweisen und seinen Arm an den Chaldäern.
Ich, ja, ich habe es gesagt, ich habe ihn gerufen, ich habe ihn auch kommen lassen, und sein Weg soll ihm gelingen. Tretet her zu mir und hört dies: Ich habe von Anfang an nicht im Verborgenen geredet. Von der Zeit an, da es geschieht, bin ich auf dem Plan, und nun sendet mich Gott der Herr und sein Geist.
So spricht der Herr, dein Erlöser, der Heilige Israels: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich lehrt, was dir hilft, und dich leitet auf dem Wege, den du gehst.
O, dass du auf meine Gebote gemerkt hättest! So würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen. Deine Kinder würden zahlreich sein wie Sand, und dein Nachkommen wie Sandkörner. Dein Name würde nicht ausgerottet und nicht vertilgt werden vor mir.
Geht heraus aus Babel, flieht von den Chaldäern! Mit fröhlichem Schall verkündigt dies und lasst es hören. Tragt’s hinaus bis an die Enden der Erde und sprecht: Der Herr hat seinen Knecht Jakob erlöst.
Sie litten keinen Durst, als er sie leitete in der Wüste. Er ließ ihnen Wasser aus dem Felsen fließen, er spaltete den Fels, dass Wasser herausrann.
Aber die Gottlosen, spricht der Herr, haben keinen Frieden.
Amen!
Eine Vorbemerkung zum Hören und Auslegen
Eine kleine Vorbemerkung: Wenn man zu leiden hat, so gilt das auch für den, der solche Texte auszulegen wagt. Ich denke in solchen Stunden immer wieder an meine Professoren. Einer steht mir ja noch besonders vor Augen, manchmal erwähne ich ihn: ein Neutestamentler, Professor Michel, ein Mann, der ungewöhnlich war, gelehrt, gebildet, professoral und weltfern.
Bei ihm war es kein Wunder, wenn er im Winter bei minus 15 Grad plötzlich mit weißen Turnschuhen und Flanellhose im Hörsaal erschien und im Sommer bei 30 Grad plötzlich mit Schal und dicker Jacke vor uns stand. Er lebte nicht ganz auf der Erde, aber ganz im Worte Gottes, ganz! Und wenn er über ein Buch redete, so wie damals über den Römerbrief, so kam er in einem Semester über viele Vorlesungsstunden hinweg im Römerbrief nur zu den ersten achtzehn Versen. Das war alles, weiter ist er gar nicht gekommen.
Wenn ich dann anschaue, was ich tue, dann ist das keine Auslegung, das ist keine Exegese, das ist Eislergese, das ist etwas Darüberhinweggelesenes. Eigentlich geniere ich mich, so etwas Ihnen überhaupt anzubieten. Und ich hoffe, es geht eigentlich so, wie wenn ein Bub nach Hause kommt und es riecht gut, und die Mutter sagt: Probier's einmal! Und er kriegt ein Löffelchen davon, und es schmeckt ihm gut, und er verlangt nach mehr.
Seien Sie, mehr kann ich überhaupt nicht tun oder überhaupt nicht erbitten oder erhoffen, dass Sie ein bisschen wenigstens mitbekommen und dann die Sehnsucht: Ich brauche viel, viel mehr von diesen Worten Gottes, dass Sie auf den Geschmack kommen. Darum soll es eigentlich auch an solchen Abenden gehen.
Leidenserfahrungen im Alltag
Nun also heute zum Thema: wenn man zu leiden hat. Wenn ich recht sehe, leidet man an Viererlei.
A. Man leidet an den Verhältnissen.
Die Menschen damals litten an ihren Verhältnissen. Sie waren Gefangene in Babel, schon seit Jahren, und sahen kein Ende ihrer Gefangenschaft. Nun kann man ja nicht nur in Babel gefangen sein. Man kann zum Beispiel als alter Mensch mitten in dieser Innenstadt Stuttgart gefangen sein, im sechsten oder siebten Stock. Man kommt überhaupt nicht mehr hinunter, und bei solchem Wetter erst recht nicht. Gefangen wie einer, der einsitzt auf dem Asperg.
Oder man kann gefangen sein im Alkohol, eine schlimme Gefangenschaft. Und es ist nicht schlecht, wenn man vielleicht zu denen gehört, die morgen wieder beginnen: sieben Wochen ohne Alkohol. Eine gute Übung, sieben Wochen ohne. Man will nicht in die Gefangenschaft des Alkohols geraten, oder gar der Drogen, eine schreckliche Gefangenschaft.
