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Rachepsalmen (2/9)

Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
08.09.2026
SerieTeil 2 / 9Rachepsalmen
„Rache“ klingt nach Selbstjustiz – doch genau das ist hier nicht gemeint. Es geht um den Ruf nach Gerechtigkeit: Wenn Unrecht bleibt, darfst du Gott um Recht bitten.
Rachepsalmen Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte

Rache psalmen

Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte

Ein Gastbeitrag von Regina Gallwitz, Theologin, Krankenschwester und Autorin des Buches „Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert“.
In der letzten Folge haben wir uns mit den gewaltvollen Psalmen beschäftigt und damit, warum sie viele Menschen irritieren. Am Ende hatten wir die Frage: Wie können solche gewaltvollen Gebete überhaupt Gottes Wort sein, wenn Gott doch ein Gott der Liebe und Vergebung ist?
Genau an dieser Frage haben sich Theologen über Jahrhunderte die Zähne ausgebissen. Für viele waren diese gewaltvollen Psalmen ein echtes theologisches Ärgernis. Einige versuchten, die Spannung zwischen diesen Psalmen und Jesu Gebot der Feindesliebe dadurch zu lösen, dass sie das Alte und das Neue Testament möglichst scharf voneinander trennten. Sie sagten, dass das Alte und das Neue Testament in dieser Frage in einem scharfen Gegensatz zueinander stehen.
Manche sagten abwertend: Na ja, diese nach Gewalt schreienden Psalmen, die gehören ja auch zum Alten Testament. Die Psalmisten waren halt rachsüchtig. Für sie waren solche Strafen, Vernichtungsbitten, vorchristlich, unterchristlich oder sogar nichtchristlich. Ihrer Meinung nach hatte das Liebesgebot der Bergpredigt diese Gebete überholt. Und genau deshalb müssten diese alttestamentlichen Psalmen von Christen als Christen überwunden werden. Gerade als Christ könnte man diese Psalmen doch nicht mehr nachbeten.
Diese Theologen konzentrierten sich vor allem auf die liebevolle und geduldige Seite von Jesus und setzten sie zum Maßstab, an dem diese Psalmen gemessen wurden. Natürlich wurde diese Position von den Theologen unterschiedlich konsequent vertreten. Und einer trieb diese Sichtweise besonders auf die Spitze. Das war Markion im zweiten Jahrhundert.
Er war überzeugt: Das Neue Testament spricht von einem Gott der Liebe, und das Alte Testament spricht von einem anderen Gott, von einem Gott des Gesetzes, des Gerichts und der Rache. Deshalb verwarf Markion nicht nur das Alte Testament, sondern er stellte sogar einen eigenen Bibelkanon zusammen. Alles, was nicht zu seinem Gottesbild passte, strich er heraus. Er wollte damit eine christliche Bibel schaffen, in der der zornige und richtende Gott keinen Platz mehr hatte. Am Ende blieben in seinem Kanon nur noch ein bearbeitetes Lukasevangelium und zehn bearbeitete Paulusbriefe übrig.
Die Kirche hat sich gegen Markions Lehre gewehrt, und das zu Recht. Und trotzdem haben manche Christen bis heute die Vorstellung: Altes Testament gleich Gericht, Neues Testament gleich Liebe. Auch wenn sie wahrscheinlich nicht dieselben Konsequenzen daraus ziehen wie Markion.
Ohne Frage: Manche Psalmen klingen ja wirklich brutal. Das kleinzureden wäre einfach nicht ehrlich. Aber ich glaube, ein Teil der Ablehnung dieser Psalmen hängt auch mit unserem heutigen Sprachgebrauch und der Übersetzung bestimmter Begriffe zusammen. Schauen wir uns einmal den Begriff Rache an, der in dem Psalm vorkommt.
So wird uns zum Beispiel Gott im Psalm 94 in einigen Bibelübersetzungen als Gott der Rache vorgestellt, und deshalb werden diese gewaltvollen Psalmen oft auch Rachepsalmen genannt. Aber genau hier haben wir schon das Problem. Einige Theologen haben nämlich die Frage in den Raum geworfen: Meint die Bibel mit dem Wort Rache wirklich dasselbe, was wir heute unter diesem Wort verstehen?
Rache ist nämlich in unserem heutigen Sprachgebrauch ein negativ besetzter Begriff. Die meisten von uns verbinden damit jemanden, der aus seinen Emotionen heraus das Gesetz in die eigene Hand nimmt, anstatt das Recht durch ein Gericht sprechen zu lassen. Es ist also kein Wunder, dass schon der Begriff „Rachepsalm“ Christen Bauchschmerzen bereitet.
Deshalb haben sich diese Theologen gefragt: Was bedeutet eigentlich das hebräische Wort, das viele Übersetzungen mit „Rache“ wiedergeben? Und sie haben gemerkt, dass wir hier ein Übersetzungsproblem haben. Denn mit dem Wort „Rache“ ist in dem Psalm eben keine Selbstjustiz gemeint. Das hebräische Wort kommt aus der Rechtssprache und meint das Eingreifen einer Autorität, die für Recht sorgt, zum Beispiel einen Richter oder einen König.
Es geht hier also darum, dass Gott als gerechter Richter angerufen wird. Der Beter bittet Gott, das Recht durchzusetzen, die Gerechtigkeit wiederherzustellen und den Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen. Deshalb kann man aus diesen Gebeten auch nicht einfach schliessen, dass die Psalmisten rachsüchtig gewesen wären. Im Gegenteil: Gerade weil sie Gott als Richter anrufen, verzichten sie auf Rache.
Und deswegen macht es Sinn, hier nicht von einem Gott der Rache zu sprechen, wie es im Psalm 94 oft übersetzt wird, sondern von einem Gott der Ahndung oder von einem Gott der Vergeltung zu sprechen. Diese juristischen Begriffe, Ahndung und Vergeltung, drücken einfach viel besser aus, worum es in diesem Psalm eigentlich geht: nicht um persönliche Rache, sondern um Gottes gerechtes Eingreifen als Richter.
Aus diesem Grund werde ich im weiteren Verlauf dieses Podcasts von Ahndungspsalmen sprechen, von Vergeltungspsalmen oder von Gerechtigkeitspsalmen und nicht von Rachepsalmen.

