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Titus 1,1-4

Titus 1,1-1,429.07.2019
Serie•Teil 1 / 7Titus
Warum fehlt uns trotz vollem Kopf oft das, was wirklich trägt? Der Titusbrief ruft raus aus dem Gerede hinein in ein Glauben, der im Alltag sichtbar wird: besonnen, praktisch, echt.

Einführung in die neue Predigtreihe

Ich möchte heute mit euch eine neue Reihe starten, keine, die vermutlich so lang wird wie die vom letzten Mal, also keine zwanziger Reihe. Ich schätze mal, ich kann mich irren, aber ich schätze, es wird so ein gutes, gutes halbes Dutzend. Es wird auch keine komplizierte Predigt. Das muss man auch noch dazu sagen.
Ich möchte gerne einen ganz kurzen Brief mit euch betrachten. Den habe ich schon vor einiger Zeit einmal studiert, das liegt schon über zehn Jahre zurück. Aber irgendwie habe ich es nie geschafft, darüber zu predigen. Da dachte ich mir, das ist vielleicht eine gute Gelegenheit. Vielleicht hat er ja darauf gewartet, bei euch gepredigt zu werden.
Und als ich dann mit dem Bibelstudium fertig war, habe ich versucht, das einmal zusammenzufassen. Worum geht es dabei? Das war für mich der Titel: Hör auf zu quatschen und tu gute Werke, das Einmaleins des Glaubens für Gangster und Faulpelze.
Ihr ahnt, welcher Brief es ist, zumindest die, die sich ein bisschen in der Bibel auskennen. Ich würde gern mit euch den Titusbrief anschauen.

Paulus, sein Auftrag und seine ungewöhnliche Geschichte

Und wenn man jetzt so das Neue Testament liest, dann stellt man ja fest, dass die meisten Briefe des Neuen Testaments vom Apostel Paulus geschrieben sind. Paulus hat übrigens auch einen zweiten Namen. Man sagt manchmal: vom Saulus zum Paulus. Das stimmt aber nicht. Saulus und Paulus sind zwei Namen derselben Person.
Paulus, der auch Saulus genannt wurde, hat damit ein bisschen zu tun, dass es in unterschiedlichen kulturellen Kreisen manchmal leichter ist, einen zweiten Namen zu haben. Wenn ich zum Beispiel in Amerika versuche, einem Ami beizubringen, wie Jürgen ausgesprochen wird, dann ist das nicht so einfach. Jürgen kommt von Georg. Es ist viel leichter zu sagen: George. Dann wissen die Leute Bescheid, und es geht. Aber Jürgen, das ist eben schwieriger.
Und so ist das hier auch: Paulus ist der lateinische Name, und dann gibt es eben auch einen jüdischen Namen, Saulus. Beide Namen gehören zu dem letzten Apostel, den Jesus berufen hat. Jesus beruft die Apostel, und dann gibt es einen, der kommt ganz am Ende. Alle anderen sind schon berufen, Jesus ist schon im Himmel, und dann kommt ganz zum Schluss noch Paulus. Paulus sagt selber, er sei eine unzeitige Geburt. Seine Bekehrung und seine Berufung zum Apostel passen irgendwie überhaupt nicht ins Bild. Er ist unter den Aposteln so etwas wie ein Freak.
Das steht hier, ich wollte es euch mal vorlesen: 1. Korinther 15,8-10. Zuletzt aber, gemeint ist von allen berufenen Aposteln, gleichsam einer unzeitigen Geburt. Also da hat man nicht mehr erwartet, dass noch etwas kommt. So wie wenn man sich, was weiß ich, so stelle ich es mir vor, wenn man Zwillinge kriegt und das Erste ist raus. Man dachte, jetzt ist es vorbei, und dann sagt die Ärztin: Da kommt noch etwas, da kommt noch etwas hinterher. Erschien er, das ist Jesus, auch mir, dem Paulus, gemeint ist vor Damaskus. Denn ich bin der geringste der Apostel, der ich nicht würdig bin, ein Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
Er hat so eine Vorgeschichte. Die Berufung von Paulus hat so, würde der Schwabe sagen, ein Geschmäckle. Da fragt man sich, ob Gott so ganz genau weiß, was er tut. Ich finde es total herrlich, dass Gott sagt: Ich hole mir den, ich sage mal, den besten Mann der Gegend. Ich bekehre ihn einfach und schicke ihn für mich ins Rennen. Das ist wie beim Schachspielen, wenn man mit dem Bauern auf die letzte Reihe kommt und sich eine neue Dame wünschen darf. Man ist ganz durch und hat plötzlich, na ja, okay.
Paulus sagt dann: Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Nämlich ein Apostel, so einer von diesen Uraposteln, ein Gemeindegründer. Die Apostelgeschichte selber beschreibt uns, wie Paulus mehrere Missionsreisen unternimmt. Von Antiochia, einer Stadt in Syrien, die damals eine sehr hohe Bedeutung hatte, wahrscheinlich die drittwichtigste Stadt im Römischen Reich, heute hat sie diese Bedeutung nicht mehr, zieht er von dort aus auf Missionsreisen in die heutige Türkei bis nach Griechenland.
Und wenn man die Apostelgeschichte bis zum Ende durchliest, dann lebt Paulus immer noch. Es geht also nicht nur bis zu seinem Tod, sondern die Apostelgeschichte endet mit Paulus in Rom. Das schreibt man etwa auf das Jahr 62 nach Christus. Paulus in Rom, und dann ist die Apostelgeschichte plötzlich vorbei. Wir fragen uns alle, warum schreibt der nicht weiter? Es war doch vorher so schön spannend. Das ist eine gute Frage. Denn wenn man dem ersten Verfasser einer echten Kirchengeschichte, einem Herrn Eusebius, und anderen frühchristlichen Schreibern glauben darf, dann ist Paulus nach dieser ersten Inhaftierung in Rom noch einmal freigekommen. Er ist dann zwar etwa zwei Jahre später in Rom umgebracht worden, das schon, aber es gibt da so eine Phase, in der er noch einmal freikommt und Gemeinden im Mittelmeerraum besucht.
Unter anderem tut er das zusammen mit seinem Mitarbeiter Titus in Kreta. Er reist mit Titus nach Kreta. Das ist diese kleine Insel da. So klein ist sie gar nicht, aber jedenfalls eine Insel im Mittelmeer. Muss man nicht kennen, darf man aber kennen, ist ganz nett. Und Paulus lässt dort Titus zurück, zieht selber weiter, ist also in dem Moment noch da, dann zieht er weiter irgendwo hier oben hin, und Titus bleibt. Dann schreibt Paulus, weil ihm einfällt: Ich muss dem Titus noch ein paar Dinge sagen.
Also, wenn du manchmal Probleme hast, dich nicht mehr an alles zu erinnern, so wie ich heute Morgen, als ich losgefahren bin und feststellte: Oh, du hast vergessen, deinen Gürtel anzuziehen, wenn du sowas hast, ist es nicht schlimm. Ging Paulus genauso. Da muss man dann Briefe schreiben oder irgendwie noch eine E-Mail, kann man alles im Nachgang regeln. War ja auch so. Auf alle Fälle ist er woanders und hat die Idee: Ich könnte dem guten Titus, der in Kreta zurückgeblieben ist, um ein paar Sachen zu regeln, noch einen Brief schreiben. Das heißt, der Titusbrief selber entsteht nach dieser ersten Inhaftierung, vor dem Tod, also irgendwie so um das Jahr 63 nach Christus, und gehört damit definitiv zu den späteren Briefen des Apostels.

