Anliegen und Einführung
Ich brauche Zeit für andere Projekte und habe deshalb für euch eine aktuelle Predigt. Theologie, die dich im Glauben wachsen lässt, Nachfolge praktisch — dein geistlicher Impuls für den Tag.
Mein Name ist Jürgen Fischer, und in meiner Predigt geht es um den zweiten Teil des Vaterunser. Ich möchte jetzt den letzten Block mit euch anschauen.
Wenn es hier heißt „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns von dem Bösen.“, damit endet das Vaterunser, müssen wir uns die Frage stellen, was der Herr Jesus eigentlich meint, wenn er sagt „Und führe uns nicht in Versuchung.“
Der Punkt ist der, dass „Und führe uns nicht in Versuchung“ sprachlich mehrfach herausfordernd ist, weil der Begriff Versuchung in der Bibel unterschiedliche Bedeutungen haben kann.
Im Wesentlichen hat der Begriff „Versuchung“ drei Bedeutungen, also das Wort Versuchung, das im Griechischen im Original steht.
Dreifache Bedeutungsrichtung des Begriffs
Zum einen kann es um Verführung zur Sünde gehen. Das können unsere Lust, die in uns steckt, oder der Teufel sein. Sie versuchen uns; das heißt, sie wollen uns dazu bringen, zu sündigen. Versuchung kann also Verführung zur Sünde bedeuten.
Dann kommt hinzu, dass dasselbe Wort auch die Prüfung des Glaubens durch Gott bezeichnen kann. Das erscheint merkwürdig. Wenn man das zum ersten Mal hört, denkt man: Das sind doch zwei ganz unterschiedliche Dinge — ob ich zur Sünde verführt werde oder ob Gott meinen Glauben prüft. Das stimmt: Es sind zwei verschiedene Sachverhalte, die dasselbe Wort tragen. Betrachtet man das Wort genauer, hat es unterschiedliche Bedeutungen.
Und der Begriff Versuchung hat sogar noch eine dritte Bedeutung. In 2. Petrus 2,9 geht es um Lot, der in Sodom wohnte: „Der Herr weiß die Gottesfürchtigen aus der Versuchung zu retten, die Ungerechten aber aufzubewahren für den Tag des Gerichts, wenn sie bestraft werden.“
Die Versuchung bei Lot in Sodom meint, dass man sich eine Lebensumgebung geschaffen hat, die geistliche Probleme fördert. Man hat sich also in eine Situation manövriert, in der man in Gefahr ist, weil man unkluge Entscheidungen getroffen hat. Man hat sich das Leben selbst schwer gemacht. Lot in Sodom war einfach nicht klug. Und das nennt die Bibel auch Versuchung.
Zusammengefasst kann „Versuchung“ Verführung zur Sünde sein, die Prüfung des Glaubens oder Lebensumstände, die geistliche Probleme begünstigen und einem nicht guttun.
Auflösung und rhetorische Einordnung
Das ist das eine, was wir verstehen, und ich möchte schon die Auflösung geben. Es ist hierbei „Führe uns nicht in Versuchung“ der dritte Punkt. Das sollte man sich merken, weil ich gesagt habe, es gibt zwei Probleme.
Wir haben es hier nämlich mit etwas zu tun, das ich genieße: einer schönen rhetorischen Struktur. Das Fremdwort des Tages lautet Litotes. Vielleicht kann man es sich nicht merken, aber es ist gut, es zu kennen.
Die Litotes ist ein rhetorischer Kniff, den jeder verwendet; vielleicht wusste man bisher nicht, dass das eine Litotes ist. Bei einer Litotes bejaht man etwas, indem man dessen Gegenteil verneint. Man will also etwas positiv aussagen, formuliert dies aber durch die Negation des Gegenteils. Für alle, die keine Lust auf Grammatik haben: ein Beispiel.
Die Apostel könnten sagen: „Ich muss darüber reden.“ Stattdessen formulieren sie: „Denn es ist uns unmöglich, von dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht zu reden.“ Das heißt: Anstatt zu sagen „Ich muss davon reden“, verneint man das Gegenteil — man sagt, es ist unmöglich, nicht davonzureden.
