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Mit welcher Überzeugung geben wir das Evangelium weiter?

04.02.2020
Serie•Teil 4 / 7Regionalkonferenz Schweiz 2020
Was trägst du bei? Die entscheidende Botschaft ist kein Gefühl, sondern eine historische Hoffnung auf Gott selbst. Und sie braucht Menschen, die sie treu weitergeben – auch wenn nicht alle glauben.

Die Frage nach dem eigenen Beitrag

Ich glaube, es ist gut, uns diese Frage jetzt zu stellen. Irgendwann, am Ende unseres Lebens, wird sie uns gestellt werden: Was war dein Beitrag, diesen Auftrag, den ich euch gegeben habe, meine Zeugen zu sein, auszuführen?
Das ist sozusagen die Perspektive, mit der Lukas hier die Apostelgeschichte schreibt. Das ist die Brille, die er aufhat, während er dieses Buch schreibt, das ja mit dem Titel diese Konferenz überschreibt. Das ist die Brille, durch die er alles filtert, um sich auf 28 Kapitel zu beschränken, von denen wir gerade eben das letzte gehört haben. Und hier am Ende ist offen, wie es weitergeht. Das zeigt uns etwas davon, worum es Lukas wirklich geht.
Die Apostelgeschichte ist nicht einfach nur eine Biografie der ersten großen Helden des Christentums. Da hätten wir uns ein bisschen mehr von erhofft. Wir hätten uns erhofft, dass er ein bisschen mehr darüber schreibt, wo Paulus vielleicht seine Kindheit verbracht hat und vor allen Dingen über diese 14 Jahre in Arabien, die im Galaterbrief erwähnt werden. Auch wie es mit Petrus und den anderen Aposteln und mit den Gemeinden weiterging, aber davon erfahren wir nichts.
Was im Leben von Paulus, Petrus und den Aposteln geschieht, ist für Lukas, den Geschichtsschreiber der jungen Gemeinde, nur insofern relevant, als es zeigt, dass und wie sich das Evangelium ausbreitet. Ich glaube, die Apostel hatten auch ihre Auszeiten, haben mal gegessen, vielleicht sogar Sport gemacht. Soll ja lebensverlängernd wirken. Lukas hält das nicht für uns fest. Alles, was er schreibt, ist das, was relevant ist dafür, wie sich die Botschaft des Evangeliums ausbreitet.
Und für unser Leben ist es gewissermaßen so ähnlich. Gott gibt dir ein bestimmtes Maß an Zeit, an Energie, an Begabung, an Lebensumständen, und es ist gut, das anzunehmen und zu gebrauchen. Es ist gut, etwas damit zu tun, zu lernen und zu erleben. Aber irgendwann kommt die Frage: Was davon, was Gott dir gegeben hat für dein Leben, trägt dazu bei, dass andere von Jesus hören?
Aus dieser Perspektive will ich versuchen, uns zu ermutigen und uns anspornen zu lassen aus diesem letzten Kapitel der Apostelgeschichte. Ich möchte 4 Antworten auf die Frage geben, mit welcher Überzeugung oder mit welcher Motivation wir das Evangelium weitergeben.
Die erste Antwort will ich aus den Versen 11 bis 16 geben. Vielleicht habt ihr euch schon gewundert, warum Eric die gerade noch vorgelesen hat. Die erste Antwort: Es geht um Tatsachen. Das ist der letzte Abschnitt hier noch einmal aus dem maßgeblichen Buch darüber, wie sich das Evangelium ausbreitet. Und diese Verse hier, Verse 11 bis 16, zeigen uns etwas von dem, was für Lukas sehr wichtig ist.
Details: Vers 11: Nach drei Monaten aber fuhren wir ab in einem alexandrinischen Schiff mit dem Zeichen der Dioskuren, das auf der Insel überwintert hatte. So befinden wir uns übrigens auf der Schiffsreise von Paulus in Richtung Rom als Gefangener, wo er dann seinen Fall vor Caesar verhandeln will.
Was bringt mir diese Beschreibung von einem alexandrinischen Schiff mit dem Bug vorne und einer bestimmten Gallionsfigur? Der Kopf der Dioskuren, übrigens sehr bekannt in den antiken Erzählungen, aber wen interessiert’s? Da hätte er wirklich interessante Dinge über Paulus schreiben können und nicht diese Verse darauf verwenden. Welches Schiff wie, außer wie ist das ermutigend für uns?