Die frühe Gemeinde auf Kreta und ihr Zustand

Kreta und die Gemeinde auf Kreta: Wir wissen nicht ganz genau, wann sie entstanden ist. Der Clou ist aber, dass es eigentlich schon sehr, sehr früh gewesen sein könnte. Wir haben nämlich folgende Sache. Das ist Apostelgeschichte 2,1-11.
Ich weiß, das ist ein etwas längerer Text, aber ich denke, es ist ein Text, der uns ziemlich gut bekannt ist: Pfingsten. Und Pfingsten fängt ja damit an, dass der Geist Gottes ausgegossen wird. Die Gläubigen treffen sich zum Gebet. Sie wissen nicht so genau, wie es weitergeht. Sie wissen nur: Bleibt in Jerusalem, bis der Heilige Geist auf euch kommen wird.
Ich sage mal, damit konnten die gelinde gesagt nicht so viel anfangen, weil es das vorher noch nicht gab. Und deswegen konnten sie tatsächlich nur warten. Dann ergibt sich Folgendes, und ich lese jetzt mal die Verse 1 bis 11:
Und als der Tag des Pfingstfestes erfüllt war, waren sie alle an einem Ort beisammen.
Jetzt ist klar: Es muss irgendetwas passieren. Und plötzlich geschah aus dem Himmel ein Brausen, als führe ein gewaltiger Wind daher, und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen. Und es erschienen ihnen zerteilte Zungen wie von Feuer, und sie setzten sich auf jeden einzelnen von ihnen.
Das ist schon gruselig. Stell dir vor, es fängt hier drin an zu brausen, und du siehst überall auf jedem so eine Feuerzunge, die da vor sich hin lodert, und du denkst: Fackelt der jetzt bald seine Haare ab? Aber da passiert nichts. Es steht einfach nur da.
Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
Das ist Pfingsten. Der Heilige Geist kommt. Und das Wesentliche des neuen Bundes besteht ja nun darin, dass es ein neuer Bund für die ganze Welt ist. Und das erste Wunder, das der Heilige Geist durch die Gläubigen tut, ist, dass er sie erst einmal in allen Sprachen reden lässt. Damit wird deutlich: Das, was wir jetzt zu sagen haben, bleibt definitiv nicht auf diesen kleinen jüdischen Raum begrenzt, sondern das will hinaus. Das will jeden Menschen auf der ganzen Welt erreichen.
Jetzt ist Pfingsten ein Fest. Vers 5: Es wohnten aber in Jerusalem Juden, gottesfürchtige Männer aus jeder Nation unter dem Himmel. Die wohnten da, weil dieses Fest da war. Sie waren gekommen, um zu feiern.
Als aber dieses Geräusch entstand, kann man sich vorstellen: Du wohnst da. Stellt euch diese antiken Stätten bitte nicht so riesig groß vor, und die Häuser sind relativ eng zusammengebaut. Also, wenn es da in einem Haus so richtig zu brausen anfängt, dann kann das Haus daneben schon denken: Na, mal schauen, ob es da brennt. Also treten Leute auf die Straße und fragen sich: Was ist hier los?
Als aber dieses Geräusch entstand, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt, weil jeder einzelne sie in seiner eigenen Mundart reden hörte. Also: Leute aus der ganzen Welt kommen, treffen sich da, inzwischen scheinen die Gläubigen auch rausgekommen zu sein, reden weiter, und die, die sie hören, sind bestürzt.
Stell dir vor, du gehst als Berliner nach, was weiß ich, nach New York, und da steht einer an der Straßenecke und predigt im breitesten Berliner Dialekt das Evangelium. Dann bleibst du erst einmal stehen und sagst: Was ist hier los? Aber wenn neben dem jemand steht, der, ich sage mal, im breitesten Suaheli dasselbe tut, und daneben steht jemand, der im breitesten Maori dasselbe tut, dann merkst du: Da ist irgendetwas komisch.
Und dann bleiben die Leute, die das verstehen, bei dem Berliner stehen. Deine kenianischen Freunde, bei denen der Suaheli spricht, und die Leute aus Neuseeland, die den Maori verstehen, bleiben bei dem Maori stehen. Ist doch logisch, weil du denkst: Was ist hier los? Ich bin doch hier nicht zu Hause. Woher kommt der?
Und es geht noch weiter. Sie entsetzten sich aber alle, wunderten sich und sagten: Sind nicht alle diese, die da reden, Galiläer?
Also, keine Ahnung, woran man einen Galiläer erkennt, aber es war vielleicht so, dass es von der Physiognomie her Eigenschaften gab, bei denen man sagte: Der kommt da oben von diesem See, von diesem galiläischen Meer. Der kommt nicht von hier, und der kommt definitiv nicht da her, wo ich herkomme. Der gehört da nicht hin. Wie kann das sein?
Und wie hören wir sie, ein jeder in unserer eigenen Mundart, in der wir geboren sind? Und jetzt gibt es eine lange Liste, die ich ein bisschen gekürzt habe: Parther und Meder, Punkt, Punkt, Punkt, Punkt, und dann in Vers 11 Kreter. Da haben wir sie ja: Kreter und Araber. Wir hören sie von den großen Taten Gottes in unseren Sprachen reden.
Da waren an Pfingsten Kreter dabei. Und es ist nicht sonderlich unwahrscheinlich, dass die, die da dabei waren, die Geschichte hier geht ja weiter: Petrus predigt dann die Pfingstpredigt, und danach bekehren sich dreitausend Männer. Also da gibt es, glaube ich, dann schon einige, die dabei waren. Das kann schon sein. Aber wir wissen es nicht.
Okay, es ist nur so: Die Wahrscheinlichkeit, dass da Menschen zum Glauben gekommen sind, aus Kreta, und dann nach Hause gehen und das mitnehmen und dort eine Gemeinde gründen, ist relativ groß. Aber selbst wenn es so war: Die Gemeinden, auf die Paulus dann gut dreißig Jahre später mit seinem Mitarbeiter Titus stößt, sind geprägt von Unreife.
Das merkt man an den Themen, die es im Titusbrief zu betrachten gibt. Da geht es sehr stark um Fragen der Organisation. Es geht darum, dass Titus Älteste einsetzen soll. Es geht darum, dass jüdische Irrlehre oder allgemein Irrlehre da ist und dass man mit der richtig umgehen muss. Und dann geht es um die absolute Glaubensbasis.
Vielleicht nicht das ganze Einmaleins des Glaubens, da wüsste ich noch ein paar Themen, die ich dem Titusbrief hinzufügen würde, aber es geht wirklich um ganz grundlegende, wichtige Verhaltensweisen. So Zeug, das du in jeder Gemeinde predigen kannst, weil du eigentlich nie anstößt. Einfach nur zu sagen: Das gehört so ein bisschen dazu. Wenn du Christ bist, müsstest du diese Punkte eigentlich verstanden haben.
Wirklich down to earth. Praktischer werdet ihr sehen, spätestens ab Kapitel 2. Praktischer geht es eigentlich nicht.