Warum sollte man das so kompliziert formulieren? Nun ja, in der Rhetorik möchte man immer Aufmerksamkeit erzeugen und Betonungen setzen. Durch eine Litotes setzt man eine besondere Betonung. Diese Figur begegnet uns überall in der Bibel.
Ein schönes Beispiel findet sich in Psalm 71,9: „Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters; beim Schwinden meiner Kraft verlass mich nicht.“ Der negative Begriff ist hier die Verneinung „verwirf mich nicht zur Zeit des Alters“. Die Frage lautet: Was bringe ich damit zum Ausdruck? Behaupte ich damit, dass Gott normalerweise die Alten verwirft, dass er einen verlässt, wenn die Kraft schwindet, und dass man ausnahmsweise beten muss, damit er in meinem Fall bleibt?
Die Antwort lautet: Nein. Das ist eine Litotes. Ich will durch die Verneinung eines negativen Begriffs das Gegenteil betonen. „Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters“ meint nicht, dass Gott jemand ist, der das täte. Vielmehr drückt die Formulierung aus: Gott, bleib mir im Alter besonders nahe. Steh mir mit deiner Kraft bei, wenn meine körperlichen Kräfte schwinden.
Es ist also ein betonter Wunsch: „Gott, bleib mir im Alter ganz nahe.“ Allerdings wird das auf diese ungewohnte Weise ausgedrückt — „Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters“ — als wäre Gott jemand, der das tun könnte, was man ja nicht annimmt. Genau das will man nicht sagen. Vielmehr will man durch diese Formulierung eindringlich ausdrücken: Gott, jetzt brauche ich dich richtig, denn jetzt werden die Kräfte sehr schwach.
Und jetzt übertragen wir das auf „Führe uns nicht in Versuchung“ und fassen das zusammen.
Bitte um göttliche Führung statt in Gefahr geraten
Versuchungen sind Lebensumstände wie Lot in Sodom, die dazu beitragen, dass mein Leben mit Gott extra schwierig wird.
„Führe uns nicht in Versuchung“ — diese Bitte ist eine Verneinung. Versuchung ist der negative Begriff: dumme Entscheidungen, schwierige Lebensumstände. Ich bringe damit nicht zum Ausdruck, dass Gott normalerweise jemand ist, der mich in Versuchung führt und mein Leben misslingen lässt, und ausnahmsweise nicht, wenn ich mal bete. Vielmehr sage ich zu Gott: Ich brauche dich, ich brauche dich in meinem Leben, ich brauche deine Weisheit. Ich weiß, dass ich ohne deine Weisheit ins Unglück rennen könnte. Bitte führe mich hundertprozentig den richtigen Weg. Darum geht es: „Führe uns nicht in Versuchung“ ist die betonte Beschreibung von „führe mich bitte hundertprozentig den richtigen Weg“.
Wir treffen im Leben auf das Problem, dass wir ein Leben leben müssen, obwohl wir nicht alle Fakten haben und die Zukunft nicht kennen. Wir müssen Entscheidungen in Situationen treffen, die uns ein Stück weit fremd, undurchsichtig und merkwürdig erscheinen. Draußen entwickelt sich etwas, und ich muss da irgendwie mitleben, obwohl ich gar nicht weiß, wie es weitergeht.
In diese Situation hineingeworfen, in der ich das Leben nicht durchschaue, weil es einfach zu kompliziert ist, bietet mir Gott an, im Gebet noch einmal zu sagen: Vater im Himmel, ich brauche deine Weisheit. Schau, dies und das steht gerade an an Entscheidungen.
Auf der Folie steht: Manchmal sieht Sodom einfach verflixt gut aus. Wenn du Lot gefragt hättest: „Lot, sag mal, warum bist du nach Sodom gezogen?“, hätte er gute Gründe genannt, der Stadt das Land vorzuziehen. Er hätte erklärt, warum es klug ist, in der Stadt zu wohnen, warum es dort vielleicht bessere Schulen gibt, warum es eine Stadtmauer gibt und warum es viel leichter ist, Handelsbeziehungen zu pflegen und Geschäfte zu machen. Es gibt Gründe für Sodom.