Doch man kann an den Verhältnissen leiden.
Man leidet an Menschen. Das sind die Zweiten. Jeder von uns hat einen Menschen, an dem er leidet. Und wissen Sie: Derjenige leidet auch an Ihnen. Man kann ganz positiv eingestellt sein, aber auch zwei Pluspole stoßen sich ab. Immer haben wir es mit Menschen zu tun, an denen wir uns reiben, an denen wir uns aufreiben und an denen wir uns oft genug blutig reiben. Es gehört zu dem Acker außerhalb des Paradieses, von dem am nächsten Sonntag in der Predigt wieder die Rede sein wird, zu dem Acker mit Dornen und Disteln, weil wir uns dort, weil wir dort aufeinander stechen. Dornenreiche Beziehungen haben und aufbauen.
Man leidet an Menschen.
Drittens: Man leidet an sich selbst. Sie kennen das. Man wollte ganz anders sein. Man wollte dieses Wort auch gar nicht sagen. Man wollte einmal ganz offen und freundlich und ehrlich sein und dem anderen etwas bedeuten. Und dann rutschte einem wieder jener Satz über die Lippen. Es ist schon schlimm: Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; aber das Böse, das ich tue, das wollte ich eigentlich nicht tun. Römer 7.
Man leidet an sich selbst.
Und das Allerschwerste: Man leidet an Gott. Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab! Aber weil der Himmel nicht zerrissen ist, sondern zu ist und verhangen und mit dunklen Wolken gar vor meinen Blicken zog, deshalb leide ich, leide ich an Gott, an seinem Schweigen, an seinen Führungen und vor allem auch an seinen Zulassungen. Wer kennt es nicht, das Leiden an diesem Gott und an seinem Tun in dieser Welt und in meinem Leben.
Gerade vor eineinhalb Stunden rief mich eine alte Frau aus dem Krankenhaus an, aus dem Bett, und sie sagte mit sehr schwacher, kaum verständlicher Stimme: Herr Pfarrer, warum denn, warum denn, dass ich hier liege, warum denn dies alles?
Sie leidet dort oben an einem verschlossenen Himmel.
Doch so leiden wir alle miteinander. Eine Leidensgemeinschaft ist diese Bibelstundengemeinschaft an diesem Abend.
Der Ruf zum Hören
Und nun fällt an diesem Kapitel auf, wer es nicht nur einmal, sondern mehrmals liest: zehnmal, zehnmal heißt es im Text: höre, beschwörend, eindringlich, flehend, höre. So, als ob uns einer an diesem Abend aufwecken wollte: Höre doch einmal hin!
Und wie oft steht es dann wieder in den Evangelien: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Jesaja wendet sich nämlich in diesem Kapitel jetzt von den Völkern weg hin zum Volk Gottes, zur Gemeinde. Bisher redete er auch hinaus zu anderen Völkern, jetzt redet er zu den eigenen. Es geht ihm um das Hören seiner Gemeinde.
Es geht also darum, dass wir nicht zuerst hören auf die Stimme der Menschen. Jeder Leidensdruck, den wir haben und der uns in Bedrängnis bringt, führt zum Rennen zu allen möglichen Menschen, die sei es seelsorgerlich oder medizinisch oder psychologisch oder sonst wie gebildet sind. Sie müssen zu dem und zu dem und dann noch zu dem gehen. Und jeder sagt etwas anderes.
Einer, der mit schwerer Hautallergie belastet ist, sagte, eigentlich sei diese Krankheit durchaus zu ertragen, aber wohin er auch komme, jeder spreche ihn auf diese Krankheit an und sage: Waren Sie schon bei dem Doktor? Haben Sie das schon probiert? Müssen Sie dieses Buch lesen? Und dann wird man unsicher, und dann fängt man an zu rennen.
Er sagt: Höre, höre einmal nicht zuerst auf die vielen Menschen, die in deinem Leidensdruck auf dich einreden. Höre auch nicht auf die Stimme des Herzens. Unser Herz ist wie ein Barometer: Bei Hochdruck und gutem Wetter ist es optimistisch. Es wird schon gut gehen, kommt Zeit, kommt Rat, auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai. Und bei Tiefdruck, da sagen wir: Was soll's, mir ist überhaupt nicht mehr zu helfen, alles ist so sinnlos.