Warum dieser Brief auch heute noch wichtig ist

Du stehst manchmal da und sagst: Warum muss man sich so einen Brief mit solchen Basics überhaupt geben? Ich meine, die meisten von euch sind ja schon viel länger dabei, glaube ich. Ich könnte mir ja auch die drei, vier nehmen, die noch nicht so lange dabei sind, und dann sagen: Okay, komm, wir machen das selber, das ist euer Brief.
Und ich habe mir überlegt: Warum macht es trotzdem Sinn, euch das zu predigen? Klar, ich habe auch immer Freude daran, wenn neue Predigten bei Frogwerts reinkommen und diese alte Kamelle mal wieder aufgenommen wird. Aber warum macht es trotzdem auch Sinn, wenn man ein bisschen darüber nachdenkt?
Es sind mir drei Antworten eingefallen.
Das eine ist ganz grundsätzlich: Es ist immer gut, sich mit Grundlagen zu beschäftigen. Ich habe gerade so ein bisschen das Thema Glauben und Ausharren und die Frage, warum Leute im Alter so komisch gläubig werden und manch einer auch wirklich seinen Glauben aufgibt, gedanklich vor Augen. Und ich glaube, wir brauchen diese Basics immer wieder. Wir sind vergesslich. Petrus sagt das auch mal an anderer Stelle, 2. Petrus 1,12, wie wertvoll es ist, uns immer wieder die Basics vor Augen zu malen. Ich merke das selber: Wenn ich Verse wiederhole, die ich schon lange wiederhole, kann so ein alter, ganz grundlegender Vers einen neu treffen. Und deswegen wünsche ich uns ein bisschen, dass uns das trifft.
Ein zweiter Punkt, warum dieser Brief so wertvoll ist: Es gibt eine Betonung in dem Brief auf Besonnenheit. Also ihr werdet merken: Wir haben verschiedene Gruppen, die wir betrachten, alte Männer, junge Männer, alte Frauen, junge Frauen, Älteste, und immer wieder kommt: Seid besonnen. Es ist wie ein Refrain. Besonnen. Ich merke, wie wir in einer Zeit leben, die geprägt ist von ganz viel Information, die wir haben, aber wie viele Leute es nicht mehr schaffen, dieses Übermaß an Information zu verarbeiten, also so darüber nachzudenken, dass am Ende die richtigen Dinge in ihrem Leben praktisch ankommen. Wir sind so voll, dass man vor lauter Fülle an Informationen oft ein Leben führt, das dieser Fülle überhaupt nicht entspricht. Also: Ich mache eigentlich gar nichts aus den Mengen an Informationen. Ich lebe eigentlich ein relativ unbesonnenes Leben, obwohl ich weiß, dass da etwas nicht stimmt. Aber eben ein bisschen unbesonnen.
Und auch in der evangelikalen Szene habe ich den Eindruck, dass Besonnenheit, Nüchternheit, dieses in Ruhe etwas Nachdenken und echte Überzeugung gewinnen, uns immer mehr verloren geht. Und der Titusbrief geht genau in eine andere Richtung.
Ein dritter Grund: Das hat etwas damit zu tun, dass der Titusbrief für die Praxis ist. Deswegen ja auch dieser Satz vorhin, diese Zusammenfassung: Hör auf zu quatschen, tu gute Werke. Der Titusbrief ist theologisch nicht kompliziert. Wer also Angst vor theologisch komplizierten Themen hat, der muss bei den nächsten sechs Predigten bei mir null Angst haben. Vielleicht gibt es heute ein oder zwei Begriffsdefinitionen, bei denen du sagst: Hm, okay. Aber ansonsten ist es einfach easy. Es geht um Dinge wie: Hör auf zu quatschen, tu gute Werke, lass das, tu das. Relativ simpel.
Und da merke ich: Das geht uns leicht verloren. Ich glaube, wir Deutschen neigen dazu, wenn wir über Christsein nachdenken, sehr viel zu theoretisieren. Ich bin dafür, also nicht, dass mich jetzt jemand falsch versteht, ich habe mich nicht geändert nur durch meine Herz-OP und bin jetzt nur noch für Praxis oder so. Aber so sehr ich die Theorie mag, weil ich sie auch brauche, so sehr muss mir klar sein: Christsein funktioniert nicht auf der Ebene eines dicken Kopfes, wo du auf alle Bibelfragen eine Antwort hast. Christsein funktioniert ganz praktisch im Alltag, da, wo das, was Jesus sagt, mein Leben prägt.
Es gibt so viele Menschen, habe ich den Eindruck, die sind begeistert von Jesus, aber sie kennen ihn nicht. Sie wissen nicht, was Jesus gesagt hat. Sie singen gerne tolle Lieder, aber wenn es dann darum geht: Wie ist denn das in der persönlichen Beziehung zwischen dir und Jesus? Wo ist denn Jesus bei dir jetzt gerade dran? Nachfolge, zuhören, von ihm lernen, mal machen, was er sagt – wo stehst denn du da? Da kommt dann oft nicht mehr viel.
Also: Wir lieben vielleicht ein Stück weit den Kick, dass Jesus uns in eine besondere Situation hineinführen darf. Aber dieses ganz Ruhige, wo Jesus in der Stille mein Herz berührt und sagt: Du, wir haben da noch was zu klären, da gibt es in deinem Leben noch das und das, da sind wir noch nicht fertig – das muss er mir mit 53 genauso sagen wie jemandem mit 16. Versteht ihr? Dass ich das zulasse, ganz praktisch, dass Jesus noch mein Herz berühren darf. Oder habe ich ihn in so eine Box gesteckt, habe alles Wissen über ihn und jetzt ist gut, jetzt mache ich die Box zu und lebe mein Leben?
Und da kommt der Titusbrief und sagt: Stopp. Diese ganz praktischen Dinge, die sind es eigentlich. Weswegen ich ihn toll finde.