Schiffe aus Alexandria waren die typischen Transportmittel, um Lebensmittel, Getreide, nach Westen zu bringen, nach Italien. Und der Weg führte über Rom. Ich merke schon, ihr denkt: Großartig, das war mir doch gar nicht klar. Was uns zeigt, ist: Lukas ist ein sehr, sehr gründlicher Historiker. Er zeigt, alles ist genau so passiert, und wenn wir in dieser damaligen Zeit ungefähr gelebt hätten, wüssten wir ja: Das passt. Und genauso geht das weiterhin.
Vers 12: Und als wir in Syrakus gelandet waren, blieben wir drei Tage. Nachvollziehbar, weil Syrakus die Hauptstadt von Sizilien war, da unten bei dem Stiefel von Italien im Römischen Reich. Und das Besondere war: Es hatte zwei Häfen, und es war ein typischer Halteplatz für die Schiffsreisen von Italien.
Vers 13: Von dort fuhren wir in einem Bogen und kamen nach Region. Und da nach einem Tag sich Südwind erhob, kamen wir am zweiten Tag nach Puteoli. Von Sizilien nach Puteoli sind knapp 300 Kilometer. In zwei Tagen ist das ziemlich schnell für die damalige Zeit. Aber wenn dann so ein Südwind aufkommt für ein Segelschiff, dann ist das gut möglich.
Vers 14: Wo wir Brüder fanden und gebeten wurden, sieben Tage bei ihnen zu bleiben, und so kamen wir nach Rom. Dort kamen die Brüder, als sie von uns gehört hatten, uns bis Api Forum und Tres Taberna, übersetzt: drei Wirtshäuser, entgegen. Typische Rastplätze vor Rom, die Cicero schon erwähnt hat und bei denen es übrigens Ausgrabungen gab, vor etwa 20 Jahren. Weitere Details, die uns alle zeigen: Die Ausbreitung der Botschaft von Jesus ist historisch so geschehen, genauso wie der Inhalt der Botschaft von Jesus, die derselbe Lukas schon in seinem ersten Werk, dem Lukasevangelium, genauso genau aufgeschrieben hat.
So ist das nicht einfach nur eine Sage, nicht einfach nur ein Märchen, ein „Es war einmal“ in einem fernen Land, sondern nachvollziehbare Fakten. So wäre das heute passiert. Hätten einige vielleicht erwartet, dass, wenn der Apostel hier irgendwie mit seinem Smartphone herumläuft und überall irgendwelche Selfies von sich macht bei Tres Taberna und dann das hochlädt und alle wissen: Ich war da. Ich glaube, er hätte das nicht gemacht, selbst wenn er heute da gewesen wäre. Aber da könnt ihr anderer Meinung sein.
Der Glaube an die Botschaft, die wir verkündigen, an die Ausbreitung der Botschaft in der Bewegung, in der wir stehen, ist eine geschichtliche Tatsache, die Lukas genauso gründlich aufschreibt. Wenn dir jemals jemand sagt, und mir passiert das immer wieder, dass die Bibel einfach nur Geschichten enthält, die keiner belegen kann, und dass da doch eine ganze Menge einfach so übertragen worden und dazugedichtet worden sei, dann gilt: Keine Chance, nicht bei Lukas. Das ist einer der gründlichsten Geschichtsschreiber, die es überhaupt jemals gab.
Um nur ein paar moralische Ideen zu transportieren, hätte er sich diese Details sparen können. Genau der, der diesen ausführlichen Bericht über die Ausbreitung des Evangeliums geschrieben hat, hat auch den über die Wurzeln unseres Evangeliums geschrieben.
Manchmal passiert es, dass mir jemand in einem Gespräch über den Glauben sagt: Ja, ja, aber mit der Bibel ist das ja nicht so richtig klar, weil sie doch auch ihre Fehler enthält. Was ich dann gerne mache, wenn ich meine Bibel dabei habe, dann hole ich sie raus und sage: Okay, kannst du mir gerade einen zeigen? Nur ein Beispiel. Immer Ruhe, hat noch nie einer mir irgendein Beispiel geschafft.