Alte und neue Texte im Spiegel von Liebe und Gericht

Okay, wir haben jetzt ein wichtiges Missverständnis aus dem Weg geräumt, aber die Frage ist offen geblieben: Ist die Formel „Altes Testament gleich Gericht, Neues Testament gleich Liebe“ wirklich ein guter Weg, um die Spannung zwischen den Gerechtigkeitspsalmen und der Feindesliebe zu lösen?
Schauen wir uns dazu jeweils drei Beispiele aus dem Alten und dem Neuen Testament etwas genauer an. Dann werden wir sehen, dass man das nicht so ganz schwarzweiß ausdrücken kann.
Das Gebot der Feindesliebe ist keine neutestamentliche Erfindung. Schon im Alten Testament finden wir Texte, die zur Feindesliebe und Barmherzigkeit aufrufen. Schauen wir uns das einmal an.
Es heißt zum Beispiel in 3. Mose 19,17-18: „Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst. Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Aber Moment mal, hier steht doch nur: Du sollst deinen Nächsten lieben. Das Wort Feind kommt hier doch gar nicht vor. Das stimmt, aber der Zusammenhang zeigt genau das. Direkt vorher heißt es nämlich: Du sollst deinen Bruder nicht hassen. Und anschließend heißt es: Du sollst dich nicht rächen und keinen Groll hegen. Also geht es hier um einen Menschen, der mir Unrecht getan hat und gegen den ich Hass oder Groll empfinde und an dem ich mich rächen will. Es geht um einen Menschen, den ich als Feind empfinde.
Das heißt: In diesem Nächstenliebe-Gebot ist das Gebot der Feindesliebe mit enthalten. Der Text fordert nämlich dazu auf, auch den Menschen zu lieben, gegen den ich Hass oder Groll empfinde.
Diese Auslegung, dass auch der Feind mein Nächster sein kann, wird auch durch Jesus bestätigt. Als er in Lukas 10 gefragt wird, wer mein Nächster ist, da antwortet er mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ausgerechnet ein Samariter wird zum Vorbild. Dabei waren die Samariter und die Juden damals verfeindet. Damit zeigt Jesus: Der Nächste ist nicht nur der Mensch, der zu meinem Volk gehört oder den ich mag.
Und ja, ich gebe es zu, es gibt im Alten Testament den Psalm 137, der mit einer Vernichtungsbitte gegen Babel endet. Gleichzeitig hören wir aber auch den Propheten Jeremia im Alten Testament, der den nach Babylon verschleppten Juden sagt: in Jeremia 29,7: „Setzt euch für das Wohl der Stadt Babel ein und betet für sie.“ Und in Sprüche 25,21 haben wir die Aufforderung: „Hungert dein Feind, so speise ihn mit Brot; dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser.“ Also ganz ehrlich: Wenn das mal nicht Feindesliebe ist.
Das zeigt: Das Alte Testament kennt nicht nur Gericht, sondern auch Feindesliebe und Barmherzigkeit.
Wenn also Jesus später in der Bergpredigt die Feindesliebe lehrt, dann bringt er im Kern eigentlich nichts Originelles, sondern er erinnert lediglich an das, was wir bereits im Alten Testament haben. Gerhard Meyer schreibt dazu: „Wir müssen nicht krampfhaft die Originalität Jesu vertreten, als habe nur er und als habe er als Erster etwas gesagt.“ Ja, das sehe ich auch so.