Der Anfang des Briefes als Schlüssel zum Verständnis

Also noch eine Vorbemerkung: Ich liebe die Elberfelder Bibel, aber Titus 1,1 – wer das verbrochen hat, Entschuldigung. Ihr werdet sehen, ich habe kleine Veränderungen vorgenommen, und ich weiß für jede, warum, damit man den Vers versteht. Er ist in der Elberfelder richtig übersetzt. Man kann Präpositionen so übersetzen, wie sie da stehen, man muss es aber nicht. Und es macht sich leichter, und ich wollte gern bei der Übersetzung bleiben.
Insofern: Ich mache das ganz selten, aber bei diesem Vers geht es ausnahmsweise nicht anders. Und deswegen verzeiht mir das. Ich lese mal Titus 1,1 vor.
Paulus, Knecht Gottes, aber – und hier müsste man besser übersetzen mit: und darüber hinaus, weil da ist gar kein Gegensatz – also Paulus, Knecht Gottes, und darüber hinaus Apostel Jesu Christi. Und jetzt übersetze ich gleich, wie ich es beschrieben habe: hier für den Glauben der Auserwählten und für die Erkenntnis der Wahrheit, die zur Gottseligkeit führt.
Ihr habt den Elberfelder Text da stehen. Redet mit mir darüber, warum ich es anders übersetzt habe. Ich lege das aber so aus, wie ich es da übersetzt habe, und ich zeige euch auch, warum das genau so geht.
Paulus stellt sich erst einmal vor: Knecht und Apostel. Apostel, das ist jetzt den alten Hasen bewusst, vergebt mir diese Wiederholung, ein Apostel ist ein Gesandter, ein Bote. Paulus ist das nicht auf so eine allgemeine Weise. Es gibt den Begriff Apostel in der Bibel auch als Bote. Du könntest ein Apostel der Gemeinde sein und einen Brief oder ein Geldgeschenk überbringen, das gibt es. Aber es gibt den Begriff auch in einem engeren, in einem technischen Sinn. Das sind dann die Apostel, die Jesus berufen hat. Und so will Paulus verstanden werden. Er ist Apostel, er ist Gesandter auf eine spezielle Weise, er ist Bote Gottes mit Auftrag, er ist Bote Gottes mit Autorität, mit Verantwortung, und zwar um den Heiden das Evangelium zu predigen und um neue Gemeinden zu gründen.
Und er ist eben nicht nur Apostel, sondern er ist auch Knecht. Und dieses Wort Knecht, das führt manchmal zu Verwirrung. Verwirrung deshalb, weil man könnte zu Recht fragen: Hat nicht derselbe Apostel, der sich hier als Knecht beschreibt, an anderer Stelle im Römerbrief, Römer 8,15, mal Folgendes gesagt? Zitat: Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen wieder zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, indem wir rufen: Aber Vater.
Was denn jetzt? Bin ich jetzt Knecht? Und dann sagt er: Aber du hast nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, also doch nicht Knecht. Es ist, gebe ich zu, mit den Bildern in der Bibel nicht immer ganz so einfach. Ich sage es mal so: Wir sind Knechte, aber nicht geknechtet. Schön, oder?
Ich könnte auch sagen: Man kann es auch mit Sklaven übersetzen. Wir sind Sklaven, aber nicht versklavt. Wir sagen: Ein Knecht Gottes ist vom Begriff her im Alten Testament eine Bezeichnung für Menschen, die eine ganz besondere Beziehung zu Gott haben, auch einen besonderen Auftrag, eine besondere Aufgabe. Abraham war so einer, Knecht Gottes. Mose, David, Daniel, die Propheten – das waren Knechte Gottes.
Und wenn ich mich bekehre, dann bedeutet das nicht, dass Gott mich in einen Dienst hinein zwingt. Darum geht es Gott gar nicht. Aber wenn ich mich bekehre, also wirklich bekehre, dann bietet Gott mir an, freiwillig und aus Dankbarkeit in seinen Dienst zu treten. Es ist ein Vorrecht, ein Knecht Gottes zu sein. Und gleichzeitig ist es herausfordernd, weil ein Knecht natürlich das tut, was sein Herr von ihm verlangt.
Aber obwohl ich sage, ich bin Knecht Gottes und ich möchte gerne tun, was mein Herr von mir verlangt, habe ich keine Angst. Ich bin nicht geknechtet. Es geht nicht darum, dass ich Angst haben muss, Gott schmeißt mich wieder raus, wenn ich meinen Job nicht tue. Ich lebe aus Gnade. Warum? Ich lebe als ein geliebtes Kind Gottes. Aber dieses Kind Gottes lebt als Knecht. Es lebt seine Berufung, die Gott ihm gegeben hat, aus.
Und so passt das eben doch nicht auf diese böse Weise: Knecht. Aber auf eine gute Weise, wo ich mich an Gott hänge und sage: Ich will ihm gefallen, ich will ihm dienen, ich will das, wo er alles für mich investiert hat, möchte das zurückgeben.
Für Paulus hieß dieses Knechtsein, etwas zurückzugeben. Für Paulus hieß das, dass er sich engagiert hat in den Bereichen Evangelisation und Lehre. Das heißt im Text, dass er den Glauben der Auserwählten und die Erkenntnis der Wahrheit voranbringen will. Er wollte, dass Menschen das Evangelium verstehen, gläubig werden. Das war das eine große Ziel in seinem Leben. Ich hoffe, das ist auch unser großes Ziel. Ich hoffe das sehr, ich wünsche mir das, weil ich in meinem Leben merke, wie leicht dieses Ziel aus den Augen verloren geht.
Und auf der anderen Seite bleiben wir nicht stehen, sondern er wollte, dass die Gläubigen, die das Evangelium verstanden, auch ihren Glauben verstehen und wissen, wie man mit Gott lebt.