Und trotzdem ist Sodom falsch und macht dich und deine Familie kaputt. Deswegen die Bitte um Weisheit.
Formen der Weisheit und praktische Wege zur Klugheit
Wer wissen will, was Weisheit ist, erkennt: Weisheit ist die Fähigkeit, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen. Weisheit bedeutet, kluge Entscheidungen zu treffen, weil man die Realität so sieht, wie sie wirklich ist.
Beim Blick in die Bibel zeigt sich, dass es vier Formen von Weisheit gibt; drei davon sind schlecht. Man unterscheidet irdische, sinnliche, dämonische und von oben kommende Weisheit.
Irdische Weisheit ist die Weisheit des Zeitgeistes. Das ist das, was in Zeitungen und in den sozialen Medien verkauft wird, das, was alle für richtig halten – selbst wenn es schon hundertmal widerlegt ist und sich in der Geschichte noch nie bewährt hat. Ein Beispiel wäre die Auffassung, Krieg führen sei eine kluge Idee. Das ist irdische Weisheit, und man kann schnell darauf hereinfallen.
Sinnliche Weisheit hängt mit Hormonen und der in uns liegenden Lust zusammen. Die Maxime lautet dann: Es muss richtig sein, wenn ich mich gut dabei fühle. Manchmal trifft das zu, manchmal aber auch nicht. Deshalb ist es gefährlich, sich einzig danach zu richten, wie man sich bei einer Sache fühlt.
Dämonische Weisheit meint, dass der Teufel auf Gesellschaften und Menschen einwirkt und ihnen Lügen verkauft, damit sie zugrunde gehen. Auch das kann jedem passieren. Ein Beispiel ist Petrus: Jesus sprach zu ihm die Worte «Tritt hinter mich, Satan», weil das, was Petrus dachte, nicht von Gott kam.
Die Weisheit von oben ist diejenige, um die es eigentlich geht. Sie ist die Weisheit, um die im Vaterunser gebeten wird, und jene, die im Alltag gebraucht wird. Sie beginnt mit der Furcht Gottes: dass man Gott im Leben Gott sein lässt, daran glaubt, dass es einen Gott gibt, und sich ihm unterstellt.
Weiterhin gehört das Studium der Bibel dazu. Deshalb sollte man die Sprüche studieren und das Buch Prediger lesen; letzteres gilt als eines der intelligentesten Bücher der Bibel. Wer sagt, er sei nicht der Studientyp, dem stehen Predigten im Netz zur Verfügung — es gibt zahlreiche Auslegungen. Die Evangelien verdienen ebenfalls Aufmerksamkeit, um zu sehen, was Jesus gesagt hat.
Im Jakobus heißt es: Wenn Weisheit mangelt, soll man Gott darum bitten. Diese Bitte braucht man täglich. Man ist jeden Tag nicht schlau genug für das eigene Leben. Das gilt besonders, weil in Deutschland manchmal ein kleiner Hochmut herrscht und die Annahme, alles besser zu wissen. Diese Haltung sollte relativiert werden.
Deshalb ist es sinnvoll, am Ende des Tages zu beten: „Herr, führe mich nicht in Versuchung; Herr, zeig mir hundertprozentig den richtigen Weg.“ An vielen Stellen stehen Entscheidungen an. Man könnte sie so und so treffen, aber ehrlich gesagt besteht die Befürchtung, dass eine getroffene Entscheidung falsch sein könnte.
Praktische Fragen, Gebetsaufruf und Abschlusssegen
Was könntest du jetzt tun? Denke darüber nach, welche Aspekte der Predigt für dich herausfordernd waren. Gibt es Dinge oder Einstellungen, die du ändern musst?
Das war es für heute. Bete für die Geschwister deiner Gemeinde, dass sie die Bedeutung des Gebets erkennen und ihr Gebetsleben an Tiefe gewinnt.
Der Herr segne dich. Erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.