Gericht, Zorn und Vergeltung im Neuen Testament

Und das Neue Testament? Es kennt nicht nur Feindesliebe, sondern auch Gericht, Zorn und den Wunsch nach Vergeltung. Auch hier einige Beispiele:
Jesus selbst, der die Liebe in Person ist, spricht einige der schärfsten Gerichtsworte der Bibel. Besonders drastisch wird es zum Beispiel in Matthäus 23. Dort nennt Jesus die Pharisäer Heuchler, blinde Führer und Schlangen. Und er fragt: Wie solltet ihr dem Gericht der Hölle entfliehen?
Es bleibt aber nicht nur bei Worten. In Johannes treibt er die Händler aus dem Tempel, stößt ihre Tische um und sagt: Macht nicht das Haus meines Vaters zu einem Kaufhaus! Jesus reagiert scharf auf den Missbrauch des Tempels und zeigt: Gottes Liebe bedeutet nicht, Unrecht einfach hinzunehmen.
Noch überraschender wird es für mich in Offenbarung 6,10. Dort beten sogar die Märtyrer: Wie lange noch, bis du unser Blut rächst? Dass die Märtyrer so etwas beten, also gerade diese Menschen: Wie lange noch, bis du unser Blut rächst? In dem Gebet der Märtyrer wird Gott mit dem Begriff Rache in Verbindung gebracht. Und auch hier gilt dasselbe wie bei den Psalmen. Gemeint ist nicht die Selbstjustiz, sondern Gottes richterliches Eingreifen. Deshalb würde ich auch hier lieber mit Ahndung oder Vergeltung übersetzen. Die Märtyrer bitten Gott darum, ihnen endlich Recht zu schaffen. Das ist genau dieselbe Bitte, die wir bereits aus den Gerechtigkeitspsalmen kennen.
Und spätestens jetzt wird klar: So einfach lassen sich das Alte und das Neue Testament nicht gegeneinander ausspielen. Die Spannung zwischen diesen Strafbitten der Psalmen und der Feindesliebe verläuft also nicht erst zwischen Altem und Neuem Testament, sondern innerhalb beider Testamente. Und das sollte uns eigentlich auch nicht überraschen, oder? Schließlich spricht die Bibel nicht von zwei verschiedenen Göttern. Der Gott des Alten Testaments und der Gott des Neuen Testaments ist derselbe Gott. Wenn wir also im Alten Testament Liebe und Gericht finden und im Neuen Testament Liebe und Gericht finden, dann liegt die Spannung nicht zwischen zwei verschiedenen Gottesbildern. Sie liegt im Wesen Gottes selbst.
Deshalb leuchtet mir auch die Behauptung nicht ein, die Gerechtigkeitspsalmen wären vorchristlich einfach überholt. Und genauso wenig überzeugt mich die Vorstellung, Jesus wollte diese Psalmen mit dem Liebesgebot für erledigt erklären. Im Gegenteil: Jesus hält diese Sehnsucht nach Gerechtigkeit aus den Psalmen wach. Er sagt zum Beispiel: Glücklich zu preisen sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden satt werden.
Und erinnern wir uns an das Vaterunser: Wenn wir beten, dein Reich komme, was bitten wir da eigentlich? Na ja, wir bitten darum, dass Jesus wiederkommt. Wir bitten darum, dass er sein Reich aufrichtet. Und wir bitten darum, dass er Gottes Gerechtigkeit vollständig verwirklicht. Seine Wiederkunft ist ja auch mit dem Gericht über das Böse verbunden. Das heißt: Die Vergeltungsbitten der Psalmen setzen wir heute fort, wenn wir im Vaterunser beten: Dein Reich komme.
Sowohl das Alte als auch das Neue Testament stellen verschiedene Aussagen über Gottes Charakter nebeneinander, die wir gleichzeitig hören müssen. Zu Gottes Wesen gehören Liebe, Vergebung und Barmherzigkeit. Gleichzeitig kann Gott ohne Gerechtigkeit nicht Gott sein. Aber was bedeuten Gottes Gerechtigkeit und sein Gericht eigentlich? Ist die Botschaft vom Gericht eine Drohbotschaft oder doch eher eine Frohbotschaft? Genau dieser Frage widmen wir uns in der nächsten Folge.
Das war's für heute. Das Buch von Regina Gallwitz ist im Lit-Verlag erschienen: www.lit-verlag.de
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.

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