Auserwählung, Gottseligkeit und der praktische Auftrag

Mal zu diesen zwei Begriffen jetzt hier, zu diesen beiden Begriffen noch: Auserwählten und Gottseligkeit sind Begriffe, die man selten liest.
Paulus nennt Christen die Auserwählten Gottes. Was bedeutet das? Der Begriff Auserwählter beschreibt die Herzlichkeit, mit der Gott an uns hängt. Ich habe euch mal einen anderen Vers mitgebracht, aus dem Alten Testament. In Jesaja 42,1 spricht Gott der Vater prophetisch über Gott den Sohn, über Jesus. Und er sagt: Siehe, mein Knecht. Oh, merkt ihr das? Auch der Sohn ist Knecht. Also ist es nichts Schlimmes, Knecht zu sein und den Willen Gottes zu tun und von ganzem Herzen die Berufung zu leben, die Gott uns gegeben hat.
„Siehe, mein Knecht, den ich halte, mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.“ Mein Auserwählter, das ist das, was der Vater über den Sohn sagt: dass er an ihm Wohlgefallen hat. So, jetzt ist er Auserwählter. Warum ist er Auserwählter? Nein, nein, nicht deshalb, weil es x Möglichkeiten gegeben hätte, wer alles für den Messias in Frage kommt, und der Vater entscheidet sich halt für den. Sondern hinter dem Begriff Auserwählter steckt die Idee der besonderen Sympathie, die ich für jemanden hege. Ich bin von jemandem begeistert, das kommt hier rüber. Der Vater ist vom Sohn begeistert, und deswegen nennt er ihn Auserwählter.
Ich übertrage das mal: Wenn ich über meine Frau Bärbel völlig zu Recht sage, dass sie meine Auserwählte ist, dann nicht, weil ich, sagen wir, zwanzig, fünfundzwanzig Alternativen hätte und dann so: eh, ne, me, ne, mu, und weg bist du, eh, ne, me, ja, und dann mache ich das fünfmal und dann nehme ich die. So war es nicht. Ich hatte genau eine. Also, das ist bei mir auch verständlich. Ich glaube, auf dieser ganzen Welt hätte es nur einige gegeben, die mich überhaupt geheiratet hätten. Aber die hatte ich, das war gut so. Und deswegen, weil ich sie so herzlich gern habe, weil sie mir so viel bedeutet, deswegen nenne ich sie meine Auserwählte.
Und weil wir Christen Gott so viel bedeuten, weil du in Gottes Augen so wertvoll bist, weil wir uns das gar nicht einreden brauchen, dass Gott uns nicht mag oder dass wir immer irgendwie in Gottes Augen so als Defizit herumlaufen, sondern weil Gott uns wirklich von Herzen gern hat und für uns ist, und denkt bitte immer an Zephanja 3,17, den Vers hatten wir schon ein paarmal, wo Gott über uns jubelt, weil das unser Status ist. Deswegen verwendet der gute Paulus dann eben dieses Wort, den Glauben der Auserwählten, damit wir das nicht vergessen.
Und der Glaube der Auserwählten, letzter Begriff, predigt die Erkenntnis der Wahrheit, die zur Gottseligkeit führt. Was ist Gottseligkeit? Gottseligkeit ist ein Wort, das du nie brauchst, wenn du einen Deutschaufsatz schreibst. Das können wir schon mal festhalten. Gottseligkeit ist gleichzeitig ein Wort, das öfter in der Elberfelder vorkommt, als einem das lieb ist, und auch eine Bedeutung hat. Das kommt ja auch noch dazu.
Also, Gottseligkeit, um es zu erklären, ist das, was übrig bleibt, wenn du das Leben eines Gläubigen nimmst und davon das Leben eines Heiden abziehst. Okay, also nimmst du das komplette Leben eines Gläubigen und ziehst alles ab, was ein Heide auch tut. Was übrig bleibt, ist Gottseligkeit, also das, was ich tue, weil ich Christ bin: mein christlicher Lebensstil, beten, Bibel lesen, evangelisieren, bestimmte gute Werke, die ich tue, Gottesdienst feiern, vielleicht Fasten, Ruhetag, schreib hin, was du magst. Aber das, was du tust, weil du wirklich Christ bist, dein geistliches Leben, das ist Gottseligkeit. Das ganze praktische tägliche geistliche Leben, mit dem ich dafür sorge, dass mein Glaube sichtbar wird.
Und ich mag jetzt einen Begriff. Ich sitze gerade an einem ganz hässlichen, längeren Papier über das Thema Scheidung. Das ist ein blödes Thema. Wir sind dabei, als Gemeinde das Thema Ehe zu definieren, was einen Ehebund eigentlich auszeichnet. Und im Zentrum eines Ehebundes stehen zwei Menschen, die aneinander kleben. Und ich mag dieses Wort „kleben“. Geistliches Leben ist das, womit wir an Gott kleben, wo wir unser Leben mit Gott verbinden.
Paulus hat zwei Schwerpunkte. Er möchte den Glauben ausstreuen, und er möchte die gläubig Gewordenen unterweisen, damit sie wissen, wie man mit Gott lebt. Eigentlich, und damit wir wieder sehen, wie praktisch das ist, sind wir da mitten im Missionsbefehl. Hier schaut mal Matthäus 28,19 und was sagt der Herr Jesus? Er sagt: Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe.
Warum sind wir hier auf der Welt? Ganz einfach: Wir sind dazu da, dass andere Leute Jünger Jesu werden. Wir sind das schon, also wir haben das Evangelium schon gehört, wir haben es verstanden, wir haben es angenommen, wir haben durch die Taufe gezeigt, dass wir das ernst meinen, dass wir echt sind. Und dann gehört der zweite Punkt dazu: Ein Jünger ist einer, der lernt. „Lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe.“ Das ist der zweite Punkt, ganz praktisch. Was hat Jesus seinen Jüngern geboten, wie hat Jesus gelebt, und sich das einfach in aller Ruhe ganz unaufgeregt anschauen, auf sein eigenes Leben übertragen, dasselbe machen. Das zu bewahren, darum geht es allen, die eigentlich auf dieser Welt als Christen unterwegs sind.
Also, am Ende geht es nicht um die Frage, wo warst du im Urlaub, hast du karrieretechnisch alles rausgeholt, wie cool war dein Haarschnitt. Das sind alles nette Fragen, über die man sich auch mal kurz Gedanken machen kann. Aber die Frage am Ende wird sein: Ich hatte euch den Auftrag gegeben, Menschen zu gewinnen fürs Evangelium und dafür zu sorgen, dass sie diesen Glauben, den sie da finden, dass er Substanz hat und dass sie Dinge auch tun, dass das in ihrem Leben sichtbar wird.
Paulus übernimmt diesen Dienst. Er macht eigentlich nichts anderes. Er übernimmt das mit etwas mehr Verantwortung, weil er Apostel ist. Er hat also einen größeren Bereich, und er ist auch jemand, der so als Gemeindegründer so Neulandarbeit macht. Aber letztlich ist es genau das.