Aber stattdessen kann ich hingehen und sagen: Schau dir so einen Text an wie Apostelgeschichte 28,11 folgende oder etliche andere Texte drumherum. Kannst du mir das erklären?
Wenn du aufstehst, um intelligenten, gebildeten, kritisch denkenden, aufgeklärten Menschen den christlichen Glauben zu erklären, und das ist hier einfach nur mein erstes Anliegen, dann sei gewiss: Es geht um historische Tatsachen.

Der Blick auf Gottes eigentliche Hoffnung

Aber dann zweitens auch: Sehen wir von Vers 17 an bis Vers 22. Es geht vor allen Dingen um Gott.
Paulus erklärt jetzt, wo er in Rom ist, warum er von den Juden angeklagt ist und warum er sich dann vor Caesar verteidigen will. Und er fasst das zusammen, den Kern seiner Botschaft, wofür er das hier alles durchmacht, in Vers 20:
Aus diesem Grund nun habe ich euch herbeigerufen, euch zu sehen und zu euch zu reden; denn wegen der Hoffnung Israels trage ich diese Kette.
Wer sagt, die Hoffnung Israels ist das, was ich immer predige, was meint er damit? Wo predigt er die Hoffnung Israels? Jetzt wird es, jetzt brauchen wir ein bisschen Konzentration. Aber es ist noch früh am Morgen, alle sind frisch. Die nächsten Minuten kurz durchhalten, und wir gehen durch ein paar Stellen aus der Apostelgeschichte, um das zu sehen.
So, Apostelgeschichte 23, Vers 6: Paulus vor dem Hohen Rat. Im zweiten Teil des Verses sagt er: Ihr Brüder, ich bin ein Pharisäer, ein Sohn von Pharisäern; wegen der Hoffnung und Auferstehung der Toten werde ich gerichtet. Hoffnung, Auferstehung der Toten.
Kapitel 24, Vers 15: Ich habe die Hoffnung zu Gott, die auch diese selbst hegen, das heißt die Juden, die ihn da anklagen, dass eine Auferstehung der Gerechten wie der Ungerechten sein wird.
Kapitel 26, Vers 6 und Vers 8: Jetzt vor Festus und Agrippa. Und nun stehe ich vor Gericht wegen der Hoffnung auf die von Gott an unsere Väter geschehene Verheißung, zu der unser zwölfstämmiges Volk unablässig Tag und Nacht Gott dienend hinzugelangen hofft. Wegen dieser Hoffnung, König, werde ich von den Juden angeklagt. Und welche ist das? Vers 8: Warum wird es bei euch für etwas Unglaubliches gehalten, wenn Gott Tote auferweckt?
So, dreimal vorher in seinen Verteidigungsreden hat er gezeigt: Die Hoffnung, um die es mir geht, die Hoffnung, wegen der ich angeklagt werde, die Hoffnung, die ich predige, wenn ich das Evangelium verkündige, ist die Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten, die Gott seinem Volk Israel immer wieder versprochen hat.
Okay, das ist wesentlich für den Inhalt von Paulus’ evangelistischer Verkündigung. Und was genau ist das jetzt für uns? Bedeutet das, das Wesentliche, was wir weiterzugeben haben, ist die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod? Oder was?
Um das zu beantworten, müssen wir uns fragen: Wo hat Gott den Vätern von Israel die Auferstehung von den Toten versprochen? Lasst mich euch zwei wesentliche Stellen zeigen im Alten Testament, die Paulus im Kopf hat, wenn er so spricht.
Stelle Nummer eins klang gestern Abend schon kurz an: Hesekiel 37,11. So, hier ist die Vision Hesekiels über die Totengebeine, und es heißt: Und er, Gott, sprach zu mir: Menschensohn, diese Gebeine, sie sind das ganze Haus Israel. Siehe, sie sagen: Unsere Gebeine sind vertrocknet, und unsere Hoffnung ist verloren, es ist aus mit uns. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr: Siehe, ich öffne eure Gräber und lasse euch aus euren Gräbern heraufkommen, Auferstehung als mein Volk, und bringe euch ins Land Israel. Und ihr werdet erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne und aus euren Gräbern euch herauskommen lasse, als mein Volk.
So, was hat Gott versprochen, als er Israel die Hoffnung auf die Auferstehung gab, von der Paulus spricht? Leben mit Gott, leben in der Erkenntnis Gottes, leben als Gottes Volk.