Unser Herz wie ein Barometer, und fast kann man daran ablesen, wie die Stimmung in mir klingt. Eine andere Frau drüben im Altenheim sagt mir immer: Ich kann es morgen schon an den Tannen sehen. Wenn die sich so weit neigen und der Sturm bläst, dann geht es mir schlecht, ohne dass ich es weiß. Dann geht es mir schon schlecht. Vielleicht lesen Sie es an etwas anderem ab.
Sehen Sie, nicht auf die Stimme des Herzens, auch nicht auf die Stimme der Träume, als hätten sie etwas zu sagen. Bei manchen ist heute der Traum an die Stelle des Horoskops getreten. Ich kenne nur den Psalmvers: Dann werden sie sein wie die Träumenden, und das ist erst in der Zukunft. Bis dorthin sollten wir es uns untersagen, uns untersagen, auf Träume zu horchen, die Treppen in uns hinabzusteigen und in jener Traumwelt unserer Seele zu forschen. Es kommt nichts Gutes heraus, wir hören nichts Gutes in uns.
Jesaja sagt: Hört auf Gott, er sagt: Hört auf Gott! Zehnmal in diesem Kapitel, weil sein Wort nicht lauter herkommt, sondern nur auf Taubenfüßen, wie Rabe so schön sagte. Deshalb muss ich es lernen, weil es so leise ist. Deshalb muss ich es hören lernen.
Jeder Hörbehinderte, der ein Gerät braucht, er muss es lernen, aus dem vielen Stimmengewirr die eine Stimme herauszufiltern, auf die es ankommt. Das ist nicht leicht, ein Hörgerät bringt es nicht. Man muss es lernen, mit dem umzugehen, man muss es lernen, die eine Stimme zu hören.
Im Hinblick auf Gott sind wir alle schwerhörig, wir alle sind hörbehindert im Blick auf Gottes Stimme. Wir müssen es lernen, Freunde, im Lärm unserer Tage nämlich jene eine einzige Stimme Gottes wieder herauszufiltern, auf die es ankommt.
Mir begegnete jene kleine, nette Geschichte, die ich Ihnen lesen muss. Ein Indianer besuchte einen weißen Mann in einer großen Stadt. Der Stadtlärm, die Autos, die vielen Menschen, all das ist ungewohnt und verwirrend für ihn. Die beiden Männer gehen eine belebte Straße entlang, und da tippt der Indianer seinem Freund plötzlich auf die Schulter und sagt: Ich höre ganz in der Nähe eine Grille zirpen, hörst du sie auch?
Der Weiße bleibt verdutzt stehen. Du musst dich täuschen, hier gibt es keine Grillen, und wenn es sie gäbe, würde man ihr Zirpen bei dem Hupen der Autos und Rattern der Omnibusse bestimmt nicht hören. Der Indianer geht ein paar Schritte, bleibt vor einer Hauswand stehen, wilder Wein rankt an der Mauer, er schiebt die Blätter auseinander, und da sitzt tatsächlich eine Grille.
Der Weiße sagt: Indianer können eben besser hören als Weiße. Da täuschst du dich, erwiderte der Indianer, ich will es dir beweisen. Er wirft ein Fünfzig-Pfennig-Stück auf das Pflaster, es klimpert auf dem Asphalt, die Leute, die mehrere Meter entfernt gehen, werden auf das Geräusch sofort aufmerksam und drehen sich um.
Siehst du, sagte der Indianer, das Geräusch, das das Geldstück gemacht hat, ist nicht lauter gewesen als das der Grille, und doch hörten es viele weiße Männer. Der Grund ist ganz einfach: Wir hören alle stets gut, worauf wir zu achten gewohnt sind. Das ist es. Und da hat er recht: Wir hören alle stets gut, worauf wir zu achten gewohnt sind.
Wir sind nicht mehr gewohnt, auf Gottes Wort zu hören. Wir haben uns auf andere Stimmen eingestellt. Es ist an der Zeit, diese Gewöhnung wieder aufzunehmen, auf das zu hören, was wichtig ist.
Sehen Sie, der Vater zieht seinen Sohn am Ohr und sagt: So, jetzt aber hör endlich, was der Vater dir sagt. Jesaja zieht uns gleichsam mit diesem Kapitel am Ohr und sagt: So, jetzt hör doch mal endlich, was ich dir sage. Vers 1: Hört dies. Vers 12: Hört mir zu.
Erste Hilfe im Leiden ist nicht immer jammern, jammern und lamentieren, sondern hören. Das ist der Hauptsatz. Erste Hilfe im Leiden ist nicht jammern und lamentieren, sondern hören.