Hoffnung, Verheißung und das ewige Leben

Frage: Was ist das Fundament, auf dem Paulus diesen Dienst tut? Da kommt der nächste Vers, Titus 1,2. Da heißt es dann: aufgrund der Hoffnung auf das ewige Leben, das Gott, der nicht lügt, vor ewigen Zeiten verheißen hat.
Also tut Paulus das, weil er noch Hoffnung hat. Jetzt ist ganz wichtig, dass wir einen Punkt bitte verstehen: Hoffnung, der Begriff, meint in der Bibel mehr als im normalen deutschen Sprachgebrauch. Vielleicht hoffst du darauf, dass es nächste Woche nicht so warm wird wie letzte Woche. Ja, wir hoffen, aber wir wissen es nicht. Und so ist unser Hoffnungsbegriff geprägt.
In der Bibel ist es so: Biblische Hoffnung fußt nicht auf Nichtwissen. Also, wir schon: Ich weiß nicht, wie es nächste Woche wird. Es kann ein Hurrikan durch Deutschland ziehen, ich weiß es nicht. Aber wenn ich biblisch den Begriff Hoffnung nehme, so wie Paulus ihn hier verwendet, dann fußt dieser Begriff auf der Auferstehung Jesu. Also wir hoffen nach vorne, aber wir blicken gleichzeitig, während wir nach vorne hoffen, und zwar im Wesentlichen darauf, dass Jesus wiederkommt und das ewige Leben in seiner ganzen Qualität anbricht.
Wir hoffen nach vorne, aber wir blicken zurück. Und im Rückspiegel sehen wir einen auferstandenen und verherrlichten Christus, der in den Himmel aufgefahren ist, der dort zur Rechten Gottes sitzt, der den Heiligen Geist gesandt hat, der Gemeindegründung zur Chefsache gemacht hat. Den sehen wir im Rückspiegel, und deswegen schaue ich nach vorne. Und das ist eine Hoffnung, die eigentlich keine Hoffnung ist. Man müsste es eigentlich übersetzen mit Gewissheit, aber etwas, was man noch nicht sieht, was noch nicht erfüllt ist, ist Gewissheit vielleicht auch schwierig, von daher. Aber eigentlich hilft das.
Ich weiß, dass das kommt, weil ich zurückschauen kann und sehen kann: Jesus hat das vorbereitet. Paulus dient, weil er weiß, dass die Hoffnung, die er hat, sich erfüllen wird. Er weiß, dass das ewige Leben, die Hoffnung auf das ewige Leben, dass das ewige Leben ein Leben ist, das die Lebensqualität Gottes besitzt. Ein Leben, das in uns bereits angefangen hat, in dem Moment, wo wir uns bekehrt haben und Gott uns sein Leben geschenkt hat. Dass dieses ewige Leben kommen wird. Warum? Weil Gott, der nicht lügt, es vor ewigen Zeiten verheißen hat.
Frage: Wann war das, vor ewigen Zeiten? Na ja, es muss nach der Schöpfung gewesen sein. Warum? Wenn es vor der Schöpfung ist, ist niemand da, dem man es verheißen kann. Also muss es irgendwie nach der Schöpfung sein. Vor ewigen Zeiten bedeutet dann so viel wie vor langer Zeit, sprich im Alten Testament. Das heißt, im Alten Testament bereits gibt es Verheißungen auf eine neue Art von Leben, die den Menschen offensteht, die glauben.
Schaut mal, ich habe eine mitgebracht: Daniel 12,2. Und viele von denen, die im Land des Staubes schlafen, sprich tot sind – das sind Propheten. Propheten reden immer so in Bildern, müsst ihr euch daran gewöhnen – und viele von denen, die im Land des Staubes schlafen, werden aufwachen, die einen zu ewigem Leben. Hier reden wir über Auferstehung. Die anderen zur Schande, zur ewigen Abscheu. Ewiges Leben.
Und wenn wir jetzt ein bisschen durchs Alte Testament gehen, werden wir merken: Ewiges Leben spielt von Anfang an eine Rolle. Da gibt es einen Baum des Lebens im Paradies. Und wer davon isst, der wird ewig leben. Und damit das nicht passiert, werden nach dem Sündenfall Adam und Eva vertrieben. Oder in Psalm 133 – wir haben den früher als Gemeinde gerne gesungen – da heißt es dann, dass Gottes Segen darin besteht, Leben in Ewigkeit zu geben.
Und wir merken, wie tief diese Hoffnung auf ewiges Leben im Volk Israel verhaftet ist. Dass mehrmals Leute zu Jesus kommen und die Frage stellen: Was muss ich tun, um ewiges Leben zu erben? Also das würden sie ja überhaupt nicht fragen, wenn es da nicht so eine Verheißung im Alten Testament gäbe und wenn da jemand sagt: Hey, das interessiert mich, da möchte ich dabei sein.
Und die Verheißung auf ewiges Leben treibt Paulus an, weil er weiß, dass Gott nicht lügt. Wir können, und das ist so großartig, also ich glaube, das gehört zu den bombastischsten Dingen meines Lebens, zu wissen: Ich habe einen Gott, der mich nicht anlügt. Ich habe einen Gott, der mir manchmal Dinge sagt, die ich nicht hören will. Ja, ich habe auch einen Gott, der mir manchmal Dinge sagt, die ich nicht verstehe. Ja, gerade wenn ich so alte Propheten höre, denke ich mir manchmal: Worum geht es hier eigentlich? Ja, ich bin noch bei weitem nicht da, dass ich jeden Vers der Bibel verstehen würde. Aber eines weiß ich auch: Ich habe einen Gott, der mich nicht anlügt. Ich kann ihm absolut vertrauen, er hält, was er verspricht.