Zweite Stelle: Hosea 6,1. Kommt und lasst uns zum Herrn umkehren; denn er hat zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat geschlagen, er wird uns auch verbinden. Er wird uns nach zwei Tagen neu beleben, am dritten Tag uns aufrichten, Auferstehung, dass wir vor seinem Angesicht leben.
Auch hier: Was ist die Hoffnung? Leben vor dem Angesicht Gottes, leben mit Gott.
So, jetzt können wir wieder etwas entspannen. Die Hoffnung, die Paulus verkündigt, die Hoffnung, die wir zu verkündigen haben, ist die Hoffnung auf Gott. Nicht einfach nur auf ein besseres Leben nach diesem Leben, nicht einfach nur die Hoffnung auf ein Leben ohne Leid, nicht einfach nur die Hoffnung auf die Befreiung von Strafe für Sünde, nicht einfach nur die Hoffnung auf Himmel statt Hölle, sondern das Wesentliche, das Schönste, das Wichtigste, was wir den Menschen anzubieten haben, ist Gott selbst.
Es geht zuallererst darum, wie großartig es ist, Gott zu erleben, wie unverschämt es ist, Gott zu ignorieren, wie traurig, wie hoffnungslos es ist, von Gott getrennt zu sein, wie heilig Gott ist und warum er deswegen Sünde richten muss, wie unfassbar Gottes Gnade ist, dennoch Menschen zu vergeben, wie unbegreiflich es ist, dass Gott seinen Sohn unsere Strafe hat tragen lassen, wie wunderbar, wie herrlich es ist, durch Jesus die Hoffnung auf Gott zu bekommen. Wie viel Staunen, wie viel Anbetung Gott verdient, dass er so etwas tut für Menschen wie uns.
Also: Die Botschaft des Evangeliums weiterzugeben heißt zuallererst und vor allen Dingen, die Hoffnung auf Gott weiterzugeben. Und darum heißt dann auch hier wieder in Apostelgeschichte 28,23, dass Paulus ihnen das Reich Gottes auslegte und bezeugte, oder Vers 31, er predigte ihnen das Reich Gottes.
Jetzt, das Problem von Paulus’ Zuhörern war: Die Hoffnung, die Gott für Israel hatte, war nicht die Hoffnung, die die meisten Israeliten hatten. Und das ist so ziemlich das Problem, das unsere Zuhörer in gewisser Weise, einschließlich uns selbst heute, haben. Wir Menschen hören gerne, was Gott für uns tut. Am besten die Dinge, die wir toll finden und auf die wir auch zu Recht und verständlicherweise hoffen. Aber was wir brauchen, ist nicht zuerst, was wir uns von Gott erhoffen, sondern Gott selbst und was er sich erhofft.
Schaut, es ist verständlich, dass wir uns wünschen, dass Gott etwas tut gegen unsere Nöte und unsere Probleme. Und es ist auch ein realer Teil dessen, was wir mit dem Evangelium verkündigen. Aber es ist wichtig, dass wir zuallererst Gottes Perspektive hören, und Gott sagt: Das Hauptproblem hier ist nicht das, was in deinem Leben ist, das Hauptproblem bist du. Dein Leben ist eine ziemliche Zumutung für mich, und du brauchst einen kompletten Neustart, und die gute Nachricht ist, ich werde das erledigen. Das Beste, was ich Gott für dich tun kann, ist, dass du mich wieder klar siehst.
Das ist die wunderbare Hoffnung, die wir für Menschen haben. Aber sie ist eben erst wirklich wunderbar, wenn sie sich nicht zuallererst um uns dreht und darum, was Gott uns bringt, sondern um Gott selbst und was er für uns bedeutet. So, wir haben nicht in allererster Linie eine wunderbare Botschaft für dein Leben, sondern eine wunderbare Botschaft über Gott, und Gott selbst ist dann das Wunderbare und Beste, was uns im Leben passieren kann.
So ist es gut, und es ist wichtig, uns zu fragen und zu überlegen, was Menschen denken in unserer Zeit heute, was sie brauchen, was sie empfinden, wenn wir uns darauf vorbereiten, zu evangelisieren oder evangelistisch zu predigen. Aber wenn wir nicht über dieses Level hinauskommen, was die Menschen empfinden und erwarten, dann ist es möglich, dass durch unsere gut gemeinten Bemühungen Menschen zu einem Glauben kommen, in dem sie Jesus lieben für das, was er für sie tun kann, aber nicht dafür, wer er ist. Und es ist eine Tragödie, wenn Menschen nur so über Gott denken.