Was gehört werden soll
Hören wie? Wie? Hier steht: Höret ihr vom Hause Jakob, die ihr nach dem Namen Israel heißt und aus dem Wasser Judas gekommen seid, die ihr den Gott Israels bekennt, aber nicht in Wahrheit und Gerechtigkeit.
Das heißt: Jesaja sagt, ihr habt einiges gehört vom Hause Jakob, ihr habt manches gehört vom Namen Israel, ihr habt sogar viel gehört vom Gott Israels, ihr seid sogar aus dem Taufwasser Judas gekommen, aber ihr habt erst die Hälfte gehört, längst nicht alles, nur halbherzig habt ihr hingehört.
So auch wir. Oh doch, wir haben schon einiges gehört vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Wir haben manches gehört vom Namen Jesu, wir haben viel gehört vom lebendigen Gott, wir sind sogar aus dem Taufwasser gekrochen und sind gute Namenschristen allesamt. Aber erst die Hälfte haben wir gehört, längst nicht alles, halbherzig, schläfrig, vergesslich. Halbherzig sind wir dabei, mit halbem Ohr, mit halber Seele, nicht in Wahrheit und Gerechtigkeit, das heißt: nicht ganz und vollständig.
Man hört wie ein Schüler, aber weil er schon bei der nächsten Schneeballschlacht ist, hört er nur halb hin. Es geht darum, dass wir uns wieder ganz ausrichten, ganz ausrichten.
Der Evangeliumsrundfunk verschickte in diesen Tagen ein kleines Büchlein an seine Spender: Radiogeschichten aus aller Welt. Wenn Sie es auch bekommen haben, es lohnt sich, diese Geschichten zu lesen. Dort wird unter anderem auch von einem Flug eines kleinen Flugzeuges über den Bermudas berichtet.
Dieses Flugzeug ist in schreckliche Turbulenzen gekommen. Tropische Aufwinde haben dieses Ding auf neuntausend Meter Höhe geschleudert und lassen es wieder auf siebenundfünfzig Meter herunterfallen. Die Hölle für Piloten und Passagiere!
Und der Co-Pilot dreht in seinem Cockpit verzweifelt an seinem Radio. Dann hört er eine Sendung direkt aus Bonaire, dem Flugziel Transworld Radio, in holländischer Sprache, klar und deutlich: Wenn ihr heute Gottes Stimme höret, so weichet nicht zurück.
Der Pilot hält den Atem an und schaltet den Funkpiloten ein. Er richtet sich auf diesen Sender aus. Es funktioniert. Das Flugzeug kommt auf Kurs und nach Hause, weil es sich auf die eine einzige Stimme eingestellt hatte.
Und so können auch wir in allen Turbulenzen, in denen wir sind, hinaufgeschleudert und hinabgestürzt werden. In allen Turbulenzen unseres Lebens, in allen Leiden kommt es darauf an, jene eine Stimme wieder zu hören, etwa morgens, vor allem anderen, und sich darauf einzustellen. Und so bekommen wir den Leitstrahl nach Hause.
Die Stimme Gottes in Verheißung, Erfüllung und Neuem
Hören, wie? Zweitens: hören, was? Im Urtext stehen dafür sieben Ausdrücke, sieben Ausdrücke. Jesaja türmte sie hintereinander auf, um zu sagen: Bedenke, was du hast. Ich bin das Buch, das Zeugnis seines Wirkens, der Ruf durch die Jahrtausende. Das Wort Gottes ist eben eine lebendige Stimme, die weder Zeit noch Raum noch Sprachen kennt, sondern durch alles hindurchgeht.
Du hörst auf Gottes ewiges Wort, verlasse dich darauf, und zwar in Weissagung und Erfüllung. Wenn du Gottes Wort hörst, dann verlasse dich darauf. Du hörst es in Weissagung und Erfüllung, das meint er hier, und zwar in der Weissagung im Großen. Hier sind die Weissagungen auf den kommenden Jesus Christus, auf den Messias, und wir haben von der Erfüllung gehört.
Die Weissagungen waren nicht wie eine Brücke, die nur halb gebaut wurde, sondern die Weissagungen gingen in die Erfüllung über. Und genau so ist es in deinem Leben. Die Weissagungen Gottes und Verheißungen Gottes kommen zur Erfüllung, darauf höre!
