Einführung in das Thema Scheidung im biblischen Kontext
Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist. Episode 196 der Scheidebrief, Teil eins.
Nach den Themen Ehebruch und Umgang mit Sünde nähern wir uns heute dem Thema Scheidung.
Matthäus Kapitel 5, Verse 31 und 32:
„Es ist aber gesagt: Wer seine Frau entlassen will, gebe ihr einen Scheidebrief. Ich aber sage euch: Jeder, der seine Frau entlässt – außer aufgrund von Hurerei –, macht, dass mit ihr Ehebruch begangen wird. Und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch.“
Wir haben es hier wieder mit der Gegenüberstellung rabbinischer Auslegung kontra göttlicher Auslegung zu tun: „Es ist aber gesagt“, „Ich aber sage euch“.
Worum geht es hier? Es geht um das Wie einer Scheidung, nämlich um den Scheidebrief.
Und weil es um das Wie einer Scheidung geht, merken wir, dass zur Zeit Jesu im ersten Jahrhundert die Scheidung selbst zu einem Recht geworden war – im Wesentlichen ein Recht für Männer.
Die rechtliche Situation der Scheidung im mosaischen Gesetz
Wichtig ist: Im mosaischen Gesetz gibt es kein ausdrückliches Scheidungsrecht. Wir wissen, dass Scheidungen stattfanden, weil es geschiedene beziehungsweise verstoßene Frauen gab. Allerdings finden wir nirgendwo in den fünf Büchern Mose eine genaue Regelung, wie eine Scheidung abzulaufen hat.
Was wir haben, ist ein Abschnitt, der von einem Scheidebrief spricht. Dabei handelt es sich um ein Dokument, mit dem ein Ehemann zum Ausdruck bringt, dass er sich von seiner Frau getrennt hat. Mehr gibt es nicht. Dieser eine Abschnitt ist jedoch bedeutend. Die jüdischen Gelehrten haben ihn genutzt, um zu begründen, was eine legitime Scheidung erfordert.
Nämlich nicht mehr als einen Scheidebrief – ein Stück Papier – plus den fehlenden Wunsch eines Mannes, an seiner Ehe festzuhalten. Das war ausreichend, um eine legitime Scheidung zu vollziehen. Hoffentlich wird klar, dass hier etwas nicht stimmen kann, wenn ich es so formuliere.
Die Ehe ist ein Bund, der darauf angelegt ist, ein Leben lang zu halten. Ja, es gibt Gründe, eine Scheidung in Erwägung zu ziehen. Joseph wollte sich auch scheiden lassen, als ihm klar wurde, dass seine Frau Maria schwanger war und er wusste, dass das Kind nicht von ihm sein konnte.
Es gibt legitime Gründe für eine Scheidung. Der bloße Wunsch, seine Frau oder seinen Mann loszuwerden, ist jedoch kein legitimer Grund – damals nicht und heute auch nicht.
Die Bedeutung des Scheidebriefs und seine Auslegung
Frage: Was ist dann mit dem Scheidebrief? Wenn die Rabbiner die Stelle falsch auslegen und sie im Sinne eines Scheidungsrechts instrumentalisieren, das von Gott nicht so gedacht war, was bedeutet die Stelle dann wirklich?
Schauen wir uns dazu 5. Mose Kapitel 24, Verse 1-4 an:
Wenn ein Mann eine Frau nimmt und sie heiratet, und es geschieht, dass sie keine Gunst in seinen Augen findet, weil er etwas Anstößiges an ihr gefunden hat, dann schreibt er ihr einen Scheidebrief, gibt ihn ihr in die Hand und entlässt sie aus seinem Haus.
Sie zieht aus seinem Haus weg und wird die Frau eines anderen Mannes. Wenn dieser andere Mann sie ebenfalls hasst, ihr einen Scheidebrief schreibt, ihn ihr in die Hand gibt und sie aus seinem Haus entlässt, oder wenn der andere Mann stirbt, der sie zur Frau genommen hat, dann darf ihr erster Mann, der sie entlassen hat, sie nicht wieder als seine Frau nehmen.
Denn sie ist unrein geworden, und das wäre vor dem Herrn ein Gräuel. Du sollst das Land, das der Herr, dein Gott, dir als Erbteil gibt, nicht zur Sünde verführen.
Die Praxis der Scheidung und Wiederheirat im Alten Testament
Zunächst erkennen wir hier, mit welcher Selbstverständlichkeit eine Scheidung und anschließende Wiederheirat vollzogen wurden. Die erneute Heirat der Frau wird als selbstverständlich betrachtet. Die zweite Ehe wird in keiner Weise moralisch als falsch bewertet, sie findet einfach statt.