So, noch einmal: Die Hoffnung, das Evangelium zu verkündigen, heißt, die Hoffnung auf Gott zu verkündigen. Und es mag sein, dass es nicht das ist, was die Menschen, mit denen wir sprechen, sich zuerst erwünschen. Es mag sein, dass sie dir Vorwürfe machen, so wie sie Paulus Vorwürfe gemacht haben. Aber wenn du dich darauf vorbereitest, das Evangelium weiterzugeben, dann lass dich nicht von dieser zweiten Überzeugung abbringen. Es geht vor allem um Gott.
Und wir brauchen diese Priorität auch, um den dritten Punkt einzuordnen. Ab Vers 23, und das klingt jetzt erst mal etwas herausfordernd: Es geht nicht nur um Bekehrungen. Paulus versucht mit der Bibel, Menschen von Jesus zu überzeugen, Vers 23, von morgens bis abends. Und dann in Vers 24 heißt es, einige wurden überzeugt von dem, was gesagt wurde, und andere glaubten nicht.
Jetzt, wie ging Paulus damit um, dass etliche nicht glaubten? Ab Vers 25 ein Zitat aus Jesaja 6: Als sie aber unter sich uneins waren, ging er weg, als Paulus ein Wort sprach: Trefflich hat der Heilige Geist durch Jesaja, den Propheten, zu euren Vätern geredet und gesagt: Geh hin zu diesem Volk und sprich: Hören werdet ihr hören und nicht verstehen, und sehen werdet ihr sehen und nicht wahrnehmen. Denn das Herz dieses Volkes ist dick geworden, und mit den Ohren haben sie schwer gehört, und ihre Augen haben sie verschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile. So sei euch nun kund, dass dieses Heil Gottes den Nationen gesandt ist; sie werden auch hören.
Einfühlsam, dieses Zitat hier anzuführen. Was er sagt: Es ist unfassbar, ihr reißt eure Augen auf und seht nichts, ihr hört angespannt zu und ihr versteht kein Wort. Und Paulus versteht: Das, was hier vor sich geht, wenn Menschen nicht glauben, ist Gottes Angelegenheit. Das ist, was er sagt, indem er dieses Wort von Jesaja zitiert, wo Gott ihm genau das gesagt hat.
Und Paulus, was tut er? Ich halte mich an Gottes Plan, was in seinem Fall heißt: Ich wende mich verstärkt den Heiden zu.
Jetzt, das war hier sicher eine heilsgeschichtlich besondere Situation, und doch das Phänomen, was wir hier vor Augen haben, ist doch eigentlich an sich das Gleiche, was wir immer wieder erleben, wenn es um Evangelisation geht. Manche Menschen glauben einfach nicht. Einige glauben, andere nicht. Sie lehnen es ab. Und die Frage ist doch für uns: Wie gehen wir damit um?
So lasst mich euch zwei praktische Reaktionen zeigen von zwei anderen Stellen, an denen Paulus über so eine Erfahrung schreibt, dass Menschen, denen er das Evangelium bringt, es ablehnen.
Reaktion Nummer eins: Ermutigung. Schlagt gerne mit mir auf 2. Korinther 2. Hier ist der Zusammenhang: Paulus berichtet, als ich zur Verkündigung des Evangeliums Christi nach Troas kam und mir eine Tür geöffnet wurde im Herrn. So, er ist evangelistisch tätig. Und dann ab Vers 15 schreibt er über seinen evangelistischen Dienst.
Ab Vers 14: Gott aber sei Dank, der uns allezeit im Triumphzug umherführt in Christus und den Geruch seiner Erkenntnis an jedem Ort durch uns offenbart; denn wir sind ein Wohlgeruch Christi für Gott unter denen, die gerettet werden, und unter denen, die verlorengehen, den einen ein Geruch vom Tod zum Tode, den anderen aber ein Geruch vom Leben zum Leben.