War es denn nicht so? Bei der Taufe hat dieser Herr gesagt: Du bist mein. Und ich frage Sie heute Abend: Ist es nicht dabei geblieben, sind Sie nicht sein? Und bei der Konfirmation hat er Ihnen gesagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Und ich frage Sie wieder: Ist es dabei nicht bis zu diesem Tag geblieben? Bist du diesem Abend geblieben, weil es gar keinen anderen Weg für mich gibt? Und bei der Hochzeit und Trauung hat er gesagt: Ich bin treu. Und ich frage Sie: Ist er nicht bei seiner Treue geblieben? Und im Alter sagt er: Ich will euch tragen bis ins Alter. Und jetzt möchte ich einen alten Menschen erleben, der aufsteht und sagt: Das stimmt nicht!
Die Zusage kommt zur Erfüllung. Ich will euch tragen. Gott weiß um unsere eisernen Nacken und harten Stirnen. Ich weiß um deinen Dickkopf. Vers 4: Trotzdem höre! Ich habe es verkündigt, ich habe es dir gesagt. So tue es auch und bleib dabei. Hört das Wort in Weissagung und Erfüllung und glaubt daran!
Drittens: Im Leiden hören. Worauf? Ich lasse dich Neues hören, Verborgenes, das du nicht wusstest. Vers 6. Der Spiegel und neuerdings auch der Fokus, die bringen just jede Woche zitternde Politiker, ob ihre Amigo-Affären nicht doch noch ans Licht kommen. Aber all diese Neuigkeiten, all diese Schlagzeilen, all diese sogenannten News sind alte Kamellen, weil sie jedes Mal nur den Dreck beschreiben, den man am anderen entdeckt und anprangert, aber selber davon natürlich überhaupt nicht berührt ist.
Ich lasse euch etwas Neues hören. Wer hier hineinhört, hört nicht alte Kamellen, sondern er hört neue Nachrichten.
Die heilsgeschichtliche Wende und die Gestalt Christi
Liebe Freunde, jetzt müsste ich eigentlich eine Vorlesung halten. Kapitel 48 ist beim Jesajabuch eine ganz entscheidende Wende, eine Drehung um hundertachtzig Grad. Jetzt nämlich wendet sich dieser Prophet ab von der Weltgeschichte, zu der er bisher gesprochen hat und auch Linien aufgezeigt hat. Jetzt wendet er sich ab von der Weltgeschichte und spricht nur noch von der Heilsgeschichte. Er wendet sich ab von den Wundermännern und wendet sich nur dem Wundermann Gottes zu, weg von den Reichen der Welt hin zum Gottesreich.
Wendezeit ist es mit diesem Kapitel, Wendezeit ist es, und Wendehälse sollen wir alle werden, die jetzt in eine andere Richtung schauen. Nicht mehr den Kyros, sondern Christus. Nicht mehr den Caesar, sondern den Sohn Gottes. Die folgenden Kapitel sind, und so hat es der grossartige Ausleger Brelat Hartenstein gesagt, ein Hochgesang des Alten Testaments von der Gnade Gottes. Das ist es. Jetzt geht's los: ein Hochgesang von der Gnade Gottes.
Es ist wie in einem Meer, das stürmt und auf dem die Wellen grausam spielen, aber schon am Horizont hinten sieht man die aufgehende Sonne, und die Strahlen blitzen über dieses aufgewühlte Meer. So ist dieses Kapitel. Die Geschichte, auch die Welt- und Heilsgeschichte, tobt und springt und meint, und wir meinen, dass alles in den Abgrund gezogen wird. Aber dahinter, hinter diesem allen, geht die Sonne auf. Die Sonne, die mir lacht, ist mein Herr Jesus Christ.
Jesaja zeigt hinter dem Brausen und Schlagen die Sonne Jesu, was kein Ohr gehört und kein Auge gesehen hat und was in keines Menschenherz gekommen ist, das hat Gott bereitet ihm, der ihn liebt. Die neue Sonne ist keine Gestalt dieser Welt und Geschichte. Jesaja spricht von Jesus Christus, das ist das Entscheidende. Das ist das Neue, das ist das grosse Geheimnis. Jesus meldet sich im Alten Testament zu Wort, auch wenn es tausend Professoren bestreiten.
Ich, ich habe es gesagt: Vers 16. Nun sendet mich der Gott. Hier meldet sich der Knecht Gottes zu Wort, er nimmt das Wort. Wir hören die Stimme Christi ein halbes Jahrtausend vor der Stunde, in der er Mensch wird. Der Gottesknecht in Jesaja ist die tiefste prophetische Bezeugung von Jesus im Alten Testament. Das ist atemberaubend.