Und deswegen lohnt es sich für einen Paulus, und es lohnt sich für uns, unser Leben in die Berufung oder für die Berufung einzusetzen, die Gott mir gegeben hat. Das lohnt sich, sei es als Apostel oder sei es jetzt in der Schule, am Arbeitsplatz, im Sportverein, wo auch immer Gott dich hingestellt hat, in deiner Nachbarschaft. Es lohnt sich, für Gott dabei zu sein, weil ein Gott, der nicht lügen kann, versprochen hat, dass wenn du hier fleißig sein Reich baust und nach seiner Gerechtigkeit trachtest, er dich belohnen wird mit ewigem Leben, mit einer Lebensqualität, wie gesagt, die jetzt schon anfängt, wo man jetzt schon ein bisschen was spürt, manchmal, die sich in einer unglaublichen Fülle entfalten wird, dass wir sogar im Blick auf die blödesten Momente dieses Lebens zurückschauen werden und sagen werden: nicht der Rede wert, lass uns nicht darüber reden, wir haben Schöneres. So irre!
Wir werden in der Ewigkeit nicht zurückblicken und sagen: Boah, damals ließ man so schlecht, weißt du noch? Nein, werden wir nicht tun, weil ewiges Leben einfach so eine unglaubliche Qualität hat. Also im Alten Testament wird dieses ewige Leben als Verheißung versprochen, und dann kommt das Neue Testament, Titus 1,3, und da ist es dann zu seiner Zeit aber hat er das Wort, und hier ist jetzt das Evangelium gemeint, offenbart durch die Predigt, die mir nach Befehl unseres Rettergottes anvertraut ist.
Zu seiner Zeit – Gott wusste genau, wann es gut ist, mehr vom ewigen Leben zu sagen. Was da im Alten Testament angedeutet wird, muss ja auch angedeutet sein; Jesus war ja noch nicht gestorben, es war nur ein Versprechen. Das wird dann mit Jesus, das wird mit seinem Tod, das wird mit seiner Auferstehung, mit seiner Himmelfahrt, das wird plötzlich Realität.
Das ist ein bisschen so wie Geburtstag. Du sagst: Ich würde gerne ein Fahrrad haben. Und deine Eltern sagen: Zum Geburtstag kriegst du ein Fahrrad. Und dann ist plötzlich Geburtstag. Und dann steht da ein Fahrrad. Und so ist das hier auch: Im Alten Testament Verheißung, ewiges Leben. Und alle fragen: Wie geht das? Und plötzlich steht da ein Kreuz. Und plötzlich gibt es so eine Pfingstpredigt, und plötzlich gilt, was im Alten Testament vorhergesagt wurde, dass jeder, der den Namen des Herrn, und gemeint ist Jesu, anrufen wird, gerettet werden wird.
Plötzlich ist völlig klar, wie du ewiges Leben kriegst: durch diesen Jesus, durch eine persönliche Beziehung mit diesem Jesus. Und jetzt ist aber auch klar: Wenn das gilt, dann muss das auch jeder hören. Jeder Mensch muss hören, dass es für ihn Rettung, Erlösung, Hoffnung gibt. Jeder muss hören, wie es geht, dass es darum geht, ein Jünger Jesu zu werden, darum geht, auf Jesus zu vertrauen, von Jesus zu lernen, ihm zu gehorchen, für Jesus zu leben.
Und wenn jeder Mensch das hören muss, damit er gerettet wird, dann braucht es Prediger. Und jetzt ist nichts anderes, was hier steht: offenbart durch die Predigt. Paulus ist so ein Prediger. Er hat sich den Dienst nicht ausgesucht, aber Gott hat ihn, und zwar in dem Moment, wo Gott ihm ein Rettergott wurde. Es ist so schön: Gott wird ihm zum Retter. Paulus, dieser Verfolger der Gemeinde, begegnet Jesus, und Jesus sagt nicht: Weißt du was, Freund, du hast so viele meiner Leute platt gemacht, jetzt mache ich dich platt. Das wäre ein Richtergott. Aber Paulus begegnet einem Rettergott, und er bekommt diese Botschaft als einer, der selber diesem Rettergott begegnet ist.
Und wir machen jetzt nicht erst den Timotheusbrief, könnten wir irgendwann auch mal machen. Aber da steht Paulus immer noch davor und sagt: Wie kann das sein, dass Gott mich gerettet hat? Ich bin der Übelste, ja, ich habe am meisten Dreck am Stecken, und trotzdem hat Gott mich gewollt. Und als einer, der das erlebt hat, bekommt Paulus den Auftrag, das Evangelium zu predigen, das Evangelium Gottes aus dem Status so des Verborgenen, des Versprochenen, des Geheimnisvollen hineinzutragen in eine Öffentlichkeit, wo jeder Mensch, der ihm zuhört, plötzlich weiß: Aha, so bekommt man ewiges Leben. Ist doch gar nicht schwer, ich muss nur an Jesus glauben, ja, mit Haut und Haar, verlass dich auf ihn, er hat alles gemacht, häng dich an ihn, er bringt dich durch. Alles andere, der breite Weg geht ins Verderben, aber häng dich an ihn und er bringt dich durch.
Das predigt er. Und das predigt er, und einer, der sich dadurch bekehrt hat, letzter Vers, scheint Titus zu sein.