Diese Verse sind für mich vielleicht die schwerwiegendsten Aussagen der Bibel über Evangelisation. Er sagt: Mein Dienst als Evangelist ist für Gott ein Wohlgeruch. Es ehrt Gott, es verherrlicht Gott, sowohl wenn Menschen glauben als auch wenn Menschen nicht glauben. Sowohl wenn Menschen das Evangelium hören und Buße tun, umzukehren, weil sie die Herrlichkeit Gottes erkennen und ihn anbeten, als auch nicht nur wenn das passiert, sondern auch wenn Menschen die Wahrheit des Evangeliums hören und ihre Herzen verhärten und sagen: Nein.
Die oberste Motivation bei der Verbreitung des Evangeliums ist nicht, dass sich möglichst viele bekehren. So sehr wir uns das wünschen, so sehr wir zu Recht genau darum ringen, die oberste Motivation ist, dass das Evangelium treu verkündigt wird, dass Gott wahrhaftig gemäß seiner Offenbarung dargestellt wird.
Paulus misst seinen Erfolg hier nicht an der Reaktion seiner Zuhörer. Wie viele haben die Hand gehoben, wie viele sind nach vorne gekommen, wie viele haben sich bekehrt oder eine Karte ausgefüllt, wie viele glauben? Das ist nicht, woran er seinen Erfolg misst. Er misst seinen Erfolg daran, ob er Gott richtig dargestellt hat und Gott durch diese Darstellung geehrt wird, wenn Menschen daraufhin glauben und wenn Menschen daraufhin nicht glauben.
Gott wird nicht dadurch geehrt, wie Menschen auf deine evangelistische Bemühung, auf dein Zeugnis, auf deine Bibelarbeit, auf deine Predigt, auf dein Gespräch reagieren, sondern wie er dadurch dargestellt wird. Wenn er großartig aussieht, wenn du ihn großartig aussehen lässt – ihr erinnert euch an gestern: Gott verherrlichen als den ersten grundlegenden Punkt bei der Erklärung des Evangeliums – dann ist das ein Wohlgeruch für ihn, unabhängig davon, wie die Menschen darauf reagieren.
Dieser Text ist eine immense Ermutigung für das Thema Evangelisation. Vor einigen Jahren war ich für eine Zeit in Westafrika und verbrachte dort Zeit mit Missionaren, mehrere Monate, die unter einer unerreichten Volksgruppe dort in dem Gebiet der Sahara arbeiteten. Sehr harte Bedingungen. 30 Jahre ihres Lebens haben sie dort investiert, waren übrigens Schweizer, vielleicht haben sie deswegen so lange ausgehalten. 30 Jahre ihres Lebens an einen der unwirklichsten Orte der Welt investiert, um eine unerreichte Volksgruppe mit dem Evangelium zu erreichen. Und ich komme dorthin, junger Mann, und nichts ist passiert. Kaum jemand ist zum Glauben gekommen, nicht mal eine wirkliche Gemeinde entstanden unter den drei, vier Gläubigen, die da in hunderten Kilometern Entfernung irgendwo gerade mal existierten.
Und ich bin dort zwei, drei Tage, und die Gruppe von Missionaren fragt mich: Okay, könntest du bitte gleich unser Team treffen? Könntest du dann eine Bibelandacht halten? Ich denke: Ja, was sage ich ihnen jetzt? Und sie sind durchgeschwitzt, sie sind ermüdet. Es ist nicht irgendwie diese Hochglanzvorstellung davon, wie Mission aussieht, wenn man 30 Jahre in der Subsahara zugebracht hat und nicht wirklich in seinen Rundbriefen schreiben kann, dass hier Hunderte zum Glauben gekommen sind. Und ich schlage diese Stelle auf, um zu zeigen: Gott wird geehrt, wenn du 30 Jahre deines Lebens in der Sahara verbringst, aus menschlicher Sicht vergeudest, um Menschen das Evangelium zu verkünden, und keine Gemeinde entsteht und kaum jemand, vielleicht gar keiner, zum Glauben kommt.
Das hat im Übrigen auch maßgeblich Einfluss auf die Methoden, die wir verwenden, wenn wir evangelisieren. Vertrauen wir vor allen Dingen auf die Bibel und darauf, Gott aus seiner eigenen Offenbarung treu und richtig darzustellen, oder wie viel an anderen, teilweise ja auch berechtigten, aber manchmal schnell die Überhand einnehmenden Randerscheinungen und Gestaltungsfaktoren und Mitteln sind wichtig, um zu dem obersten Ziel zu gelangen? Das entscheidet sich daran, was unser oberstes Ziel ist.