Der Geliebte, den der Herr liebt, den können wir hier schon lieben. Hören Sie im Leiden auf Jesus Christus, sehen Sie im Toben der Stürme den Sohn auf diesen Herrn.
Geborgenheit, Bitte und Schluss
Beim Briefe sortieren fand irgendjemand in der Verwandtschaft einen Briefwechsel meiner Mutter mit meiner Grossmutter über eine Einschulung. Mutig sei der Sechsjährige an der Hand der Mutter zum ersten Schultag marschiert.
Fünfzig ABC-Schützen warteten in der Schule. Sie bekamen einen Märchenfilm zu sehen, so zum Eingewöhnen, um die Angst zu nehmen. Und dann ging sie ins Klassenzimmer: 50 Schüler und eine Lehrerin. Das waren noch Zeiten, was die Mütter durften hinten stehen und eine Stunde zuhören.
Nur ein Bub sei weinend aufgestanden und sei nach hinten zur Mutter gerannt, weil er in diesem beginnenden Leistungsdruck und Leidensdruck nur an der Hand der Mutter sein wollte und nicht die Stimme des Lehrers, sondern nur die der Mutter hören wollte. Dieser Bub sei ich gewesen. Und auf dem Heimweg hätte ich die Mutter beschworen, den Geschwistern nie etwas davon zu erzählen, weil sich der Bub so sehr genierte. Bis zu diesem Tag, erst jetzt kam es durch diesen Brief ans Licht.
Sehen Sie, ein Bild, aber ein für mich schönes Bild im Leidensdruck: im Leidensdruck aufstehen und dort hingehen, wo uns einer an der Hand nimmt und in dessen Nähe wir keine anderen Stimmen hören müssen, sondern uns nur nach seiner Stimme trösten können. In der Nähe dieses Vaters lässt sich leben. Dorthin zu gehen, muss man sich nicht genieren. Dorthin zu gehen braucht man nicht nur als Kind, sondern man muss es als Erwachsener genauso tun. Das können wir tun. Das sollen wir tun, das müssen wir tun: aufstehen, diesen Herrn an die Hand nehmen, beten. Betende Hände sind haltende Hände. Und sagen: Herr, lass mich jetzt in diesem Leiden noch nur deine Stimme hören.
Und ein letztes Warum, warum? Damit du dir, damit du in aller Hitze des Leidens weisst, Vers 9, dir zu gut. Hier steht es: dir zu gut. Es geschieht alles dir zu gut, Gott für uns. Hier leuchtet jenes grosse Thema der Bibel auf. Das ist die Botschaft der kommenden Kapitel. Selbst dann, wenn nicht nur geläutert wird wie Silber, sondern der Glutofen des Elends kommt.
Wissen Sie, Silber wird so gereinigt, dass man Feuer macht und den Schmelztiegel darauf stellt. Aber hier sagt er: Ich werfe dich sogar in den Glutofen des Elends selbst, das alles verbrennt, was nichts wert ist, damit alles neu werden kann. Das Dir-zu-gut ist unlöslich verbunden mit Leiden. Dir-zu-gut ist die Barmherzigkeit Gottes, und Barmherzigkeit gibt es nicht ohne Passion, das sei in der Passionszeit jetzt gesagt. Barmherzigkeit gibt es nicht ohne Passion. Glutöfen des Elends gibt es nicht, damit es mir nicht zu gut geht, sondern damit es mir zu gut geschieht. Das ist der Unterschied.
Krankheit, Glutofen des Elends. Schmerzen, Glutofen des Elends. Ihr Leiden ist ein Glutofen des Elends. Ihre Angst vor dem Sterben ein Glutofen des Elends. Die Prüfung, die nicht klappt, ein Glutofen des Elends. Aber: dir zu gut, dir zu gut!
Es erinnert an den Glutofen des Elends des Nebukadnezars. Drei sind hineingeworfen worden, aber sie verbrannten nicht. Ein Vierter war dabei. Der Vierte ist immer dabei im Glutofen, wenn es dort hineingeht. Es geschieht dann dir zu gut.
Und am Schluss wird es heissen, und nehmen Sie diesen Herrn beim Wort: Der Herr hat seinen Knecht erlöst. Sie litten Durst, aber er leitete sie in der Wüste. Ihr Leiden: dir zu gut. Amen.