Gnade und Frieden als lebendige Wirklichkeit

 Titus, Vers 4: meinem echten Kind nach dem gemeinsamen Glauben, Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und von Christus Jesus, unserem Herrn.
Mein echtes Kind nach dem gemeinsamen Glauben. Paulus ist nicht der leibliche Vater von Titus, er ist der geistliche Vater. Und er wünscht ihm hier als geistlicher Vater, als der, der ihm das Evangelium gepredigt hat und der irgendwie mit daran gearbeitet hat, dass Titus sich bekehrt hat, zwei Dinge, nämlich Gnade und Friede von Gott.
Es ist üblich, dass man am Anfang von antiken Briefen zuerst den Absender nennt: Paulus. Dann den Empfänger: Titus. Jetzt wissen wir: Aha, deswegen habe ich das eingangs auch gesagt, der Apostel Paulus schreibt seinem Kollegen Titus. Und dann wünscht man dem Empfänger noch etwas Gutes. Das ist völlig normal, so hat man in der Antike Briefe angefangen.
So wie du heute vielleicht schreibst: oben, wer bin ich, dann kommt das Datum, Betreff und dann mit Freunden, sehr gerne sowieso. Du hast einfach eine Form. Das ist die Form.
Und Paulus wünscht dem Titus zwei Dinge: Gnade und Friede. Meine Sorge bei diesen beiden Begriffen, mit denen wir auch Schluss machen, ist, dass wir die beiden Begriffe zu statisch verstehen. Gnade und Friede. Dass wir das lesen und sagen: Na ja klar, wenn ich mich bekehre, dann bekomme ich Gnade und Friede, oder? Und es stimmt: Herr, mit der Bekehrung bist du begnadigt, und du hast Frieden mit Gott. Beides ist wahr.
Aber wenn Paulus jemandem Gnade und Friede wünscht, dann kann das einfach nicht alles sein. Dann muss es da noch mehr geben. Dann ist dieser statische Blick auf „Ich bin begnadigt, ich habe Frieden mit Gott“ vielleicht zu wenig. Dann sind das vielleicht total dynamische Begriffe.
Darauf möchte ich ganz kurz nur eingehen. Als Begnadigte sind wir dazu berufen, dass wir uns immer wieder begnadigen, oder nehmen wir mal ein deutsches Wort, was leichter zu verstehen ist: beschenken lassen. Gnade kann auch mit Geschenk übersetzt werden. Ein Begnadigter ist ein Beschenkter. Und eigentlich sind wir als Christen dazu berufen, uns jeden Tag neu von Gott beschenken zu lassen.
Deswegen schreibt der Hebräerbrief auch von einem Thron der Gnade, vor dem wir jeden Tag erscheinen dürfen. Also deswegen geht es im Vaterunser auch darum, dass wir unsere täglichen Bitten, das, was jeden Tag ansteht, vor Gott bringen sollen. Und du darfst erleben, wie du das immer wieder tust, dieses „Bittet, und es wird euch gegeben werden, sucht, und ihr werdet finden, klopft an“. Mach das einfach immer wieder. Mach das zu einer Gewohnheit in deinem Leben. Und du wirst merken: Du liegst vor dem Thron der Gnade. Jeden Morgen pflanzt du ihm wieder den neuen Tag hin, und du merkst einfach etwas davon, wie Gott gute Gaben in dein Leben hineinfließen lässt, wie Gott uns wirklich jeden Tag neu beschenken möchte.
Und deswegen dürfen wir einander Gnade wünschen. Ich darf dir wünschen, wenn du heute noch nicht vor dem Thron der Gnade warst, wenn du mit deinen Sorgen und Problemen und Nöten und mit den kleinen Verpflichtungen, die in deinem Leben heute noch anstehen, wirklich: Ich mache das jeden Tag. Wenn ich nur fünf Minuten Zeit habe für den Tag, weil ich vielleicht erst mittags eine längere Gebetsgemeinschaft haben kann, dann haue ich wenigstens schon mal alles, was ansteht, Gott auf den Tisch und sage schon mal: Pupp, Pupp, Pupp, Pupp, Pupp, Pupp, Pupp. Nur damit wir nicht aneinander vorbeireden. Das ist das, was ich für heute brauche.
Und das dürfen wir einander wünschen. Ich darf dir wünschen, dass Gottes Gnade, Gottes dich beschenken wollen, immer mehr in deinem Leben Gestalt gewinnt. Das ist das, was Titus hier gewünscht bekommt.
Und das Gleiche gilt für Frieden. Ja, wir haben Frieden mit Gott. Aber mir scheint, dass sich hinter diesem Begriff hier der jüdische Begriff Schalom tummelt. Man kann Friede verstehen als Gegensatz zu Krieg: Krieg oder Friede. Das ist aber nicht, wenn ich den jüdischen Begriff Friede nehme. Der ist weiter. Und der steht eher so für ein allgemeines Wohlergehen und Wohlbefinden. Und ich glaube, dass das hier gemeint ist. Nicht nur, dass wir uns daran erinnern: Ja, wir haben Frieden mit Gott, schön. Sondern was Paulus hier seinem jungen Kollegen wünscht, und bitteschön, was ich euch auch gerne zusprechen möchte: Das ist ein gesegnetes Leben voller guter Gaben und voller Zufriedenheit. Das ist das, womit Gott uns beschenken möchte. Das ist das, was wir uns wünschen dürfen.
Warum? Weil Gott ein Gott ist, der ein Rettergott ist. Hier heißt es: die wir von Gott, dem Vater, und von Christus Jesus, unserem Retter, bekommen. Gott hat uns gerettet, und Gott will uns retten, jeden Tag. Und er tut das auf eine ganz, ganz praktische Weise, das werden wir noch sehen. Und ich hoffe, dass ihr, auch wenn das ein ganz einfacher Brief werden wird, das war schon der schwierigste Text im Titusbrief, also schwieriger wird das nicht, ab nächstes Mal wird es ganz einfach, ich hoffe, dass Gott uns berühren darf mit seiner Retterliebe und dass etwas von dieser Erfahrung da wächst: Gnade, da wächst Friede oder Wohlbefinden. Immer dann, wenn ich Gott nahe bin, dass etwas davon in unserem Leben Bestand gewinnt.
Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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