Es ist unheimlich ermutigend, davon überzeugt zu sein, dass wenn du anderen von Jesus erzählst, es nicht deine Verantwortung ist, ob und wie viele Menschen sich bekehren. Vielleicht, wahrscheinlich wirst du häufig erfahren wie Paulus: Sie wollen nicht hören. Unsere Verantwortung ist nicht das Ergebnis, unsere Verantwortung ist unsere Treue, das Ergebnis ist Gottes Verantwortung. Unsere Verantwortung ist der Input, der Output ist Gottes Verantwortung.

Schmerz und Treue im Umgang mit Ablehnung

Aber schaut, dass jetzt ein grosser Teil hier nach Gottes Vorsehung offensichtlich nicht mit Glauben reagiert, ist keine theologische Wahrheit, mit der Paulus jetzt ganz kalt umgeht. Das ist die zweite praktische Umgangsweise, die ich euch von dieser Begebenheit hier zeigen sollte, neben der Ermutigung auch die Erschütterung.
Paulus’ Ziel ist ja auch, dass sich möglichst viele bekehren, genauso wie unseres. Wir wünschen uns doch, dass Menschen aus der Misere ihres Lebens zu Freude an Gott kommen. Aber man könnte ja meinen, wenn man Paulus hier in Apostelgeschichte 28, Vers 25 so reden hört, als sei er hier so der eiskalte Systematiker, der das einfach abrechnet und sagt: „Na ja, seht ihr selbst schuld!“
Schaut, er benutzt so ähnliche Worte wie hier an einer anderen Stelle im Römerbrief, Kapitel 11, Verse 7 und 8: Was nun? Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt, aber die Auswahl hat es erlangt; die übrigen sind verstockt worden, wie geschrieben steht: Gott hat ihnen einen Geist der Schlafsucht gegeben, Augen, um nicht zu sehen, und Ohren, um nicht zu hören, bis auf den heutigen Tag.
Dieser Abschnitt hier in Römer 11 ist Teil von dem grösseren Abschnitt aus Römer 9 bis 11, von dem wir gestern Abend von Felix Eschlimann so eindrücklich gehört haben. Und am Anfang von diesem grösseren Abschnitt, Römer 9 bis 11, da gibt uns Paulus Einblick in seine Gefühle über diejenigen, die hier das Evangelium ablehnen. Römer 9, ab Vers 1: Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wobei mein Gewissen mir Zeugnis gibt im Heiligen Geist, dass ich grosse Traurigkeit habe und unaufhörlichen Schmerz in meinem Herzen. Denn ich selbst habe gewünscht, verflucht zu sein, von Christus weg, für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch, die Israeliten sind.
So sieht Paulus sich um, und er sieht um sich herum Dutzende und Hunderte und Tausende, die so sind wie er. Aber nur wenige verstehen, nur wenige sehen, nur wenige glauben an das Evangelium von Jesus. Und er weiss selber nicht warum. Warum bin ausgerechnet ich dabei? Vor ihm hier in Apostelgeschichte 28, während er das sagt, da stehen seine Freunde, seine Angehörigen, seine Kollegen. Und er weiss genau: Vor kurzem habe ich genauso gedacht wie sie, genauso gelebt wie sie, war genauso verhärtet, hatte genau dieselbe Reaktion, bis plötzlich einfach so Gott mich überwunden hat und sie nicht.
So was ihn umtreibt, was uns umtreiben muss, ist die Frage: Warum ich? Warum ausgerechnet ich? Von all den Tausenden verloren um mich herum, von all den Tausenden von Sündern, von denen ich selber der grösste bin, was ist mit ihm? Was ist mit ihr?
Paulus schaut ihnen in die Augen, während er das hier schreibt, während er das sagt: Warum glaubst du nicht? Was muss geschehen, damit du glaubst? Was muss geschehen, damit du endlich umkehrst? Was, was, was?