Es scheint so zu sein, dass dort, wo eine Ehe formal beendet wird, selbstverständlich – und in der damaligen Zeit wohl auch häufig notwendig – eine neue Ehe geschlossen wird. Ein Ehebund zerbricht, besteht nicht mehr und wird durch einen neuen Ehebund ersetzt.
Auch der Sachverhalt ist schnell erklärt: Ein Mann verstößt seine Frau. Diese heiratet einen anderen Mann, wird erneut verstossen oder zur Witwe. Somit steht sie dem Heiratsmarkt wieder zur Verfügung. Allerdings darf sie dann nicht mehr den ersten Mann heiraten.
Die Auslegung des Begriffs „Anstößiges“ und seine Bedeutung
Schauen wir uns den Text an. Die erste Diskussion dreht sich meist um die Frage: Was ist mit dem Anstößigen gemeint?
Fünfter Mose 24,1 sagt: Wenn ein Mann eine Frau nimmt und sie heiratet, und es geschieht, dass sie keine Gunst in seinen Augen findet, weil er etwas Anstößiges an ihr gefunden hat.
Was ist mit dem Anstößigen gemeint? Die Antworten der Rabbinen reichen von Ehebruch – das wäre Rabbi Schamay – bis hin zu irgendetwas, das dem Ehemann missfiel, wie Rabbi Hillel es sieht.
Dabei kann Ehebruch eigentlich nicht gemeint sein, denn die Strafe dafür ist nicht Scheidung, sondern der Tod.
Wir müssen folgendes verstehen: Das Anstößige hier, wörtlich die Nacktheit einer Sache, ist deshalb nicht weiter definiert, weil es vom Ehemann festgelegt wird, der sich scheiden lässt. Es ist überhaupt keine von Gott her definierte Größe.
Der Schutz der Frau im mosaischen Gesetz
Für das Verständnis ist Folgendes ganz wichtig: Auch wenn die Rabbiner später die Stelle benutzt haben, um eine Scheidung aus jeder beliebigen Ursache zu rechtfertigen, so ist das Verbot einer Wiederheirat des ersten Ehemanns zum Schutz der verstossenen Frau in das mosaische Gesetz aufgenommen worden.
Genau genommen geht es darum, dass man einer Ehefrau nicht ihre Würde berauben darf, indem man sie wie ein Stück Vieh einfach abstösst und aus welchen Gründen auch immer später einfach wieder zurücknimmt. Das Gebot dreht sich also nicht um den Ehemann und sein Recht auf eine Scheidung, sondern um die Ehefrau.
Es wurde nicht gegeben, um einem Ehemann die Möglichkeit zu geben, seine Frau auf möglichst einfache Weise, eben per Scheidebrief, loszuwerden. Es wurde gegeben, um eine Frau vor einem Mann zu schützen, der sie einfach so, weil er das will und kann, entlässt. Indem er das tut, bricht er nämlich das Versprechen, für sie zu sorgen.
Wir erinnern uns an das Thema Ehe als Bund mit Bundesbedingungen, das wir in den Episoden 191 und 192 behandelt haben. Hier in 5. Mose 24 steht noch nicht, dass das Verhalten des Ehemanns, der seine Frau einfach entlässt, Ehebruch ist. Das Gebot dreht sich um den Schutz der Frau.
Doch Jesus wird auf genau diesen Sachverhalt hinweisen.
Die Bedeutung des harten Herzens und die Motivation für Scheidung
Lasst uns für heute nur festhalten: 5. Mose 24 ist kein Zugeständnis an den Ehemann. Es geht vielmehr um den Schutz einer Frau vor Männern, die es nicht gut mit ihr meinen.
So heißt es auch über den zweiten Ehemann in 5. Mose 24, Vers 3: „Wenn dann auch der andere Mann sie gehasst und ihr einen Scheidebrief geschrieben, ihn in ihre Hand gegeben und sie aus seinem Haus entlassen hat.“ Hier wird deutlich, dass es um eine Frau geht, die gehasst wird. Das ist der eigentliche Grund für den Scheidebrief – sowohl beim ersten Mann als auch beim zweiten.
Es handelt sich um Männer mit einem harten Herzen. Männer, die ihre Frauen nicht lieben und sie deshalb aus nichtigen Gründen verstoßen. Damit eine Frau nicht, warum auch immer, in Versuchung oder Not gerät, sich erneut an einen Mann binden zu müssen, der es schon einmal nicht gut mit ihr gemeint hat, gibt es das Verbot aus 5. Mose 24.
Abschluss und Einladung zur persönlichen Reflexion
Was könntest du jetzt tun? Du könntest darüber nachdenken, wie du über Matthäus 5,31-32 denkst. Wie ist deine Theologie zum Thema Scheidung?
War das alles für heute? Vielleicht hast du Lust, in diesem Jahr das Neue Testament durchzulesen. In der Frogwords-App findest du dazu einen Bibelleseplan. Fang doch heute damit an.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden! Amen.