Geschwister, die Überzeugung von der absoluten Souveränität Gottes über die Herzen aller Menschen, zu denen er uns sendet, um ihnen Jesus zu bezeugen, unabhängig davon, wie sie reagieren, diese Überzeugung bewirkt, wenn wir sie wirklich begriffen haben, eine grosse Last und Traurigkeit und Schmerz in unseren Herzen für diejenigen, die verloren sind. So können und sollten und dürfen wir niemals die Freude über die unfassbare Gnade Gottes trennen von der tiefen, tiefen, schmerz erfüllten Hingabe an diejenigen, die sie noch nicht erfahren haben.
Und diese Hingabe wird hier dann auch sehr sichtbar in Apostelgeschichte 28 noch einmal, Vers 23: Er suchte sie zu überzeugen von Jesus, sowohl aus dem Gesetz des Mose als auch den Propheten, von frühmorgens bis abends. Ich weiss nicht, wie Gott entscheidet, ich weiss nicht, wie Gott handelt. Ich werde mich von morgens bis abends einsetzen, um dieses Evangelium zu erklären.
Vers 30: Nachdem die Juden schon abgelehnt hatten, wie schon so oft vorher im Verlauf der Apostelgeschichte, blieb er dennoch zwei ganze Jahre in seiner eigenen Mietwohnung und nahm alle auf, das heisst Juden und Heiden, die zu ihm kamen. Und er predigte das Reich Gottes und lehrte die Dinge, die den Herrn Jesus Christus betreffen, mit Freimütigkeit, ungehindert.

Der Auftrag bleibt offen und fordert Menschen

Wenn diese Dimension, diese Einstellung uns betrifft, dann sind wir bereit, auch mit diesen letzten Versen hier für den letzten Punkt, Vers 30 und 31: Es geht nicht ohne dich.
Wenn ich das so formuliere, dann soll es sich einigermaßen schön parallel anhören zu den anderen drei Punkten. Nicht, um zu sagen, dass Gott dich unbedingt braucht und total auf deine Begabung angewiesen ist, sondern weil er beschlossen hat, das Evangelium durch Menschen zu Menschen zu bringen.
Und das ist offensichtlich ein Grund, warum die Apostelgeschichte hier so offen endet: weil die Botschaft von Jesus weiterverbreitet werden muss. Der Auftrag aus 1. Kapitel 1, Vers 8, „Ihr werdet meine Zeugen sein bis an das Ende der Welt“, ist noch nicht abgeschlossen. Es geht weiter. Und es geht nicht einfach so von selbst weiter, sondern durch diejenigen, die sich von Gott dazu gebrauchen lassen. Denn Gott hat bestimmt, sein Evangelium durch Menschen zu verbreiten.
Wie Ian Bounds es gesagt hat: Menschen sind Gottes Methode.
Die Welt, die Jesus nicht kennt, braucht nicht vor allen Dingen neue Methoden zur Evangelisation, so gut und berechtigt es ist, darüber nachzudenken, wie wir in unserer Zeit und Umgebung das Evangelium gut vermitteln. Aber sie braucht vor allen Dingen Männer und Frauen, die Gott gut kennen, die seinem Weg und seinem Wort vertrauen, die von seiner Leidenschaft für die Verlorenen angetrieben sind und die bereit sind, ihr Leben dafür zu investieren, dass andere die Botschaft des Evangeliums hören.
Jesus selbst, niemand geringerer als er, ist uns auf diesem Weg vorausgegangen. Er kam voller Überzeugung in diese Welt. Er hat sein Leben gegeben, damit das Evangelium die gute Nachricht für dich und für mich wird. Vertrauen wir ihm, wenn er uns jetzt sendet.
Eines Tages werden wir die komplette Geschichte kennen. Die Apostelgeschichte 1 bis 28 ist nur der Anfang, und diese Konferenz hier nur ein winziger Ausschnitt. Aber es wird die Frage im Raum stehen: Ist dein Leben ein Teil davon gewesen? Steht die Frage hier und heute im Raum, wird dein Leben in irgendeiner Weise dazu beitragen?
Wenn Gott in seiner Gnade uns dazu ermutigt und befähigt, vielleicht auch durch diese Konferenz seine Zeugen zu sein, dann denke daran: Es geht um Tatsachen, es geht um Gott, es geht nicht nur um Bekehrungen, und es geht nicht ohne dich.
Beten wir zusammen.
Herr, ich bitte dich, so wie wir hier zusammen sind, für uns, für die Gemeinden, in die wir wieder zurückgehen: Motiviere, befähige, sende du Arbeiter in deine Ernte! Amen.